Luther,
Martin 1483 –1546
D. Martin
Luthers
Werke.
Kritische
Gesammtausgabe.
15. Band.
Weimar
Hermann
Böhlaus Nachfolger 1899.
Vorwort.
1899
[Seite iii]
Wir legen
hier den 15. Band der kritischen Ausgabe der Werke Martin Luthers vor. Er
enthält die Schriften und Predigten des Jahres 1524, erstere bearbeitet von
Pastor Lic. O. Albrecht in Naumburg a. d. Saale, letztere von Pfarrer D. G.
Buchwald in Leipzig. Mein Antheil an der Bearbeitung der Schriften geht nicht
über dessen gewöhnlichen, allerdings nicht kleinen Umfang hinaus, abgesehen von
einem Falle, in dem ich für Lic. Albrecht die Vergleichung eines Textes
übernehmen mußte, weil dieser uns nur hier in Berlin zugänglich wurde. An der
Bearbeitung der Predigten mußte mein Antheil größer sein, wenn eine durch
Umstände, die von der Lutherausgabe unabhängig sind, geforderte längere
Abwesenheit D. Buchwalds von Leipzig das Fertigwerden des Bandes nicht allzu
weit hinauszögern sollte. So rühren nicht nur die allgemeine Einleitung zu den
Predigten und die Aufstellung der Übersicht, sondern auch die einzelnen
Predigten vorausgeschickten kritischen Erörterungen durchaus von mir her, und
ich habe meist dafür auch äußerlich die Verantwortung durch Unterzeichnen
übernommen. Einleitung und Übersicht wurden im wesentlichen ebenso gestaltet
wie in Band 20 die der Predigten von 1526, kleine Änderungen werden, wie ich
hoffe, als Besserungen anerkannt werden. — Eine veränderte Auffassung über das
Verhältniß der drei alten Predigtverzeichnisse habe ich angedeutet, aber ihr
praktische Folge noch nicht gegeben, weil die grundlegende Gesammterörterung
dieses Verhältnisses noch aussteht. Auch die Zweifel, welche gegen die bisher
angenommene Zuverlässigkeit der Zeitangaben Georg Rörers aufgetaucht sind, sind
vorläufig nur (in den Nachträgen zu S. 653)
[Seite iv]
angedeutet
und ihre weitere Verfolgung der Einleitung zu den Predigten des Jahres 1525
vorbehalten worden. In beiden Fällen macht sich der Mangel einer die gesammte
Überlieferung vorweg erwägenden kritischen Sichtung des so umfangreichen
Predigtenmaterials fühlbar. Dieser Mangel, der übrigens bei anderen
wissenschaftlichen Unternehmungen von oft viel geringerem äußerem Umfange
ähnlich zu Tage getreten ist und zu Tage tritt, der auch im besonderen aus der
Geschichte der Lutherausgabe begreifbar ist, läßt sich nicht aus der Welt
schaffen, die Milderung seiner Wirkung aber ist von mir stets angestrebt worden
und wird weiter angestrebt werden.
Die Redaktion
der sprachlichen Vorbemerkungen und der sprachlichen Lesarten, vielfach auch
die Fassung des Berichtes über Urdruck und Nachdrucke und ihr Verhältniß rührt
in diesem Bande von Dr. Arnold E. Berger her.
Was an
Stücken, die nach 1524 gehören, in diesem Bande vermißt wird, ist wie Luthers
Vorreden zu seiner Übersetzung des Hiob, der Sprüche und des Predigers Salomo,
die erste Vorrede zur Psalterübersetzung, sowie ferner das Vorwort zum
“Geistlichen Gesangbüchlein” in die Ausgabe der Bibelübersetzung und der Lieder
Luthers verwiesen. Oder es wird wie beispielsweise “Ein kurze Unterrichtung,
worauf Christus seine Kirche oder Gemeine gebauet hat” (Enders 4, 210) oder “D.
M. Luthers verteutschte Schrift an das Kapitel zu Wittenberg” (Enders 4, 285)
beide 1524 gedruckt, in der Briefsammlung seine richtige Stelle finden. Die
wahrscheinlich 1524 gehaltenen Vorlesungen über Hosea sind mit den übrigen über
die kleinen Propheten bereits in Band 13 mitgetheilt, die ins Jahr 1524
fallenden Predigten über die Genesis stehen in Band 14, die über den Anfang der
Exodus werden zusammen mit den weiteren den Band 16 bilden.
Die
Bearbeiter dieses Bandes haben sich in der Interpunktion wieder mehr der in
unserer Ausgabe herkömmlichen Sparsamkeit befleißigt und sich möglichst auf die
in den Drucken jener Zeit gangbaren Interpunktions zeichen (nur das; kann nicht
ganz entbehrt werden) beschränkt; in längeren Sätzen haben die ( ) öfter gute
Dienste gethan.
Die ältesten
Gesammtausgaben, die Wittenberger, Jenaer sowie die beiden Eislebischen Bände
sind bei den Schriften (und Predigten) dieses Bandes regelmäßig verglichen
worden für Stellen, die eine sachliche oder sprachliche Schwierigkeit
enthalten. Zu dem “Briefe an die Christen zu Straßburg” sind alle wichtigeren
Abweichungen der Wittenberger Ausgabe verzeichnet worden, weil der Brief in
demjenigen Theile des II. deutschen Bandes (1548) steht, der, wie Joh.
Haußleiter nachgewiesen hat, noch zu Lebzeiten Luthers
[Seite v]
gedruckt
worden ist. Dadurch erhält der hier gegebene Text wenigstens äußerlich etwas
von dem Charakter einer Ausgabe letzter Hand. Diesem wollten wir durch
reichlichere Mittheilung der Lesarten gerecht werden und werden so auch in den
andern gleichliegenden Fällen verfahren. Vgl. des näheren unten S. 387.
Unsere
Ausgabe darf in D. Dr. Joh. Haußleiter, Professor an der Universität
Greifswald, einen neuen Mithelfer am Werke begrüßen. Er hat sich bereit
erklärt, die Bearbeitung von Luthers Vorlesung über den Galaterbrief (1531) zu
übernehmen und die Kommission hat ihm diese übertragen.
Berlin, am
Johannistage 1899.
Dr. Paul
Pietsch
Professor an
der Universität Greifswald.
[Seite vii]
1899
[Seite vii]
Seite
Vorwort III
Vorwort zu
Bugenhagens In Librum Psalmorum Interpretatio. 1524 1
An die
Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten
und erhalten sollen.1524 9
Ein
christlicher Trostbrief an die Miltenberger, wie sie sich an ihren Feinden
rächen sollen, aus dem 119. Psalm. 1524 54
Eine
Geschicht, wie Gott einer Klosterjungfrau ausgeholfen hat. Mit einem Sendbrief
M. Luthers. 1524 79
Wider das
blind und toll Verdammniß der siebenzehn Artikel von der elenden schändlichen
Universität zu Ingolstadt ausgangen. Martinus Luther. Item der Wiener Artikel
wider Paulum Speratum sammt seiner Antwort. 1524 95
Duae
episcopales bullae super doctrina Lutherana et Romana. 1524 141
Daß Eltern
die Kinder zur Ehe nicht zwingen noch hindern, und die Kinder ohne der Eltern
Willen sich nicht verloben sollen. 1524. 155
Wider den
neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden. 1524 170
Ein Brief an
die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührischen Geist. 1524 199
Ein Sendbrief
des Herrn Wolfen von Salhausen an Doctor Martinus und Antwort Martin Luthers.
