D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe.
30. Band. Zweite Abteilung

 

 

D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. 30. Band. Zweite Abteilung

 

 

Weimar

Hermann Böhlaus Nachfolger 1909

 

 

 

 

Vorwort.

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Die Schriften der Jahre 1529 und 1530 bilden für die Herausgabe noch einmal eine besonders schwierige Etappe. Zu der großen Anzahl der Stücke kommt eine Überlieferung, die auch vielfach die Handschriften-Originale bietet, und dies teilweise in einer von der gedruckten so abweichenden Form, dass eine Parallelwiedergabe nicht möglich war, wie z. B. bei der Schrift ‘Von den Schlüsseln’, oder der handschriftliche Teil verlangte, wie es bei der ‘Vermahnung’ geschehen ist, eine besondere Untersuchung für sich, oder es galt, eine Reihe zum Teil verstreuter Bruchstücke erneut richtig zu bestimmen und den verschiedenen Schriften zuzuweisen, wie es Koffmane bei den Stücken ‘De iustificatione’, ‘De potestate leges ferendi’ &c.. scharfsichtig getan hat. Auch der bibliographische Teil bot infolge einer vielfach komplizierten Druckgeschichte mannigfache Schwierigkeiten. Viele Hände mussten tätig sein, um diesen Band unter Dach zu bringen, sie mussten auch gelegentlich ineinander arbeiten, so daß die Grenzen der einzelnen Tätigkeit manchmal etwas gegeneinander zerfließen.

 

Die hier vorliegende zweite Abteilung der Schriften der Jahre 1529/30 erscheint vor der ersten, welche u. a. die Katechismen und die an das Marburger Religionsgespräch sich anschließenden Publikationen bringen soll, weil grade jetzt im 30. Band der Zeitschrift für Kirchengeschichte erschienene einschneidende Forschungen H. von Schuberts über die Schwabacher und Marburger Artikel usw. noch mitverwertet werden sollten. Die erste Schrift des vorliegenden Bandes, ‘Von heimlichen und gestohlenen Briefen’, gehört dem Streit Luthers mit dem Herzog Georg von Sachsen an. Die Arbeit der Herausgabe ist — ebenso wie bei den Schriften ‘Vom Kriege wider die Türken’ und

 

 

 

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‘Heerpredigt wider den Türken’ — so zwischen F. Cohrs und A. Goetze verteilt, daß die Einleitung in jedem Falle von Cohrs, das Übrige einschließlich der Bibliographie von Goetze herrührt (vgl. auch Nachträge S. 711), nur gelegentlich (S. 20 ff.) hat hier J. Luther bibliographisch beigesteuert. Bei den folgenden drei Schriften, der ‘Vorrede zu Justus Menius’ Oeconomia christiana’, der ‘Vorrede zu Melanchthons Auslegung des Kolosserbriefes, deutsch von J. Jonas’ und der ‘Vorrede zu Venatorius’ Tröstlicher Unterricht für den sterbenden Menschen’ stammen die historischen Einleitungen und die Texte, ebenso Vorarbeiten zur Bibliographie und zu den Lesarten von O. Albrecht, die weitere Bearbeitung der Bibliographie von A. Goetze her, dieser hat zugleich die germanistische Bearbeitung der Vorreden zum Kolosserbrief und zu Venatorius besorgt, während die germanistische Bearbeitung der Oeconomia von O. Brenner geliefert ist.

 

Die folgenden Schriften sind zunächst sämtlich von O. Clemen bearbeitet, die Bibliographien rühren von J. her, den O. Clemen, ebenso wie bei der ‘Vermanung’ O. Brenner, gelegentlich unterstützte. O. Brenner hat dann auch den germanistischen Verarbeitungen wiederum seine bewährte Kraft geliehen und im übrigen durch den Band hindurch die Texte seiner Durchsicht unterzogen; bei den ‘Schlüsseln’ rührt von ihm auch der gesamte Text her, während O. Clemen die Einleitung und einen Teil der sprachlichen Anmerkungen verfaßt, sowie die Korrektur des handschriftlichen Teiles nach dem Originale an Ort und Stelle in Nürnberg (die dortige Stadtbibliothek versendet Lutherhandschriften leider nicht mehr) gelesen hat. Die Herausgabe des ‘Sendbriefs vom Dolmetschen’ verdanken wir Oberlehrer Lic. F. Herrmann-Darmstadt, welcher somit zum ersten Male in die Reihen der Mitarbeiter an der Lutherausgabe eintritt; die Bibliographie stammt auch hier von J. Luther. Einer Reihe von Entwürfen Luthers, deren Einzelbedeutung Berbig bei seiner Veröffentlichung nicht voll erkannt hat, wies Koffmane ihre richtigen und wichtigen Plätze zu (De iustificatione &c..); hierbei hat Clemen die Berbigschen Abdrucke nach der Handschrift neu verglichen, einiges von Koffmane Bezeichnete neu abgeschrieben und dann noch bei der Herausgabe der ‘Sprüche, mit denen sich Luther getröstet’, deren eigentlichen Charakter als einer Kompilation aus Luthers Briefen bis ins einzelne nachgewiesen.

 

Nicht in diesem Bande aufgenommen sind die ‘vier öffentlichen Notbriefe’ in Sachen des Hornungschen Ehezwistes; denn wenn auch Luther mit der Drucklegung dieser Briefe die Sache an die Öffentlichkeit brachte, so sind die Briefe dennoch um des mehr persönlichen Anstriches der ganzen Angelegenheit willen und darum, weil die ‘öffentlichen’ Briefe schlecht von der andern

 

 

 

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privaten Korrespondenz in dieser Sache zu trennen sind, zur Herausgabe unter die ‘Briefe’ verwiesen worden. Dann beschäftigte sich Luther 1530 auf der Coburg neben dem Psalter und den Propheten eine Zeitlang mit Vorliebe auch mit den Fabeln Esopi. Da er aber diese Arbeit wieder liegen ließ und 1538 noch einmal an sie heranging — freilich wieder ohne abzuschließen —, erschien es mißlich, die hierher gehörigen Arbeiten Luthers auseinanderzureißen, und so soll die Arbeit an den Äsopischen Fabeln erst in dem Bande der Schriften 1538 im Zusammenhange gewürdigt werden. Die Psalmenbearbeitungen jener ganzen Jahre werden in einem gesonderten Bande gegeben. Die Ratschläge (z. B. vom 6. März 1530 an den Kurfürsten von Sachsen) und Bedenken (z. B. auf den Reichstag zu Augsburg gestellt, schon bei Enders als Nr. 1613) gehören ebenfalls zu den Briefen; Anderes wie ‘das siebenzehend Capitel Johannis gepredigt und ausgelegt durch D. Mar. Luther’ (Crucigers Bearbeitung) nebst einer Vorrede Luthers ist schon in Unsrer Ausgabe Bd. 28, 38. 70 ff. unter den Predigten erledigt. Der Entwurf, der unter dem Titel ‘Feine christliche Gedanken der alten heiligen Väter und Lehrer der Kirche, von D. M. L. angezogen, daß ein Christ das Kreuz, so ihm von Gott aufgelegt ist, mit Geduld tragen soll 1530’ ist ebenfalls schon in Unsrer Ausg. Bd. 32, 545 ff. als Anhang zu den Predigten 1530 abgedruckt. Schließlich gehört die Vorrede Luthers zu Huberinus’ ‘Vom Zorn und der Güte Gottes’ nicht, wie man bisher annahm, ins Jahr 1529, sondern wahrscheinlich erst ins Jahr 1534 und wird in dem betreffenden Bande von O. Albrecht und A. Goetze herausgegeben werden.

 

Eine kurze Bemerkung erfordert die Wiedergabe der Schrift ‘Das 38. und 39. Kapitel Hesekiel vom Gog’. Zunächst ist sie ja ein Bestandteil der Bibelübersetzung und folgerichtig ist somit das handschriftliche Original unter Luthers eigenen Niederschriften zur Bibelübersetzung in Unsrer Ausgabe, Die deutsche Bibel Bd. 2, 149 –153 abgedruckt (der Band wird im Herbst erscheinen). Dann aber hat dieser Abschnitt, wie die damals erfolgte besondere Drucklegung, die Vorrede und die Randglossen beweisen, doch auch durchaus als selbständige Flugschrift zu gelten, erwachsen aus den politischen Verhältnissen des Jahres 1530, und dazu bestimmt, der damaligen Christenheit durch den Nachweis, daß die gefürchteten Türken schließlich einem göttlichen Strafgericht erliegen werden, Trost und Aufrichtung zu gewähren. Um dieses ganz besonderen, selbständigen Zweckes willen haben wir trotz jener Wiedergabe des handschriftlichen Teiles in Bibel Bd. 2 hier auf die nochmalige Wiedergabe des kurzen handschriftlichen Stückes, wie eine solche ja auch sonst üblich ist, nicht verzichtet. Es wurde hier natürlich auf den Abdruck in Bibel Bd. 2 besondere Rücksicht genommen.

 

 

 

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In dem ‘Briefe an den Cardinalerzbischof von Mainz’ mußte von der gewöhnlichen Blattbezeichnung abgewichen werden. Da wo die Zahlbezeichnung eines Blattes im Originale fehlt, haben wir unsrer Übung gemäß stets arabische Ziffern eingesetzt, im übrigen die Ziffernbezeichnung des Originales beibehalten (also Bl. B 1, Bl. 4, dagegen Bl. Bij, Bl. iij &c..). Nun aber sind schon im Originaldruck des ‘Briefes an den Cardinalerzbischof’ für die Blattbezeichnung arabische Ziffern benutzt; es mußte daher diese Bezeichnung herübergenommen und die unbezeichnet gebliebenen Blätter anders charakterisiert werden, und zwar wurden jetzt deren Zahlen in Klammern gegeben, also Bl. B (1), B (4); dagegen Bl. B 2, B 3.

 

Bezüglich des Nachweises der Stellen, an denen sich die einzelnen Schriften später noch abgedruckt finden (in Gesamtausgaben &c..), ist zu bemerken, daß von jetzt an auch die zweite Auflage von Walch (D. M. Luthers Sämmtliche Schriften, herausgegeben von J. G. Walch. Aufs neue herausgegeben im Auftrage des Ministeriums der Deutschen evangelisch-lutherischen Synode von Missouri, Ohio und anderen Staaten. St. Louis, Mo.; Zwickau, Schriften-Verein i. K. 1880 –1904, 22 Bde.) stetig mitberücksichtigt werden soll.

 

Die Kollation des Druckes C der ‘Vorrede zu Amos’ hat, da die Königliche Bibliothek in Berlin infolge des Umzugs geschlossen war, A. Goetze nach dem Freiburger Exemplar freundlichst besorgt; bei dem Lesen der Korrekturen wurde ich von Dr. Rudolf Pechel unterstützt.

 

 

 

Berlin, April 1909.

Karl Drescher.

 

 

 

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Inhalt.

 

 

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Seite

 

Vorwort III

 

1. Von heimlichen und gestohlenen Briefen 1529, herausgegeben von F. Cohrs und A. Goetze 1

 

2. Vorrede zu “An die hochgeborne, Fürstin Frau Sibylla, Herzogin zu Sachsen, Oeconomia Christiana, das ist von christlicher Haushaltung, Justi Menii” 1529, herausgegeben von O. Albrecht, O. Brenner und A. Goetze 49

 

3. Vorrede zu “Die Epistel S. Pauli zun Colossern durch Philippum Melanchthon zum andern Mal ausgelegt, verdeutscht durch Justum Jonam” 1529, herausgegeben von O. Albrecht und A. Goetze 64

 

4. Vorrede zu “Ein kurz Unterricht, den sterbenden Merschen ganz tröstlich und seliglich furzuhalten” von Thomas Venatorius 1529, herausgegeben von O. Albrecht und A. Goetze 70

 

5. Vom Kriege wider die Türken 1529, herausgegeben von F. Cohrs und A. Goetze 81

 

6. Heerpredigt wider den Türken 1529, herausgegeben von F. Cohrs und A. Goetze 149

 

7. Vorwort zu dem Libellus de ritu et moribus Turcorum 1530, herausgegeben von O. Clemen 198

 

8. Vorrede zu Menius, Der Wiedertäufer Lehre 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 209

 

9. Vorrede zu Spenglers Auszug aus den päpstlichen Rechten 1530, herausgegeben von O. Clemen 215

 

10. Das 38. und 39. Capitel Hesekiel vom Gog 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 220

 

11. Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu Augsburg, Anno 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 237

 

12. Glossen zum Dekalog 1530, herausgegeben von O. Clemen 357

 

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13. Widerruf vom Fegefeuer 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 360

 

14. Brief an den Kardinal Erzbischof zu Mainz 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 391

 

15. Propositiones adversus totam synagogam Sathanae et universas portas inferorum (Artikel wider die ganze Satansschule und alle Pforten der Hölle) 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 413

 

16. Von den Schlüsseln 1530, herausgegeben von O. Brenner und O. Clemen 428

 

17. Eine Predigt, daß man Kinder zur Schulen halten solle 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 508

 

18. Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes Christi 1530, herausgegeben von O. Clemen und O. Brenner 589

 

19. Sendbrief vom Dolmetschen 1530, herausgegeben von F. Herrmann und O. Brenner 627

 

20. Vorwort zu In prophetam Amos Iohannis Brentii expositio 1530, herausgegeben von O. Clemen 647

 

21. De Iustificatione 1530, herausgegeben von G. Kossmane 652

 

22. De potestate leges ferendi in ecclesia 1530, herausgegeben von G. Kossmane 676

 

23. Weitere Entwürfe Luthers 1530, herausgegeben von G. Kossmane

 

     1. Zu “Vermanung zum Sacrament &c..” 691

 

     2. Von Fürbitte der Heiligen 694

 

     3. Sermon am Tage Matthäi 694

 

     4. περ τς μουσικς 695

 

24. Etliche tröstliche Vermanungen in sachen das heilige göttliche Wort betreffend (Sprüche mit denen sich Luther getröstet hat) 1530, herausgegeben von O. Clemen 697

 

25. Nachträge und Berichtigungen 711

 

 

 

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Haupttext

 

Von heimlichen und gestohlenen Briefen.

 

[Einleitung]

 

 

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Der Streit Luthers mit dem Herzog Georg von Sachsen in den Jahren 1528 und 1529, dem unsre Schrift als wichtigstes Dokument angehört, bildet ein erbittertes Nachspiel zu den Packschen Händeln.

 

Es ist jetzt wohl allgemein anerkannt, daß das von dem herzoglich sächsischen Kanzleiverweser Otto von Pack dem Landgrafen Philipp von Hessen übergebene Schriftstück, das die Grundzüge des angeblich von König Ferdinand, den Herzögen von Bayern und Sachsen, den Kurfürsten von Mainz und Brandenburg, dem Erzbischof von Salzburg und den Bischöfen von Würzburg und Bamberg zur ganzlichen Vernichtung der lutherischen Ketzerei am 15. Mai 1527 zu Breslau geschlossenen Bündnisses enthielt, eine dreiste Fälschung Packs darstellte.1 Wir schenken also dem

 

 

 

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Schreiben Georgs von Sachsen an Philipp vom 21. Mai 1528, in dem sich jener gegen die von seinem gröblich getäuschten Schwiegersohn wider ihn erhobenen Vorwürfe verwahrt, vollen Glauben und verstehen trotz mancherlei Abstoßendem in seinem Wesen doch die Entrüstung des Herzogs, daß trotz seiner Verwahrung Luther den Verdacht gegen ihn aufrecht erhielt.1

 

Luther hatte sich nämlich nicht überzeugen können, daß die ganze Sache auf Täuschung beruhe. Und sein Mißtrauen ist auch wohl begreiflich. Das Dessauer Bündnis war zu dem Zweck geschlossen worden, die “verdammte lutherische Sekte” auszurotten2, und der Mainzer Ratschlag hatte denselben Zweck verfolgt (Unsre Ausg. Bd. 19, 252 ff.). Dazu waren gerade in letzter Zeit katholischerseits mehrere Gewalttaten an Evangelischen geschehen. Am 23. April 1527 war im Spessart der Prediger Georg Winkler aus Halle a. S., der dort angefangen hatte das Evangelium zu predigen und das Abendmahl unter beiden Gestalten auszuteilen, meuchlerisch überfallen und umgebracht worden, und nicht ohne Grund wurde dem Erzbischof Albrecht von Mainz oder doch seinen Leuten diese Tat schuld gegeben (a. a. O. 23, 309 ff.). Am 16. August 1527 hatte der Herzog Wilhelm von Bayern in Schärding den Leonhard Kaiser wegen lutherischer Ketzerei verbrennen lassen (a. a. O. 443 ff.), und seiner Hinrichtung waren noch mehrere andere gefolgt. Und des Kurfürsten Joachim von Brandenburg feindlichen Sinn hatte Luther aus dem Hornungschen Handel3 gerade kürzlich kennen gelernt. So war er nur zu geneigt, die also belasteten oder doch verdächtigten Fürsten auch des von Pack ihnen angedichteten Bündnisses für fähig zu halten.

 

Zu keinem aber versah er sich mehr alles Bösen, als zum Herzog Georg, der ihm kurzweg der Feind des Evangeliums war. Überall, wo er etwas von Unterdrückung seiner Lehre hörte, war er geneigt, irgendwie Georg von Sachsen dahinter zu wittern. Dieser Verdacht stand ihm allmählich fest wie ein Glaubenssatz, von dem er geradezu nicht lassen wollte.

 

Er hatte freilich auch den Haß Georgs in reichem Maße erfahren. Schon im Jahre 1520 kannte er ihn als seinen erbittertsten Gegner, durch die Hartmut von Cronbergsche Briefaffäre (Unsre Ausg. Bd. 102, 42 ff.) war die Feindschaft noch mehr verschärft, durch das Luther abgerungene Versöhnungsschreiben, auf das der Herzog schnöde abweisend geantwortet hatte, war sie zu einer unversöhnlichen geworden. In letzter Zeit aber hatte Georg Luther mehrfach aufs neue gereizt. Zu der von Hieronymus Emser im August 1527 herausgegebenen Übersetzung des Neuen Testaments hatte er eine Vorrede voll heftigster Schmähungen gegen Luther und seine Bibelübersetzung geschrieben und erst vor wenigen Monaten hatte er an die Herren von Einsiedel, die teils unter kursächsischer, teils unter seiner Lehnshoheit standen,

 

 

 

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den Befehl ergehen lassen, sie sollten ihre ketzerischen Prediger durch “christliche Priester” ersetzen, sollten auch selbst der römischen Kirche sich unterwerfen und Absolution von ihrem Bischof erbitten, andernfalls aber ihre Güter verkaufen und das Land räumen.1

 

So macht sich denn gerade in dieser Zeit Luthers Erbitterung wiederholt in kräftigster Weise Luft. Am 28. Dezember 1527 schreibt er von Georg an Spalatin: Nondum sunt iniquitates istius Amalec completae, complebuntur autem suo tempore; am 24. Januar 1528 trägt er Bedenken, Georg überhaupt noch göttlicher Erleuchtung für wert zu halten, und bittet Gott, daß er durch den Schrecken vor jenes Tyrannei doch dem Evangelium Freunde zuführen möge; auch am 22. Februar nennt er ihn kurzweg den Tyrannen, der Satans Eingebungen folge. Ja, wie er unbedenklich für den Mainzer Ratschlag in erster Linie Georg verantwortlich gemacht hatte, so scheute er sich auch jetzt nicht, gerade ihn den Urheber des vermeintlichen Breslauer Bündnisses zu nennen.2

 

So hatte er denn auch für den rechtfertigenden Brief Georgs vom 21. Mai 1528 nur ablehnenden Hohn. Gleichzeitig äußert er sich über ihn in einem Schreiben an Johann Heß in Breslau und in ganz ähnlicher, nur fast noch schärferer Weise in einem Brief an Wenzeslaus Link in Nürnberg vom 21. Juni 1528.3 Der letztere wurde die Veranlassung zu dem Streit, der unsre Schrift hervorrief. Er lautet in den in Betracht kommenden Worten:

 

... Foedus istud Principum impiorum, quod ipsi negant, vides, quantos motus moverit. Sed ego Ducis Georgii frigidissimam excusationem fere pro confessione interpretor. Sed negent, excusent, fingant, ego sciens scio, non esse foedus istud merum nihil aut chimaeram, licet monstrum sit monstrosum satis. Deinde orbis novit, illos animo, facto, edicto, studio pertinacissimo, hactenus talia publice tentasse et fecisse, et adhuc facere. Extinctum enim volunt Evangelium, quod negare nemo potest. Sed quid haec ad te, qui absque dubio certus de his omnibus es? Tantum ut scias, neque nos istis credere impiis, licet pacem offeramus, optemus, demus. Deus confundet4 istum μωρότατον μωρόν, qui sicut Moab plus audet

 

 

 

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quam possit, et non secundum vires suas superbit, sicut semper fecit. Orabimus contra istos homicidas, atque hactenus sit eis indultum. Si denuo aliquid moliti fuerint, orabimus Deum, deinde monebimus Principes, ut absque misericordia perdantur, quandoquidem sanguisugae insatiabiles quiescere nolunt, nisi Germaniam sanguine madere sentiant. .....

 

Auf bisher unaufgeklärte Weise geriet eine Abschrift dieses Briefes in Georgs Hände. Link war dabei nicht ohne Schuld: er hatte den Brief mehrfach gezeigt, freilich seiner Ansicht nach nur “etlichen gutherzigen frommem Herren und Freunden, und doch wenigen, als denen er in mehrerem vertraute”. Christoph Scheurl, den man später in Wittenberg für den Verräter ansah, schreibt an Georg selbst so entrüstet über die Angelegenheit, daß man den Verdacht gegen ihn fallen lassen muß. Er bezichtigte wiederum Wilibald Pirkheimer, der Johann Cochläus, dem Geheimsekretär des Herzogs, die Abschrift zugestellt haben sollte. Aber Pirkheimer erklärt in einer dem Rat von Nürnberg überreichten Beschwerdeschrift, daß er Luthers Brief nie gesehen, geschweige denn abgeschrieben und verschickt habe. Georg behauptet, ohne alle sein Zutun sei der Brief ihm zugekommen; “viele, die er, wo nötig, wohl vorstellen könne, hätten das Original gesehen und gelesen”, — so daß die Sachlage gänzlich undurchsichtig ist.1

 

Georg war ohnehin aufgebracht über die Flucht der Herzogin Ursula von Münsterberg, seiner nahen Anverwandten, aus dem Kloster in Freiberg; er hatte außerdem kürzlich in Luthers Schrift: “Bericht an einen guten Freund, von beider Gestalt des Sakraments, auf Bischofs zu Meißen Mandat” dessen Bemerkung von “verräterischen Anschlägen und Bündnissen” der Feinde, “derer sie sich darnach selbst schämen müßten, wie der Anschlag zu Mainz auch geschehen sei” (Erl. Ausg. 30, 378) — voll Ärger gelesen; so empörte der Brief ihn aufs äußerste.

 

Am 28. Oktober 1528 schickte er an Luther ein in hochfahrendem Ton gehaltenes Schreiben ohne Überschrift und Unterschrift, legte eine Kopie seiner aus Nürnberg erhaltenen Abschrift bei und fragte, ob Luther “solche Schrift, nach Laut der inliegenden, Linken zugefertigt”.

 

Umgehend, am 31. Oktober, erwiderte Luther mit dem nachher im Eingang unsrer Schrift von ihm abgedruckten Brief, der, äußerlich ehrerbietig gehalten, doch dem Herzog den gegen ihn angeschlagenen Ton verweist, ihm alte Sünden vorhält und ihm rät, wessen solche Schrift sei, bei denen zu erkunden, so solche Zettel hätten zugerichtet und gereicht, welche mehr, denn Luther, Fürstl. Gnaden verwandt und zugetan.

 

Durch diese Antwort nur noch mehr gereizt, wandte sich Georg Beschwerde führend an den Kurfürsten. Gleichzeitig aber sandte er seinen Sekretär Thomas von der Heide nach Nürnberg, um wo möglich des Originals des Lutherschen Briefes habhaft zu werden. Am 13. November traf dieser in Nürnberg ein und erlangte mit Hilfe Scheurls, dem Link Luthers Brief, ohne zu ahnen, wozu er dienen sollte, ausgehändigt hatte, wenigstens noch eine zweite sorgfältige Abschrift. Aber Georg war damit nicht zufrieden; noch einmal wandte er sich brieflich an

 

 

 

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Scheurl, ob er “das Original zu seinen Händen bringen und ihm zuschicken möchte, und ob er gleich hundert oder zweihundert Gulden daraufsetzen sollte”, und richtet gleichzeitig ein ähnliches Schreiben auch an den Rat von Nürnberg. Doch erlangte er das Original nicht: wahrscheinlich hatte Link den Brief, als er hörte, wozu er mißbraucht worden war, eiligst verbrannt.

 

Jnzwischen hatte der Kurfürst von Luther einen Brief eingefordert, den er Georg einsenden könnte; schon am 25. November hatte Luther dem Befehl Folge geleistet. Sein Brief war der kurfürstlichen Kanzlei aber noch nicht höflich genug; er wurde von Brück noch geglättet und dann von Luther noch einmal abgeschrieben. So ging er um den 14. oder 15. Dezember an Georg ab, der am 11. Dezember sich schon erkundigt hatte, ob man ihm nicht bald antworten würde.

 

Er hatte aber seinem Zorn auch noch auf wirksamere Weise Ausdruck gegeben. Schon am 29. November hatte er Philipp von Hessen mitgeteilt, nachdem Luthers Bosheit durch eine neue Kopie seines Briefes aus Nürnberg sich ihm bestätigt habe, sei er entschlossen, nicht dazu zu schweigen, sondern alles in einer Schrift aufzudecken und sich zu verantworten. Diese Schrift:

 

 

 

“Welcher gestalt wir Georg von || gots gnaden Hertzog zu Sachssen || Landtgraff in Duringen vnd Marg || graff zu Meyssen von Martino Luther, des getich||ten Buendtnues halben inn schriefften vn-||erfindtlich angegeben, Vnd || darauff vnnßere || antwort. || ||” Rückseite des Titelblatts leer, 10 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt zu Dreßden durch || Wolffgang Stoeckel. ||” und darauf noch eine Korrektur.

Vorhanden in Berlin (Flugschriften 1528, 12a), Hamburg, Königsberg U.1

lag am 19. Dezember schon in 8000 Exemplaren gedruckt vor.

 

Sie hebt an:

 

“Wiewol wir hiebevorn, als wir anfengklichen des getichten Buendtnues halben, So wider die hochgepornen Fuersten, vnnßere freundtliche lieben Vedtern, Oheim vnd Sohne, hern Johansen Hertzogen zu Sachssen Churfürsten etc. vnd hern Philipsen Landtgraven zu Hessen etc. solt sein auffgericht beschuldigt, vns der antwort haben vornehmen vnd inn Drugk bringen, auch kegen dem vorgestelten desselbigen Buendtnues ansager Otten Pack also vorantwortten vnd vnsere vnschuldt an tag bringen lassen. Das kein bidermann mit aynigem glaubwirdigem schein vns wirdet auch mit dem allerwenigisten haben ader wissen zutzumessen, das wir yemals von dem vorhaben, davon das ertichte Buendtnues thut melden, gerathschlaget adder gehandelt. Wollen geschweigen, das wir daruff etwas solten in ein Nottel vorfassen lassen, adder sunst aynige wissenschafft darumb haben. Derhalben wir auch nicht vnbillichen von mennigklich aller vordacht, betzichtung und nachrede, auch ferner vorantworttung solten vberig sein. Ydoch weil Martin Luther vns solchs nicht hat moegen aus seinem gefaßten neyde vortragen, noch die warheit vnßerer

 

 

 

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offentlichen vnschuldt erkennen, Sonder solch geticht Buendtnues vnd daruff vornemlich vns hin vnd wider in seinen schrifften thut antzihen vnd in die leuthe zubilden Vnd wir vormercken, das diesem mann one allen vnderscheidt vnd auff sehen seins vorgebens von vielen glauben vnd zufall gegeben wirdet, So erfordert vnnßere nottorfft, solchs nicht stilleschweigende zu vbergehen noch vnvorantwort zulassen, Sondern mennigklich antzuzaigen, mit was bestande vnd grunde sich Luther in solchem seinem vorgeben gehalten.”

 

Offenbar will schon der Titel den Eindruck erwecken, als ob Georg wiederholt in gedruckten Schriften von Luther verdächtigt sei, und diese Täuschung wird durch den Eingang des Büchleins noch verstärkt. Aber wenigstens insofern rechtfertigt sich der Ausdruck “Schriften”, als Georg schlauerweise nicht gleich mit dem Brief an Link beginnt, sondern aus einer Druckschrift Luthers wirklich eine Stelle anzuführen weiß, die auf das Bündnis anspielt, aus dem schon genannten “Bericht” nämlich “von beider Gestalt des Sakraments”. Zwar erwähnt diese Schrift das Bündnis nur ganz nebenbei und nicht einmal deutlich, nennt auch den Herzog überhaupt nicht, aber als öffentliche Kundgebung bot sie für Georgs eigentliche Absicht doch eine geeignete Handhabe dar. Und er tut denn auch zunächst, als sei ihm an ihr besonders gelegen.

 

Anfänglich, sagt er, seien ihm jene oben erwähnten Worte vorgekommen, in denen Luther, wie jeder merken könne, das gedichtete Bündnis ansteche. Er habe sich zwar anfangs ihrer nicht angenommen, auf daß nicht Luther sagen möchte, er habe mit ihnen jenes Bündnis gar nicht gemeint; jetzt aber sei vor wenigen Tagen eine lateinische Schrift an ihn gelangt, so Luther gegen Nürnberg an Wenzeslaus Link getan, die nicht nur das Bündnis, sondern auch seine ausgegangene Entschuldigung deutlich nenne und sie samt seiner Person “etwas heftig angreife”. Und nun ist er bei seinem Brief, den er gewiß nicht ohne Grund als “lateinische Schrift” 1 bezeichnet, um ihn nun nicht wieder zu verlassen, sondern von Wort zu Wort durchzuhecheln.

 

Zuvor aber bietet er ihn dem Leser dar, im Originaltext sowohl, wie in deutscher Übersetzung, fügt auch die schon zwischen ihm und Luther aus Anlaß des Briefes gewechselte Korrespondenz hinzu und gibt Nachricht, wie er durch Nachfrage bei dem Nürnberger Rat die Authentizität des Briefes erst habe feststellen müssen,

 

Dann beginnt er, eine allerkälteste nenne Luther seine Entschuldigung und sage, er lege sie aus fast als ein Bekenntnis. Sie habe aber den “Ansager solchen Gedichts” herausgebracht; Luthers und Packs Worte sollten nur erst einmal wirklich Zeugen ihrer Behauptungen beibringen, aber sie seien wahrhaft kalt und lügenhaftig. Zwar habe sich Pack anfangs auf Heinrich den Jüngeren von Braunschweig

 

 

 

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berufen wollen, der eine Kopie des Vertrages bei Georg solle gesehen haben1, habe aber nachher, als man ihn um diese Berufung befragt, einfach schweigen müssen. So sei Luther selbst der allerkälteste Lügner; der Geist, dessen er sich rühme, sei nicht der Geist, der Lüge für Lüge und Wahrheit für Wahrheit erkenne, sondern das Widerspiel. Darum hätte er auch Georgs wahrhaftige Entschuldigung nicht in ihrer Wahrheit erkannt. Erfülle ihn der Geist der Wahrheit, so hätte er die mancherlei Zeichen der Unwahrheit an dem erdichteten Vertrage wahrgenommen; die Rechte, und zuvörderst die geistlichen Rechte, hätten es ihm klar angezeigt.2 Aber er hätte ja die geistlichen Rechte verbrannt, so möchte wohl sein, “daß ihm die Gnade dieser Erkenntnis nicht unbillig entzogen”.3

 

So dürfe denn Luther aus Eingebung seines Geistes schreiben — jetzt verschmilzt Georg Luthers Äußerungen in dem “Bericht von beider Gestalt” mit Worten seines Briefes —, man habe wider seine Fürsten das Bündnis gesucht und müsse sich dessen nun schämen, und man leugne, entschuldige oder dichte es, so wisse er doch wissentlich, daß das Bündnis nicht eitel Nichts, noch eine Chimäre sei. Er begründe doch seine Kenntnis, indem er anzeige, was er selbst gesehen oder gehört, oder indem er mindestens zwei unverdächtige Zeugen beibringe! Freilich er möge wohl selbst dabei gewesen sein, als man solches Gedicht gemacht, habe vielleicht auch selbst dabei geholfen4; so möge er allerdings wohl wissentlich wissen. Von diesem Verdachte würde er ihn nicht eher loslassen, bis er bezwingende Ursachen seines Schreibens aufzeige oder bis er seine Lügen öffentlich widerriefe.

 

 

 

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Da das aber nicht von ihm geschähe, so wisse ers auch nicht wärmer zu machen, denn er in seiner Entschuldigung getan, und müsse sagen und schreiben, daß “der abtrünnige Mönch ihn anlüge als ein verzweifelter, ehrloser, meineidiger Bösewicht”, wie solches die Entschuldigung, die bei Luther die allerkälteste heiße, jeglichem, der ihn nicht ohne Widerrede vom Verdacht befreie, zumesse und Schuld gebe.1 Bei Gott, es solle nicht gefunden werden, der das Gedicht bestätige und glaubwürdig mache, daß je etwas daran gewesen. Und da Luther selbst es ein wunderlich Wunder nenne, so hätte ihm wohl gebührt, “sich gründlich darauf zu erfahren”, statt einer solchen öffentlichen Lüge mit seiner wissentlichen Wissenschaft ein falsches, unerfindliches Zeugnis zu geben.

 

Freilich er unterstünde sich ja mit einer ganz unbegründeten Ursache seine Behauptung zu bekräftigen. Die Welt wisse ja, sage er, daß die in dem erdichteten Bündnis genannten Fürsten solche Dinge öffentlich mit dem Gemüte, mit der Tat, dem Gebot und allem Fleiß bisher getan hätten und noch täten. Solle Talia hier etwas bedeuten, davon auch das Bündnis sage, so sei es eben so erlogen, wie das Bündnis selbst, denn niemand in der ganzen Welt könne ihn bezichtigen, daß er gegen den Kurfürsten und den Landgrafen sich auch nur im geringsten unfreundlichen Willens und Gemüts erzeigt habe. Wolle aber Luther darauf hindeuten, daß er die lutherische Sekte in seinem Lande nicht habe einreißen lassen, so sei das ein ‘kindische Einführung’; er habe schon oft gesagt, weshalb er Luthers verführerische Lehre nicht für das rechte Evangelium achten könne. Meine indessen Luther das Evangelium Christi, so sei, daß ers gerne wolle vertilgt sehen, eben so glaubwürdig, wie die Beschuldigung wegen des erdichteten Bündnisses. Er solle doch endlich einmal aufhören mit seinem Vorwurf, er habe dem Evangelium widersagt! Aber mit den griechischen Worten, die er seiner Schrift eingemischt, schmähe er ihn aufs neue als den närrischsten Narren und wolle — Georg hat hier seine irrtümliche Übersetzung der betreffenden Worte: “Got schende den aller närrischten narren” im Auge, von der wir noch weiter hören werden —, daß Gott ihn um seiner Kühnheit und seines Stolzes willen, darin er ihn Moab2 vergleiche, schänden solle. Er habe sich nie sonderlicher Weisheit gerühmt, aber zu der Torheit werde ihn Luther, wills Gott, denn doch nicht bringen, daß er Lügen solle für Wahrheit halten. So fechte ihn denn auch wenig an, daß er seines Gebetes sich fast rühme und darauf poche, hätte es nach seinem Willen sollen zugehen, so müßte sein Fluchen, Schelten und Beten bisher gar viel mehr Kraft und scheinbarliche Wirkung bewiesen haben. Er schelte ihn und die anderen Fürsten auch Totschläger und unersättliche Blutsauger, die in deutschen Landen gerne ein Blutvergießen sehen wollten; keiner aber denke daran, als er selbst, der die Fürsten vermahnen wolle, sie ohne alle Barmherzigkeit zu verjagen. Wer diese Fürsten seien, wisse er selbst am besten; hoffentlich lernten sie ihn einstens kennen und “seiner Lügen baß wahrnemen”!

 

 

 

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Damit spricht Georg zum Schluß deutlich aus, was er in seiner Schrift schon wiederholt angedeutet. Er will nicht nur von dem in Luthers Brief ausgesprochenen Verdacht sich reinigen, er will zugleich, und zwar vor allem seine Standesgenossen, vor Martin Luther warnen. Deshalb benutzt er jede Gelegenheit, sein Evangelium zu verdächtigen. Gleich, daß Luther auf seine Anfrage sich nicht unumwunden als Schreiber des Briefes angegeben, erklärt er eines ehrliebenden Mannes, der da vermeine evangelisch zu sein, nicht für würdig; die Lehre Christi lege uns auf, stracks ja oder nein zu sagen; so solle aus Luthers Verhalten genugsam zu spüren sein, was Gutes man sich zu einem solchen habe zu versehen. Wenn er Luther einen Lügner schilt, so vergißt er nicht hinzuzufügen, daß er durch solche öffentliche Lügen ihm noch viel mehr Ursache gebe, auf seiner vorigen Meinung von Luthers Lehre gänzlich zu beharren und zu bleiben. Bei Luthers Drohung, an die Fürsten sich wenden zu wollen, bemerkt er, daran sei abermals das friedliche Evangelium Christi bei ihm nicht zu spüren, sondern vielmehr, daß ihn nach Blut und Verderben verlange; übrigens müsse er auf sein Gebet sich doch nicht allzuviel verlassen.

 

Auch gegen andere Schriften Luthers führt er dabei gelegentliche Seitenhiebe. So hat er eine Äußerung Luthers in der ihm zugekommenen Schrift “Wider den mordischen Ratschlag der Mainzischen Pfafferei” im Auge, wenn er höhnisch ausruft, er habe bisher aus der heiligen Schrift nicht erfahren, daß Christus, “einen alßo offentlichen und vorsetzlichen luegener zu seinem Aposteln gebraucht und durch yhn das Evangelium hette lassen vorkuendigen” (vgl. Unsre Ausg. Bd. 19, 261, 22 ff.); und das Nachwort zu “Frau Ursulen, Herzogin zu Münsterberg, Ursachen des verlassenen Klosters zu Freiberg” liegt ihm im Sinne, wenn er höhnt, nachdem Luther sich jetzt habe lassen hören, er wolle Ecclesiasticam historiam schreiben von den Wunderwercken, so in seinem Evangelio geschähen, so möge er seine Lügen wohl mit darein setzen; sie würden sie fast wohl zieren (vgl. Erl. Ausg. 65, 168). Jndem er aber feststellt, daß Luthers Geist ihn seine wahrhaftige Entschuldigung als eine Lüge und ein Bekenntnis des Bündnisses hätte ansehen lassen, ruft er den Argwohn wach, daß er “viel dergleichen lügenhaftige Deutung in der heiligen Schrift, zuvoraus dem armen einfältigen Mann würde beigebracht und eingebildet haben”.

 

Offenbar wird damit an die Erlebnisse im Bauernkriege erinnert; sie werden wiederkehren, wenn man Luther gewähren läßt. Deshalb noch einmal der ausdrücklich Hinweis, daß Luther nicht allein in der “lateinischen Schrift” an Link ihn verdächtigt, sondern daß er “dem gemeinen Mann die zuvor angezeigten Worte anderer Weise beigebracht.” So soll man auf der Hut sein! zu allen und jedem Fürsten sei er ungezweifelter Zuversicht, daß “sie sich einen solchen verlogenen Mann zu ungebührlichem Vornehmen nicht reizen noch verführen lassen werden”. Die Schrift schließt:

 

“Wir wollen abgotwill dartzu vnßerthalben nicht vrsach geben, Sondern vns kegen menniglich alßo zuvorhalten wissen, das es vns sal allenthalben vnvorweißlich sein vnd mit der warheit zuvorantwortten. Vnd langt demnach an menniglich vnd ein yedern nach seinem Stande vnßer dienstlich freuntlich bitt, Gnedigs gesinnen vnd gueetlich beger, sie wollen Martino Luthern in dem, das er von uns des getichten Buendtnues halben geschrieben,

 

 

 

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kein stat noch glauben geben, Sondern uns derwegen aller vordacht vorwissen. Auch den Luther darvor achten, darvor einer billich geacht vnd gehalten wirdet, der einem solchen offentlichen getichte mit vorpfendung seiner wissentlichen wissenschafft, one allen grundt vnd bestendige vrsach ein solch luegenhafftigk getzeugnues gegeben und von sich geschrieben. Das wollen wir vmb ein yedern, wie sichs gepuerth willigk vnd freuntlich vordienen In gnaden und allem gutthen vorgleichen vnd erkennen.”

 

Gleich unter dem frischen Eindruck der Lektüre dieser Schrift schrieb Luther seine Entgegnung: “Von heimlichen und gestohlenen Briefen”. Er hatte, noch bevor die Drucklegung beendet war, von Georgs Vorhaben Kunde erhalten, und von der gedruckten Schrift wurde ihm gleich heimlich ein Exemplar übersandt. Schon vor Ende Dezember hatte er seine Gegenschrift beendet, und zur Neujahrsmesse 1529 wurde sie gemeinsam mit Georgs Schrift im Buchhandel ausgegeben. Privatim freilich hatte Georg seine “Verantwortung”, damit sie öffentlich angeschlagen würde, schon in alle Lande versandt: an den Rat von Nürnberg und den Landgrafen von Hessen, den König Ferdinand, den Erzbischof von Mainz, den Markgrafen von Brandenburg, die Bischöfe von Salzburg, Würzburg und Bamberg, die Herzöge von Bayern, den schwäbischen Bund, die Stadt Ulm, die Fugger in Augsburg, die sie nachdrucken ließen, um sie weiter unter die Leute zu bringen.

 

Gleich am 19. Dezember wurde sie auch dem Kurfürsten von Sachsen zugefertigt. Luther scheint nicht gleich erfahren zu haben, daß sie schon am Hofe in Weimar eingetroffen war, denn am 31. Dezember noch tröstet er seinen Herrn wegen des “närrischen und wütigen Büchleins, das Herzog Georg seines Briefes halben auf den bevorstehenden Markt würde auslassen”, gerade als wenn es zu der großen Mühe und Sorge des Kurfürsten, von der Luther gehört, und die wohl zum größesten Teil auf Rechnung der Schrift zu setzen war, noch etwas hinzubringen würde. Gleichzeitig bereitete er den Kurfürsten auf das Erscheinen seines eigenen Buches vor.1

 

Auf diese Antwort würde Georg wohl erst recht toben. Aber der Kurfürst möge gegen seinen Teufel Luthers halben unbewegt sein und unerschrocken, wie denn der Herr Christus seines Herrn Herz und Mut schon stärken und trösten würde. Er möge Luthers Person nur getrost und frisch zu Recht bieten, denn er wolle seinen Hals lieber daran setzen, denn daß der Kurfürst seinethalben sollte “in einiges Haarbreits Fahr stehen”. Der Kurfürst wolle ja nichts anderes, denn Friede, Ruhe und Stille, Herzog Georg aber leide nicht allein keine Geduld, sondern als ein unruhiger Teufel suche er nichts anderes, denn Unfrieden, Krieg, Mord, Schaden und Unglück, nur um den Ruhm davon zu bringen, er habe das Evangelium gedämpft.

 

Ganz ähnlich lassen sich die etwa gleichzeitigen Briefe Luthers an Amsdorf und Link aus.2 Und unsre Schrift ist der Hauptsache nach nur eine weitere Ausführung dieser Gedanken. Nur hier und da berührt sie die einzelnen von Georg angeführten Punkte; nicht im geringsten kümmert sie sich darum, daß der Herzog den “Bericht von beider Gestalt” zur eigentlichen Unterlage seiner Anschuldigungen

 

 

 

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macht, sondern ganz ihrem Titel entsprechend klagt sie vor allem mit voller Wucht Georg an, daß er widerrechtlich einen Brief sich angeeignet, der ihm nicht gehöre, und daß er ihn dann, wie er wohl gemocht hätte, nicht heimlich behalten, sondern an die Öffentlichkeit gezerrt habe. Wer also Gottes Gebot verachte, der sei wahrlich der größeste Narr über alle Narren — so hält sie das “μωρότατον μωρόν” des Briefes aufrecht. Fast erst am Schluß kommt sie auf das Bündnis zu sprechen. Mit einer gewissen Schadenfreude verweilt sie bei dem schon erwähnten Fehler in der Übersetzung des Briefes: “Deus confundet” stehe da — die Eselsköpfe in Georgs Kanzlei, denn er selbst würde es ja nicht übersetzt haben, hätten aber übertragen, als stände: “confundat”. So hätten der Teufel und ein Bube sich zusammengetan, Luther aufzuhängen, daß er fluche. Zum Schluß bittet Luther um Frieden und will, wie ers dem Kurfürsten geschrieben, zu rechtmäßigen Verhandlungen vor einem Schiedsgericht sich stellen. Unter die Klänge des Friedens freilich mischen sich dann wieder Kampfesrufe des Zorns, die verraten, daß Luther im Grunde seines Herzens einen Ausgleich nicht für möglich hält. Auch die der Schrift beigegebene gebetsweise Auslegung des siebenten Psalms ist solchen Zwiespalts voll. Zu fest steht es Luther, daß Georg der Feind des Evangeliums ist.

 

Der Streit geht denn auch weiter. Gleich nachdem er Luthers Schrift in die Hand bekommen, die wieder, wie ehemals die Schrift “Wider den Ratschlag der Mainzischen Pfafferei” (vgl. Unsre Ausg. 19, 225) durch einen kurfürstlichen Kammerdiener dem Diener in der Dresdener Silberkammer sollte zugeschickt sein, muß Georg sich an die Abfassung einer neuen Erwiderung gemacht haben. Am 13. Januar 1529 ist schon abgeschlossen und am 22. Januar liegt bereits gedruckt vor:

 

 

 

‘Ayn Kurtzer bericht, So || wir Georg von gotes gna||den Hertzog zů Sachssen, Landgraff in Dü||ringen, vnnd Marggraff zů Meyssen, Auff || etlich New rasend luginen, die Mar-||tin Luther in ainem truck wider vn-||ser Entschuldigung, der gedich||ten Bündtnüs halben, || hat lassen außgeen, || zůthůn verur-||sachet. || || M. D. XXIX. ||’ Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 8 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “Zů || vrkund mit vnserm auffgetruckten Secret || besigelt vñ geben zů Dreßden Freytags || nach Fabiani vnnd Sebastia-||ni. Anno domini || M. D. XXIX.||”

Druck von Alexander Weissenhorn in Augsburg.

