D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. 30.
Band. Zweite Abteilung
Weimar
Hermann Böhlaus Nachfolger 1909
[Seite iii]
Die Schriften der Jahre 1529 und 1530
bilden für die Herausgabe noch einmal eine besonders schwierige Etappe. Zu der
großen Anzahl der Stücke kommt eine Überlieferung, die auch vielfach die
Handschriften-Originale bietet, und dies teilweise in einer von der gedruckten
so abweichenden Form, dass eine Parallelwiedergabe nicht möglich war, wie z. B.
bei der Schrift ‘Von den Schlüsseln’, oder der handschriftliche Teil verlangte,
wie es bei der ‘Vermahnung’ geschehen ist, eine besondere Untersuchung für
sich, oder es galt, eine Reihe zum Teil verstreuter Bruchstücke erneut richtig
zu bestimmen und den verschiedenen Schriften zuzuweisen, wie es Koffmane bei
den Stücken ‘De iustificatione’, ‘De potestate leges ferendi’ &c.. scharfsichtig
getan hat. Auch der bibliographische Teil bot infolge einer vielfach
komplizierten Druckgeschichte mannigfache Schwierigkeiten. Viele Hände mussten
tätig sein, um diesen Band unter Dach zu bringen, sie mussten auch gelegentlich
ineinander arbeiten, so daß die Grenzen der einzelnen Tätigkeit manchmal etwas
gegeneinander zerfließen.
Die hier vorliegende zweite Abteilung
der Schriften der Jahre 1529/30 erscheint vor der ersten, welche u. a. die
Katechismen und die an das Marburger Religionsgespräch sich anschließenden Publikationen
bringen soll, weil grade jetzt im 30. Band der Zeitschrift für
Kirchengeschichte erschienene einschneidende Forschungen H. von Schuberts über
die Schwabacher und Marburger Artikel usw. noch mitverwertet werden sollten.
Die erste Schrift des vorliegenden Bandes, ‘Von heimlichen und gestohlenen
Briefen’, gehört dem Streit Luthers mit dem Herzog Georg von Sachsen an. Die
Arbeit der Herausgabe ist — ebenso wie bei den Schriften ‘Vom Kriege wider die
Türken’ und
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‘Heerpredigt wider den Türken’ — so
zwischen F. Cohrs und A. Goetze verteilt, daß die Einleitung in jedem Falle von
Cohrs, das Übrige einschließlich der Bibliographie von Goetze herrührt (vgl.
auch Nachträge S. 711), nur gelegentlich (S. 20 ff.) hat hier J. Luther
bibliographisch beigesteuert. Bei den folgenden drei Schriften, der ‘Vorrede zu
Justus Menius’ Oeconomia christiana’, der ‘Vorrede zu Melanchthons Auslegung
des Kolosserbriefes, deutsch von J. Jonas’ und der ‘Vorrede zu Venatorius’
Tröstlicher Unterricht für den sterbenden Menschen’ stammen die historischen
Einleitungen und die Texte, ebenso Vorarbeiten zur Bibliographie und zu den
Lesarten von O. Albrecht, die weitere Bearbeitung der Bibliographie von A.
Goetze her, dieser hat zugleich die germanistische Bearbeitung der Vorreden zum
Kolosserbrief und zu Venatorius besorgt, während die germanistische Bearbeitung
der Oeconomia von O. Brenner geliefert ist.
Die folgenden Schriften sind zunächst
sämtlich von O. Clemen bearbeitet, die Bibliographien rühren von J. her, den O.
Clemen, ebenso wie bei der ‘Vermanung’ O. Brenner, gelegentlich unterstützte.
O. Brenner hat dann auch den germanistischen Verarbeitungen wiederum seine
bewährte Kraft geliehen und im übrigen durch den Band hindurch die Texte seiner
Durchsicht unterzogen; bei den ‘Schlüsseln’ rührt von ihm auch der gesamte Text
her, während O. Clemen die Einleitung und einen Teil der sprachlichen
Anmerkungen verfaßt, sowie die Korrektur des handschriftlichen Teiles nach dem
Originale an Ort und Stelle in Nürnberg (die dortige Stadtbibliothek versendet
Lutherhandschriften leider nicht mehr) gelesen hat. Die Herausgabe des
‘Sendbriefs vom Dolmetschen’ verdanken wir Oberlehrer Lic. F.
Herrmann-Darmstadt, welcher somit zum ersten Male in die Reihen der Mitarbeiter
an der Lutherausgabe eintritt; die Bibliographie stammt auch hier von J.
Luther. Einer Reihe von Entwürfen Luthers, deren Einzelbedeutung Berbig bei
seiner Veröffentlichung nicht voll erkannt hat, wies Koffmane ihre richtigen
und wichtigen Plätze zu (De iustificatione &c..); hierbei hat Clemen die
Berbigschen Abdrucke nach der Handschrift neu verglichen, einiges von Koffmane
Bezeichnete neu abgeschrieben und dann noch bei der Herausgabe der ‘Sprüche,
mit denen sich Luther getröstet’, deren eigentlichen Charakter als einer
Kompilation aus Luthers Briefen bis ins einzelne nachgewiesen.
Nicht in diesem Bande aufgenommen sind
die ‘vier öffentlichen Notbriefe’ in Sachen des Hornungschen Ehezwistes; denn
wenn auch Luther mit der Drucklegung dieser Briefe die Sache an die
Öffentlichkeit brachte, so sind die Briefe dennoch um des mehr persönlichen
Anstriches der ganzen Angelegenheit willen und darum, weil die ‘öffentlichen’
Briefe schlecht von der andern
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privaten Korrespondenz in dieser Sache
zu trennen sind, zur Herausgabe unter die ‘Briefe’ verwiesen worden. Dann
beschäftigte sich Luther 1530 auf der Coburg neben dem Psalter und den
Propheten eine Zeitlang mit Vorliebe auch mit den Fabeln Esopi. Da er aber
diese Arbeit wieder liegen ließ und 1538 noch einmal an sie heranging —
freilich wieder ohne abzuschließen —, erschien es mißlich, die hierher
gehörigen Arbeiten Luthers auseinanderzureißen, und so soll die Arbeit an den
Äsopischen Fabeln erst in dem Bande der Schriften 1538 im Zusammenhange
gewürdigt werden. Die Psalmenbearbeitungen jener ganzen Jahre werden in einem
gesonderten Bande gegeben. Die Ratschläge (z. B. vom
Eine kurze Bemerkung erfordert die
Wiedergabe der Schrift ‘Das 38. und 39. Kapitel Hesekiel vom Gog’. Zunächst ist
sie ja ein Bestandteil der Bibelübersetzung und folgerichtig ist somit das
handschriftliche Original unter Luthers eigenen Niederschriften zur
Bibelübersetzung in Unsrer Ausgabe, Die deutsche Bibel Bd. 2, 149 –153
abgedruckt (der Band wird im Herbst erscheinen). Dann aber hat dieser
Abschnitt, wie die damals erfolgte besondere Drucklegung, die Vorrede und die
Randglossen beweisen, doch auch durchaus als selbständige Flugschrift zu
gelten, erwachsen aus den politischen Verhältnissen des Jahres 1530, und dazu
bestimmt, der damaligen Christenheit durch den Nachweis, daß die gefürchteten
Türken schließlich einem göttlichen Strafgericht erliegen werden, Trost und
Aufrichtung zu gewähren. Um dieses ganz besonderen, selbständigen Zweckes
willen haben wir trotz jener Wiedergabe des handschriftlichen Teiles in Bibel
Bd. 2 hier auf die nochmalige Wiedergabe des kurzen handschriftlichen Stückes,
wie eine solche ja auch sonst üblich ist, nicht verzichtet. Es wurde hier
natürlich auf den Abdruck in Bibel Bd. 2 besondere Rücksicht genommen.
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In dem ‘Briefe an den
Cardinalerzbischof von Mainz’ mußte von der gewöhnlichen Blattbezeichnung
abgewichen werden. Da wo die Zahlbezeichnung eines Blattes im Originale fehlt,
haben wir unsrer Übung gemäß stets arabische Ziffern eingesetzt, im übrigen die
Ziffernbezeichnung des Originales beibehalten (also Bl. B 1, Bl. 4, dagegen Bl.
Bij, Bl. iij &c..). Nun aber sind schon im Originaldruck des ‘Briefes an
den Cardinalerzbischof’ für die Blattbezeichnung arabische Ziffern benutzt; es
mußte daher diese Bezeichnung herübergenommen und die unbezeichnet gebliebenen
Blätter anders charakterisiert werden, und zwar wurden jetzt deren Zahlen in
Klammern gegeben, also Bl. B (1), B (4); dagegen Bl. B 2, B 3.
Bezüglich des Nachweises der Stellen,
an denen sich die einzelnen Schriften später noch abgedruckt finden (in
Gesamtausgaben &c..), ist zu bemerken, daß von jetzt an auch die zweite
Auflage von Walch (D. M. Luthers Sämmtliche Schriften, herausgegeben von J. G.
Walch. Aufs neue herausgegeben im Auftrage des Ministeriums der Deutschen
evangelisch-lutherischen Synode von Missouri, Ohio und anderen Staaten. St.
Louis, Mo.; Zwickau, Schriften-Verein i. K. 1880 –1904, 22 Bde.) stetig
mitberücksichtigt werden soll.
Die Kollation des Druckes C der
‘Vorrede zu Amos’ hat, da die Königliche Bibliothek in Berlin infolge des
Umzugs geschlossen war, A. Goetze nach dem Freiburger Exemplar freundlichst
besorgt; bei dem Lesen der Korrekturen wurde ich von Dr. Rudolf Pechel
unterstützt.
Berlin, April 1909.
Karl Drescher.
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[Seite vii]
Seite
Vorwort III
1. Von heimlichen und gestohlenen Briefen
1529, herausgegeben von F. Cohrs und A. Goetze 1
2. Vorrede zu “An die hochgeborne,
Fürstin Frau Sibylla, Herzogin zu Sachsen, Oeconomia Christiana, das ist von
christlicher Haushaltung, Justi Menii” 1529, herausgegeben von O. Albrecht, O.
Brenner und A. Goetze 49
3. Vorrede zu “Die Epistel S. Pauli zun
Colossern durch Philippum Melanchthon zum andern Mal ausgelegt, verdeutscht
durch Justum Jonam” 1529, herausgegeben von O. Albrecht und A. Goetze 64
4. Vorrede zu “Ein kurz Unterricht, den
sterbenden Merschen ganz tröstlich und seliglich furzuhalten” von Thomas
Venatorius 1529, herausgegeben von O. Albrecht und A. Goetze 70
5. Vom Kriege wider die Türken 1529,
herausgegeben von F. Cohrs und A. Goetze 81
6. Heerpredigt wider den Türken 1529,
herausgegeben von F. Cohrs und A. Goetze 149
7. Vorwort zu dem Libellus de ritu et
moribus Turcorum 1530, herausgegeben von O. Clemen 198
8. Vorrede zu Menius, Der Wiedertäufer
Lehre 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 209
9. Vorrede zu Spenglers Auszug aus den
päpstlichen Rechten 1530, herausgegeben von O. Clemen 215
10. Das 38. und 39. Capitel Hesekiel
vom Gog 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 220
11. Vermahnung an die Geistlichen,
versammelt auf dem Reichstag zu Augsburg, Anno 1530, herausgegeben von O.
Clemen und O. Brenner 237
12. Glossen zum Dekalog 1530,
herausgegeben von O. Clemen 357
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13. Widerruf vom Fegefeuer 1530,
herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 360
14. Brief an den Kardinal Erzbischof zu
Mainz 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 391
15. Propositiones adversus totam
synagogam Sathanae et universas portas inferorum (Artikel wider die ganze
Satansschule und alle Pforten der Hölle) 1530, herausgegeben von O. Clemen und
O. Brenner 413
16. Von den Schlüsseln 1530,
herausgegeben von O. Brenner und O. Clemen 428
17. Eine Predigt, daß man Kinder zur
Schulen halten solle 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 508
18. Vermahnung zum Sakrament des Leibes
und Blutes Christi 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 589
19. Sendbrief vom Dolmetschen 1530,
herausgegeben von F. Herrmann und O. Brenner 627
20. Vorwort zu In prophetam Amos
Iohannis Brentii expositio 1530, herausgegeben von O. Clemen 647
21. De Iustificatione 1530,
herausgegeben von G. Kossmane 652
22. De potestate leges ferendi in
ecclesia 1530, herausgegeben von G. Kossmane 676
23. Weitere Entwürfe Luthers 1530,
herausgegeben von G. Kossmane
1. Zu “Vermanung zum Sacrament &c..” 691
2. Von Fürbitte der Heiligen 694
3. Sermon am Tage Matthäi 694
4. περὶ τῆς μουσικῆς 695
24. Etliche tröstliche Vermanungen in
sachen das heilige göttliche Wort betreffend (Sprüche mit denen sich Luther
getröstet hat) 1530, herausgegeben von O. Clemen 697
25. Nachträge und Berichtigungen 711
[Seite 1]
[Einleitung]
[Seite 1]
Der Streit Luthers mit dem Herzog Georg
von Sachsen in den Jahren 1528 und 1529, dem unsre Schrift als wichtigstes
Dokument angehört, bildet ein erbittertes Nachspiel zu den Packschen Händeln.
Es ist jetzt wohl allgemein anerkannt,
daß das von dem herzoglich sächsischen Kanzleiverweser Otto von Pack dem
Landgrafen Philipp von Hessen übergebene Schriftstück, das die Grundzüge des angeblich
von König Ferdinand, den Herzögen von Bayern und Sachsen, den Kurfürsten von
Mainz und Brandenburg, dem Erzbischof von Salzburg und den Bischöfen von
Würzburg und Bamberg zur ganzlichen Vernichtung der lutherischen Ketzerei am
[Seite 2]
Schreiben Georgs von Sachsen an Philipp
vom
Luther hatte sich nämlich nicht überzeugen
können, daß die ganze Sache auf Täuschung beruhe. Und sein Mißtrauen ist auch
wohl begreiflich. Das Dessauer Bündnis war zu dem Zweck geschlossen worden, die
“verdammte lutherische Sekte” auszurotten2, und der Mainzer Ratschlag hatte
denselben Zweck verfolgt (Unsre Ausg. Bd. 19, 252 ff.). Dazu waren gerade in
letzter Zeit katholischerseits mehrere Gewalttaten an Evangelischen geschehen.
Am
Zu keinem aber versah er sich mehr
alles Bösen, als zum Herzog Georg, der ihm kurzweg der Feind des Evangeliums
war. Überall, wo er etwas von Unterdrückung seiner Lehre hörte, war er geneigt,
irgendwie Georg von Sachsen dahinter zu wittern. Dieser Verdacht stand ihm
allmählich fest wie ein Glaubenssatz, von dem er geradezu nicht lassen wollte.
Er hatte freilich auch den Haß Georgs
in reichem Maße erfahren. Schon im Jahre 1520 kannte er ihn als seinen
erbittertsten Gegner, durch die Hartmut von Cronbergsche Briefaffäre (Unsre Ausg.
Bd. 102, 42 ff.) war die Feindschaft noch mehr verschärft, durch das Luther
abgerungene Versöhnungsschreiben, auf das der Herzog schnöde abweisend
geantwortet hatte, war sie zu einer unversöhnlichen geworden. In letzter Zeit
aber hatte Georg Luther mehrfach aufs neue gereizt. Zu der von Hieronymus Emser
im August 1527 herausgegebenen Übersetzung des Neuen Testaments hatte er eine
Vorrede voll heftigster Schmähungen gegen Luther und seine Bibelübersetzung
geschrieben und erst vor wenigen Monaten hatte er an die Herren von Einsiedel,
die teils unter kursächsischer, teils unter seiner Lehnshoheit standen,
[Seite 3]
den Befehl ergehen lassen, sie sollten
ihre ketzerischen Prediger durch “christliche Priester” ersetzen, sollten auch
selbst der römischen Kirche sich unterwerfen und Absolution von ihrem Bischof
erbitten, andernfalls aber ihre Güter verkaufen und das Land räumen.1
So macht sich denn gerade in dieser
Zeit Luthers Erbitterung wiederholt in kräftigster Weise Luft. Am
So hatte er denn auch für den
rechtfertigenden Brief Georgs vom
... Foedus istud Principum impiorum,
quod ipsi negant, vides, quantos motus moverit. Sed ego Ducis Georgii
frigidissimam excusationem fere pro confessione interpretor. Sed negent,
excusent, fingant, ego sciens scio, non esse foedus istud merum nihil aut
chimaeram, licet monstrum sit monstrosum satis. Deinde orbis novit, illos
animo, facto, edicto, studio pertinacissimo, hactenus talia publice tentasse et
fecisse, et adhuc facere. Extinctum enim volunt Evangelium, quod negare nemo
potest. Sed quid haec ad te, qui absque dubio certus de his omnibus es? Tantum
ut scias, neque nos istis credere impiis, licet pacem offeramus, optemus,
demus. Deus confundet4 istum
μωρότατον μωρόν,
qui sicut Moab plus audet
[Seite 4]
quam possit, et non secundum vires suas
superbit, sicut semper fecit. Orabimus contra istos homicidas, atque hactenus
sit eis indultum. Si denuo aliquid moliti fuerint, orabimus Deum, deinde
monebimus Principes, ut absque misericordia perdantur, quandoquidem sanguisugae
insatiabiles quiescere nolunt, nisi Germaniam sanguine madere sentiant. .....
Auf bisher unaufgeklärte Weise geriet
eine Abschrift dieses Briefes in Georgs Hände. Link war dabei nicht ohne
Schuld: er hatte den Brief mehrfach gezeigt, freilich seiner Ansicht nach nur
“etlichen gutherzigen frommem Herren und Freunden, und doch wenigen, als denen
er in mehrerem vertraute”. Christoph Scheurl, den man später in Wittenberg für
den Verräter ansah, schreibt an Georg selbst so entrüstet über die
Angelegenheit, daß man den Verdacht gegen ihn fallen lassen muß. Er bezichtigte
wiederum Wilibald Pirkheimer, der Johann Cochläus, dem Geheimsekretär des
Herzogs, die Abschrift zugestellt haben sollte. Aber Pirkheimer erklärt in
einer dem Rat von Nürnberg überreichten Beschwerdeschrift, daß er Luthers Brief
nie gesehen, geschweige denn abgeschrieben und verschickt habe. Georg
behauptet, ohne alle sein Zutun sei der Brief ihm zugekommen; “viele, die er,
wo nötig, wohl vorstellen könne, hätten das Original gesehen und gelesen”, — so
daß die Sachlage gänzlich undurchsichtig ist.1
Georg war ohnehin aufgebracht über die
Flucht der Herzogin Ursula von Münsterberg, seiner nahen Anverwandten, aus dem
Kloster in Freiberg; er hatte außerdem kürzlich in Luthers Schrift: “Bericht an
einen guten Freund, von beider Gestalt des Sakraments, auf Bischofs zu Meißen
Mandat” dessen Bemerkung von “verräterischen Anschlägen und Bündnissen” der
Feinde, “derer sie sich darnach selbst schämen müßten, wie der Anschlag zu
Mainz auch geschehen sei” (Erl. Ausg. 30, 378) — voll Ärger gelesen; so empörte
der Brief ihn aufs äußerste.