1524 222
Ein Sendbrief
an Burgermeister, Rath und ganze Gemeine der Stadt Mühlhausen. 1524 230
Zwei
kaiserliche uneinige und widerwärtige Gebote den Luther betreffend. 1524 241
Von
Kaufshandlung und Wucher. 1524 279
Wes sich
Doctor Andreas Bodenstein von Karlstadt mit Doctor Martino Luther beredet zu
Jena, und wie sie wider einander zu schreiben sich entschlossen haben. Item die
Handlung Doctor Martini Luthers mit dem Rath und Gemeine der Stadt Orlamünd, am
Tag Bartholomäi daselbst geschehen. [Acta Ienensia.] 1524 323
[Seite viii]
Der 127.
Psalm ausgelegt an die Christen zu Riga in Liefland. 1524 348
Ein Brief an
die Christen zu Straßburg wider den Schwärmergeist. 1524 380
Predigten des
Jahres 1524 398
Übersicht über dieselben 405
Die in
gleichzeitigen Einzeldrucken erschienenen Predigten sind die folgenden:
Ein Sermon
von der Beichte und dem Sakrament. Item vom Brauch und Bekenntniß christlicher
Freiheit (1524) 438. 481. 497
Ein Sermon
von der Freiheit der Gewissen über das 15. Kapitel der XII Boten Wirkung (1525)
571
Zwo Sermon
auf [Auslegung über] das 15. und 16. Kapitel in der Apostelgeschichte (1526)
572. 609
Ein Sermon am
11. Sonntag nach dem Pfingsttag [Trinitatis], darin die größten Hauptstück
eines christlichen Lebens beschlossen sind (o. I. und 1524) 662
Ein Sermon
auf das Evangelium Matth. 9 vom Reich Christi, welches stehet in Vergebung der
Sünden usw. (1525) 696
Vom Reiche
Gottes, was es sei und wie &c.. (o. I. und 1525) 721
Ein Sermon
von des jüdischen Reichs und der Welt Ende (1525) 738
Ein Sermon
von der höchsten Gotteslästerung, die die Papisten täglich brauchen, so sie
lesen den antichristlichen Canon in ihren Messen (1525) 760
Anhang zu den
Predigten des Jahres 1524.
Sermon von
der Beschneidung. Item ein geistliche Auslegung der Zeichen in Sonne, Mond und
Gestirnen (1524) 804
Nachträge und
Berichtigungen 811
[Seite 1]
[Einleitung]
1899
[Seite 1]
Aus der
ersten theologischen Vorlesung, welche Bugenhagen in Wittenberg über die
Psalmen hielt, entstand sein umfangreicher lateinischer Kommentar. In der
Widmung an Kurfürst Friedrich, datirt vom 30. Dezember 1523 (Anno 1524 Feria
quarta ante Circumcisionis Dominicae diem), spricht sich der Verfasser näher
über die Entstehungsgeschichte und Eigenart seines Werkes aus. Da hören wir,
daß Viele die Veröffentlichung seiner Vorlesungen gewünscht hätten, auch
Luther. Wenn dieser freilich fortgefahren hätte, wie er begonnen, über die noch
übrigen Psalmen zu schreiben, so würde Niemand wünschen, seine (Bugenhagens)
Auslegung auch nur zu sehen. Er schreibe also, aber erst mitten in der Arbeit
sei ihm klar geworden, welche Last er übernommen, nie jedoch hätte er ans Abbrechen
gedacht. Oft habe er bei Lampenlicht geschrieben, wenn er Tags über wegen
seiner öffentlichen Vorlesungen nicht die Zeit gefunden. Zuweilen hätte er die
Arbeit mehrere Tage unterbrechen müssen “et per partes Basileam auferebatur
quod scripseram, ut etiam in posterioribus psalmis videre non liceret quod in
prioribus tractassem, nisi ea, quae pauca mihi annotaveram”. In der ersten
Ausgabe steht an dieser Stelle eine gedruckte Randbemerkung mit Hinweis auf
das, was am Ende des Werkes noch über ein Druckversehen beim 109. Psalm
angemerkt sei, und dort am Ende werden die Satzfehler mit dem wiederholten
Hinweise entschuldigt “quomodo scribenti per partes exemplar Basileam ablatum
sit”. Diese erste Ausgabe ist nun im Monat März 1524 bei Adam Petri in Basel erschienen.
Als aber Bugenhagen jenes Vorwort am 30. Dezember 1523 schrieb, war nach dem
Gesagten der Druck des Werkes schon in vollem Gange und zwar, wie wohl aus der
erwähnten Randbemerkung hervorgeht, mindestens bis zum 109. Psalm (p. 613)
vorgeschritten; das Vorwort wird dann alsbald mit dem letzten Stück des
Manuskripts nach Basel abgegangen sein, gleichzeitig die kurzen empfehlenden
Vorreden Luthers und Melanchthons. Verfaßt ist demnach Luthers Vorrede, die uns
hier beschäftigt, wenn nicht
[Seite 2]
schon Ende
Dezember 1523, so doch unmittelbar darauf; gedruckt ist sie erstmalig in Basel
auf demselben Bogen, der Bugenhagens Vorwort brachte und mit gesonderter
Signatur an den Anfang des vollendeten Werkes gestellt worden ist.
Bugenhagen
selbst urtheilte bescheiden über den Werth seines Werkes und betonte in dem
Vorwort ausdrücklich, daß er keinen gelehrten wissenschaftlichen Kommentar
bieten wolle: Si quis erudite scripta requirat, fallitur. Eruditio enim illa,
quam vocant, a me nunquam est expectata. Veritatem dei per Christum scripsi,
alius addat, si velit, eruditionem. Es komme ihm nur an auf ein simplicissime
interpretari, und zwar ex scripturis sacris et servato contextus ordine auf
eine genuina psalmorum interpretatio secundum interpretationem prophetarum
Christi et Apostolorum. Das überschwängliche Lob, das Luther der Arbeit seines
Freundes widmet1, mag uns auf den ersten Blick befremdlich erscheinen. Das
besonnene Urtheil eines neueren Fachmannes (L. Diestel, Gesch. des A. T. in der
christl. Kirche 1869. S. 269) faßt sich in folgende Sätze zusammen: “Den Sinn
giebt Bugenhagen fleißig an, meist reproducirend, weniger im Einzelnen
entwickelnd. Seine Kenntniß des Hebräischen ist dürftig: er will [so deutete
Bugenhagen selbst im Vorwort an] die gangbare lateinische Übersetzung theils
nach der LXX theils nach der des getauften Juden Felix Pratensis (Venedig 1515,
dann Hagenoae 1522, vgl. Le Long bibl. sancta ed. Masch. I, 9) verbessern.