Vorhanden in Berlin (Dg 2338), Freiburg i. Br. U.

Zeigte schon Georgs erste Schrift die Tendenz, Luther als Volksverführer und Aufrührer hinzustellen, so diese noch deutlicher. Gleich, was Georg als Hauptanlaß dieser zweiten Schrift anführt, ist dafür ein Beweis. Wohl sei Luther, in seiner Bosheit verstockt, vor Zorn ganz wahnsinnig und rasend und wisse nicht, was er tue, und jedem ehrliebenden und rechtsinnigen Menschen sei es gewiß, daß Luther des gedichteten Bündnisses halben ihn beschwert und lügenhaftig angegeben. Aber der arme einfältige Mann sei in dem Wahn befangen, daß alles, was Luther vorgebe, Evangelium sei und heilige Schrift, weil “sie allewege seines unnützen langweiligen Geschwätzes Deckmantel sein müßten”. So sei Georg verursacht und habe es im besten nicht wohl gewußt zu unterlassen, Luthers rasende Unwahrheit weiter an den Tag zu bringen.

 

 

 

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Dann tritt wieder deutlich Georgs Appell an seine Standesgenossen zutage. Offenbar will er sie daran erinnern, daß Luther selbst dem Volke angehört, wenn er fortfährt, Luther wolle mit seiner Schrift nur dem gemeinen Mann einbilden, man dürfe sich nicht nach dem Dichter und Schreiber erkundigen, wenn einem eine Schmach- oder andere verdrießliche Schrift vorkame. Unter dem Adel erfahre man das auch eines schlechten Worts halben. Und wer da nicht Rechenschaft fordere, werde nicht für fast ehrwürdig gehalten. So habe denn, obwohl Luther ihm vorwürfe, er habe mit Pochen oder sonst ungebührlich nachgefragt (s. o. S. 4), der Kurfürst von Sachsen auch nicht ob solcher Suchung einigen Mißfallen oder Beschwerung gehabt. Er habe vielmehr Luther befohlen die Wahrheit zu sagen, aber Luther habe auch seinen Befehl verachtet, woraus man nicht vermerken könne, daß er sich gegen seine weltliche Obrigkeit, die ihm von Gott gegeben, des Gehorsams mit der Tat befleißige, dessen er sich mit vielen hochtrabenden Worten berühme. Luther gehe nur darauf aus den gemeinen Mann glauben zu machen, daß er mit seinem Vetter in Feindschaft lebe, um ihm so zu aufrührerischem Vornehmen Ursache zu geben. Und zum Zeichen, daß auch der Rat von Nürnberg ihm gewillfahrt hat, druckt Georg das auf dessen Erfordern von Wenzeslaus Link an den Rat gerichtete und ihm übersandte Verantwortungsschreiben ab.

 

Nicht ohne Berechtigung hält er Luther vor, daß er gegen seinen Vorwurf, er habe auch in dem gedruckten Büchlein das erdichtete Bündnis mit fast hässigen Worten angestochen, sich gar nicht gerechtfertigt habe; das sei allein genug, alle seine Raserei und Sophisterei zu Schanden zu machen. Aber im Grunde geht Georg doch nur wenig auf diesen Punkt ein; nur ganz beiläufig erwähnt er ihn später noch einmal. Das bestätigt, daß die erste Schrift ihn doch nur scheinbar zum eigentlichen Ausgangspunkt genommen.

 

Um so mehr bemüht sich der Herzog, vom Vorwurf der Dieberei sich zu reinigen, der ihn mehr getroffen hat, als er zugeben will. Doch sind seine Ausführungen nur schwächlich. Er wirft Luther sophistische Lügen vor, aber im Grunde treibt er selbst Sophistereien, wenn er sagt, sobald er ihn an Link gesandt, sei der Brief nicht mehr Luthers Eigentum gewesen; selbst wenn er das Original des Briefes hätte, so sei das noch nicht Diebstahl, es müsse ihm erst nachgewiesen werden, daß er diebischerweise es sich angemaßt. Es fechte wenig an, daß Link sage, der Brief sei ohne sein Wissen und Wollen abkopiert; vor allem müsse, wer einen der Dieberei bezichtige, solches beweislich machen. Er schließt wieder mit dem alten Vorwurf, Luther mißbrauche die Gebote zu seinem Schänden, Lästern und Fluchen, dem gemeinen Mann Brillen damit aufzusetzen.

 

Und dabei übertrete er selbst die Gebote, das fünfte und das achte. So leitet Georg wieder zu der Bündnis-Frage über, zugleich auf Luthers Vorwurf eingehend, daß er einen heimlichen Brief veröffentlicht hat. Er wisse wissentlich, habe Luther gesagt, und damit habe er ihn verleumdet; keinem Biedermann gebühre, der Wissenschaft ohne gegründete Ursache sich zu rühmen. Er habe nicht heimlich etwas von ihm gedacht, denn wenn einer etwas spräche, seien es keine Gedanken mehr, und wenn es vor viele Leute komme, so wie Luthers Brief an Link, so sei es nicht mehr heimlich. Luther solle an die Brief-Affäre mit Hartmut von Cronberg denken. Wenn dieser Brief jetzt noch länger umgetragen wäre, so wäre er ebenso in Druck gekommen, wie der damalige. Und dann sage jemand, wenn er

 

 

 

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einen Brief doch selbst von sich gegeben, man habe ihn ihm gestohlen. Diese Lüge möge Luther zu den anderen Smaragden, Rubinen, Diamanten und Saphiren aufsetzen. Wenn er mit dem Schmuck vor den Richter käme, der da Lügen nicht leiden, noch ungestraft lassen könne, so solle er wollen, er wäre nie geboren.

 

Den Übersetzungsfehler (s. o. S. 3. 11) läßt Georg auch nicht unerwähnt. Er selbst habe den Brief verdeutscht, denn von Gnaden Gottes könne er solch Latein wohl noch verdolmetschen. Und er habe richtig übersetzt, denn in der andern Kopie, so ihm sein Geschickter von Nürnberg mitgebracht, stehe confundat; im Druck sei allein der eine Buchstabe versehen. Und so müsse Luther wohl eben derselbige Bube sein (s. o. S. 11), durch den ihm der Teufel solchen Fluch zugefügt hätte. Und Luther fluche doch auch nachher nicht minder. Wenn aber confundet stehe, so sei das auch nicht gerade eines evangelischen Propheten würdig. Übrigens wolle Luther seine Prophezei heimlich geschrieben haben und wolle mit solcher Heimlichkeit doch die Prophezei nachher wahr machen. Und solche Schrift solle nicht aufrührerisch sein für den gemeinen Mann (dabei läßt Georg wohl wieder, wie schon einmal in seiner ersten Gegenschrift, Luthers “Bericht” und den Brief in eins zusammenfallen?), denn wenn sie von den Fürsten sollten verderbt werden, so würde das doch wohl nicht ohne Aufruhr abgehen!

 

Nur mit einer wegwerfenden Bemerkung erwähnt die Schrift Luthers Erbieten zu einem Schiedsgericht. Wohl aber weist sie Luther wegen seiner Berufung auf den Speierer Abschied zurecht. Er sei kein Regierer und habe keinen Stand im Reiche; so solle er billig sich solchen Abschieds anzunehmen sich zu enthalten wissen, und solle nicht unerfindlich sagen, daß das kaiserliche Edikt gegen ihn befristet sei. Auch sei der Abschied kein Dekret, wozu er ihn mache. Daß er aber den Apostaten, Ketzern und Abtrünnigen vom Gehorsam der christlichen Kirche die Zinse und Güter in seinen Landen verboten1, das lasse ihm nicht nur der Abschied, sondern auch das kaiserliche Edikt und alle gemeinen Rechte nach. Luther indessen gehe, wie mit diesem Abschied, so auch mit der heiligen Schrift und anderem verkehrlich um.

 

Endlich widmet er auch Luthers Ausspruch, er sei sein Feind, eine Entgegnung. Das sei nicht wahr! Er habe Luther seinerzeit geschrieben — er weist damit auf seinen Brief vom 28. Dezember 15252 hin —, daß er um das, so er zuvor wider seine Person begangen, nichts Arges gedächte gegen ihn zu begehn; was er aber wider den Kaiser geübt, wolle ihm hintanzustellen nicht gebühren. Und so stehe sein Gemüt noch. Wolle er wirklich als Feind sich gebahren, so sollte Luther wohl zu Wittenberg kaum vor ihm sicher sein, denn noch viele wisse er seiner Freunde und getreuen Untertanen, denen seine Schmach und Lästerung leid sei, die ohne Zweifel ihr Leib und Gut an ihn wagten, wenn Georg es ihnen gestattete und sich ebenso gegen Luther halten wollte, wie Luther gegen ihn, mit Schelten, Verfluchen und anderem. Wie das freilich der Lehre Christi gemäß, das gäbe er männiglich zu ermessen. Daß er Luthers falsche Lehre nicht annähme und ihr entgegen sei, daraus mache er kein Hehl und wisse das mit Ehren und Seligkeit wohl zu verantworten. Er schließt:

 

 

 

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“Und wöllen disen bericht auffs kürtzest wider sein lang unnutz ungestüm geschwetz yetz abermals angezaygt haben, und damit von seiner vilfaltigen offentlichen lügen und fürnemlich der gedichten Bündtnus halben protestirn und bezeugen, er schreib nun, was er wölle von der Vorrede des Neuen Testaments oder unserer gegeben dreyjerigen antwort, darinnen er auß seinem neyd und eyffer, so er wider uns tregt, yhe nit underlassen kan uns und die unsern mit unwarhait zůlestern und schenden, So befindt doch meniglich Ernliebender, dz es von ainem erlognen pronnen herfleußt, der mit lugen also vergifft, das kain rechte warhait herauß geschöpfft mag werden. Und seind nicht bedacht uns fürter seiner lügen anzuouml;nemen, noch seiner flüch, prophecey und ander Teuffelsgespenst fast zů bekümmern. Dann wa sie außgehen, da gehen sie wider ein. Und seind des gewiß, das die ewig warhait dem lügner nit stadt gibt, wöllens also seiner allmechtigkait befelhen und uns an unserm Recht zůgepürlicher zeyt und gelegenhait genügen lassen, mit fleyß freundtlich bittend und begerend, ir wöllet disem unserm warhafftigem bericht, und dem das sich im grund also helt und befindet, stadt und glauben geben, Das seind wir umb ain yeden seinem stand und gebür nach willig und freuntlichen zů verdienen und in gnaden und allem gůtten zů vergleichen und unvergessen zů halten genaigt.”

 

Gleich nachdem der Herzog sienen “Kurzen Bericht” handschriftlich abgeschlossen hatte, sandte er ihn samt Luthers Schrift, aufs neue Beschwerde führend, an den Kurfürsten. In Weimar war man wenig erbaut von diesem neuen Ansinnen. Fast eine Woche land mußten die Räte auf Antwort warten. Dann wurde ihnen der Bescheid, den Brief an Link habe Luther schon vor den zwischen den Fürsten geschlossenen Verträgen geschrieben, er sei also jetzt nicht mehr zu berücksichtigen. Georg hätte mit seinem Ausschreiben und Druck dermaßen nicht eilen und die Sache schwieriger machen sollen. Mit besonderer Betonung werden die Worte: “so ich doch sein feind nicht bin” (S. 37, 31) aus Luthers Schrift herausgegriffen: sie wolle der Kurfürst sich unverzüglich von Luther erklären und an ihn und die Wittenberger Drucker ein Verbot ergehen lassen, den Herzog noch jemand anders zu schmähen, wie schon sein seliger Bruder früher ernstlich verboten hätte. Leider drucke man anderwärts auch Unfriedliches.

 

Ungesäumt erließ der Kurfürst an Luther ein entsprechendes Schreiben1: er solle hinfüro nichts drucken lassen, Georg oder andere Fürsten und Personen belangend, es sei senn dem Kurfürsten zuvor zugeschickt und von ihm zu drucken gewilligt — und gab auch dem Amtmann und dem Rat in Wittenberg Auftrag, die Buchdrucker zur Beobachtung dieses Befehls anzuhalten. Aber Georg war mit der kurfürstlichen Antwort und diesen Maßnahmen nicht zufrieden. Am 24. Januar sandte er dem Kurfürsten den “Kurzen Bericht” gedruckt und machte, dem Ausgangsgedanken seiner ersten Schrift entsprechend, geltend, daß Luther auch noch nach den Verträgen in dem “Bericht von beider Gestalt des Sakraments, aufs Bischofs zu Meißen Mandat” wegen des erdichteten Bündnisses ihn geschmäht habe. Der Kurfürst erwiderte ausweichend — am 28. Januar —, ihm sei gar nicht lieb, daß Luther

 

 

 

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sich mit Georg eingelassen; er gedenke, noch an den Handel mit Hartmut von Cronberg. Georg habe hier wieder geeilt; hätte er das nicht getan, so wäre der Kurfürst verschont geblieben, nun sei die Sache schwer beizulegen. Nie habe er, wie schon sein Bruder nicht, sich Luthers angenommen, daher hätte Georg ihn gar nicht in diese Dinge hineinziehen sollen. Der “Kurze Bericht” könne ungehindert angeschlagen werden.

 

Georg las aus dieser Antwort heraus, daß der Kurfürst noch immer wegen des erdichteten Bündnisses ihn in Verdacht habe, und antwortete am 19. Februar aufs neue, er habe zu solchem Verdacht dem Kurfürsten gewiß keinen Anlaß gegeben. Was für Luther gesagt werde, achte er nicht für genugsam. Kurz nach den ersten Verträgen sei Luthers Schreiben an Link ausgegangen und die Schrift “aufs Bischofs zu meißen Mandat” beweise klar, daß Luther sich den Vertrag nicht habe anfechten lassen. Aber der Kurfürst war der Sache müde. Er erwiderte umgehend — am 22. Februar —, er wolle nicht weiter mit ihm disputieren oder sich in einige weitere Rede einlassen; wolle Georg seine Suchungen und des Kurfürsten Antwort vor Unparteiische kommen lasse, so trage er dessen keine Scheu. Übrigens habe er alles in freundlicher Meinung gesagt und getan.

 

Damit war Georg an dieselbe Entscheidung gewiesen, zu der auch Luther in unsrer Schrift sich bereit erklärt hatte (s. o. S. 13), nur daß der Vorschlag im Munde des Fürsten gewichtiger klang, als in dem des Untertanen; er elendete den Kurfürsten nicht mehr mit neuen Zuschriften. —

 

Luther erhielt während dieses Schriftenwechsels, Ende Januar, einen Brief von dem Anstifter des ganzen Unheils, von Otto von Pack, der sich sehr erfreut über seine Schrift äußerte und dabei betonte, bald werde er die volle und klare Wahrheit sehen über seine Unschuld. Natürlich bestärkte das Luther im Bewußtsein seines Rechts, bekräftigte ihm aufs neue Georgs Schuld und Unlauterkeit und ließ mit um so größerer Freude ihn Amsdorf danken (12. Februar), der auch zu seiner Schrift ihm zustimmend geschrieben. Sein Brief zeigt, daß er im übrigen nicht viel Zustimmung fand; sie verdammten ihn alle, schreibt er, und hielten Georg für unschuldig, nicht bedenkend das Unrecht, das dieser ihm getan. Übrigens habe er sich bereden lassen, Georg nicht mehr zu antworten, zumal auch jener ausgesprochen, daß er ihn in Ruhe lassen wolle.1

 

Und Luther hat sich bezwungen und hat, den Bitten seiner Freunde nachgebend, nach Justus Jonas’ Urteil “der christlichen Liebe und der öffentlichen Ruhe ein Opfer gebracht”. Wie ein Brief an Link den Streit veranlaßt, so hat uns auch ein Brief an ihn die letzte bedeutsame Äußerung Luthers aus dieser Zeit aufbewahrt; auf jenen verhängnisvollen Brief anspielend, schreibt er ihm am 7. März, er habe gelernt, seinen Moab zu verachten.

 

Und noch mehr als Georg traf Luthers Verachtung dessen Geheimsekretär, Johann Cochläus. Auch er äußerte in mehreren seiner Schriften sich zum Streit, ja widmete mit Georgs zweiter Schrift gleichzeitig ihm auch eine eigene Schrift. Aber nicht einmal Luthers Briefe nehmen auf seine Auslassungen irgendwie Bezug; möglicherweise hat Luther von ihnen überhaupt keine Kenntnis genommen.

 

 

 

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Die erste Schrift des Cochläus, die den Streit erwähnt, ist die Anfang Januar 1529 vollendete:

 

“Vortedigūg Bischoff- || lichs Mandats zu Meissen, wi- || der Martin Luthers scheltwordte || Doctor Johan. Cocleus. || Jm M. CCCCC. || XXIX. Jar. ||” 24 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt zu Leiptzigk / Nickel Schmidt. || Ym iar. 1529. ||”

Vorhanden: Berlin Königl. Bibl.

Vgl. Martin Spahn, Johannes Cochlaeus (Berlin 1898) S. 351 Nr. 59

die Gegenschrift gegen Luthers “Bericht von beider Gestalt des Sacraments”. In ihr deutet auch Cochläus die schon von Georg gebrandmarkten Worte (Erl. Ausg. 30, 378) auf das “erdichte Berbundnis” und spricht noch deutlicher, als Georg, die Verdächtigung aus, zu der auch jener sich einmal hinreißen läßt, daß Luther es sei, der die Lüge von dem Bündnis ersonnen. Viele möchten denken, schreibt er, die Hummeln, so Doktor Pack unter die Leute gebracht, kämen aus Luthers Bienenstock.

 

Noch im Juli 1529 äußert er sich in demselben Sinne in der Vorrede zum:

 

 

 

“FASCICVLVS || CALVMNIARVM, SANNARVM ET || ILLVSIONVM MARTINI LVTHERI, || In Episcopos & Clericos, ex vno eius libel- || lo Teuthonico, cōtra Episcopi Misnen- || sis Mandatum aedito, collectarum, || per Iohannem Cochlaeum, || Ad Episcopum || Roffensem. | ........ || M. D. XXIX. Lipsiȩ. ||” 112 Blätter in Oktav. Letztes Blatt leer. Am Ende: “VALENTINVS SCHVMAN || Lypsiae, sub Illustrissimo, & vere Ca- || tholico Principe Georgio. &c.. An- || no Dñi post Millesimū Quingen- || tesimo vigesimo nono, Ad laudē || Dei, & Salutē piorum, || excudebat. || ..... ||”

Vorhanden: Neisse Katholische Pfarrbibliothek. Spahn S. 352 Nr. 68.

Hier ist ihm Luther sive autor sive conscius figmenti, und er begründet das hier ebenso, wie wirs oben von Georg gehört, Luther habe geschrieben se scientem scire foedus illud non esse omnino nihil aut Chymeram. Er scheut sich auch nicht, ganz unzweideutig von Luthers Brief wie von einer öffentlichen Schrift zu sprechen, wie vielleicht versteckt auch schon Georgs Absicht war. Nachdem er die Worte des Briefes angeführt, fährt er fort: Cum ergo videat se apud eruditos latine nichil proficere, ad Idiotas et populares suos conversus omnia teutonice agit, tanta quiden importunitate et malicia, ut vel doctissimos amarulentia sua defatigare, nequitiis et calumniis absterrere ac taedio enecare possit.

 

Zwischen der “Vortedigung” und dem “Fasciculus” liegt die Schrift, die ausdrücklich auf den Streit Georgs mit Luther gemünzt ist und auch direkt gegen unsre Schrift eine Gegenschrift darstellt:

 

 

 

“rVie verkerlich || widder den dur- || chleuchtigen Hochgebornen || Fuersten vnd herrn, herrn Ge || orgen, Hertzogen zu Sachs- || sen etc. Martin Luther den si || benden Psalm verdewtzscht, || vnd gemißbraucht, durch do || ctorem Joannem Cocleum || scheinbarlich angetzaigt. M. D. xxix. ||” Mit Titeleinfassung. 26 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.

Druck von Wolfgang Stöckel in Dresden.

Vorhanden: Berlin Königl. Bibl. Spahn S. 351 Nr. 60.

 

 

 

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Die Schrift ist den beiden Söhnen Georgs, den Herzögen Johann und Friedrich von Sachsen, gewidmet, da ihre Fürstliche Gnaden grosßes Mißfallen — nicht unbillig! — und Beschwernis — nicht Wunder! — trügen über das Schmähbüchlein, so von Martin Luther wider Georg von Sachsen sei ausgegangen. Auch sie spricht offen den Verdacht aus, der “wittenbergische Papst” habe den heimlichen Brief geschrieben in der Absicht, Link solle ihn offenbar machen. In manchen Stücken berührt sie sich eng mit Georgs “Kurzem Bericht”, nur sagt sie alles, was jener noch verschleiert, ganz unverblümt. So macht sie ohne Rückhalt Luther für den Bauernkrieg verantwortlich. Wie der “Kurze Bericht” weist auch sie Luthers Urteile über das Wormser Edikt und den Abschied von Speier zurück (s. S. 13), verspottet sein Apostolat (S. 11) und erhebt den Vorwurf, daß Luther nur Feindschaft zwischen die Vettern von Sachsen hätte säen wollen. Übrigens kümmere Georg sich nicht um sein Schelten, ebensowenig wie einst der König von England, der Luther auch mit seinem Schelten habe abgeführt. Höhnisch verspottet sie Luthers gegen Georg gerichteten Bannspruch (S. 3) und erwidert in spöttischer Weise auf seine “Erbietung zum Rechten”, er habe ja schon vor sieben Jahren zu Worms zur Disputation sich ihm dargestellt1 und sei dessen noch erbötig. Vor allem aber beschäftigt die Schrift, ihrem Titel entsprechend, sich mit Luthers siebentem Psalm. Luther poche und trotze feindlich darauf, daß er sein Gebet sein solle; aber ebensoviel besorgten sie sich vor seinem Gebet “als vor genspfeiffen”, denn unerhörlich sei es aus mehr als einer Ursache, vor allem aber, weil Luther den Psalm mannigfaltig gefäalscht mit Ab- und Zutum und mit verkehrter Auslegung. So werde der Zorn und das Urteil Gottes, so in diesem Psalm gemeldet, über seinen Hals zuletzt eigenlich ausgehen. Mit großer Breite, die den Verfasser bald selbst ermüdet, so daß er beim fünften Verse schon abbricht, und mit einem großen Aufwand von Gelehrsamkeit werden dann die sogenannten Fälschungen aufgezählt. Ganz deutlich ist dabei der eigentliche Grund Rache dafür, daß Luther die falsche Übersetzung von confundet nachgewiesen (S. 3. 11. 13); das hatte in Dresden doch sehr verschnupft. Nicht nur die Kirchenväter werden angeführt, auch auf Luthers eigene Psalmenauslegung, die Operationes von 1519, wird zurückgegriffen, um Widersprüche mit ihr nachzuweisen; sie habe Luther geschrieben, ehe denn er als Ketzer sei verdammt worden, nachdem er aber als ein abgeschnitten Glied in verkehrten Sinn gegeben und des Papstes und gemeiner christlicher Kirchen öffentlicher Feind geworden, lege er sich auf alle böse List, Tücke und Fündlein, die Schrift zu verkehren, der Kirche zu trotzen und ihre Gelehrten zu vexieren. Die “Fälschungen” berühren nach solchem Verdammungsurteil dann freilich höchst merkwürdig. Wenn Luther statt: “Herr, mein Gott, in dich habe ich gehofft”, das Cochläus will, übersetzt: “Auf dich traue ich, Herr, mein Gott”, so wird ihm vorgeworfen, daß er die Worte verkehrt und aus dem Präteritum ein Präsens gemacht habe. Bei seiner Übersetzung des fünften Verses (S. 44, 29 ff.) wird bemerkt, er sei nicht Häretiker und eigenwillig, sondern auch unchristlich und unevangelisch.2 Die Hinzufügung von “ohne Ursach” in demselben Verse wird

 

 

 

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straßenräuberisch genannt. Jnteressanter, als diese Einzelheiten, sind Cochläus' Darlegungen über seine Grundsätze, die Bibel zu übersetzen. Kein anderer Text oder Dolmetschung soll ihn zu glauben verbinden, als diese allein, so von gemeiner christlicher Kirchen sind bewährt oder angenommen. Wohl will er die “herrlichen und kunstreichen Gezünge Griechisch und Hebräisch” nicht verworfen haben, wollte vielmehr, daß alle Priester Griechisch und Hebräisch verstünden, jedoch in solchem Maß, daß sie ihren Verstand gefangen machten zum Dienst Christi und bereit wären allen Ungehorsam zu strafen; und wo sie in hebräischen und griechischen Büchern den Text irgend anders befünden, denn die Kirche im Latein hätte und brauchte, daß sie nicht sobald auf eigenen Sinn platzten und gemeinen Text der Kirche verachteten, wie Luther, seine Gesellen und Schwärmer täten. Sonst würde man nie Friede und Einigkeit in der Kirche haben. Luther habe ja auch selbst eingestanden, daß er sich zu viel unterwunden, sonderlich das Alte Testament zu verdeutschen (vgl. Erl. Ausg. 63, 23); um so weniger sei seinem Verstande und Dolmetschung zu vertrauen.

 

“Herzog Georgen Gebet auf den siebenten Psalm, aus dem lateinischen Text”, eine Nachahmung des Lutherschen, macht den Schluß dieser Ausführungen. Die “Schlußrede” des Buches aber erinnert noch einmal wieder deutlichst an Georgs eigene Schrift. Sie wendet sich vor allem an den gemeinen Mann und wünscht, daß er zur rechten Einsicht käme. Weshalb denn wohl Christus und sein heiliger Geist die Christenheit so viele hundert Jahre in Jrrsal und unechtem Glauben gelassen haben sollte? Luther sei wahrhaftig nicht allein gelehrt, ob er sich schon über die anderen berühme. Man sähe nicht, was er auf so viele Bücher, die zu Latein wider ihn geschrieben, geantwortet habe. Es müsse nicht recht zugehen, daß er jetzt so viele Jahre allein Deutsch schriebe. Der Geist Gottes sei nicht unbeständig, lügenhaft, aufrührerisch und lästermäulisch. Wer vor Gott am jüngsten Gericht bestehen wolle, der solle wohl bedenken, ob er einem Menschen mehr anhangen wolle, denn der gemeinen Christenheit! Würde man dann sich ziehen auf die Schrift, so möchte Gott saget, daß sie die Christenheit je und je gehabt, weshalb denn der einige Mensch Luther sie besser verstehen und auslegen solle, denn alle Lehrer und Konzilien; — was man darauf dann antworten wolle?

 

“O ewiger Gott, gib gnad und erbarm dich des armen einfeltigen volcks (welchs der Muench durch neyd und haß listiglich mit spiegelfechten

 

 

 

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und fuertzug der schrifft in falschen wahn gebracht und eingenommen hat) das yhm die schueeppen von augen abfallen, auff das es mit uns ersehen moege, wie der trotzig Muench so offt, ßo ferr und weyt, in der schrifft geirret und des rechten zyls gefaelet habe, auff das es nicht ewiglich mit ym verloren werde, Amen.”

 

Mit diesem Gebete schließt die Schrift. Hätte man solches von Gott ernstlich und einmütig vor sechs, sieben oder acht Jahren gebeten, so wäre es vielleicht nimmermehr dazu gekommen, daß Luther so viel tausend arme Leute und erschlagene Bauern dem Teufel mit Leib und Seele hätte mögen übergeben und so unbarmherzig verdammen! —

 

Lazarus Spengler urteilte über diese Schrift des Cochläus, daß sie vielen Ruhms, Lobs oder Danks nicht würdig, auch zu nichts besser sei, denn daß man das gute verderbte Papier billiger an anderen Orten, denn für christliche verständige Leute gebrauchen sollte.1

 

Ganz hielt Georg von Sachsen sein Versprechen, forthin zu schweigen, nicht. Wenn er auch nichts Neues unternahm, so gab er doch einige Aktenstücke des Streits, gesammelt in lateinischer Übersetzung, heraus in den “Epistolae aliquot”.2 Sie enthalten Luthers Brief an Georg vom 21. Dezember 1525 und dessen Antwort, des Landgrafen Brief, in dem er seinen Schwiegervater der Teilnahme an dem Bündnis bezichtigt und Georgs Verantwortung, die Schrift: “Welcher Gestalt...”, unsre Schrift, den “Kurzen Bericht...” und Cochläus’ eben behandelte Schrift. Letzterer war nicht der Übersetzer.

 

Durch diese Publikation wurde erst recht die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf den Streit gelenkt. Und auch Erasmus wurde durch das Buch veranlaßt sich zur Sache zu äußern. Er schrieb an Georg, höchst ungern habe er seinen und Luthers Namen auf einer Seite vereinigt gesehen, und an Melanchthon, er könne nicht sagen, wie sehr ihm Luther mißfiele, da er um nichts und wieder nichts Herzog Georg in eine Diebstahlstragödie verstricke.

 

Einige Jahre später ließ auch Luther sich verleiten, noch einmal auf den Streit zurückzugreifen. Es war, als in den Jahren 1532 und 1533 Georg den Einwohnern von Leipzig und Oschatz verbot, in den kursächsischen Grenzorten den evangelischen Gottesdienst zu besuchen und dort das Abendmahl unter beiden Gestalten zu empfangen, und wie der Leipziger Goldschmied Dominikus Holtzt bei Luther anfragte, ob man nicht um des Gehorsams willen gegen die Obrigkeit dem Abendmahlsgenuß unter einer Gestalt sich anbequemen müsse. Luther verneinte das in einem Briefe vom 11. April für alle, die des göttlichen Willens des Sakraments wegen gewiß seien. Sein Brief wurde dem Leipziger Rat und durch ihn dem Herzog Georg bekannt. Und nun beschwerte sich dieser beim Kurfürsten Johann Friedrich, daß Luther seine Untertanen zum Aufruhr verführe. Dagegen verwahrte sich Luther in seiner “Verantwortung des aufgelegten Aufruhrs”, in deren Einleitung er Georg an unsre Schrift erinnerte, in der ers ihm wohl deutlich und greiflich genug gesagt, daß er seine heimlichen Briefe soll unverworren lassen (Erl. Ausg. 31, 229).

 

 

 

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Eine scharfe Antwort aus Dresden, auf die Luther schon, bevor sie im Buchhandel veröffentlicht wurde, in seiner “Kleinen Antwort auf Herzog Georgen nächstes Buch” (Erl. Ausg. 31, 269 ff.) antworten konnte, war die Folge:

 

 

 

“Hertzog Georgens zu Sachssen || Ehrlich vnd grundtliche ent-||schuldigung, wider Martin || Luthers Auffrueerisch vnd verlo-||genne, Brieff vnd Verant-||wortung. || || Zu Dreszden || M. D. XXXiij. || Eins mans red, ein halbe rede || Drumb soll man sie verhörn bede. || [Das sächsische Wappen] || [Leiste] ||”. Titelrückseite bedruckt. 50 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “¶ Gedruckt zu Dresden durch Wolffgang Stoeckel, || vnd volendet den Sechsten tag Septembris 1533. ||”

Vorhanden: Berlin (Cu 1617). — Nachgedruckt von Michael Blum in Leipzig, 1533: Berlin (Cu 1616), Göttingen U., Königsberg U.

Cochläus hatte die Schrift im Auftrage seines Fürsten geschrieben. Und sie ging auch noch einmal auf unsern Streit ein, um Luther in fünf Punkten sein Unrecht und Georgs Unschuld nachzuweisen. Was sie Neues beibringt, ist eigentlich nur, daß sie nachzuweisen sucht, daß das Packsche Bündnis, selbst wenn es bestanden hätte, doch nicht für aufrührerisch wäre zu achten gewesen, hätte

 

(Bl. E iijb) “vilmehr ein Christlich und gepuerlicher gehorsam zuheissen, und hette vilweniger die gstalt eins auffrurs, dann die verbuendnuessen, so hyn und wider, on, ja wider Kay. Ma. wissen und willen, sind aus eignem durst und frevel zusam geblasen, den Luther oder Zwinglium oder andre newe Rottenfuerer in yhrer verdampten lere wider Bapst, Kaiser und gemeine Christenheit zustercken und mit wehrlicher hand zu verteidingen, dadurch dann der blutdurstig Muench ye lenger ye mehr halsstarrig und muttwillig wirdt alles zuschreiben und unter den pöfel auszubreitten, was zu auffrur dienlich, und sein blutgirig hertz erdencken mag.”

 

Vgl. J. Köstlin, Martin Luther, sein Leben und seine Schriften, 5. Aufl., fortgesetzt von G. Kawerau, II, Berlin 1903, S. 111 ff. 303 ff.; v. Bezold, Gesch. der deutschen Reformation, S. 589 ff.; Hilar Schwarz, Landgraf Philipp von Hessen und die Packschen Händel (Historische Studien, 13. Heft), Leipzig 1884, bes. S. 139 ff.; M. Spahn, Johannes Cochläus, Berlin 1898; J. R. Seidemann, Erläuterungen zur Reformationsgeschichte, Dresden 1844, S. 129 ff.

 

 

 

Ausgaben:

 

 

A1 “Von heim||lichē vnd gestolen || brieffen, Sampt einem || Psalm ausgelegt, || widder Hertzog || Georgen zu || Sachsen. || Mart. Luth. || M. D. XXIX. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 22 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedrueckt zu Wittemberg, durch || Hans Lufft. 1. 5. 2. 9 ||” [Kein Punkt hinter der “9”.]

Lesarten: Blatt A 2a Zeile 10 “furst hertzog”, A 2b 7 f. “schwe||re”, B 1a 11 “muste”, B 1b 15 “widder”, C 1a 16 f. “bringest, || vnd wirst”, D 1b 10 “ich auch wol”, D 2a 2 v u. “Darumb”, D 4a 5 “gepot”, E 1a 8 “auff yhn spielen”, 11 “Got”, 17 “George”, 19 “streben, toben”, 24 f. “vnher-||than”, E 1b 1 f. “re, || de”.

Vorhanden: Berlin (Luth. 5351a), Gotha, München H., Nürnberg St., Wolfenbüttel.

 

 

 

[Seite 21]

 

B Beschreibung wie A.

Lesarten wie A, aber E 1a 8 “mit yhn spielen”, 11 “Got”, 17 “G.”, 19 “streben, Sie toben”, 24 f. “vnher- || than”, E 1b 1 f. “re, || de”.

Vorhanden: München H.; Kopenhagen, London.

 

C Beschreibung wie A.

Lesarten: A 2a 10 “fuerst Hertzog”, A 2b 7 f. “schwe- || re”, B 1a 11 “mueste”, B 1b 15 “wider”, C 1a 16 f. “bringest, un̄ || wirst”, D 1b 10 “ich wol auch”, D 2a 2 v. u. “Darmb”, D 4a 5 “gebot”, E 1a 8 “mit yhn spielen”, 11 “Got”, 17 “G.”, 19 “streben, Sie toedten”, 24 f. “vnter- || than”, E 1b 1 f. “re- || de”.

Ferner: B 1a 1 “durch” (unverstümmelt), B 1b 1 “selbs wol” (ohne Fliege zwischen beiden Wörtern), C 1a 9 “bekendnis”, C 1b 2 “fulen”, D 1a 3 “muest”, D 1b 5 “freilich”, E 1a 11 “Got”, F 1a 14 “stortzen”, F 1b 2 “wundsch”.

Vorhanden: Berlin (Luth. 5351a bis), Königsberg U., München H. u. U., Wernigerode, Zwickau.

 

D Beschreibung wie A, aber in der Jahreszahl am Schluß auch ein Punkt hinter der “9”: “1. 5. 2. 9.”

Lesarten: B 1a 1 “durch” (im Abdruck verstümmelt), B 1b 1 “selbs | wol” (mit Fliege zwischen beiden Wörtern), C 1a 9 “bekentnis”, C 1b 2 “fuelen”, D 1a 3 “must”, D 1b 5 “freylich”, E 1a 11 “Gott”, F 1a 14 “stoertzen”, F 1b 2 “wuendsch”.

Vorhanden: Berlin (Luth. 5351), Stuttgart L., Zwickau; Basel U. — Erl. Ausg. 31, 2 Nr. 1.

 

E “Von heimlichen vnnd || gestolen brieffen, Sampt ei- || nem Psalm ausgelegt, widder Hertzog || Georgen zu Sachsen. || Mart. Luth. || M. D. XXIX. ||” Titelrückseite leer. 18 Blätter in Quart, letzte Seite leer.

Bogen D hat nur zwei Blätter. Druck wohl von Hans Weiß in Wittenberg.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Arnstadt, Berlin, Heidelberg, München H. und U., Straßburg; London. — Erl. Ausg. 31, 2 Nr. 2.

 

Niederdeutsch:

 

 

F “Van hemely- || cken vnde ge- || stolen breuen, Sampt ei- || nem Psalm vthgelecht || wedder Herhogen [so] || Georgen tho || Sassen. || Martinus Luther. || M· D. XXIX. ||” Titelrückseite bedruckt. 20 Blätter in Oktav.

Druck von Josef Klug in Wittenberg. Vorhanden in Berlin.

 

Spätere Drucke:

 

 

G Ausgabe von Dieterich Hermann Kemmerich, Jena, bey J. F. Ritter 1731. Oktav.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Breslau St., Dresden, Erfurt Minist., Greifswald, Hamburg, Jena, Leipzig U., Marburg, München U.

 

H Ausgabe von D. Friedrich Luecke. Bonn, bei Eduard Weber, 1819.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin, Göttingen, Straßburg, Wolfenbüttel.

 

 

 

[Seite 22]

 

I Eine lateinische Übersetzung ist enthalten in der von Cochläus veranstalteten Sammlung:

“Epistolae atq; libel- || li aliquot, cōtinentes controuer- || siam, quæ inter Nobilem & Illustrem Princi- || pem D. Georgium Saxoniæ Ducem etc̄. & || M. Lutherum partim publicȩ religionis || caussa, partim priuatarū quarundā || iniuriarum nomine versata est, || de mandato eiusdem Ducis || Georgij iam recēs e ger- || manico in latinum || traducti, Quorū || capita sequēs || pagina in- || dicabit, || Lipsiæ, Anno post Christum natum, || M. D. XXIX. ||” Titelrückseite bedruckt. 88 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “Excusum Lypsiæ, per Circumspectū virum || Melchiorem Lottherū, Sub Illustriss. || & vere Catholico pioq; Principe || Georgio Duce Saxoniȩ etc̄. || ad Dei Optimi Maxi- || mi gloriā et Chri- || stianorū sa- || lutem. ||” Nach diesen A –Y signierten 88 Blättern wurde noch ein Bogen a (4 Blätter, letztes Blatt leer) ausgegeben, der auf Blatt a 1ab den Brief Luthers an Linck “Dominica post Barnabæ. D. M. XXVIII.” und auf Blatt a 2a –a 3b “Errata” für das ganze Bnch enthält.

Die Schrift: “De priuatis et furto surreptis literis vna cum Psalmo quodam enarrato cōtra Georgium Ducem Saxoniæ” steht auf Bl. G3b –M3b. Vorhanden z. B. in der Knaakeschen Slg., Dresden, München H. (mit Bogen a), Nürnberg G. M., das (unaufgeschnittene) Knaakesche Exemplar trägt auf dem Titelblatt die Widmung: “Pro Dnō Vilibaldo Pirckheimer.”

Von den Gesamtausgaben ist die Schrift aufgenommen in Wittenberg 9 (1557), 291b –300b; Jena 4 (1556), 562a –573a; Altenburg 4, 628 –638; Leipzig 22, 5 –16; Walch 19, 621 –654; Walch 2 19, 518 –545; Erlangen 31, 1 –30. Der Brief an Herzog Georg nochmals Erl. Ausg. 54, 48 f. und sonst.

 

Zu den Drucken A –D ist folgendes zu bemerken:

 

Während des Druckes von A wurde auf Bl. E 1a folgendes im Satz geändert: Z. 8 “auff yhn spielen” (A) in das richtigere “mit yhn spielen” (B), Z. 19 zum bessern Verständnis statt “toben” (A) eingesetzt “Sie toben” (B) und, um den Raum für dieses eingeschobene “Sie” auszusparen, in Z. 17 “George” (A) in “G.” geändert. So entstand B.

 

Noch während Bogen E in der neuen Gestalt (B) ausgedruckt wurde, machte sich das Bedürfnis einer größeren Auflage geltend. Zu dieser waren außer dem Satz von Bogen E (B) noch Teile des Satzes von Bogen C und D vorhanden: von Bogen C noch die volle Widerdruckseite (Bl. C 1b C 2a C 3b C 4a), von Bogen D noch die volle Schöndruckseite (Bl. D 1a D 2b D 3a D 4b) und von der Widerdruckseite Bl. D 3b ganz, Bl. D 1b D 2a zum Teil. Alles übrige, also Bogen A und B, ferner die Schöndruckseite von Bogen C (d. i. Bl. C 1a C 2b C 3a C 4b), von der Widerdruckseite des Bogen D Bl. D 4a ganz und Bl. D 1b D 2a zum Teil wurden neu gesetzt. Die Lesarten dieses neuen Satzes s. o. bei C, Absatz 1. Gleichzeitig wurden auf Bogen E Bl. E 1a Zeile 19 statt “toben” das richtige “toedten” eingesetzt, sowie die beiden Druckfehler E 1a 24 f. “vnher- || than” in “vnter- || than” und E 1b 1 f. “re, || de” in “re- || de” verbessert. So entstand C.

 

 

 

[Seite 23]

 

Bald darauf wurde ein völliger Neudruck veranstaltet, der sich aufs engste an C anschloß und äußerlich von A nur durch den Punkt am Ende der Schlußschrift “1. 5. 2. 9.”, im Jnnern durch die bei D gegebenen Lesarten unterscheidet. — E stimmk mit 25, 9 stoltzem, 12 herrn, 43, 15 Sie toben zu B. — Als Übersetzung dieser Fassung ergibt sich F mit 25, 9 stoltem, 43, 15 Se douen, 25, 2 frede, 29, 16 H. G. Das Niederdeutsch dieses Textes ist nicht einwandfrei, die Übersetzung ist sehr getreu, manche Änderung im kleinen ist gewiß nicht beabsichtigt, sondern Druckfehler, nur im Text des 7. Psalms geht F gelegentlich eigene Wege. — G gibt sich in seiner Vorrede als neue Ausgabe eines Wittenberger Drucks von 1529; mit 37, 8 setzen, 43, 27 siebend Gepot stimmt G allein zu D, von dem es ein (außer in orthographischen Einzelheiten) getreuer Abdruck ist. — H stimmt mit 43, 15 zu streben, toben, morden allein zu A, dessen Text es in sprachlich modernisierter Form bietet. — I bietet den Text des 7. Psalmen in deutscher Fassung und stimmt darin mit 46, 31 verterben allein zu D. Die Übersetzung ist durch viele kleine Druckfehler entstellt, sie hat, wie die verzeichneten Lesarten lehren, der Sprache Luthers nicht entfernt in alle Höhen und Tiefen folgen können. Daß der Übersetzer den Ausdruck habe mildern wollen, wenn er 26, 14 vber die schnaussen zu hawen mit eiusmodi responso excipere, 29, 34 angefaren mit excepisse, 31, 17 uberrumpelt mit interpellat wiedergibt, ist darum nicht anzunehmen, vielmehr klingt Luthers Rede im lateinischen Text noch kecker und herausfordernder als im deutschen, vgl. 25, 5 arguor, 25, 9 insolenter, 30, 29 Sepe numero, 31, 31 nisi quod ad ipsius fatiat stomachum, 42, 2 quam grauissime possit, 44, 36 pontificis Tyrannidem. Ob die Auslassung von 34, 29/30 odder zum wenigsten befristet, und 41, 35 zween aus H. Georgens fuerstenthum aus Flüchtigkeit oder aus der, dann freilich an Fälschung streifenden Absicht zu verschärfen entsprungen ist, wird sich nicht entscheiden lassen. Daß die Übersetzung aus dem gegnerischen Lager stammt, ist ohnehin gewiß.

 

Wir geben die Abweichungen der Drucke BCD erschöpfend, die von EF, soweit sie Wortlaut und grammatische Form betreffen, die von I, soweit sie den Sinn des Lutherschen Textes berühren. G und H waren als nach Luthers Tode erschienen zu übergehen.

 

Über die sprachlichen Abweichungen von E läßt sich zusammenfassend folgendes sagen: Bezeichnung des Umlauts ist eingeführt in beichtueter 34, 6; vngleublich 38, 11; moecht (Conj.) (5), koempt (2), boerne(t) (2), groesser 30, 13, foerderlich 31, 26, schoenes 32, 26, troetzlich 36, 15, troetzig 36, 22, boesewicht 40, 9, roeren 42, 20, stoeltzer 42, 22, moerden 43, 15, froemkeit 45, 36; Nuermberg (7), Fuerst (2), daruemb (24), Druemb 35, 11, widderuemb (8), waruemb (2), (vn)schueldig (3), entschueldigung(e) (4), (ent)schueldigen (2), guelden (3), buendnis (13), schmuecken 27, 25, betuengen 31, 8, wuerde(n) (2), duenckt 35, 35, furmuenden 36, 28, geruest 46, 32, unglueck 47, 4; stuenden 30, 24, fuelen 34, 13, kluegelern 36, 10, fueren und seinen Formen (6), muessen u. s. F. (9).

 

Bezeichnung des Umlauts wird entfernt in bosheit (2), Oberkeit 40, 11; kurtze 25, 18, vermutet 27, 7, gedruckt 33, 25.

 

 

 

[Seite 24]

 

Sonstiges zum Vokalismus: 1. ie > i in briffe (2), disem 41, 10; i > ie in yederman (2), friede 41, 24, blutuergiessen 44, 15.