Am
Umgehend, am 31. Oktober, erwiderte
Luther mit dem nachher im Eingang unsrer Schrift von ihm abgedruckten Brief,
der, äußerlich ehrerbietig gehalten, doch dem Herzog den gegen ihn
angeschlagenen Ton verweist, ihm alte Sünden vorhält und ihm rät, wessen solche
Schrift sei, bei denen zu erkunden, so solche Zettel hätten zugerichtet und
gereicht, welche mehr, denn Luther, Fürstl. Gnaden verwandt und zugetan.
Durch diese Antwort nur noch mehr
gereizt, wandte sich Georg Beschwerde führend an den Kurfürsten. Gleichzeitig
aber sandte er seinen Sekretär Thomas von der Heide nach Nürnberg, um wo
möglich des Originals des Lutherschen Briefes habhaft zu werden. Am 13.
November traf dieser in Nürnberg ein und erlangte mit Hilfe Scheurls, dem Link
Luthers Brief, ohne zu ahnen, wozu er dienen sollte, ausgehändigt hatte,
wenigstens noch eine zweite sorgfältige Abschrift. Aber Georg war damit nicht
zufrieden; noch einmal wandte er sich brieflich an
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Scheurl, ob er “das Original zu seinen
Händen bringen und ihm zuschicken möchte, und ob er gleich hundert oder
zweihundert Gulden daraufsetzen sollte”, und richtet gleichzeitig ein ähnliches
Schreiben auch an den Rat von Nürnberg. Doch erlangte er das Original nicht:
wahrscheinlich hatte Link den Brief, als er hörte, wozu er mißbraucht worden
war, eiligst verbrannt.
Jnzwischen hatte der Kurfürst von
Luther einen Brief eingefordert, den er Georg einsenden könnte; schon am 25.
November hatte Luther dem Befehl Folge geleistet. Sein Brief war der
kurfürstlichen Kanzlei aber noch nicht höflich genug; er wurde von Brück noch
geglättet und dann von Luther noch einmal abgeschrieben. So ging er um den 14.
oder 15. Dezember an Georg ab, der am 11. Dezember sich schon erkundigt hatte,
ob man ihm nicht bald antworten würde.
Er hatte aber seinem Zorn auch noch auf
wirksamere Weise Ausdruck gegeben. Schon am 29. November hatte er Philipp von
Hessen mitgeteilt, nachdem Luthers Bosheit durch eine neue Kopie seines Briefes
aus Nürnberg sich ihm bestätigt habe, sei er entschlossen, nicht dazu zu
schweigen, sondern alles in einer Schrift aufzudecken und sich zu verantworten.
Diese Schrift:
“Welcher gestalt wir Georg von || gots
gnaden Hertzog zu Sachssen || Landtgraff in Duringen vnd Marg || graff zu
Meyssen von Martino Luther, des getich||ten Buendtnues halben inn schriefften
vn-||erfindtlich angegeben, Vnd || darauff vnnßere || antwort. || ❧ ||”
Rückseite des Titelblatts leer, 10 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am
Ende: “Gedruckt zu Dreßden durch || Wolffgang Stoeckel. ||” und darauf noch
eine Korrektur.
Vorhanden in Berlin (Flugschriften
1528, 12a), Hamburg, Königsberg U.1
lag am 19. Dezember schon in 8000
Exemplaren gedruckt vor.
Sie hebt an:
“Wiewol wir hiebevorn, als wir
anfengklichen des getichten Buendtnues halben, So wider die hochgepornen
Fuersten, vnnßere freundtliche lieben Vedtern, Oheim vnd Sohne, hern Johansen
Hertzogen zu Sachssen Churfürsten etc. vnd hern Philipsen Landtgraven zu Hessen
etc. solt sein auffgericht beschuldigt, vns der antwort haben vornehmen vnd inn
Drugk bringen, auch kegen dem vorgestelten desselbigen Buendtnues ansager Otten
Pack also vorantwortten vnd vnsere vnschuldt an tag bringen lassen. Das kein
bidermann mit aynigem glaubwirdigem schein vns wirdet auch mit dem
allerwenigisten haben ader wissen zutzumessen, das wir yemals von dem vorhaben,
davon das ertichte Buendtnues thut melden, gerathschlaget adder gehandelt.
Wollen geschweigen, das wir daruff etwas solten in ein Nottel vorfassen lassen,
adder sunst aynige wissenschafft darumb haben. Derhalben wir auch nicht
vnbillichen von mennigklich aller vordacht, betzichtung und nachrede, auch
ferner vorantworttung solten vberig sein. Ydoch weil Martin Luther vns solchs
nicht hat moegen aus seinem gefaßten neyde vortragen, noch die warheit vnßerer
[Seite 6]
offentlichen vnschuldt erkennen, Sonder
solch geticht Buendtnues vnd daruff vornemlich vns hin vnd wider in seinen
schrifften thut antzihen vnd in die leuthe zubilden Vnd wir vormercken, das
diesem mann one allen vnderscheidt vnd auff sehen seins vorgebens von vielen
glauben vnd zufall gegeben wirdet, So erfordert vnnßere nottorfft, solchs nicht
stilleschweigende zu vbergehen noch vnvorantwort zulassen, Sondern mennigklich
antzuzaigen, mit was bestande vnd grunde sich Luther in solchem seinem vorgeben
gehalten.”
Offenbar will schon der Titel den
Eindruck erwecken, als ob Georg wiederholt in gedruckten Schriften von Luther
verdächtigt sei, und diese Täuschung wird durch den Eingang des Büchleins noch
verstärkt. Aber wenigstens insofern rechtfertigt sich der Ausdruck “Schriften”,
als Georg schlauerweise nicht gleich mit dem Brief an Link beginnt, sondern aus
einer Druckschrift Luthers wirklich eine Stelle anzuführen weiß, die auf das
Bündnis anspielt, aus dem schon genannten “Bericht” nämlich “von beider Gestalt
des Sakraments”. Zwar erwähnt diese Schrift das Bündnis nur ganz nebenbei und
nicht einmal deutlich, nennt auch den Herzog überhaupt nicht, aber als
öffentliche Kundgebung bot sie für Georgs eigentliche Absicht doch eine
geeignete Handhabe dar. Und er tut denn auch zunächst, als sei ihm an ihr
besonders gelegen.
Anfänglich, sagt er, seien ihm jene
oben erwähnten Worte vorgekommen, in denen Luther, wie jeder merken könne, das
gedichtete Bündnis ansteche. Er habe sich zwar anfangs ihrer nicht angenommen,
auf daß nicht Luther sagen möchte, er habe mit ihnen jenes Bündnis gar nicht
gemeint; jetzt aber sei vor wenigen Tagen eine lateinische Schrift an ihn
gelangt, so Luther gegen Nürnberg an Wenzeslaus Link getan, die nicht nur das
Bündnis, sondern auch seine ausgegangene Entschuldigung deutlich nenne und sie
samt seiner Person “etwas heftig angreife”. Und nun ist er bei seinem Brief,
den er gewiß nicht ohne Grund als “lateinische Schrift” 1 bezeichnet, um ihn
nun nicht wieder zu verlassen, sondern von Wort zu Wort durchzuhecheln.
Zuvor aber bietet er ihn dem Leser dar,
im Originaltext sowohl, wie in deutscher Übersetzung, fügt auch die schon
zwischen ihm und Luther aus Anlaß des Briefes gewechselte Korrespondenz hinzu
und gibt Nachricht, wie er durch Nachfrage bei dem Nürnberger Rat die
Authentizität des Briefes erst habe feststellen müssen,
Dann beginnt er, eine allerkälteste
nenne Luther seine Entschuldigung und sage, er lege sie aus fast als ein
Bekenntnis. Sie habe aber den “Ansager solchen Gedichts” herausgebracht;
Luthers und Packs Worte sollten nur erst einmal wirklich Zeugen ihrer
Behauptungen beibringen, aber sie seien wahrhaft kalt und lügenhaftig. Zwar
habe sich Pack anfangs auf Heinrich den Jüngeren von Braunschweig
[Seite 7]
berufen wollen, der eine Kopie des
Vertrages bei Georg solle gesehen haben1, habe aber nachher, als man ihn um diese
Berufung befragt, einfach schweigen müssen. So sei Luther selbst der
allerkälteste Lügner; der Geist, dessen er sich rühme, sei nicht der Geist, der
Lüge für Lüge und Wahrheit für Wahrheit erkenne, sondern das Widerspiel. Darum
hätte er auch Georgs wahrhaftige Entschuldigung nicht in ihrer Wahrheit
erkannt. Erfülle ihn der Geist der Wahrheit, so hätte er die mancherlei Zeichen
der Unwahrheit an dem erdichteten Vertrage wahrgenommen; die Rechte, und
zuvörderst die geistlichen Rechte, hätten es ihm klar angezeigt.2 Aber er hätte
ja die geistlichen Rechte verbrannt, so möchte wohl sein, “daß ihm die Gnade
dieser Erkenntnis nicht unbillig entzogen”.3
So dürfe denn Luther aus Eingebung
seines Geistes schreiben — jetzt verschmilzt Georg Luthers Äußerungen in dem
“Bericht von beider Gestalt” mit Worten seines Briefes —, man habe wider seine
Fürsten das Bündnis gesucht und müsse sich dessen nun schämen, und man leugne,
entschuldige oder dichte es, so wisse er doch wissentlich, daß das Bündnis
nicht eitel Nichts, noch eine Chimäre sei. Er begründe doch seine Kenntnis,
indem er anzeige, was er selbst gesehen oder gehört, oder indem er mindestens
zwei unverdächtige Zeugen beibringe! Freilich er möge wohl selbst dabei gewesen
sein, als man solches Gedicht gemacht, habe vielleicht auch selbst dabei
geholfen4; so möge er allerdings wohl wissentlich wissen. Von diesem Verdachte
würde er ihn nicht eher loslassen, bis er bezwingende Ursachen seines
Schreibens aufzeige oder bis er seine Lügen öffentlich widerriefe.
[Seite 8]
Da das aber nicht von ihm geschähe, so
wisse ers auch nicht wärmer zu machen, denn er in seiner Entschuldigung getan,
und müsse sagen und schreiben, daß “der abtrünnige Mönch ihn anlüge als ein
verzweifelter, ehrloser, meineidiger Bösewicht”, wie solches die
Entschuldigung, die bei Luther die allerkälteste heiße, jeglichem, der ihn
nicht ohne Widerrede vom Verdacht befreie, zumesse und Schuld gebe.1 Bei Gott,
es solle nicht gefunden werden, der das Gedicht bestätige und glaubwürdig
mache, daß je etwas daran gewesen. Und da Luther selbst es ein wunderlich
Wunder nenne, so hätte ihm wohl gebührt, “sich gründlich darauf zu erfahren”,
statt einer solchen öffentlichen Lüge mit seiner wissentlichen Wissenschaft ein
falsches, unerfindliches Zeugnis zu geben.
Freilich er unterstünde sich ja mit
einer ganz unbegründeten Ursache seine Behauptung zu bekräftigen. Die Welt
wisse ja, sage er, daß die in dem erdichteten Bündnis genannten Fürsten solche
Dinge öffentlich mit dem Gemüte, mit der Tat, dem Gebot und allem Fleiß bisher
getan hätten und noch täten. Solle Talia hier etwas bedeuten, davon auch das
Bündnis sage, so sei es eben so erlogen, wie das Bündnis selbst, denn niemand
in der ganzen Welt könne ihn bezichtigen, daß er gegen den Kurfürsten und den
Landgrafen sich auch nur im geringsten unfreundlichen Willens und Gemüts
erzeigt habe. Wolle aber Luther darauf hindeuten, daß er die lutherische Sekte
in seinem Lande nicht habe einreißen lassen, so sei das ein ‘kindische
Einführung’; er habe schon oft gesagt, weshalb er Luthers verführerische Lehre
nicht für das rechte Evangelium achten könne. Meine indessen Luther das
Evangelium Christi, so sei, daß ers gerne wolle vertilgt sehen, eben so
glaubwürdig, wie die Beschuldigung wegen des erdichteten Bündnisses. Er solle
doch endlich einmal aufhören mit seinem Vorwurf, er habe dem Evangelium
widersagt! Aber mit den griechischen Worten, die er seiner Schrift eingemischt,
schmähe er ihn aufs neue als den närrischsten Narren und wolle — Georg hat hier
seine irrtümliche Übersetzung der betreffenden Worte: “Got schende den aller
närrischten narren” im Auge, von der wir noch weiter hören werden —, daß Gott
ihn um seiner Kühnheit und seines Stolzes willen, darin er ihn Moab2
vergleiche, schänden solle. Er habe sich nie sonderlicher Weisheit gerühmt,
aber zu der Torheit werde ihn Luther, wills Gott, denn doch nicht bringen, daß
er Lügen solle für Wahrheit halten. So fechte ihn denn auch wenig an, daß er
seines Gebetes sich fast rühme und darauf poche, hätte es nach seinem Willen
sollen zugehen, so müßte sein Fluchen, Schelten und Beten bisher gar viel mehr
Kraft und scheinbarliche Wirkung bewiesen haben. Er schelte ihn und die anderen
Fürsten auch Totschläger und unersättliche Blutsauger, die in deutschen Landen
gerne ein Blutvergießen sehen wollten; keiner aber denke daran, als er selbst,
der die Fürsten vermahnen wolle, sie ohne alle Barmherzigkeit zu verjagen. Wer
diese Fürsten seien, wisse er selbst am besten; hoffentlich lernten sie ihn
einstens kennen und “seiner Lügen baß wahrnemen”!
[Seite 9]
Damit spricht Georg zum Schluß deutlich
aus, was er in seiner Schrift schon wiederholt angedeutet. Er will nicht nur
von dem in Luthers Brief ausgesprochenen Verdacht sich reinigen, er will
zugleich, und zwar vor allem seine Standesgenossen, vor Martin Luther warnen.
Deshalb benutzt er jede Gelegenheit, sein Evangelium zu verdächtigen. Gleich,
daß Luther auf seine Anfrage sich nicht unumwunden als Schreiber des Briefes
angegeben, erklärt er eines ehrliebenden Mannes, der da vermeine evangelisch zu
sein, nicht für würdig; die Lehre Christi lege uns auf, stracks ja oder nein zu
sagen; so solle aus Luthers Verhalten genugsam zu spüren sein, was Gutes man
sich zu einem solchen habe zu versehen. Wenn er Luther einen Lügner schilt, so
vergißt er nicht hinzuzufügen, daß er durch solche öffentliche Lügen ihm noch
viel mehr Ursache gebe, auf seiner vorigen Meinung von Luthers Lehre gänzlich
zu beharren und zu bleiben. Bei Luthers Drohung, an die Fürsten sich wenden zu
wollen, bemerkt er, daran sei abermals das friedliche Evangelium Christi bei
ihm nicht zu spüren, sondern vielmehr, daß ihn nach Blut und Verderben
verlange; übrigens müsse er auf sein Gebet sich doch nicht allzuviel verlassen.
Auch gegen andere Schriften Luthers
führt er dabei gelegentliche Seitenhiebe. So hat er eine Äußerung Luthers in
der ihm zugekommenen Schrift “Wider den mordischen Ratschlag der Mainzischen
Pfafferei” im Auge, wenn er höhnisch ausruft, er habe bisher aus der heiligen
Schrift nicht erfahren, daß Christus, “einen alßo offentlichen und
vorsetzlichen luegener zu seinem Aposteln gebraucht und durch yhn das
Evangelium hette lassen vorkuendigen” (vgl. Unsre Ausg. Bd. 19, 261, 22 ff.);
und das Nachwort zu “Frau Ursulen, Herzogin zu Münsterberg, Ursachen des verlassenen
Klosters zu Freiberg” liegt ihm im Sinne, wenn er höhnt, nachdem Luther sich
jetzt habe lassen hören, er wolle Ecclesiasticam historiam schreiben von den
Wunderwercken, so in seinem Evangelio geschähen, so möge er seine Lügen wohl
mit darein setzen; sie würden sie fast wohl zieren (vgl. Erl. Ausg. 65, 168).
Jndem er aber feststellt, daß Luthers Geist ihn seine wahrhaftige
Entschuldigung als eine Lüge und ein Bekenntnis des Bündnisses hätte ansehen
lassen, ruft er den Argwohn wach, daß er “viel dergleichen lügenhaftige Deutung
in der heiligen Schrift, zuvoraus dem armen einfältigen Mann würde beigebracht
und eingebildet haben”.
Offenbar wird damit an die Erlebnisse
im Bauernkriege erinnert; sie werden wiederkehren, wenn man Luther gewähren
läßt. Deshalb noch einmal der ausdrücklich Hinweis, daß Luther nicht allein in
der “lateinischen Schrift” an Link ihn verdächtigt, sondern daß er “dem
gemeinen Mann die zuvor angezeigten Worte anderer Weise beigebracht.” So soll
man auf der Hut sein! zu allen und jedem Fürsten sei er ungezweifelter
Zuversicht, daß “sie sich einen solchen verlogenen Mann zu ungebührlichem
Vornehmen nicht reizen noch verführen lassen werden”. Die Schrift schließt:
“Wir wollen abgotwill dartzu
vnßerthalben nicht vrsach geben, Sondern vns kegen menniglich alßo zuvorhalten
wissen, das es vns sal allenthalben vnvorweißlich sein vnd mit der warheit
zuvorantwortten. Vnd langt demnach an menniglich vnd ein yedern nach seinem
Stande vnßer dienstlich freuntlich bitt, Gnedigs gesinnen vnd gueetlich beger,
sie wollen Martino Luthern in dem, das er von uns des getichten Buendtnues
halben geschrieben,
[Seite 10]
kein stat noch glauben geben, Sondern
uns derwegen aller vordacht vorwissen. Auch den Luther darvor achten, darvor
einer billich geacht vnd gehalten wirdet, der einem solchen offentlichen
getichte mit vorpfendung seiner wissentlichen wissenschafft, one allen grundt
vnd bestendige vrsach ein solch luegenhafftigk getzeugnues gegeben und von sich
geschrieben. Das wollen wir vmb ein yedern, wie sichs gepuerth willigk vnd
freuntlich vordienen In gnaden und allem gutthen vorgleichen vnd erkennen.”
Gleich unter dem frischen Eindruck der
Lektüre dieser Schrift schrieb Luther seine Entgegnung: “Von heimlichen und
gestohlenen Briefen”. Er hatte, noch bevor die Drucklegung beendet war, von
Georgs Vorhaben Kunde erhalten, und von der gedruckten Schrift wurde ihm gleich
heimlich ein Exemplar übersandt. Schon vor Ende Dezember hatte er seine
Gegenschrift beendet, und zur Neujahrsmesse 1529 wurde sie gemeinsam mit Georgs
Schrift im Buchhandel ausgegeben. Privatim freilich hatte Georg seine
“Verantwortung”, damit sie öffentlich angeschlagen würde, schon in alle Lande
versandt: an den Rat von Nürnberg und den Landgrafen von Hessen, den König
Ferdinand, den Erzbischof von Mainz, den Markgrafen von Brandenburg, die
Bischöfe von Salzburg, Würzburg und Bamberg, die Herzöge von Bayern, den
schwäbischen Bund, die Stadt Ulm, die Fugger in Augsburg, die sie nachdrucken
ließen, um sie weiter unter die Leute zu bringen.