Überall streut er geschichtliche Parallelen ein, aber nur in erbaulicher
Beziehung. Die Strenge des grammatischen Sinnes weicht bei ihm der christlichen
und theologischen Emphase. Das Buch erscheint ihm als ein völlig christliches;
denn nicht der fromme Dichter, sondern der hocherleuchtete Prophet David ist
Hauptverfasser. Daher sind überall Beziehungen auf Christus, meist direkt, fast
typisch. Diese Emphase gefährdet daher die Einheit des Sinnes; so geht z. B.
der beatus vir Ps. 1, 1 zunächst auf Christus selbst, dann auf alle, die in
Christo sind, endlich auf die vorchristlichen Frommen. Ps. 19 geht auf die
Verbreitung des Christenthums nach dem Pfingstfest. Jerusalem und Zion sind
stets Typen der Kirche. Treten also die wissenschaftlichen Vorzüge sehr zurück,
so ist er doch geistreich in der Anknüpfung erbaulicher Gedanken”. Der neueste
Biograph Bugenhagens, H. Hering, erkennt treffend in diesem Mangel, in der
Einseitigkeit unhistorischer Auslegung, doch einen gewisen Gewinn: “Das Alte
Testament, obwohl unvermittelt im Lichte des Neuen ausgelegt, verschmolz sich
so mit dem Geistesleben der evangelischen Christenheit. Die Seelenstimmungen
der Psalmisten gestalteten sich zu einem Bilde der Reformation nach ihren
innerlichsten Bezügen. Der Psalter wurde das Gebet- und Liederbuch der damals
sich sammelnden evangelischen Gemeinde”; daneben sei zuzugeben, daß mit Luthers
Psalmenauslegungen, die durch Feuer des Geistes, Tiefsinn und dankenfülle noch
heute anziehen, Bugenhagens Kommentar keinen Vergleich aushalten könne;
“obschon bei seiner Abfassung Luthers Operationes in psalmos benutzt worden
sind, ist er verständig klarer, prosaischer, vielleicht ist er hierdurch grade
manchem der Zeitgenossen zugänglicher geworden”. Die wiederholten Auflagen
bestätigen das Letztere.
[Seite 3]
Luthers hohes
Lob, Bugenhagen sei auf der ganzen Welt der Erste, welcher ein Interpret des
Psalters zu heißen verdiene u. s. f., erklärt sich aus der Freude des
Reformators, daß dieses schönste Buch des Alten Testaments hier zum ersten Mal
vollständig und im evangelischen Verstand ausgelegt worden war, während seine
eigene aus den Vorlesungen von 1519 –1521 entstandene ausführliche Auslegung,
die sogen. Operationes in psalmos, zu seinem Bedauern nur bis Psalm 22 gediehen
war, da er, von der Tyrannei der Papisten gezwungen, seine “Harfe an den Weiden
jenes Babylon aufhängen” mußte. Auch später im Vorwort zu der 1527 erschienenen
Übersetzung der 9 ersten Psalmen von Stephan Roth hat Luther das dem Werke
Bugenhagens gespendete Lob wiederholt (vgl. Uns. Ausg. Bd. V S. 1 ff. 7. 11.
17). Für die Mängel der exegetischen Methode Bugenhagens hatte er keinen klaren
Blick, aber in der geistreich erbaulichen Weise, in der hier aus den Psalmen
die evangelischen Wahrheiten herausgelesen wurden, erkannte er eine echte
Frucht des Geistes Christi, des Schlüssels Davids, und einen neuen Anlaß zur
Danksagung für den göttlichen Segen, der in der fortschreitenden und immer
reicheren Erschließung des ursprünglichen Gotteswortes durch Schaaren von
Evangelisten sich bezeuge.
Eine deutsche
Übersetzung des Kommentars und seiner Vorreden durch Butzer (dieser nennt sich
in dem Vorwort als Übersetzer), erstmalig im Januar 1526 erschienen, spielte im
Abendmahlsstreit der nächsten Jahre eine gewisse Rolle. Die betreffenden Akten
dieses Streites sind dann von Butzer veröffentlicht; man vergleiche dazu die
bibliographischen Notizen bei Mentz-Erichson, Festschrift zu Butzers 400
jähriger Geburtstagsfeier (1891) S. 110 f. Nr. 14 und S. 111 f. Nr. 17, ferner
Röhrich, Gesch. d. Ref. im Elsaß I (1830) S. 305, Baum, Capito u. Butzer (1860)
S. 365 ff., De Wette III S. 201 ff. = Enders V S. 384 ff., Unsere Ausg. Bd.
XIX, S. 462 ff.
Vgl. noch
Vogt, Joh. Bugenhagen Pomeranus (1867) S. 39 ff.; Hering, Doctor Pomeranus
(Ver. f. Reformationsgesch. 1888) S. 18 f. 30 f. 119. 165; Unsere Ausg. Bd. V
S. 1 ff.; Köstlin 2 I S. 616.
Ausgaben.
A “IOANNIS ||
POMERA- || NI BVGENHAGII IN LI- || BRVM PSALMORVM || INTERPRETATIO, ||
VVITTENBERGAE || publice lecta. || [Zierleiste] || BASILEAE || ANNO M.D.XXIIII.
|| MENSE MARTIO. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 387 Blätter
in Quart (6 unbezifferte Blätter und 762 bezifferte Seiten). Am Ende:
“BASILEAE, APVD ADAMVM || Petri, Mense Martio Anni || M. D. XXIIII. ||”
Luthers
Vorwort steht auf der Titelrückseite
In einigen
Exemplaren (z. B. Dresden, Halle) steht Z. 6 VVITTEMBERGAE.
Vorhanden in
Berlin, Breslau St. und U., Dresden, Eisleben Andreasbibl., Erlangen U.,
Gießen, Gotha, Greifswald, Halle U., London, Lübeck, München HSt., Straßburg
U., Wien, Wittenberg.
B “[schwarz]
IOANNIS PO || [roth] MERANI BVGEN || [schwarz] HAGII IN LIBRVM PSALMO- ||
[roth] RVM INTERPRETATIO. || [schwarz] ❧ || [roth] EXCVSA [schwarz] ANNO. M. D. || XXIIII. [roth]
MENSE IVLIO. || [schwarz] ❧ ❧ || [roth] ❧ ||” 164 Blätter in Folio
[Seite 4]
[Nachträge
und Berichtigungen]
(4
unbezifferte Blätter, 318 bezifferte Seiten und ein leeres Blatt) Am Ende:
“LAVS DEO. || EXCVSVM ANNO || M. D. XXIIII. || die XXIII. Mensis || IVLII. ||”
Luthers
Vorwort steht Bl. 2a.
Vorhanden in
der Knaakeschen Slg., Berlin, Breslau U., Erlangen U., Freiburg i. B., München
HSt., Rostock U., Wernigerode.
C “IOANNIS ||
BVGENHA || GII POMERANI IN LI- || BRVM PSALMORVM || INTERPRETATIO, ||
VVITTEMBERGAE || publice lecta. || DENVO IAM AB IPSO AVTORE || magna diligentia
& labore recognita || & multis locis emendata. || Cum indice. ||
BASILEAE || ANNO M. D. XXIIII. || MENSE AVGVSTO. ||” Mit Titeleinfassung.
Titelrückseite bedruckt. 398 Blätter in Quart (16 unbezifferte Blätter, 762
bezifferte Seiten und ein leeres Blatt, auf dessen Rückseite das
Druckerzeichen). Am Ende: “BASILEAE, APVD ADAMVM || Petri Mense Augusto Anni ||
M. D. XXIIII. ||”
Luthers
Vorwort steht auf der Titelrückseite. Titeleinfassung wie in A.