 

2. u wird zu o siebenmal in from u. s. F., zu oe sechsmal in foerchten u. s. F. Je einmal wird o zu u in gunst 44, 2 und zu ue in stuertzt 47, 33.

 

3. Unbetontes e wird viermal zu i in nehister u. s. F.; wird insgesamt zwölfmal zugesetzt in genug, verdreusset, verdeudschet, kurtze, habe, alleine, wercke; elfmal entfernt in Gnad, geringsten, welchs, narrn, handeln, Georg, brieff, ein, ehr, allein.

 

Zum Konsonantismus ist zu bemerken: 1. Fortis tritt ein in gepot (19), gepet (5), geperen 47, 2, geporn 47, 9; bekentnis 33, 33, begert 36, 22.

 

2. Lenis tritt ein in Babst(um) (3), geboten 45, 9.

 

3. Doppelkonsonant wird eingeführt in Grobbel(t) (2), zeddeln 25, 23, odder (6), widder (2), foddern 46, 8, hirrschen 32, 8, Sachssen (8), fusseissen 31, 9, weissest 44, 12, leutte (6), Gott (2), huette 35, 11, geradten 38, 3, Wentzel 29, 15.

 

4. Doppelkonsonant wird vereinfacht je zweimal in last und oder, desgleichen in fodert 31, 13, wider 37, 8.

 

5. Dehnungs-h wird beseitigt in vorrede 36, 5 und siebenmal in Formen von nemen, eingeführt in auffrhuerischen 33, 6 und viermal in Formen von rathen (verrhaten 31, 5/6); verreth > verrhet 47, 21, befelhen > befehlen (6).

 

6. Statt -gkeit tritt achtmal -ickeit, statt -thum zweimal -thumb ein.

 

 

 

[Seite 25]

 

[Von heimlichen und gestohlenen Briefen] 1529

 

 

 

[Seite 25]

 

 

[Bl. A ij] Martinus Luther allen frumen Christen

Gnad und friede ynn Christo.

Es ist itzt newlich ein buchlin unter Hertzog Georgen zu Sachsen namen ausgangen, darynn ich werde angegriffen eines brieffs halben, so ich sol haben geschrieben an den wirdigen hochgelerten Doctor Wencelaus Linck, prediger zu Nurmberg. Und ist war, das mich des selbigen brieffs halben genanter furst hertzog Georg schrifftlich ersucht hat und (wie sein gedruecktes buechlin zeigt) gleich mit stoltzem pochen und trotzen solches gefoddert, Darauff ich geantwortet wie folget:

 

 

 

Dem durchleuchtigen, hachgebornen fuersten und herrn,

herrn Georgen, hertzogen zu Sachsen, Laudgraven ynn Dueringen

und Marggraven zu Meissen, meinem gnedigen herrn.

Gnade und friede ynn Christo. Jch hab E. F. G. schrifft empfangen, darynn E. F. G. von mir begert einer zeddel odder abschrifft halben antwort, ob ich solcher schrifft mir bewust sey, Und solchs als mueste ich gleich dem geringesten verpflichten odder gefangenen hie zu gewarten sitzen. Darauff ist mein kuertz antwort: Nachdem E. F. G. wol weis meine hohe gedult, so ich bis her getragen habe uber die vorrede auffs newe testament des Emsers und auff die antwort meiner hertzlichen demuetigen schrifft begegnet, Also wil ich noch dismal auch gedult haben uber diesem stuecke, angesehen E. F. G. grosse und schwere anfechtungen, Und bitte gantz demuetig, E. F. G. wolten mich mit solchen zedeln odder abschrifften unversucht lassen. Es wird sich on zweivel E. F. G. bey denen, so solche zeddel haben zugericht und gereicht (auch wol on des Luthers zuthun) wol wissen zu erkunden, wes solche schrifft sey, welche E. F. G. mehr denn ich verwand odder zugethan. Nichts herters wil ich auff dis mal widder solche frume leute geschrieben haben. Denn zu erbarmen und zu bitten fur E. F. G. anfechtung were ich Christlich geneigt, wo es E. F. G. leyden kuendte. Hie mit Gott befolhen, Amen. Zu Wittemberg, Sonnabends des letzten Octobris 1. 5. 2. 8.

 

 

 

E. F. G.

Williger Martinus Luther.

 

[ 2 freide E 3 itzt fehlt F 5 sol] arguor I 7 furst] fuerst CD fehlt I 8 George CD        ersucht] besocht F me cōvenerit I 9 stoltzen CD        tā nō superbe, insolenter, ac minaciter a me rn̄sum flagitarit I        und fehlt F        gefodddert A        geanwortet CD 10 wie] wo hir na F 11 durhleuchtigen A 12 herrn] herr CD 16 ob ich] efft ock F        schrifft ] schaedulae I 19 bisher] wente sueslange F 21 uber diesem stuecke] hoc, Quod mihi nunc obijcit7 I 22 anfechtungen] anfechtinge F tētationē I 23 affschriffte F 24 subornarūt, & exhibuerūt I 26 subditi & obstricti I 29 Sonnabends fehlt I]

 

 

 

[Seite 26]

 Und hette warlich auch gehoffet, Er solte sich an solcher guetiger, demuetiger antwort lassen benuegen. Weil er aber nicht rugen kan und seiner boesen anfechtung schlechts nichts widderstehen wil, bitte ich gantz freundlich, ein iglichs frumes hertz wolte mich nicht verdencken, ob ich meine notturfft rede, sondern ansehen meine not, dahin mich der [Bl. A iij] unruegige man dringet und treibet. Denn das weis Gott, das ich hertzog Georgens gerne verschonet hette, nicht alleine seiner eigen ruge und friedens halben, sondern auch des gantzen loeblichen hauses zu Sachsen. Darumb hab ich auch bis her auff die schendliche, unchristliche vorrede des newen testaments, darnach auff sein unfuerstlich und ungeschickte antwort auff mein hertzlich demuetigs schreiben nichts geantwortet, sondern mit hoher gedult ynn mich gefressen, das nicht bey unsern nachkomen dem loeblichen hause zu Sachsen ein schimpff bliebe. Eben so hette ich auch auff die nehesten ersuchung meines brieffs halben yhm wol mit einer solchen antwort uber die schnaussen1 zu hawen gewust, das yhm die lust solcher suchung solt gebuesset worden sein, wo ich nicht seiner hette wollen verschonen.

 

Wolan, die schuld ist nicht mein: Ein iglicher sihet, das2 Hertzog George so haben wil, So las her gehen, Gott wallts. Erstlich klagt er, das ich nicht habe richtig wollen antworten, Ja odder Nein sagen, so er doch nichts, denn die warheit gesucht habe &c.. Da antworte ich: Was er fur not oder recht hat solche warheit zuerforschen, wil ich hernach wol anzeigen. Jch weis aber noch heutiges tages nicht anders, denn (so ich glimpfflich und guetig antwort auff solchs forschen solt geben) das mir gebuert widder Ja noch Nein zu sagen, Welchs seine vernunfft, so sie ausser der anfechtung were, sich wol selbs hette wissen zu berichten. Denn sintemal dis eine heimliche schrifft sein sol an eine einige person geschrieben, nicht durch den druck offentllich ausgangen noch unter viel leute geschicket (wie er mich mit der unwarheit zeihet) und ich den heubtbrieff noch desselbigen abschrifft bey mir nicht habe noch hatte, wie solt mirs angestanden haben, ia wie wolt mein gewissen bestanden sein, wo ich Ja odder Nein hette geschlossen yn solcher sachen, da ich selbs widder Ja noch Nein gewis war noch schliessen kundte? Denn wo ich des brieffes verleugnet und Nein gesagt hette, mocht man mich villeicht mit der handschrifft und siegel uberzeuget haben, Hette ich aber Ja dazu gesagt Und der brieff durch viel

 

 

[ 1 warlich fehlt I 3 schlecht CD 8 bisher] wente heer [und so immer] F 10 antwort] epistolā I 11 Sed eam iniuriā summa animi patiētia deuoraui I 13/14 potuissem equidē illum eiusmodi responso excipere I 14 schnaussen] schnutten F 16 Wolan] Sed quid fatias? I 17 So las her gehen] permittantur igit~ vela ventis I        walts CD 19 odder CD 20 tho erfoerderen F 22 gebuert] gehoert [und so immer] F 26 zeihet] beschueldiget F 26/27 heubtbrieff] autographum F 29 geschlossen] P̱nuntiassem I 30 schliessen] P̱nuntiare I        kuendte CD 31 moecht CD        mich] sick F]

 

 

 

[Seite 27]

hende gelauffen, da zubesorgen er mocht gebessert odder geendert sein (wie es denn wol auch meinen gedrueckten buechern geschicht) so were ich abermal fein angelauffen. Darumb hab ichs glimpfflich zu handeln fur das beste angesehen, so ich yhn zu den frumen leuten weisete, die yhm solche schrifft hetten gereicht und zugericht, bey welchen es yhm fuerstlicher und vernuenfftiger angestanden were und er auch schuldig war zu erkunden Und nicht von mir foddern, des er keinen fug noch recht hatte zu foddern, dazu auch billich sich vermuetet haben solt, das er ein unmueglich ding (schweige des unbillichen) von mir foddern wuerde.

 

Nu aber mein guetiger glimpff umb sonst ist und sol und mus pochens gelten, so sage ich itzt, ich wolt zehen gulden darumb geben, das Hertzog George meine handschrifft und siegel bekomen hette, so wolten wir ein feines spiel fur dieser fastnacht haben angericht. Aber was sol ich nu [Bl. A4] thun? der heubtbrieff ist nicht da (hoere ich sagen) Und der unruegige man feret heraus, gruendet sich auff solche schrifft, welcher doch widder ich noch er selbs gewis ist noch gewis sein kan, deutet und tregt den selbigen spielen1 , sich damit zu schmuecken und mich damit zu schenden und zuverunglimpffen. Wie gar fein und loeblich hette es einem klugen fuersten angestanden, das er nicht so leichtfertiglich heraus fure mit ungewissen schrifften, sondern sich also bedacht: Der brieff ist ungewis und eines heimlichen brieffes abschrifft, las yhn faren, Was kanstu daraus machen?

 

Jch weis treffliche leute, so bis her Hertzog Georgen des fuerstlichen bundnis odder auffrhurs gantz unschueldig gehalten, itzt anfahen zu zweivelen und mit argwahn werden angefochten, Darumb, das er so engstlich und genaw sich sucht zu schmucken, auch unnoetiger unbillicher weise. Und wenns nicht verboten were nach argwahn zu urteilen, were mir fast auch also, Denn schueldiger gewissen art ist neben andern auch diese, das sie mit allzu vleissigem und allzu hohen unnoetigem entschueldigen sich selbs zu verrhaten pflegen, Da her auch das sprichwort2 kompt so man von solchen entschüldigern spricht: ‘Ey

 

 

[ 1 moecht CD        gebessert] additū I 6 schueldig CD 7 fug] orsake F 11 sage ich] P̱fiteor equidē ingenue I 13 fastnacht] Vastelauende F bachanalia I 14 heubtbrieff] autographon I 16 ludendi, quod aiunt, causa circūgestare I 17 populiq; inuidiae obijciat I 18 klugen] wysen F 19 fuere CD        schriffen A 20 las yhn faren] Quin igit~ eas negligis? I 23 buendnis CD 24 argem wahn F 25 schmuecken CD 26 verpotē CD 29 von] vor F]

 

 

 

[Seite 28]

 wie weis bornet er sich, Ey borne dich nicht zu helle.’ Froeliche sicher gewissen lassens bey einfeltiger und noetiger entschueldigung bleiben, Aber das las ich Got befolhen sein, Der wirds wol finden. Verdacht und argwahn, dazu sein selbs gewissen, las ich machen was sie machen.

 

So denn nu Hertzog George solche abschrifft dafur helt yn seinem synn und sie durch den druck als die meine aus lesset, So wil ich der sachen thun [Matth. 12, 37] nach der lere Christi, da er spricht ym Euangelio: Ex verbis tuis iustificaberis, [Luk. 19, 22] et ex verbis tuis condemnaberis, Und abermal: Ex ore tuo iudico te, serve nequam. Dem nach, so neme ich mich dieses brieffes hinfurt an als des meinen, Doch mit solcher mas und unterscheid, das ich mein gewissen wil bewaret haben, als das fur Gott nicht kan gewis sein, das solcher brieff mein sey, weil der heubtbrieff nicht fur handen ist, Sondern auff Hertzog Georgens dunckel und wahn gruende ich mich, Das, weil er dafur helt, Er sey mein, so nenne und neme ich yhn fur den meinen an und nicht weiter, Denn es sol dieser handel nicht auff meinem gewissen noch bekentnis, sondern auff Hertzog Georgens duenckel und wahn gegruendet sein.

 

Hieraus folget nu, so dieser brieff nach Hertzog Georgens meinung mein ist, das freilich genanter Hertzog George dafur halten sol und mus, Er hab das meine bey sich wider meinen wissen und willen, und sol und mus billich ein gewissen haben male fidei. Denn wer hat hertzog Georgen die macht gegeben, das er frembdes gut bey sich hellt widder wissen und willen des, so der herr dazu ist? Ja, wer hat yhm die macht gegeben, solch frembd gut nicht allein bey sich zu halten (welchs noch zu leiden were) sondern auch damit zu handeln und gebaren mit frevel und gewalt als mit dem seinen nach allem mutwillen, zu unuberwindlichem schaden und nachteil seines herrn odder besitzers? Denn er lesst diesen gestolen, geraubten und gefangen brieffe [Bl. B 1] durch den druck ausgehen, mich damit zu unterdrucken und sich zu erheben. Jch mus ein gleichnis geben, das ers verstehe.

 

Wenn ich einen brieff hette aus Hertzog Georgen Cantzeley bekomen widder seinen wissen und willen, und handelte damit widder sein ehre und glimpff, wie solte yhm das so hertzlich gefallen? Und wenn er mir viel gnaden gestattet, so mocht er mir solchen brieff villeicht heimlich lassen, aber damit oder nichts drauff handeln. Den kopff muste ich sonst verlieren, wenn der hals gleich eitel eisen und stal were. Odder wenn ich tausent gulden einem kauffman ynne hette widder seinen wissen und willen, und bekennet dasselbige nicht allein, sondern pochet und trotzet darauff, yhn damit ynn grund zuverderben — Las hie Hertzog Georgen selbs urteilen, was ein solcher wol

 

 

[ 3 archwahn F 10 mas] masse CD 12 heubtbrieff] autographū I      duenckel CD opinione I 17 nu fehlt F 18 habe CD 19 meinen] meinē A mynen F 21 helt CD 33 mueste CD 34 yseren vnde stael were F weren AE 35 ynne hette] vorhelde F 36 yhn] fortunas eius I]

 

 

 

[Seite 29]

verdienet hette. Ja, brieffe sind nicht gueter? Lieber, Wie wenn es sich begebe,  das mir odder dir an eim brieffe mehr denn an tausent gulden gelegen were?  Solt nicht solcher brieff so werd und lieb sein als tausent gulden? Dieb ist  ein dieb, er sey gelt dieb odder brieffe dieb.

 

Nu stehe ich, Doctor Martinus Luther auff Hertzog Georgen duenckel  und gewissen, ruffe und klage offentlich fur aller welt, Das der selbige Hertzog  George meinen brieff ynne hat widder meinen wissen und willen (welches ich  dennoch wol leiden mocht, wenn er ia so grosse lust hat zu heimlichen frembden  brieffen) dazu damit offentlich und frevelich gebaret seines willens zu unterdruecken  mein glimpff und ehre. Denn er kan sich des leichtlich selbs wol  bereden, das Doctor Luther von Gottes gnaden wol so viel deudschs und  lateinisch schreiben kan, wo er wolte Hertzog Georgen seiner brieffe einen zukomen  lassen, das er die uberschrifft wuerde und kuendte an Hertzog Georgen  stellen und dem selbigen solchen brieff zu eigen, macht geben zu haben und  offentlich zu gebrauchen und nicht dafur einem andern (als D. Wencel Lincken)  zu schreiben odder zu fertigen. Denn H. G. bekennet selbs ynn seinen schrifften,  Solcher brieff sey Wencelao Lincken und nicht Hertzog Georgen zu geschrieben.  Das mus ich also verstehen, als spreche er: ‘Jch, Hertzog George habe Martinus  Luthers brieff, der mir nicht gehoert noch gebuert1, widder seinen wissen und  willen, sondern gehoert Wencelao Lincken, und handele doch offentlich damit  widder sie beide.’ Ey danck habt, lieber herr.

 

Hie sihe nu den rechten richter Jhesum Christum, und was ein mensch  thut, so yn anfechtungen ligt und widder Christum tobet. Hie findet sichs,  das meine zornigen iunckern, so die Christlichen kirchen schuetzen und die ketzer  vertreiben, den glawben verteidingen, wenn sie lange fechten und pochen also  herunter fallen und daumeln, das not were, man furet sie zur schulen und  [2. Mose 20, 15, Röm. 9, 33] leret sie die zehen gebot, da Gott spricht ‘Du solt nicht stelen’. Das heisst  (mein ich) sein angelauffen an den fels des ergernis. Wo sind hie die hochgelerten  des rechts und der schrifft gewesen, die yhrem herrn (wie sie fur  yhren reichen sold zu thun schuldig sind) hetten geraten, sich anders ynn dieser  sachen [Bl. B ij] zu halten Und lassen yhn ynn solchen schimpff fallen?

 

Also solte aber Hertzog George gethan haben, wenn er fuerstlich und  weislich hette wollen thun: Die gesellen, so yhm diesen meinen brieff brachten  und reitzten widder mich, solt er mit fuerstlichem ernst angefaren haben und  gesagt: ‘Was bringt yhr daher? Wo fur haltet yhr mich? Woltet yhr mich

 

 

[ 1 gueter] pecuniae I 5 Doctor fehlt I 16 H. G.] Hertzog George E 19 wider CD 20 openbar F 21 beyde CD        Ey] J F 23 Christum] deo I 24 Iunckeros [und so stets] I        Christlichen fehlt I 25 vertreyben CD        verteydingen CD 26 tumelen F        fueret CD 28 fein fehlt I 31 schimpff] ioculare malū I 33 Die gesellen ] bonos illos viros I 34 haben angefaren E excepisse I]

 

 

 

[Seite 30]

 so yn einen schimpff furen, das ich mit frembden brieffen umbgehe, darauff  handeln und narren solt? Wenn ichs gleich umb des Muenchs willen nicht  wolt lassen, so wolt ich doch umb Gottes willen mit solchen brieffen unverworren  sein, weil er gepeut, Man sol nicht stelen noch gestolen gut ynne  haben.’ Das were eine fuerstliche und adeliche tugent gewest, Davon Salomon  [Spr. Sal. 20, 8] spricht: Ein furst, der auff dem stuel des rechten sitzt, vertreibet alles unrecht  mit seinem anblick.

 

Odder wenn er ia so lustern sein wolt mit frembden heimlichen brieffen  umbzugehen, solt er die selbigen heimlich bey sich behalten und nicht offentlich  erfur thun und darauff handeln, Denn was heimlich ist, sol man heimlich  lassen bleiben, bis yhm befolhen werde odder recht gewinne, dasselbige offenbar  zu machen. Es ist gar gros unterscheid unter einem heimlichen und offentlichem,  unter einem frembden und eigenen brieffe, Ja kein grosser brieffefelscher  ist auff erden, denn wer einen heimlichen brieff widder wissen und willen  seines herrn offenbar odder einen frembden zu eigen machet: Der verfelschet  nicht vier odder funff wort darynnen, sondern den gantzen brieff, das es hinfurt  nicht mehr der selbige brieff ist, noch heissen noch sein kan, weil damit  die gestalt und art des gantzen brieffes und die meinung des schreibers aller  dinge verkeret und geendert ist, Und wird yhm das seine mit gewalt genomen  und offentlich geraubt und zu schanden gemacht, wie auch die keiserlichen  rechte leren.1

 

Darumb schreibt auch S. Hieronymus2 von solchen heimlichen brieffen,  die yhm auch gestolen waren, das sie fur nichtige brieffe zu halten sind, Und  ob schon auch lesterwort drynnen stunden (spricht er) sollens dennoch nicht fur  lesterwort an zunemen sein. Und was sind heimliche rede und brieffe anders,  denn eitel blosse gedancken, die noch nicht an tag komen sind, dazu villeicht  an tag auch nicht komen sollen? Lieber, es gehoeren klueger leute zu heimlichen  [1. Sam. 22, 9; 26, 1, Ps. 52, 2; 54, 2] brieffen, denn Hertzog George ist mit seinen Zibitern und Doegitern. Mir  sind auch wol etwa heimliche brieffe meiner feinde, beide mit siegel und handschrifft

 

 

[ 1 fueren CD        vt literas cōtrectem alienas I 4 gebeut CD 6 fuerst CD 18 gestalt und art] ratio, & genius I 19 ding CD 24 darynnen stuenden CD        sollen es ABCD scholde ydt F 26 an den dach F        dartho ock F 27 an den dach F        Lieber fehlt I 29 etwa] vortiden F Sepe numero I]

 

 

 

[Seite 31]

zu komen, Damit ich yhn wol hett wollen die welt zu enge machen1,  wenn ich Hertzog Georgen exempel wolt gefolget haben. Aber ich lies sie  heimlich bleiben und verachtet sie oder zureis sie, on das ich die warnung  guter freunde an nam. Jch schreibe auch heimliche brieffe, Aber allzeit mit  der bedacht, das sie der teuffel (so mir ynn alle wege nachstellet) moecht verraten  und offenbaren. Darumb behalte ich mir einen hinderhalt, wenn sie  ia geoffenbaret wuerden, damit ich den teuffel auffs narrenseyl fure2, das er  sich selbs yn seiner klugheit betungen3 mus. Es heisst: Huett dich fur des  Luthers heimlichen brieffen, sie sticken vol [Bl. B iij] fuseissen und stricke, Wers  nicht glewbt, der versuchs.

 

Aber was thut mein lieber herr Hertzog George? Er nimpt nicht allein  mein heimliche gestolene brieffe an, die yhm nicht gepueren zu haben, welches  ich noch leiden kuende, Sondern poltert und stoltzet daher und foddert sie von  mir selbs und wil bey mir ein herr uber meine heimliche brieffe sein, so er  doch nicht eins hellers werd uber mich leiblich herrscht, gerade als hette er  recht und macht zusehens zu rauben das meine und mich zu zwingen, ynn  solch sein reubisch foddern zu willigen. Dran nicht benueget, uberrumpelt er  den loeblichen frumen Kuerfuersten zu Sachsen, wil durch den selbigen schier als  durch seinen armen knecht sein reubisch foddern an mir ausrichten, als sesse  der Kuerfuerst da zur froen und dienst, das er Hertzog Georgen meine gestolen  brieffe foddern und rauben helffen muste. Und das des frevelen ubermuts ia  keine masse sey, feret er uber die feinen herrn des Rats zu Nurmberg auch  fast schier als ein keiser uber seine armen unterthanen, grobbelt, sucht  und foddert die handschrifft durch sie von Doctor Wencelao Lincken, so doch  widder Nurmberg noch Wencelaus seine unterthan sind, schweige denn, das  sie solten seinen ausgeschickten dieben und reubern forderlich zu sein sich  schueldig erkennen.

 

[Jes. 16, 6] Wo wil doch der unruegige man zu letzt hinaus mit solchem Moabitisschen  stoltz und hohmut, der sich unterwindet so gewaltig zu sein auff erden, das  niemand (auch seiner feinde keiner) heimlich von yhm reden, schreiben odder  gedencken solle, es gefalle yhm denn? Ja das muste man yhm bestellen, bald,

 

 

[ 1 eo illos adigere potuissem, Vt quo se gētiū verterēt, nescituri fuissent I 3/4 discerpebā, admonitionē tn̄ bonorū amicorū accipiebam I 4/5 mit bedacht F 5 allen F 7/8 vt in sua ipsius sapiētia cōstrictus teneat.~ I 8 betungen] beschiten F 9 heimlichen fehlt E        fuseisen CD 11 lieber fehlt I 14/15 cum in me ne latū quidē vnguem imperiū obtineat I 15 hellers] scherues F 17 uberrumpelt] interpellat I 19 utgrichten F 21 mueste CD 23 grouelt [und dementsprechend immer] F 25 vnterhan A 31 es gefalle yhm denn] nisi quod ad ip̄ius fatiat stomachū I        mueste CD]

 

 

 

[Seite 32]

noch fur essens. Jch weis wol, das er Hertzog zu Sachsen, Landgrave ynn  Dueringen und Marggrave zu Meissen ist Und fur war, Gott hat yhm ein  fein land und schoene herrschafft gegeben und doch leider, wie Salomon sagt,  [P ed. 5, 18] Jst yhm nicht gegeben, das ers mit genuege und ruge seines hertzen brauchen  kuende. Das er aber Hertzog uber frembde brieffe, Landgrave uber heimliche  rede und Marggrave uber gedancken solt sein, das werde ich, ob Gott wil,  dis iar nicht glewben noch leiden. Und ob er so grob und thuerstig sein wolt,  das er durch den Kuerfuersten als durch mittel odder knecht uber mich hirschen  wolt, so wil ichs aber nicht haben noch bewilligen, Denn ich wil Hertzog  Georgen nicht zum herrn haben odder billichen, ehe denn Gott yhn mir zum  herrn macht und setzt. Er ist mein abgesagter feind, des sol er sich gegen  mir auch halten, also wil ich auch sein gewarten, wie wol ich sein feind nicht  bin, sondern auch hertzlich und demuetiglich gnade gesucht und gebeten habe  und alles gut gewuendscht. Hat er nu etwas widder mich, So sol mein landsfuerst  richter setzen Und er mit seinen hochgelerten verklage mich auffs scherffest  und beste er kan. Werde ich mich nicht verantworten, so bitte ich umb keine  gnade. Aber ich rathe es yhm nicht, Ja das fuelet er auch wol, das er mit  recht nicht viel gewinnen wurde, darumb wil er mit frevel und gewalt zu  mir einbrechen.

 

Und was wolt H. G. daraus machen, Wenn [Bl. B 4] ich noch heute  odder morgen heimlich mit eim guten freunde redet oder zu yhm schriebe, wie  ich H. Georgen entschueldigung fur nichts hielte, sondern dechte schlechts, er  were des furgenomen fuersten auffrhurs schueldig, und alle stueck anzeiget von  wort zu wort, wie sie yhm gestolen brieffe stehen? Was wolt er mir von  rechts wegen darumb thun? Jch hette (spreche sein Doeg) seine ehre und  glimpff geschendet — Wo da, mein schones lieb? Der brieff were ia heimlich,  Die rede were heimlich, Die gedancken weren heimlich. De occultis non  iudicat Ecclesia, multo minus iudicat de eisdem Magistratus. Wie kan denn  sein ehre und glimpff genomen werden, so kein offentliche rede, schrifft, zeuge  odder urteil gehabt mag werden? Odder sol man die hofeschrantzen zu Dresen  noch leren, was da heisse ehre und glimpff nehmen? Sie sollen mir heimliche  sachen ungericht lassen und des keinen danck dazu haben.1 Ja ich hette  gleich wol heimlich meinem nehesten damit affterredet: Ey lieber, da lasse  Gott und mein gewissen richter sein, ob ich wol odder ubel dran thu, Da  gebuert dir nichts zu wissen noch zu richten. Machte aber Hertzog George

 

 

[ 1 noch] nach E 3 leyder CD 6 gedancken] secretarū cogitationū I        ob Gott wil fehlt I 7 leyden CD 8 ein middel F 12 gewarten] warnemen F 15 hochgelerten] doctis I 16 beste] disertissime I 18 wuerde CD 20 H. G.] Hertzog George E 22 H.] Hertzog E 23 schueldig] nō expertem I        stuecke anzeigt CD 26 schoenes CD        Quo id tandē pacto lepidū meum capitulum? I 29 keine CD 30 Centauri Dresdensis aulae I 31 noch] nach E 32 nec vllā interim gr̄am a me ineant I 33 meinen E        Ey lieber fehlt I        Ey] J F]

 

 

 

[Seite 33]

[1. Mos. 38, 23] solche heimliche brieffe offenbar, so spreche ich: Er habes yhm, Er schendet sich  selbs damit und lasse mich ungeschendet mit seinem offenbaren.

 

Ja wie, wenn ich gleich yn offentlicher schrifft hette durch den druck  lassen ausgehen, das ich H. Georgen fur einen grossen narren hielte und unangesehen  seine entschuldigung dennoch als meinem feinde nicht gleubete, das  er an dem auffruerisschem bundnis unschuldig were: Was were yhm denn?  Wo mit wolt er mich zwingen, das ich yhm glewben mueste? Sonderlich so  er nicht ein Gott uber mein hertz noch herr uber meine zungen und feddern,  sondern mein feind ist? Es mueste mir ein seltzams newes recht sein, da mich  mein feind yhm zu glewben zwingen moechte. Wie mus ich thun, da er so  schendlich ynn der vorrede des newen Testaments und ynn seiner antwort auff  mich lestert, mehr zur ewiger schande dem loeblichen hause zu Sachsen denn  mir? Were ich sein oberherr, Er wuerde es villeicht lassen, Aber nu er mein  feind ist, mus ichs von yhm leyden. Aber hie, da ich yhm nicht glewbe, wil  er zuernen und toben, darumb das er denckt, er sey mein herr, ia des Kuerfuersten  herr dazu, Und kan sich nicht besynnen, das er nicht herr, sondern  feind sey und nicht solt herrlicher sondern feindlicher masse und gestalt hierynn  handeln.

 

Wolan, es sey davon gnug, wir wollen zur sachen greiffen und endlich  schliessen: Jst der brieff an D. Wencelaum nicht mein, so ists ein ertichter,  falscher, erlogener brieff, der mir on schaden sein sol. Jst er aber mein, wie  ich droben auff Hertzog Georgen bekentnis und that hab angenomen, So ist  an Hertzog Georgen mein ernstlich foddern von meinen wegen, Aber von  Gottes wegen sein ernstes gestrenges gebot, das er genanten brieff sampt allen  exemplaren, so davon abgeschrieben odder gedrueckt sind, bey einer todsunde und  verlust Goettlicher gnaden und seiner seligkeit mir oder D. Wencelao widder  heimstelle, als ein gestolen [Bl. C 1] und geraubt gut seinem rechten herrn und  besitzern, und also mit thetlicher voller erstattung den brieff widder heimlich  mache und dahin lege, da er yhn genohmen hat. Denn da stehet Gottes  gebot: Du solt nicht stelen, Welchem H. G. ia so wol unterthan sein mus  als andere menschen. Und er weis ia wol, das er solchen brieff als unser  gelt und gut widder unser wissen und willen ynne hat, lauts seiner eigen  bekendnis und dieser meiner offentlichen schrifft. Daneben auch uns beiden  erstattung thu unser beraubten ehre und glimpff und ander schadens und  nachteil, so uns durch yhn aus solcher unsers brieffes frevelicher offenbarung  entstanden ist, Und uns solchs wie eim Christen gebuert umb vergebung abbitte,

 

 

[ 1 so spreche ich fehlt I 4 H.] Hertzog E 5 entschueldigung CD 6 auffruerischem CD        buendnis CD 11 vorrhede CD 12 ewigen E 15 er fehlt F        zoernen CD 17 hertlicker F 25 exemplaren] exempla I        und fehlt F 26 odder CD        Wencelaum AF 25/26 tho hus stelle F 27/28 veris dn̄is ac possessoribus I 33 bekentnis D        beyden D]

 

 

 

[Seite 34]

[Matth. 5, 23] Matthei. 5: Wenn du dein opffer zum altar bringest und wirst daselbs  ynnen &c..

 

Mit solcher lasst wollen wir Hertzog Georgen gewissen beschweret haben:  Nicht wir, die keine gewalt uber yhn haben, sondern Gottes gebot (wie alle  welt weis) zwingt und foddert solches von Hertzog Georgen. Wird er das  verachten, so sehe er zu wen er verachtet. Und die pfarher odder beichtvater  muegen sich auch wol fursehen, das sie yhn nicht absoluiern noch das Sacrament  reichen, auff das sie nicht teilhafftig sich machen solcher sunden widder Gottes  gebot, Er selbs auch nicht bete noch opffere, Er habe denn zuvor dem gebot  [Matth. 5, 23] Gottes und dem Euangelio Matth. 5. itzt angezeigt gnug gethan. Wir wollen  entschueldigt sein, wir habens angezeigt und das unser gethan. Wird sie es  helffen, das wir ketzer odder geringe geachtet sind, das sol yhr gewissen mit  der zeit wol fulen, Und die erfarung sols klar machen, welchs teils bann  odder excommunicatio am stercksten sey: Obs der sey, der Gottes gebok fellet  und dadurch treibet, odder die, so menschen trewme on Gottes wort fellen.  Denn wir sind auch unter dem wort Nehester begriffen, das wissen wir.

 

Des gleichen wollen wir beschweret, das ist solch Gottes gebot angezeigt  haben allen seinen Rethen und dienern, so zu solchem brieffe geraten, geholffen  und gedienet haben, Und vermanen sie, das sie keinen schertz hieraus machen.  Denn ob wir wol keine oeberkeit noch gewalt uber sie haben, so zeigen wir  doch als die nehesten den an, der uber sie ist und solchs von yhn foddert  durch sein gebot, das da sagt: Du solt nicht stelen, Aus welches gebots krafft  wir unsern gestolen brieff widder foddern. Sie muegen auch zu sehen, das sie  nicht sich betriegen lassen durch unnuetze kleffer, die villeicht sagen wuerden,  Man koenne einem verdampten ketzer nicht unrecht thun. Denn ob schon ich  ein verdampter ketzer were, so wil Gottes gebot unverdampt sein, So ist auch  Doctor Wencelaus noch nicht mit namen verdampt odder verurteilet, welchem  dieser brieff furnemlich zustehet. Auch so bin ich auff dem Reichstage zu  Speyr durch ein offentlichs Keiserlichs Reichs Decret widderumb befreihet odder  zum wenigsten befristet, das man mich nicht kan einen ketzer schelten, weil  daselbs beschlossen ist von allen eintrechtiglich, das ein iglicher solle und muege  glewben, wie ers wisse gegen Gott und Keiserlicher Maiestet zuverantwor-  [Bl. C ij]ten; Und ich billich daraus als die ungehorsamen dem Reich und auffrhuerischen  beklagen mocht alle die, so mich einen ketzer schelten. Hat das  gebot zu Worms gegolten, da ich verdampt ward on bewilligung der besten  und hoehesten stende des Reichs, warumb solt mir denn das gebot zu Speyr

 

 

[ 1 Matth. viij. I 2 ynnen] indechtich F 3 wolden F 4 gewalt] ius I 6 pfarher] Kerckhere F 10 woellen CD 13 fuelen D        sols] solckes F 13/14 bann odder fehlt I 14 sterckesten D 19 vermanen] edicimus I        schertz]        schimp        [und so weiterhin]        F 20 oeberkeit] ius I 27 Doctor] D. E 29/30 odder bis befristet fehlt I 33/34 auffrhuerische E 34 moechte D]

 

 

 

[Seite 35]

nicht auch gelten, Welchs eintrechtlich durch alle stende des Reichs beschlossen  und angenohmen ist?

 

Darumb, sage ich, muegen sie sich wol fur sehen und furchten fur dem  gepot Gottes ‘Du solt nicht stelen’, Denn ich bin itzt auch fur der welt kein  ketzer. Das aber etliche fuersten und Bisschoffe widder solch des Reichs zu  Speyr ausgangen Decret toben und die leute gleich wol zwingen yhres gefallens  zu glewben, geschicht darumb, das sie heute odder morgen, wenn yhre stunde  kompt, on alle barmhertzigkeit zu grund gehen, als die nicht allein widder  Gottes wort und gebot getobet, sondern auch widder weltlicher oeberkeit gebot  und yhr eigen geluebde als die ungehorsamen und auffrhuerischen moerder  gehandelt haben. Drumb huete dich fur yhrem exempel.

 

Eben also entbieten und vermanen wir auch allen drueckern, setzern,  Correctorn und was mit solchem brieffe yn der drueckerey umbgehet, dazu allen  buchfuerern, keuffern und wer solche exemplar zu handen kriegt odder lieset,  das sie alle sampt und ein iglicher gewarnet wissen sollen, das sie unsern  gestolen brieff bey sich haben widder unser wissen und willen, darumb sie sich  hueten muegen und sich gegen gestolen gut halten, wie sie yhr gewissen leret,  auff das sie nicht mit Hertzog Georgen sunden beschmeisst und seiner schuld  teilhafftig werden. Denn da stehet das gebot: Du solt nicht stelen. Und  wolten solche unser trewe vermanung gutwillig annehmen, Denn wir uns  hie mit keiner gewalt odder oeberkeit uber yemands anmassen, Uns lege auch  unserthalben nichts daran, das solcher gestolen brieff bey yederman were, Aber  aus bruederlicher Christlicher pflicht thun wir diese vermanung, eines iglichen  gewissen so viel an uns ist trewlich fur sunden und Gottes zorn zu warnen,  Denn uns nicht lieb, ia nicht zu leyden ist, das unserthalben yemand sich solt  mit frembden sunden gegen Gott verwickeln, Es ist der eigen sunden schon  zu viel.

 

Solch antwort wil ich, wie oben gesagt, gegruendet haben auff Hertzog  Georgen bekentnis, als were der brieff mein, Wie wol ichs ungerne gethan  habe. Denn ich lieber gesehen hette, das Hertzog George yhm hette lassen  benuegen an der ersten guetigen antwort, Darynnen ich genugsam anzeigt, Er  solt mich unversucht lassen mit solchem brieffe Und das er Mein herr nicht  were. Aber er hats nicht wollen annehmen noch verstehen, so hart ist er mit  der anfechtungen, mich zu dempffen und zu schenden behafft gewest. Und mich  dunkt, das ich dennoch hiemit meinen Adam gantz hab ym zawm gehalten  und glimpfflich gnug widder Hertzog Georgen, meinen feind, gehandelt. Denn  wo ich meine handschrifft und siegel gewislich hette von Hertzog Georgen wissen

 

 

[ 1 eintrechtiglich E 3 Quare non temere est, quod ... iubeo I 4 gebot D 5 Fuersten D 6 und fehlt E 12 setzern] cōpositoribus I 21 oeberkeit] ius I 22 yderman D 23 Christlicher fehlt F 26 suende F 29 bekendnis D 33 woellen D 34 anfechtungen] tentatione illa, vl’ potius libidine I 35 duenckt CD]

 

 

 

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[Bl. C iij] zu foddern und nicht auff eine ungewisse abschrifft handeln mussen,  were zu besorgen gewest, ich wuerde yhm die sporen anderst gerinckt1 und yhn  gelernt haben, wie er solt nach frembden brieffen grobeln und darauff trotzen.

 

Zu dem so habe ich mich auch enthalten und enthalte mich noch zu  antworten auff die vorrhede des newen testaments und auff seine antwort  mir gethan, ob ich mit gedult kuende etwas erlangen bey dem angefochten  unruegigen man. Denn wo er fort faren und den schlaffenden hund nicht mit  frieden lassen wird, so moechts warlich ein mal geschehen, das ich dem fass den  boden ausstiesse und eins mit dem andern bezalete. Jch wil dem Hertzog  Georgen sampt allen seinen klugelern zu recht und kunst mans gnug sein, wie  bis her geschehen von Gottes gnaden, dazu wird mir mein Gott und Herr  Jhesus Christus helffen, wie er uns verheisset und spricht: Jch wil euch  mund und weisheit geben, der nicht widderstehen sollen alle ewer widderwertige.

 

Denn ich wil Hertzog Georgen nicht leyden noch haben zum recht sprecher,  so wenig als ich yhn zum herrn haben odder leyden wil, wie er doch trotzlich  sichs beides vermisset und unterwindet. Das recht sol er suchen bey meinem  uberherrn und nicht also daher trotzen und poltern: Jch Hertzog George habe  den Luther und Lincken geurteilet und unrecht funden, Darumb hencke du  Kuerfuerst odder Stad Nurmberg und sey mein hencker und knecht, greiff sie an  und gebeute yhn, was ich dir befelhe. Nicht das er solche wort furet, Aber  mit der that stellet er sich gleich als wolt er gerne also reden. Denn was  ists anders, wenn er so trotzig schreibt und begerd vom Kuerfuersten und vom  Rath zu Nurmberg, auch von mir selbs, wir sollen yhm den brieff zustellen,  bekennen und furchten &c.. denn so viel gesagt: Thut was ich euch heisse, das  recht wil ich euch leren und darffs nicht bey euch suchen noch holen?

 

Der loebliche Kuerfuerst zu Sachsen ist von Gottes gnaden noch wol so  klug, hat auch noch wol so viel verstendige leute bey sich, das er Hertzog  Georgen zum furmunden odder zum recht sprecher sein land und leute zu  regieren nicht bedarff. So ist ein Erbar Rath zu Nurmberg so beruffen von  Gottes gnaden mit weisheit und gerechtigkeit2, das Hertzog George yhr meister

 

 

[ 2 gerinckt] gespannen F ne calcaria illi, quod aiunt, aliter cōstricturus I 3 geleret F 6 gedult] hac animi lenitate ac patiētia I 8 warlich fehlt F 9 et veteres iniurias simul cū nouis retaliarē. I 10 kluegelern D sciolis I        kunst] doctrina I 12 verheisst CD 13 weddersakere F 15 odber AB odder CD 16 sich beydes CD 18 dencke du ABCDEF fehlt I 23 scholden F 25 suchen noch holen] petam I 28 furmuenden D 29/30 tacita floret sapiētiae iustitiaeq; laude I]

 

 

 

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 nicht sein sol. Und ich Luther wils, ob Gott wil, yhm und seinen klueglingen  [Ps. 119, 98 ff.] noch wol drey iar zu raten geben, Denn Gottes gebot (spricht David) macht  mich klueger uber alle meine meister, uber alle weisen und uber alle alten,  So mus widderumb von noeten das folgen: Wer Gottes gepot veracht und  uberferet, das der musse der groessest narr sein uber alle narren, das kan mir  nicht feylen, das weis ich furwar.

 

Und wenn denn gleich der Teuffel selbs mit alle seinen engeln solchen  meinen brieff widder mich setzten, welcher doch alle ding kan zum ergesten  machen, wolt ich dennoch sein ynn Christo erwarten und sehen, was er mir  damit thun wolt. [Bl. C4] Denn wie wol der brieff meinen gedancken fast  ehnlich ist, das mich selber duenckt er sey mein, Doch ich ym gewissen (wie  gesagt) nicht gewis sein kan, weil ich meine handschrifft nicht habe, So ists  dennoch kein verrheterscher brieff, denn nichts von auffrhur, verrheterey, wuetterey  odder der gleichen boeses furnehmen darynnen gehandelt wird, daraus man  ursache haben kuende, widder mich zu handeln, sondern allein wird Hertzog  George darynnen heimlich geurteilet, was ich von yhm als meinem feinde fur  Gott und ym gewissen halte.

 

Nu sol mir Hertzog George die freiheit lassen, das ich yhn heimlich  urteile mit gedancken, schrifften, reden, wie ichs fur Gott weis zu verantworten  und sols keinen danck dazu haben. Grobelt er aber darnach hinder meinen  wissen und willen und lesst mirs abstelen und findet als denn, das yhm  verdreusst, so hab ers yhm und ein gut iar dazu, Und lasse den Kuerfuersten,  die zu Nurmberg und mich mit seinem stoltz und pochen und meistern zu  frieden. Was gehet yhn not an? odder wer hats yhm befolhen, solches zu  ergrobbeln und zu stelen? Er sol yhm benuegen lassen, das ich offentlich fur  der welt sein verschone.

 

Und wer wil mich des verdencken, das ich von Hertzog Georgen als von  meinem aller gifftigsten, bittersten, hoffertigsten feinde boeses gedencke, rede odder  schreibe? wie wol ich allzuviel guts ymerdar von yhm rede, so er doch auch  von mir nichts denn das ergeste gedenckt, redet und schreibet, beide heimlich  und offentlich, so ich doch sein feind nicht bin? Und er solt mich zwingen  kein boeses von yhm heimlich zu reden odder zu schreiben? Wenn er solt alles  ergrobbeln und erfaren, was heimlich von yhm geredt, geschrieben und gedacht  wird, Ja was ich alleine gehoert und gelesen habe, ich meine ia, Es solt yhm  der kuetzel und lust, heimliche brieffe und rede zu ergrobbeln, gebuesset werden.  Jch bin fro das ich nicht alles erfare, was man offentlich widder mich redet  und schreibet, schweige das ich suchen odder wuendschen solt, was man heimlich  von mir handelt. Das sey davon genug.

 

 

[ 4 gebot D 8 setzen D 11 mein] merae I 12 weil] quam diu I 16 heimlich] priuatim et secreto I 20 sols] solckes F        ac ne gratiam quidē eo nomine vllam a me inibit. I 34 gehort CD 37 heimlich] priuatim et secreto I]

 

 

 

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 Von dem fuerstlichen bundnis odder auffrhur, des er sich nu zum dritten  mal entschueldigt, sage ich also: Jch achte mich fur der einen, die solch bundnis  zu glewben gewehret und fur nichtig zu halten geraten haben. Und ich duerfft  umb einen finger wetten, mein wehren hette mehr gethan, denn noch heutiges  tages thun alle drey entschuldigung Hertzog Georgens. Und wenn ich nichts  anders gehabt hette, das mich bewogen hette solch bundnis fur nichtig zu  halten, denn Hertzog Georgens alle drey entschuldigunge, wolt ich warlich  darauff nichts gebawet haben, Ja ich wolt meinen rock darumb geben, das  ich so gewis were, das Hertzog George selbst fur Gott ynn seinem gewissen  glewbte, das solch bundnis aller ding nichtig und ertichtet were.