Gleich am 19. Dezember wurde sie auch
dem Kurfürsten von Sachsen zugefertigt. Luther scheint nicht gleich erfahren zu
haben, daß sie schon am Hofe in Weimar eingetroffen war, denn am 31. Dezember
noch tröstet er seinen Herrn wegen des “närrischen und wütigen Büchleins, das
Herzog Georg seines Briefes halben auf den bevorstehenden Markt würde
auslassen”, gerade als wenn es zu der großen Mühe und Sorge des Kurfürsten, von
der Luther gehört, und die wohl zum größesten Teil auf Rechnung der Schrift zu
setzen war, noch etwas hinzubringen würde. Gleichzeitig bereitete er den
Kurfürsten auf das Erscheinen seines eigenen Buches vor.1
Auf diese Antwort würde Georg wohl erst
recht toben. Aber der Kurfürst möge gegen seinen Teufel Luthers halben unbewegt
sein und unerschrocken, wie denn der Herr Christus seines Herrn Herz und Mut
schon stärken und trösten würde. Er möge Luthers Person nur getrost und frisch
zu Recht bieten, denn er wolle seinen Hals lieber daran setzen, denn daß der
Kurfürst seinethalben sollte “in einiges Haarbreits Fahr stehen”. Der Kurfürst
wolle ja nichts anderes, denn Friede, Ruhe und Stille, Herzog Georg aber leide
nicht allein keine Geduld, sondern als ein unruhiger Teufel suche er nichts
anderes, denn Unfrieden, Krieg, Mord, Schaden und Unglück, nur um den Ruhm
davon zu bringen, er habe das Evangelium gedämpft.
Ganz ähnlich lassen sich die etwa
gleichzeitigen Briefe Luthers an Amsdorf und Link aus.2 Und unsre Schrift ist
der Hauptsache nach nur eine weitere Ausführung dieser Gedanken. Nur hier und
da berührt sie die einzelnen von Georg angeführten Punkte; nicht im geringsten
kümmert sie sich darum, daß der Herzog den “Bericht von beider Gestalt” zur
eigentlichen Unterlage seiner Anschuldigungen
[Seite 11]
macht, sondern ganz ihrem Titel entsprechend
klagt sie vor allem mit voller Wucht Georg an, daß er widerrechtlich einen
Brief sich angeeignet, der ihm nicht gehöre, und daß er ihn dann, wie er wohl
gemocht hätte, nicht heimlich behalten, sondern an die Öffentlichkeit gezerrt
habe. Wer also Gottes Gebot verachte, der sei wahrlich der größeste Narr über
alle Narren — so hält sie das
“μωρότατον
μωρόν” des Briefes aufrecht. Fast erst am Schluß kommt
sie auf das Bündnis zu sprechen. Mit einer gewissen Schadenfreude verweilt sie
bei dem schon erwähnten Fehler in der Übersetzung des Briefes: “Deus confundet”
stehe da — die Eselsköpfe in Georgs Kanzlei, denn er selbst würde es ja nicht
übersetzt haben, hätten aber übertragen, als stände: “confundat”. So hätten der
Teufel und ein Bube sich zusammengetan, Luther aufzuhängen, daß er fluche. Zum
Schluß bittet Luther um Frieden und will, wie ers dem Kurfürsten geschrieben,
zu rechtmäßigen Verhandlungen vor einem Schiedsgericht sich stellen. Unter die
Klänge des Friedens freilich mischen sich dann wieder Kampfesrufe des Zorns,
die verraten, daß Luther im Grunde seines Herzens einen Ausgleich nicht für
möglich hält. Auch die der Schrift beigegebene gebetsweise Auslegung des
siebenten Psalms ist solchen Zwiespalts voll. Zu fest steht es Luther, daß
Georg der Feind des Evangeliums ist.
Der Streit geht denn auch weiter.
Gleich nachdem er Luthers Schrift in die Hand bekommen, die wieder, wie ehemals
die Schrift “Wider den Ratschlag der Mainzischen Pfafferei” (vgl. Unsre Ausg.
19, 225) durch einen kurfürstlichen Kammerdiener dem Diener in der Dresdener
Silberkammer sollte zugeschickt sein, muß Georg sich an die Abfassung einer
neuen Erwiderung gemacht haben. Am
‘Ayn Kurtzer bericht, So || wir Georg
von gotes gna||den Hertzog zů Sachssen, Landgraff in Dü||ringen, vnnd
Marggraff zů Meyssen, Auff || etlich New rasend luginen, die Mar-||tin
Luther in ainem truck wider vn-||ser Entschuldigung, der gedich||ten Bündtnüs
halben, || hat lassen außgeen, || zůthůn verur-||sachet. || ❧ || M.
D. XXIX. ||’ Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 8 Blätter in Quart,
letzte Seite leer. Am Ende: “Zů || vrkund mit vnserm auffgetruckten Secret
|| besigelt vñ geben zů Dreßden Freytags || nach Fabiani vnnd
Sebastia-||ni. Anno domini || M. D. XXIX.||”
Druck von Alexander Weissenhorn in
Augsburg.
Vorhanden in Berlin (Dg 2338), Freiburg
i. Br. U.
Zeigte schon Georgs erste Schrift die
Tendenz, Luther als Volksverführer und Aufrührer hinzustellen, so diese noch
deutlicher. Gleich, was Georg als Hauptanlaß dieser zweiten Schrift anführt,
ist dafür ein Beweis. Wohl sei Luther, in seiner Bosheit verstockt, vor Zorn
ganz wahnsinnig und rasend und wisse nicht, was er tue, und jedem ehrliebenden
und rechtsinnigen Menschen sei es gewiß, daß Luther des gedichteten Bündnisses
halben ihn beschwert und lügenhaftig angegeben. Aber der arme einfältige Mann
sei in dem Wahn befangen, daß alles, was Luther vorgebe, Evangelium sei und
heilige Schrift, weil “sie allewege seines unnützen langweiligen Geschwätzes
Deckmantel sein müßten”. So sei Georg verursacht und habe es im besten nicht
wohl gewußt zu unterlassen, Luthers rasende Unwahrheit weiter an den Tag zu
bringen.
[Seite 12]
Dann tritt wieder deutlich Georgs
Appell an seine Standesgenossen zutage. Offenbar will er sie daran erinnern,
daß Luther selbst dem Volke angehört, wenn er fortfährt, Luther wolle mit
seiner Schrift nur dem gemeinen Mann einbilden, man dürfe sich nicht nach dem
Dichter und Schreiber erkundigen, wenn einem eine Schmach- oder andere
verdrießliche Schrift vorkame. Unter dem Adel erfahre man das auch eines
schlechten Worts halben. Und wer da nicht Rechenschaft fordere, werde nicht für
fast ehrwürdig gehalten. So habe denn, obwohl Luther ihm vorwürfe, er habe mit
Pochen oder sonst ungebührlich nachgefragt (s. o. S. 4), der Kurfürst von
Sachsen auch nicht ob solcher Suchung einigen Mißfallen oder Beschwerung
gehabt. Er habe vielmehr Luther befohlen die Wahrheit zu sagen, aber Luther
habe auch seinen Befehl verachtet, woraus man nicht vermerken könne, daß er
sich gegen seine weltliche Obrigkeit, die ihm von Gott gegeben, des Gehorsams
mit der Tat befleißige, dessen er sich mit vielen hochtrabenden Worten berühme.
Luther gehe nur darauf aus den gemeinen Mann glauben zu machen, daß er mit
seinem Vetter in Feindschaft lebe, um ihm so zu aufrührerischem Vornehmen
Ursache zu geben. Und zum Zeichen, daß auch der Rat von Nürnberg ihm
gewillfahrt hat, druckt Georg das auf dessen Erfordern von Wenzeslaus Link an den
Rat gerichtete und ihm übersandte Verantwortungsschreiben ab.
Nicht ohne Berechtigung hält er Luther
vor, daß er gegen seinen Vorwurf, er habe auch in dem gedruckten Büchlein das
erdichtete Bündnis mit fast hässigen Worten angestochen, sich gar nicht gerechtfertigt
habe; das sei allein genug, alle seine Raserei und Sophisterei zu Schanden zu
machen. Aber im Grunde geht Georg doch nur wenig auf diesen Punkt ein; nur ganz
beiläufig erwähnt er ihn später noch einmal. Das bestätigt, daß die erste
Schrift ihn doch nur scheinbar zum eigentlichen Ausgangspunkt genommen.
Um so mehr bemüht sich der Herzog, vom
Vorwurf der Dieberei sich zu reinigen, der ihn mehr getroffen hat, als er
zugeben will. Doch sind seine Ausführungen nur schwächlich. Er wirft Luther
sophistische Lügen vor, aber im Grunde treibt er selbst Sophistereien, wenn er
sagt, sobald er ihn an Link gesandt, sei der Brief nicht mehr Luthers Eigentum
gewesen; selbst wenn er das Original des Briefes hätte, so sei das noch nicht
Diebstahl, es müsse ihm erst nachgewiesen werden, daß er diebischerweise es
sich angemaßt. Es fechte wenig an, daß Link sage, der Brief sei ohne sein
Wissen und Wollen abkopiert; vor allem müsse, wer einen der Dieberei
bezichtige, solches beweislich machen. Er schließt wieder mit dem alten
Vorwurf, Luther mißbrauche die Gebote zu seinem Schänden, Lästern und Fluchen,
dem gemeinen Mann Brillen damit aufzusetzen.
Und dabei übertrete er selbst die
Gebote, das fünfte und das achte. So leitet Georg wieder zu der Bündnis-Frage
über, zugleich auf Luthers Vorwurf eingehend, daß er einen heimlichen Brief
veröffentlicht hat. Er wisse wissentlich, habe Luther gesagt, und damit habe er
ihn verleumdet; keinem Biedermann gebühre, der Wissenschaft ohne gegründete
Ursache sich zu rühmen. Er habe nicht heimlich etwas von ihm gedacht, denn wenn
einer etwas spräche, seien es keine Gedanken mehr, und wenn es vor viele Leute
komme, so wie Luthers Brief an Link, so sei es nicht mehr heimlich. Luther
solle an die Brief-Affäre mit Hartmut von Cronberg denken. Wenn dieser Brief
jetzt noch länger umgetragen wäre, so wäre er ebenso in Druck gekommen, wie der
damalige. Und dann sage jemand, wenn er
[Seite 13]
einen Brief doch selbst von sich
gegeben, man habe ihn ihm gestohlen. Diese Lüge möge Luther zu den anderen
Smaragden, Rubinen, Diamanten und Saphiren aufsetzen. Wenn er mit dem Schmuck
vor den Richter käme, der da Lügen nicht leiden, noch ungestraft lassen könne,
so solle er wollen, er wäre nie geboren.
Den Übersetzungsfehler (s. o. S. 3. 11)
läßt Georg auch nicht unerwähnt. Er selbst habe den Brief verdeutscht, denn von
Gnaden Gottes könne er solch Latein wohl noch verdolmetschen. Und er habe
richtig übersetzt, denn in der andern Kopie, so ihm sein Geschickter von
Nürnberg mitgebracht, stehe confundat; im Druck sei allein der eine Buchstabe
versehen. Und so müsse Luther wohl eben derselbige Bube sein (s. o. S. 11),
durch den ihm der Teufel solchen Fluch zugefügt hätte. Und Luther fluche doch
auch nachher nicht minder. Wenn aber confundet stehe, so sei das auch nicht
gerade eines evangelischen Propheten würdig. Übrigens wolle Luther seine
Prophezei heimlich geschrieben haben und wolle mit solcher Heimlichkeit doch
die Prophezei nachher wahr machen. Und solche Schrift solle nicht aufrührerisch
sein für den gemeinen Mann (dabei läßt Georg wohl wieder, wie schon einmal in
seiner ersten Gegenschrift, Luthers “Bericht” und den Brief in eins
zusammenfallen?), denn wenn sie von den Fürsten sollten verderbt werden, so
würde das doch wohl nicht ohne Aufruhr abgehen!
Nur mit einer wegwerfenden Bemerkung
erwähnt die Schrift Luthers Erbieten zu einem Schiedsgericht. Wohl aber weist
sie Luther wegen seiner Berufung auf den Speierer Abschied zurecht. Er sei kein
Regierer und habe keinen Stand im Reiche; so solle er billig sich solchen
Abschieds anzunehmen sich zu enthalten wissen, und solle nicht unerfindlich
sagen, daß das kaiserliche Edikt gegen ihn befristet sei. Auch sei der Abschied
kein Dekret, wozu er ihn mache. Daß er aber den Apostaten, Ketzern und Abtrünnigen
vom Gehorsam der christlichen Kirche die Zinse und Güter in seinen Landen
verboten1, das lasse ihm nicht nur der Abschied, sondern auch das kaiserliche
Edikt und alle gemeinen Rechte nach. Luther indessen gehe, wie mit diesem
Abschied, so auch mit der heiligen Schrift und anderem verkehrlich um.
Endlich widmet er auch Luthers
Ausspruch, er sei sein Feind, eine Entgegnung. Das sei nicht wahr! Er habe
Luther seinerzeit geschrieben — er weist damit auf seinen Brief vom
[Seite 14]
“Und wöllen disen bericht auffs
kürtzest wider sein lang unnutz ungestüm geschwetz yetz abermals angezaygt
haben, und damit von seiner vilfaltigen offentlichen lügen und fürnemlich der
gedichten Bündtnus halben protestirn und bezeugen, er schreib nun, was er wölle
von der Vorrede des Neuen Testaments oder unserer gegeben dreyjerigen antwort,
darinnen er auß seinem neyd und eyffer, so er wider uns tregt, yhe nit
underlassen kan uns und die unsern mit unwarhait zůlestern und schenden,
So befindt doch meniglich Ernliebender, dz es von ainem erlognen pronnen
herfleußt, der mit lugen also vergifft, das kain rechte warhait herauß
geschöpfft mag werden. Und seind nicht bedacht uns fürter seiner lügen
anzuouml;nemen, noch seiner flüch, prophecey und ander Teuffelsgespenst fast
zů bekümmern. Dann wa sie außgehen, da gehen sie wider ein. Und seind des
gewiß, das die ewig warhait dem lügner nit stadt gibt, wöllens also seiner
allmechtigkait befelhen und uns an unserm Recht zůgepürlicher zeyt und
gelegenhait genügen lassen, mit fleyß freundtlich bittend und begerend, ir
wöllet disem unserm warhafftigem bericht, und dem das sich im grund also helt
und befindet, stadt und glauben geben, Das seind wir umb ain yeden seinem stand
und gebür nach willig und freuntlichen zů verdienen und in gnaden und
allem gůtten zů vergleichen und unvergessen zů halten genaigt.”
Gleich nachdem der Herzog sienen
“Kurzen Bericht” handschriftlich abgeschlossen hatte, sandte er ihn samt
Luthers Schrift, aufs neue Beschwerde führend, an den Kurfürsten. In Weimar war
man wenig erbaut von diesem neuen Ansinnen. Fast eine Woche land mußten die
Räte auf Antwort warten. Dann wurde ihnen der Bescheid, den Brief an Link habe
Luther schon vor den zwischen den Fürsten geschlossenen Verträgen geschrieben,
er sei also jetzt nicht mehr zu berücksichtigen. Georg hätte mit seinem
Ausschreiben und Druck dermaßen nicht eilen und die Sache schwieriger machen
sollen. Mit besonderer Betonung werden die Worte: “so ich doch sein feind nicht
bin” (S. 37, 31) aus Luthers Schrift herausgegriffen: sie wolle der Kurfürst
sich unverzüglich von Luther erklären und an ihn und die Wittenberger Drucker
ein Verbot ergehen lassen, den Herzog noch jemand anders zu schmähen, wie schon
sein seliger Bruder früher ernstlich verboten hätte. Leider drucke man
anderwärts auch Unfriedliches.
Ungesäumt erließ der Kurfürst an Luther
ein entsprechendes Schreiben1: er solle hinfüro nichts drucken lassen, Georg
oder andere Fürsten und Personen belangend, es sei senn dem Kurfürsten zuvor
zugeschickt und von ihm zu drucken gewilligt — und gab auch dem Amtmann und dem
Rat in Wittenberg Auftrag, die Buchdrucker zur Beobachtung dieses Befehls
anzuhalten. Aber Georg war mit der kurfürstlichen Antwort und diesen Maßnahmen
nicht zufrieden. Am 24. Januar sandte er dem Kurfürsten den “Kurzen Bericht”
gedruckt und machte, dem Ausgangsgedanken seiner ersten Schrift entsprechend,
geltend, daß Luther auch noch nach den Verträgen in dem “Bericht von beider
Gestalt des Sakraments, aufs Bischofs zu Meißen Mandat” wegen des erdichteten
Bündnisses ihn geschmäht habe. Der Kurfürst erwiderte ausweichend — am 28.
Januar —, ihm sei gar nicht lieb, daß Luther
[Seite 15]
sich mit Georg eingelassen; er gedenke,
noch an den Handel mit Hartmut von Cronberg. Georg habe hier wieder geeilt;
hätte er das nicht getan, so wäre der Kurfürst verschont geblieben, nun sei die
Sache schwer beizulegen. Nie habe er, wie schon sein Bruder nicht, sich Luthers
angenommen, daher hätte Georg ihn gar nicht in diese Dinge hineinziehen sollen.
Der “Kurze Bericht” könne ungehindert angeschlagen werden.
Georg las aus dieser Antwort heraus,
daß der Kurfürst noch immer wegen des erdichteten Bündnisses ihn in Verdacht habe,
und antwortete am 19. Februar aufs neue, er habe zu solchem Verdacht dem
Kurfürsten gewiß keinen Anlaß gegeben. Was für Luther gesagt werde, achte er
nicht für genugsam. Kurz nach den ersten Verträgen sei Luthers Schreiben an
Link ausgegangen und die Schrift “aufs Bischofs zu meißen Mandat” beweise klar,
daß Luther sich den Vertrag nicht habe anfechten lassen. Aber der Kurfürst war
der Sache müde. Er erwiderte umgehend — am 22. Februar —, er wolle nicht weiter
mit ihm disputieren oder sich in einige weitere Rede einlassen; wolle Georg
seine Suchungen und des Kurfürsten Antwort vor Unparteiische kommen lasse, so
trage er dessen keine Scheu. Übrigens habe er alles in freundlicher Meinung
gesagt und getan.
Damit war Georg an dieselbe
Entscheidung gewiesen, zu der auch Luther in unsrer Schrift sich bereit erklärt
hatte (s. o. S. 13), nur daß der Vorschlag im Munde des Fürsten gewichtiger
klang, als in dem des Untertanen; er elendete den Kurfürsten nicht mehr mit
neuen Zuschriften. —
Luther erhielt während dieses
Schriftenwechsels, Ende Januar, einen Brief von dem Anstifter des ganzen
Unheils, von Otto von Pack, der sich sehr erfreut über seine Schrift äußerte
und dabei betonte, bald werde er die volle und klare Wahrheit sehen über seine
Unschuld. Natürlich bestärkte das Luther im Bewußtsein seines Rechts,
bekräftigte ihm aufs neue Georgs Schuld und Unlauterkeit und ließ mit um so
größerer Freude ihn Amsdorf danken (12. Februar), der auch zu seiner Schrift
ihm zustimmend geschrieben. Sein Brief zeigt, daß er im übrigen nicht viel
Zustimmung fand; sie verdammten ihn alle, schreibt er, und hielten Georg für
unschuldig, nicht bedenkend das Unrecht, das dieser ihm getan. Übrigens habe er
sich bereden lassen, Georg nicht mehr zu antworten, zumal auch jener ausgesprochen,
daß er ihn in Ruhe lassen wolle.1
Und Luther hat sich bezwungen und hat,
den Bitten seiner Freunde nachgebend, nach Justus Jonas’ Urteil “der
christlichen Liebe und der öffentlichen Ruhe ein Opfer gebracht”. Wie ein Brief
an Link den Streit veranlaßt, so hat uns auch ein Brief an ihn die letzte
bedeutsame Äußerung Luthers aus dieser Zeit aufbewahrt; auf jenen
verhängnisvollen Brief anspielend, schreibt er ihm am 7. März, er habe gelernt,
seinen Moab zu verachten.