Vorhanden in
Darmstadt, Freiburg i. B., Hannover, Leipzig U., Wernigerode, Wien.
D “❧ IO ❧ POME- || RANI
BV || GENHAGII IN LIBRVM || PSALMORVM INTER- || pretatio, Vuittembergæ ||
publice lecta. || [Druckerzeichen] || NVREMBERGAE, ANNO M. || D. XXIIII. MENSE
|| AVGVSTO. ||” Titelrückseite bedruckt. 366 Blätter in Quart. Letzte Seite
leer. Am Ende: “NOREMBERGAE, APVD IO. || Petreium, Mense Augusto Anni || M.D.
XXIIII. ||”
Luthers
Vorwort steht auf der Titelrückseite.
Vorhanden in
Dresden, Freiburg i. B., Greiswald, Leipzig St. und U., München HSt., Wien,
Zittau.
E “IOANNIS
PO- || MERANI BV- || GENHAGII, IN LIBRVM PSAL- || MORVM INTERPRETATIO, ||
VVITTEMBERGAE PV- || BLICE LECTA. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite
bedruckt. 318 (6 ungezählte und 312 gezählte) Blätter in Quart. Letzte Seite
leer. Am Ende: “ARGENTORATI EXCVDEBAT || IOHANNES KNOBLOVCHVS. || ANNO.
M.D.XXIIII. || MENSE AVGVSTO. || * ||”
Luthers
Vorwort steht auf der Titelrückseite.
Vorhanden in
der Knaakeschen Slg., Berlin (2), Bonn, Erlangen U. (unvollst., darin
hdschrftl. Bemerkungen: ‘Emptus xvij solidis’ und ‘Emptus a me Georgio Sigellio
56 antiqs numis 1538’), Freiburg i. B., Lübeck (die 6 ersten Blätter fehlen),
München HSt., Rostock U., Straßburg U.
F “[roth]
PSALTERIVM || [schwarz] DAVIDIS, || [roth] AD SACROSANCTAE SCRI- || PTVRAE
SENSVM, IVXTA VERITATEM HE- || [schwarz] braicam, in Latinam linguam recens
conuer- || sum, Annotationibus pijs ac luculentis, Vna cum integris in totum
Psalte- || rium Commentarijs, in Academia Vuittembergensi publice ||
praelectis, illustratum.|| [roth] Autore Ioanne Bugenhagio [so] Pomerano, ||
[schwarz] Ecclesiaste Vuittembergen̄. || [roth] 1. Regum 18. ||
[schwarz] Percußit Saul
[Seite 5]
[Nachträge
und Berichtigungen]
mille, &
Dauid decem millia. || [Titelbild] || Franc. Apud Chr. Egenolphum. ||”
Titelrückseite bedruckt. 518 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende: “BASILEAE,
APVD ADAMVM || Petri, Mense Martio Anni || M. D. XXIIII. ||”
Luthers
Vorwort steht Bl. *8ab.
Vorhanden in
Berlin, Zittau (unvollst.).
G wie F, doch
lautet die Schlußschrift: “BASILEAE APVD ADAMVM || Petri, Mense Augusto Anni ||
M. D. XXIIII. ||”
Vorhanden in
Dresden, Freiburg i. B., Wien.
H “IOANNIS
BVGENHAGII || POMERANI IN LIBRVM || PSALMORVM INTER || PRETATIO, VVIT- ||
TEMBERGAE PVB- || LICE LECTA. || AB IPSO AVTORE ADDI- || ta est emendatio eorum
quæ ne || gligenter ante excusa erant. || ADDITA EST ETIAM ORATIO, || de
Psalterio Germanice per Buce || rum translato. || Cum Indice. || VVittembergæ
Anno M. D. XXVI. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 402 Blätter
in Quart (20 ungezählte Blätter, 762 bezifferte Seiten und ein leeres Blatt).
Am Ende: “VVittembrge [so] Apud Iosephum Clug. Mense Septembri. || Anno domini.
M. D. XXVI. ||”
Luthers
Vorwort steht Bl. a4b –b1a.
Vorhanden in
Breslau St., Erfurt Martinstift, Lübeck, Straßburg U., Wolfenbüttel, Zittau.
I “IOANNIS BV
|| GENHAGII POMERANI IN PSAL || terium Dauidicum Auctarium, ultimaq; manus
medita- || tionum seu commentariorum. Quod nõ hoc consilio ut || liber
cresceret accessit, sed potius prioribus, quæ autor in || hoc argumenti genere
scripsit, necessario superaddendũ || uisum fuit. Cæterum quibus hæc non
sunt, hi non existi- || ment se iusta & integra Pomerani in Psal- || mos
habere commentaria. || ACCESSIT ET COMMENDATIO || insignis Psalterij Dauidis D.
Mar- || tini Lutheri. || BASILEAE, MENSE AVGVSTO. || ANNO M. D. XXXV. ||” 530
Blätter in Quart. Auf der Rückseite des letzten Blattes Druckerzeichen. Auf der
Rückseite des vorletzten Blattes: “BASILEAE EXCVDEBAT HENRICVS || PETRVS,
COMMVNIBVS IMPEN || SIS IOAN. BEBELII. MENSE || AVGVST. AN. M. D. XXXV. ||”
Luthers
Vorwort steht auf Bl. a 2b f.
Vorhanden in
Breslau U., Greifswald, Halle Marienbibl., Lübeck, Rostock U., Wien.
Die
Übersetzung Butzers.
a “PSalter
wol ver || teutscht ausz der heyli- || gen sprach. || Verklerung des Psalters,
|| fast klar und nutzlich, Durch Johann Bu- || genhag auß Pomern, Von dem
Latein || inn Teutsch, an vil orten durch || jn selbs gebessert. || Mit
ettlichen vorreden, am || anfang, wol zů mercken. || Vergattung der
Psalmen, || vn̄ Summarien, zů Christlichē brauch fast troestlich.
|| Zeyger der materien vnd || innhalt, so inn der außlegung
[Seite 6]
[Nachträge
und Berichtigungen]
gehandlet. ||
Der Psalmen anfang, zů || Latein vnnd Teutsch, mit iren zweyspelti || gen
zalen verzeychnet. || Gedruckt zů Basel, || durch Adam Petri, im iar. ||
M. D. XXVI. ||” Mit Titeleinfassung. 235 Blätter in Folio (24 ungezählte, 210
gezählte Blätter und ein leeres Blatt, auf dessen Rückseite das
Druckerzeichen). Am Ende: “Gedruckt zů Basel durch || Adam Petri, im
Jenner, des iars || M. D. XXVI. ||”
Luthers
Vorrede steht Bl. aiiij.
Vorhanden in
Berlin K. (2) und St., Freiburg i. B., Gießen, Kiel U., Königsberg U., Leipzig
St., London, Lübeck, München HSt., Schlettstadt St. Stuttgart, Wien,
Wolfenbüttel, Zwickau. Nach Weller auch in Bern, St., Gallen Stadtbibl.,
Greifswald (?), Schaffhausen Min.-Bibl., Tübingen Zürich St.
b “PSalter
wol || verteutscht auß der hey- || ligen sprach. || Verklerung des Psalters,
Durch Jo || hann Bugenhag auß Pomern, Von || dem Latein inn Teutsch, an vil
orten || durch jn selbs gebessert. || Mit ettlichen vorreden, am anfang, ||
.... [7 Zeilen] .... || verzeychnet. || Gedruckt zů Basel durch Adam
Petri, || im iar, M. D. xxvj. ||” Mit Titeleinfassung. 908 Blätter in Oktav.
Letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zů Basel || durch Adam Petri, im
Jenner, || des iars M. D. XXVI. |”
Luthers
Vorwort steht Bl. a 7bfg.
Vorhanden in
Dresden (unvollst.), Königsberg U., Straßburg Wilhelmstift Wernigerode
(unvollst.), Wien, Wolfenbüttel.
Der von
Panzer Nr. 2956 angeführte Druck “Psalter wol verteutscht aus der heiligen
Sprach. Verklerung des Psalters durch Johannem Bugenhagen aus Pommern, von dem
Latein in Deutsch an viel Orten durch ihn gebeßert u. s. w. Gedruckt zu Basel
durch Adam Petri 1526. 8°.” ist wohl kein anderer, als unser b, wenigstens ist
uns von einer zweiten Oktavausgabe aus Petri's Verlag nichts bekannt geworden.
c “[roth]
Psalter, Sampt der Außlegung || vnd verklerung D. Johann Bu- || genhagen auß
Pomern, || [schwarz] Vom Latein in Deutsch || gebracht, vnd an vielen orten
gemehret || vnnd gebessert. || [roth] Mit etlichen Vorreden, vnd an- ||
[schwarz] dern nuetzlichen Anleytungen, im anfang wol zu mercken. || ... [3
Zeilen betr. Index am Ende] ... || [roth] Gedruckt zu Nuernberg, durch Johann
vom || [schwarz] Berg, vnd Vlrich Newber. || [roth] Anno, M. D. LXIII. ||” 358
Blätter (17 ungezählte, 334 gezählte und 7 Blätter Index) in Folio, davon 2
leer; vor dem Schlußregister noch einmal Angabe des Druckers.
Luthers
Vorrede steht Bl. Aija.
Vorhanden in
Berlin, Dresden, Gießen, Wernigerode.
d “[roth] Der
gantze Psalter || des heiligen Koenigklichen Pro- || [schwarz] pheten Dauids,
mit besonderm trewem fleisz, laut || vieler warhafftigen gelerten leut zeugnuß,
Christlich || vnd troestlich erklert vnd außgelegt, [roth] durch den erleuchten
vnd wolge- || [schwarz] lerten Christlichen Herrn D. [roth] Johann [schwarz]
Bu- || genhagen [roth] Pomera-
[Seite 7]
num. || ...
[8 Zeilen] ... || [roth] Gedruckt zu Nuernberg, durch Dietrich Gerlatz. ||
[schwarz] M. D. LXX. ||” 358 Blätter in Folio. Bl. 334b: “Gedruckt zu
Nuernberg, || durch Johann vom Berg, vnd || Vlrich Nember. ||”
Luthers
Vorwort steht Bl. A 2a. Vorhanden in Rostock U.
Die
niederländische Übersetzung, von der uns zwei Ausgaben bekannt sind (1. in
Quart: “Gedruct te Basel bi mi Adam Anonymus. || Int Jaer ons HEEREN || M. D.
XXVJ. ||” 2. in Folio: “Ghedruckt te Geneue, door Petrum Ste- || phanum van
Gendt” um 1530), enthalten dies Vorwort Luthers nicht.
Mit der
Überschrift Epistola D. Mart. Lutheri praefixa Commentario D. Ioannis Pomerani
in Psalterium steht unser Vorwort bei Aurifaber, Epp. Luth. II (1565) Bl. 241.
Ferner in den Gesammtausgaben lateinisch nur Erlangen Opp. var. arg. VII S. 502
–503; deutsch (nach Butzers Übersetzung): Eislebener Ergänzungsband I (1564)
Bl. 185b –186, Altenburg Bd. II S. 519 –520, Leipzig Bd. XII S. 79; Walch Bd.
XIV Sp. 177 –179 vgl. Sp. 16 f.
Wir drucken
den Text nach A und notiren die wenigen Abweichungen der andern Drucke.
[Seite 8]
[1] M. LVTHER
PIO LECTORI GRATIA
[2] ET PAX.
1524
[Seite 8]
[Nachträge und Berichtigungen]
[ 1 Luther. B
Lutherus, I 9 est fehlt H 14 Quod] Nam H 15 suijpsius D 17 etsi] & si alle
Drucke 32 Psalmo .67. E Psalmus sexagesimus septimus I]
[3] [Eph. 1,
3] Benedictvs deus et pater domini nostri Iesu [4] Christi, qui nos hoc seculo
rursum benedixit omni [5] benedictione spirituali coelestium rerum et
abundantia [6] [Ps. 147, 14 –17] frumenti et vini electorum suorum nos satiat,
[7] missoque verbo suo liquefacit Christallum, pruinam [8] et nebulam, ante
quorum frigus hactenus nemo [9] potuit subsistere. Ex eorum numero est et hic
[10] Ioannes Pomeranus Episcopus Ecclesiae Wittembergensis [11] voluntate dei
et patris nostri, per cuius [12] ministerium tibi, charissime lector, donatur
hoc psalterium spiritu Christi, [13] [Offb. 3, 17] qui est clavis David,
resignatum. Quod ut multis verbis ornem, non est [14] operaeprecium, Quod
abunde satis tibi (scio) commendatum erit non meo [15] testimonio, sed suo
ipsius argumento, quo te coget (si legeris) testificari [16] [Eph. 3, 5. 9]
spiritum esse, qui loquitur mysteria haec a tot seculis abscondita. Nam [17] ut
conferri possit tam priscorum quam recentiorum commentariis, etsi odiosum [18]
est statuere, audeo tamen dicere, A nemine (cuius extent libri) esse [19]
psalterium David explicatum, Esseque hunc Pomeranum primum in orbe, [20] qui
psalterii interpres dici mereatur. Adeo caeteri fere omnes tantum opinionem
[21] quisque suam eamque incertam in hunc pulcherrimum librum congessit, [22]
Hic vero iudicium spiritus certum te docebit mirabilia. Porro et [23] ego
aliquando in hoc libro coepi operam impendere, sed papistarum tyrannis [24]
[Ps. 137, 2] suspendere me coëgit organum meum in salicibus Babyloniae istius1.
Verum [25] Christus meam sortem vindicavit gloriose. Nam loco mei unius, cuius
stillas [26] noluit ferre Satan, cogitur plurium et maiorum sustinere tonitrua
et cataractas. [27] Ita me oportet minui, illos vero crescere. Quare non est,
optime [28] lector, ut meum expectes psalterion amplius, sed mecum gaude,
gratulare et [29] gratias age Christo salvatori nostro, qui pro uno Luthero
paupere et tenui [30] iam ipsiusmet David, Isaiae, Pauli, Ioannis atque adeo
suiipsius tibi spem, [31] imo rem et copiam fecit clare et palam videndi,
audiendi et palpandi, non [32] [Ps. 68, 12] unius tantum calamo aut lingua, sed
exercitu multo, ut psal. 67. ait. Gratia [33] tecum, Amen.