 

Nicht das ich Hertzog Georgens entschueldigung wolt fur unglaublich  gehalten haben, Denn [Bl. D1] ich bin fro, das solche entschueldigunge heraus  komen sind, wenn sie gleich Hertzog George selbs fur falsch und erticht hielte.  Es muest ia kein guts ynn des hertzen sein, der solch bundnis nicht lieber  wolte fur nichts und falsch, denn fur warhafftig und gewis halten und  glewben, so es yhm zu solchem glawben nur komen kan, wie denn durch solche  entschuldigung yederman wol und fueglich dazu kompt.

 

Es ist aber ein woertlin, das heisst Aber, das hat den bauch vol mancher  seltzamer glosen. Solches Aber macht, das du und ich mussen zu weilen nicht  glewben noch wissen, das wir doch glewben und wissen, Widderumb glewben  und wissen, das wir doch nicht glewben noch wissen. Darumb ist noch itzt  mein rath und bitte, Yederman wolte solch bundnis fur nichtig halten, als  das freylich mit keiner offentlichen beweisunge bisher ist beybracht, und Gott  helffen trewlich bitten, das hinfurt ewiglich also nichtig bleibe, welches warlich  mein hertzlich gebet und wundsch ist gewesen und noch ist. Denn was kuende  grewlichers auff erden der Teuffel anrichten, denn so dieser bund fur warhafftig  und gewis solt gehalten werden? Da were der bauren auffrhur ein  lauter schertz und spiel gewest gegen diesem fuersten auffrhur. Wir wollen  auch hoffen, Gott werde solchs gebet gnediglich erhoeren und solch bundnis  nichts lassen sein und bleiben.

 

Aber das ich darumb solt gezwungen sein, von Hertzog Georgen odder  etlichen andern zu glewben, das sie heimlich unschueldig weren, so ich dawidder  grosse ursachen und grund hette, das wird mich niemand bereden. Denn  gedancken sind zolfrey1, Und mag wol bey mir selbs und guten freunden

 

 

[ 1 buendnis D 2 buendnis D 3 geholden geraden hefft F        haben] hat ABCDE 5 entschueldigung CD 6 buendnis D        nichtig] nicht D 7 entschueldigunge CD 10 buendnis D 11 entschuldigung D        vngeloeuich F 13 hielte] sciret I 14 must D        buendnis D 17 entschueldigung D 19 glosen] interp̄tationibus I 21 doch] noch F        noch] vnd E 22 buendnis D 25 wuendsch D 29 buendnis D]

 

 

 

[Seite 39]

 heimlich also reden: Es hat freilich an Hertzog Georgen und dieses .N. guten  willen nicht gemangelt aus der und dieser ursachen, welche ich nicht erzele,  Denn ich kan offentlich nicht reden von heimlichen sachen.

 

Also kan ich auch wol heimlich dencken und reden: Hertzog Georgens  entschueldigung ist aus der massen kalt, faul und lose, wie ich sie denn noch  heutiges tages alle drey kalt, faul und lose heimlich halte. Jch rede itzt fur  mich alleine und heimlich von heimlichem glawben meines gewissen, damit  niemand offentlich verpoten odder gesagt wird, was er glewben sol odder  muege. Ja, offentlich ists billich und recht, das man glewbe und halte, Es  sey seine entschueldigung eitel hitze, krafft und ernst, dazu ich yederman vermane  und bitte, wie droben gesagt.

 

Summa: offentlich halte und weis ich, das Hertzog George meiner lere  todfeind ist, das bekennet er mit freuden und wil des ehre und rhum haben,  wie er denn hat. So weis ich fur mich, das meine lere Gottes wort und  Euangelion ist, das leucket er und ist auch gehalten fur der welt also wie er  leucket. Draus mus folgen, das er nichts guts von mir gedenckt und ich  mich widderumb keines guts zu yhm versehen kan, Sondern mus glewben,  wo ers thun kuendte, wie er denn auch [Bl. Dij] rhuemet ynn seiner antwort,  das er mich mit meiner lere ausrottet sampt allen, die daran hangen und  glewben, wie auch die that und werck zum teil beweisen am tage. Aber Gott  sey lob, das ers nicht thun kan noch volbringen wird, was er ym synn hat.

 

So er denn ynn meinem gewissen wider Gottes wort tobet, So mus  ich heimlich glewben, das er widder Gott selbs und seinen Christum tobet.  Tobet er widder Gott selbs, so mus ich heimlich glewben, Er sey mit dem  teuffel besessen, Jst er mit dem teuffel besessen, so mus ich heimlich glewben,  das er das ergeste ym synn habe. Solchs rede ich itzt heimlich von heimlichem  glawben meines gewissens, der offentlich nicht not ist zu beweisen odder andern  zu glewben, auff das Hertzog George nicht abermal zu grobeln und meine  heimliche rede zu stelen ursache habe. Denn aus diesem allen folget nicht,  das Hertzog George sey zu schuldigen des bundnis halben odder das solchs  bundnis etwas sey, sondern allein, wie ich fur mich heimlich glewbe und weis,  das am guten willen noch heutiges tages nicht mangelt, wie wol solchs auch  bey mir selbs noch nicht die rechten knoten sind, die mich des bundnis heimlich  zu glewben bewegen. Ob ich hie recht glewbe odder unrecht, stehet keinem  menschen zu zu urteilen, sondern Gott alleine, der die hertzen und nieren  [Ps. 7, 10] forschet und pruefet, Psalm. vij.

 

 

[ 4 ich wol auch C 5 lose] absurda I 6 lose] absurdas I        heimlich] privatim I 7 gewissens E 13 tod feind D 15 & mundi quoq; iuditiū cum illius negatione atq; sententia cōuenit I 20 zum teil] satis I 22 Cum igitur cōsciētia mea mihi dictet, illum ... seuire I        widder D 30 schueldigen D        buendnis D 31 buendnis D 33 knoten] ratiōes I        buendnis D]

 

 

 

[Seite 40]

 Darumb verwundert mich der leute kuenheit odder viel mehr blindheit,  das sie solchen vermeineten meinen brieff auslassen, ehe denn sie gewis sind,  das er mein ist, Dazu noch toerichter handelen, das sie yhn dar geben als  einen offentlichen ausgegangen brieff, so sie doch daneben selbs bekennen, Er  sey heimlich an D. Wencel geschrieben. Es solt ynn einer fuerstlichen Cantzley  nicht ein solcher Esel Cantzler sein, der heimliche brieffe ausgelassene brieffe  nennete. Aber der wuetige, unruegige rachgyrige hass und neid treibt und iagt  sie, das sie widder sehen noch hoeren. Denn das mich Hertzog George schilt  einen verzweiveleten, ehrlosen, meyneidigen bosewicht, da spreche ich Deo gratias  zu: Das sollen meine Schmaragden, Rubin und Demand sein, damit mich  fuersten sollen schmuecken fur die ehre, so weltliche oeberkeit aus dem Euangelio  hat. Denn weil Hertzog George meine lere fur ketzerey helt, kan ich yhn  meinethalben des wol entschuldigt haben, Christus aber wirds wol finden.

 

Das ist mir aber nicht zu leyden, weil ich mich des gestolen brieffes  angenomen habe, das sie das stuecke ‘Deus confundet Morotaton Moron’ also  verdeudschen ‘Gott schende den aller nerrichten narren’ Wie wol die groben  Eselskoepffe, wer sie auch sind, schier nichts wol verdeudscht haben, so ist doch  dis stuecke nicht allein ubel, sondern auch schelcklich verdeudscht, Denn ich halts  nicht, das Hertzog George selbs verdeudscht habe. Das mus mir ein iglicher  deudscher zeugen, Das ynn deudscher sprache dis ein fluch ist, wenn ich sage  ‘Got schende’, und als ich achte der aller grewlichst fluch, so ynn deudscher  sprache ist. Darumb hat [Bl. Diij] der Teuffel und ein bube zu samen gethan,  mich fur der welt an zugeben, als hette ich Hertzog Georgen auffs aller ergeste  geflucht, damit er alle meine lere von weltlicher oeberkeit zu nichte machte, so  er doch wol weis, das kein Doctor fast sint der Apostel zeit so herrlich von  der Maiestet odder weltlichen oeberkeit geleret und geschrieben hat als ich.

 

Denn ob Hertzog George wol mein feind ist, doch weil er ynn der  Maiestet sitzt, habe ich freilich nie ym synn gehabt, widder yhm noch einiger  oeberkeit zu fluchen, Sondern ich weis, das man sie segenen und fur sie betten  sol, sie duerffens auch wol. Jch wolt dem Teuffel selbs nicht also fluchen.  [2. Mos. 20, 5] Des Bapsts werck ists gewest, koenige und fuersten zu verfluchen bis yns dritte,  [1. Petr. 2, 13. 18] siebend, neunde gelied, wie .1. Pet. 2. von yhm gesagt ist: Jch habe sie viel  mehr durch mein Euangelion von solchem und allem fluch erlediget und zu  ehren gesetzt, Nicht ich, sondern Gottes wort durch mich und meine gehuelffen.  Das ich sie aber straffe und urteile umbs unrecht odder Gottlos wesen, das  thut auch Gottes wort und ich meines ampts wegen.

 

 

[ 1 Darmb C 7 vnrigige D        rachgyriger ABCD 9 boesewicht D 11 weltliche oeberkeit] ipsi omnesq; reliq̱ ciuiles magistratus I 13 entschueldigt D 14 brieffs D 15 stuecke ] membrū I 16 narrischen F 18 schelcklich] infideliter & maligne I 21/22 in vniuersa nostra lingua I 23 aller fehlt F 28 nie] newerle F 30 sol] so D 34 gehuelffe D 35 umbs] vmme F]

 

 

 

[Seite 41]

 Confundere heisst pudefacere, Confundi pudefieri, Das ist: Confundere  heisst zu schanden odder zu nicht machen, Confundi mit schanden bestehen  [Röm. 10, 11] odder zu schanden werden, Als Rom. 10: Wer an yhn glewbet, der wird nicht  mit schanden bestehen. Darumb hoere, du Eselskoff zu Dresen ynn der  Cantzley: Confundet non est optativi vel imprecantis, sed indicativi predicentis,  Confundet legis et transfers Confundat. Also soltestu es recht und wol verdeudscht  haben: Gott wird den grossen narren zu schanden machen. Wiltu  wissen wie? Nemlich also, Das Hertzog George nerrisch thut, das er sich  widder mich und mein wort legt, drumb auch Got anfehet mit yhm, das er  sich uber diesem brieffe selbs zu schanden macht, fellet ynn einen offentlichen  diebstal, dazu lesst den brieff ausgehen, des er ungewis und widder siegel  noch handschrifft hat Und der massen widder mich schreibt, das er bey vernuenfftigen  leuten yhm selbs grossen abfall, verachtung und verdacht zuricht.  Dazu hastu villeicht yhm geholffen und geraten, So habt auch beide was yhr  daran gewinnet.

 

Endlich ist noch mein unterthenige bitte an Hertzog Georgen und allen  seinen anhang, sie wolten ein mal auffhoeren und unser lere mit frieden lassen,  sonderlich weil sie wissen das uns zugelassen ist auffm Speyrischen reichstag  zu glewben, wie wirs trawen gegen Gott und keiserlicher Maiestet zuverantworten,  und wolten sich selbs nicht uber und widder solchs des gantzen Reichs  Decret setzen, So wollen wir (wie wir bisher gethan) widderumb ynn aller  stille und friede yhn dienen, hertzlich fur sie gegen Gott bitten, helffen, raten,  tragen und heben nach alle unserm vermuegen. Begeren wir doch nicht mehr,  denn fride und stille zu sein, wie es denn Gott lob ym Kuerfuerstenthum fein  stille mit lere und leben gehet. Wir bitten, sage ich, noch eins umb Gottes  willen, das sie [Bl. D4] wolten unser lieben gnedigen herrn sein, ists mueglich  zu erbitten. Und zum warzeichen meines ernstes wil ich H. G. und allen  mitgenossen hie mit hertzlich vergeben und yhn der last, so ich droben durch  Gottes gepot auff yhn bezeuget hab, entnomen und mich selbs fur Gott damit  beladen haben umb deste sicherer erwerbung willen der gnaden Gottes, Und  sol alles schlecht und absein, vergessen und ausgetilget, was mir durch diesen  brieff zu leyde geschehen ist.

 

Jst das nicht gnug, Wolan so las das recht gehen. Mein gnediger  herr setze gen Aldenburg odder Eilenburg zween aus dem Kuerfuerstenthum,  zween aus H. Georgens fuerstenthum, zween aus der Pfaltz, zween aus der

 

 

[ 3 schanden fehlt F 4 Eselskopff D 5 predicentis] precantis F 9 anfehet] incipit cōfundere I 11 lett he den F 12 handschrifft] Archetypon I 12/13 apud Cordatos viros I 16 meine D 22 Gott] se F 23 heben] boeren F subleuabimus I 26 si quis p̄cibus locus est I 28 mitgenossen] q̱ in eadem sunt causa I 29 gebot C 34 gen] tho F 35 zween aus H. Georgens fuerstenthum fehlt I        H.] Hertzog E]

 

 

 

[Seite 42]

 Marck, zween aus dem Stifft Mentz odder wie viel man wil, Und Hertzog  George lasse mich auffs beste verklagen, so er ymer kan: Jch wil leiden mein  recht, Was sol ich mehr thun? Nicht das ich mich zu solchem recht erbiete  meiner heimlichen brieffe odder reden halben, Denn die selbigen wil ich ym  heimlichen gericht Gottes lassen und von aller welt unverklagt und ungericht,  sondern frey, doch heimlicher weise zugebrauchen haben, Wie wol (wo es sein  kuendte odder mueste) der selbigen auch nicht schew hette, fur offentlichen gerichte  komen zu lassen. Aber weil es nicht not ist noch zymet, wil ich niemand  damit zu recht bemuehet und von Hertzog Georgen und yderman derselbigen  halben unangefochten und unbekuemmert sein. Des und kein anders.

 

Hat aber uber solchs Hertzog George etwas widder mich, sol yhm solch  recht offen stehen, Denn wie gesagt: ich wil Hertzog Georgen widder zum  richter, rechtsprecher, meister noch herrn haben, sondern zum feinde, anklager  und widdersacher. Hertzog Johans der Kuerfuerst ist mein herr und Keiser  Karol, Der selbige Hertzog Johans ist von Gottes gnaden fuerstens genug, Hertzog  Georgen und yderman rechts zu pflegen uber seine unterthane, weiter gestehe  ich keinem einige hirschafft auff erden uber mich dis iar. Wollen sie aber  solcher gnade und recht nicht, so las sie meine ungnedige herrn bleiben und  zuernen, bis die grawen roecke vergehen. Und muegen wol beyde zapffen und  roren yhrer gonst und gnaden abhawen und das fas und born alleine behalten,  Gott gebe es werde essig odder laur1 draus, gilt mir gleich viel.

 

Denn ich sehe wol, yhe mehr man sich demuetiget und flehet, yhe stoltzer  und troetziger sie werden2, Und lassen sich duencken, man demuetige sich und  gebe darumb so gute wort, das man sich zu tod fur yhn furchten solle und  nirgent fur yhn zu bleiben wisse. Nein lieben zornigen iunckern, man gibt  euch darumb so gute wort, das man hoffet, der teuffel so euch reitet, solle  weichen und Ein gut wort solle eine gute stat finden, Und geschicht euch zu  gut, ob man euch kuendte fur sunden behueten und ewren schaden verkomen3,  den yhr nicht sehen kuend noch wolt. Man weis fast wol, das yhr die welt

 

 

 

[ 1 Marck] ditione Marchionis Ioachimi I 1/2 Hertzog George] H. G. E 2 auffs beste] quam grauissime possit I 8 zu fehlt F 9 bemoeden F        Hertzog Georgen] H. G. E 13 rechtsprecher] patronū I 15/16 Hertzog Georgen] H. G. E 16 weiter] voerder F 17 herrschafft E 19 rocke D        dum vestes caesij coloris in usu esse desierint I 19/21 Und muegen bis viel fehlt I 21 laur] lur F        daraus E 28 schaden] exitiū I]

 

 

 

[Seite 43]

 nicht so rohe fressen werdet als yhrs gedenckt. Es sind ihenseit des bergs  auch leute, So ist Christus auch noch koenig und herr auff erden, [Bl. E1] ob  er sich gleich schwach stellet. Aber huet dich fur yhm, Denn es heisst warlich:  ‘Huett dich fur kan nicht’ und: ‘stille wasser sind tieff, Die rausschende wasser  sind nicht grawsam’.1 Weil sie denn mit mir wollen spielen des sprichworts  ‘Wer da fleugt den iagt man’2, Und deuten meine demut eine flucht, so mueste  ich widderumb mit Christo aufferstehen und des sprichworts auff yhn spielen  ‘Wenn man eim bawrn flehet, so wechst yhm der bauch’.3

 

Jsts nicht der leidige teuffel, der yhm nicht benuegen lesst, das er auch  Got ist auff erden, sondern wil alleine Gott sein und den rechten Gott schlecht  nichts lassen gelten? Da stehet das Decret des gantzen Reichs zu Speyr  beschlossen, das ein iglicher muege glewben, wie ers gegen Gott und keiserlicher  Maiestet vertrawet zuverantworten, Welchem H. George und seine gesellen nicht  alleine zu widder leben und streben, sondern wollen auch uns und yederman  zwingen dawidder zu streben, toben, morden, veriagen, verfolgen, rauben und  verbieten zinse und gueter, die sie nicht gestifft noch recht dazu haben: Noch  sol man sie nicht auffrhuerisch, ungehorsam noch moerdisch schelten, Faren daher  als weren sie uber das gantze Reich, niemand unterthan: ‘Jch, Juncker aller  Junckern bin allein herr und fuerst uber alle fuersten deudsches landes, uber  das gantze Reich und alle seine gebot und ordenung, Oben aus und nirgent  an. Mich sol man furchten, Mir allein gehorsam sein. Was ich wil das  sol recht sein, trotz wer anders dencke odder rede’. Lieber, wo solt solcher  [Jes. 16, 6] auffgeblasener Moab zuletzt hinaus, denn das er gen hymel auch fure ynn  Gottes stuel und ampt, fienge an heimliche rede und brieffe und gedancken zu  forschen, richten und straffen? Und wil yn solchem allen dazu noch gerhuemet  und geehret, gefurcht und angebettet sein, gnad Juncker.

 

Darumb wil ich hinfurt also thun: Erstlich wil ich das siebende gebot  Gottes, davon droben gesagt, auff hertzog Georgen und seiner hofeschrantzen

 

 

 

[ 1 so fehlt F        rohe] crudeliter I 4 Caue eū q̱ in spetiē imbecillis est I 5 grawsam] metuēda I 6 einen flock F 7 auff] mit BCEF 8 flehet] biddet [und so immer] F 13 George] G. BCDE 14 yderman BCD 15 toben] Sie toben BE        Sie toedten CD Se douen F 18 nemandes F        vnherthan AB 20 summa petens, & nusq; impingens I 23 gen] na F 24 fange F 26 gnad Juncker] clemens dne I 27 siebend gepot D 28 Hertzog Georgen] H. G. E        aulicorū ipsius centaurorū I]

 

 

 

[Seite 44]

 gewissen lassen bleiben mit aller lasst und band, so es mit sich bringet, angesehen  das nichts helffen wil widder demut noch flehen, widder gonst noch  gnade, widder gute wort noch freundlich erbieten, widder billigkeit noch recht.  [4. Mos. 16, 15] So wil ich auch, wie Mose widder seinen Korah thet, mein gebet, so ich  bisher fur sie gethan, widder sie wenden. Triffts H. Georgen so hab ers  yhm, Er ist genugsam gewarnet, Und auff das er nicht abermal diebe ausschicken  musse, die solch mein gebet heimlich ergrobbeln und stelen, wil ichs  yhm hiemit offentlich darthun, Und sol nemlich sein der siebende Psalm,  welcher laut also:

 

[Bl. Eij] dich traw ich, Herre mein Gott, hilff mir von  allen meinen verfolgern und errette mich.

 

[2. Sam. 16 7 f.] Ja lieber Herr Jhesu Christe, du weisest es, das gleich wie der bube  Semei dem frumen David schuld gab und flucht yhm als einem bluthunde,  der das koenigreich dem Saul hette genohmen, also schelten mich itzt boese  meuler auch, als hette ich durch secten auffrhur, blutvergissen, dem Bapst  sein reich zu schanden gemacht. Wie sol ich thun? yhr ist zu viel, Jch weis  kein rath noch huelffe, on allein bey dir. Darumb trawe ich auff dich: hilff  mir, mein Herr und mein Gott, von solchen tyrannen und verfolgern, die  wol wissen das sie mich felschlich beliegen und selbs eitel bluthunde und  moerder sind,

 

Das sie nicht wie lewen meine seele erhasschen und zureissen,  weil kein erretter da ist.

 

Sie habens warlich ym synn, lieber Herr, und grymmen wie die lewen  widder mich. Keine sache light yhn so hart an als der Luther: wenn sie den  zurissen hette, so weren sie selig. Hie hilfft kein demuetigen noch ehrbieten,  kein flehen noch beten, sondern eitel lewen grym und wueeten, eitel wuergen  und schaden ist da.

 

HERR, hab ich solches gethan und ist unrecht ynn meinen  henden, Hab ich boeses vergolten die mir fridlich waren oder meine  feinde on ursache ausgezogen, So verfolge mein feind meine seele  und erhassche sie und zurtrette mein leben yn die erden und lege  meine ehre ynn den staub.

 

Ja mein Herr und Got, Jst meine lere auffrhuerisch und rottisch odder  ketzerisch, wie sie sagen, und habe nicht viel mehr die rechte einigkeit des  glaubens und der liebe geleret und die oeberkeit und friede mehr gepreiset,  denn sie alle sampt, Hab ich auch dem Bapstum mutwilliglich und nicht durch

 

 

[ 1 und band fehlt I 3 gut D        noh D 5 Georgen] G. E        habe D 7 muesse D 10 traw ich, Herre] HERE truwe ick F 11 redde F 12 lieber fehlt I 13 Simei D 21 sie] he F        lewen] ein louwe F        ergrype, vnde thoryte F 22 redder F 28 Here myn Godt F gethan fehlt I 29 boeses] hoeses D        den de frede mit my hadden F        oder] odder D ader F 31 ergrype F        in de erde myn leuent F 35 geleret] longe accuratius docui I 36 Bapstum] pontificis Tyrannidē I        mutwilliglich] dedita opera I]

 

 

 

[Seite 45]

 yhr selbs treiben und hetzen yhr tyranney geschwecht und ausgezogen, so sey  du richter und straffe mich on gnade, lasse meine feinde zu ehren und mich  zu schanden werden, yhr ding empor yn [Bl. F1] den hymel und meine lere  ynn abgrund der hellen fallen. Jst aber der keines und meine lere ist fur  dir recht und gefellig, Und doch sie nicht wollen auffhoeren, zu wueeten und  zu toben:

 

So stehe auff, HERR, ynn deinem zorn Und hebe dich uber  den grym meiner feinde Und erwecke mir das gericht, das du  gepoten hast.

 

Es ist bisher gnade gnug gewest, sie wollen derselbigen schlechts nicht.  Wolan, so las doch sehen, ob dein zorn hoeher und mechtiger sey denn yhr  grym, las sie an lauffen und sich stossen, das sie stortzen und portzeln, Und  bestettige damit das gericht und ampt des worts, das du mir befolhen und  mich dazu beruffen hast. Denn du weist, das ich mich selbs zu solchem ampt  und werck widder den Bapst und meine feinde nicht eingedrungen noch dasselb  gesucht habe, sondern du hast mich hinein bracht uber und widder meine  gedancken und wissen durch yhr unruegiges toben und blutduerstiges wueeten.

 

Und las sich die gemeine der leute umb dich her samlen Und  umb der selbigen willen kom widder empor.

 

Jst doch mein hertzlich bitte und wundsch, mein vleissigs leren und  schreiben nicht anders denn dahin gericht, das der elende hauffe deines volcks,  so durch menschen trewme und secten so iemerlich zurtrennet und zuriagt und  wie ein herd schaff zuscheucht und verirret waren, widderumb zu dir versamlet  und von den rotten allenthalben zu dir bekeret wurden, ynn dem einigen  glawben und geist dich erkenneten als yhren einigen hirten und meister und  Bisschoff yhrer seelen. Umb welcher willen ich auch noch bitte, du wollest  dich und dein wort erhoehen und erhalten durch unser ampt, auff das sie bey  dir und umb dich ynn solchem einigem glawben bleiben muegen. Denn ich ia  nicht gesucht habe, das sie an mir hangen solten odder ich ehrlich und hoch  worden, sondern zu dir hab ich sie geweiset und an dich gehenget, das du hoch  und empor, herrlich und loeblich unter yhn sein soltest.

 

Der HERR richtet das volck.

 

Du bist allein richter, meister, lerer, prediger ym volck, wir aber sind  nur dein wergzeug, wir pflantzen und begissen, du gibst das gedeien.

 

Richte mich, Herr, nach mei[Bl. Fij]ner gerechtigkeit und  fromkeit.

 

 

[ 3 empor] erhoege F 7 So fehlt F 7/8 erheff grimmicheit F 10 schlecht D 12 stoertzen D        portzeln] polteren F 14 Denn du weist] scio em̄ I        du] nu F        weisst D 18 gemeine] vorsammelinge F 19 kum vmme der sueluen willen wedder vp F 20 wuendsch D 23 thoschuchtert F        veryrret D 24 wuerden D 31 empor] ouersick F 34 gedeyen D]

 

 

 

[Seite 46]

 Wiewol ich fur dir ein armer sunder bin, der dein gericht nicht leyden  kan, so weis ich doch, das ich widder meine feinde recht habe und frum bin.  Denn mein lere ist recht und unstrefflich, So thu ich auch am leben yhn kein  leid, sondern alles gut, Denn ich suche friede, ich bitte fur sie, lere sie, Aber  sie wollen nicht und verdammen beide meine lere und leben. Darumb bitte  ich umbs recht, richte, urteil und beweise, das sie mir unrecht thun, beide am  leben und an der lere. Amen.

 

Las der Gotlosen bosheit ein ende werden und fodere die  gerechten, Denn du, gerechter Gott, prufest hertzen und nieren.

 

Wollen sie nicht auff hoeren, so schaffe, das sie mussen auffhoeren mit  yhrem wueeten und verfolgen Und bestettige unser lere und thun, welchs da  recht ist durch dein wort und geist Und decke auss und mache zu schanden yhr  falsches leren und leben. Denn du weisst, das yhr hertz und nieren voller  bueberey und schalckeit ist, ob sie wol von aussen sich schmuecken mit allerley  heucheley und gutem schein, bey dem armen man glimpff und zufall zu finden.  Solches alles wirstu thun, das weis ich, Denn

 

Mein schild ist bey Gott, der den auffrichtigen von hertzen  hilfft.

 

Jch weis, das du mich verteidingen wirst und unser lere beschirmen,  und solten die tyrannen bersten und tol werden. Denn unser Gott hilfft den  auffrichtigen von hertzen und nicht den falschhertzigen und schalcksheiligen, Denn

 

Got ist ein rechter richter und ein gott der teglich drewet.

 

Ja freilich ein rechter richter fur uns armen unschueldigen, die sein wort  rein einfeltiglich haben, das wir von der tyrannen wueeten erloeset werden,  Widderumb auch ein Gott der teglich drewet solchen wueeterichen, die widder  sein wort und widder die seinen on unterlas toben. Er drewet noch und ist  langmuetig uber sie, ob sie sich bekeren wolten und yhn furchten. Wo nicht,  so wird ers yhn warlich nicht schencken Und dazu nicht seumen, Denn

 

Wil man sich nicht bekeren, hat er sein schwerd gewetzt und  seinen bogen gespannet und zielet. [Bl. Fiij] Und hat toedlich geschos  darauff gelegt, Seine pfeile hat er zugericht zu verderben.

 

Er ist bald gerust und wil itzt widder sie streiten und sie mit schwerd  und pfeilen, allerley plagen, verderben zum tode. O das die tyrannen und  schalcksheiligen dis glewben kuenden. Aber da wird nicht aus, Sie mussen,  sollen und wollens erfaren. Doch wir glewbens und sinds gewis und sprechen  Amen dazu, Denn sie wollens nicht anders haben.

 

 

[ 2 recht habe] bonā causam tueri I 3 meine D 8 boesheit D        fordere I 9 rechtuerdigen F        rechtuerdige F        pruefest D 12/13 er falssche lere F 25 wueeterichen] Tyrannis I 26 die seinen] ministros suos I 27 sich bekeren] resipiscere I        willen F 29 hat] so hefft F 30/31 vpgelecht doedtlike geschuette F 31 verterben D 32 swerden F 34 Sed nihil ē remedij I]

 

 

 

[Seite 47]

 Sihe, der hats boese ym synn, mit ungluck gehet er schwanger.  Aber er sol einen feil geberen.

 

Das ist uns zu trost gesagt: Hie haben wir gewis und sind sicher, das  die tyrannen muegen wol viel boeser tueck und bundnis furnemen, ungluck und  schaden zu thun uns, die wir an Gottes wort halten. Aber sie sollens nicht  hinaus furen wie bisher offt geschehen ist, es sey denn, das Gott liege, welches  unmueglich ist, Sondern das ende yhrs tobens und furnemens sol heissen feil:  Sie haben gefeilet, Es hat yhn gefeilet, den zornigen Junckern, Einen feil  haben sie geborn, Feyl sol die frucht heissen yhres zornigen synnes. Und  nicht allein das, Sondern auff das sie auch schaden zum spot und spot zum  schaden haben, sol yhr zorn und boesheit uber yhn selbs ausgehen und was  sie widder uns dencken und furnemen, sol auff sie selbs, ia auff yhren kopff  fallen, wie folget:

 

Er hat eine gruben gegraben und ausgefurt und fellet yns  loch, das er gemacht hat. Sein ungluck wird uber seinen eigen  kopff komen und sein frevel auff seinen scheitel fallen. Amen,  Amen.

 

So sols gehen, des sollen wir hoffen, das wollen wir auch glewben  und bitten: Das sie unglueck und frevel widder uns dencken und furhaben,  muegen sie wol heimlich villeicht halten, Aber dieser vers ist unser kundschaffer1  und verreth uns auch yhr hertz und mund, schweige denn yhr brieffe  und siegel. Denn dieser vers ist auch bey yhn ynn yhren kamern und rathstuben,  sihet und hoeret alles was sie handelen, darnach, wenn wir yhn lesen,  so redet er mit uns durch ein lang rohr und vermeldet uns heimlich, was  sie machen, das wirs wissen und erfaren und uns mit gebet widder sie ruesten,  ehe sie es gewar werden. Und also gehet denn yhr ding zuruck, wie sie bisher  offt befunden haben und kla [Bl. F4]gen auch, das widder den Luther so viel  anschlege gehabt sind und alle zu nicht worden. Ja warumb lassen sie diesen  vers nicht aus yhrem rath und hielten yhr hertz und mund heimlicher? Ja  wie koennen sie auch? Des loben wir Gott unsern Herrn und singen froelich:

 

Jch dancke dem HERRN umb seiner gerechtigkeit willen Und  lobe den namen des HERRN des aller hoehesten. Amen, Amen.

 

Er richtet recht und stortzt beyde tyrannen und schalcksheiligen, Hilfft  aber uns aus yhrem frevel und boesheit. Des sey yhm gedanckt, lob und  ehre gesagt ynn ewigkeit, Amen.

 

 

[ 1 gehet] ys F 2 he wert oeuerst einen feyl teelen F 4 buendnis D 6 fueren D 6/7 welches unmueglich ist fehlt I 8 den zornigen Junckern fehlt I 9 zornigen synnes] cordiū illorū I 14 gruben] kulen F 14/15 vthgebracht vnde ys in dat hol geuallen F 15 uber] wedder vp F        eigen fehlt F 20/21 explorator ac index I 29 radt, helden F 32 hoehesten] hoechsten E]

 

 

 

[Seite 48]

 Diesen Psalm wil ich widder Hertzog Georgen gebettet und gesetzt haben  sampt allen seinen brieffs dieben und anhengern, wo sie sich nicht bessern.  Bitte daneben alle meine freunde, wolten mir helffen den selbigen beten und  einmuetiglich Amen sprechen, Und sich troesten der herrlichen verheissungen, so  drinnen stehen fur uns widder sie. Lasst doch sehen, was der teuffel  sampt seinen wueterichen und buben koenne ausrichten. Der friede ist ia bey  uns, Sie aber wollen nicht friede haben, Wolan, so haben sie unruge und  was dieser Psalm drewet. AMEN.

 

 

 

 

FJNJS.

 

 

[ 2 nicht fehlt E 3 wolten] wollen D willen F 4 eindrechtichlick F        sich troesten] cōscientiā suam cōsolentur, & cōfirment I        hertlicken F 6 koennen F        bey] mit E]

 

 

 

[Seite 49]

 

Vorrede zu “An die hochgeborne Fürstin Frau Sibylla, Herzogin zu Sachsen, Oeconomia Christiana, das ist von christlicher Haushaltung, Justi Menii.” 1529.

 

[Einleitung]

 

[Seite 49]

 

Bereits im Jahre 1527 hatte Luther zwei Streitschriften des Justus Menius, der damals Pfarrer in Erfurt war, durch empfehlende Vorworte eingeleitet (Unsre Ausg. Bd. 23, S. 13 ff. 321 ff.). Jnzwischen hatte Menius, sicher mit Luthers Billigung1, aus den immer unerquicklicher gewordenen Erfurter Verhältnissen sich gelöst und war mit Vergünstigung des Kurfürsten Johann im August 1528 zunächst nach Gotha übergesiedelt, wo er als Privatlehrer, Schriftsteller und neben Mykonius als Visitator wirkte; aber schon im Frühjahr 1529 wurde er nach Eisenach berufen, wo er 18 Jahre lang als Pfarrer und Superintendent tätig gewesen ist.

 

Seine Oeconomia christiana hat er noch in Gotha vollendet, wie das Datum des einleitenden Briefes “Gotha am .8. tage Martij 1529” beweist.2 Er widmete dies Werk der jungen Herzogin Sibylla zu Sachsen, die seit September 1526 mit dem Kurprinzen Johann Friedrich vermählt war. Es ist ein geistreicher, gewandt geschriebener ethischer Traktat, der im Gegensatz zur Lehre der römischen Kirche und der Wiedertäufer die reformatorischen Grundsätze von der Heiligkeit des Ehestandes und von

 

 

 

[Seite 50]

 

den sittlichen Pflichten im Bereich des häuslichen Lebens eindrucksvoll vertritt1, worüber ja Luther selbst wiederholt und auch gerade damals, ungefähr zur selben Zeit, im Traubüchlein und in der Haustafel des Kleinen Katechismus sich ausgesprochen hat. G. L. Schmidt, der Biograph des Menius, urteilt Bd. 1, S. 82 über die Oeconomia christiana folgendermaßen: “Evangelische Lauterkeit, feine Beobachtung des täglichen Lebens und gründliche Kenntnis der griechischen Literatur, insbesondere der griechischen Philosophie, vereinigen sich hier, um ein schönes harmonisches Ganzes in ansprechendster Form hervorzubringen; das Buch ist auf praktischem Gebiet dasselbe, wie das in demselben Jahre erschienene des Thomas Venatorius [de virtute christiana] auf theoretischem.”2 Als kleine Vorarbeit dazu hatte Menius auf Anregung des Amtmanns von der Thann im Jahr zuvor veröffentlicht: “Erynnerung || was denen, so || sich ynn Ehestand be-|| geben, zu bedenck-|| en sey. || Just. Menius || Wittemberg. || 1528. ||” (14 Bl. in 4 0, Druck von N. Schirlentz, vorh. z. B. in Berlin), in der Vorrede dazu bescheiden seine Arbeit als einen Auszug aus den schon vorhandenen trefflichen Büchern, namentlich Luthers, bezeichnend. Jm Vergleich hierzu ist seine Oeconomia christiana selbständiger und reichhaltiger. Dasselbe Thema hat er später in seiner Auslegung des 128. Psalms vom Jahre 1550 noch einmal behandelt (vgl. Schmidt a. a. O. I, 87; II 301). Unverkennbar wies ihn seine Gabe und Neigung überhaupt zu solcher praktischkirchlichen und ethisch gearteten Schriftstellerei, deren Wichtigkeit ihm seine Erfahrungen als Visitator bestätigt haben mögen.

 

Luther hatte seine Freude an dem Buch, er lobte es in seinem Vorwort als “kunstreich, fein, christlich, nützlich, tröstlich”. Besonders gefielen ihm darin einige Ausführungen im 5. Kapitel, wo den zu einsamer Keuschheit nicht begabten Hagestolzen die Notwendigkeit des Ehestandes eingeschärft ist, und im 9. Kapitel, wo den nachlässigen Eltern ans Herz gelegt wird, ihren Kindern eine gute Schulbildung zu verschaffen. Diese Ausführungen bekräftigt er, andeutend, daß er über die Pflicht, die Kinder zur Schule zu halten, demnächst eine eigene Schrift ausgehen lassen wolle. Eine sehr eigenartige Zuspitzung aber gewinnt seine Vorrede dadurch, daß sie in die Form einer Zuschrift an den Hauptmann Hans Metsch zu Wittenberg gekleidet ist. In nicht mißzuverstehenden Worten tadelt Luther hier den vornehmen, einflußreichen Mann wegen seines ärgerlichen, unzüchtigen Lebenswandels und

 

 

 

[Seite 51]

 

mahnt ihn, den Eintritt in die Ehe als seine Pflicht anzuerkennen. Wahrscheinlich hielt er sich zu solcher kühnen, bei der gesellschaftlichen Sitte der damaligen Zeit doch nicht unerhörten, öffentlichen Vermahnung um so mehr verpflichtet, da Metsch grade damals als Visitator des sächsischen Kurkreises tätig gewesen war (vgl. z. B. Burkhardt a. a. O. S. 28, de Wette-Seidemann 6, 97 f., Enders 7, 39 f.), und es einen peinlichen Eindruck machen mußte, wenn ein Mann von so bedenklicher sittlicher Beschaffenheit in leitender Stellung an einem Werk mitarbeitete, das den sittlich-religiösen Zustand des Volkes bessern sollte. Jedenfalls ist dieser Widmungsbrief Luthers, der mit einem Anflug von Humor sehr ernst gemeinte Mahnungen ausspricht, ein anschauliches Beispiel seiner von aller Menschenfurcht freien und eindringlichen Seelsorge an einem hochgestellten Manne. Es ist bekannt, daß Luther später noch schärfer gegen denselben auftreten mußte (vgl. Köstlin-Kawerau, M. Luther5 II, S. 438 ff.; 675 Anm. zu S. 439).

 

Wenn nun Luther hier an Metsch schreibt, er habe sich unterwunden, dies Buch mit seinem Namen und Vorrede zu besudeln “vnd mit der selbigen euch des ein exemplar zu schencken”, so darf man daraus nicht etwa schließen, daß der Urdruck ohne Luthers Anteil ausgegangen ist, obwohl tatsächlich ein seiner Vorrede ermangelnder Wittenberger Druck — aber nur vom Jahre 1543 — vorliegt. In jenem Satz will er wohl nur sagen, daß das (von Anfang an mit seinem Vorwort gedruckte) Buch dem Metsch zuerst nicht von anderer Hand, sondern von ihm selbst, der die Verantwortuug für die Vorrede trägt, überreicht werden solle. Der nähere Zusammenhang jener Worte Luthers (man beachte besonders die voranstehende Behauptung, das Büchlein “wäre” wohl wert, ohne seinen Namen auszugehen), ferner der Umstand, daß in der uns bekannten ältesten Ausgabe nicht der Anfang des Textes des Menius, sondern sogleich Luthers Vorrede die Signatur A trägt, spricht dafür, daß sie von Anfang an mitgedruckt worden ist.

 

Allerdings ist Luther diesmal nicht in dem Sinne Herausgeber, wie er es bei den beiden Schriften des Menius vom Jahre 1527 gewesen war, wo er das ausdrücklich hervorhob (Unsre Ausg. Bd. 23, S. 16, Z. 26 f. vgl. S. 15, Z. 6 f.; S. 322, Z. 18 f.). In diesem Zusammenhange ist auch die Formulierung des Titelblattes “Mit einer schoenen Vorrhede D. Martini Luther” zu beachten, eine Ausdrucksweise, die natürlich nicht von ihm, sondern von Menius oder vom Drucker herrührt.

 

Schon am 23. April 1529 lag laut Rörers Zeugnis das Buch gedruckt vor (Buchwald, Zur Wittenberger Stadt u. Univ.-Gesch. S. 59 Nr. 63). Da Menius sein Manuskript nach dem 8. März nach Wittenberg abgesandt hat, so ist Luthers Vorwort zwischen Mitte März und Mitte April 1529 verfaßt worden. Falls der erste Druck von Stüchs in Nürnberg gefertigt sein sollte — eine gewisse Möglichkeit liegt vor, s. u. —, wäre anzunehmen, daß die Veröffentlichung in Wittenberg in Rücksicht auf den Stadthauptmann zunächst auf Schwierigkeiten stieß. Aus Roths Briefwechsel (vgl. Buchwald, Roth, S. 87 Nr. 220, S. 89 Nr. 228, S. 94 Nr. 241, S. 102 Nr. 275, S. 104 Nr. 283) ist ersichtlich, daß das Buch rasch vergriffen war und lebhaft begehrt wurde. Seine weite Verbreitung verdankt es sicher nicht nur seinem Hauptinhalt, sondern auch der Vorrede des Reformators. Unter den Zeitgenossen hat besonders Matthesius es wiederholt gelobt (vgl. Schmidt a. a. O. I, S. 87. Lösche, Matthesius I, 503; II, 94. Unschuld. Nachr. 1710, S. 15).

 

 

 

[Seite 52]

 

Vgl. Köstlin-Kawerau, M. Luther5 II, 158. 644. Kolde, M. Luther II, 321. De Wette-Seidemann, Luthers Briefe Bd. 6, 559 f.; Enders Bd. 7, S. 73. Zur Herzogin Sibylla: G. Mentz, Johann Friedrich der Großmütige I (1903), S. 22 ff.

 

O. Albrecht.

 

Ausgaben.

 

 

A “An die hoch- || geborne Furstin, || fraw Sibilla Hertzogin zu || Sachsen, Oeconomia Chri- || stiana, das ist, von Christ- || licher haushaltung || Justi Menij. || Mit einer schoenen Vorrede || D. Martini Luther. || Wittemberg. || M. D. XXIX. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 54 Blätter in Quart, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wittemberg || durch Hans Lufft. || Jm Jare, || M. D. XXIX. ||”

Vorhanden: Knaakesche Slg., Arnstadt, Aschaffenburg, Berlin (Luther 9176), Dessau, Erlangen, Göttingen, Halle Mar., Hamburg, Heidelberg (2), Königsberg U., Leipzig U., Marburg, Nürnberg St., Rostock, Sommerhausen, Straßburg, Stuttgart, Wittenberg, Wolfenbüttel (2), Worms, Zittau St., Bibliotheca Lindesiana, London.

 

B “An die hoch-|| geborne Furstin, || fraw Sibilla Hertzogin zu || Sachsen, Oeconomia Chri-|| stiana, das ist, von Christ-|| licher haushaltung || Justi Menij. || Mit einer schoenen Vorrhede || D. Martini Luther. || Wittemberg. || M. D. XXIX ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 52 Blätter in Quart, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wittemberg, || durch Hans Lufft. || Jm Jare, || M. D. XXIX. ||”

Vorhanden: Knaakesche Slg., Berlin (Luther 9177), Breslau St., Dessau, Greifswald, Heidelberg, München H. und U., Straßburg, Stuttgart, Wolfenbüttel, Utrecht. — Erl. Ausg. 63, 277.

 

C “An die hochge-|| borne Fürstin, fraw Si-||billa Hertzogin zů Sachsen || Oeconomia Christiana, dz || ist, von Christlicher hauß- || haltūg Justi Menij. || Mit einer schoenen Vorred || D. Martini Luther. || M. D. xxix. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 44 Blätter in Quart.

Druck von Silvan Otmar in Augsburg.

Vorhanden: Knaakesche Slg., Dresden, Frankfurt St., Hamburg, München H., Stuttgart, Wolfenbüttel, Zürich St.

 

D “An die hoch || geborne Fürstin || Fraw Sibilla Hertzogin zu || Sachsen, Oeconomia Christi || ana, das ist, von Christlicher || Haußhaltung Justi || Menij. || Mit einer schoenen Vorrhede || D. Martini Luther. || M. D. XXIX. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 88 Blätter in Oktav, die zwei letzten Blätter leer. Am Ende (Blatt L 6a): “Gedruckt zu Nu-||remberg durch Fryderich || en Peypus, aus verlegung || des Ersamen mans Leon || hard zu der Aych buch || fuerer zu Nurem || berg. || M. D. XXIX. ||” Blatt L 6b: Druckerzeichen.

Vorhanden in Berlin (Luth. 5502).

 

E1 “An die hoch ge-||borne Fürstin, fraw Si- || billa Hertzogin zů Sachsen, Oeconomia Christiana, das ist || von Christlicher haußhal || tung Justi

 

 

 

[Seite 53]

 

Menii. || Mit einer schoenē Vor- || rede, D. Martini Luther. || Wittembeg (so!). ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 60 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt zů Nuerenberg durch || Johannem Stuechs. 1529. ||”

Vorhanden in Eßlingen, Halle Wais., München H.

 

E2 “An die Hochge- || borne Fürstin, fraw Si- || billa Hertzogin zů Sachsen, || Oeconomia Christiana, das || ist, von Christlicher hauß- || haltung, Justi Menij. || Mit einer schoenē Vor-|| rhede, D. Martini Luther. || Wittemberg. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 64 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zů Nuernberg bey || Johann Stüchs. || M. D. XXX. ||”

Vorhanden: Knaakesche Slg., Berlin, Gotha, Lübeck, München H. u. U., Basel, Zürich St.

 

F “An die hoch-||geborne Furstin, || fraw Sibilla Hertzogin zu || Sachsen, Oeconomia || Christiana, das ist, || von Christlicher || haushaltung, || Justi Menij. | Mit einer schoenen Voerrhede, || D. Martini Luther. || Wittemberg. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 56 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedrueckt zu Wittembergk durch || Hans Weis. M. D. xxx. ||”

Vorhanden: Gotha, Königsberg U., Nürnberg G. M., Zwickau.