Und noch mehr als Georg traf Luthers
Verachtung dessen Geheimsekretär, Johann Cochläus. Auch er äußerte in mehreren
seiner Schriften sich zum Streit, ja widmete mit Georgs zweiter Schrift
gleichzeitig ihm auch eine eigene Schrift. Aber nicht einmal Luthers Briefe
nehmen auf seine Auslassungen irgendwie Bezug; möglicherweise hat Luther von
ihnen überhaupt keine Kenntnis genommen.
[Seite 16]
Die erste Schrift des Cochläus, die den
Streit erwähnt, ist die Anfang Januar 1529 vollendete:
“Vortedigūg Bischoff- || lichs
Mandats zu Meissen, wi- || der Martin Luthers scheltwordte || Doctor Johan.
Cocleus. || Jm M. CCCCC. || XXIX. Jar. ||” 24 Blätter in Quart. Letzte Seite
leer. Am Ende: “Gedruckt zu Leiptzigk / Nickel Schmidt. || Ym iar. 1529. ||”
Vorhanden: Berlin Königl. Bibl.
Vgl. Martin Spahn, Johannes Cochlaeus
(Berlin 1898) S. 351 Nr. 59
die Gegenschrift gegen Luthers “Bericht
von beider Gestalt des Sacraments”. In ihr deutet auch Cochläus die schon von
Georg gebrandmarkten Worte (Erl. Ausg. 30, 378) auf das “erdichte Berbundnis”
und spricht noch deutlicher, als Georg, die Verdächtigung aus, zu der auch
jener sich einmal hinreißen läßt, daß Luther es sei, der die Lüge von dem
Bündnis ersonnen. Viele möchten denken, schreibt er, die Hummeln, so Doktor
Pack unter die Leute gebracht, kämen aus Luthers Bienenstock.
Noch im Juli 1529 äußert er sich in
demselben Sinne in der Vorrede zum:
“FASCICVLVS || CALVMNIARVM, SANNARVM ET
|| ILLVSIONVM MARTINI LVTHERI, || In Episcopos & Clericos, ex vno eius
libel- || lo Teuthonico, cōtra Episcopi Misnen- || sis Mandatum aedito,
collectarum, || per Iohannem Cochlaeum, || Ad Episcopum || Roffensem. |
........ || M. D. XXIX. Lipsiȩ. ||” 112 Blätter in Oktav. Letztes Blatt leer. Am Ende:
“VALENTINVS SCHVMAN || Lypsiae, sub Illustrissimo, & vere Ca- || tholico
Principe Georgio. &c.. An- || no Dñi post Millesimū Quingen- || tesimo
vigesimo nono, Ad laudē || Dei, & Salutē piorum, || excudebat. ||
..... ||”
Vorhanden: Neisse Katholische
Pfarrbibliothek. Spahn S. 352 Nr. 68.
Hier ist ihm Luther sive autor sive
conscius figmenti, und er begründet das hier ebenso, wie wirs oben von Georg
gehört, Luther habe geschrieben se scientem scire foedus illud non esse omnino
nihil aut Chymeram. Er scheut sich auch nicht, ganz unzweideutig von Luthers
Brief wie von einer öffentlichen Schrift zu sprechen, wie vielleicht versteckt
auch schon Georgs Absicht war. Nachdem er die Worte des Briefes angeführt,
fährt er fort: Cum ergo videat se apud eruditos latine nichil proficere, ad
Idiotas et populares suos conversus omnia teutonice agit, tanta quiden
importunitate et malicia, ut vel doctissimos amarulentia sua defatigare,
nequitiis et calumniis absterrere ac taedio enecare possit.
Zwischen der “Vortedigung” und dem
“Fasciculus” liegt die Schrift, die ausdrücklich auf den Streit Georgs mit
Luther gemünzt ist und auch direkt gegen unsre Schrift eine Gegenschrift
darstellt:
“rVie verkerlich || widder den dur- ||
chleuchtigen Hochgebornen || Fuersten vnd herrn, herrn Ge || orgen, Hertzogen
zu Sachs- || sen etc. Martin Luther den si || benden Psalm verdewtzscht, || vnd
gemißbraucht, durch do || ctorem Joannem Cocleum || scheinbarlich angetzaigt.
M. D. xxix. ||” Mit Titeleinfassung. 26 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.
Druck von Wolfgang Stöckel in Dresden.
Vorhanden: Berlin Königl. Bibl. Spahn
S. 351 Nr. 60.
[Seite 17]
Die Schrift ist den beiden Söhnen
Georgs, den Herzögen Johann und Friedrich von Sachsen, gewidmet, da ihre
Fürstliche Gnaden grosßes Mißfallen — nicht unbillig! — und Beschwernis — nicht
Wunder! — trügen über das Schmähbüchlein, so von Martin Luther wider Georg von
Sachsen sei ausgegangen. Auch sie spricht offen den Verdacht aus, der
“wittenbergische Papst” habe den heimlichen Brief geschrieben in der Absicht,
Link solle ihn offenbar machen. In manchen Stücken berührt sie sich eng mit
Georgs “Kurzem Bericht”, nur sagt sie alles, was jener noch verschleiert, ganz
unverblümt. So macht sie ohne Rückhalt Luther für den Bauernkrieg
verantwortlich. Wie der “Kurze Bericht” weist auch sie Luthers Urteile über das
Wormser Edikt und den Abschied von Speier zurück (s. S. 13), verspottet sein
Apostolat (S. 11) und erhebt den Vorwurf, daß Luther nur Feindschaft zwischen
die Vettern von Sachsen hätte säen wollen. Übrigens kümmere Georg sich nicht um
sein Schelten, ebensowenig wie einst der König von England, der Luther auch mit
seinem Schelten habe abgeführt. Höhnisch verspottet sie Luthers gegen Georg
gerichteten Bannspruch (S. 3) und erwidert in spöttischer Weise auf seine
“Erbietung zum Rechten”, er habe ja schon vor sieben Jahren zu Worms zur
Disputation sich ihm dargestellt1 und sei dessen noch erbötig. Vor allem aber
beschäftigt die Schrift, ihrem Titel entsprechend, sich mit Luthers siebentem
Psalm. Luther poche und trotze feindlich darauf, daß er sein Gebet sein solle;
aber ebensoviel besorgten sie sich vor seinem Gebet “als vor genspfeiffen”,
denn unerhörlich sei es aus mehr als einer Ursache, vor allem aber, weil Luther
den Psalm mannigfaltig gefäalscht mit Ab- und Zutum und mit verkehrter
Auslegung. So werde der Zorn und das Urteil Gottes, so in diesem Psalm
gemeldet, über seinen Hals zuletzt eigenlich ausgehen. Mit großer Breite, die
den Verfasser bald selbst ermüdet, so daß er beim fünften Verse schon abbricht,
und mit einem großen Aufwand von Gelehrsamkeit werden dann die sogenannten
Fälschungen aufgezählt. Ganz deutlich ist dabei der eigentliche Grund Rache
dafür, daß Luther die falsche Übersetzung von confundet nachgewiesen (S. 3. 11.
13); das hatte in Dresden doch sehr verschnupft. Nicht nur die Kirchenväter
werden angeführt, auch auf Luthers eigene Psalmenauslegung, die Operationes von
1519, wird zurückgegriffen, um Widersprüche mit ihr nachzuweisen; sie habe
Luther geschrieben, ehe denn er als Ketzer sei verdammt worden, nachdem er aber
als ein abgeschnitten Glied in verkehrten Sinn gegeben und des Papstes und
gemeiner christlicher Kirchen öffentlicher Feind geworden, lege er sich auf
alle böse List, Tücke und Fündlein, die Schrift zu verkehren, der Kirche zu trotzen
und ihre Gelehrten zu vexieren. Die “Fälschungen” berühren nach solchem
Verdammungsurteil dann freilich höchst merkwürdig. Wenn Luther statt: “Herr,
mein Gott, in dich habe ich gehofft”, das Cochläus will, übersetzt: “Auf dich
traue ich, Herr, mein Gott”, so wird ihm vorgeworfen, daß er die Worte verkehrt
und aus dem Präteritum ein Präsens gemacht habe. Bei seiner Übersetzung des
fünften Verses (S. 44, 29 ff.) wird bemerkt, er sei nicht Häretiker und
eigenwillig, sondern auch unchristlich und unevangelisch.2 Die Hinzufügung von
“ohne Ursach” in demselben Verse wird
[Seite 18]
straßenräuberisch genannt.
Jnteressanter, als diese Einzelheiten, sind Cochläus' Darlegungen über seine
Grundsätze, die Bibel zu übersetzen. Kein anderer Text oder Dolmetschung soll
ihn zu glauben verbinden, als diese allein, so von gemeiner christlicher
Kirchen sind bewährt oder angenommen. Wohl will er die “herrlichen und
kunstreichen Gezünge Griechisch und Hebräisch” nicht verworfen haben, wollte
vielmehr, daß alle Priester Griechisch und Hebräisch verstünden, jedoch in
solchem Maß, daß sie ihren Verstand gefangen machten zum Dienst Christi und
bereit wären allen Ungehorsam zu strafen; und wo sie in hebräischen und
griechischen Büchern den Text irgend anders befünden, denn die Kirche im Latein
hätte und brauchte, daß sie nicht sobald auf eigenen Sinn platzten und gemeinen
Text der Kirche verachteten, wie Luther, seine Gesellen und Schwärmer täten.
Sonst würde man nie Friede und Einigkeit in der Kirche haben. Luther habe ja auch
selbst eingestanden, daß er sich zu viel unterwunden, sonderlich das Alte
Testament zu verdeutschen (vgl. Erl. Ausg. 63, 23); um so weniger sei seinem
Verstande und Dolmetschung zu vertrauen.
“Herzog Georgen Gebet auf den siebenten
Psalm, aus dem lateinischen Text”, eine Nachahmung des Lutherschen, macht den
Schluß dieser Ausführungen. Die “Schlußrede” des Buches aber erinnert noch
einmal wieder deutlichst an Georgs eigene Schrift. Sie wendet sich vor allem an
den gemeinen Mann und wünscht, daß er zur rechten Einsicht käme. Weshalb denn
wohl Christus und sein heiliger Geist die Christenheit so viele hundert Jahre
in Jrrsal und unechtem Glauben gelassen haben sollte? Luther sei wahrhaftig
nicht allein gelehrt, ob er sich schon über die anderen berühme. Man sähe
nicht, was er auf so viele Bücher, die zu Latein wider ihn geschrieben,
geantwortet habe. Es müsse nicht recht zugehen, daß er jetzt so viele Jahre
allein Deutsch schriebe. Der Geist Gottes sei nicht unbeständig, lügenhaft,
aufrührerisch und lästermäulisch. Wer vor Gott am jüngsten Gericht bestehen
wolle, der solle wohl bedenken, ob er einem Menschen mehr anhangen wolle, denn
der gemeinen Christenheit! Würde man dann sich ziehen auf die Schrift, so
möchte Gott saget, daß sie die Christenheit je und je gehabt, weshalb denn der
einige Mensch Luther sie besser verstehen und auslegen solle, denn alle Lehrer
und Konzilien; — was man darauf dann antworten wolle?
“O ewiger Gott, gib gnad und erbarm
dich des armen einfeltigen volcks (welchs der Muench durch neyd und haß
listiglich mit spiegelfechten
[Seite 19]
und fuertzug der schrifft in falschen
wahn gebracht und eingenommen hat) das yhm die schueeppen von augen abfallen,
auff das es mit uns ersehen moege, wie der trotzig Muench so offt, ßo ferr und
weyt, in der schrifft geirret und des rechten zyls gefaelet habe, auff das es
nicht ewiglich mit ym verloren werde, Amen.”
Mit diesem Gebete schließt die Schrift.
Hätte man solches von Gott ernstlich und einmütig vor sechs, sieben oder acht
Jahren gebeten, so wäre es vielleicht nimmermehr dazu gekommen, daß Luther so
viel tausend arme Leute und erschlagene Bauern dem Teufel mit Leib und Seele
hätte mögen übergeben und so unbarmherzig verdammen! —
Lazarus Spengler urteilte über diese
Schrift des Cochläus, daß sie vielen Ruhms, Lobs oder Danks nicht würdig, auch
zu nichts besser sei, denn daß man das gute verderbte Papier billiger an
anderen Orten, denn für christliche verständige Leute gebrauchen sollte.1
Ganz hielt Georg von Sachsen sein
Versprechen, forthin zu schweigen, nicht. Wenn er auch nichts Neues unternahm,
so gab er doch einige Aktenstücke des Streits, gesammelt in lateinischer
Übersetzung, heraus in den “Epistolae aliquot”.2 Sie enthalten Luthers Brief an
Georg vom
Durch diese Publikation wurde erst
recht die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf den Streit gelenkt. Und auch
Erasmus wurde durch das Buch veranlaßt sich zur Sache zu äußern. Er schrieb an
Georg, höchst ungern habe er seinen und Luthers Namen auf einer Seite vereinigt
gesehen, und an Melanchthon, er könne nicht sagen, wie sehr ihm Luther
mißfiele, da er um nichts und wieder nichts Herzog Georg in eine
Diebstahlstragödie verstricke.
Einige Jahre später ließ auch Luther
sich verleiten, noch einmal auf den Streit zurückzugreifen. Es war, als in den
Jahren 1532 und 1533 Georg den Einwohnern von Leipzig und Oschatz verbot, in
den kursächsischen Grenzorten den evangelischen Gottesdienst zu besuchen und
dort das Abendmahl unter beiden Gestalten zu empfangen, und wie der Leipziger
Goldschmied Dominikus Holtzt bei Luther anfragte, ob man nicht um des Gehorsams
willen gegen die Obrigkeit dem Abendmahlsgenuß unter einer Gestalt sich
anbequemen müsse. Luther verneinte das in einem Briefe vom 11. April für alle,
die des göttlichen Willens des Sakraments wegen gewiß seien. Sein Brief wurde
dem Leipziger Rat und durch ihn dem Herzog Georg bekannt. Und nun beschwerte
sich dieser beim Kurfürsten Johann Friedrich, daß Luther seine Untertanen zum
Aufruhr verführe. Dagegen verwahrte sich Luther in seiner “Verantwortung des
aufgelegten Aufruhrs”, in deren Einleitung er Georg an unsre Schrift erinnerte,
in der ers ihm wohl deutlich und greiflich genug gesagt, daß er seine
heimlichen Briefe soll unverworren lassen (Erl. Ausg. 31, 229).
[Seite 20]
Eine scharfe Antwort aus Dresden, auf
die Luther schon, bevor sie im Buchhandel veröffentlicht wurde, in seiner
“Kleinen Antwort auf Herzog Georgen nächstes Buch” (Erl. Ausg. 31, 269 ff.)
antworten konnte, war die Folge:
“Hertzog Georgens zu Sachssen ||
Ehrlich vnd grundtliche ent-||schuldigung, wider Martin || Luthers
Auffrueerisch vnd verlo-||genne, Brieff vnd Verant-||wortung. || ❧ || Zu
Dreszden || M. D. XXXiij. || Eins mans red, ein halbe rede || Drumb soll man
sie verhörn bede. || [Das sächsische Wappen] || [Leiste] ||”. Titelrückseite
bedruckt. 50 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “¶ Gedruckt zu
Dresden durch Wolffgang Stoeckel, || vnd volendet den Sechsten tag Septembris
1533. ||”
Vorhanden: Berlin (Cu 1617). —
Nachgedruckt von Michael Blum in Leipzig, 1533: Berlin (Cu 1616), Göttingen U.,
Königsberg U.
Cochläus hatte die Schrift im Auftrage
seines Fürsten geschrieben. Und sie ging auch noch einmal auf unsern Streit
ein, um Luther in fünf Punkten sein Unrecht und Georgs Unschuld nachzuweisen.
Was sie Neues beibringt, ist eigentlich nur, daß sie nachzuweisen sucht, daß
das Packsche Bündnis, selbst wenn es bestanden hätte, doch nicht für
aufrührerisch wäre zu achten gewesen, hätte
(Bl. E iijb) “vilmehr ein Christlich
und gepuerlicher gehorsam zuheissen, und hette vilweniger die gstalt eins
auffrurs, dann die verbuendnuessen, so hyn und wider, on, ja wider Kay. Ma. wissen
und willen, sind aus eignem durst und frevel zusam geblasen, den Luther oder
Zwinglium oder andre newe Rottenfuerer in yhrer verdampten lere wider Bapst,
Kaiser und gemeine Christenheit zustercken und mit wehrlicher hand zu
verteidingen, dadurch dann der blutdurstig Muench ye lenger ye mehr halsstarrig
und muttwillig wirdt alles zuschreiben und unter den pöfel auszubreitten, was
zu auffrur dienlich, und sein blutgirig hertz erdencken mag.”
Vgl. J. Köstlin, Martin Luther, sein
Leben und seine Schriften, 5. Aufl., fortgesetzt von G. Kawerau, II, Berlin
1903, S. 111 ff. 303 ff.; v. Bezold, Gesch. der deutschen Reformation, S. 589
ff.; Hilar Schwarz, Landgraf Philipp von Hessen und die Packschen Händel
(Historische Studien, 13. Heft), Leipzig 1884, bes. S. 139 ff.; M. Spahn,
Johannes Cochläus, Berlin 1898; J. R. Seidemann, Erläuterungen zur
Reformationsgeschichte, Dresden 1844, S. 129 ff.
Ausgaben:
A1 “Von heim||lichē vnd gestolen
|| brieffen, Sampt einem || Psalm ausgelegt, || widder Hertzog || Georgen zu ||
Sachsen. || Mart. Luth. || M. D. XXIX. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite
leer. 22 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedrueckt zu
Wittemberg, durch || Hans Lufft. 1. 5. 2. 9 ||” [Kein Punkt hinter der “9”.]
Lesarten: Blatt A 2a Zeile 10 “furst
hertzog”, A 2b 7 f. “schwe||re”, B 1a 11 “muste”, B 1b 15 “widder”, C 1a 16 f.
“bringest, || vnd wirst”, D 1b 10 “ich auch wol”, D 2a 2 v u. “Darumb”, D 4a 5
“gepot”, E 1a 8 “auff yhn spielen”, 11 “Got”, 17 “George”, 19 “streben, toben”,
24 f. “vnher-||than”, E 1b 1 f. “re, || de”.
Vorhanden: Berlin (Luth. 5351a), Gotha,
München H., Nürnberg St., Wolfenbüttel.
[Seite 21]
B Beschreibung wie A.
Lesarten wie A, aber E 1a 8 “mit yhn
spielen”, 11 “Got”, 17 “G.”, 19 “streben, Sie toben”, 24 f. “vnher- || than”, E
1b 1 f. “re, || de”.
Vorhanden: München H.; Kopenhagen,
London.
C Beschreibung wie A.
Lesarten: A 2a 10 “fuerst Hertzog”, A
2b 7 f. “schwe- || re”, B 1a 11 “mueste”, B 1b 15 “wider”, C 1a 16 f.
“bringest, un̄ || wirst”, D 1b 10 “ich wol auch”, D 2a 2 v. u. “Darmb”, D 4a 5 “gebot”, E
1a 8 “mit yhn spielen”, 11 “Got”, 17 “G.”, 19 “streben, Sie toedten”, 24 f.
“vnter- || than”, E 1b 1 f. “re- || de”.