[Seite 9]
[Einleitung]
1899
[Seite 9]
In einem
Briefe vom 28. Februar 1524 meldete der Humanist Michael Hummelberg aus
Ravensburg an Joachim Vadian in St. Gallen Neuigkeiten über Wittenberg, unter
Anderm von Luther Folgendes: nunc libellum aedidit ad Germanici imperii civitates
de constituendis scholis et exercitandis studiis literarum (vgl. Hartfelder,
Melanchth. Paedagogica 1892. S. 125). Demnach muß die große reformatorische
Schrift “An die Ratherren aller Städte deutsches Lands”, welche mit diesen
Worten gemeint ist, bereits im Anfang Februar, wenn nicht schon im Januar 1524
die Presse verlassen haben. Ihr erster Eindruck im Kreise der gebildeten
Zeitgenossen spiegelt sich in dem charakteristischen Satz eines Wittenberger
Studentenbriefs vom 8. April 1524: Totus fere libellus — so schrieb Felix
Rayther an Thomas Blaurer — encomion est linguarum, in quo, de argumentis
loquor, cernendus Germanicus Cicero (vgl. Hartfelder a. a. O. S. 134). Eben
dieses, daß Luther hier die Sache der Sprachstudien, überhaupt der gelehrten Bildung
gegen allerlei Verächter so beredt vertheidigt habe, lobt auch Melanchthon als
ihre bedeutsamste Eigenthümlichkeit in einem Vorwort, das er zu ihrer
lateinischen Übersetzung verfaßt hat.
Es ist in der
That eine Entscheidung von größter Tragweite für die Entwickelung der
evangelischen Kirche und des deutschen Geisteslebens gewesen, die Luther
getroffen hat, indem er die Unentbehrlichkeit der klassischen Studien und
überhaupt edler Geistesbildung für die Kirche nicht nur, sondern auch für den
Staat und allerlei weltliche Stände mit gewaltiger Beredsamkeit verkündete.
Anlässe zu
solcher öffentlichen Aussprache waren damals genug vorhanden.
Nur beiläufig
sei erinnert an Luthers Verhältniß zu den böhmischen Brüdern und an seine ihnen
im Jahre 1523 gewidmete Schrift “Vom Anbeten des Sacraments”, worin er unter
Anderm ihre Verachtung der Sprachwissenschaft tadelt; auch in der Schrift an
die Rathsherren kommt er in derselben Absicht auf die “Brüder Valdenses” zu
sprechen.
Viel
wichtiger war sein Widerspruch gegen die, “welche sich des Geistes rühmen”, die
durch taboritische Doktrinen und mancherlei Motive mittelalterlichen
Sektenthums beeinflußten Schwarmgeister, zunächst Thomas Münzer und Genossen,
[Seite 10]
[Nachträge
und Berichtigungen]
dann auch Carlstadt
und andere, welche grundsätzlich alle Gelehrsamkeit für schädlich, ja sündhaft
und teuflisch erklärten. Bekannt ist, daß in Wittenberg selbst seit 1522 durch
Carlstadts Einfluß zeitweise die Universitätsstudien in Verachtung geriethen
und die Stadtschule einging, welche letztere unter Luthers Mitwirkung erst im
Herbst 1523 von Bugenhagen wieder ordentlich eingerichtet wurde; ferner daß zur
selben Zeit die blühende Hochschule in Erfurt nicht zum wenigsten durch die
Schuld fanatischer evangelischer Prädikanten, die in Carlstadts Geist wirkten,
unaufhaltsam verfiel. Zwei Veröffentlichungen berühmter Erfurter Docenten aus
dem Jahre 1523, welche den bildungsfeindlichen Fanatismus jener Stürmer und
Schwärmer bekämpften, seien als direkte Vorläufer der freilich viel
umfassenderen Schrift Luthers an die Rathsherren aller Städte Deutschlands hier
erwähnt: einmal “De non contemnendis studiis humanioribus futuro Theologo
maxime necessariis aliquot clarorum virorum ad Eobanum Hessum Epistolae
(Erphurdiȩ Imprimebat Andreas Pictor Anno M. D. XXIII. ad festum
Diuini Ternionis)” darunter ein Brief von Luther (Enders 4, 118 ff.) und mit
drei Beilagen von Hessus. Sodann Johann Langes Sermon “Von menschlicher
Schwachheit &c..”, der, wie der wietere Titel andeutet, “auch von schulen
odder vniversiteten tzů erhalten” handelt. Eben hier im Kreise der
Erfurter Volksprediger wurde z. B. ausdrücklich behauptet, zum Verständniß der
Bibel sei Latein und Griechisch überflüssig, das Deutsche genüge.
Es ist
begreiflich, daß Luther diesen fremdartigen Geistern, die sich sehr zum Schaden
der guten Sache auf seine Auktorität beriefen und sogar mit seiner deutschen
Bibelübersetzung ihre eigene Verachtung der Wissenschaft rechtfertigen wollten,
nachdrücklich entgegentreten mußte. Etwa der vierte Theil der Schrift an die
Rathsherren ist der Widerlegung derartiger Behauptungen gewidmet. In dieser
Hinsicht reiht sie sich also denjenigen seiner Schriften an, welche zur
Auseinandersetzung mit der Schwarmgeisterei verfaßt sind.
Die Erfurter
Prädikanten aber waren nur Typen einer weit verbreiteten geistigen
Zeitströmung. Eben im Jahre 1524 wird uns aus verschiedenen Orten, z. B.
Nürnberg, Basel, Straßburg, ein ähnliches der Wissenschaft feindliches Treiben
evangelischer Volksprediger bezeugt. Und Melanchthon klagte schon im Jahre 1523
in einer encomion eloquentiae betitelten Rede, daß die Verachtung der
klassischen Studien ein wie durch Ansteckung weit verbreiteter Irrthum sei, und
zwar nicht bloß unter Theologen, die durch Verachtung der Studien grade als
rechte Theologen erscheinen wollten, sondern auch unter den Juristen und
Medicinern, welche auf kürzestem Wege zum gewinnbringenden Amt eilen möchten.
Zur Erklärung
dieser volksthümlichen Geringschätzung der gelehrten Studien in damaliger Zeit
wird man freilich nicht bloß auf die Einflüsse der Mystik Münzers und
Carlstadts zurückgreifen dürfen. Unverkennbar wirkten noch andere
zeitgeschichtliche Motive mit; theils wohl die in den Dunkelmännerbriefen und
sonst von gebildeten Zeitgenossen so scharf gegeißelte Abneigung der
scholastisch erzogenen Mönche gegen die neu erblühten Sprachwissenschaften (und
eben aus den Kreisen des Mönchthums zumeist stammten jene neuen Volksprediger),
theils besonders ein stark utilitaristischer Zug des Zeitgeistes. Im
Zusammenhang mit der schon im 13. und 14. Jahrhundert aufgeblühten städtischen
Kultur, ferner unter dem Einfluß des großen volkswirthschaftlichen Umschwungs
infolge der Entdeckungen und Erfindungen des Zeitalters hatte sich in weiten
Kreisen des deutschen Volkes ein
[Seite 11]
nüchterner,
auf bloßen Nutzen und Gewinn gerichteter Sinn festgesetzt; man bevorzugte die
deutschen Schreib- und Rechenschulen, die für den Handwerker- und Kaufmannstand
vorbildeten, denn — hieß es — “Gelehrte sind Verkehrte”. Sehr bezeichnend für
die Stellung des Reformators zur Bildungsfrage seiner Zeit ist es nun, daß er
nicht etwa diese deutschen Elementarschulen, in denen wir doch die Ansätze
einer Volksschule erkennen dürfen, bevorzugt, sondern ihnen gegenüber, deren
Berechtigung er nicht verkannte, die Nothwendigkeit gelehrter Bildung
nachdrücklich betont hat.