 

Ga “An die hochge-|| borne Fuerstin, || fraw Sibilla Hertzogin || zu Sachsen, Oeconomia Chri-||stiana, das ist, von Christ-||licher haußhaltung, || Justi Menij. || Mit einer schoenen vorrhe-||de D. Martini Luther. || Wittemberg. || M. D. xxx iij. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 86 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedrueckt zu Nuerenberg, durch || Jeronymum Formschneider. || Jm jare 1533. ||”

Vorhanden: München H.

 

Gb wie Ga, doch Z. 9 des Titels “Martini”.

Vorhanden: Knaakesche Slg., Weimar.

 

H “An die Hoch-||geborne Für || stin, fraw Sibilla Her || tzogin zu Sachsen, || Oeconomia || Christiana, das ist, || von Christlicher haushaltung || Justi Menij. || Mit einer schoenen Vorrhede. || D. Martini Luther. || Wittemberg. || M. D. XXXIII. ||” Titelrückseite bedruckt. 64 Blätter in Oktav, die fünf letzten leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wit-||temberg, durch || Hans Lufft. || M. D. XXXIII. ||”

Vorhanden: München H., Rostock, Straßburg, Zürich St.

 

I “Vom Ehfriden, Ein || Guldin Kleynot, Keyser Sig- || munden zůgeschickt. || Frawen Beuelch, be || neben außlegung des XXXI. Ca. der || Sprüche Salomonis. || Christliche Hauszhal || tung Justi Menij. || Taegliche uebung eins || Christlichen Haußuatters mitt || seinem Haußgesind. || Zu Francfurt,

 

 

 

[Seite 54]

 

Bei Christian Egenolff. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 114 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “M. D. XXXV. || Jm Augstmonat. ||”

Vorhanden: Berlin, Wolfenbüttel, Zwickau.

 

K “An die Hochge || borne Fur- || stin, Fraw Sibilla || Hertzogin zu Sachssen, || Oeconomia || Christiana, das ist, || von Christlicher Haushalt- || tung Justi Menij. || Mit einer schönen Vorrede, || D. Martini Luther. || Wittemberg. || M. D. XXXV. ||”. Titelrückseite leer. 64 Blätter in Oktav, die drei letzten Seiten leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wit-||temberg, durch || Hans Lufft. || M. D. XXXVI. ||”

Vorhanden: Berlin (Luther 9180), Erlangen, Halle Wais., London.

Hiermit wohl identisch der von v. d. Hardt, Autogr. Lutheri II 195 erwähnte Druck:

 

 

 

“Oeconomia Christiana, Von Christlicher Haußhaltung Justi Menii. An Fr. Sibylla, Hertzogin zu Sachsen. Mit einer schönen Vorrede D. Martini Luther. an Hans Metsch, Hauptmann zu Wittenberg. 1535.”

 

La “Vom Ehfriden, Ein || Guldin Kleynot, Keyser || Sigmunden zů || geschickt. || Frawen Beuelch, be-|| neben außlegung des XXXI. Cap. der Sprüche Sa || lomonis. || Christliche Hausz || tung [so!] Justi Menij. || Taegliche uebung ei-|| nes Christlichen Hauß-|| uatters mit seinem || Haußgsind. || ¶ Zu Franckfurt bei Christian Egenolph ||” Titelrückseite leer. 123 Blätter in Oktav. Am Ende: “M. D. XXXVIII. || Jm Hewmonat. ||”

Vorhanden: Königsberg U.

 

Lb wie La, doch Z. 5 des Titels “Befelch”.

Vorhanden: Wernigerode.

 

Niederdeutsche Übersetzung.

 

 

M “An de hoch-|| gebarne Voerstinnen, frou || we Sibilla Hertoginnen || tho Sassen, Oeconomia || Christiana, dat ys, van || Christliker hußholdinge, || Justi Menij. || Mit einer schoenen Voerrede || D. Martini Luther. || Wittemberge. || M D. XXIX ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 56 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruecket dorch Hynrick Ottinger. 1529. ||”

Vorhanden: Berlin (Da 10 151), Breslau U., Celle, Göttingen, Hamburg, Helmstedt, Rostock, Wolfenbüttel. — Unschuldige Nachrichten auf das Jahr 1710 S. 14.

 

Dänische Übersetzung.

 

 

N “Iusti Menii Oeconomia Christiana, d. h. Eine christliche Haushaltung, wie Jeder mit Gottesfurcht das, was ihm nach seinem Beruf obliegt, besorgen soll. Übersetzt von Johann Tausen, Prediger in Kopenhagen.” Rostock 1538.

 

 

 

[Seite 55]

 

Vorhanden: Kopenhagen U. (unvollst., nur die ersten Blätter sind erhalten). So nach Ludw. Schmitt S. I., Johann Tausen oder der dänische Luther. Köln 1894 S. 65. Die vollständige Ausgabe scheint noch vorgelegen zu haben Albertus Bartholinus († 1663) De scriptis Danorum S. 90 und Unsch. Nachr. auf das Jahr 1710 S. 15.

 

Ausgaben ohne Luthers Vorrede.

 

 

“An die Hochge||borne Fur-||stin, Fraw Sibilla || Hertzogin zu Sachssen, || Oeconomia || Christiana, das ist, || von Christlicher Haushal- || tung, Justi Menij. || Wittemberg. || M. D. XLIII. ||” Titelrückseite leer. 60 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wit-||temberg, durch || Hans Lufft. ||”

Vorhanden: Königsberg U., München U., Wittenberg, Zwickau. — Unsch. Nachr. auf das Jahr 1710 S. 15.

In den Gesamtausgaben findet sich die Vorrede Luthers: Wittenberg 9 (1557), 552a –553a; Jena 4 (1556), 504b –506a und 8 (1558), 210a –212a; Altenburg 4, 557 –558; Leipzig 22 Anhang, 92 –93; Walch 14, 258 –263; Walch2 14, 288 –293; Erlangen 54, 117 –121 und besser 63, 277 –282; de Wette, Luthers Briefe 3, 534 –537.

 

Unserm Abdruck legen wir A zugrunde und geben die Lesarten der Nachdrucke, soweit sie nicht in der zusammenfassenden Übersicht enthalten sind.

 

Von den erhaltenen Drucken ist wahrschinlich A (Wittenberg) der Urdruck. Doch ist es auffällig, daß in A mehrere vorwiegend oberdeutsche Formen sich finden (im Texte des Menius sie sein, obrikeit, onmechtig, berechnen), daß ein anderer Wittenberger Druck (F) sicher auf einen Nürnberger Druck (E2) zurückgeht. Es sei daran erinnert, daß um 1529 Luther öfter Schriften bei Stüchs in Nürnberg drucken ließ (z. B. die Schrifft vom Dolmetschen). Es wäre nicht unmöglich, daß E1 der Urdruck ist. Die Abhängigkeitsverhältnisse wären dann  doch bleiben auch bei dieser Annahme einige Übereinstimmungen in den Lesarten (daß z. B. ost nur E1 und I zusammen gehen) unerklärlich.

 

Wir halten uns deshalb an die nächstliegende Aufftellung, wie sie in unseren Siglen zum Ausdruck gelangt, nämlich den Stammbaum

 

 

 

[Seite 56]

 

B (Wittenberg) mit A verglichen.

 

I. Vokale: o > oe oeberkeit (in A mit O geschr.); u > ue schueldig, mueste, ∞ nutz; o > u frume. — unbetontes e zugefügt in Gnade, ich halte, verehelichen, beseitigt in allzumal (< alle-).

 

II. yderman > yederman.

 

C (Augsburg) verglichen mit A.

 

I. Vokale. 1) Umlaut e > a verlasset, o > oe hoeher, ∞ stossest; u > ü (ue) Fürstin, für, fürwar, sünde, über, muesse, ∞ bůchlin, stůnde; eu > au hauptman.

 

2) o > u Künig, i > e weder; alte Längen in fründ, by, vff; i und ie, u und ů, ü und ue geschieden, ai nur in hailand; ü > i stirmen.

 

3) unechtes h beseitigt in vest (< vhest), geen, ee, stee, wee, meer, eeren, jre, jm, in, ruemen.

 

4) unbetontes e fällt sehr oft: sag ich, verstand (Dat.), boeß (Plur.), solch (Plur.), leut, stett, freßling (Plur.), ein (una), dasselbig, witz, straff, hell (Subst.), ursach, beid, gerad, streng, gesell; eins, nutzs; bauern > bawren.

 

II. Konsonanten: b > p hauptman; t > d, dt under, radtschlag; d > dt, t statt (urbs), stett.

 

Doppelkonsonant vereinfacht: oder, fůter, in.

 

III. nis > nuß.

 

IV. Deklination: einem sonderlichen > sonderlichem, ∞ deinem schentlichem > schentlichen, jr jungen > junge.

 

Konjugation: Umlaut fehlt in lasset, stossest; wollen > woellen, sind > seind.

 

V. Wortformen: sondern > sonder, nicht > nich (einmal) > nit, ytz > yetzt, deste > dester, denn wenn > dann wann, auff > uff, hierinne > hierjnnen, dazu > darzů, fur > vor, dennoch > dennocht; yderman > jederman, solch > solich, welch > woelch, yglich > yegklich; Just > Justus, pfennig > pfenning; vergifftige > vergiffte; vleissiger > vleissiglicher.

 

VI. Wortwahl: welch ein > was f|ür ein.

 

D (Nürnberg, Peypus) ist im Text A sehr nahe geblieben, in den Formen aber sehr stark oberdeutsch; hier mit A verglichen.

 

I. Vokale. 1) Umlaut e > oe empoeren; o > oe oeberkeyt, boeßheyt; u > ü, ue fuer, Fuerstin, sünde, sündlich, muessen, muest; ∞ stunde, wurde, kunde, sturmen, gelustet, gutduncken.

 

2) o > u sundern (Konjunction); ue (= üe) und ü, u und ue (= ů) nicht immer geschieden; i und ie im ganzen geschieden, doch dinst.

 

3) h fehlt in vest, ruemen, selten in geen.

 

4) unbetontes e fällt in den Pluralen etlich, Koenig, ander, solch, grewlich usw., Tuerck, hett, ursach, dem ehestand, ein streng; ∞ zu letzte, duncket, hilffet, thuen, herren.

 

 

 

[Seite 57]

 

II. Konsonanten: t > d notdurfft, b > p plintzling; Doppelkonsonant oft vereinfacht: wider, oder, fodern, besundeln, treflich, schryft, Got, hern, fueter, <check> vonn, erdenn u. ä., woll, Goettlich; Pfarherrs > Pfarrhers.

 

III. Nachsilben: lin > lein (meist).

 

IV. Deklination: in offentlichem schendlichem leben > in offentlichen, schendlichen l.

 

Konjugation: Umlaut fehlt in stunde, wurde, kunde; wollen > woellen.

 

V. Wortformen: dester, nit; yederman, soelch; pfennig > pfenning.

 

E1 u. E2 (Nürnberg) verglichen mit B. E1 bleibt der Vorlage noch getreuer; wo nicht anders bemerkt gelten die Formen für beide Drucke. In den Lesarten greist E auf B zurück.

 

I. Vokale. 1) Umlaut e > ae raethe E2, o > oeberkeyt, hoeher; oeffentlich E1; u > ue stueck, für E2, Fürst, sündigen E2, sündtlich E2, muesse E2, mueste E2, kuenstreich E1, juenge E1; ∞ wuerden > wurden E2, schuldig E2; eu > au haubtman.

 

2) o > u frumme, wilküre, i > e weder; i und ie, ei und ai, u und ů, ü und ue geschieden nur in E2.

 

3) unechtes h beseitigt in vest E2, ∞ vorrhede E2.

 

4) unbetontes e beseitigt in hab, gnad, hoff E2, laut E2, gerad, hoch (< hohe, E2); schlechts E2, diss, weisstu (< weissestu), allzumal, gelert; ∞ herren, freunde (Vok. Sing. E2), thiere, jre, ich halte, darinne, hierinne, ein ordenliche (Neutr.).

 

II. Konsonanten: d > dt, t freundt, wirdt E2, p > b gebeut E2.

 

Doppelkonsonant vereinfacht: fůter, oder E2, wider, weder, besudeln E2, goetlich E2; ∞ frumme E2, gebotten E2.

 

III. Vor- und Nachsilben: gnug > genueg E2, nis > nueß E2, -gklich (E2).

 

IV. Deklination: zur sorgen > sorge, der bauer (Plur.) > bawrn, dis > dises; jhn > ihnen E2.

 

Konjugation: wollen, wolte > woellen, woelte E2.

 

V. Wortformen, wie bei C: sonder E2, dester E2, dann E2, yetzt E2, nun, darneben E2, darzu E2, daran, dennoch > dannocht; yederman, yegklich E2; denken > gedencken (E2 mehrmals), foddern > fürdern E2, pfarher > pfarrer E2, pfennig > pfenning E2; christlich > christenlich E2; fleissiglicher (Adv.) > vleissiger E2.

 

VI. Wortwahl: walts > walt sein.

 

F (Wittenberg) vergl. mit E2.

 

I. Vokale. 1) Umlaut o > oe roeck (Sing.); u > ue Fuerstin, muessen, ∞ gunstig, nutz, duncken, Turcke, gelustet, tuchtig.

 

 

 

[Seite 58]

 

2) u > o woerme, wilkore; für ů meist ue.

 

3) unechtes h vertauscht in tůhest, weggefallen in aůffruerisch, neu in vorrhede.

 

4) unbetontes e abgefallen: freundt, hauff, ∞ verehelichen, gibet.

 

II. Konsonanten: d > t stat, dt > tt stette, t > th rath; p > b gebotten; g > ck junckfraw, wegk.

 

Doppelkonsonant vereinfacht: sudeln, wider, oder, in, Got, den, ∞ gebotten.

 

III. Vor- und Nachsilben: lin > lein, nueß > nus, iglich > igklich.

 

IV. Konjugation: zu ziehen (Jnf.) > ziehet (Druckf.?), solle > soelle.

 

V. Wortformen: dannocht > dannoch; fürdern (foddern A) > fordern; ferckel > freckel (mundartl. z. B. in Hessen).

 

G (Nürnberg) verglichen mit B.

 

I. Vokale. 1) Umlaut o > oe oeberkeit, u > ue Fuerstin, suendigen, fuer, fuersten, kuenstreich; ∞ bůchlin, nutze; eu > au haubtman.

 

2) o > u frumme, kummen, sun; i und ie, u und ů gesondert, ů auch für ue.

 

3) h beseitigt in geen, mer.

 

4) unbetontes e angefügt in Gnade, ich halte; verehelichen, ∞ alzumal.

 

II. Konsonanten. Doppelkonsonant vereinfacht: alzumal, wider, ∞ kummen.

 

III. Konjugation: woellen (o), kuennen (oe).

 

IV. Wortformen: dester, nit, yetzt und itzt; yglich > yedlich; pfenning; vleissiger > vleissiglicher (wie C).

 

I, L (Frankfurt) verglichen mit E1. Daß I auf E1 beruht, beweisen die Lesarten deutlich; die Sprachformen sind aber viel mehr oberdeutsch als in D, weshalb wohl ein oberdeutsches (Augsburger?) Zwischenglied anzunehmen ist. L ist ein fast buchstabengetreuer Abdruck von I; wo nicht anders bemerkt, gelten die Formen für IL.

 

I. Vokale. 1) Umlaut a > ae widdersaecher, e > ae klaerlich, haerter, schaetz, aeltern; oe > o stossest; u > ü, ue über, sünd, sündigen, sündtlich, mueß, muessen, mueste; ∞ gelustet, nutz, kunstreich.

 

2) u > o koente, o > u Künig, sun, sunder L; i > ü würt (L seltener); i und ie, u und ů, ü und ue geschieden wie in E.

 

3) h fällt in jre, In, mer I, eelich, eebruch, eer, vest; weh > whe I; L auch eestand.

 

4) unbetontes e fällt fast durchweg, auch in vorred, freůnd, hoff, sol, hell, gesell, straff, ein, dasselbig, bild, eer, witz, streng; im Plural: etlich, leut, freßling, Stett, im Jnnern: ewigs, verlest, schlechts, nichts (auch ∞), Gotts, gifftigsten, ∞ freunde (Vok. Sing. I), jre (suos), hilffet I, unseren; vertauscht in ewers eigne I.

 

 

 

[Seite 59]

 

II. Konsonanten: d > dt verstandt, sündtlich I; t > d under; t > th rath; dt > tt Stett; b > p Haupt, ∞ gebeut.

 

Doppelkonsonant: neu in nimmer.

 

III. Vor- und Nachsilben: gnug > genůg; genad L; lin > lein, nis > nus, nueß.

 

IV. Deklination: einen > ein; seinem, deinem > seim, deim; der seelsorgen > seelsorge, seim geistlichem > geistlichen, deinem schendlichem > schendlichen; alle den > allen den, die helle > hellen.

 

Konjugation: stoessest > stossest, zeuchstu > zeuhest du, ebenso hast du, bist du, woellen (< o), koenten (< ue); seind in L seltener als sind.

 

V. Wortformen: uff, sonder, nit, dester, dann, ietz, jetzt, (jetzundt L), aber dannocht > dennoch, darzů, vor; iederman, ieglich, solliche I, welich I; pfenning; foddern > fürdern, bedarff > darff, rechen > rechnen.

 

VI. Wortwahl: welch ein > wie ein.

 

H, K (Wittenberg) verglichen mit B. Die Lufftschen Neuauflagen bleiben dem Druck B sehr nahe, K geht in Änderungen fast nirgends über H hinaus; wo nicht besonders vor (;) bemerkt, gelten die Formen für diese beiden Drucke.

 

I. Vokale. 1) o > oe oeffentlich, hoeher; K auch oerdentlich; u > ue kuenstreich, Fuerstin, duenckt, stueck, schueldig, die juengen, K auch Fuersten, buchdruecker, muesse.

 

2) i> e wedder; o > u frume.

 

3) unbetontes e neu in: gnade H; ich halte, nichtes; K auch zeuchest; ∞ alzumal.

 

4) h fällt in jm, In, jre.

 

II. Konsonanten: th > t Rete, t > dt radtschlag, t > d notdurfft K, g > k junckfraw, g > ch tuechtich.

 

Doppelkonsonant vereinfacht in alzumal; K auch oder; ∞ Goettlich; H widder.

 

III. genug > gnug K.

 

IV. Deklination: jn > jnen; K wuermen > wuermern; einem sonderlichen > sonderlichem H.

 

Konjugation: wollen > woellen.

 

V. Wortformen: yderman > jederman; ordenlich > ordentlich H, oerdentlich K.

 

 

 

[Seite 60]

 

[Bl. A ij] Dem gestrengen und vhesten Haus Metsch,  heubtman zu Wittemberg,  meinem guenstigen herrn und guten freunde.

 

1529

 Gnad und friede yn Christo sampt krefftigem vollem verstande  dieses buechlins. Gestrenger vhester lieber herr und freund.  Wie wol dis buechlin fast1 wirdig were on meinen namen und  einiger zuschrifft2 aus zu gehen (nicht allein des halben, das  an yhm selbs ein kunstreich fein Christlich nuetzlich troestlich  buechlin ist, sondern auch das er der loeblichen hochgebornen Furstin unser  gnedigen frawen Sibilla Hertzogin zu Sachsen &c.. zugeschrieben), hab ich michs  doch auch mit meinem namen und vorrede zu besuddeln unterwunden und  mit der selbigen euch des ein exemplar zu schencken, nicht allein den buchdruckern  damit zu dienen (Welche zu weilen pflegen unter meinem namen und  zeugnis yhre buechlin deste bas zu vertreiben, etliche felschlich, etliche redlich),  sondern auch yderman, der sein begeret und mein zeugnis achtet, zu nutze, auff  das er dis buechlin deste lieber habe und vleissiglicher lerne, Allermeist aber,  euch gantz trewlich damit zu vermanen. Denn mich dunckt, der meister Er  Just menius hab darynnen ewres hertzen ein gros stuck wol getroffen und  ewer notturfft (wie wol blintzling3) fein und eben abgemalet, das ich hoffe,  Gott solle gnade verleyhen, das yhr auch ein mal diesem buechlin ein bilde  und exempel geben werdet, Amen.

 

Denn ich halt, das dis buechlin auch unsern widdersachern selbs musse  gefallen (ob sie wol nichts wollen der unsern yhn gefallen lassen), Weil  hierynn nichts des yhren angegriffen, sondern einfeltiglich und klerlich allein  der ehestand gelobet und gepreiset wird. Wie viel mehr sol es uns und den  unsern wol gefallen, die wir Gottes wort und werck erkennen und rhuemen?  Fur war solch und der gleichen buechlin sind nicht allein trefflich nuetz, sondern  auch hoch von noeten zu lesen und behalten, darumb das gar viel odder fast  der meiste hauffe, ob sie wol den ehestand fur recht und Goetlich halten, doch  nicht von noeten odder gepoten halten, gleich wie man die iungfrawschafft fur  ein recht und Goetlich ding, aber doch nicht von noeten noch gepoten hellt.  Also gehen sie lass und sicher dahin, dencken nicht, das sie Gottes gepot  zwinget und noetiget zum ehestande, gerade als weren sie frey und stuende ynn  yhrem gutduencken und freyen willen, sich zu verehlichen wenn sie wollen odder  nymer mehr, bleiben gleich wol daneben ynn offentlichem erkandtem sundlichem  leben, troesten sich der letzten stunde, darynn sie denn buessen wollen, wenn sie

 

 

 

[Seite 60]

[Vorbemerkungen]

[ 6 meinē D meinem BG 7 das es DEFIL 32 gedencken E2F 35 gleich fehlt E2F]

 

 

 

[Seite 61]

 nicht mehr sundigen kœnnen und sie nicht die sunde verlassen sondern die  sunde sie verlesset.

 

Solchen, sage ich, ist dis buechlin von nœten zu haben und zu lesen, auff  das sie wissen: gleich wie hohe not und hart gepot ist, da Gott spricht ‘Du  solt nicht toedten, Du solt nicht ehebrechen’, eben so hoch not und hart gepot,  ia viel hoher not und herter gepot ists: Du solt ehelich sein, du solt ein  [1. Mose 1, 27; 2, 24] weib haben, du solt einen man haben.1 Denn da stehet Gottes wort: Gott schuff  den menschen, ein menlin und frewlin, und sprach: [Bl. Aiij] Sie sollen ein leib  sein, Der man wird vater und mutter lassen und an seinem weibe hangen.  Solche wort Gottes sind nicht ynn unser frey wilkoere gestellet, wie die iungfrawschafft  und einsame keuscheit, sondern es mus und sol also sein, wie sie  lauten: Man und weib sind geschaffen, das sie sollen ein leib sein und an  einander hangen und bleiben. Solch gepot mus man mit predigen und solchen  buechern treiben, und den ledigen personen, so zur einsamen keuscheit nicht  begnadet sind, das gewissen damit beschweren, noetigen und plagen, bis sie  hinan mussen und zu letzt sagen: Sols sein, mus es sein, kans nicht anders  sein, so walts Gott und sey gewaget.

 

Uber diese sind etliche andere, die meynen, Es sey gnug, das sie ehelich  werden odder seyen, dencken nicht weiter denn ‘hette ich ein weib, hette ich  einen man’, odder wenn sie hoch komen, dencken sie nach gut und ehre, wie  sie reich werden, hoch her faren und den kindern gros gut erben, fragen nichts  nach der kinder zucht, und wie itzt etliche sagen ‘Wenn mein son so viel lernet,  das er den pfennig gewinne, ist er geleret gnug’, Und wil itzt niemand kinder  anders ziehen denn auff witzte und kunst zur narung, dencken schlechtes nicht  anders, denn das sie frey seyen und stehe yn yhrem wilkoere die kinder zu  ziehen wie sie es geluestet, gerade als were kein Gott der yhn anders gepoten  hette, sondern sie selbs sind Gott und herrn uber yhre kinder. Wenn aber  ein strenge ordenlich regiment ynn der welt were und wuerden solche schedliche  boese leute funden, das sie sich nicht bessern wolten und yhre kinder anders  ziehen, so solt die Oberkeit solche allzumal an leib und gut straffen odder  zur welt aus iagen. Denn solche leute sind die aller gifftigesten und schedlichsten  menschen auff erden, das auch widder Tuercke noch Tatter so schedlich  sein koennen.2

 

 

[ 5 eben] ein IL een E1        hohe E2F 7 da] so C do D 17 walts] walt sein E1IL 23 gewinne] gewinnet C 24 nicht] nichts C 25 stehe] stehen E1I stehet HK 27 herr E1IL 32 Türcken E1IL        Tattern E1IL]

 

 

 

[Seite 62]

 Ursache ist die: so viel an yhn ist, thun sie nichts anders, denn das  beide geistlich und weltlich stand untergehe und beide haushalten und kinder  zucht verderbe, und bleiben eitel wilde thier und sew ynn der welt die zu  nichts nuetze sind denn zu fressen und sauffen. Da mercke da bey: wenn man  nicht kinder zeucht zur lere und kunst1, sonder eitel freslinge und sewferckel  machet, die allein nach dem futter trachten, wo wil man pfarher, prediger  und ander personen zum wort Gottes, zum kirchen ampt, zur seelen sorgen  und Gottes dienst nemen? Wo wollen koenige, fursten nnd herrn, stedte und  lender nemen Cantzler, rethe, schreiber, amptleute? Jst doch kein dorff so  klein, das eins schreibers emperen kuende, wir wolten denn allezumal so leben  lernen, das wir mit den leuten ynn der welt nicht umbgehen musten, bey  welchen kunst und schrifft2 ym brauch und ehren ist. Was wolt das fur  eine wueste grewliche welt werden? Da muste ia beide geistlich, weltlich,  ehelich, heuslich stand zu boden3 gehen und ein lauter sewstal aus der welt  werden. Wer hilfft aber dazu? Wer ist schuldig an solchem grewel, denn  eben solche grewliche, schedliche, gifftige Eltern, so wol kinder haben die sie zu  Gottes dienst ziehen kuenden, und ziehen sie allein zum bauch dienst? Weh  uber meh und aber weh alle den selbigen.

 

Solchen boesen wuermen odder unachtsamen Eltern und eheleuten ist dis  buechlin hoch von noeten zu lesen odder zu hoeren, auff das sie lernen, was  Gott yhn gepeut und was sie Gott an yhren kindern schuldig sind. Nein  lieber geselle, Hastu ein kind das zur [Bl. A iiij] lere geschickt ist, so bistu nicht  frey dasselbige auff zu ziehen wie dichs geluestet, stehet auch nicht yn deinem  wilkoere damit zu faren wie du wilt, sondern du must darauff sehen, das du  Gott schuldig bist seine beide regiment zu foddern und yhm darynn zu dienen.  Got bedarff eines pfarherrs, predigers, schulmeisters yn seinem geistlichem reich,  Und du kanst yhm den selbigen geben und thust es nicht. Sihe da raubestu  nicht einen rock dem armen, sondern viel tausent seelen aus dem reich Gottes  und stoessest sie ynn die helle so viel an dir ist, Denn du nimpst die person  weg die dazu tuechtig were solchen seelen zu helffen. Widderumb zeuchstu dein  kind, das ein seel sorger werden kan, da gibstu nicht einen rock, stifftest auch  nicht ein kloster odder kirchen, du thust wol ein groessers, du gibst einen  heiland und Gottes diener der viel tausent seelen zum hymel helffen kan.  Was ligt dran, das sie nicht alle geraten? Es geraten dennoch etliche, was

 

 

[ 2 untergehen E1I 3 verderben DE1IL 4 Da ACI] Das BEFGHKL 13 mueste BDEFGHIKL muesten C 18 allen E1IL 21 Nein] Mein4 BEFGHIKL 26 bedarff] darff E1IL 30 solche D 31 das es E1IL]

 

 

 

[Seite 63]

 weissestu, obs1 dein son sein wird? Bistu doch nicht werd mit alle deinem  gut, das du eine stunde zu solchem Goetlichen stifft2 und grossem Gottes dienst  helffen soltest, und kanst dein leben lang dazu helffen. Nu thustu aber das  widerspiel, nicht eine stunde, sondern dein leben lang. Das heisset freylich  recht die stifft, kloester und kirchen stuermen und rauben, das der auffrhuerischen  bawer stuermen kaum ein schimpff3 und vorspiel zu rechen ist. Sage mir,  welche helle kan tieff und heis gnug sein zu solcher deiner schedlichen bosheit?  O welche eine straffe wird auch uber uns komen umb solcher missethat  willen.

 

Also auch ym weltlichen regiment kanstu deinem herrn odder stad mit  der kinder zucht mehr dienen, denn das du yhm schloesser und stedte bawetest  und aller welt schetze samletest. Denn was hilfft solches alles, wenn man  nicht gelerte, weise, frome leute hat? Jch wil geschweigen, was zeitliches  nutzes und ewiges lohns du davon hast fur Gott und der welt, das dein kind  auch hiemit besser erneeret wird denn nach deinem schendlichem, schedlichem,  sewischen ratschlag und furnemen. Davon ich ein ander mal weiter und mit  einem sonderlichen buechlin4 vermanen wil, so Gott gibt, widder solche schendliche,  schedliche, verdampte eltern, welche nicht eltern, sondern schedliche sewe  und vergifftige thier sind, die yhr eygen iungen selbs fressen. Jtzt sey es  genug zu einer vermanung dis Christlich buechlin mit vleis einem iglichen  hausvater zu lesen, der fur Gott und der welt seliglich hie und dort bestehen  wil. Dazu gebe Gott seine gnade, AMEN.

 

 

 

[ 1 allem C 3 soltest] solst E1IL 8 welche] was für C wie ein E1IL        auch fehlt C 11 yhm] jn G 13 zeitliche F zeitlichen E2 19 vergiffte C 21 hausnater A]

 

 

 

[Seite 64]

 

Vorrede zu “Die Epistel S. Pauli zun Colossern durch Philippum Melanchthon zum andern Mal ausgelegt, verdeutscht durch Justum Jonam”. 1529.

 

[Einleitung]

 

[Seite 64]

 

Die wohl im Jahr 1526 gehaltenen Vorlesungen Melanchthons über den Kolosserbrief sind erstmalig lateinisch mit einem Widmungsbrief an Alexander Drachstadt unter dem Titel Scholia in Epistolam Pauli ad Colossenses &c.. bei Johann Secer in Hagenau im August und September 1527 gedruckt worden.1 Bereits im Oktober 1527 wünschte Joseph Klug in Wittenberg eine deutsche Abersetzung dieses Werkes herauszugeben; Georg Rörer aber, den er darum bat, lehnte wegen Arbeitsüberhäufung ab.2 Doch erschien noch im selben Jahr eine übrigens recht unbeholfene Verdeutschung eines Ungenannten bei Joh. Loersfeld in Marburg: “Ausle-|| gunge der || Epist. S. Pauli zu || den Colossern, durch || Philips Melanch. || Marpurg. || M. D. XXVII. ||”3 Diese ist im Corp. Ref. XV, 1221 nicht erwähnt; die aber dort unter Nr. 2 angeführte (“Auslegung der Epistel an die Kolosser durch Philipp Mel., gedeutscht durch Johann Agricola Eysleben. Wittenberg 1527. 8.”), die das größte Jnteresse beanspruchen würde, scheint eine bloße Fiktion zu sein.4

 

 

 

[Seite 65]

 

Die von Secer verschuldeten Nachlässigkeiten des ersten lateinischen Drucks hatten Melanchthons Unwillen erregt, worüber er sich beiläufig im Brief an seinen Diener Johannes am 2. November 1528 (C. R. I, Sp. 1007) äußerte; gleichzeitig beauftragte er diesen, duos libellos Colossensium, quos jussi ligari istinc abiens, ihm aus Wittenberg nach Thüringen, wo er als Visitator weilte, nachzuschicken. Offenbar meinte er damit Exemplare der neuen, inzwischen bei Joseph Klug in Wittenberg gedruckten Ausgabe, deren baldiges Erscheinen Rörer an Roth am 6. September 1528 ankündigen konnte: Colossensium epistula per Philip. nostrum enarrata sub incudem revocata est, ad suturas nundinas (d. h. zur Zeit der bevorstehenden Leipziger Michaelismesse) locupletior in lucem prodibit (Buchwald, Roth S. 73 Nr. 176). Es ist darunter die im Corp. Ref. XV Sp. 1221 unter Nr. 3 verzeichnete Ausgabe zu verstehen:

 

 

 

“SCHO-||LIA IN EPISTO-||LAM PAULI || ad Colossenses, re-|| cognita ab || autore. || PHIL. MELANCH. || 1528. ||” Mit Titeleinfassung. Auf der Titelrückseite ein Bild (Paulus den Brief durch Phoebe [?] absendend). 108 Blätter in Oktav. Am Ende: “FINIS. || IMPRESSUM VVITTEN- || BERGAE PER IO-||SEPHUM KLUGK. ||”

Vorhanden z. B. in Berlin (Bt 8528), Weimar (die 2 letzten Blätter fehlen), Bretten.

Diese zweite, bereicherte Auflage1 hat der Übersetzung des Justus Jonas, wie ja auch deren Titel andeutet, zugrunde gelegen; fraglich könnte etwa noch

 

 

 

[Seite 66]

 

sein, ob Jonas diesen Klugschen Originaldruck oder den davon im folgenden Jahre durch Secer in Hagenau veranstalteten Nachdruck1 benutzte; wahrscheinlich war doch der Wittenberger Druck, der ihm ja an Ort und Stelle zugänglich war, seine Vorlage. Dann aber besteht die Möglichkeit, daß er die Übersetzung schon Ende 1528 fertigte und mit Luthers Vorrede bereits Anfang 1529 ausgehen ließ. Genaueres über den Zeitpunkt des Erscheinens der Schrift läßt sich nicht sagen, da anderweite Nachrichten darüber unbekannt sind und der Jnhalt sowohl von Luthers Vorrede2 als von Jonas' Nachwort keine sicheren Handhaben für eine nähere Datierung bietet.

 

In dem Nachwort “dem leser” (neu gedruckt bei Kawerau, Jonas' Briefwechsel I, 139 f.) macht Jonas darauf aufmerksam, daß er mit Melanchthons Billigung den lateinischen Text nicht wörtlich, sondern bei sorgfältiger Wahrung

 

 

 

[Seite 67]

 

des ursprünglichen Sinnes frei übersetzt habe. Ob Melanchthon, der später einmal bei andrer Gelegenheit (C. R. IV, 834) über Jonas' Übersetzungskunst klagt, damit ganz einverstanden war, erfahren wir nicht.

 

Jedenfalls hatte Luther große Freude an der nicht von ihm, sondern von Jonas veranstalteten1 Veröffentlichung, wie er dies in seiner Vorrede mit lebhaften Worten ausspricht. Darin ist die oft zitierte anschauliche Charakteristik seiner eigenen reformatorischen Wirksamkeit im Unterschied von der Melanchthons2 besonders beachtenswert, ferner aber auch die Tatsache, daß er von etwaigen Lehreigentümlichkeiten Melanchthons betreffs Wertung der Willensfreiheit3 keinerlei Andeutungen gemacht, sondern der Arbeit seines Freundes uneingeschränktes Lob gespendet hat. Gewiß sollte diese begeisterte Anerkennung wieder dazu dienen, dem Melanchthon das Beharren bei den theologischen Vorlesungen zur Pflicht zu machen4, während dieser doch selbst in seiner der ersten Ausgabe vorgesetzten Dedikationsepistel an Drachstadt 1527 über seine Arbeit sehr bescheiden urteilte: certe in tractandis sacris literis nunquam ingenij laudem captavi.

 

Vgl. noch Köstlin-Kawerau, Martin Luther5 II, S. 158 f. Enders, Luthers Briefwechsel Bd. 7, S. 212. Kawerau, Justus Jonas' Briefwechsel II, S. XXII ff. Art. “Melanchthon” in der P. R. E.3 Bd. 12, S. 528 Z. 40 ff., S. 540 Z. 13 f.

 

 

 

[Seite 68]

 

(nicht genau). Hartfelder, Melanchthon als Praeceptor Germaniae in den MGP. VII, S. 290 f. 586 ff.

 

 

 

Ausgabe:

 

 

A “Die Epi -||stel S. Pauli zun || Colossern durch Philip||pum Melanchton ym la -||tein zum andern mal || ausgelegt. || Verdeudscht durch Justum || Jonam mit einer schoenen vor||rhede Martini Luther || an die deudschen || leser. || Gedruckt. || 1529 ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 100 Blätter in Quart, die drei letzten Seiten leer. Am Ende: “Hat gedruckt Michael Lotter. 1529.”

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin (Luth. 9171 und Bt 8525), Breslau U., Dresden, Eisleben (Andreas), Erlangen, Halle Mar., Halle Wais., Hamburg, Heidelberg, München U., Nürnberg GM., Prag U., Sommershausen, Straßburg, Weimar, Wolfenbüttel, Würzburg U., Zwickau.

In den Gesamtausgaben steht Luthers Vorwort: Eisleben 1 (1564), 481 b –482a; Altenburg 4, 702 –703; Leipzig 12, 86 –87; Walch 14, 199 –201, vgl. 19 f.; Walch2 14, 176 –177; Erlangen Opp. var. arg. VII, 492 –493.

 

Wir drucken den Text nach A.

 

O. Albrecht.

 

 

 

Vorrhede Martin Luther.

 

1529

 

 

 

[Seite 68]

Du habt yhr aber mal ein feines nuetzlichs buch, mein lieben  freunde, nemlich S. Paulus Epistel zu den Colossern mit  Magistri Philippi Melanchtons anweysung und underricht,  darynn gar sein kurtz und doch deutlich und reichlich gefasset  ist, was ein Christliche lere und leben sey, das wol dis buechlin  ein gros buch und widderumb dis buch ein klein buechlein heissen mag, und  ein yeder bey sich ym busem als seinen Christlichen schatz teglich zu uben  tragen kan. Jch hab zwar.1 selbs solche Magistri Philipps buecher lieber denn  die meinen, sehe auch lieber die selben beyde ym lateinischen und deudschen  auff dem platz denn die meinen.

 

Jch bin dazu geboren, das ich mit den rotten und teuffeln mus kriegen  und zu felde ligen, darumb meiner buecher viel stuermisch und kriegisch sind.  Jch mus die kloetze und stemme ausrotten, dornen und hecken weg hawen, die  pfuetzen ausfullen und bin der grobe waldrechter, der die ban brechen und  zurichten mus. Aber M. Philipps feret seuberlich und still daher, bawet und  pflantzet, sehet und begeust mit lust, nach dem Gott yhm hat gegeben seine

 

 

 

[Seite 69]

 

gaben reichlich. O der seligen Zeit, so unser verdampte undanckbarkeit solchs  uns erkennen lest, welch ein schatz solt es aller welt gewesen sein fur zwentzig  iaren, wo man ein solch buch hette muegen haben. Aber ytzt ists leider dahin  [4. Mose 11, 4 –6] komen, das die Jueden des hymelbrods sind uberdruessig worden, wollen zippeln  und knoblauch ynn Egypten essen, Ja (das noch erger ist) perlin muessen wir  [Matth. 7, 6] fur die hunde und heiligthumb fur die sew werffen, die uns dafur zu reissen  und beissen. Wolan kompts ein mal widder, das uns das wort genomen  wird, so werden wir auch umb sonst ruffen ym iamer, wie unser vorfaren  haben gethan, und uns niemand erhoeren.

 

Doch wird dis buechlin, ob Gott wil, wol komen, da es ehre und lob, lieb  und danck finden wird, denn ein gut wort find eine gute stet1 und Gotts  wort feret nicht umb sonst aus, kompt auch nicht leer widder, wie wir des  [Jes. 55, 11] ynn der schrifft verheissung und trost haben: den selbigen stillen frumen hertzen  sol dis buechlin befolhen sein, die sollen yhr paradis drynn haben und yhren  lieben HERRN Christum drynnen angezeigt und furgestellet finden als den  [1. Mose 2, 9] rechten bawn des lebens, An welchem sie on allen verdrus sich nicht satt essen  konnen, sondern yhe lenger yhe lieber2 sol es heissen, yhe mehr yhe luestiger  zu essen, das sie der Egyptischen zippeln und knoblauch nicht gedencken, Auch mit  [4. Mose 21, 21 ff.] den Amoritern und Cananitern3 nicht kriegen noch sich schlahen mussen, sondern  yhr land und gut mit frieden und rugen besitzen und gebrauchen, Gott zu  lob und ehren ynn Christo Jhesu unserm Herrn und heylande, welchem sey  danck gesagt ynn ewigkeit fur alle seine reiche grundlose guete an uns erzeigt.  AMEN.

 

 

 

[Seite 70]

 

Vorrede zu der Schrift “Ein kurz Unterricht den sterbenden Menschen ganz tröstlich und seliglich furzuhalten” von Thomas Venatorius. 1529.

 

[Einleitung]

 

[Seite 70]

 

Zu den Trostschriften fuer Sterbende, die im Jahre 1527 erschienen 1 , gehört auch des Thomas Venatorius Kurzer Unterricht. Der Verfasser, seit 1523 in Nürnberg “Krankenprediger bei dem neuen Spital” 2 , schrieb diese kleine, offenbar aus seiner besonderen seelsorgerlichen Erfahrung herausgewachsene, kernige Erbauungsschrift in der Form eines Briefes an seinen Amtsgenossen Hartung Goerrell nieder. Die ältesten Drucke, die noch nicht Luthers Vorrede hatten, erschienen in Nürnberg; folgender scheint der Urdruck gewesen zu sein:

 

 

 

α “Ein kurtz || vnderricht den || sterbenden menschen gantz || troestlich, geschriben an Hartun-|| gum Goerell, diener der ar-|| men zů Nuernberg im || Newen Spital. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 4 Blätter in Quart. Am Ende: “M. D. XX vij. ||”

Druck von Friedrich Peypus in Nürnberg.

Vorhanden in Berlin (Cu 6565), Muenchen H. St., Nürnberg St., Weimar; London.

Vgl. Kuczyński, Thesaurus libellorum Nr. 2691. Erl. Ausg. 63, 284 f. Bl. A 1 b beginnt: “Thomas Venatorius Hartun- || go Goerell, Gnad vnd frid von Gott || dem vatter &c.. ||”

Als ein Abdruck dieser Vorlage erscheint:

 

 

 

β “Eyn kurtz || vnderricht den ster|| benden menschen gantz || troestlich, geschribē an || Hartungū Goerell || diener der armē || zu Nuermberg || im Newen || Spital. || 1527 ||” Mit Titeleinfassung. 8 Blätter in Oktav, letzte Seite leer.

 

 

 

[Seite 71]

 

Druck von Jobst Gutknecht in Nürnberg.

Vorhanden in Bamberg, Dresden, Munchen HSt.

Bl. A2a beginnt: “Thomas Venatorius || Hartungo Goerell, Gnad vnd frid || von Gott dem vatter &c.. ||”

Der Druck ist typographisch besser ausgeglichen als der vorige, mit A5a 20 “kumbt” bietet er eine Verschlechterung gegen “kum̄” α; A6b 26 hat er für das richtige “kanstu” von α keinen Platz auf der Zeile und druckt “kanst”; A7a2 “pein” und Glosse dazu “Peyn” sind der Versuch einer sprachlichen Glättung gegen “poen (Poen)” in α.

Wenn Luther schreibt (s. u. S. 79, Z. 17 f.): “es haben auch unser widdersacher dis buchlin selbst lassen drucken vnd ausgebreit ehe denn wir”, so hatte er dabei vielleicht folgenden Dresdener Nachdruck im Auge:

 

 

 

γ “Ein kurtz vn||derricht den || Sterbenden men||schen gantz || tröst||lich vnd se||licklich fuertzuhal||ten an yrem letzten ende. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 8 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt zu Dreßden durch || Wolffgang Stoeckel || 1527. ||”

Vorhanden in Breslau St. und U., Hamburg.

Daß ein Katholischer Drucker die Schrift verbreitete, erklärt sich wohl daraus, daß die evangelische Stellung des Verfassers, der sich übrigens auf dem Titelblatt nicht ganannt hatte, damals noch unbekannt war. Möglich, daß Luther noch andere derartige Nachdrucke kannte, die verschollen sind. Wann er das Büchlein kennen lernte, und ob er durch den Verfasser oder durch jemand anders gebeten worden ist, es mit einem empfehlenden Vorwort neu herauszugeben, wissen wir nicht. In der Vorrede deutet er nur an, daß er es “gedruckt bekommen” und, um es in seiner guten Eigenart nicht etwa zu verderben, daran gar nichts geändert habe.

 

Die erste Erwähnung des Wittenberger Druckes mit Luthers Vorrede finden wir wohl in einem gegen Ende Junii 1529 anzusetzenden Briefe Rörers (Buchwald, Roth, S. 89 Nr. 228, wegen der Datierung vgl. noch Buchwald, Z. Wittenb. Stadtgesch. S. 61 Nr. 67): Habes hic 2 Sapientiae exemplaria 13 , .... Venatorii II 3 . An eine andere Veröffentlichung des Venatorius, etwa an sein berühmtes Werk De virtute christiana 1529, kann nicht gedacht werden, teils weil Rörer doch nur Erscheinungen des Wittenberger Buchdrucks aufzählt, während De virtute christiana in Nürnberg gedruckt ist, teils wegen der Preisangabe: 2 Exemplare kosteten 3 ; das paßt nicht auf die letztgenannte umfänglichere Schrift, wohl aber auf den Kurzen Unterricht. Also Ende Juni wurde das Büchlein, wie es scheint als Neuigkeit, versandt, Luthers Vorrede dürfte kurz vorher verfaßt sein.

 

Allerdings behauptet v. Dommer, Die ältesten Drucke aus Marburg, S. 29: “für Luthers Vorwort zum Venatorius steht das Jahr 1529 nicht fest”. Aber er kannte den Wittenberger Urdruck vom Jahre 1529 (s. u. A) und die angezogene Briefnotiz Rörers noch nicht; seine beiläufige Anzweiflung des Ursprungsjahres innerhalb der bibliographischen Untersuchung des Odenbachschen Sammelwerkes (s. u. die Bibliographie) ist wohl verständlich, aber nicht zutreffend. Vielmehr ist die herkömmliche Annahme, daß Luthers Vorrede aus dem Jahre 1529 stammt, richtig.