Ferner: B 1a 1 “durch” (unverstümmelt),
B 1b 1 “selbs wol” (ohne Fliege zwischen beiden Wörtern), C 1a 9 “bekendnis”, C
1b 2 “fulen”, D 1a 3 “muest”, D 1b 5 “freilich”, E 1a 11 “Got”, F 1a 14
“stortzen”, F 1b 2 “wundsch”.
Vorhanden: Berlin (Luth. 5351a bis),
Königsberg U., München H. u. U., Wernigerode, Zwickau.
D Beschreibung wie A, aber in der
Jahreszahl am Schluß auch ein Punkt hinter der “9”: “1. 5. 2. 9.”
Lesarten: B 1a 1 “durch” (im Abdruck
verstümmelt), B 1b 1 “selbs | wol” (mit Fliege zwischen beiden Wörtern), C 1a 9
“bekentnis”, C 1b 2 “fuelen”, D 1a 3 “must”, D 1b 5 “freylich”, E 1a 11 “Gott”,
F 1a 14 “stoertzen”, F 1b 2 “wuendsch”.
Vorhanden: Berlin (Luth. 5351),
Stuttgart L., Zwickau; Basel U. — Erl. Ausg. 31, 2 Nr. 1.
E “Von heimlichen vnnd || gestolen
brieffen, Sampt ei- || nem Psalm ausgelegt, widder Hertzog || Georgen zu
Sachsen. || Mart. Luth. || M. D. XXIX. ||” Titelrückseite leer. 18 Blätter in
Quart, letzte Seite leer.
Bogen D hat nur zwei Blätter. Druck
wohl von Hans Weiß in Wittenberg.
Vorhanden in der Knaakeschen Slg.,
Arnstadt, Berlin, Heidelberg, München H. und U., Straßburg; London. — Erl.
Ausg. 31, 2 Nr. 2.
Niederdeutsch:
F “Van hemely- || cken vnde ge- ||
stolen breuen, Sampt ei- || nem Psalm vthgelecht || wedder Herhogen [so] ||
Georgen tho || Sassen. || Martinus Luther. || M· D. XXIX. ||” Titelrückseite
bedruckt. 20 Blätter in Oktav.
Druck von Josef Klug in Wittenberg.
Vorhanden in Berlin.
Spätere Drucke:
G Ausgabe von Dieterich Hermann
Kemmerich, Jena, bey J. F. Ritter 1731. Oktav.
Vorhanden in der Knaakeschen Slg.,
Breslau St., Dresden, Erfurt Minist., Greifswald, Hamburg, Jena, Leipzig U.,
Marburg, München U.
H Ausgabe von D. Friedrich Luecke.
Bonn, bei Eduard Weber, 1819.
Vorhanden in der Knaakeschen Slg.,
Berlin, Göttingen, Straßburg, Wolfenbüttel.
[Seite 22]
I Eine lateinische Übersetzung ist
enthalten in der von Cochläus veranstalteten Sammlung:
“Epistolae atq; libel- || li aliquot,
cōtinentes controuer- || siam, quæ inter Nobilem & Illustrem Princi-
|| pem D. Georgium Saxoniæ Ducem etc̄. & || M. Lutherum partim publicȩ religionis || caussa, partim
priuatarū quarundā || iniuriarum nomine versata est, || de mandato
eiusdem Ducis || Georgij iam recēs e ger- || manico in latinum ||
traducti, Quorū || capita sequēs || pagina in- || dicabit, || Lipsiæ,
Anno post Christum natum, || M. D. XXIX. ||” Titelrückseite bedruckt. 88
Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “Excusum Lypsiæ, per
Circumspectū virum || Melchiorem Lottherū, Sub Illustriss. || &
vere Catholico pioq; Principe || Georgio Duce Saxoniȩ etc̄. || ad Dei Optimi Maxi- || mi
gloriā et Chri- || stianorū sa- || lutem. ||” Nach diesen A –Y signierten
88 Blättern wurde noch ein Bogen a (4 Blätter, letztes Blatt leer) ausgegeben,
der auf Blatt a 1ab den Brief Luthers an Linck “Dominica post Barnabæ. D. M.
XXVIII.” und auf Blatt a 2a –a 3b “Errata” für das ganze Bnch enthält.
Die Schrift: “De priuatis et furto
surreptis literis vna cum Psalmo quodam enarrato cōtra Georgium Ducem
Saxoniæ” steht auf Bl. G3b –M3b. Vorhanden z. B. in der Knaakeschen Slg.,
Dresden, München H. (mit Bogen a), Nürnberg G. M., das (unaufgeschnittene)
Knaakesche Exemplar trägt auf dem Titelblatt die Widmung: “Pro Dnō
Vilibaldo Pirckheimer.”
Von den Gesamtausgaben ist die Schrift
aufgenommen in Wittenberg 9 (1557), 291b –300b; Jena 4 (1556), 562a –573a;
Altenburg 4, 628 –638; Leipzig 22, 5 –16; Walch 19, 621 –654; Walch 2 19, 518
–545; Erlangen 31, 1 –30. Der Brief an Herzog Georg nochmals Erl. Ausg. 54, 48
f. und sonst.
Zu den Drucken A –D ist folgendes zu
bemerken:
Während des Druckes von A wurde auf Bl.
E 1a folgendes im Satz geändert: Z. 8 “auff yhn spielen” (A) in das richtigere
“mit yhn spielen” (B), Z. 19 zum bessern Verständnis statt “toben” (A)
eingesetzt “Sie toben” (B) und, um den Raum für dieses eingeschobene “Sie”
auszusparen, in Z. 17 “George” (A) in “G.” geändert. So entstand B.
Noch während Bogen E in der neuen
Gestalt (B) ausgedruckt wurde, machte sich das Bedürfnis einer größeren Auflage
geltend. Zu dieser waren außer dem Satz von Bogen E (B) noch Teile des Satzes
von Bogen C und D vorhanden: von Bogen C noch die volle Widerdruckseite (Bl. C
1b C 2a C 3b C 4a), von Bogen D noch die volle Schöndruckseite (Bl. D 1a D 2b D
3a D 4b) und von der Widerdruckseite Bl. D 3b ganz, Bl. D 1b D 2a zum Teil.
Alles übrige, also Bogen A und B, ferner die Schöndruckseite von Bogen C (d. i.
Bl. C 1a C 2b C 3a C 4b), von der Widerdruckseite des Bogen D Bl. D 4a ganz und
Bl. D 1b D 2a zum Teil wurden neu gesetzt. Die Lesarten dieses neuen Satzes s.
o. bei C, Absatz 1. Gleichzeitig wurden auf Bogen E Bl. E 1a Zeile 19 statt
“toben” das richtige “toedten” eingesetzt, sowie die beiden Druckfehler E 1a 24
f. “vnher- || than” in “vnter- || than” und E 1b 1 f. “re, || de” in “re- ||
de” verbessert. So entstand C.
[Seite 23]
Bald darauf wurde ein völliger Neudruck
veranstaltet, der sich aufs engste an C anschloß und äußerlich von A nur durch
den Punkt am Ende der Schlußschrift “1. 5. 2. 9.”, im Jnnern durch die bei D
gegebenen Lesarten unterscheidet. — E stimmk mit 25, 9 stoltzem, 12 herrn, 43,
15 Sie toben zu B. — Als Übersetzung dieser Fassung ergibt sich F mit 25, 9
stoltem, 43, 15 Se douen, 25, 2 frede, 29, 16 H. G. Das Niederdeutsch dieses
Textes ist nicht einwandfrei, die Übersetzung ist sehr getreu, manche Änderung
im kleinen ist gewiß nicht beabsichtigt, sondern Druckfehler, nur im Text des
7. Psalms geht F gelegentlich eigene Wege. — G gibt sich in seiner Vorrede als
neue Ausgabe eines Wittenberger Drucks von 1529; mit 37, 8 setzen, 43, 27
siebend Gepot stimmt G allein zu D, von dem es ein (außer in orthographischen
Einzelheiten) getreuer Abdruck ist. — H stimmt mit 43, 15 zu streben, toben,
morden allein zu A, dessen Text es in sprachlich modernisierter Form bietet. —
I bietet den Text des 7. Psalmen in deutscher Fassung und stimmt darin mit 46,
31 verterben allein zu D. Die Übersetzung ist durch viele kleine Druckfehler entstellt,
sie hat, wie die verzeichneten Lesarten lehren, der Sprache Luthers nicht
entfernt in alle Höhen und Tiefen folgen können. Daß der Übersetzer den
Ausdruck habe mildern wollen, wenn er 26, 14 vber die schnaussen zu hawen mit
eiusmodi responso excipere, 29, 34 angefaren mit excepisse, 31, 17 uberrumpelt
mit interpellat wiedergibt, ist darum nicht anzunehmen, vielmehr klingt Luthers
Rede im lateinischen Text noch kecker und herausfordernder als im deutschen,
vgl. 25, 5 arguor, 25, 9 insolenter, 30, 29 Sepe numero, 31, 31 nisi quod ad
ipsius fatiat stomachum, 42, 2 quam grauissime possit, 44, 36 pontificis
Tyrannidem. Ob die Auslassung von 34, 29/30 odder zum wenigsten befristet, und
41, 35 zween aus H. Georgens fuerstenthum aus Flüchtigkeit oder aus der, dann
freilich an Fälschung streifenden Absicht zu verschärfen entsprungen ist, wird
sich nicht entscheiden lassen. Daß die Übersetzung aus dem gegnerischen Lager
stammt, ist ohnehin gewiß.
Wir geben die Abweichungen der Drucke
BCD erschöpfend, die von EF, soweit sie Wortlaut und grammatische Form
betreffen, die von I, soweit sie den Sinn des Lutherschen Textes berühren. G
und H waren als nach Luthers Tode erschienen zu übergehen.
Über die sprachlichen Abweichungen von
E läßt sich zusammenfassend folgendes sagen: Bezeichnung des Umlauts ist
eingeführt in beichtueter 34, 6; vngleublich 38, 11; moecht (Conj.) (5), koempt
(2), boerne(t) (2), groesser 30, 13, foerderlich 31, 26, schoenes 32, 26,
troetzlich 36, 15, troetzig 36, 22, boesewicht 40, 9, roeren 42, 20, stoeltzer
42, 22, moerden 43, 15, froemkeit 45, 36; Nuermberg (7), Fuerst (2), daruemb
(24), Druemb 35, 11, widderuemb (8), waruemb (2), (vn)schueldig (3),
entschueldigung(e) (4), (ent)schueldigen (2), guelden (3), buendnis (13),
schmuecken 27, 25, betuengen 31, 8, wuerde(n) (2), duenckt 35, 35, furmuenden
36, 28, geruest 46, 32, unglueck 47, 4; stuenden 30, 24, fuelen 34, 13,
kluegelern 36, 10, fueren und seinen Formen (6), muessen u. s. F. (9).
Bezeichnung des Umlauts wird entfernt
in bosheit (2), Oberkeit 40, 11; kurtze 25, 18, vermutet 27, 7, gedruckt 33,
25.
[Seite 24]
Sonstiges zum Vokalismus: 1. ie > i
in briffe (2), disem 41, 10; i > ie in yederman (2), friede 41, 24,
blutuergiessen 44, 15.
2. u wird zu o siebenmal in from u. s.
F., zu oe sechsmal in foerchten u. s. F. Je einmal wird o zu u in gunst 44, 2
und zu ue in stuertzt 47, 33.
3. Unbetontes e wird viermal zu i in
nehister u. s. F.; wird insgesamt zwölfmal zugesetzt in genug, verdreusset,
verdeudschet, kurtze, habe, alleine, wercke; elfmal entfernt in Gnad,
geringsten, welchs, narrn, handeln, Georg, brieff, ein, ehr, allein.
Zum Konsonantismus ist zu bemerken: 1.
Fortis tritt ein in gepot (19), gepet (5), geperen 47, 2, geporn 47, 9;
bekentnis 33, 33, begert 36, 22.
2. Lenis tritt ein in Babst(um) (3),
geboten 45, 9.
3. Doppelkonsonant wird eingeführt in
Grobbel(t) (2), zeddeln 25, 23, odder (6), widder (2), foddern 46, 8, hirrschen
32, 8, Sachssen (8), fusseissen 31, 9, weissest 44, 12, leutte (6), Gott (2),
huette 35, 11, geradten 38, 3, Wentzel 29, 15.
4. Doppelkonsonant wird vereinfacht je
zweimal in last und oder, desgleichen in fodert 31, 13, wider 37, 8.
5. Dehnungs-h wird beseitigt in vorrede
36, 5 und siebenmal in Formen von nemen, eingeführt in auffrhuerischen 33, 6
und viermal in Formen von rathen (verrhaten 31, 5/6); verreth > verrhet 47,
21, befelhen > befehlen (6).
6. Statt -gkeit tritt achtmal -ickeit,
statt -thum zweimal -thumb ein.
[Seite 25]
[Seite 25]
[Bl. A ij] Martinus Luther allen frumen
Christen
Gnad und friede ynn Christo.
Es ist itzt newlich ein buchlin unter
Hertzog Georgen zu Sachsen namen ausgangen, darynn ich werde angegriffen eines
brieffs halben, so ich sol haben geschrieben an den wirdigen hochgelerten Doctor
Wencelaus Linck, prediger zu Nurmberg. Und ist war, das mich des selbigen
brieffs halben genanter furst hertzog Georg schrifftlich ersucht hat und (wie
sein gedruecktes buechlin zeigt) gleich mit stoltzem pochen und trotzen solches
gefoddert, Darauff ich geantwortet wie folget:
Dem durchleuchtigen, hachgebornen
fuersten und herrn,
herrn Georgen, hertzogen zu Sachsen,
Laudgraven ynn Dueringen
und Marggraven zu Meissen, meinem
gnedigen herrn.
Gnade und friede ynn Christo. Jch hab
E. F. G. schrifft empfangen, darynn E. F. G. von mir begert einer zeddel odder
abschrifft halben antwort, ob ich solcher schrifft mir bewust sey, Und solchs
als mueste ich gleich dem geringesten verpflichten odder gefangenen hie zu
gewarten sitzen. Darauff ist mein kuertz antwort: Nachdem E. F. G. wol weis
meine hohe gedult, so ich bis her getragen habe uber die vorrede auffs newe
testament des Emsers und auff die antwort meiner hertzlichen demuetigen
schrifft begegnet, Also wil ich noch dismal auch gedult haben uber diesem
stuecke, angesehen E. F. G. grosse und schwere anfechtungen, Und bitte gantz
demuetig, E. F. G. wolten mich mit solchen zedeln odder abschrifften unversucht
lassen. Es wird sich on zweivel E. F. G. bey denen, so solche zeddel haben
zugericht und gereicht (auch wol on des Luthers zuthun) wol wissen zu erkunden,
wes solche schrifft sey, welche E. F. G. mehr denn ich verwand odder zugethan.
Nichts herters wil ich auff dis mal widder solche frume leute geschrieben
haben. Denn zu erbarmen und zu bitten fur E. F. G. anfechtung were ich
Christlich geneigt, wo es E. F. G. leyden kuendte. Hie mit Gott befolhen, Amen.
Zu Wittemberg, Sonnabends des letzten Octobris 1. 5. 2. 8.
E. F. G.
Williger Martinus Luther.
[ 2 freide E 3 itzt fehlt F 5 sol]
arguor I 7 furst] fuerst CD fehlt I 8 George CD ersucht] besocht F me cōvenerit I
9 stoltzen CD tā nō
superbe, insolenter, ac minaciter a me rn̄sum flagitarit I und fehlt F gefodddert A geanwortet CD 10 wie] wo hir na F 11
durhleuchtigen A 12 herrn] herr CD 16 ob ich] efft ock F schrifft ] schaedulae I 19 bisher]
wente sueslange F 21 uber diesem stuecke] hoc, Quod mihi nunc obijcit7 I 22
anfechtungen] anfechtinge F tētationē I 23 affschriffte F 24
subornarūt, & exhibuerūt I 26 subditi & obstricti I 29
Sonnabends fehlt I]
[Seite 26]
Und hette warlich auch gehoffet, Er solte sich
an solcher guetiger, demuetiger antwort lassen benuegen. Weil er aber nicht
rugen kan und seiner boesen anfechtung schlechts nichts widderstehen wil, bitte
ich gantz freundlich, ein iglichs frumes hertz wolte mich nicht verdencken, ob
ich meine notturfft rede, sondern ansehen meine not, dahin mich der [Bl. A iij]
unruegige man dringet und treibet. Denn das weis Gott, das ich hertzog Georgens
gerne verschonet hette, nicht alleine seiner eigen ruge und friedens halben,
sondern auch des gantzen loeblichen hauses zu Sachsen. Darumb hab ich auch bis
her auff die schendliche, unchristliche vorrede des newen testaments, darnach
auff sein unfuerstlich und ungeschickte antwort auff mein hertzlich demuetigs
schreiben nichts geantwortet, sondern mit hoher gedult ynn mich gefressen, das
nicht bey unsern nachkomen dem loeblichen hause zu Sachsen ein schimpff bliebe.
Eben so hette ich auch auff die nehesten ersuchung meines brieffs halben yhm
wol mit einer solchen antwort uber die schnaussen1 zu hawen gewust, das yhm die
lust solcher suchung solt gebuesset worden sein, wo ich nicht seiner hette
wollen verschonen.
Wolan, die schuld ist nicht mein: Ein
iglicher sihet, das2 Hertzog George so haben wil, So las her gehen, Gott
wallts. Erstlich klagt er, das ich nicht habe richtig wollen antworten, Ja
odder Nein sagen, so er doch nichts, denn die warheit gesucht habe &c.. Da
antworte ich: Was er fur not oder recht hat solche warheit zuerforschen, wil
ich hernach wol anzeigen. Jch weis aber noch heutiges tages nicht anders, denn
(so ich glimpfflich und guetig antwort auff solchs forschen solt geben) das mir
gebuert widder Ja noch Nein zu sagen, Welchs seine vernunfft, so sie ausser der
anfechtung were, sich wol selbs hette wissen zu berichten. Denn sintemal dis
eine heimliche schrifft sein sol an eine einige person geschrieben, nicht durch
den druck offentllich ausgangen noch unter viel leute geschicket (wie er mich
mit der unwarheit zeihet) und ich den heubtbrieff noch desselbigen abschrifft
bey mir nicht habe noch hatte, wie solt mirs angestanden haben, ia wie wolt
mein gewissen bestanden sein, wo ich Ja odder Nein hette geschlossen yn solcher
sachen, da ich selbs widder Ja noch Nein gewis war noch schliessen kundte? Denn
wo ich des brieffes verleugnet und Nein gesagt hette, mocht man mich villeicht
mit der handschrifft und siegel uberzeuget haben, Hette ich aber Ja dazu gesagt
Und der brieff durch viel
[ 1 warlich fehlt I 3 schlecht CD 8
bisher] wente heer [und so immer] F 10 antwort] epistolā I 11 Sed eam
iniuriā summa animi patiētia deuoraui I 13/14 potuissem equidē
illum eiusmodi responso excipere I 14 schnaussen] schnutten F 16 Wolan] Sed
quid fatias? I 17 So las her gehen] permittantur igit~ vela ventis I walts CD 19 odder CD 20 tho erfoerderen
F 22 gebuert] gehoert [und so immer] F 26 zeihet] beschueldiget F 26/27
heubtbrieff] autographum F 29 geschlossen] P̱nuntiassem I 30 schliessen] P̱nuntiare I kuendte CD 31 moecht CD mich] sick F]
[Seite 27]
hende gelauffen, da zubesorgen er mocht
gebessert odder geendert sein (wie es denn wol auch meinen gedrueckten buechern
geschicht) so were ich abermal fein angelauffen. Darumb hab ichs glimpfflich zu
handeln fur das beste angesehen, so ich yhn zu den frumen leuten weisete, die
yhm solche schrifft hetten gereicht und zugericht, bey welchen es yhm
fuerstlicher und vernuenfftiger angestanden were und er auch schuldig war zu
erkunden Und nicht von mir foddern, des er keinen fug noch recht hatte zu
foddern, dazu auch billich sich vermuetet haben solt, das er ein unmueglich
ding (schweige des unbillichen) von mir foddern wuerde.