Luther
leugnet ferner nicht, daß in gewissem Sinne die neue Lehre des Evangeliums
selbst auf das bestehende Schulwesen zerstörend eingewirkt habe. “Hohe Schulen
werden schwach, Klöster nehmen ab, und will solchs Gras dürre werden, weil der
Geist Gottes durch sein Wort drein webet und scheinet so heiß drauf durch das
Evangelium”, sagt er im Eingang vorliegender Schrift. Aber er unterscheidet
doch (anders als die Schwärmer) scharf und klar zwischen den alten
“Teufelsschulen”, die auf den Pfaffen- und Mönchsstand vorbereiteten, deren
Verfall ihm eine erfreuliche Wirkung des Evangeliums ist, und zwischen den
neuen, unter dem Einfluß der wiedererblühten Sprachwissenschaften aufgekommenen
Schulen, für deren Gründung und Erhaltung er mit allem Nachdruck eintritt,
deren damals beginnenden Rückgang er lebhaft beklagt. Denn das Evangelium, das
für den scholastischen, klerikalen Lehrbetrieb von tödlicher Wirkung war, steht
nach seinem Urtheil mit der erneuerten Sprachwissenschaft vielmehr in
gottgewolltem, nothwendigem Zusammenhang; ausführlich und mit voller
Bestimmtheit behauptet er dies besonders gegenüber jenen Schwarmgeistern und
jener materiellen Gesinnung des “fleischlichen Haufens”.
Auch das
erkennt er unbefangen an, daß in Folge der mit der Reformation verbundenen
Erschütterungen durch das Eingehen zehlreicher Klöster, Stifter, Pfründen,
durch das Wegfallen vieler Zinsen, Gefälle usw. die äußeren ökonomischen Grundlagen
vieler Schulen zerstört worden seien. Denn er klagt hier über den Geiz und
Undank der Bürger und Obrigkeiten, die, durch das Evangelium von einer Menge
kirchlicher Abgaben befreit, jetzt nicht einmal einen Theil der früheren Opfer
freiwillig für das so wichtige Schulwesen zu spenden geneigt sind. Und soeben
erst hatte er bei dem ersten praktischen Reformversuch behufs ökonomischer und
rechtlicher Fundirung des Kirchen- und Schulwesens in Leisnig (Unsere Ausg. Bd.
XII S. 6 f.) gar trübe Erfahrungen gemacht. Aber die Schwierigkeiten, die ihm
hier grade seitens des Stadtraths bereitet wurden, lähmten doch nicht seinen
Muth und Eifer; eben an die Rathsherren aller deutschen Städte wendet er sich
jetzt, um ihnen eine gründliche Besserung des Schulwesens zur Pflicht zu
machen.
Im Hinblick
auf alle diese Verhältnisse hat neuerlich wieder Paulsen in seiner Geschichte
des gelehrten Unterrichts Bd. I2 (1896) S. 197 Luthers Schrift als einen
“Nothschrei, der durch die Thatsache des plötzlichen und allgemeinen Niederganges
des Unterrichtswesens seit dem Anfang der Kirchenrevolution ausgepreßt wird,”
bezeichnet; Luthers eifrige Vertheidigung der Sprachwissenschaft sei theils als
Inkonsequenz, theils als Nothbehelf zu beurtheilen. Diese
Geschichtsbetrachtung, auf Janssen, Döllinger und weiter zurück auf Erasmus und
Cochläus fußend, verkennt vor Allem den ungeheuren indirekten Werth, welcher
den reformatorischen Ideen in der Geschichte der Bildung und Wissenschaft
zukommt, die heilsame Befreiung und Zucht der Geister durch Reinigung der
sittlichen
[Seite 12]
Gesinnung,
die wir der Reformation verdanken. Jene Anschauung übersieht sodann, daß der
Verfall des Schulwesens damals doch auch in den Schwächen der humanistischen
Bildung selbst, in ihrer Unvolksthümlichkeit und der Einseitigkeit ihrer
ästhetisch-intellektualistischen Weltanschauung begründet ist, ferner daß
derselbe, wie oben angedeutet, theils durch die Reaktion der aufftrebenden, auf
das Nützliche und Praktische gerichteten Laienkultur, theils besonders durch
die Ausbreitung der alle menschliche Gelehrsamkeit grundsätzlich ablehnenden
Schwarmgeisterei mitverschuldet ist.
Es ist zwar
richtig, daß Luther vor einseitiger Überschätzung der klassischen Studien stets
gewarnt hat, daß er grundsätzlich der vom heiligen Geist geleiteten Gemeinde
der Gläubigen unabhängig von kirchenamtlicher oder gelehrter Bevormundung das
Recht und die Macht über allerlei Lehre zu urtheilen zuschreibt, auch einräumt,
daß ein ungelehrter Prediger aus der deutschen Bibel genug helle Sprüche habe,
um Christum zu verstehen und andern schlicht predigen zu können: anderseits
aber hat er ergänzend (nicht, wie Paulsen meint, sich selbst widersprechend)
betont, daß erst eine gelehrte, besonders sprachwissenschaftliche Vorbildung
den Prediger befähige, die heilige Schrift im Zusammenhange auszulegen und
wider die Irrlehrer zu streiten, ja daß durch das Studium des biblischen
Grundtextes der Glaube selbst erfrischt und die selbstständige Prüfung der
christlichen Lehre recht ermöglicht werde.
So fordert
nun hier der Reformator mit Hinweis auf 1. Cor. 14, 29 im Interesse des
selbstständigen und gewissen Glaubensurtheils die wissenschaftliche Kenntniß
des biblischen Originaltextes im Gegensatz zu den Schwarmgeistern, aber auch zu
dem scholastisch-kirchlichen Brauch, “daß man die heilige Schrift hat wollen
lernen durch der Väter Auslegen und viel Bücher und Glossen Lesen”. Diesem
zwiefachen Standpunkt gegenüber hat Luther die Theologie als
Schriftwissenschaft begründet.