 

 

 

[Seite 72]

 

Sicher hat Luthers Empfehlung dazu beigetragen, daß die kleine Erbauungsschrift des Nürnberger Predigers bei den Evangelischen weite Verbreitung fand. Sogar Spalatin veröffentlichte einen Auszug daraus, aber ohne Luthers Vorwort, der mehrfach gedruckt1 wurde, einzeln wohl nur in der folgenden Ausgabe:

 

 

 

δ “Troestung ynn || tods noeten, des meh-||rern teils aus Thome Venatorij || buechlein, durch Georgium || Spalatinum gezogen . || ... 1531.” Titelrückseite bedruckt. 10 Blätter in Oktav. Am Ende: “Gedruckt yn der Churfuerstlichen Stad || Zwickaw, durch Wolffgang Mey-||erbegk. ym iar 1531.”

Vorhanden in Zwickau.

Mehrfach ist dagegen Venatorius in dieser Form in Sammelwerke eingegangen, vgl. außer den späteren Ausgaben von Johann Odenbchs “Trostbüchlein für die Sterbenden. An die Hochgeborene Fürstin Frau Elisabeth, Pfaltzgräfin usw.” (s. u. die Drucke GHIKL) namentlich:

 

 

 

ε “Ein schoener || Sermon, von || dem Wort, Zeich-||en vnd Sa-||crament. || Nicolaus Amssdorff. || Witeberg. || M. D. XXXIII. ||” Mit Titeleinfassung. 24 Blätter in Oktav. Letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wittemberg || durch Georgen Rhaw. ||” Hier unsre Schrift Bl. B 3a ff.

Vorhanden in Zwickau.

 

ζ “Ein schoe-||ner Sermon, || von dem Wort, Zei-||chen vnd Sa-||crament. || Nico. Amsdorff || Wittemberg. || M. D. XXXV. ||” Mit Titeleinfassung. 32 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wittem-|| berg durch Georgen || Rhaw.” Hierin unsre Schrift Bl. B7 aff.

Vorhanden in Zeitz (St. Michael), Zwickau.

Das eben genannte Sammelwerk Johann Odenbachs ist auch an der Verbreitung von Luthers Vorrede stark beteiligt. Diese erscheint hier gelegentlich kombiniert mit Spalatins Auszug aus Venatorius, gelegentlich durch andere Bestandteile der Sammlung weit von ihrem Texte getrennt. Nur wenige Ausgaben des Odenbach enthalten beides, Luthers Vorrede und Venatorius nicht, nämlich die folgenden:

 

 

 

η “Eiñ trostbuch-||lin fur die sterbēden, an die || hochgeborne Christliche Fuerstin Frau-|| we Elizabeth Pfaltzgraffin bey Rhein || Hertzogin yn Beyern, Graffin zu Vel- || dentz, Landtgraffin zu Hessen, durch || Johan̄ Odenbach predicanten zu Mo || scheln vnter Landßberg, aus hei||liger Goettlicher Schrifft || auffs kurtzst vnd trost-||lichst zu gericht. || M. D. XXX. ||” Titelrückseite bedruckt. 24 Blätter in Oktav, die drei letzten Seiten leer, am Ende: “Getruckt zu Marpurg. || M. D. XXX. ||”

Druck von Franciscus Rhode.

Vorhanden in Dresden.

 

θ “Eyn trost büch-||lein für die Sterbenden, || an die hochgeborne Crist||liche fürstin frauwe Elizabeth || Pfaltzgraeffin bey Rhein Hertz||ogin in Beyern graeffin zů Vel-||dentz Landtgraeffin zů Hessen || durch Johan̄ Odenbach

 

 

 

[Seite 73]

 

Predi-||cantē zů Moscheln vnd’ Landß||berg auß heyliger Goettlicher|| schrifft auffs kürtzst vn̄trost||lichst zů gericht. Anno. || M D XXX. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 16 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “¶ Getruckt zů Straßburg bey Hans || Preyßen. Jm jar. 1530. ||”

Vorhanden in Fürstenau im Odenwald.

 

ι “Ein trostbuechlein || für die Sterbendē, durch || Johan̄ Odenbach Pre-|| dicantē zů moscheln vn-||der Landßberg auß hei-||liger Goetlicher schrifft|| auffs kürtzst vnnd || trostlichst zů || gericht. || M D XXXII. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 16 Blätter in Oktav, letzte Seite leer, am Ende: “Getruckt zů Sraßburg [so] bey Hans || Preyßen. Jm jar. M. D. xxxij. ||”

Vorhanden in Basel.

 

Χ “Ein Trostbuechlein || für die Sterbenden, durch || Johan̄ Odenbach, Predican- ||ten zů Moscheln, vnd’ Land||sperg, auß heyliger Goettli-||cher Schrifft, auffs || kürtzst vnd trost-||lichest zů-||gericht. || * || ¶ Getruckt zů Straßburg, bey || Jacob Froelich. Jm Jar, || M. D. XLVI. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 24 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer, am Ende: “Getruckt zů Strasz-||burg, bey Jacob Froelich, || Jm Jar, M. D. XLVI. ||”

Vorhanden in Bamberg.

Wir geben nun die Reihe der Ausgaben, die Luthers Vorrede enthalten, in ihrer zeitlichen Folge. Voran stehen die Einzeldrucke.

 

 

 

Aa “Ein kurtz vn||terricht den Ster-||benden menschen || gantz troestlich vnd selig-||lich furzuhalten an yh||rem letzten ende, || mit einer Vorre||de D. Mart. || Luther. || Wittembeg. [so] || 1529. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 12 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt durch Jo-||seph Klugk. ||”

Bl. A2b Z. 4 “vnnuetzen”; Z. 22/23 “dem es offenbar ist, das alle Papisten || auff einen hauffen, mit alle yhrer ||”; A3a 17 “buchlim”.

Vorhanden in Dresden, Gotha.

 

Ab wie Aa, nur Z. 10 des Titels “Wittemberg”, A2b 4 “vnnutzen”.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin, Gotha, Rostock, Wittenberg L., Wolfenbüttel (2 Ex., das eine unvollständig), Zwickau.

 

Ac wie Ab, doch A2b 4 “vnnuetzen”; 22/23 “dem es offenbar ist, das alle Papi-||sten auff einen hauffen, mit alle yhrer ||”; A3a 17 “buchlin”. Jm Jnnern neuer Satz.

Vorhanden in Eisleben (Andreasturmbibl.), Zwickau.

 

B “Ein Kurtz vnter||richt den Sterbendenn || menschen gantz troestlich vn̄ se||liglich fürzůhalten an jrem letz || ten ende, mit einer Vorre||de D. Mart. Luth. || Wittemberg. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 8 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zů Nuerenberg || durch Hans Stuechssen. ||”

Vorhanden in Berlin (Luth. 5502, 1), München H. und U., Nürnberg GM., Sommershausen, Wittenberg, Zürich St. — Vgl. Weller Nr. 1646 und 1647.

 

 

 

[Seite 74]

 

C “Ein kurtzer vnderricht || den sterbendē menschen, gantz || troestlich vnd seligklich für zů halten || an irem letsten ende. || Mitt einer Vorrede D. Martin Luthers || in welcher er diß buechlin || hoch lobt. || M. D. xxix. ||” Titelrückseite bedruckt. 8 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer.

Druck von Andreas Cratander in Basel. — Vorhanden in Basel (2).

 

D “Ein Troest-||büchlin fur die || sterbenden. || An die Hochgeborne || Fuerstin, Fraw Elizabeth, Pfaltz-||grefin bey Rhein, Hertzogin jn || Beiern, Greffin zu Vel-||dentz, Landgreuin || zu Hessen. || Wittemberg. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 32 Blätter in Oktav, das 20. fälschlich “Oiiij” gezeichnet.

Druck von Georg Rhaw zwischen 1529 und 1535. Als Herausgeber nennt sich Johan. Odenbach in der Widmung. Unsre Schrift auf Bl. C6b bis C8b beginnt: “Ein ander vn-||terricht, den Sterben-||den menschen gantz troestlich vnd || seliglich furzuhalten ... mit einer Vor-||rhede D. Mart. || Luthers. ||”1

Vorhanden in Hamburg, Nürnberg GM, Wernigerode.

 

E “Ein Trost-||buchlin fur die || sterbenden. || An die Hochgeborne Fuer-||stin, Fraw Elizabet, Pfaltzgref-||fin bey Rhein, Hertzogin jnn || Beiern, Greffin zu Vel-||dentz, Landgreuin || zu Hessen. || Wittemberg. ||” Mit Titeleinfassung. 48 Blätter in Oktav, letzte Seite leer.

Druck von Georg Rhaw. Unsre Shrift auf Bl. C6b bis D8b, am Ende von Luthers Vorrede Holzschnittleiste mit den Köpfen Karls V. und Kurfürst Johann Friedrichs, so daß E frühestens im August 1532 gedruckt ist.

Vorhanden in Zwickau.

 

F “Ein Trost-||Büchlin fur die || sterbenden. || An die Hochgeborne || Fuerstin, Fraw Elizabet, Pfaltz- || greffin bey Rhein, Hertzogin jnn || Beiern, Greffin zu Vel-||dentz, Landgreffin || zu Hessen. || Wittemberg. || 1535 ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 48 Blätter in Oktav.

Druck von Georg Rhaw. Unsre Schrift auf Bl. C6b bis D8b.

Vorhanden in Berlin (Cx 92, 2), Danzig St., Königsberg U., Münschen H., Nürnberg St., Weimar, Zeitz, Zwickau (2); Bibliotheca Lindesiana.

 

G “Ein Trost-||Büchlin fur die || Sterbenden. || An die Hochgeborne || Fuerstin, Fraw Elizabet, Pfaltz-||greffin bei Rhein, Hertzogin jnn || Beiern, Greffin zu Vel-||dentz, Landgreffin || zu Hessen. || Wittenberg. || 1537 ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 88 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wittem-||berg durch Georgen || Rhaw. ||”

Luthers Vorrede auf Bl. D6b bis D8b, Venatorius in Spalatins Auszug Bl. I3a bis I7b.

Vorhanden in Berlin (Es 1362).

 

H “Ein Trost||Büchlin fur die || Sterbenden. || An die hochgebor-||ne Fuerstin, Fraw Elizabet, || Pfaltzgreffin bey Rhein, Her-||tzogin jnn Beiern, Greffin || zu Veldentz, Landgref-||fin zu Hessen. || Wittemberg. || 1538. ||” Mit Titeleinfassung. 96 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wittem-||berg durch Georgen || Rhaw. ||”

Luthers Vorrede Bl. D6b bis D8b, aus Venatorius nur Spalatins Auszug Bl. I3a bis I7b.

Vorhanden in Fürstenau im Odenwald.

 

 

 

[Seite 75]

 

I “[rot] Eyn Trostbuech-||[schwarz]lein fuer die ster-||benden. || [r.] An die Hochgeborne Fuer-||stin, Fraw Elizabet, Pfaltzgrefin || [schw.] bey Rhein, Hertzogin in Beyern, || Grefin zů Veldentz, Land-||grefin zů Hessen. || [r.] 1541. ||” Titelrückseite leer. 72 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer. Am Ende: “Getruckt zů Franckfurt am || Meyn, bei Cyriaco Ja-||cobi zům Bart. || M. D. xlj. ||”

Luthers Vorrede auf Bl. C6b bis C8a, Venatorius in Spalatins Auszug Bl. G1b bis G4b.

Vorhanden in Berlin (Es 1364). — Vgl. Rotermund, Fortsetzung zu Jöcher 5, 926 (1816).

 

K “Ein Trost || Büchlin fur die || Sterbenden. || An die hochgebor-||ne Fuerstin, Fraw Elisabet, || Pfaltzgreffin bey Rhein, Her-||tzogin jnn Beiern, Greffin|| zu Veldentz, Landgref-||fin zu Hessen. || Wittemberg. || 1542 ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 96 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zu Wittem-||berg durch Georgen || Rhaw. ||”

Luthers Vorrede Bl. D 6b bis D 8b, aus Venatorius nur Spalatins Auszug Bl. I3a bis I 7b.

Vorhanden in Berlin (Es 1365), Nürnberg St., Basel. — Vgl. Rotermund 5, 926.

 

L “Ain Trost- || buechlin, für die || Sterbenden. || An die Hochgepor-||ne Fürstin, fraw Elisa-||beth, Pfaltzgraefin bey || Rein, Hertzogin in Baiern, || Graefin zu Veldentz, Land-||graefin zu Hessen, &c.. || 1543 ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 56 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer.

Wohl ein Augsburger Druck. Odenbach nennt sich in der Vorrede als Herausgeber. Luthers Vorrede Bl. C4b bis C6a, Venatorius in Spalatins Auszug E3b bis E6b.

Vorhanden in München H.

Die nach Luthers Tod erschienenen Ausgaben von Odenbachs Trostbüchlein sind notwendig ohne kritischen Wert für Luthers Vorrede und hier nur kurz zu erwähnen. Es sind:

 

 

 

M “Leipzig, durch Jacobum Berwald, Wonhafftig in der Nickelstrassen. 1552.” Vorhanden in München HSt.

 

N “Gedrueckt zu Nueremberg, durch Georg Merckel. Wonhafft auff dem Newen baw, bey der Kalckhuetten. 1555.”

Vorhanden in Müchen HSt.

 

O “Zürich, bei Christoph Froschauer. 1561.”

Vorhanden in Basel.

 

P “Ein Trost-|| buechlin fur die Ster || benden. || [verzierte Blume] || Jtzundt in diesen gefehr- || lichen zeiten allen fromen || Christen, fehr nuetzlich || vnd troestlich || zu le-||sen. ||” Mit Titeleinfassung, 32 Blätter in Oktav, darauf neuer Titel: “Ein ander vn-||terricht, den Sterbenden || Menschen, gantz troestlich || vnd seliglich fuerzuhal-||ten, anjrem letz-||ten ende. || [verzierte Blume] || Mit einer Vorrede, || D. Mart. Luth. ||  ||” 24 Blätter in Oktav.

Vorhanden in München U.

 

Q Eine Ausgabe von Odenbachs Trostbüchlein, die nach Rotermunds Fortsetzung und Ergänzungen zu Jöcher 5, 926 (1816) Paulus von Rode in Leipzig 1739 besorgt haben soll, scheint verschollen zu sein. Nicht bei Heinsius, Allg. Buecherlexikon 1700 –1810 (1812).

 

 

 

[Seite 76]

 

Handschriften.

 

 

a Die Jenaer Handschrift Bos. q. 24s. ein Sammelband von Abschriften Lutherscher Briefe, Gutachten, Vorreden usw. von verschiedenen Händen des 16. Jahrhunderts aus dem Nachlaß Rörers († 1557), enthält auf der Rückseite des Titelblatts und dem folgenden noch ungezählten, Blatte die “Vorrede D. M. L. vber das Büchlin Thomä Venatorii, Vnterricht den sterbenden «Menschen gantz trostlich»”, die drei letzten Worte nachträglich über der Zeile. 3 Seiten in Quart.

 

b Dieselbe Handschrift enthält auf Bl. 237a, 237b und 238c von einer zweiten alten Hand die Abschrift nochmals, am Rande ist nachträglich die Überschrift beigefügt: “Vorrede D. M. L. auff den kurtzen Vnterricht Tho. Venatorii sterbenden Menschen gantz tröstlich furzuhalten an irem letzten ende 1529.” 3 Seiten in Quart.

Von den Gesamtausgaben der Werke Luthers enthält die Vorrede: Eisleben 1 (1564), 481b –482a; Altenburg 4, 703 –704; Leipzig 22, Anhang 94 –95; Walch 14, 264 –266; Walch2 14, 294 –297; Erlangen 63, 284 –287.

 

Die Abhängigkeit der Drucke voneinander bietet keinerlei Schwierigkeiten. A stimmt mit A 8b 18 kom, B ijb 19 kanstu zu α gegen β, während es die sprachliche Glättung B ijb 22 pein < poen selbständig von β vorgenommen haben kann. Doch springt A sehr frei mit Text und Glossen um, fals es α zur unmittelbaren Vorlage gehabt hat. Nicht immer sind seine Änderungen glücklich, so gleich A iiijb: “Die weil nu nicht Christlich ist, vmb die verstorbnen fast oder vnchristlicher weise traurigkeit zutragen” statt “vntroestlicher”, so daß schwerlich Luther selbst den Text redigiert haben wird, zumal er ja seine Treue gegen den alten Druck betont. Ac meidet die Druckfehler 79, 15/16 vberschwenlichen, 80, 5 buchlim von Aab und ist ein Abdruck der Erstausgabe, die es aufs treuste nachzubilden sucht. Offenbar hatte Klug die Auflage von vornherein zu klein bemessen und wollte nachträglich möglichst vielen seiner Käufer die ‘Originalausgabe’ verschaffen. B steht in den acht Fällen, in denen sich Aab und Ac trennen, fünfmal zu, dreimal gegen Ac, so daß es ein Nachdruck von diesem sein wird. C teilt mit B alle dessen Sonderlesarten, so 79, 7 gnadenreiche, 79, 13 schendtlichen, 79, 22 aller und entfernt sich mit 79, 4.6 verdurb über B hinaus von Ac, so daß es Vorlage keines andern Druckes sein kann.

 

DEFGHK sind sechs bei Rhaw rasch aufeinanderfolgende rechtmäßige Auflagen von Odenbachs Trostbüchlein. D teilt nur zufällig mit BC einige naheliegende Sonderlesarten wie 79, 16 behuete, geht aber in allem Wesentlichen, z. B. 79, 7 gnadreichen, 79, 13 schedlichen mit A gegen BC. In den ach Kleinigkeiten, die Ab von Ac trennen, geht D fünfmal mit Ab, dreimal mit Ac, so daß es Abdruck von Ab sein wird. E stimmt mit 80, 6 wuste aufs nächste zu D und nur zu diesem, geht mit 79, 10 darein, 80, 14 Christenlichen weiter von Ab ab als dieses und ist damit Vorlage keines andern. F stimmt mit 79, 9 solchen zu D, entfernt sich mit 79, 7 gnadenreichen, 80, 13 liebe weiter als dieses von Ab. G teilt die markanten Lesarten von F 79, 7 gnadenreichen, 80, 13 liebe und entfernt sich mit 80, 14 auch fehlt über F hinaus von D.

 

 

 

[Seite 77]

 

H geht in dieser mit G, entfernt sich mit 79, 13 buechern wieter von F als G. Diese einzige charakteristische Lesart von H teilt K mit ihm. K ist ein seiten-, meist auch zeilentreuer Abdruck von H und unterscheidet sich von ihm fast nur durch 79, 12 jtz, 79, 15 schir, 79, 17 buechlin. Das Zusammentreffen von HK mit BC 79, 22 aller, C 80, 10 klueglin ist ein naheliegender Zufall.

 

Erst spät hat sich der Nachdruck Odenbachs bemächtigt, ein guter Raub scheint er nicht gewesen zu sein. I teilt 79, 13 buechern mit HK, ist notorisch älter als K, entfernt sich mit 80, 4 nichts weiter von G als H, ist also Nachdruck von H. L stimmt in 79, 13 buechern, 80, 10 kluëglin, 80, 14 auch fehlt zu HIK; I wird als Vorlage ausgeschlossen durch 80, 4 nit, zwischen H und K ist keine sichere Entscheidung möglich, doch spricht die chronoligische Wahrscheinlichkeit für K.

 

Demnach stammen L aus K, I und K aus H, H aus G, G aus F, E und F aus D, C aus B, B aus Ac, Ac und D aus Ab, alle aber mittelbar oder unmittelbar aus Aa.

 

Die Unterschiede zwischen den Drucken sind zu gering, um die Handschriften mit Sicherheit in ihren Stammbaum einzuorden. Sicher ist, daß a und b Abschriften aus Drucken sind, nicht ihrerseits als Vorlage von Drucken kritischen Wert beanspruchen können.

 

Wir geben demnach den Text der Vorrede nach Aa und verzeichnen darunter die Abweichungen der Drucke B bis L und der Handschriften ab, soweit sie sich nicht zusammenfassend hier charakterisieren lassen.

 

In den jüngeren Drucken erscheint das Gebiet des Umlauts mannigfach erweitert, selten eingeschränkt. Bezeichnung des Umlauts führen ein: in widersaecher 79, 17, C, glaeuben 79, 24 I; woellen u. s. F. (5) BCDEFGHIK (6) L, (zů)stoeren u. s. F. (2) BCDEFGHIKL, koennen 80, 17, koerblin 79, 9 CDEFGHIKL, koempt 80, 10 E; für (2) FGHK (3) L (4) BCI, stueck(en) (1) B (2) DEFGHIK, druemb (1) F, daruemb (1) HK (2) DE, natuerliche 80, 8/9, stürtzen 80, 22 BCDEFGHIKL, jünger 79, 3 CDE FGHIKL, vnnuetzen 79, 13 AcCDEFGHIKL, fünff (2) BCFGHIKL, druecken u. s. F. (2), drueber 80, 10 DEFGHIK wuenderlich 79, 8 FGHK, übrig u. s. F. (2), über (1) C; buecher (3) BCDEFGIL (2) HK, buechlein (-lin) (5), muessen 79, 19 BCDEFGHIKL, vberkluegen 80, 8 DEFGHIK, ueben 80, 15 C. Bezeichnung des Umlauts beseitigen in Formen von boss (2) Ac, nutzlich 79, 11 AcBCL, vnnutzem 79, 11 AcB, abenteurliche 80, 22, glauben 79, 24 BCL, schlafft 80, 21, stuck 80, 16 CL.

 

Jm Gebiet des übrigen Vokalismus gehen die verschiedenen Drucke weiter auseinander. ai für altes ei führt nur L ein in ain u. s. F. (7), kain 79, 20, klain 79, 23, hailig u. s. F. (5), -hait, -kait (6), laider 79, 12, -gaister- (3), aigen 80, 1, maister 80, 10, baide 80, 13. — A hat altes uo und u nicht geschieden, schreibt vielmehr zwanzigmal u in gut u. s. F. (5), zu (8), thun (2), klug u. s. F. (2), buche 80, 3, sucht (2). Eine Scheidung streben BCIL an, und zwar setzt B 15 ů in gůt, zů, thůn ein, läßt aber 5 falsche u stehen. C ersetzt 18 falsche u durch ů, 2 zu- durch zer-. I läßt 1 gut, 1 klug, 7 zu, L die 8 zu stehen, im übrigen setzen beide ů ein. — Dieselben vier Drucke regulieren die Scheidung von i und ie: A hat falsches i in itzt (2), falsches ie in Formen

 

 

 

[Seite 78]

 

von dies (2) und viel 80, 19. BC berichtigen alle 5 Fälle, I übersieht den letzten, L berichtigt alle, führt aber darüber hinaus y ein in sy (7). — Unbetontes e wird ganz selten zugesetzt (s. die Lesarten), dagegen von BCFGHIKL gern beseitigt, inlautend in vbrig 79, 7 FGHIKL, verderbte 80, 8, beraubte 80, 9 CL, lestrer 80, 11 C; viel öfter auslautend: (ich) hab (2) B (3) CL, leer (2) D (1) L, boeß (1) DI, poeß (2) L, gern 80, 1 BCL, buch (bůch) dat. sing. 80, 3 BCFGIL, je einmal in vorred, maß, sein, stuck, griff, eer CL, speiß, recht, wer, wüst, nem̄, freünd C, nam (4), woell (3), all (2) C, ebenteurlich 80, 22 GHK, kirch 80, 22 L.

 

Zum Konsonantismus sind nur drei Arten von Änderungen zu erwähnen, Einsetzung von Fortis statt Lenis, Vereinfachung von dd und Beseitigung des graphischen h. Gern wird ß statt s eingesetzt: hieß 79, 3, diß u. s. F. (6) BCIL, weißheyt 79, 16, auß (vß) 79, 18 BCI, speiß 79, 7 C, boeß (1) I (2) C. L Führt ss ein in dass (3), dess (1), poess (2). Tenuis statt Media setzen ein in trucken u. s. F. (3) CL, in procken (2), poes u. s. F. (3) L, Media statt Tenius in doll u. s. F. (4) L. dd bietet A in widdersacher 79, 17, widder 79, 25, odder (3); suddeler 80, 11. Es wird von BCGIL stets vereinfacht, von D in oder 79, 12, widersacher 79, 17, von HK hier und in sudeler, von F stets außer in suddeler. Dehnungs-h der Vorlage beseitigen stets außer in thun (thůn) (2) BCL, in jm (3) FGH (2) I (1) K, jre (r) (4) FG (2) HK (3) I. Silbentrennendes h beseitigen BCL stets, wo es nur graphische Bedeutung hat, also in Formen von gehen (2), stehen (3) und in ehe 79, 18; wo es historisch berechtigt ist, in geschehen 80, 11 und sehen 80, 21 bleibt es: der Nürnberger, Baseler und Augsburger Drucker haben dieses h von dem vorigen unterschieden, es also noch gehört.

 

Jm Gebiet der Wortformen ist die einzige durchgreifende Änderung, daß das Suffix -lin zu -lein wird, einmal in CK, zweimal in FGH, sechsmal in B. Außerdem gestatten sich nur die oberdeutschen Nachdrucke ein paar Abweichungen: sondern > sonder (1) B (5) L, > sunder (5) C, nicht > nit (5) C (13) L, auff > vff (2) C, denn > dann (7), wenn > wann (4) L.

 

Die beiden Handschriften gehen in sprachlichen Dingen gelegentlich eigene Wege.

 

Bezeichnung des Umlauts führen ein in wöllen u. s. F. (3) a (4) b, können 80, 17, zustören 80, 23 ab, sölcher u. s. F. (3), körblin 79, 9 b; Jünger 79, 3, vnnützen 79, 13, drücken 79, 17, natürliche 80, 8.9, drüber 80, 10, stücken 80, 20 ab, für (2) a (3) b, gedrückt 80, 7 a, wünderlich 79, 8, stürtzen 80, 22 b; büchern (3), büchlin (5), müssen 79, 19 ab, vberklügen 80, 8, sücht 80, 17 a. Bezeichnung des Umlauts unterläßt a in abentheurliche 80, 22, glauben 79, 24, vermogen 79, 22. — Unbetontes e beseitigt a in vbrig 79, 7, speis 79, 7, b in stück 80, 16. — dd vereinfachen ab in oder (3), a in widersacher 79, 17. — Dehnungs-h beseitigen ab in im (3), ir (2), irer (2). — Die einzige Abweichung im Gebiete der Wortformen ist Sondern > sonder (2) a.

 

Vgl. noch Köstlin-Kawerau, M. Luther5 II, 158. 644. Kolde in den Beiträgen zur bayer. Kirchengesch. Bd. 13, S. 115 ff.

 

 

 

[Seite 79]

 

Vorrhede Marti. Luther.

 

1529

 Christus unser Herr, da er funff tausent man mit funff gersten  brod gespeiset hatte, hies er seine iunger die ubrigen brocken  [Joh. 6, 12] samlen das nichts umbkeme, Johan. 6. Dem selbigen befelh  nach hab ich auch wollen dis buchlin auff heben, das nicht  umbkeme. Welchs freylich auch der guten brocken eine ist, so  uberig ist von der gnadreichen speise des heiligen Euangelij, damit Gott der  Vater aller gnaden und barmhertzigkeit itzt die wellt so reichlich und wunderlich  speiset. Und habe zu solcher brocken dis korblin geflochten, nemlich diese vorrede,  darinn es gefasset und behalten wurde.

 

Und ist sein auch wol werd, Denn es ein nuetzlich buchlin ist, das nicht  mit narren werck odder unnuetzem geschwetz umbgehet, wie itzt leider der  unnutzen schedlichen bucher und schreiber die wellt vol ist, sondern von der  rechten notsachen und heubtstuecke handelt, welche die Schwermergeister und  tollen heiligen schier gar vertunkelt haben mit yhrer grossen uberschwenglichen  weisheit und klugheit, da uns Gott fur behuete.

 

Denn es haben auch unser widdersacher dis buchlin selbst lassen drucken  und ausgebreit ehe denn wir1, damit sie bekennen, das freilich nichts boeses,  sondern eitel guts drinnen sey, das sie selbs loben und ehren mussen. Nu  ist ia kein Papistissche lere, sondern die rechte Lutherissche (wie sie es nennen)  drinne. Nach dem2 es offenbar ist, das alle Papisten auff einen hauffen  mit alle yhrer kunst nicht vermoegen ein solchs buchlin zu machen, es sey wie  klein es wolle, Denn sie haben solchen verstand nicht.

 

Und wil wol gleuben: wo mein name odder sonst ein bekanter Lutherisscher  name drauff gestanden were, sie hettens widder gedruckt noch gelesen,

 

 

 

[Seite 79]

 

[ 2 do L        gerstin L 3 brodt B brot CGHIK prot L Brod über der Zeile b        hatte] het B hett CL 4 umbkeme] verdurb C        Joan. vj. C Jo. 6. F Joha. 6. G fehlt a        befelch BC befehl EGHKa 6 umbkeme] verdurb C 7 gnadenreiche BC gnadenreichen FGHIKLa heiligen über der Zeile a 8 genaden B 9 solchen DEFGHIKL 9/10 vorrhede DE Vorrhede FGHK 10 darein E        wuerde BDEFGHIK wirt C würde ab 11 werdt CIL        ist nicht b 12 vnnuetzen I        jtz K 13 schendlichen B schendlichen C schaedlichen I schoedlichen L        buechern HIKL 14 heubtstucke Ac haubtstucke B haubtstuckē C haeubt stuecke I hauptstuck L        Schwermergeister und fehlt C 15 schir K        verdunckelt C 15/16 vberschwenlichen Aab überschwencklichē C vberschwencklichen L 16 fur] vor CL        behuete BCDEF GHIK behuet L behüte ab 17 selbs BCLa 18 ausgebreit Ac vß gebreit C außgebraitt L        freylich Aca 19 gutes ab        darinnen L        selbst E        Nun BCL 20 ists, verbessert in ist a        Papistische ab        Lutherische ab 21 darinnen L 22 aller BCHIKL        solichs B sollichs C        sein I 23 verstandt C 24 wa CL        sunst C        bekandter b 24 /25 Lutherischer ab 25 darauff BC darauf L        hetten es L        weder CFGHIKLab]

 

 

 

[Seite 80]

 wie denn offtmals sie auch meine eigen bucher gelobt und gerne gelesen  haben, wenn mein name davon gerissen ist.1 Also ein boess ding ist mein  name: wenn er auff eim buche stehet, so ists boese, es sey wie gut es wolle,  Wenn er nicht drauff stehet, so ists gut, es sey wie boese es wolle.

 

Jch habe auch gar nichts zu diesem buchlin thun nocht endern wollen  (welchs ich auch nicht wol wueste zuthun), Sondern hab es lassen ynn seiner  masse und gestallt gantz und gar bleiben, wie ichs gedruckt bekomen habe, auff  das ichs nicht etwa verderbete und mit meinem uberklugen yhm seine naturliche  krafft und safft neme odder den geschmack beraubete, wie gemeiniglich  guten buchern geschicht, wenn meister kluegling druber kompt, wie denn meinem  newen Testament auch geschehen ist, das der lesterer und suddeler ynn Meissen  fur das seine hat aus lassen gehen.2

 

Bitte der halben alle lieben freunde, beide prediger und hoerer, wolten  sich auch also vleissigen und dis heubtstueck der Christlichen lere, nemlich den  glauben, helffen treiben und uben. Denn die tollen heiligen, Papisten und  Rotten geister, verstehen warlich nicht, was dis stuecke ist, drumb treiben sie  es auch nicht, konnen auch nicht. Und der teuffel sucht durch alle yhr tolle  heiligkeit und geisterey nicht schlecht3 yhr tolle heiligkeit auff zurichten, sondern  viel mehr dis heubtstuck, das yhm den kopff zutritt und sein reich zustoret,  zu vertilgen. Es ligt yhm fur war an andern stucken nicht so hart. Darumb  lasst uns wacker sein und fur sehen. Er schlefft nicht, Er sucht und treibt  ebenteurliche griffe, den glauben und damit die rechte kirche zu sturtzen und  zustoren. Christus unser Herr sey mit uns und verlasse uns nicht. Welchem  sey lob, ehre und danck ynn ewigkeit, AMEN.

 

 

 

[ 1 bueche || er E 2 daruō C        bös ab 3 auff ein buch a        ainem L        ist es poeß L        gute a 4 nicht] nichts I        druff C darauf IL        ist es L 5 buchlim Aab        aenndern L 6 wuste DE wußte L        habe a        in ab 7 gastalt B        beleiben L        überkummen C bekommen verbessert in bekommen b 8 etwan C 9 gemainklich L 10 beschicht C        klueglin CHIKL        darueber BCL        kombt BL kumpt C 11 neüwen C        ist über der Zeile b        sudler BCL 12 aus fehlt BC        am Rande: Hieronymus Emser a 13 liebe FGHIKL        beide über der Zeile a 14 auch fehlt GHIKL        haubtstueck B haubtstuck Ca Haeuptstuecke I hauptstuck L        Christenliche E 16 darumb BCLb daruemb E drümb a 17 künnen BC        jre CFGHIL yhre D jhre EK 18 gesterey E        jre FGHIKL 19 haubtstueck B haubtstuck Ca heubtstueck DEFGHK Haeuptstueck I hauptstuck L heubtstück b        zertrit C zertritt L        zerstoeret CL zurstöret ab 20 mir im a 21 schlaefft l        teybt B 22 abenteurlich I        vn̄ die rechte kirch damit C 23 zů zerstoerē C]

 

 

 

[Seite 81]

 

Vom Kriege wider die Türken.

 

[Einleitung]

 

[Seite 81]

 

Seit Jahrhunderten war das deutsche Volk daran gewöhnt, aus dem fernen Osten schreckliche Feinde kommen zu sehen. Die Ungarn hatte einst Otto I. durch den Sieg auf dem Lechfelde zurückgeschlagen; dann waren sie selbst Christen geworden und schienen nun im Osten ein festes Bollwerk zu sein. Dann hatten die Mongolen das Reich gefährdet. Und neuerdings waren immer drohender die “Ungläubigen” angestürmt, gegen die die Christenheit einst zum Angriffskriege ausgezogen, die aber jetzt längst ihrerseits Angreifer geworden, die Türken.

 

Seit der Eroberung Konstantinopels hatten sie nach wohlerwogenem Plan ein Gebiet nach dem andern im Südosten Europas sich zu Füßen gelegt; Serbien, Bosnien, Albanien waren schon in ihrer Gewalt. Wohl hatte unter Bajesid II. der stete Siegeszug eine Zeitlang stillgestanden, aber nur um unter Selim I. aufs neue zu beginnen, um so heftiger, seit diesen nach der Eroberung Ägyptens (1517) die Würde des Khalifen zierte, die Krieg und Sieg für Allah ihm zur heiligsten Aufgabe machte. Mit Recht bebte man bei dem Gedanken, daß er, nachdem er im Orient Triumphe über Triumphe gefeiert, nun nach Westen vordringen würde; da starb er plötzlich im Jahre 1520. Aber vergebens war die Hoffnung, daß sein Nachfolger Soliman II., dem der Ruf eines Weichlings vorherging, zufrieden mit dem Erbe seiner Väter nicht weiter auf Eroberungen sinnen würde. Nicht umsonst trägt er in der Geschichte den Beinamen: der Prächtige. Von Franz I. von Frankreich noch gegen den mit den Habsburgern verschwägerten König Ludwig II. von Böhmen und Ungarn aufgehetzt, drang er unverzüglich in dessen Gebiet ein, eroberte 1521 Belgrad, besiegte Ludwig, der 1526 bei Mohacz fiel, und hatte nun freien Zug auf Wien.

 

Zwar wandte er zunächst, nachdem er die Hauptstadt des ungarischen Reiches in Flammen hatte aufgehen lassen, sich zurück. Aber jeder Einsichtige wußte, daß er das nur tat, seine Kräfte zu neuem entscheidenden Vorgehen zu sammeln; um so mehr, als unter den beiden Bewerbern um die ungarische Krone Johann Zapolya vor Ferdinand von Österreich vor seinen Augen Gnade gefunden hatte, Ferdinand also gewiß sein mußte, daß Soliman alles daran setzen würde, ihn unschädlich zu machen. Durch eine Gesandtschaft suchte er den drohenden Sturm zu beschwichtigen; zwei kaiserliche Räte ordnete er ab nach Konstantinopel, “Frieden und gute Nachbarschaft” anzubieten. Sie erhielten den bedeutsamen Bescheid, der Großherr gedenke nächstens in Person bei dem König in Österreich einzutreffen. Dann wurden sie gar als Kundschafter von den Venetianern verdächtigt und mehrere Monate in

 

 

 

[Seite 82]

 

Haft gehalten. So währte es lange, bis sie die erschreckende Antwort ihrem Herrn ausrichten konnten, und bange harrte man in Wien und in Deutschland im Sommer 1528 ihrer Rückkehr.

 

So standen die Dinge, als eben um diese Zeit Luther die Feder ansetzte zu seiner ersten Türkenschrift: Vom Kriege wider die Türken.

 

Zahlreiche literarische Erscheinungen hatte die Türkengefahr schon hervorgerufen.1 Einige der ersten, von denen wir wissen, beschäftigen sich mit dem Geschick der Johanniter auf Rhodos. Auch als der Türke schon weit nach Westen vorgedrungen war, war dieses immer noch ein nicht zu unterschätzender Stützpunkt christlicher Macht im Osten. Mehrfach griffen die Türken es an, und mehrfach wurde ihr Ansturm zurückgeschlagen. Ein Kanzler der Rhodiser, Wilhelm Caoursin, beschrieb die siegreiche Verteidigung der Jnsel gegen Muhamed II. vom Mai bis Juli 1480. In Gestalt einer Flugschrift:

 

 

 

“Der vermaledigsten vnfromen Türggē anschläg vnd fürnemen wider die heiligen cristenheit.” (Am Ende: Straßburg, Barth. Kistler. 1502. — Weller, Rep. typ. Nr. 247)

wurde seine “Descriptio obsidionis Rhodii urbis” auch in Deutschland verbreitet. Jm Jahre 1510 ging abermals die Kunde von einem Siege der Rhodiser aus; voll Freude las man die:

 

 

 

“Neüw Mercklich thatt || wider die vngleübigen. || Wie von dem Hochwirgen Fürsten herren Eme||rich Damboyße großmayster zu Rhodis Sant Jo-||hans ordens die Ritterbruder da selbst widder die vn||gleübigen zustreytten abgefertigt gesiget, vnd mitt || sonder gnad gottes treffenlich ere jngelegt habenn” (Ohne Ort und Jahr. — A. a. O. Nr. 621).

Aber wenig mehr als ein Jahrzehnt später war Rhodos gefallen. Und nun erzählte:

 

 

 

“Ain Sendbrief Wie || sych der Turckisch kayßer So grausamlich für || die stat Rodis belegert, vnd gewonnen hat, Vnd || von anfang biß zum end, Auch wie sich die from̄en Her||en vnd Ritter zu Rodis gehalten hond, gar erschrock-||enlich zu leeßen allen ständen der Christenhait. || Außgangen von Venedig. Jm Jar M D XXi.” (Unter der Vorrede: “Actum Jm jar M D XXiij.” — A. a. O. Nr. 2656, vgl. auch 2657 –2664.)

Die zahlreichen Drucke verraten, welchen Schrecken diese Kunde in der Christenheit verbreitete.

 

Und manche andern Nachrichten hatten diesen Schrecken verbreitet. So hörte man schon 1516 aus weitester Ferne, aber bedrohlich genug:

 

 

 

“... alle || geschicht so sich in Leuantt oder gen auff gang der Sū-||nen in Orient zwischen dem grossen Thürcken vn̄ dem || Soldan zu Allchayro vnnd dem Soffi begeben hat. || vnnd verlauffen ist wie sich hienach geschriben findt || ernstlichen . wie der Türck hat mit hörs krafft ein ge-||nōmen ain Stat genant Allepo vnnd ain Stat Da-||masco genant. Vnd darnach die hailig Stat Jheru-||salem mit sampt der aller vorgeschribnen Stet. Landt||schafft vnd zugehörung vnd wie der groß Türck hat || wöllen meß hören in dem

 

 

 

[Seite 83]

 

hailigen Grab zu Jherusalē || vnsers herren Jhesu Christi.” (Ohne Ort und Jahr. — A. a. O. Nr. 1034; vgl. auch 1035.)

Düstere Weissagungen wurden verbreitet, daß gleiches Schicksal wie dem Osten binnen kurzem auch dem Westen bevorstünde; 1518 ging aus:

 

 

 

“Eyn auszug etlicher || Practica vnd Propheceeyn. Sibille. || Brigitte, Cirilli, Joachim des Abts, Methodij, vn̄ bruder Rein-||hartz, wirt weren noch etliche jar, vn̄ sagt vō wunderlichē dingen” (Großes Titelbild. 8 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Ohne Ort und Jahr. Vorhanden in München H.1).

Darin hieß es als Reinhards Offenbarung (auf Bl. B2b), daß bald würde kommen der letzte Türke, ein Nachkomme der Hagar, mit seinen Scharen der Hagarener; die würden

 

 

 

“nit heuser bauen, sunder als wilde leuet durch streychen die grossen wiesteney, wonend in gezelden, und leben von rauben und was in werden mag, und unter den Christen gen der mitternacht und dem nidergang werden sie in yebung des grimß ubertretten alle grausamigkeyt der wilden thirt, und die gutten und senfftmütigen Christen werden von inen verstreut.”

Und aus des Methodius2 Weissagung war hinzugefügt:

 

 

 

“Es ist zukunfftig dz noch einmall die Agareni gesamelt in teuschen landen außgeen von der wuestung und erobern den kreys des erdtrichs im landt des Mondes durch acht Jar lang .. Si werden Stet und Kuenigreych umbkeren, an den heyligen stetten werden sie die prister toedten und bey den weybern schlaffen, auß den kelchen und andern heyligen gefeß werden sie trincken und bey den grebern der heyligen werden sie irt viech thun binden zu schalckheyt den Christen, und darnach werden sie bey Coelen alle erschlagen, und wirt kein christenlicher Fuerst darbey sein, allein der unüberwindlich Furst und Kunig von Hispania ..”

Und in:

 

 

 

“Eyn Dyalogus Do||ctor Joseph Grūenpeck von Burck||hausen: do des Türckischen Kay-||ser Astronimus Disputiert mit || des Egiptischen Soldans obristem radte, ainem || verlaugneten Christen von dem glauben der || Christen vn̄ von dem glauben des Machu-||meten. Nachmals von dē vierundzwein||tzigisten jar, wie es mit dē wassern, krie||gen, Pestilentz, hunger, vnd andern || erschrecklichen plagen gen sol. An || den Großmechtigistē fuersten || herren herren Karolen Roe||mischen Kayser. || Cum gratia et privilegio imperato. ||” (18 Blätter in Quart, letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zue Landßhut, mit Kayserlichen freyhaiten || begnadet vnnd volendet, am zwelfften tag || Februarij, durch Johan̄ Weys||senburger. Anno. 1522. ||” Vorhanden in München H.)

wurde der Wandel der Gestirne, der die Geschicke der Menschen und Völker lenke, als den Türken überaus günstig beschrieben.

 

 

 

[Seite 84]

 

Da war denn auch eine Nachricht geeignet Furcht zu verbreiten, die noch aus der Zeit stammte, da der Fall von Rhodos noch nicht bekannt war, und die nun, nachdem er bekannt geworden, allerlei dunkle halbsichere Angaben machte über eine Gesandtschaft des Türken nach Frankreich, über seine Pläne gegen Jtalien, gegen Ungarn und Österreich:

 

 

 

“Haimliche anschleg || vnnd fürnemung des Türckischen || Kaysers (wan̄ er Rodis eroberte) || wider die Cristen vnd Cristliche || Lender &c.. Vnnd anders mer || durch die gefangen Türckn̄ || so von Moeran gen Goertz || gefurt, Neülich bekant || vnnd geoffenbart || worden &c.. || 1523. ||” (4 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Ohne Ort. Vorhanden in München H.1)

Jmmer wieder erscholl der Ruf gegen den andringenden Feind. Schon 1503 hatte die “Teurliche und lobliche sant Jorgen geselschaft” einen Anschlag eines Türkenzuges ausgehen lassen (Weller, Rep. typ. Nr. 251); 1518 erschien ein eingehender, in zahlreichen Drucken verbreiteter Plan, wie Geistliche und Weltliche Leib und Leben, Hab und Gut einsetzen sollten, wie man leicht ein großes Heer und große Summen aufbringen könne, wenn man nur zusammenhielte und die Fürsten des Reichs nur einig wären:

 

 

 

“Das ist ein anschlag || eins zugs wider die Türcken. Vnd || alle die wider den Christen-||lichen glauben sindt. ||” (4 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Ohne Ort und Jahr. Vorhanden in München H.2)

Jm Jahre 1522 wurde dieser Anschlag erneuert und an die gesamte Christenheit gerichtet:

 

 

 

“Ain anschlag wie man dem Türckē || widerstand thuen mag vnd durch gantz christenhait baide || von gaistlichē vn̄ weltlichē stant geleyche bürde getragē || würde on beschwerniß mit ordenung der müntz gar || schoen zuelesen yetz new gedruckt. An̄o. M.DXXij || [Titelbild] ||” (8 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Ohne Ort. Vorhanden in München H.).