Nu aber mein guetiger glimpff umb sonst
ist und sol und mus pochens gelten, so sage ich itzt, ich wolt zehen gulden
darumb geben, das Hertzog George meine handschrifft und siegel bekomen hette,
so wolten wir ein feines spiel fur dieser fastnacht haben angericht. Aber was
sol ich nu [Bl. A4] thun? der heubtbrieff ist nicht da (hoere ich sagen) Und
der unruegige man feret heraus, gruendet sich auff solche schrifft, welcher
doch widder ich noch er selbs gewis ist noch gewis sein kan, deutet und tregt
den selbigen spielen1 , sich damit zu schmuecken und mich damit zu schenden und
zuverunglimpffen. Wie gar fein und loeblich hette es einem klugen fuersten
angestanden, das er nicht so leichtfertiglich heraus fure mit ungewissen
schrifften, sondern sich also bedacht: Der brieff ist ungewis und eines
heimlichen brieffes abschrifft, las yhn faren, Was kanstu daraus machen?
Jch weis treffliche leute, so bis her
Hertzog Georgen des fuerstlichen bundnis odder auffrhurs gantz unschueldig
gehalten, itzt anfahen zu zweivelen und mit argwahn werden angefochten, Darumb,
das er so engstlich und genaw sich sucht zu schmucken, auch unnoetiger
unbillicher weise. Und wenns nicht verboten were nach argwahn zu urteilen, were
mir fast auch also, Denn schueldiger gewissen art ist neben andern auch diese,
das sie mit allzu vleissigem und allzu hohen unnoetigem entschueldigen sich
selbs zu verrhaten pflegen, Da her auch das sprichwort2 kompt so man von
solchen entschüldigern spricht: ‘Ey
[ 1 moecht CD gebessert] additū I 6 schueldig CD
7 fug] orsake F 11 sage ich] P̱fiteor equidē ingenue I 13 fastnacht] Vastelauende F
bachanalia I 14 heubtbrieff] autographon I 16 ludendi, quod aiunt, causa
circūgestare I 17 populiq; inuidiae obijciat I 18 klugen] wysen F 19 fuere
CD schriffen A 20 las yhn faren]
Quin igit~ eas negligis? I 23 buendnis CD 24 argem wahn F 25 schmuecken CD 26
verpotē CD 29 von] vor F]
[Seite 28]
wie weis bornet er sich, Ey borne dich nicht
zu helle.’ Froeliche sicher gewissen lassens bey einfeltiger und noetiger
entschueldigung bleiben, Aber das las ich Got befolhen sein, Der wirds wol
finden. Verdacht und argwahn, dazu sein selbs gewissen, las ich machen was sie
machen.
So denn nu Hertzog George solche
abschrifft dafur helt yn seinem synn und sie durch den druck als die meine aus
lesset, So wil ich der sachen thun [Matth. 12, 37] nach der lere Christi, da er
spricht ym Euangelio: Ex verbis tuis iustificaberis, [Luk. 19, 22] et ex verbis
tuis condemnaberis, Und abermal: Ex ore tuo iudico te, serve nequam. Dem nach,
so neme ich mich dieses brieffes hinfurt an als des meinen, Doch mit solcher
mas und unterscheid, das ich mein gewissen wil bewaret haben, als das fur Gott
nicht kan gewis sein, das solcher brieff mein sey, weil der heubtbrieff nicht
fur handen ist, Sondern auff Hertzog Georgens dunckel und wahn gruende ich
mich, Das, weil er dafur helt, Er sey mein, so nenne und neme ich yhn fur den
meinen an und nicht weiter, Denn es sol dieser handel nicht auff meinem
gewissen noch bekentnis, sondern auff Hertzog Georgens duenckel und wahn
gegruendet sein.
Hieraus folget nu, so dieser brieff
nach Hertzog Georgens meinung mein ist, das freilich genanter Hertzog George
dafur halten sol und mus, Er hab das meine bey sich wider meinen wissen und
willen, und sol und mus billich ein gewissen haben male fidei. Denn wer hat
hertzog Georgen die macht gegeben, das er frembdes gut bey sich hellt widder
wissen und willen des, so der herr dazu ist? Ja, wer hat yhm die macht gegeben,
solch frembd gut nicht allein bey sich zu halten (welchs noch zu leiden were)
sondern auch damit zu handeln und gebaren mit frevel und gewalt als mit dem
seinen nach allem mutwillen, zu unuberwindlichem schaden und nachteil seines
herrn odder besitzers? Denn er lesst diesen gestolen, geraubten und gefangen
brieffe [Bl. B 1] durch den druck ausgehen, mich damit zu unterdrucken und sich
zu erheben. Jch mus ein gleichnis geben, das ers verstehe.
Wenn ich einen brieff hette aus Hertzog
Georgen Cantzeley bekomen widder seinen wissen und willen, und handelte damit
widder sein ehre und glimpff, wie solte yhm das so hertzlich gefallen? Und wenn
er mir viel gnaden gestattet, so mocht er mir solchen brieff villeicht heimlich
lassen, aber damit oder nichts drauff handeln. Den kopff muste ich sonst
verlieren, wenn der hals gleich eitel eisen und stal were. Odder wenn ich
tausent gulden einem kauffman ynne hette widder seinen wissen und willen, und
bekennet dasselbige nicht allein, sondern pochet und trotzet darauff, yhn damit
ynn grund zuverderben — Las hie Hertzog Georgen selbs urteilen, was ein solcher
wol
[ 3 archwahn F 10 mas] masse CD 12
heubtbrieff] autographū I duenckel CD opinione I 17 nu fehlt F 18
habe CD 19 meinen] meinē A mynen F 21 helt CD 33 mueste CD 34 yseren vnde
stael were F weren AE 35 ynne hette] vorhelde F 36 yhn] fortunas eius I]
[Seite 29]
verdienet hette. Ja, brieffe sind nicht
gueter? Lieber, Wie wenn es sich begebe,
das mir odder dir an eim brieffe mehr denn an tausent gulden gelegen
were? Solt nicht solcher brieff so werd
und lieb sein als tausent gulden? Dieb ist
ein dieb, er sey gelt dieb odder brieffe dieb.
Nu stehe ich, Doctor Martinus Luther
auff Hertzog Georgen duenckel und
gewissen, ruffe und klage offentlich fur aller welt, Das der selbige
Hertzog George meinen brieff ynne hat
widder meinen wissen und willen (welches ich
dennoch wol leiden mocht, wenn er ia so grosse lust hat zu heimlichen
frembden brieffen) dazu damit offentlich
und frevelich gebaret seines willens zu unterdruecken mein glimpff und ehre. Denn er kan sich des
leichtlich selbs wol bereden, das Doctor
Luther von Gottes gnaden wol so viel deudschs und lateinisch schreiben kan, wo er wolte Hertzog
Georgen seiner brieffe einen zukomen
lassen, das er die uberschrifft wuerde und kuendte an Hertzog Georgen stellen und dem selbigen solchen brieff zu
eigen, macht geben zu haben und
offentlich zu gebrauchen und nicht dafur einem andern (als D. Wencel
Lincken) zu schreiben odder zu fertigen.
Denn H. G. bekennet selbs ynn seinen schrifften, Solcher brieff sey Wencelao Lincken und nicht
Hertzog Georgen zu geschrieben. Das mus
ich also verstehen, als spreche er: ‘Jch, Hertzog George habe Martinus Luthers brieff, der mir nicht gehoert noch
gebuert1, widder seinen wissen und
willen, sondern gehoert Wencelao Lincken, und handele doch offentlich
damit widder sie beide.’ Ey danck habt,
lieber herr.
Hie sihe nu den rechten richter Jhesum
Christum, und was ein mensch thut, so yn
anfechtungen ligt und widder Christum tobet. Hie findet sichs, das meine zornigen iunckern, so die
Christlichen kirchen schuetzen und die ketzer
vertreiben, den glawben verteidingen, wenn sie lange fechten und pochen
also herunter fallen und daumeln, das
not were, man furet sie zur schulen und
[2. Mose 20, 15, Röm. 9, 33] leret sie die zehen gebot, da Gott spricht
‘Du solt nicht stelen’. Das heisst (mein
ich) sein angelauffen an den fels des ergernis. Wo sind hie die
hochgelerten des rechts und der schrifft
gewesen, die yhrem herrn (wie sie fur
yhren reichen sold zu thun schuldig sind) hetten geraten, sich anders
ynn dieser sachen [Bl. B ij] zu halten
Und lassen yhn ynn solchen schimpff fallen?
Also solte aber Hertzog George gethan
haben, wenn er fuerstlich und weislich
hette wollen thun: Die gesellen, so yhm diesen meinen brieff brachten und reitzten widder mich, solt er mit
fuerstlichem ernst angefaren haben und
gesagt: ‘Was bringt yhr daher? Wo fur haltet yhr mich? Woltet yhr mich
[ 1 gueter] pecuniae I 5 Doctor fehlt I
16 H. G.] Hertzog George E 19 wider CD 20 openbar F 21 beyde CD Ey] J F 23 Christum] deo I 24 Iunckeros
[und so stets] I Christlichen fehlt I 25 vertreyben CD verteydingen CD 26 tumelen F fueret CD 28 fein fehlt I 31 schimpff]
ioculare malū I 33 Die gesellen ] bonos illos viros I 34 haben angefaren E
excepisse I]
[Seite 30]
so yn einen schimpff furen, das ich mit
frembden brieffen umbgehe, darauff
handeln und narren solt? Wenn ichs gleich umb des Muenchs willen nicht wolt lassen, so wolt ich doch umb Gottes
willen mit solchen brieffen unverworren
sein, weil er gepeut, Man sol nicht stelen noch gestolen gut ynne haben.’ Das were eine fuerstliche und
adeliche tugent gewest, Davon Salomon
[Spr. Sal. 20, 8] spricht: Ein furst, der auff dem stuel des rechten
sitzt, vertreibet alles unrecht mit
seinem anblick.
Odder wenn er ia so lustern sein wolt
mit frembden heimlichen brieffen
umbzugehen, solt er die selbigen heimlich bey sich behalten und nicht
offentlich erfur thun und darauff
handeln, Denn was heimlich ist, sol man heimlich lassen bleiben, bis yhm befolhen werde odder
recht gewinne, dasselbige offenbar zu
machen. Es ist gar gros unterscheid unter einem heimlichen und
offentlichem, unter einem frembden und
eigenen brieffe, Ja kein grosser brieffefelscher ist auff erden, denn wer einen heimlichen
brieff widder wissen und willen seines
herrn offenbar odder einen frembden zu eigen machet: Der verfelschet nicht vier odder funff wort darynnen, sondern
den gantzen brieff, das es hinfurt nicht
mehr der selbige brieff ist, noch heissen noch sein kan, weil damit die gestalt und art des gantzen brieffes und
die meinung des schreibers aller dinge
verkeret und geendert ist, Und wird yhm das seine mit gewalt genomen und offentlich geraubt und zu schanden
gemacht, wie auch die keiserlichen
rechte leren.1
Darumb schreibt auch S. Hieronymus2 von
solchen heimlichen brieffen, die yhm
auch gestolen waren, das sie fur nichtige brieffe zu halten sind, Und ob schon auch lesterwort drynnen stunden
(spricht er) sollens dennoch nicht fur
lesterwort an zunemen sein. Und was sind heimliche rede und brieffe
anders, denn eitel blosse gedancken, die
noch nicht an tag komen sind, dazu villeicht
an tag auch nicht komen sollen? Lieber, es gehoeren klueger leute zu
heimlichen [1. Sam. 22, 9; 26, 1, Ps.
52, 2; 54, 2] brieffen, denn Hertzog George ist mit seinen Zibitern und
Doegitern. Mir sind auch wol etwa heimliche
brieffe meiner feinde, beide mit siegel und handschrifft
[ 1 fueren CD vt literas cōtrectem alienas I 4
gebeut CD 6 fuerst CD 18 gestalt und art] ratio, & genius I 19 ding CD 24
darynnen stuenden CD sollen es
ABCD scholde ydt F 26 an den dach F
dartho ock F 27 an den dach F
Lieber fehlt I 29 etwa] vortiden F Sepe numero I]
[Seite 31]
zu komen, Damit ich yhn wol hett wollen
die welt zu enge machen1, wenn ich
Hertzog Georgen exempel wolt gefolget haben. Aber ich lies sie heimlich bleiben und verachtet sie oder
zureis sie, on das ich die warnung guter
freunde an nam. Jch schreibe auch heimliche brieffe, Aber allzeit mit der bedacht, das sie der teuffel (so mir ynn
alle wege nachstellet) moecht verraten
und offenbaren. Darumb behalte ich mir einen hinderhalt, wenn sie ia geoffenbaret wuerden, damit ich den
teuffel auffs narrenseyl fure2, das er
sich selbs yn seiner klugheit betungen3 mus. Es heisst: Huett dich fur
des Luthers heimlichen brieffen, sie
sticken vol [Bl. B iij] fuseissen und stricke, Wers nicht glewbt, der versuchs.
Aber was thut mein lieber herr Hertzog
George? Er nimpt nicht allein mein
heimliche gestolene brieffe an, die yhm nicht gepueren zu haben, welches ich noch leiden kuende, Sondern poltert und
stoltzet daher und foddert sie von mir
selbs und wil bey mir ein herr uber meine heimliche brieffe sein, so er doch nicht eins hellers werd uber mich
leiblich herrscht, gerade als hette er
recht und macht zusehens zu rauben das meine und mich zu zwingen,
ynn solch sein reubisch foddern zu
willigen. Dran nicht benueget, uberrumpelt er
den loeblichen frumen Kuerfuersten zu Sachsen, wil durch den selbigen
schier als durch seinen armen knecht
sein reubisch foddern an mir ausrichten, als sesse der Kuerfuerst da zur froen und dienst, das
er Hertzog Georgen meine gestolen
brieffe foddern und rauben helffen muste. Und das des frevelen ubermuts
ia keine masse sey, feret er uber die
feinen herrn des Rats zu Nurmberg auch
fast schier als ein keiser uber seine armen unterthanen, grobbelt,
sucht und foddert die handschrifft durch
sie von Doctor Wencelao Lincken, so doch
widder Nurmberg noch Wencelaus seine unterthan sind, schweige denn,
das sie solten seinen ausgeschickten
dieben und reubern forderlich zu sein sich
schueldig erkennen.
[Jes. 16, 6] Wo wil doch der unruegige
man zu letzt hinaus mit solchem Moabitisschen
stoltz und hohmut, der sich unterwindet so gewaltig zu sein auff erden,
das niemand (auch seiner feinde keiner)
heimlich von yhm reden, schreiben odder
gedencken solle, es gefalle yhm denn? Ja das muste man yhm bestellen,
bald,
[ 1 eo illos adigere potuissem, Vt quo
se gētiū verterēt, nescituri fuissent I 3/4 discerpebā,
admonitionē tn̄ bonorū amicorū accipiebam I 4/5 mit bedacht F 5 allen F 7/8 vt
in sua ipsius sapiētia cōstrictus teneat.~ I 8 betungen] beschiten F
9 heimlichen fehlt E fuseisen CD
11 lieber fehlt I 14/15 cum in me ne latū quidē vnguem imperiū
obtineat I 15 hellers] scherues F 17 uberrumpelt] interpellat I 19 utgrichten F
21 mueste CD 23 grouelt [und dementsprechend immer] F 25 vnterhan A 31 es
gefalle yhm denn] nisi quod ad ip̄ius fatiat stomachū I mueste CD]
[Seite 32]
noch fur essens. Jch weis wol, das er
Hertzog zu Sachsen, Landgrave ynn
Dueringen und Marggrave zu Meissen ist Und fur war, Gott hat yhm
ein fein land und schoene herrschafft gegeben
und doch leider, wie Salomon sagt, [P
ed. 5, 18] Jst yhm nicht gegeben, das ers mit genuege und ruge seines hertzen
brauchen kuende. Das er aber Hertzog
uber frembde brieffe, Landgrave uber heimliche
rede und Marggrave uber gedancken solt sein, das werde ich, ob Gott
wil, dis iar nicht glewben noch leiden.
Und ob er so grob und thuerstig sein wolt,
das er durch den Kuerfuersten als durch mittel odder knecht uber mich
hirschen wolt, so wil ichs aber nicht
haben noch bewilligen, Denn ich wil Hertzog
Georgen nicht zum herrn haben odder billichen, ehe denn Gott yhn mir
zum herrn macht und setzt. Er ist mein
abgesagter feind, des sol er sich gegen
mir auch halten, also wil ich auch sein gewarten, wie wol ich sein feind
nicht bin, sondern auch hertzlich und
demuetiglich gnade gesucht und gebeten habe
und alles gut gewuendscht. Hat er nu etwas widder mich, So sol mein
landsfuerst richter setzen Und er mit
seinen hochgelerten verklage mich auffs scherffest und beste er kan. Werde ich mich nicht verantworten,
so bitte ich umb keine gnade. Aber ich
rathe es yhm nicht, Ja das fuelet er auch wol, das er mit recht nicht viel gewinnen wurde, darumb wil
er mit frevel und gewalt zu mir
einbrechen.
Und was wolt H. G. daraus machen, Wenn
[Bl. B 4] ich noch heute odder morgen
heimlich mit eim guten freunde redet oder zu yhm schriebe, wie ich H. Georgen entschueldigung fur nichts
hielte, sondern dechte schlechts, er
were des furgenomen fuersten auffrhurs schueldig, und alle stueck
anzeiget von wort zu wort, wie sie yhm
gestolen brieffe stehen? Was wolt er mir von
rechts wegen darumb thun? Jch hette (spreche sein Doeg) seine ehre
und glimpff geschendet — Wo da, mein
schones lieb? Der brieff were ia heimlich,
Die rede were heimlich, Die gedancken weren heimlich. De occultis
non iudicat Ecclesia, multo minus
iudicat de eisdem Magistratus. Wie kan denn
sein ehre und glimpff genomen werden, so kein offentliche rede,
schrifft, zeuge odder urteil gehabt mag
werden? Odder sol man die hofeschrantzen zu Dresen noch leren, was da heisse ehre und glimpff
nehmen? Sie sollen mir heimliche sachen
ungericht lassen und des keinen danck dazu haben.1 Ja ich hette gleich wol heimlich meinem nehesten damit
affterredet: Ey lieber, da lasse Gott
und mein gewissen richter sein, ob ich wol odder ubel dran thu, Da gebuert dir nichts zu wissen noch zu richten.
Machte aber Hertzog George
[ 1 noch] nach E 3 leyder CD 6
gedancken] secretarū cogitationū I ob Gott wil fehlt I 7 leyden CD 8 ein
middel F 12 gewarten] warnemen F 15 hochgelerten] doctis I 16 beste]
disertissime I 18 wuerde CD 20 H. G.] Hertzog George E 22 H.] Hertzog E 23
schueldig] nō expertem I stuecke anzeigt CD 26 schoenes CD Quo id tandē pacto lepidū
meum capitulum? I 29 keine CD 30 Centauri Dresdensis aulae I 31 noch] nach E 32
nec vllā interim gr̄am a me ineant I 33 meinen E Ey lieber fehlt I Ey] J F]
[Seite 33]
[1. Mos. 38, 23] solche heimliche
brieffe offenbar, so spreche ich: Er habes yhm, Er schendet sich selbs damit und lasse mich ungeschendet mit
seinem offenbaren.