1523 aber ging mit ausdrücklicher Bezugnahme auf den Fall von Rhodos ein seltsamer, gereimter Aufruf aus:

 

 

 

“[rot:] Anzeigung ze eroberen || [schwarz:] die Türchy, vn̄ erloesung der Christenheit. Auch || wie die Jnsel Mahumeta, durch die ordenslüt || deß küngreichs Wolfarie erobert ist. Daby alle || staend Tütscher nation soellen ein vnderwysung || naemen. [rot:] Jn omnem terrā exiuit sonus eorū. || [Eine Reihe Noten] || Sti sūt san cti qui p testamē || to dei sua corpora tradiderūt et in sanguine agni lauerunt stolas || suas. Tradiderūt corpora sua ppter deū ad supplicia & meru. &c.. || [Titelbild] ||” (16 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Ohne Ort und Jahr. Vorhanden in München H.),

eine Legende von einem siegreichen Zug der Ordensleute des aus Eberlin bekannten Königreichs Wolfaria gegen die Türken, den deutschen Ordensleuten zur Nachahmung vorgehalten, daß sie vor allem berufen seien, zum Schutz der Christenheit das Schwert zu ergreifen und so ihres hohen Berufes eingedenk zu sein. Zum Schluß freilich wendet sich die Schrift mit eindringlicher Mahnung an die deutschen Fürsten:

 

 

 

[Seite 85]

 

“Jr fürsten yn dem Roemschen rych,

     Durch got so lond erbarmen üch,

Die groß trübsal teutscher nation,

     Die allenthalben thůt uffston.’

 

 

 

Sie zeigt sich damit den Schriften einiger Humanisten verwandt, die in der Form rhetorischer Leistungen ähnliche Ermahnungen hatten ausgehen lassen. Ende Juni 1518 erschien:

 

 

 

“ORATIO || TRANQVLI PAR || THENII ANDRO||NICI DALMA||TAE CONT||RA THVR||CAS AD G||ERMAN||OS HA || BIT || Ar || ||” (10 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “In officina excusoria Iohannis Miller || Augustae Vindelicorum. Sexto || Kalendas Iunias An-||no salutifero. M. || D. XVIII. ||” Vorhanden in München H.1).

Und mit einem Vorwort an Konrad Peutinger kam im gleichen Jahre, im Druck beendigt am 20. September, heraus:

 

 

 

“RICH-||ARDI BARTOLINI PE-||rusini Oratio, ad Imp. Caes. || Maximilianū Aug. ac po-||tentis. Germania Prin||cipes, de expeditione || contra Turcas su||scipienda. || CVM PRIVILE-||GIO || IMPERIALI. ||” (12 Blätter in Quart. Die letzten drei Seiten leer. Am Ende: “In excusoria Sigismundi Grim̄ Medici, & Marci || Vuirsung officina Augustae Vindelico || Anno salutis. M. D. XVIII. duo-||decimo Kalen̄. Octobres.||” Vorhanden in München H.2)

Neben mutigen Kampfesrufen wurden aber auch Stimmen resignierter Verzagtheit laut, die geradezu anrieten, dem Türken sich zu ergeben, und die von seinem segensreichen Regiment alles mögliche zu rühmen wußten. Wenn man sich ihm nur nicht widersetze, so würde man an ihm einem milden Herrscher finden. Gegen solche feige Ratschläge wandten sich einige Flugschriften, die mit ihren Mitteilungen über die Türken, ihre Grausamkeiten gegen die Besiegten, ihre Falschheit und Hinterlist den Haß gegen den Feind zu schüren trachteten. Schon aus der Zeit vor Rhodos’ Fall stammt das vielgelesene:

 

 

 

“Türckenbiechlin || Ain Nutzlich Gesprech oder || Vnderrede etlicher personen, Zů besserung || Christlicher ordenung vn̄ lebens, || gedichtet. Jn die schweren || leüff diser vnser zeyt || dienstlich. || ¶ Das Türcken büechlin bin ich frey genant || Vnd beger den Christen werden bekant || Domit Sie sich zů besserung keren || Vnd dester bas des Türcken erweren. ||” (22 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “Geendet im Mayen als || man zalt, Nach Christi geburt, || Tausent Fünffhundert || zwayntzig vnnd || zway jar. ||” Vorhanden in München H.3)

Jn Form eines Gesprächs zwischen einem Einsiedler, einem Ungarn, einem Türcken und einem Zigeuner werden hier die politischen Verhältnisse und die ganze Zeitlage, die abzustellenden Mißbräuche, die notwendige Besserung der Sitten und die erforderlichen Maßnahmen durchgesprochen und zum Schluß bis ins einzelne gehende Vorschläge für einem Türkenkrieg gemacht. Der Einsiedler will vor allem dem

 

 

 

[Seite 86]

 

deutschen Volk das Gewissen schärfen, der Ungar politisiert und sagt die Wahrheit über die türkischen Pläne und türkisches Wesen, der Türke aber sucht anfangs für seinen Herrn und seine Volksgenossen Stimmung zu machen und wird darin von dem Zigeuner unterstützt, der auf diese Weise als türkischer Zwischenträger und Spion den Lesern verdächtigt wird. Als der Türke und der Zigeuner der beiden anderen ansichtig werden, will letzterer sie zuerst berauben, aber der Türke belehrt ihn:

 

 

 

“Halt an dich, wir woellen jr verschonen und gůte wort mitteylen, wie mein Keyser, als er das vorder jar Kriechisch weyssenburg belegert, den Christen in gemein hat geben lassen, Nemlich wie sein Maiestat nit komme sie zů verderben, sonder allein jren herren, den Künig von Hungern, als seinen feind zů sůchen. Sein maiestat woelle ja auch alle proviandt, so sie jrem kriegßvolck zů fieren werden, wol bezalen, und fry stracks gleyt zů und ab zů reysen geben. ZJG. Jst das war? Lieber, es befrembdt mich, das sein Maiestat gegen den Christenhundten sich also gnedigklich erzeigt hat. TUR. Laß dich das nit wundern. Dann es ist mit Rat seiner weysen beschehen, domit ein gerůcht under den Cristen leüten erschell und außgebreit werd, wie sein maiestat gegen den Cristen nit so hart und Tyrannisch sey, als bey denen von jme offt gesagt würdet. ZJG. Nun merck ich warumb du disen zweyen guetlich zů sprechen wilt. Jch laß mir es auch gefallen. TUR. Mein herr Keyser hat den Cristen auch lassen zů sagen, wo jre lan-[A 3] de durch jn eroebert werden, woelle er jn fast gůt recht und gemein friden erhalten, statlicher, dann jre Cristliche regenten vil jar bißher gethon, und yeden bey seynem glauben bleiben lassen. ZJG. Vermeinstu auch, ob solche zůsag jnen müge gehalten werden, die weil wir beide wissen, das in den landen unsers Keysers meer nach gunst der gewaltigen und weniger nach gleich und rechter billigkeit geurteylt würdet, dan in keinen Cristenlanden. TUR. Das solt du den Cristen nit sagen. Dann wer voegel fahen will, můß zum ersten nit mit brigeln under sie werffen. Schweig, ich will den zweien weyter zůsprechen. Hoert jr Cristen, wo es eüch geliebt, das wir disen tag under einander sicherung zů sagen, so het mein gesell, der Landtfarer oder Zigeüner, und ich villerley mit eüch zů reden .....”

Unmittelbar vor der Schlacht bei Mohacz warnt vor dem Jrrtum, als ob der Türke gar nicht so schlimm sei, mit ernstlichen Worten eine Flugschrift, die als direktes Zeugnis eines Mannes sich gibt, der türkische Art am eigenen Leibe erfahren, ein:

 

 

 

“Außzug eynes || Briefes, wie eyner so in der Tuer||ckey wonhafft, seynem freuend || in dise land geschriben vnd an-||gezeygt, was das Türckisch re-|| giment vn̄ wesen sey, vnd || wie er es mit den landē || so er erobert, zůhal- ||ten pflegt, kurtz||lich in teuetsch || sprach || ge-||pracht, || nuetzlich di-||ser zeyt zů wissen. || W. D. XXvj. ||” Mit Titeleinfassung. 4 Blätter in Quart. Ohne Ort. Vorhanden in München H.1)

Der Schluß des Briefes ist bezeichnend genug:

 

“Des alles hab ich dir als meynem lieben vettern auff deyn einfeltig beger unanzeygt nit woellen lassen, du wuerst villeycht in kurtz unsers thůns, sol

 

 

 

[Seite 87]

 

anders unsers keysers zug für sich gehn, mer denn jch hie hab anzeygt, wissens empfahen. Gott wolt, das ich mit sicherheyt meyns leybs, meyns weybs und kinder mit der zeyt widerumb in Teuetschland kumen und alda ein Christ sein moecht, es gieng mir gleich am gůt und sunst, wie es moecht, allein das die seel erhalten wurd, Und darumb bitt jch Gott alle tag von hertzen, und gar offt mit grossem weynen, dz er mich auß disem elend woel erledigen, Das hab jch dir nit verhalten woellen, wolt nicht die gantzen welt nemen, das dise meyn prieff in des Türcken hend kemen..... Datum Andernopel am ersten tag des monats Mertzen. Jm M. D. XX vj. jar.”

 

Die unglückliche Schlacht bei Mohacz ließ die Warnrufe nur noch lauter erschallen.1 Bald genug trugen “neue Zeitunge”2 die furchtbare Kunde in alle Lande. Mit Bildern geziert, die die Grausamkeit der Türken den Lesern auch vor Augen führten, ging eine eingehende Beschreibung aus, wie der Feind in dem eroberten Lande gehaust:

 

 

 

“Hernach volgt des Blůt||hundts, der sych nennedt ein Türckischen || Keiser, gethaten, so er vnd die seinen, nach eroberūg || der schlacht, auff den xxviij. tag Augusti nechstuer || gangē geschehē, an vnsern mitbruedern der Vngrischē || lantschafften gātz vnmēschlich tribē hat, vn̄ noch teglichs tůt. || [Holzschnitt] ||” (4 Blätter in Quart, letzte Seite leer; auf der vorletzten Seite ein Holzschnitt. Ohne Ort. Auf S. A3b: “.. Außgangn̄ den . xxx. tag des || Monats Septembris. || ....” Vorhanden in München H.)

Darin heißts: “Er zeucht im land allenthalb hin und wider, dann es ist der merer tayl des Adels in der schlacht bey Künigklicher Maistatt beliben, und yederman erschrocken, verprennen das gemain volck vast. Auch was sye der Jungen weiber und weydlin erwischen, treiben sye jren můttwillen mit, schenckts einer dem andern. Wann sy sych dann dero genueten, so schlahen sy inen die koepf ab, Es kan also yemerlich und ellend nit antzeigt werden, es wirt noch vil hündtischer und thirannischer gehandelt.”

 

Und zum Schluß: “Darauff woelt jr Brueder und Schwestger solichs übel mer dann vihische und Adam menschliche gethaten zů hertzen fassen, und das alles betrachten. Auch unsern seligmacher, erloeser und schoepffer bitten und ansuchen, das er uns sein Goetliche gnad, vertzeyhung unsers übels und sunden, woelle verleyhen, und verner vor dem blůthund verhueten, und uns allen eyn ainigs wesen und frid, den wir zůhaben bedürffen, mittailen. Amen.”

 

Besonders laut und eindringlich erhob der hochbetagte Johann Spießhammer (Cuspinianus) in Wien seine Stimme, der als kaiserlicher Rat häufig auf Gesandtschaften in Ungarn geweilt hatte und dem deshalb das Geschick des unglücklichen Landes besonders zu Herzen ging:

 

 

 

[Seite 88]

 

ORATIO PRO: || TREPTICA IOANNIS CVSPINIANI AD SACRI || Ro. Imp. Principes & proceres, ut bellum suscipiant contra || Turcum cum descriptione conflictus, nuper in Hunga-||ria facti, quo perijt Rex Hungariae LVDOVICVS. || Et qua uia Turcus SOLOMET ad Budam || usq; peruenerit ex Alba graeca, Cum enu||meratione clara dotium, quibus à || natura dotata est Hungaria, || cü insertione multarum || rerū annotatu dignis||simarum. Lege le||ctor & iudi-||ca in quam || miseriā || ho-||die Christia-||nitas est coniecta. || [Vignette] ||” (16 Blütter in Quart. Ohne Jahr. Am Ende: “Excusum Viennae Austriae, per || Ioannem Singrenium. || [Schlußvignette, darin: VNITAS]||” Vorhanden in München H.)

Betend faft schließt Cuspinianus:

 

“Ut possit Christianitas aliquando universa extinctis omnibus et sopitis discordiis Christo Deo Opt. Max. unum constituere ovile, in quo laudetur nomen eius, glorificetur et sincere colatur. Id quod universus populus Christianus pius expetit et desiderat. Ad quod nos iuvet Deus ille trinus, immortalis et immensus, qui suam gratiam divinam nobis celitus ubertim subministret et largiatur, Amen. Sed more nostro hoc claudamus Tetrasticho:

 

Haec si non moveant rationes, ite repente

     Turco ultro dantes oppida, regna, lacus.

Accipite inque domos vestras, nati quoque et uxor

     Serviat aeternum, hoste vidente, nefas.”

 

 

 

Volksdichter und Humanisten vereinigen sich, auch in Lied und Dichterwort das Volk zum Kampfe aufzurufen. Kaspar Ursinus wendet sich an die deutschen Fürsten und mahnt am Ende von Cuspinians “Oratio”

 

“Qualia maiorum cineras Germanaque virtus

     Marsque pater vobis dicere verba velint.

Quales credibile est nequicquam effundere questus

     Plurima Turcaicis oppida capta viris,

Quaeque fuit facies accensae flebilis urbis,

     Quaeque fuit foedae nuper imago fugae...

Parva haec enumerat vobis oratio, sane

     Parva, sed ingenio magna, sed ampla fide.

Haec nisi vos docto succendet buccina cantu.

     Non aliam spes est posse ciere tubam.”

 

 

 

Und Johannes Alexander Brassikanus erinnert die Leser an die alte deutsche Tapferkeit und schließt:

 

“Una atque unica vos moveat πάντολμος νάγκη

     Germani tandem martia corda duces.”1

 

 

 

Das Volkslied aber ermutigte und mahnte:

 

     “Hailigs reich, du bist unverzagt,

der Türk hat dich noch nicht verjagt,

thůt frischlich zammen springen!

kompt uns der Turk wol in das land,

er kann uns nit entrinnen.

     /Got wel wir treulich rufen an,

er wöll uns Christen beistan thon,

daß wir gar frölich fechten;

ain gůt gsell sol beim andern stan,

das türkisch her zů prechen!”1

 

 

 

[Seite 89]

 

So verschiedenartig im einzelnen diese Literatur ist, indem die einen mehr an die sprichwörtliche Kampfesfreudigkeit, den Mut und die Tapferkeit der Deutschen sich wenden, die andern mehr Buße und Umkehr predigend auftreten, in dem einen sind sie sich gleich, sie erwarten alle das Heil von den beiden Häuptern der Christenheit, atmen alle gewissermaßen Kreuzzugsstimmung. Wohl halten sie gelegentlich auch dem Papste und den Geistlichen ihre Sünden vor. So klagt das “Türkenbüchlein”, daß die Päpste nicht immer nach der Lehre der Schrift sich gerichtet hätten:

 

“Es ist layder nit die geringst ursach unserer Christen trübsal, darin wir yetzo steen, hetten die Bepst Christo und Petro, jren rechten vorgeer, nachgevolt, da der ain sagte, Mein reich ist nit von diser welt, Jtem, Gebt dem Kaiser was jm zůgehoert &c.. Der ander, Gold und silber hab ich nit &c.. So stuende das Roemisch reich sambt der Christenhait yetz in besserer beschützung und wolfart, Aber der geytz und zeytliche ere hat jre der lestern Bäpste Conscientz, gewissen und vernunfft hochlich überwunden, dadurch wir yetzo werloß und dem Roemischen Reich etwas ungehorsamb befunden werden.”1 Und Parthenius straft die Sacerdotes:

 

“Ii, quos Salvator suos Christus appellat, qui dii gentium vocantur, qui demum Apostolis successerunt, ut sanctitate vitae omnibus anteirent, quorum partim vestigiis inhaerendo, partim praeceptis obsequendo veram ac immortalem gloriam iam diu nobis praeparatam atque per prophetas pollicitam caetera plebs consequeretur, at hi dumtaxat avaritiae, gulae, invidentiae inhiantes blandissimis ac detestandis illecebris abutuntur.”2

 

Aber sie strafen die Geistlichen nicht anders, als das ganze Volk, denn kurz zuvor rügt Parthenius die Sünden der Christen überhaupt:

 

“Iam ad certissima nostrae ruinae argumenta descendamus: nostra scelera contra nos bellum comparaverunt, nostra scelera, quaeso quid flagitiorum praetermisimus? quibus vitiis non obtemperamus? in quam infamiam non sumus devoluti?”3 Und nicht anders das “Türkenbüchlein”:

 

“Es wirdt auch not sein offentlich zu verbietten, das man sich hinfür etlicher grossen gotschwüere, auch anderer boeser gewonhait, als der Symoney, zůtrinckens, wůchers, der reichen geselschafften, Eebrecherey, Rauberey &c.. Müglichs vleiß enthalte. Dann zů straffen unser sünden lest Got obberierte beschwerung uns begegnen.” Mit hoher Befriedigung wird andrerseits aber auf die Kampfesrufe der Päpste hingewiesen. Richardus Bartholinus mahnt den Kaiser:

 

“Cape gladii ac pilei omen, quae tibi a Leone X. pontifice maximo inpraesentiarum missa sunt: altero enim te armis cuncta superaturum, altero te totius orbis coronam adepturum interpretamur.”4 Und Euspinianus ruft aus:

 

“Tempus est, o principes Imperii et proceres, tempus est, satis est somno datum. Intendit omnes vires ingenii Pius Pontifex in Mantuano conventu,

 

 

 

[Seite 90]

 

dum principes adhortaretur ad sumenda arma contra prophanam et imbellem gentem Asiaticam.”

 

Und wenn im “Türkenbüchlein” auch ein Bewußtsein dafür sich findet, daß die Leitung der Christenheit durch zwei Häupter ihr nicht gerade zuträglich gewesen, wie denn

 

“auch der Haydnisch alt weyß Aristoteles gelert, wie und warumb durch Monarchiam und regierung aines oebersten haupts alweg baß, dann durch zwai oder mer versehung des gemainen nutz geschehen kan”, so ist es doch weit davon entfernt den Papst und seinen Einfluß zu verschmähen. Vielmehr wünscht es, daß er neben dem Kaiser zum Türkenkriege aufruft:

 

“Wie wol mein Rat gering, so acht ich doch nutz sein, das obgemelte heüpter in alle Christenlandt außschriben und gebutten zu Predigen, wie dises fürnemen gegen den Türcken Gott fast gefoellig, allen Christen hoch von noetten, auch wol müglich zů thůn und nützlich sein würde” (Bl. E iiij). Nur ein Aufruf zum Türkenkriege geht früh schon in anderen Bahnen:

 

“VLRICHI || DE HVTTEN EQVITIS GERMANI || ad Principes Germaniae, vt bellum Tur||cis inuehant. Exhortatoria. || Publico Germaniae concilio apud Augustam || Vindelycorum. Anno domini. || M. D. XVIII. || MAXIMILIANO AVSTRIO || IMPERATORE. || CVM PRIVILEGIO IMPERIALI. || (Mit Titeleinfassung. 20 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “In officina excusoria Sigismundi Grim̄ Medici, & Marci || Vuyrsung. Augustȩ. An. M. D. XVIII. ||”)1

 

Hier heißts, oft genug sei das Geschrei vom Türkenkriege ein vom Papst erregter blinder Lärm gewesen. Unter dem Vorwande der Türkengefahr hätten immer wieder die Päpste sich Geld von den Deutschen geholt. Was überhaupt der Papst mit dem Kriege zu tun habe? Frieden zu predigen, nicht Krieg zu führen, habe der Redner bisher für den Beruf des Oberhauptes der Christenheit gehalten, bis er unter Julius II. belehrt worden sei, die Kirche habe an Petri Schlüsseln nicht genug, sondern müsse auch des Schwertes Pauli sich bedienen. Leo X. habe als Friedefürsten sich angekündigt; daß unter ihm nun die Kardinäle einen ausgearbeiteten Kriegsplan in die Welt schickten, sei befremdlich. Als verstünden die Deutschen nichts mehr vom Kriege, sondern müßten bei den ehrwürdigen Vätern sich Rats erholen, denen es besser anstünde für sie zu beten. Hätten sie lieber Geld geschickt, einen Teil dessen, das sie auf ihren maßlosen Hofftaat verwendeten, oder nur etwas von den Summen nachgelassen, die für Pallien und anderes ihnen zu zahlen seien. Aber ausdrücklich solle von Rom zu diesem Kriege nichts gefordert werden; es sei genug, wenn man auch sie nichts fordern lasse und Vorkehr treffe, daß sie nicht, wie sie schon mehr getan, das liebliche Unternehmen störten. Jm Grunde gönnten ja doch diese Römlinge eher den Türken, als den Deutschen einen Zuwachs an Macht. So hätten die Päpste Heinrich IV. und V., so die Hohenstaufen durch ihre Ränke von dem Zug in den Orient zurückzuhalten gesucht. Er ruft aus:

 

 

 

[Seite 91]

 

“Quare, ut libere dicam quod sentio, non minus hoc coepto bello Romam vobis quam Asiam curandam censeo; tantum abest, ut ad reverendissimorum consulta aliquid vos agere velim, a vobis omnia petenda sunt, inter vos capiendum consilium, nec illi insidiis pleni aliunde admittendi consultores!” (Böcking, Hutt. op. V S. 101 ff.).1

 

Ob Luther Huttens Schrift hat kennen gelernt, steht nicht fest; von vornherein ist es anzunehmen. Jedenfalls kann sie eine direkte Vorläuferin unserer Schrift genannt werden. Die Gedanken, die Hutten hier rein politisch ausführt, daß der Kaiser es sei, der seine Deutschen gegen den Feind zu führen habe, das hat Luther in unsrer Schrift religiös begründet und hat zugleich aufs neue die evangelische Anschauung vom Kriege zum Ausdruck gebracht, die er vorher schon in seiner Schrift an Assa von Kram dargelegt hatte: “Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können” (Unsre Ausg. Bd. 19, 616 ff.).

 

Auch einzelne der aufgeführten anderen Türkenschriften scheinen Luther bekannt geworden zu sein, wenn ein zwingender Nachweis dafür sich auch nicht führen läßt. Nicht das spricht dafür, daß mehrfach Ausführungen, wie wir sie in manchen Türkenschriften finden, uns auch bei Luther begegnen, Darlegungen über türkische Art und Sitte, Vorschläge wegen der Kriegsrüstung oder die Mahnung zur Einigkeit. Derartiges lag ja in der Natur der Sache. Aber Luther nimmt auch Bezug auf solche, die des Türken und seines Regiments begehren, und vor allem, er weiß von solchen zu sagen, die ihm Schuld am Türkenkriege gäben und auch diesen eine Frucht des Evangelii hießen. Und derartige Vorwürfe begegnen uns in einigen der genannten Schriften.

 

Die “Anzeigung ze eroberen die Türcky” hebt mit der Klage an, daß so viele Mönche aus den Klöstern liefen, dem Land zur Plage; statt dessen sollten sie lieber sich darauf besinnen ihr Kreuz auf sich zu nehmen und der Christenheit zu dienen:

 

“Die Christenheit ist gar zertraent,

     Ewangelisch sich ein jeder nent,

Und nimpts mit wärcken wenig an,

     Der glaub deß mauls jetzundts als kan.”

 

So wird gleich deutlich genug auf den tieferen Grund des beklagten Zustands hingewiesen. Mehrfach wird dann Luther mit Namen genannt, und der Schluß der Schrift, “An die fürsten im Römschen rych” gerichtet, sieht alles gegenwärtige Elend durch die Luthersche Bewegung heraufgeführt und spricht die Befürchtung aus, daß, wenn man ihr nicht steure, des deutschen Reiches Ende nahe sei:

 

 

 

[Seite 92]

 

“Darumb ir fürsten solten weren

     Und nit ein jeden lassen leren,

Dan der in der gschryfft waer gegründt,

     Die Christus Jesus hat verkündt.

Und das sy all larten glych,

     So wurd der gloub bald meren sych,

Und wurd all irrsal bald vergan,

     Der gloub Christi yn friden stan.

Wo ir aber das nit fürkummen,

     Jst zbsorgen das von eüch waerd gnummen

Der zaepter yn teüschland

     Und gaeben yn ein ander hand,

     Jm alten testament wir deß vyl hand.”

 

 

 

Die Flugschrift:

 

“Ein Sendbrieff dar || jnn angetzeigt wirt vermeinte vr || sach warumb der Türck widder || die Hungern triumphirt vn̄ ob- || gelegen hab. || Antwurt vnd verle ||gung obgemelter vrsach, durch || das rechtgeschaffen wort Gotes || vnd was oder wo dasselbig seye || einem jtzlichen Christen, zuuoran || zu disen getzeiten lustig vnd nutz-||lich zu lesen. || M D. XXVi. ||” (Mit Titeleinfassung. 10 Blätter in Quart, letze Seite leer. Am Ende: “ Gedruckt zu Dreßden durch Wolffgang || Stoeckel. ||”) untersucht in der Einkleidung eines Briefwechsels zwischen Nickel Eigenwillig in Breslau und dem Pfarrer Paul Anderbach in Redletz ausdrücklich die Frage, wer die Schuld an der Niederlage der Ungarn bei Mohacz trage. Eigenwillig sieht darin eine Strafe Gottes dafür, daß das Wort Gottes, so vorlängst unter die Bank gestoßen, durch Luther aber wieder hervorgebracht, aufgegangen und hell und klar an den Tag gegeben sei, von den Deutschen nicht allein verächtlich gehalten werde, sondern auch starken Widerstand dulde. Anderbach aber — und er vertritt die Meinung des Verfassers — erwidert ihm, eine Strafe Gottes sähe auch er in jenem Unglück, aber dafür, daß man den alten, bewährten Glauben verleugnet habe. Durch kein Mittel hätten die Väter, wenn sie uneinig geworden seien, so kräftig zu Einigkeit und Frieden sich treiben lassen, wie wenn man die Religion, christlicher Observanz, und die Satzungen der Alten angerührt und hätte umstoßen wollen:

 

“Nhun seynt wir durch betriglich geschwetz eines leichfertigen menschen, Luthers, gefallen von der Religion und haben von uns geworffen die Christliche observantz, von welcher unsere veeter mit krieges krefften nicht mochten gedrungen werden. Ach der leichfertikeit. Was trost und hoffnung mögen wir haben zu Gotte, unserm herren, des gespons, die kirche, wir so verachten und uns darvoun begeben?.... Dißem nach, glaub ich, das es der Richtsteyg sey und nechst wege, kuenfftigem ubel zu begegnen und abtzuschaffen, so wir hynlegten die zweyspeltikeit in der Religion, liessens bleyben in den zeunen un=[C 4]ser Veeter und ubergingen nicht die Grentz der alten, hetten mißfall und berauten unsere sunde, wendten uns von dem boeßen und kerten uns zu dem gutten, so worde sich Gott auch zu uns begeben, wie er denn verheischen hat...”

 

 

 

[Seite 93]

 

Das “Türckenbiechlin” sprichts [E 4b] als Lehre der Evangelischen aus, die Christen sollten sich wehren “nach lere der Ewangelien”, d. h. nach Matth. 5, 39, und weist diese Anschauung, die den Mut des Voltes lähme, zurück. Und ausdrücklich macht Johannes Cuspinianus in der “Oratio protreptica” Luther für diese verderbliche Ansicht verantworlich:

 

“Nec vos moveat, o Principes, vanissima cuiusdam assertio asserentis, Pugnare contra Turcum esse pugnare contra deum ob peccata nostra. Si hic assertor esset vicinus noster cum sua inani et stulta opinione sese delirum fateretur ingenue. Nolui te Luther nominare et tibi parcere. Sed cum in uno et altero libello, et po= [C 4] stremo ad Assam compatrem libellum effuderis, in quo plane tanquam vanissimus ostentator iterum atque iterum repetis Turcorum bellum esse stultum et a te solo ceu Propheta praevisum: Optarem tibi ut Budae vidisses in Regia urbe Tyrannum Solomet, uxorem tuam stuprari, filium aut filiam trucidari et canibus obiici, ut vidissent cuncti sanctimoniam tuam et animi constantiam, qui solus inter homines humano affectu cares, extra legem humanam positus, Saxum verius quam homo. Sed condonemus tibi longius a regionibus nostris in Wittenbergo inter potores cervisiae posito. Si hic vidissem te Prophetam solum gloriosum et vanum ostentatorem crudelia spectacula ridentem, tum assererem vera praedicasse.”

 

Suspinianus wirft hier Luther seine Ausführungen in den “Resolutiones disputationum de indulgentiarum virtute” von 1518 und die dadurch hervorgerufenen späteren Auslassungen über den Türkenkrieg vor. Jn der Conclusio V der “Resolutiones” hatte er zum Beweis der 5. seiner 95 Thesen:

 

“Papa non vult nec potest ullas poenas remittere praeter eas, quas arbitrio vel suo vel canonum imposuit” (Unsre Ausg. Bd. 1, S. 233) als eine Strafe, die der Papst nicht erlassen könne, auch castigatoria et flagellatio Dei angeführt und hatte dabei ausgerufen, wenn ein Priester aber dennoch solche Heimsuchung aufheben könne, so solle er doch Krieg und Aufruhr, Türken und Tartaren vertreiben, denn das müsse ein schlechter Christ sein, der nicht wüßte, daß sie Gottes Zuchtrute und Peitsche seien. Freilich jetzt träumten die meisten, und zwar die Größesten in der Kirche von nichts anderm, als vom Kriege wider die Türken. Sie wollten nämlich nicht die Missetaten und groben Sünden, sondern gegen die Zuchtrute, damit Gott die Missetat strafe, Krieg führen und wider Gott streiten, der da sage, er suche mit dieser Rute unsere Missetaten heim, deswegen weil wir sie nicht untersuchen noch abstellen wollten (Unsre Ausg. Bd. 1, S. 535).

 

Diese Worte hatten einen sehr brauchbaren Anlaß geboten, unter die durch die Bulle “Exsurge Domine” vom 15. Juni 1520 verdammten Sätze Luthers als 34. auch den aufzunehmen:

 

“Proeliari adversus Turcas est repugnare Deo visitanti iniquitates nostras” (Op. lat. var. arg. IV S. 277) und in dieser Fassung wurde die Äußerung Luther forthin untergeschoben.

 

Hutten hatte dann in seinen Anmerkungen zu Bulle auch diesen Satz in Schutz genommen und ihn mit einem höhnischen Ausfall gegen den Papst ganz

 

 

 

[Seite 94]

 

im Sinne seiner Türkenschrift begleitet (Op. I S. 61* f. und V S. 314), Luther aber hatte in der “Assertio omnium articulorum ... damnatorum” von 1520 und demnächst auch in der Ausgabe für das Volk: “Grund und Ursach aller Artikel, so ... unrechtmaäßig verdammt sind” von 1521 den Satz verteidigt.

 

Auf doppeltes Unheil weise er hin, heißts in der “Assertio”, die Richtigkeit des verdammten Satzes darzulegen, auf die stete Erfolglosigkeit aller bisherigen Beratungen gegen die Türken und auf die gewaltigen Geldopfer, die unter dem Vorwand eines Türkenkrieges schon nach Rom geschleppt worden seien. So habe Gott zur Strafe für die Sünden des Volks diesem aus Rom wildere, wütendere und habgierigere Türken gegeben, als die wahren es je sein könnten. Man solle damit beginnen mit Buße und mit Gebet sich zu rüsten, von jenem römischen Betrüger aber sollten Kaiser und Fürsten sich frei machen. Als Prophet spreche er: wenn nicht der römische Pontifex zur Ruhe gebracht würde, so sei es um die christliche Sache geschehen. Er schließt:

 

“Qui habet aures audiendi, audiat et a bello Turchico abstineat, donec Papae nomen sub caelo valet. Dixi” (Unsre Ausg. Bd. 7, 140 f.).

 

Und auf das gleiche Resultat als die eigentliche Absicht seiner Worte kommt er in “Grund und Ursach” hinaus. Nicht also habe er diesen Artikel gesetzt, daß wider den Türken überhaupt nicht zu streiten sei, wie der heilige Ketzermeister zu Rom ihm auflege, sondern nur das sei sein Rat, daß man zuvor einen gnädigen Gott sich mache, nicht einherlumpe und auf des Papstes Ablaß traue, wie man bisher die Christenheit verführt, damit man nicht beim Streit unter einem ungnädigen Gott Erfahrungen mache, wie sie Jos. 7 und Richter 20, 12 ff. geschrieben ständen. Gott wolle vor allem ein gutes Leben seiner Streiter sehen. Aber das fliehe der Past und wolle doch den Türken fressen. Deshalb gehe es denn auch so glücklich wider den Türken, daß, wo dieser bisher eine Meile gehabt, er jetzt hundert habe; und doch sähe man nicht, so ganz habe das Volk der römische Blindenführer gefangen (Unsre Ausg. Bd. 7, 442 f.).1

 

Daß diese Auslassungen selbst bei denen, die sie verstanden, nicht gerade Freudigkeit zum Kriege erweckten, vielmehr gerade dem Patrioten schmerzlich die Zerrissenheit Deutschlands vor Augen führten, liegt auf der Hand; und von wie vielen wurden Luthers Worte wohl ganz im Sinne der päpstlichen Bulle mißverstanden und dann teils gegen ihn ausgenutzt oder auch in schlecht beweisener Freundschaft für ihn vertreten.2 Um so mehr, als Luther in seinem Schlußwort zu den von ihm 1524 herausgegebenen “Zwei kaiserlichen uneinigen und widerwärtigen Geboten, den Luther betreiffend” — d. h. dem Wormser Edikt und dem Nürnberger Mandat vom 18. April 1524 — durch seine Zornesreden gegen die elenden und verblendeten Fürsten, für die man Gott solle bitten helfen, daß man ja nicht folge wider die Türken zu ziehen oder zu geben, dem Mißverständnis geradezu noch Vorschub leistete (Unsre Ausg. Bd. 15, 277).

 

 

 

[Seite 95]

 

So traten denn schon um die Zeit dieser letzten Auslassungen — im Eingang des Vorworts zu unserer Schrift heißts: “wohl vor fünf Jahren” — Luthers Freunde an ihn mit der Bitte heran, ausführlich und vollständig seine Ansicht vom Türkenkrieg dem deutschen Volke darzulegen, damit er nicht erscheine, als habe er sein Vaterland nicht lieb. Vielleicht gehörte auch der Ritter Assa von Kram zu denen, die solche Bitte an ihn richteten; jedenfalls entschuldigt sich Luther in den Schlußworten der Schrift: “Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können”, daß er nicht auch gleich vom türkischen Kriege etwas gesagt habe. Der vom ihm dafür angeführte Grund aber, daß, nachdem der Türke nach der Schlacht bei Mohacz nicht gleich weiter, sondern wieder heimgezogen sei, die Deutschen nun doch nichts mehr nach Nachrichten von Türken fragten, konnten durch ihren spöttischen Ton Joh. Cuspinianus, der die von den Türken verübten Gewalttaten in der Nähe gesehen und für die Rache an dem wilden Feinde begeistert war, wohl zu dem heftigen Ausfall auch gerade gegen das Kram gewidmete Buch veranlassen, das sonst auch strenge Katholiken angesprochen hat (Unsre Ausg. Bd. 19, 662 vgl. 617).

 

Luthers einseitiges Urteil in diesen Äußerungen will beurteilt werden aus dem Kampf, dem sein Leben galt: ihm war der vornehmste Feind immer der Papst, und wer mit diesem gemeinsame Sache machte, konnte ihm kein Verbündeter sein, auch nicht in der Feindschaft wider den Türken.

 

Um gerecht gegen Luther zu sein, muß man neben diese Aussprüche andere halten, wo er gewissermaßen sich selbst widerspricht, zu dem Kampse anfeuert, den er hier weit von sich zu weisen scheint, und den Zeitereignissen das wärmste Jnteresse entgegenbringt. Während er den in der päpstlichen Bulle ihm vorgeworfenen Satz verteidigt, da offenbart er gleichzeitig in der Schrift “An den christlichen Adel” keine andere Stellung zum Türkenkrieg als Ulrich von Hutten; wenn er hier sagt, daß das deutsche Volk selbst genug Volk zum Streite habe, wenn nur Geld vorhanden sei, das man deshalb doch nicht nach Rom geben solle (Unsre Ausg. Bd. 6, 419), so zeigt das seinen stolzen deutschen Mut, der weit entfernt ist vom Kriege abzuraten. Und während er die Schlußworte seiner Schrift an Assa von Kram schreibt, da gibt er gleichzeitig seinem Schrecken über die Ereignisse in Ungarn deutlichen Ausdruck in einem Briese an Spalatin vom 19. September 1526 (Enders 5, 393) und widmet voll Mitgefühls der Witwe des “edlen jungen Bluts”, der Königin Maria von Ungarn, “Vier tröstliche Psalmen”, darin klagend über die zornigen Fürsten und Bischöfe, die an die armen Bürger und elenden Pfarrherrn sich machten, den Türken und seines gleichen aber mit Frieden ließen (Unsre Ausg. 552 ff. bes. 604, 23 ff.).

 

Der beste Kommentar zu Luthers Stellung aber ist unsere Schrift, die zu schreiben er sich alsbald anschickte, als der Türke nun wirklich nahe kam. Ausdrücklich geht er hier von dem ihm vorgeworfenen Satz aus und zeigt damit, daß ers als eine Ehrenpflicht empfindet über seinen eigentlichen Sinn sein deutsches Volk noch aufzuklären. Auf die ganz anderen Zeitläufte weist er hin, die gewesen, als er zu jenem Satz Veranlassung gegeben. Wohl will er auch jetzt noch lehren vor allen Dingen mit rechtem Gewissen zu kriegen, aber neben dem Christianus ruft er in heller Vaterlandsliebe den Carolus an und treulos und meineidig, teilhaftig aller Greuel und Bosheit der Türken nennt er die, die des Türken und

 

 

 

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seines Regiments Zukunft begehren. Wohl beherrscht auch unsere Schrift vor allem der Haß gegen den Papst und seine Herrschaft, aber daneben kommt das echt deutsche Empfinden in dem Ruf nach Verteidigung der hohen Güter des Vaterlandes zum deutlichten Ausdruck.

 

Deutlicher noch und lauter erklang dieser Ruf in Luthers zweiter Türkenschrift, in der “Heerpredigt wider den Türken”, die uns später beschäftigen wird.

 

Die erste Nachricht, daß Luther zu unserer Schrift den Plan gefaßt hat, lesen wir in einem Briefe von ihm an Nikolaus Hausmann vom 5. August 1528 (Enders a. a. O. 6, 315). Dem Worlaut nach scheint es, als habe dieser, der über Luthers literarische Arbeiten stets gut unterrichtet war, bisher schon von Luthers Absicht, unsere Schrift zu schreiben, gewußt und habe vielleicht Luther an sie erinnert. “Non erit (spero) inutile”, schreibt letzterer nun von seinem Vorhaben und hat dabei als Leser seines Buches gewiß vor allem auch die ungeschickten Prediger im Auge, von denen er gleich im Eingang spricht. Wohl war einige Monate zuvor gerade für sie schon im “Unterricht der Visitatorn”, den freilich Melanchthon, aber in völliger Übereinstimmung mit Luthers Gedanken verfaßt hatte, ein Abschnitt “Vom Türken” erschienen, der in kurzen Zügen die Grundgedanken unserer Schrift enthält (Erl. Ausg. 23, 53 f.), aber der Gegenstand erforderte doch noch eine eingehendere Behandlung.

 

Aber erst am 9. Oktober begann Luther die Schrift, die er nun dem Landgrafen Philipp von Hessen als einem berühmten und mächtigen Fürsten widmete, daß sie ein desto besseres Ansehn gewönne und desto fleißiger gelesen würde. Er muß sie dann schnell zu Ende geführt haben, denn noch im Oktober begann der Druck (Archiv f. Gesch. d. deutschen Buchhandels XVI S. 80). Aber es waltete zunächst ein Mißgeschick über der Vollendung des Buches. Am 9. Februar 1529 hören wir noch wieder in einem Briefe Georg Majors an Baumgärtner in Nürnberg: “Lutherus parat nunc expeditionem adversus Turcam”, und am 13. Februar klärt Luther den wohl ungeduldig gewordenen Hausmann darüber auf, weshalb der Druck noch nicht weiter fortgeschritten sei: die ersten Sexternionen seien durch die Nachlässigkeit einiger Bediensteten verloren gegangen, und schwer habe es gehalten, den Gedankengang und das Konzept wiederzufinden (Enders a. a. O. 7, 53 und 54, Anm. 5). Offenbar hat Luther den Anfang der Schrift wohl noch einmal entwerfen müssen. Am 3. März aber ist der Druck im vollen Gange, am 13. März wird Hausmann auf Palmarum vertröstet; zu diesem Termin ist dann der Druck freilich doch noch nicht fertig; am Dienstag nach Ostern mußte Melanchthon, damals in Speier, die Schrift noch vergeblich sehnsüchtig erwarten; aber vom 23. April, etwa drei Wochen nach Ostern — haben wir die Nachricht, daß der Druck vollendet ist (Enders a. a. O. 7, 61 u. 70 f.; Archiv f. Gesch. d. deutschen Buchh. XVI S. 89 Nr. 214 und S. 107 Nr. 279 vgl. mit Buchwald, Wittenberger Stadt- und Univ.-Geschichte S. 59 Anm. 2; Corp. Ref. 1 S. 1046).1

 

Cochläus, Luthers alter Feind, war auch jetzt schnell mit einer Gegenschrift auf dem Plan. Ende Mai schon schrieb er dazu die Vorrede, und Ende Juni schon war sie im Druck vollendet:

 

 

 

[Seite 97]

 

“DIALOGVS DE BELLO CONTRA || Turcas, in Antilogias Lutheri, per Ioannem || Cochlȩum. || XV. Contradictiones, ex duobus primis || Quaternionibus Libri Lutherici de bello, || contra Turcas. M. D. XXIX. || [Titelholzschnitt] ||” 88 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Auf der vorletzten und vorvorletzten Seite Holzschnitte. Am Ende [auf L 7 a]: “Excusum Lipsiae, in Officina Valentini Schumāni, pridie Calendas || Iulias. M. D. XXIX. Sub|| pio ac per oīa Catholico || Principe D. GEOR-||GIO Saxoniae Du-||ce. &c̄. ||”

 

Die widersprechenden Äußerungen Luthers zum Türkenkriege sinds, die Cochläus hier durchnimmt. Dem Gegner, bei dem zum falschen Verständnis noch Bosheit und Rachsucht kamen, mußten sie ein willkommener Gegenstand sein. Zunächst werden in sogenannten Gesprächen, die freilich äußerlich recht ungeschickt abgefaßt sind, Luthers verschiedene Äußerungen vorgeführt. Dabei vertritt Lutherus den Luther der “Resolutiones”, der “Assertio” usw., der gegen den Türkenkrieg spricht, Palinodus den Luther, der zum Kriege ermutigt, der Worte unsrer Schrift im Munde führt; der dritte Kollokutor ist der Orator Regis Ferdinandi. Da ihm diese Gespräche aber noch nicht genügten, so sammelt Cochläus zum Schluß aus den ersten beiden Quaternionen unfrer Schrift noch 15 Contradictiones, indem er besonders markante Sätze unsrer Schrift mit früheren Aussprüchen Luthers zusammenstellt.

 

Luther hat sich um diese Schrift nicht gekümmert.

 

Vgl. Köstlin-Kawerau, Martin Luther, sein Leben und seine Schriften, I S. 116 ff.; D. Fr. Strauß, Ulrich von Hutten, Leipzig 1871; R. Ebermann, Die Türkenfurcht, Diss. Halle a. S. 1904; Mich. Popescu, Die Stellung des Papsttums und des christlichen Abendlandes gegenüber der Türkengefahr vom Jahre 1523 bis zur Schlacht bei Mohacs. Leipziger Diss. Bukarest 1887.

 

 

 

Drucke:

 

 

A “Vom kriege || widder die || Türcken. || Mar. Luther. || M. D. XXVIII. || Wittemberg. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 32 Blätter in Quart, vorletzte Seite leer, mitten auf der letzten nebeneinander zwei Kreise, in dem linken das Lamm mit Fahne, im rechten die Lutherrose. Am Ende von H 3b: “Gedruckt zu Wittemberg durch || Hans Weiss M. D. XXIX. || Am .XVI. tag des April. ||”

Bogen B beginnt: “blut fechten, welchs yhn nicht befolen, sondern auch || verbotten ist. ||”, Vogen D: “widder yhn sehen vnd hoeren mus, Vnd reist doch so ||”

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Bamberg, Berlin, Breslau St., Dresden, Erfurt Mart., Halle Mar., Kiel, Königsberg U., Leipzig U., München U., Nürnberg St., Wernigerode, Wittenberg Lh., Wolfenbüttel (3), Würzburg, Zwickau; London. — Erl. Ausg. 31, 31 Nr. 1 (ungenau).

 

B wie A, doch sind die Vogen B und C neu gesetzt.

Bogen B beginnt: “blut fechten, welchs yhn nicht befolhen, sondern auch || verboten ist. ||”

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Breslau U., Dessau, Gotha, Halle U., Heidelberg, Wernigerode, Wittenberg L., Wolfenbüttel; London.

 

 

 

[Seite 98]

 

C wie A, doch ist Bogen D neu gesetzt.

Bogen D beginnt: “widder yhn sehen und horen mus, Und reist doch so ||”

Vorhanden in Berlin, Göttingen, Helmstedt, München HSt.

Ausgabe A, B oder C, unbekannt welche, vorhanden in Eisleben; Amsterdam U.Sem. (2), Ithaca.

 

D “Vom Kriege wid -||der die Tür-||cken. || Martinus Luther. || Gedruckt zu Wit-||temberg. || M. D. XXIX. ||” Mit Titeleinfassung. Umfang und Schluß wie A.

Nur Bogen A ist neu gesetzt, alles andere wie in A.

Vorhanden in Arnstadt (2), Aschffenburg, Berlin, Bremen, Breslau U., Dessau, Erfurt Kgl., Erlangen, Gotha, Halle Wais., Hamburg, Helmstedt, Hirschberg Gymn., Marburg, Nürnberg GM., Sommershausen, Weimar, Wittenberg L., Wolfenbüttel, Würzburg U.; London. — Erl. Ausg. 31, 31 Nr. 3.