Ja wie, wenn ich gleich yn offentlicher
schrifft hette durch den druck lassen
ausgehen, das ich H. Georgen fur einen grossen narren hielte und
unangesehen seine entschuldigung dennoch
als meinem feinde nicht gleubete, das er
an dem auffruerisschem bundnis unschuldig were: Was were yhm denn? Wo mit wolt er mich zwingen, das ich yhm
glewben mueste? Sonderlich so er nicht
ein Gott uber mein hertz noch herr uber meine zungen und feddern, sondern mein feind ist? Es mueste mir ein
seltzams newes recht sein, da mich mein
feind yhm zu glewben zwingen moechte. Wie mus ich thun, da er so schendlich ynn der vorrede des newen
Testaments und ynn seiner antwort auff
mich lestert, mehr zur ewiger schande dem loeblichen hause zu Sachsen
denn mir? Were ich sein oberherr, Er
wuerde es villeicht lassen, Aber nu er mein
feind ist, mus ichs von yhm leyden. Aber hie, da ich yhm nicht glewbe,
wil er zuernen und toben, darumb das er
denckt, er sey mein herr, ia des Kuerfuersten
herr dazu, Und kan sich nicht besynnen, das er nicht herr, sondern feind sey und nicht solt herrlicher sondern
feindlicher masse und gestalt hierynn
handeln.
Wolan, es sey davon gnug, wir wollen
zur sachen greiffen und endlich
schliessen: Jst der brieff an D. Wencelaum nicht mein, so ists ein
ertichter, falscher, erlogener brieff, der
mir on schaden sein sol. Jst er aber mein, wie
ich droben auff Hertzog Georgen bekentnis und that hab angenomen, So
ist an Hertzog Georgen mein ernstlich
foddern von meinen wegen, Aber von
Gottes wegen sein ernstes gestrenges gebot, das er genanten brieff sampt
allen exemplaren, so davon abgeschrieben
odder gedrueckt sind, bey einer todsunde und
verlust Goettlicher gnaden und seiner seligkeit mir oder D. Wencelao
widder heimstelle, als ein gestolen [Bl.
C 1] und geraubt gut seinem rechten herrn und
besitzern, und also mit thetlicher voller erstattung den brieff widder
heimlich mache und dahin lege, da er yhn
genohmen hat. Denn da stehet Gottes
gebot: Du solt nicht stelen, Welchem H. G. ia so wol unterthan sein mus als andere menschen. Und er weis ia wol, das
er solchen brieff als unser gelt und gut
widder unser wissen und willen ynne hat, lauts seiner eigen bekendnis und dieser meiner offentlichen
schrifft. Daneben auch uns beiden
erstattung thu unser beraubten ehre und glimpff und ander schadens
und nachteil, so uns durch yhn aus
solcher unsers brieffes frevelicher offenbarung
entstanden ist, Und uns solchs wie eim Christen gebuert umb vergebung
abbitte,
[ 1 so spreche ich fehlt I 4 H.]
Hertzog E 5 entschueldigung CD 6 auffruerischem CD buendnis CD 11 vorrhede CD 12 ewigen E
15 er fehlt F zoernen CD 17
hertlicker F 25 exemplaren] exempla I
und fehlt F 26 odder CD
Wencelaum AF 25/26 tho hus stelle F 27/28 veris dn̄is ac possessoribus I 33
bekentnis D beyden D]
[Seite 34]
[Matth. 5, 23] Matthei. 5: Wenn du dein
opffer zum altar bringest und wirst daselbs
ynnen &c..
Mit solcher lasst wollen wir Hertzog
Georgen gewissen beschweret haben: Nicht
wir, die keine gewalt uber yhn haben, sondern Gottes gebot (wie alle welt weis) zwingt und foddert solches von
Hertzog Georgen. Wird er das verachten,
so sehe er zu wen er verachtet. Und die pfarher odder beichtvater muegen sich auch wol fursehen, das sie yhn
nicht absoluiern noch das Sacrament
reichen, auff das sie nicht teilhafftig sich machen solcher sunden
widder Gottes gebot, Er selbs auch nicht
bete noch opffere, Er habe denn zuvor dem gebot
[Matth. 5, 23] Gottes und dem Euangelio Matth. 5. itzt angezeigt gnug
gethan. Wir wollen entschueldigt sein,
wir habens angezeigt und das unser gethan. Wird sie es helffen, das wir ketzer odder geringe
geachtet sind, das sol yhr gewissen mit
der zeit wol fulen, Und die erfarung sols klar machen, welchs teils
bann odder excommunicatio am stercksten
sey: Obs der sey, der Gottes gebok fellet
und dadurch treibet, odder die, so menschen trewme on Gottes wort
fellen. Denn wir sind auch unter dem
wort Nehester begriffen, das wissen wir.
Des gleichen wollen wir beschweret, das
ist solch Gottes gebot angezeigt haben
allen seinen Rethen und dienern, so zu solchem brieffe geraten, geholffen und gedienet haben, Und vermanen sie, das sie
keinen schertz hieraus machen. Denn ob
wir wol keine oeberkeit noch gewalt uber sie haben, so zeigen wir doch als die nehesten den an, der uber sie
ist und solchs von yhn foddert durch
sein gebot, das da sagt: Du solt nicht stelen, Aus welches gebots krafft wir unsern gestolen brieff widder foddern.
Sie muegen auch zu sehen, das sie nicht
sich betriegen lassen durch unnuetze kleffer, die villeicht sagen wuerden, Man koenne einem verdampten ketzer nicht
unrecht thun. Denn ob schon ich ein
verdampter ketzer were, so wil Gottes gebot unverdampt sein, So ist auch Doctor Wencelaus noch nicht mit namen
verdampt odder verurteilet, welchem
dieser brieff furnemlich zustehet. Auch so bin ich auff dem Reichstage
zu Speyr durch ein offentlichs
Keiserlichs Reichs Decret widderumb befreihet odder zum wenigsten befristet, das man mich nicht
kan einen ketzer schelten, weil daselbs
beschlossen ist von allen eintrechtiglich, das ein iglicher solle und
muege glewben, wie ers wisse gegen Gott
und Keiserlicher Maiestet zuverantwor-
[Bl. C ij]ten; Und ich billich daraus als die ungehorsamen dem Reich und
auffrhuerischen beklagen mocht alle die,
so mich einen ketzer schelten. Hat das
gebot zu Worms gegolten, da ich verdampt ward on bewilligung der besten und hoehesten stende des Reichs, warumb solt
mir denn das gebot zu Speyr
[ 1 Matth. viij. I 2 ynnen] indechtich
F 3 wolden F 4 gewalt] ius I 6 pfarher] Kerckhere F 10 woellen CD 13 fuelen
D sols] solckes F 13/14 bann odder
fehlt I 14 sterckesten D 19 vermanen] edicimus I schertz] schimp [und so weiterhin] F 20 oeberkeit] ius I 27 Doctor] D. E
29/30 odder bis befristet fehlt I 33/34 auffrhuerische E 34 moechte D]
[Seite 35]
nicht auch gelten, Welchs eintrechtlich
durch alle stende des Reichs beschlossen
und angenohmen ist?
Darumb, sage ich, muegen sie sich wol
fur sehen und furchten fur dem gepot
Gottes ‘Du solt nicht stelen’, Denn ich bin itzt auch fur der welt kein ketzer. Das aber etliche fuersten und
Bisschoffe widder solch des Reichs zu
Speyr ausgangen Decret toben und die leute gleich wol zwingen yhres gefallens zu glewben, geschicht darumb, das sie heute
odder morgen, wenn yhre stunde kompt, on
alle barmhertzigkeit zu grund gehen, als die nicht allein widder Gottes wort und gebot getobet, sondern auch
widder weltlicher oeberkeit gebot und
yhr eigen geluebde als die ungehorsamen und auffrhuerischen moerder gehandelt haben. Drumb huete dich fur yhrem
exempel.
Eben also entbieten und vermanen wir
auch allen drueckern, setzern,
Correctorn und was mit solchem brieffe yn der drueckerey umbgehet, dazu
allen buchfuerern, keuffern und wer
solche exemplar zu handen kriegt odder lieset,
das sie alle sampt und ein iglicher gewarnet wissen sollen, das sie
unsern gestolen brieff bey sich haben
widder unser wissen und willen, darumb sie sich
hueten muegen und sich gegen gestolen gut halten, wie sie yhr gewissen
leret, auff das sie nicht mit Hertzog
Georgen sunden beschmeisst und seiner schuld
teilhafftig werden. Denn da stehet das gebot: Du solt nicht stelen.
Und wolten solche unser trewe vermanung
gutwillig annehmen, Denn wir uns hie mit
keiner gewalt odder oeberkeit uber yemands anmassen, Uns lege auch unserthalben nichts daran, das solcher
gestolen brieff bey yederman were, Aber
aus bruederlicher Christlicher pflicht thun wir diese vermanung, eines
iglichen gewissen so viel an uns ist
trewlich fur sunden und Gottes zorn zu warnen,
Denn uns nicht lieb, ia nicht zu leyden ist, das unserthalben yemand
sich solt mit frembden sunden gegen Gott
verwickeln, Es ist der eigen sunden schon
zu viel.
Solch antwort wil ich, wie oben gesagt,
gegruendet haben auff Hertzog Georgen
bekentnis, als were der brieff mein, Wie wol ichs ungerne gethan habe. Denn ich lieber gesehen hette, das Hertzog
George yhm hette lassen benuegen an der
ersten guetigen antwort, Darynnen ich genugsam anzeigt, Er solt mich unversucht lassen mit solchem
brieffe Und das er Mein herr nicht were.
Aber er hats nicht wollen annehmen noch verstehen, so hart ist er mit der anfechtungen, mich zu dempffen und zu
schenden behafft gewest. Und mich dunkt,
das ich dennoch hiemit meinen Adam gantz hab ym zawm gehalten und glimpfflich gnug widder Hertzog Georgen,
meinen feind, gehandelt. Denn wo ich
meine handschrifft und siegel gewislich hette von Hertzog Georgen wissen
[ 1 eintrechtiglich E 3 Quare non
temere est, quod ... iubeo I 4 gebot D 5 Fuersten D 6 und fehlt E 12 setzern]
cōpositoribus I 21 oeberkeit] ius I 22 yderman D 23 Christlicher fehlt F
26 suende F 29 bekendnis D 33 woellen D 34 anfechtungen] tentatione illa, vl’
potius libidine I 35 duenckt CD]
[Seite 36]
[Bl. C iij] zu foddern und nicht auff
eine ungewisse abschrifft handeln mussen,
were zu besorgen gewest, ich wuerde yhm die sporen anderst gerinckt1 und
yhn gelernt haben, wie er solt nach
frembden brieffen grobeln und darauff trotzen.
Zu dem so habe ich mich auch enthalten
und enthalte mich noch zu antworten auff
die vorrhede des newen testaments und auff seine antwort mir gethan, ob ich mit gedult kuende etwas
erlangen bey dem angefochten unruegigen
man. Denn wo er fort faren und den schlaffenden hund nicht mit frieden lassen wird, so moechts warlich ein
mal geschehen, das ich dem fass den
boden ausstiesse und eins mit dem andern bezalete. Jch wil dem
Hertzog Georgen sampt allen seinen
klugelern zu recht und kunst mans gnug sein, wie bis her geschehen von Gottes gnaden, dazu
wird mir mein Gott und Herr Jhesus
Christus helffen, wie er uns verheisset und spricht: Jch wil euch mund und weisheit geben, der nicht
widderstehen sollen alle ewer widderwertige.
Denn ich wil Hertzog Georgen nicht
leyden noch haben zum recht sprecher, so
wenig als ich yhn zum herrn haben odder leyden wil, wie er doch trotzlich sichs beides vermisset und unterwindet. Das
recht sol er suchen bey meinem uberherrn
und nicht also daher trotzen und poltern: Jch Hertzog George habe den Luther und Lincken geurteilet und unrecht
funden, Darumb hencke du Kuerfuerst
odder Stad Nurmberg und sey mein hencker und knecht, greiff sie an und gebeute yhn, was ich dir befelhe. Nicht
das er solche wort furet, Aber mit der
that stellet er sich gleich als wolt er gerne also reden. Denn was ists anders, wenn er so trotzig schreibt und
begerd vom Kuerfuersten und vom Rath zu
Nurmberg, auch von mir selbs, wir sollen yhm den brieff zustellen, bekennen und furchten &c.. denn so viel
gesagt: Thut was ich euch heisse, das
recht wil ich euch leren und darffs nicht bey euch suchen noch holen?
Der loebliche Kuerfuerst zu Sachsen ist
von Gottes gnaden noch wol so klug, hat
auch noch wol so viel verstendige leute bey sich, das er Hertzog Georgen zum furmunden odder zum recht
sprecher sein land und leute zu regieren
nicht bedarff. So ist ein Erbar Rath zu Nurmberg so beruffen von Gottes gnaden mit weisheit und
gerechtigkeit2, das Hertzog George yhr meister
[ 2 gerinckt] gespannen F ne calcaria
illi, quod aiunt, aliter cōstricturus I 3 geleret F 6 gedult] hac animi
lenitate ac patiētia I 8 warlich fehlt F 9 et veteres iniurias simul
cū nouis retaliarē. I 10 kluegelern D sciolis I kunst] doctrina I 12 verheisst CD 13
weddersakere F 15 odber AB odder CD 16 sich beydes CD 18 dencke du ABCDEF fehlt
I 23 scholden F 25 suchen noch holen] petam I 28 furmuenden D 29/30 tacita
floret sapiētiae iustitiaeq; laude I]
[Seite 37]
nicht sein sol. Und ich Luther wils, ob Gott
wil, yhm und seinen klueglingen [Ps.
119, 98 ff.] noch wol drey iar zu raten geben, Denn Gottes gebot (spricht
David) macht mich klueger uber alle
meine meister, uber alle weisen und uber alle alten, So mus widderumb von noeten das folgen: Wer
Gottes gepot veracht und uberferet, das
der musse der groessest narr sein uber alle narren, das kan mir nicht feylen, das weis ich furwar.
Und wenn denn gleich der Teuffel selbs
mit alle seinen engeln solchen meinen
brieff widder mich setzten, welcher doch alle ding kan zum ergesten machen, wolt ich dennoch sein ynn Christo
erwarten und sehen, was er mir damit
thun wolt. [Bl. C4] Denn wie wol der brieff meinen gedancken fast ehnlich ist, das mich selber duenckt er sey
mein, Doch ich ym gewissen (wie gesagt)
nicht gewis sein kan, weil ich meine handschrifft nicht habe, So ists dennoch kein verrheterscher brieff, denn
nichts von auffrhur, verrheterey, wuetterey
odder der gleichen boeses furnehmen darynnen gehandelt wird, daraus
man ursache haben kuende, widder mich zu
handeln, sondern allein wird Hertzog
George darynnen heimlich geurteilet, was ich von yhm als meinem feinde
fur Gott und ym gewissen halte.
Nu sol mir Hertzog George die freiheit
lassen, das ich yhn heimlich urteile mit
gedancken, schrifften, reden, wie ichs fur Gott weis zu verantworten und sols keinen danck dazu haben. Grobelt er
aber darnach hinder meinen wissen und
willen und lesst mirs abstelen und findet als denn, das yhm verdreusst, so hab ers yhm und ein gut iar
dazu, Und lasse den Kuerfuersten, die zu
Nurmberg und mich mit seinem stoltz und pochen und meistern zu frieden. Was gehet yhn not an? odder wer hats
yhm befolhen, solches zu ergrobbeln und
zu stelen? Er sol yhm benuegen lassen, das ich offentlich fur der welt sein verschone.
Und wer wil mich des verdencken, das
ich von Hertzog Georgen als von meinem
aller gifftigsten, bittersten, hoffertigsten feinde boeses gedencke, rede
odder schreibe? wie wol ich allzuviel
guts ymerdar von yhm rede, so er doch auch
von mir nichts denn das ergeste gedenckt, redet und schreibet, beide
heimlich und offentlich, so ich doch
sein feind nicht bin? Und er solt mich zwingen
kein boeses von yhm heimlich zu reden odder zu schreiben? Wenn er solt
alles ergrobbeln und erfaren, was heimlich
von yhm geredt, geschrieben und gedacht
wird, Ja was ich alleine gehoert und gelesen habe, ich meine ia, Es solt
yhm der kuetzel und lust, heimliche
brieffe und rede zu ergrobbeln, gebuesset werden. Jch bin fro das ich nicht alles erfare, was
man offentlich widder mich redet und
schreibet, schweige das ich suchen odder wuendschen solt, was man heimlich von mir handelt. Das sey davon genug.
[ 4 gebot D 8 setzen D 11 mein] merae I
12 weil] quam diu I 16 heimlich] priuatim et secreto I 20 sols] solckes F ac ne gratiam quidē eo nomine
vllam a me inibit. I 34 gehort CD 37 heimlich] priuatim et secreto I]
[Seite 38]
Von dem fuerstlichen bundnis odder auffrhur,
des er sich nu zum dritten mal
entschueldigt, sage ich also: Jch achte mich fur der einen, die solch bundnis zu glewben gewehret und fur nichtig zu halten
geraten haben. Und ich duerfft umb einen
finger wetten, mein wehren hette mehr gethan, denn noch heutiges tages thun alle drey entschuldigung Hertzog
Georgens. Und wenn ich nichts anders
gehabt hette, das mich bewogen hette solch bundnis fur nichtig zu halten, denn Hertzog Georgens alle drey
entschuldigunge, wolt ich warlich
darauff nichts gebawet haben, Ja ich wolt meinen rock darumb geben,
das ich so gewis were, das Hertzog
George selbst fur Gott ynn seinem gewissen
glewbte, das solch bundnis aller ding nichtig und ertichtet were.
Nicht das ich Hertzog Georgens
entschueldigung wolt fur unglaublich
gehalten haben, Denn [Bl. D1] ich bin fro, das solche entschueldigunge
heraus komen sind, wenn sie gleich Hertzog
George selbs fur falsch und erticht hielte.
Es muest ia kein guts ynn des hertzen sein, der solch bundnis nicht
lieber wolte fur nichts und falsch, denn
fur warhafftig und gewis halten und
glewben, so es yhm zu solchem glawben nur komen kan, wie denn durch
solche entschuldigung yederman wol und
fueglich dazu kompt.
Es ist aber ein woertlin, das heisst
Aber, das hat den bauch vol mancher
seltzamer glosen. Solches Aber macht, das du und ich mussen zu weilen
nicht glewben noch wissen, das wir doch
glewben und wissen, Widderumb glewben
und wissen, das wir doch nicht glewben noch wissen. Darumb ist noch
itzt mein rath und bitte, Yederman wolte
solch bundnis fur nichtig halten, als
das freylich mit keiner offentlichen beweisunge bisher ist beybracht,
und Gott helffen trewlich bitten, das
hinfurt ewiglich also nichtig bleibe, welches warlich mein hertzlich gebet und wundsch ist gewesen
und noch ist. Denn was kuende
grewlichers auff erden der Teuffel anrichten, denn so dieser bund fur
warhafftig und gewis solt gehalten
werden? Da were der bauren auffrhur ein
lauter schertz und spiel gewest gegen diesem fuersten auffrhur. Wir
wollen auch hoffen, Gott werde solchs
gebet gnediglich erhoeren und solch bundnis
nichts lassen sein und bleiben.