 

E wie D, doch Bogen B und C wie in B.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin, Heidelberg, Lübeck St., Marburg, München U., Nürnberg St., Rostock, Wittenberg L., Worms Paulusmus.; London.

 

F “Vom Kriege wid-||der die Tür-||cken. || Mart. Luther. || Gedruckt zu Wit-||temberg. || M. D. XXIX. ||” Mit Titeleinfassung. Umfang und Schluß wie A.

Bogen D wie C, Bogen H wie A, sonst neuer Satz.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Altenburg, Dessau, Göttingen, Hannover St., Heidelberg, Helmstedt (2), Jena, Veste Koburg, Nürnberg GM., Straßburg, Weimar, Zittau St.; Bern, Petersburg. — Erl. Ausg. 31, 31 Nr. 2.

 

Ga “Vom Kriege || wider die || Türcken. || Mar. Luther. || M. D. XXIX. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 24 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Am Ende: “Anno. M. D. XXIX. ||”

Druck wahrscheinlich von Gabriel Kanz in Zwickau.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Bamberg, Leipzig St., Weimar; Zürich St. — Erl. Ausg. 31, 32 Nr. 5.

Die Kehrseite des Bogens D ist im Satz verdreht worden, so daß die Seiten dieses Bogens in der falschen Reihenfolge 1. 6. 7. 4. 5. 2. 3. 8 erscheinen.

 

Gb wie Ga, doch ist Bogen D in Ordnung.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin, Freiburg U. (unvollst.) München HSt., Nürnberg St., Straßburg, Stuttgart, Wittenberg L.

 

H “Vom Kriegewy||derdie Tuercken.||Mart.Luther. || Wittemberg||M. D. XXIX.||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 36 Blätter in Oktav, letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruckt zů Nůrenberg durch || Johannem Stuechs || 1529 ||”

Vorhanden in Memmingen St., Wolfenbüttel, Zwickau; Basel, London. — Erl. Ausg. 31, 32 Nr. 6.

 

I “Vom Kriege, || Wider [so] den || Türcken. || Mart. Luth. || Wittemberg. || MDXLII. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite leer. 42 Blätter in Quart. Auf der letzten, sonst leeren Seite: “Gedruckt zu Wit-||temberg, durch Nickel || Schirlentz. || M.D. XLII. ||” — Erl. Ausg. 31, 32 Nr. 7.

 

 

 

[Seite 99]

 

Blatt B2a ist fälschlich gezeichnet “A ij”, Bogen K hat 6 Blätter.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Aschaffenburg, Bamberg, Berlin, Bremen, Breslau St., Celle, Danzig St., Dessau, Dresden, Eisenach, Halle Wais., Helmstedt, Jena, Leipzig St., München U., Rostock (Titelblatt fehlt), Straßburg, Weimar, Wolfenbüttel, Zwickau; London.

 

Spätere Drucke:

 

 

K “Vom Krieg wider den Tuercken, Doctor Martinus Luther. *** Anno, M. D. XXIX.  M. D. LXIII.” Am Ende: “Getruckt zů Franckfurt am Mayn, bey Georg Raben, vnd Weygand Hanen Erben. ***”

Letzter Bestandteil in: “Tuerckische Historien. Von der Tuercken Ankunfft, Regierung, Koenigen, vnd Keysern, Kriegen, Schlachten, Victorien vnd Sigen... Auß Italienischer Sprach in vnsere Teütsche verdolmetscht, durch den Hochgelahrten Heinrich Mueller, der Rechten Licentiaten, vnd freyen Kuenst Magister.....

a Franckfurt am Mayn M. D. LXIII. Teil 3, Blatt XLIX bis LXIII.

Vorhanden in Altenburg, Arnstadt, Breslau St., Darmstadt, Göttingen, Hannover Kgl., Leipzig U., Nürnberg St. (2); Basel, Salzburg.

b Franckfurt am Meyn M. D. LXV. Teil 3, Blatt XLI bis LX.

Vorhanden in Breslau U., Hannover St.

c Franckfurt am Mayn M. D. LXX. Teil 3, Blatt XXXVIII –XLVIII, 49 –55. Auf dem Titelblatt der Lutherschrift: “M. D. LXIX.” Am Ende: “Getruckt zu Franckfurt am Mayn, durch Johannem Schmidt, in verlegung Kilian Han.”

Vorhanden in Bamberg, Breslau U., die Lutherschrift als Sonderabdruck in Jena.

d Franckfurt am Mayn, M. D. LXXII. Teil 3, Blatt XXXVIII –XLVIII, 49 –55. Titel und ganzer Satz der Lutherschrift identisch mit c.

Vorhanden in Leipzig U., Rostock (2); Salzburg, Schaffhausen St.

 

L “Vom Kriege Wider den Tuercken. Doct. Mart. Luth. ANNO XXVIII. Mit einer Vorrede Doct. Georg. Maior. Wittemberg Gedruckt durch Hans Lufft. 1566.”

Vorhanden in Dresden, Helmstedt, Lübeck (beschädigt), Wolfenbüttel; Zürich St.

 

M “Kriegßbuch, Dritter Theyl. Von Schantzen vnnd Befestungen Vmb die FeldtLaeger auffzuwerffen vnd zu schlagen: Auch vom Ritter vnnd Reutter Rechten, sampt derselben Bestallung vnd FeldtOrdnung.... Leonhardt Fronsperger. Getruckt zu Franckfurt am Mayn, Jm Jar nach Christi Geburt, 1573.”

Darin Bl. CCCXXVIIIb bis CCCXLIb “Vom Krieg wider den Tuercken, Doctor Martinus Luther. Anno, M. D. XXIX.”

Vorhanden in Bamberg, Wolfenbüttel.

 

N “Buechlein Vom Krieg wider den Tuercken, Doct: Martin Luthers: Jetzt widerumb vffs New außgelassen: zur Erinnerung, das nur zween Menner wider den Tůrcken streiten sollen, Herr Christianus,

 

 

 

[Seite 100]

 

vnd Keyser Rudolphus. Ezech. 14.” Am Ende: “Erstlich Gedruckt im Jar 1528. Jetzt zum andern mahl nach gedruckt im 1593. Jar.”

Vorhanden in Wernigerode (im gleichen Sammelband mit Heerpredigt N, mit dem der Neudruck offenbar gleicher Entstehung ist).

 

O “Antitvrcica Lvtheri: Das ist, Vom Kriege, vnd Gebet wider den Tuercken, vnd von desselben Alcoran; etliche Schrifften, deß thewren und werthen Mannes Gottes, Doctoris Martini Lutheri: Darunter auch eine deß Herren Doct. Iusti Ionae: Sampt angehengten etlichen deß Herren D. Lutheri Propheceyungen, von dem kuenfftigen grossen Unglueck vber Deudschland: ...... Jn jetzigen sorglichen vnd gefehrlichen zeiten, sehr nuetzlich zu lesen vnd zugebrauchen, in Druck zusammen geordnet, durch Ioannem Rosinvm, Thumbpredigern zur Naumburgk ..... 15 Leipsig. 96. Cvm Privilegio.” Die Schrift steht auf S. 1 bis 105.

Vorhanden in Jena.

 

P “Ottomannus Theologicus, Darinnen Erstlich, Ob der Tuercke noch endlich das Roemische Reich oder Deutschland eroebern werde, oder nicht? II. Widerlegung deß Tuerckischen Alcorans. III. Unterricht vom Kriege wider den Tuercken und Heerpredigten... Eiszleben, ANNO M. DC. I.”

Jst Titelauflage von O und von Bogen A an völlig mit jenem identisch. Vorher ist Rosins Vorrede weggelassen und dafür sind ‘M. Theodosii Fabricii Disputation’ (= Punkt I und II des Titelblatts) eingefügt. Unsre Schrift steht auf S. 1 bis 105.

Vorhanden in Celle Min.

 

Q “D. Martin Luthers Buechlein wider den Tuercken. Herausgegeben von D. C. Panse. Leipzig 1826.”

 

R “D. Martin Luther's Büchlein Vom Kriege wider den Türken und Heerpredigt wider den Türken im Jahre 1529. Mit einem Vorwort von Professor D. Kahnis. Leipzig 1854.”

 

S “Martin Luther's politische Schriften. Mit einer Einleitung über Luther's Bedeutung im deutschen Nationalleben herausgegeben von Theodor Mundt. Neue Ausgabe. Leipzig 1868.”

Enthält in Band 3 S. 61 –108 einen freien Abdruck unsrer Schrift in moderner Sprachgestalt.

Die Schrift erscheint in den Gesamtausgaben: Wittenberg 2 (1548), 536a –553b, (1551) 522b –538b, (1557) 444b –458a; Jena 4 (1556), 390a –406b, (1560 und 1574) 430b –446b; Altenburg 4, 524 –541; Leipzig 22, 339 –356; Walch1 20, 2633 –2691; Walch2 20, 2108 –2155; Erlangen 31, 31 –80.

 

 

 

[Seite 101]

 

Hans Weiß hat lange an der Schrift gedruckt: Text A, auf den sich die Briefstellen bei Enders 6, 395. 7, 53 f. 61 beziehen, ist Ende Oktober 1528 schon unter der Presse und erst am 16. April 1529 abgeschlossen. Den Grund der Verzögerung gibt Luthers Brief an Hausmann vom 13. Februar 1529 (Enders 7, 53) an: De Turcico bello, spero, brevi edam libellum; esset jam dudum editus, nisi priores sexterniones intercidissent incuria famulorum, unde difficile fuit, ideam et conceptum reperire; ideo sic dilatus fuit (vgl. oben). Während des Druckes zeigte sich, daß die Auflage zu klein bemessen war. Bogen A bis D mußten darum neu gesetzt werden, etwas später auch Bogen E, F, G und Bogen A, B, C zum drittenmal. Für die ganze Auflage reichte nur Bogen H. Auch Einzelverbesserungen wurden an den im Satz stehenden Bogen nachträglich vorgenommen, die wichtigsten sind: 115, 5 bosen > boesen; 126, 26 gkaufft > gekaufft; 130, 18 rachgeyrigkeit > rachgyrigkeit; 139, 26 Christtus > Christus; 147, 22 kei-|| nnr > kei-||ner; 147, 23 ee eiglicher > ein iglicher; 147, 24 bittels > bettels.

 

DEF sind jünger als ABC, die die Jahrzahl 1528 auf dem Titel tragen. Der 1529 neugedruckte Bogen A in DE setzt Turcken für Tuercken ein, ebenso die neugedruckten Bogen B und C in B. Darum wird B jünger sein als A. Mit der vielfältigen Unterdrückung des Umlauts nähern sich die Bogen B und C in B Luthers Handschrift, aber schwerlich seinen Absichten für den Druck, auch zeigen sie sonst nur Druckfehler und Bedeutungsloses, nie die bessernde Hand des Verfassers. Ebenso verhält sich Bogen D in C zu dem entsprechenden in A; C wird darum jünger sein als A, obgleich es den Umlaut in Tuercken einführt und nicht beseitigt. C ist jünger als B, denn der neugedruckte Bogen D reicht noch für Druck F, für den B und C zum drittenmal gesetzt werden mußten. Über das relative Alter von DE läßt sich nichts sagen.

 

F ist jünger als DE, weil dafür Bogen ABCEFG erneuert sind. Vielfach geht F mit BDE zusammen, die Lesarten sind unten vollständig gebucht. Das Zusammentreffen ist aber stets zufällig; in allen entscheidenden Lesarten geht F mit AC, so bietet F 109, 20 war mit ABC gegen DE, 115, 3 gewoennen mit ACD gegen BE. Auf Bogen D, dem einzigen, in dem sich A und C unterscheiden, teilt es alle die 25 Abweichungen mit C. Mit der Jahreszahl 1529 auf seinem Titelblatt ist F nicht Vorlage, sondern neue Auflage von C.

 

G kommt als wahrscheinlich Zwickauer Druck nicht als Vorlage eines der Wittenberger in Frage, mit 108, 2 ruch, 108, 7 Fürstenn steht nicht H, der einzige, der zeitlich in Betracht käme, zwischen G und jenen. Von den 25 Abweichungen zwischen A und C teilt G 11 mit A, 14 mit C, da aber die Abweichungen von C im ganzen schwerer wiegen, dürfte G Abdruck von A sein.

 

H teilt mit F allein die Abweichung 108, 11 drynne, 109, 15 solchs fehlt u. v. a., entfernt sich mit 108, 2 ruch, 110, 2 vnd nuetzlich fehlt, 110, 4 vnd zeugnis, 110, 23/24 Rom den weg verlegt selbständig weiter von C, ist also nicht Vorlage, sondern Abdruck von F. Charakteristisch für H sind seine vielen Druckfehler, z. B. 107, 6 haban; 107, 17 schul; 107, 22 werheit; 108, 14 Tetwfels ufs.

 

I stammt mit 108, 4 meiner; 109, 4 hatte nicht aus G, mit 108, 2 Geruch nicht aus H, mit 109, 2 nicht auch aus; 114, 2 gluegseliger; 117, 17/18 manichmal; 121, 30 habe nicht aus BDE. Auf Bogen D trifft es mit CF elfmal in

 

 

 

[Seite 102]

 

dem Bestreben zusammen, die Bezeichnung des Umlauts einzuführen, in den 14 wichtigeren Differenzen stimmt I dagegen hier zu A. Ebenso ist auf den folgenden Bogen die Stellung von I zwischen A und F: mit F teilt I vielfach die Orthographie (außer Bezeichnung des Umlauts auch 130, 1 panier; 133, 17 ewre; 137, 22 regiments) und kleine Textbesserungen, die beide selbständig gewinnen konnten (129, 35 Tuercken; 130, 18 rachgirigkeit; 132, 32 glaubens; 133, 33 gesetzt), mit A die entscheidenden Lesarten: 130, 25 solle; 28 glaubens; 132, 10 zihen; 133, 20 yhrs; 24 wurdet (wuerdet I); 139, 16 S.; 142, 22 daselbst; 144, 17 flugs. Demnach ist I Neudruck von A. Bibelzitate hat I mehrfach berichtigt (110, 6. 117, 2. 123, 25. 137, 1), doch ist die Mehrzahl der sinnentstellenden Fehler von A (109, 21. 112, 17 usf.) stehen geblieben, andere (110, 24 usf.) sind in I neu hinzugekommen, so daß man an ein Mitwirken Luthers nicht denken darf. Druck K bis S sind nach Luthers Tode erschienen und textkritisch ohne Belang.

 

Die Grundlage des kritischen Textes hat danach A zu sein, die Abweichungen von B –E sind sämtlich in den Lesarten mitgeteilt, die von F –I nur soweit sie nicht sprachlicher Natur und derart sind, daß sich hier darüber zusammenfassend Bericht erstatten läßt. Allgemein ist vorauszubemerken, daß die sprachlichen Änderungen von F fast jeder Konsequenz ermangeln, höchstens die Bezeichnung des Umlauts ist einigermaßen konsequent beseitigt und ey wird in den meisten Fällen durch ei ersetzt. Auch G greift in keinem Punkte wirklich durch: stellenweise bemüht es sich, die Vorlage buchstabentreu nachzubilden, dann fällt es seitenweis in seine abweichenden Druckgewohnheiten zurück und ist dabei immer stark bestimmt durch Rücksichten auf Zeilenfüllung und -grenzen. H hat unverkennbar das Bestreben, mit den Formen fur, Turck(en), gleuben, keyn, -heyt, meynen, keyser, teyl, beyde, weyß, itzt, gebot(en), beten, gebet, rat(en), not, jhn, gehen, wird, nu, sondern aufzuräumen, vereinzelt ist aber jede dieser Formen einmal stehen geblieben und die Angabe (immer) bei für usw. demgemäß cum grano salis aufzufassen. I hat, abgesehen von den sparsamen, aber gut durchgeführten Änderungen, über die im folgenden berichtet wird, Majuskel in Substantiven fast überall eingeführt und zusammengesetzte Wörter in eins geschrieben.

 

I. Umlaut. 1) des a mit ae bezeichnet: taeglich (3) G (6) H, vaeterliche 108, 13, eyntraechtiglich (2), maechtig u. s. F. (4), laeppisch 129, 26 H.

 

2) des a mit ae bezeichnet: Baebste, Baebstlichen (3), Cardinael 110, 25, jaemerlich (4), raethe, raetlich, verraether (4), spraeche 133, 1, schlaefferig 147, 7 H.

 

3) Es führen ein Umlaut des a in laeger 114, 19 G; Reichstaege 113, 10, leybhefftige 126, 2 H; Heubtman 136, 32, gleuben u. s. F. (2) I.

 

4) des o in woellen u. s. F. (22) G (24) H (9) I, moecht(e) (7) G (9) H (5) I, Koenig(-) (6) GI (8) H, boesen 115, 5, loeblich 142, 16, hoeret 148, 14, Goettlich u. s. F. (3) GHI, moerd(en) mit Formen und Zusammensetzungen (7) G (11) H, (zu)stoeren mit Ableitungen (3) G (4) H, froelich 111, 29, Roemisch 143, 32 GH; oeberkeit (2), oerdenliche 129, 20, oeffentlicher 131, 6, wilkoere (2), noetigen 133, 5 G; poebel 107, 12, groessesten 124, 25, koennen 126, 18, soelchs 140, 6, oeberherrn 140, 22 H; zoernige 116, 26 I.

 

5) des u in Fuerst u. s. F. (8) GI (11) H, fünff(tzig) (2) G (3) H (1) I, sünde m. F. u. Abl. (23) G (22) H (9) I, für (56) G (58) H (4) I, rüsten

 

 

 

[Seite 103]

 

m. F. u. Abl. (5) GH (3) I, schuetzen (4) GH (3) I, Tuerck(en) (77) G (79) H (74) I, Tuerckisch (3) GH, Luegen (3) G (5) HI, über u. Zus. (10) G (28) H (8) I, wuerde(t) (2) G (3) H (7) I, fuerchten u. s. F. (2) G (1) H (2) I, münche 127, 6, stürmer 128, 23, vnmueglich 133, 32, spruech(e) 135, 31, fruemer 141, 19, jüngsten 148, 27 GHI, stueck u. s. F. (1) GI (2) H, hinfürt 135, 1, huelff(e) 137, 8, außgewuertzelt 143, 16 GH, kuend(te) (2) G (1) H, herueben 138, 35, gebuert 135, 23, erwuergen 138, 14, schuessel 140, 1 GI, guelden 128, 24, pluendern 133, 18, gegruendet 130, 26 HI, (be)duerfft (2), vnglück (2), abtrünnige(n) (2), abtrünnischen (1) G, übel u. s. F. (10), kuetzel 134, 29 H, schueldig m. F. u. Abl. (19), uemb in Zus. (17), Jueden (5), duencken u. s. F. (4), nachdruecken 146, 15 I.

 

6) des uo in wuest 107, 15, versuene 129, 23 GHI, fueren m. F. u. Abl. (15) GH (3) I, auffruerisch (1) GI (2) H, muessen (6) G (10) H (2) I, fuelen u. s. F. (2) G (1) HI, egueter 129, 1, geruert 133, 5 GH, muehen 138, 29 G, stünden (-et) (3), üben m. Abl. (3) H, abschlüge 146, 5/6 HI, beistuenden 147, 18 I.

 

7) Es beseitigen Umlaut des a in arbeyt(en) (1) G (2) HI, abenteue(e)r (2) GH, offenbarlich 119, 22, bekantnus 120, 35, narren 145, 26 G, lang(e)st (2), Maiestatt 146, 17 H, warlich (2) I; in glauben m. F. u. Abl. (23) GH, rauber m. F. u. Abl. (6) G (3) H, verkauffen u. s. F. (2) GH, haubt (3) G (2) H, saumet 124, 12 G, anlaufft 138, 2 H.

 

8) des o in frolich 115, 24, gottlich u. s. F. (3), konige 136, 35, Romisch 144, 2 F, oberkeyt (1) G (3) H (9) I, toben(s) (2) GHI, boßheyt (1) G, word m. Abl. (1) G (2) I, offentlich(e) (1) H (5) I, kompt 107, 9, Zollners 118, 14, oberherrn 137, 29 H, grosser 122, 13 I.

 

9) des u in darumb (6) FH (3) GI, fur (6) F (1) I, Furst u. s. F. fast stets F (4) H, Turcken und Turckey fast stets F, Turckey (1) I, Juden (3) FGH, duncken (2) FG (4) H, gelusten (2) F (1) G (3) H, Jungsten (2) F (1) H, gluck (2) F (6) G, kund(t)e 142, 9 FG, daruber 114, 8, hinfurt 114, 20, furchten 117, 4, funff 119, 32, wundschen 136, 16, erfullet 141, 3 F, wurde 108, 8, lugengeist 126, 6, schutzen 130, 13, stucken (4) G, durfftigen 115, 21, wustens 130, 9, Muntze 115, 27, zuchtigen 126, 32 I.

 

10) des uo in versunen 117, 2 FG, behuete 108, 14, furen u. s. F. (4), muts 113, 6, fulen 121, 19, schulern 122, 25, busse 129, 23 F, suche(n) (1) F (2) H, buberey 110, 17, schůlern 122, 25 H.

 

11) Ohne lautliche Bedeutung ist, daß F oft eu für eue der Vorlage einsetzt: Deudsch (land) (3), Teuffel (stets), heutiges 112, 28, freunden 116, 6, deudlich 144, 28, desgleichen daß H gern ew für eu, eů der Vorlage setzt in Crewtz, Tewfel, grewlich, dewtet, brewte, stewren.

 

II. Sonstiger Vokalismus. 1) Für altes ei wird von H gern, doch nicht regelmäßig ai, ay eingeführt: -hait (30), -kait (36), kain u. s. F. (58), allain(e) (24), hayl(and) (9), raitzen u. s. F. (15), layd(er) (6), abrayß 110, 23, maynen m. F. u. Abl. (14), Hayden(isch) (6), hayssen u. s. F. (14), gemain m. F. u. Abl. (6), zaigen (12), haym u. s. Abl. (6), schraib 109, 17, zway(en) (7), mayster(n) (3), schayden 113, 17, kayser u. s. F. (immer), (vr)tayl (10), bayde u. s. F. (18), -lay (4), bainen 117, 3, berayt

 

 

 

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u. s. F. (5), waiß (8), arbait 121, 5, mayst 123, 22, zaichen (8), Layen 127, 7, edelstaine 128, 2, klainoten 128, 24, wainen 129, 14, aygenen 135, 17, schlayfft 144, 17, (main)ayd u. Abl. (6), doch mayneydig 138, 3.

 

2) Korrektes ie statt i führen ein in yederman(s) (4) G (8) H (9) I, ziehen (2) GI (4) H, regier(e) 122, 18 GHI, yetzt (17) H (fast stets) I, yeglicher (1) H (3) I, vergiessen 111, 9, nyergent (2), panier (2), diernen 126, 32 H. Falsche ie laufen unter in beschyerner (2), siehst 134, 12 H, Friede (2) I.

 

3) Unhistorisches ie beseitigen in ligen (1) G (2) HI, vil (fast immer) GH, villeicht (1) I, dyse (dise) u. s. F. (21) G (28) H (eyn) getriben (2), geschriben(n) (8), gelid 112, 21, zilet 118, 8, blide 140, 13, überlifern 146, 16 GH, spil m. F. u. Abl. (1) G (8) H, fryde(s) (1) G (2) H, sig m. F. u. Abl. (3) G (6) H, vihe (2) G, lyse (2), unterschydlich 111, 2, blibenn 114, 6 H. Darüber beseitigen ie in (n)ymand (2) G (1) H (3) I, liber (1) GH, pan(n)ir (8) G (2) I, vergissen 125, 16, yder 130, 8, hirynn 131, 28, krig(en) (3) G, bancketiren 134, 29 H, regirn (2) I.

 

4) Statt u führt H oft ů ein, das es gelegentlich mit ů verwechselt: zů, zůr (immer), doch ebenso regelmäßig zum, můß (immer), auffrůr (5), gůt (immer), gnůg(sam) (17), můt u. s. Zus. (6), růte(n) (7), stůnd (4), trůgen 109, 14, hůb 109, 24, wůrden (4), blůt (16), bůbe(n) (3), thůn u. s. F. (immer), růff m. Abl. (5), bůch(-) (6), půß bueß bůsse (10), wůrtzle 117, 24, schůhen (2), nůr (6), můst(en) (10), hůben 125, 1, hůrn 127, 18, rhům (2), brůder 143, 22, schůle(n) (5), tůch (3), fůg (2), versůche 136, 3, erwůrgen 138, 14, můter 140, 31.

 

I hat ue statt u in Hohenschuelen 110, 8/9, mueste(n) (6), Luether 107, 17, Rueten 120, 12, Stuende 125, 13, Schuetzherrn 130, 29, versuecht 147, 28.

 

5) u statt o führt G ein in (eyn)genumen (2), sundern (8), kumen (2), sunst (4), gesundert 112, 15, sunderlich (3), sun (2), oe statt ue in (ver)- moegen (7).

 

6) Unbetontes e wird eingeführt von G fast nur zur Zeilenfüllung oder wegen Worttrennung: geschwo-ren, Jch su-chet, jres amptes ||, gehoeret in || begi||bet, sol-ches, greif-fet, ewer ar-men, nur vereinzelt um Konsonanthäufung zu meiden: Herren (3), regieren (4), lengest, Gottes. H führt unbetontes e fünfmal, I dreimal so oft ein wie G:

 

in Mittelsilben: mordegeyst H, Kriegesleuten, allezeit, sehenen I;

 

in geschlossener Endsilbe: herren (2), regieren HI, hadderens, Pawren H, geschworen I; ewer (2) HI, fewer (1) H (2) I; welches HI, Gottes (2) H, (9) I, meines, kaines (2) H, liechtes, gutes I; geflicket, stirbet, werffet, verfüret, treybet, geraubet, entschuldiget H, hetzet, (ge)reitzet (2), lobet, krieget, bleibet I;

 

in offnem Auslaut: nach md. Weise setzt H e zu in mage, warde, fande, ware, ampte, der Babste, das hertzelayde, ein lande, hayle, den ayde, ordnunge, hertze, Herre, Türcke (2), dem Cardinale, gepete (4), rzum grunte, rathe, mit ernste; Befelhe (2), Bischoffe (2), feinde, hewbte, gemaine; solche, andere (2), unsere, etliche, ewere, ferliche, juengste,

 

 

 

[Seite 105]

 

darynne, ferne; lyse, achte ich, er habe. I setzt -e zu in handelte, ich, er habe (2), zweiuele, Gnade, Gesetze, Woelffe, liese, wuerde, Darinne, hierinne.

 

7) Unbetontes e wird beseitigt von G 100, von H 130, von I 38 mal und zwar

 

in Vorsilben: gwaltig H, gniessen I;

 

in Mittelsilben: Redner GHI, Canntzler HI, eignen GH, heydnisch, begegnen GI, raubberge, findstu, Endchrist, eignem, verkerten G, bezalte, regne, wůrtzle, luegner, verkerten (2), verkerstu H, Heuchley, hertzleyd I.

 

in geschlossner Endsilbe: erfarn, hůrn, anstehn H, bancketiern I; fewr (2) G (1) I; regiments, rhums G, hewtigs, Mahomets H, Kriegs, Mords, Koenigs, ichts, meineids I; bestettigt GH, verderbt, gehoert, meynt, außgedient, bringt, steht G, gebawt, druckt, bezeugt H, verkert, gelert (2), strafft, habt, hengt, regiert, genent I.

 

im offnen Auslaut gelegentlich gruppenweise in G: ein heydnisch vnnuetz weyse, die gantz heylig schrifft; hierher einige Faälle nach Behaghels Gesetz in GH: auffm Reychstag, in der rüstung, aus der erfarung GH, außbewt GHI, dem Koenig G, der selbig (2), erhoerung, zum Tuerckenkrieg H; vor anlautendem Vokal des folgenden Worts: im fryd, die meng, Koenig (gen.) plur., gerad, ander, wenig, gedenck etwas, gieng es, schreib ich G, soll, vergebung, zehend, gerad (2), erleucht, ler, müst, laß, nem, danckbar, Jch glaub, bueß (3), pflanntz, mayst, Er můst, fryd, etlich, gern, lieb, verker, fryd, wer, hof, hülff, layd, blůthund, König (plur.) (2), boeß, gesetz, wuerd, sag ich, geb H, Stueck, Muentz, gesetz, gering I; sonstige Dative Sing.: Gott (3) GHI, krieg (1) G (3) H, mund, weyb G; sonstige Singularformen: weltlich GHI, Tuerck (7) G (9) H (1) I, glaub (1) G (2) H, recht (2) G (1) H, sach, stück (2), gesetz, gnad, hauff, fein, sein (suam), boeß, frum G, glueck, muentz, stymm, weyl, sünd (2), leyb, stund, ewig, heylig, gestreng, goettlich, groß H; Pluralformen: Leut (2) G (5) H (1) I, spruech (2) G (1) H, stück (2) H (1) I, die hend G, erbar I, Adverbia und Pronominalformen: ein (10) G (2) H (3) I, lang GI, allain (allein) (3) HI, gern (1) G (2) H, bald GH, duenn, dest (3) G, schweer, boeß, gering H: Verbalformen: ich, er hab (5), Gott geb GH, wolt HI, er, es wer, such (2) G, ich kenn, werd (3), regier, muest, solt H , gestolen I.

 

III. Konsonantismus. 1) Fortis führen ein in ge-, verpot(en) (6) G (13) H, peten m. F. u. Abl. (3) G (immer) H, heupt (2) G (1) I, popel 107, 12, hauptman 136, 32, gepurt 143, 33 G, verpannet 108, 19/20, pitten (2), gepewt (2), außpewte (2), gepürt 115, 19, pergk 118, 21, pilde(r) (4), hewptstůcke 122, 22, verprochen 128, 11, geprasset 133, 22, pracht 133, 25, půben 136, 29, pleybte 138, 5, eynzupylden 139, 28, pawren 145, 9 H; schwert (1) G (42) H, doch mehrfach schwerd, 142, 4 schwerdt H, deutlich 144, 28 GH, Deutsch (land) u. i. F. (18), Teutschen (1) G, tewtsch(en) (18), vertewtschen 122, 1, doch Dewtsch 107, 14 H, todte 112, 3, stat 124, 26, feindt (2), vnwert 144, 26, widerstandt 145, 29 G, (vn)bekant (2), gelt

 

 

 

[Seite 106]

 

110, 23, entlich 111, 9, schentlich (8), seyt 133, 29, wirt (2), entwant 138, 25, wirdt (31), würdt (1), werdt (1), stadt 124, 26, mordt 125, 13, (bey)standt (4), handt (1), Bundt (1) H, uberweltiget 144, 23/24 I; mercklicher 146, 14, wunderwerck 146, 27 GHI, -igklich (3), gefengknis 127, 12, wegkfüren 133, 18 H. Jm Auslaut schreibt G gern ß in auß, hauß, biß, muß, H außerdem auch in ablaß, baß, laß, Roß, gewiß, fleyß, boßhait, kriegß, Laßla.

 

2) Lenis führen ein in vnbůßfertig (1) G (2) I, Babst (2) G (immer) H, Bapisten 113, 14, ambt (4) G, gebrenge 119, 1, getoedet 138, 12, verdorben 137, 4 H, gebuert 114, 23 I; schuld 114, 1, verdorben 137, 4 GI, sind 110, 2 G, sold 128, 28, Bosheit (4) I.

 

3) dd vereinfachen GHI fast immer in wider, oder, weniger konsequent in fodern, feder, haderten, nyderlag, entweder, z. B. läßt G entwedder 129, 13 stehen. Auch tt vereinfacht G gern in etliche, Got u. s. F. und Präteritalformen von haben.

 

4) Graphisches h beseitigt G gern, sowohl silbentrennendes (geen, steen, muee), als dehnendes (jr u. s. F., ere, mer, argwon, befolen), als exotisches (Jesu, ruemen). Erhalten bleibt h in Pfarher. H entfernt silbentrennendes h in ee (1), ye (7), steen (8), geen (6), dehnendes in mer (12), Mahomet(s) (3), faren (1), sowie 58 mal in den Pronominalformen in, jm, jre, jrem, jrer, yn, ym, yre, yrem, yrer; exotisches in Jesu(m) (6), ruemen (1). I entfernt silbentrennendes h in je (8), dehnendes in ebentewr (1), faren (1), denjen(ig)en (3), sowie 126 mal in den Pronominalformen jm, jr, jrs, jres, jrer, jrem, jren.

 

5) h wird eingeführt von I in auffrhůr (2), von H in auffrhůr (4); herauß (2), herfür 127, 5, herab 148, 27; Jsrahel 117, 17; lehre 109, 25, rath m. F. u. Abl. (16), noth (13), erretthet 133, 27, Loth 139, 19, forth 148, 6, befolhen 111, 28, die jhenigē 148, 13.

 

6) nn führt G gern zur Zeilenfüllung ein, z. B. lautet die letzte Zeile von Blatt A 1b: gegenn sie entschuldigenn 108, 1.

 

IV. Wortformen: sondern < sonder (17) GH, fur < for (12), < vor (2) G (23) H, nu > nun (17) G (13) H, widder < weder (4) HI, Oberkeit F, nicht < nit (54), -niß < -nuß (5), -lein (5) G, dran < daran (2) H, Euangelion < Euangelium (9), yhn < jnen (17) I.

 

 

 

[Seite 107]

 

Vom kriege widder die Türcken. 1529

 

[Seite 107]

[Vorbemerkungen]

 

[Bl. Aij] Dem Durchleuchtigen hochgebornen Fuersten und Herrn,

herrn Philipps Landgraven zu Hessen, Graben zu Katzenelbogen,

Zigenhain und Nida, meinem gnedigen Herrn.

Gnad und fride ynn Christo Jhesu unserm Herrn und Heilande.  Durchleuchtiger Hochgeborner Furst, Gnediger Herr: Es haben  mich wol fur funff iaren ettliche gebeten, zu schreiben vom  kriege widder den Tuercken und unser leute dazu vermanen  und reitzen. Und itzt, weil eben der Tuerck uns nahe koempt1,  zwingen mich solchs auch meine freunde zuvolenden, Sonderlich weil ettliche  ungeschickte Prediger bey uns Deudschen sind (als ich leider hoere), die dem  pobel einbilden, man solle und musse nicht widder die Tuercken kriegen2,  Ettliche aber auch so toll sind, das sie leren, Es zyme auch keinem Christen,  das weltlich schwerd zu furen odder zu regiern. Dazu, wie unser Deuedsch  volck ein wust wild volck ist, ia schier halb Teueffel halb Menschen sind,  begeren ettliche der Tuercken zukunfft und Regiment, Und solches yrthumbs  und bossheit ym volck wird dem Luther alles schuld gegeben und mus “die  frucht meines Euangelij” heissen, gleich wie ich auch mus der auffrur3 schuld  tragen und alles4, was itzt boeses geschicht ynn der gantzen welt, so sie es doch  wol anders wissen. Aber Gott und seinem wort zu widder stellen sie sich  als wusten sie es nicht anders und suechen ursachen, den heiligen geist und  oeffentliche bekandte warheit zu lestern, auff das sie ia die helle wol verdienen  und nymer mehr rew und vergebunge yhrer sunden erlangen.

 

Derhalben mir not sein wil von der sachen zuschreiben auch umb mein  selbs und des Euangelij willen, uns zu entschuldigen: nicht bey den lesterern  (welche solten mir nicht gut gnug sein, das ich mich mit einem wort gegen

[ 3 zů Hessen G 6 Fuerst DE 8 Turcken DEF        darzů H dar zu I 9 Turck DEF nahen H kumbt G 10 solichs G        freuende H 11 deudscheu DE 12 muesse DFE müsse H        Turcken DEF 14 wetlich H        deudsch DE Deudsch I 15 wuest DE Tewffel H 16 Turcken DEFH 19 welt] welt welt F 21 wuesten DEI        suchen DEFHI süchen G        vrsacher G 22 bekante H]

 

 

 

[Seite 108]

 sie entschuldigen wolt. Denn das Euangelion sol bey yhn stincken und ein  [2. Kor. 2, 16] geruch des todes sein zum tode, wie sie mit yhrem mutwilligen lestern verdienen),  sondern das die unschuldigen gewissen nicht weiter durch solche lester  meuler betrogen werden und argwohn von mir odder meiner lere schepffen,  odder auch dahin verfurt werden das sie gleuben, Man muesse nicht widder  die Tuercken streiten. Jch habs aber fur gut angesehen solch buechlin unter  E. F. G. als eines beruembten mechtigen Fuerstens namen aus zulassen, damit  es deste ein besser ansehen gewuenne und deste vleissiger gelesen wuerde, obs ein  mal dazu keme, das man von eym zug widder den Tuerken handeln wuerde,  die Fuersten und herrn eine gemeine erynnerunge hetten. Denn ich willens  bin1, etliche stuecke drinnen anzuzeigen, die wol zubedencken sein werden und  daran macht gelegen sein wird. Befelh hie mit E. F. G. unserm barmhertzigen  Gott ynn seine veterliche gnad und hulde, das er E. F. G. fur allem  yrthum und list des Teuffels behueete und seliglich zu regiern erleuchte und  stercke. Amen. Am neunden Octobris. 1. 5. 2 8.

 

 

 

E. F. G.

Williger Martinus

Luther.

 

 

[Bl. Aiij] Bapst Leo der zehende ynn seiner Bullen, darynn er mich verbannet,  unter andern artickeln verdammet er auch diesen das  ich gesagt hatte: Widder den Tůrcken streiten ist eben so viel als Gott widder  streben, der mit solcher ruten unser suende heimsucht.2 Aus solchem artickel  muegen genomen haben, die von mir sagen das ich weren und widder raten  solle, zustreiten widder den Tuercken. Jch bekenne noch frey das solcher artickel  mein sey und zu der zeit von mir gesetzt und verteidingt, Und wo es itzt ynn  der welt stuende wie es dazumal stund, so wolt und must ich den selbigen  noch itzt setzen und verteydingen. Es ist aber nicht fein, das man so wol  vergessen hat, wie es dazu mal stund ynn der welt und was mein grund  und ursachen war, und behelt gleich wol meine wort und zeuhet sie anderswo

 

 

[ 2 geruch] ruch H 4 oder FI mein G schoepffen H 6 Turcken DE 7 Fürstenn H 9 einem I Turcken DEF 11 drynne FH werden fehlt I 12 Befel DE 14 behuete HI 20 ander I verdamnet I 21 hette G Turcken DEF Tůrckē H 22 sunde DEF 24 Turcken DE 26 dem selbigen G 29 Vrsach I zeuchet I]

 

 

 

[Seite 109]

 hin, da solche ursachen und grund nicht ist. Wer kund mit solcher kunst  nicht auch aus dem Euangelio eitel luegen machen odder furgeben, Es were  widder sich selbs?

 

So stunds aber dazu mal: Es hatte niemand geleret noch gehoeret, wuste  auch niemand etwas von der weltlichen oeberkeit, woher sie keme, was yhr  ampt odder werck were odder wie sie Gott dienen solt. Die aller gelertesten  (wil sie nicht nennen) hielten die weltliche oeberkeit fur ein heidenisch, menschlich,  ungoetlich ding, als were es ein ferlicher stand zur seligkeit. Daher hatten  auch die Pfaffen und Muenche Koenige und Fuersten so eingetrieben und uberredet,  das sie ander werck fur sich namen Gott zu dienen, als mess hoeren,  beten, mess stifften &c.. Summa: Fuersten und herrn (so gern frum gewesen  weren) hielten yhren stand und ampt fur nichts und fur keinen Gotts dienst,  wurden rechte pfaffen und muenche, on das sie nicht platten noch kappen  trugen. Wolten sie Gott dienen, so musten sie ynn die kirchen. Solchs  muessen mir bezeugen alle herrn so dazu mal gelebt und solchs erfaren haben,  Denn mein Gnedigster herr, Hertzog1 Friderich seliger gedechtnis, ward so fro,  da ich zu erst von weltlicher Oberickeit schreib2, das er solch Buechlin lies  abschreiben3, sonderlich einbinden und seer lieb hatte, das er auch mocht sehen  was sein stand were fur Gott.

 

Also war dazumal der Bapst und die geistlichen alles ynn allen, uber  allen und durch alle wie ein Gott ynn der welt, und lag die weltliche oeberkeit  ym finstern, verdruckt und unbekand.4 Nu wolt der Bapst gleichwol  Christen sein mit seinem hauffen und gab doch fur, zu kriegen widder den  Tuercken. Uber den zwey stuecken hub sichs, denn ich erbeitet5 dazumal ynn  der lere so die Christen und gewissen betraff, hatte auch selbs noch nichts  von der weltlichen oeberkeit geschrieben, also das mich die Papisten einen  heuchler der Fuersten scholten6, weil ich allein von geistlichem stande handelt,  wie sie Christen sein musten, und nichts von dem weltlichen, gleich wie sie

 

 

[ 1 vrsache I 2 auch fehlt DE        Euangenlio F 4 do zumal H        hat G 6 gelersten GI 7 weltlichen G 11 from̄ H 13 wůrden H        noch] vnd H 15 solchs fehlt FH 16 gnedister H 17 Oberkeit DEFI Oberkeyt G oberkayt H 18 sunderlich H hete G 20 ward DE 21 durch allen ABCDEFGHI 22 vnbekant DEG 23 Christen] ein Christ G 24 Turcken DEF        stucken DE        arbaytet H 25 hett G 27 schalten H        vom Geistlichen I]

 

 

 

[Seite 110]

 mich nu auffrurisch schelten, nach dem ich von der weltlichen oeberkeit also  herlich und nuetzlich geschrieben habe, als nie kein lerer gethan hat, sint der  Apostel zeit1 (Es were denn S. Augustin): des ich mich mit gutem gewissen  und mit zeugnis der welt rhuemen mag.

 

Unter den stůcken aber Christlicher lere handelt ich auch das, da Christus  [Matth. 5,39 f.] Matthei spricht, Ein Christ solle dem ubel nicht widderstreben sondern alles  leiden, den rock dem mantel nach faren und nemen lassen, den an-[Bl. A 4]dern  backen auch herhalten &c.. Aus welchen stuecken der Bapst mit seinen hohen  schulen und kloestern hatten einen freyen rat gemacht, das nicht gepoten were  noch not zu halten einem Christen, hatten also Christus wort verkeret und  ynn aller welt felschlich geleret und die Christen betrogen. Weil sie denn  Christen, ia die besten Christen sein wolten und gleich wol widder den Tuercken  streiten, kein ubels tragen noch gewalt odder unrecht leiden, hielt ich mit  diesem spruch Christi widder, das Christen sollen dem ubel nicht widder streben  sondern alles leiden und gehen lassen, darauff satzt ich den artickel den der  Bapst Leo verdampt hat. Und thet solchs so viel deste lieber, das ich der  Roemischen bueberey den schalckdeckel neme.

 

Denn die Bepste hattens nie mit ernst ym synn, das sie widder den  Tuercken kriegen wolten, sondern brauchten des Tuerckischen krieges zum huetlin2,  darunter sie spieleten und das gelt mit ablas aus deuschen landen raubeten  so offt sie es gelustet, wie das alle welt wol wuste, aber nu auch vergessen  ist. Also verdampten sie meinem artickel nicht darumb das er dem Tuerckischen  krieg weret, sondern das er solch helekepplin3 abreis und dem geld gen Rom  die strasse legt.4 Denn wo sie mit ernst hetten wellen kriegen widder den  Tuercken, hatte der Bapst und die Cardinel wol so viel von den pallijs,  annaten und anderm unseglichem zugang, das sie solcher schinderey und  raubens ynn deudschen landen nicht bedurfft hetten. Were einfeltiger5 meynung

 

 

[ 2 und nuetzlich fehlt H        sind DEI 4 vnd zeugnis H 5 da] das G 6 Matth. FH Matthei 5. I        sprigt H        soll G 8 stucken DE Stuecken I 9 hetten G 10 hetten G 11 felchlich F 12 Turcken DEF 16 solchs vil G 18 Pepst hettens G 19 Turcken DEF Trücken H        brauchen I        Turckisschen DEF 20 deudschen F Teutschen G Tewtschē H Deudschen- || landen I 21 geluestet DEGI 22 Turckischen DEF 23 hele kepplen H 23/24 Rom den weg verlegt H 24 straffe l 25 Turcken DEFH        hat G hette H        den fehlt I 26 andern DE 27 in Deudschenlanden I]

 

 

 

[Seite 111]

 ein ernster krieg fur handen gewest, Jch hette meinen artickel wol besser  und unterschiedlich koennen eraus putzen.

 

So gefiel mir das auch nicht, das man so treib, hetzt und reitzt die  Christen und die Fursten, den Tuercken anzugreiffen und zu uberzihen, ehe  denn wir selbs uns besserten und als die rechten Christen lebeten, Welche  alle beide stueck und ein iglichs ynn sonderheit gnugsam ursach ist, allen krieg  zu widderraten. Denn das wil ich keinem heiden noch Tuercken raten, schweigedenn  eym Christen, das sie angreiffen odder krieg anfahen (welchs ist nichts  anders denn zu blut vergissen und zu verderben raten), da doch endlich kein  glueck bey ist, wie ich auch yn buechlin von kriegsleuten geschrieben habe.1 So  gelinget es auch nymer nicht wol, wenn ein bube den andern straffen und  nicht zuvor selbs frum werden wil.

 

Aber uber alles bewegte mich, das man unter Christlichem namen  widder den Tuercken zu streiten fuer nam, leret und reitzet, gerade als solte  unser volck ein heer der Christen heissen widder die Tuercken als widder  Christus feinde, Welchs ist stracks widder Christus lere und namen. Widder  [Matth. 5, 39] die lere ists, da er spricht, Christen sollen dem ubel nicht widder streben,  nicht streiten noch zancken, nicht rechen noch rechten. Widder seinen namen  ists, das ynn solchem heer villeicht kaum funff Christen sind und villeicht  erger leute fur Gott denn die Tuercken, und wollen dennoch alle den namen  Christi fueren, Welchs ist denn die aller groesseste suende, so kein Tuercke thut.  Denn es wird Christus name zu suenden und schanden gebraucht und geunehret,  Welchs denn gar sonderlich geschehe, wo der Bapst und die Bisschoffe mit ym  kri