Aber das ich darumb solt gezwungen
sein, von Hertzog Georgen odder etlichen
andern zu glewben, das sie heimlich unschueldig weren, so ich dawidder grosse ursachen und grund hette, das wird
mich niemand bereden. Denn gedancken
sind zolfrey1, Und mag wol bey mir selbs und guten freunden
[ 1 buendnis D 2 buendnis D 3 geholden
geraden hefft F haben] hat ABCDE 5
entschueldigung CD 6 buendnis D
nichtig] nicht D 7 entschueldigunge CD 10 buendnis D 11 entschuldigung
D vngeloeuich F 13 hielte] sciret
I 14 must D buendnis D 17
entschueldigung D 19 glosen] interp̄tationibus I 21 doch] noch F noch] vnd E 22 buendnis D 25 wuendsch D
29 buendnis D]
[Seite 39]
heimlich also reden: Es hat freilich an
Hertzog Georgen und dieses .N. guten
willen nicht gemangelt aus der und dieser ursachen, welche ich nicht
erzele, Denn ich kan offentlich nicht
reden von heimlichen sachen.
Also kan ich auch wol heimlich dencken
und reden: Hertzog Georgens
entschueldigung ist aus der massen kalt, faul und lose, wie ich sie denn
noch heutiges tages alle drey kalt, faul
und lose heimlich halte. Jch rede itzt fur
mich alleine und heimlich von heimlichem glawben meines gewissen,
damit niemand offentlich verpoten odder
gesagt wird, was er glewben sol odder
muege. Ja, offentlich ists billich und recht, das man glewbe und halte,
Es sey seine entschueldigung eitel
hitze, krafft und ernst, dazu ich yederman vermane und bitte, wie droben gesagt.
Summa: offentlich halte und weis ich,
das Hertzog George meiner lere todfeind
ist, das bekennet er mit freuden und wil des ehre und rhum haben, wie er denn hat. So weis ich fur mich, das
meine lere Gottes wort und Euangelion
ist, das leucket er und ist auch gehalten fur der welt also wie er leucket. Draus mus folgen, das er nichts guts
von mir gedenckt und ich mich widderumb
keines guts zu yhm versehen kan, Sondern mus glewben, wo ers thun kuendte, wie er denn auch [Bl.
Dij] rhuemet ynn seiner antwort, das er
mich mit meiner lere ausrottet sampt allen, die daran hangen und glewben, wie auch die that und werck zum teil
beweisen am tage. Aber Gott sey lob, das
ers nicht thun kan noch volbringen wird, was er ym synn hat.
So er denn ynn meinem gewissen wider
Gottes wort tobet, So mus ich heimlich
glewben, das er widder Gott selbs und seinen Christum tobet. Tobet er widder Gott selbs, so mus ich
heimlich glewben, Er sey mit dem teuffel
besessen, Jst er mit dem teuffel besessen, so mus ich heimlich glewben, das er das ergeste ym synn habe. Solchs rede
ich itzt heimlich von heimlichem glawben
meines gewissens, der offentlich nicht not ist zu beweisen odder andern zu glewben, auff das Hertzog George nicht
abermal zu grobeln und meine heimliche
rede zu stelen ursache habe. Denn aus diesem allen folget nicht, das Hertzog George sey zu schuldigen des
bundnis halben odder das solchs bundnis
etwas sey, sondern allein, wie ich fur mich heimlich glewbe und weis, das am guten willen noch heutiges tages nicht
mangelt, wie wol solchs auch bey mir
selbs noch nicht die rechten knoten sind, die mich des bundnis heimlich zu glewben bewegen. Ob ich hie recht glewbe
odder unrecht, stehet keinem menschen zu
zu urteilen, sondern Gott alleine, der die hertzen und nieren [Ps. 7, 10] forschet und pruefet, Psalm. vij.
[ 4 ich wol auch C 5 lose] absurda I 6
lose] absurdas I heimlich]
privatim I 7 gewissens E 13 tod feind D 15 & mundi quoq; iuditiū cum
illius negatione atq; sententia cōuenit I 20 zum teil] satis I 22 Cum
igitur cōsciētia mea mihi dictet, illum ... seuire I widder D 30 schueldigen D buendnis D 31 buendnis D 33 knoten]
ratiōes I buendnis D]
[Seite 40]
Darumb verwundert mich der leute kuenheit
odder viel mehr blindheit, das sie
solchen vermeineten meinen brieff auslassen, ehe denn sie gewis sind, das er mein ist, Dazu noch toerichter
handelen, das sie yhn dar geben als
einen offentlichen ausgegangen brieff, so sie doch daneben selbs
bekennen, Er sey heimlich an D. Wencel
geschrieben. Es solt ynn einer fuerstlichen Cantzley nicht ein solcher Esel Cantzler sein, der
heimliche brieffe ausgelassene brieffe
nennete. Aber der wuetige, unruegige rachgyrige hass und neid treibt und
iagt sie, das sie widder sehen noch
hoeren. Denn das mich Hertzog George schilt
einen verzweiveleten, ehrlosen, meyneidigen bosewicht, da spreche ich
Deo gratias zu: Das sollen meine
Schmaragden, Rubin und Demand sein, damit mich
fuersten sollen schmuecken fur die ehre, so weltliche oeberkeit aus dem
Euangelio hat. Denn weil Hertzog George
meine lere fur ketzerey helt, kan ich yhn
meinethalben des wol entschuldigt haben, Christus aber wirds wol finden.
Das ist mir aber nicht zu leyden, weil
ich mich des gestolen brieffes angenomen
habe, das sie das stuecke ‘Deus confundet Morotaton Moron’ also verdeudschen ‘Gott schende den aller
nerrichten narren’ Wie wol die groben
Eselskoepffe, wer sie auch sind, schier nichts wol verdeudscht haben, so
ist doch dis stuecke nicht allein ubel,
sondern auch schelcklich verdeudscht, Denn ich halts nicht, das Hertzog George selbs verdeudscht
habe. Das mus mir ein iglicher deudscher
zeugen, Das ynn deudscher sprache dis ein fluch ist, wenn ich sage ‘Got schende’, und als ich achte der aller
grewlichst fluch, so ynn deudscher
sprache ist. Darumb hat [Bl. Diij] der Teuffel und ein bube zu samen
gethan, mich fur der welt an zugeben,
als hette ich Hertzog Georgen auffs aller ergeste geflucht, damit er alle meine lere von
weltlicher oeberkeit zu nichte machte, so
er doch wol weis, das kein Doctor fast sint der Apostel zeit so herrlich
von der Maiestet odder weltlichen
oeberkeit geleret und geschrieben hat als ich.
Denn ob Hertzog George wol mein feind
ist, doch weil er ynn der Maiestet
sitzt, habe ich freilich nie ym synn gehabt, widder yhm noch einiger oeberkeit zu fluchen, Sondern ich weis, das
man sie segenen und fur sie betten sol,
sie duerffens auch wol. Jch wolt dem Teuffel selbs nicht also fluchen. [2. Mos. 20, 5] Des Bapsts werck ists gewest,
koenige und fuersten zu verfluchen bis yns dritte, [1. Petr. 2, 13. 18] siebend, neunde gelied,
wie .1. Pet. 2. von yhm gesagt ist: Jch habe sie viel mehr durch mein Euangelion von solchem und
allem fluch erlediget und zu ehren
gesetzt, Nicht ich, sondern Gottes wort durch mich und meine gehuelffen. Das ich sie aber straffe und urteile umbs
unrecht odder Gottlos wesen, das thut
auch Gottes wort und ich meines ampts wegen.
[ 1 Darmb C 7 vnrigige D rachgyriger ABCD 9 boesewicht D 11
weltliche oeberkeit] ipsi omnesq; reliq̱ ciuiles magistratus I 13 entschueldigt
D 14 brieffs D 15 stuecke ] membrū I 16 narrischen F 18 schelcklich]
infideliter & maligne I 21/22 in vniuersa nostra lingua I 23 aller fehlt F
28 nie] newerle F 30 sol] so D 34 gehuelffe D 35 umbs] vmme F]
[Seite 41]
Confundere heisst pudefacere, Confundi
pudefieri, Das ist: Confundere heisst zu
schanden odder zu nicht machen, Confundi mit schanden bestehen [Röm. 10, 11] odder zu schanden werden, Als
Rom. 10: Wer an yhn glewbet, der wird nicht
mit schanden bestehen. Darumb hoere, du Eselskoff zu Dresen ynn der Cantzley: Confundet non est optativi vel
imprecantis, sed indicativi predicentis,
Confundet legis et transfers Confundat. Also soltestu es recht und wol
verdeudscht haben: Gott wird den grossen
narren zu schanden machen. Wiltu wissen
wie? Nemlich also, Das Hertzog George nerrisch thut, das er sich widder mich und mein wort legt, drumb auch
Got anfehet mit yhm, das er sich uber
diesem brieffe selbs zu schanden macht, fellet ynn einen offentlichen diebstal, dazu lesst den brieff ausgehen, des
er ungewis und widder siegel noch
handschrifft hat Und der massen widder mich schreibt, das er bey
vernuenfftigen leuten yhm selbs grossen
abfall, verachtung und verdacht zuricht.
Dazu hastu villeicht yhm geholffen und geraten, So habt auch beide was yhr daran gewinnet.
Endlich ist noch mein unterthenige
bitte an Hertzog Georgen und allen
seinen anhang, sie wolten ein mal auffhoeren und unser lere mit frieden
lassen, sonderlich weil sie wissen das
uns zugelassen ist auffm Speyrischen reichstag
zu glewben, wie wirs trawen gegen Gott und keiserlicher Maiestet
zuverantworten, und wolten sich selbs
nicht uber und widder solchs des gantzen Reichs
Decret setzen, So wollen wir (wie wir bisher gethan) widderumb ynn
aller stille und friede yhn dienen, hertzlich
fur sie gegen Gott bitten, helffen, raten,
tragen und heben nach alle unserm vermuegen. Begeren wir doch nicht
mehr, denn fride und stille zu sein, wie
es denn Gott lob ym Kuerfuerstenthum fein
stille mit lere und leben gehet. Wir bitten, sage ich, noch eins umb
Gottes willen, das sie [Bl. D4] wolten
unser lieben gnedigen herrn sein, ists mueglich
zu erbitten. Und zum warzeichen meines ernstes wil ich H. G. und allen mitgenossen hie mit hertzlich vergeben und
yhn der last, so ich droben durch Gottes
gepot auff yhn bezeuget hab, entnomen und mich selbs fur Gott damit beladen haben umb deste sicherer erwerbung
willen der gnaden Gottes, Und sol alles
schlecht und absein, vergessen und ausgetilget, was mir durch diesen brieff zu leyde geschehen ist.
Jst das nicht gnug, Wolan so las das
recht gehen. Mein gnediger herr setze
gen Aldenburg odder Eilenburg zween aus dem Kuerfuerstenthum, zween aus H. Georgens fuerstenthum, zween aus
der Pfaltz, zween aus der
[ 3 schanden fehlt F 4 Eselskopff D 5
predicentis] precantis F 9 anfehet] incipit cōfundere I 11 lett he den F
12 handschrifft] Archetypon I 12/13 apud Cordatos viros I 16 meine D 22 Gott]
se F 23 heben] boeren F subleuabimus I 26 si quis p̄cibus locus est I 28
mitgenossen] q̱ in eadem sunt causa I 29 gebot C 34 gen] tho F 35 zween aus H. Georgens
fuerstenthum fehlt I H.] Hertzog
E]
[Seite 42]
Marck, zween aus dem Stifft Mentz odder wie
viel man wil, Und Hertzog George lasse
mich auffs beste verklagen, so er ymer kan: Jch wil leiden mein recht, Was sol ich mehr thun? Nicht das ich
mich zu solchem recht erbiete meiner
heimlichen brieffe odder reden halben, Denn die selbigen wil ich ym heimlichen gericht Gottes lassen und von
aller welt unverklagt und ungericht,
sondern frey, doch heimlicher weise zugebrauchen haben, Wie wol (wo es
sein kuendte odder mueste) der selbigen
auch nicht schew hette, fur offentlichen gerichte komen zu lassen. Aber weil es nicht not ist
noch zymet, wil ich niemand damit zu
recht bemuehet und von Hertzog Georgen und yderman derselbigen halben unangefochten und unbekuemmert sein.
Des und kein anders.
Hat aber uber solchs Hertzog George
etwas widder mich, sol yhm solch recht
offen stehen, Denn wie gesagt: ich wil Hertzog Georgen widder zum richter, rechtsprecher, meister noch herrn
haben, sondern zum feinde, anklager und
widdersacher. Hertzog Johans der Kuerfuerst ist mein herr und Keiser Karol, Der selbige Hertzog Johans ist von
Gottes gnaden fuerstens genug, Hertzog
Georgen und yderman rechts zu pflegen uber seine unterthane, weiter
gestehe ich keinem einige hirschafft
auff erden uber mich dis iar. Wollen sie aber
solcher gnade und recht nicht, so las sie meine ungnedige herrn bleiben
und zuernen, bis die grawen roecke
vergehen. Und muegen wol beyde zapffen und
roren yhrer gonst und gnaden abhawen und das fas und born alleine
behalten, Gott gebe es werde essig odder
laur1 draus, gilt mir gleich viel.
Denn ich sehe wol, yhe mehr man sich
demuetiget und flehet, yhe stoltzer und
troetziger sie werden2, Und lassen sich duencken, man demuetige sich und gebe darumb so gute wort, das man sich zu tod
fur yhn furchten solle und nirgent fur
yhn zu bleiben wisse. Nein lieben zornigen iunckern, man gibt euch darumb so gute wort, das man hoffet, der
teuffel so euch reitet, solle weichen
und Ein gut wort solle eine gute stat finden, Und geschicht euch zu gut, ob man euch kuendte fur sunden behueten
und ewren schaden verkomen3, den yhr
nicht sehen kuend noch wolt. Man weis fast wol, das yhr die welt
[ 1 Marck] ditione Marchionis Ioachimi
I 1/2 Hertzog George] H. G. E 2 auffs beste] quam grauissime possit I 8 zu
fehlt F 9 bemoeden F Hertzog
Georgen] H. G. E 13 rechtsprecher] patronū I 15/16 Hertzog Georgen] H. G.
E 16 weiter] voerder F 17 herrschafft E 19 rocke D dum vestes caesij coloris in usu esse
desierint I 19/21 Und muegen bis viel fehlt I 21 laur] lur F daraus E 28 schaden] exitiū I]
[Seite 43]
nicht so rohe fressen werdet als yhrs
gedenckt. Es sind ihenseit des bergs auch
leute, So ist Christus auch noch koenig und herr auff erden, [Bl. E1] ob er sich gleich schwach stellet. Aber huet
dich fur yhm, Denn es heisst warlich:
‘Huett dich fur kan nicht’ und: ‘stille wasser sind tieff, Die
rausschende wasser sind nicht grawsam’.1
Weil sie denn mit mir wollen spielen des sprichworts ‘Wer da fleugt den iagt man’2, Und deuten
meine demut eine flucht, so mueste ich
widderumb mit Christo aufferstehen und des sprichworts auff yhn spielen ‘Wenn man eim bawrn flehet, so wechst yhm der
bauch’.3
Jsts nicht der leidige teuffel, der yhm
nicht benuegen lesst, das er auch Got
ist auff erden, sondern wil alleine Gott sein und den rechten Gott
schlecht nichts lassen gelten? Da stehet
das Decret des gantzen Reichs zu Speyr
beschlossen, das ein iglicher muege glewben, wie ers gegen Gott und
keiserlicher Maiestet vertrawet
zuverantworten, Welchem H. George und seine gesellen nicht alleine zu widder leben und streben, sondern
wollen auch uns und yederman zwingen
dawidder zu streben, toben, morden, veriagen, verfolgen, rauben und verbieten zinse und gueter, die sie nicht
gestifft noch recht dazu haben: Noch sol
man sie nicht auffrhuerisch, ungehorsam noch moerdisch schelten, Faren
daher als weren sie uber das gantze
Reich, niemand unterthan: ‘Jch, Juncker aller
Junckern bin allein herr und fuerst uber alle fuersten deudsches landes,
uber das gantze Reich und alle seine
gebot und ordenung, Oben aus und nirgent
an. Mich sol man furchten, Mir allein gehorsam sein. Was ich wil
das sol recht sein, trotz wer anders
dencke odder rede’. Lieber, wo solt solcher
[Jes. 16, 6] auffgeblasener Moab zuletzt hinaus, denn das er gen hymel
auch fure ynn Gottes stuel und ampt,
fienge an heimliche rede und brieffe und gedancken zu forschen, richten und straffen? Und wil yn
solchem allen dazu noch gerhuemet und
geehret, gefurcht und angebettet sein, gnad Juncker.
Darumb wil ich hinfurt also thun:
Erstlich wil ich das siebende gebot
Gottes, davon droben gesagt, auff hertzog Georgen und seiner hofeschrantzen
[ 1 so fehlt F rohe] crudeliter I 4 Caue eū q̱ in spetiē imbecillis est
I 5 grawsam] metuēda I 6 einen flock F 7 auff] mit BCEF 8 flehet] biddet
[und so immer] F 13 George] G. BCDE 14 yderman BCD 15 toben] Sie toben BE Sie toedten CD Se douen F 18 nemandes
F vnherthan AB 20 summa petens,
& nusq; impingens I 23 gen] na F 24 fange F 26 gnad Juncker] clemens dne I
27 siebend gepot D 28 Hertzog Georgen] H. G. E aulicorū ipsius centaurorū I]
[Seite 44]
gewissen lassen bleiben mit aller lasst und
band, so es mit sich bringet, angesehen
das nichts helffen wil widder demut noch flehen, widder gonst noch gnade, widder gute wort noch freundlich erbieten,
widder billigkeit noch recht. [4. Mos.
16, 15] So wil ich auch, wie Mose widder seinen Korah thet, mein gebet, so
ich bisher fur sie gethan, widder sie
wenden. Triffts H. Georgen so hab ers
yhm, Er ist genugsam gewarnet, Und auff das er nicht abermal diebe
ausschicken musse, die solch mein gebet
heimlich ergrobbeln und stelen, wil ichs
yhm hiemit offentlich darthun, Und sol nemlich sein der siebende
Psalm, welcher laut also:
[Bl. Eij] dich traw ich, Herre mein
Gott, hilff mir von allen meinen
verfolgern und errette mich.
[2. Sam. 16 7 f.] Ja lieber Herr Jhesu
Christe, du weisest es, das gleich wie der bube
Semei dem frumen David schuld gab und flucht yhm als einem
bluthunde, der das koenigreich dem Saul
hette genohmen, also schelten mich itzt boese
meuler auch, als hette ich durch secten auffrhur, blutvergissen, dem
Bapst sein reich zu schanden gemacht.
Wie sol ich thun? yhr ist zu viel, Jch weis
kein rath noch huelffe, on allein bey dir. Darumb trawe ich auff dich:
hilff mir, mein Herr und mein Gott, von
solchen tyrannen und verfolgern, die wol
wissen das sie mich felschlich beliegen und selbs eitel bluthunde und moerder sind,
Das sie nicht wie lewen meine seele
erhasschen und zureissen, weil kein
erretter da ist.
Sie habens warlich ym synn, lieber Herr, und grymmen wie