Er hat aber
keineswegs behauptet, daß die Sprachstudien lediglich im Deinst der Theologie
und Kirche betrieben werden sollen; vielmehr widmet er einen großen Theil
seiner Ausführungen dem Nachweis, daß auch um des so genannten weltlichen
Standes willen, dessen die Sophisten sich bisher nicht angenommen, eine höhere
Geistesbildung durch Sprachen, Künste und Historien nothwendig sei, um tüchtige
leitende Kräfte für den obrigkeitlichen Stand zu gewinnen, ja auch um das ganze
Volk, Männer und Frauen, in allerlei bürgerlichen Ständen geistig zu heben. Mit
Beziehung hierauf urtheilt Ranke, es sei “eine Schrift, die für die Entwicklung
der weltlichen Gelehrsamkeit dieselbe Bedeutung hat, wie das Buch an den
deutschen Adel für den weltlichen Stand überhaupt”. Und jedenfalls ist es
bedeutungsvoll, daß Luther seinen Aufruf eben an die Bürgermeister und
Rathsherren der Städte richtete, wodurch er diesen bürgerlichen Obrigkeiten
solchen geistlichen Beruf und Charakter zuschrieb, “daß sie christliche Schulen
aufrichten und halten sollen”. Dabei wollen wir nicht übersehen, daß in dem am
Ausgang des Mittelalters in relativer Unabhängigkeit vom Klerus aufgeblühten
städtischen Schulwesen schon bedeutsame äußere und rechtliche Anknüpfungspunkte
für wirklich neue reformatorische Bestrebungen gegeben waren.
“Daß in
erster Linie vom Bürgerthum die feste Grundlage der modernen deutschen Bildung
geschaffen werden müsse, stand ihm ebenso fest, wie der humanistische Charakter
des neuen Schulwesens”: so faßt v. Bezold, Gesch. d. deutsch.
[Seite 13]
Ref. S. 568,
den Ideengehalt der Lutherschrift zusammen. Und in der That, die Werthschätzung
weltlichen Standes und weltlicher Gelehrsamkeit, der Hinweis auf die
vorbildliche Pädagogik der alten Griechen und Römer, der Protest gegen eine
bloß auf den Pfaffen- und Mönchsstand zugeschnittene Bildung, die Abwehr aller
jener einer edlen Geistesbildung abholden Mächte, besonders die Polemik gegen
die “Sophisten”, ihre Lehrbücher und Lehrmethode, ferner der begeisterte
Lobpreis der Sprachwissenschaften, des studium trilingue, deren
Unentbehrlichkeit für Kirche und Staat, ja deren Ergötzlichkeit und
Lieblichkeit sogar er zu würdigen weiß, und noch mancher andre Gedanke unsrer
Schrift, z. B. die Forderung eines neu zu ordnenden Bibliothekswesens: das
alles versetzt uns in den Ideenkreis der humanistischen Kulturepoche.
Und doch
dürfen wir nicht verkennen, daß das Bildungsideal des Reformators von dem der
Humanisten in wesentlichen Beziehungen abweichend und eigenartig sich
darstellt. Man erinnere sich der schon in dem Buch an den christlichen Adel
ausgesprochenen Grundsätze betreffend die Reform des Schulwesens. Auch in dem
vorliegenden Aufruf an die Rathsherren wird klar bezeugt, daß nicht die
Geistesbildung für sich, sondern die Bildung des christlichen Charakters das
höchste Ziel der Erziehung und des Unterrichts sein müsse. Das Evangelium
allein ist von unbedingtem Werth, und die Pflege der klassischen Studien hat
ihre vorzüglichste Abzweckung in der Auffchließung der biblischen Urkunden,
weil die Sprachen die Scheide sind, in denen das Schwert des Geistes, Gottes
Wort, steckt. Nur “christliche Schulen” will er errichtet haben, wie schon der
Titel sagt. Und wenn er die Verachtung der Studien mit scharfer Abwehr als List
des Teufels bezeichnet, denkt er hier weniger an den Schaden, den dadurch die
Bildung erleide, als vielmehr an die Schande und den Schaden, den das
Evangelium davontrage. Wohl führt er zum Beweis der Nothwendigkeit des
Schulehaltens auch Gründe der Vernunft, der Lebensklugheit und Rücksichten auf
nationale Ehre an, aber durchschlagend sind ihm die religiösen Gesichtspunkte:
Gott zu Dank und Ehren, auf Gottes Gebot hin, um des Wortes Gottes willen müsse
das Werk der Jugenderziehung als Sache von ungeheurer Wichtigkeit, “da Christo
und der Welt viel an liegt”, mit heiligem Ernst als ein nöthiger Gottesdienst
getrieben werden. Aus eben dieser tiefen sittlich- religiösen Auffassung
erklärt sich die Schärfe seiner Rügen, die er hier gegen pflichtvergessene
Obrigkeiten, Fürsten, Eltern, Stifte, Klöster usw. ausspricht, daher auch der
hohe prophetische Ton seiner Mahnungen, die er, der Geächtete und Gebannte, in
die deutschen Lande hinausruft: von Gott sei er dem deutschen Lande verordnet,
und wer ihm hierin gehorche, der gehorche Christo.
Im Grunde
stand so Luther, der durch und durch volksthümliche und prophetisch-religiöse
Charakter, doch solchen Männern fremd gegenüber, die, mit schwärmerischer
Begeisterung in die antike Litteratur versenkt, ihre aristokratischen,
schöngeistigen Bildungsinteressen als höchsten Lebenszweck und Lebensgenuß
ansahen und dadurch vielfach den nationalen Bildungstrieben der großen Menge
des deutschen Volkes sowie einer opferfreudigen Antheilnahme an den tiefsten
sittlich-religiösen Aufgaben sich entfremdeten. Auch formell gleichlautende
Grundsätze des Humanismus, wie z. B. jene Werthschätzung des weltlichen
Standes, erscheinen bei Luther seiner Eigenart gemäß umgeprägt; denn aus seinem
Glauben, seinem persönlichen Erleben der Freiheit eines Christenmenschen war
ihm die reformatorische
[Seite 14]
Scheidung und
Abgrenzung der beiden großen Lebensgebiete, des Geistlichen und Weltlichen,
geflossen.
Dabei erkennt
er die epochemachenden Verdienste der Humanisten um das gelehrte Schulwesen
voll und ganz an; er preist an mehreren Stellen seiner Schrift die Gnade
Gottes, die jetzt Deutschland ein gülden Jahr bescheert, die feinsten,
gelehrtesten mit Sprachen und Künsten gezierten Leute, dazu gute Lehrbücher
reichlich gegeben habe; er gesteht also selbst zu, daß er in den gelehrten
Unterrichtsbetrieb als solchen, in seine Fächer, Methoden, Formen nicht
neugestaltend eingreifen, sondern denselben übernehmen wolle. Auch sei daran
erinnert, daß beide, Reformation und Humanismus, an dem überlieferten
mittelalterlichen Schema der Unterrichtsstoffe, der sogenannten artes
liberales, wenn auch in freier Weise, festgehalten und beide durch Beibehaltung
des Lateins als der Sprache für alle höher Gebildeten sich auf den Boden der
abendländischen lateinischen Kultur gestellt haben.
Es ist
irreführend, Luthers Schrift als den “eigentlichen Stiftungsbrief der
Gymnasien” zu bezeichnen, wie man das oft gethan hat. Richtig ist daran, daß er
hier thatsächlich den Grundgedanken unsrer Gymnasialbildung, den Zusammenschluß
antiker, christlicher und historich-vaterländischer Bildungsstoffe angedeutet
und im Besondern den dauernden Bildungswerth des klassischen Alterthums,
vorzüglich seiner Sprachen beredt verkündigt hat. Aber diese Gedanken
entwickelt er nicht etwa in der Form eines gesetzgeberischen Programms oder
Organisationsplans, sondern mitten in einer Gelegenheitsschrift voll
praktisch-sittlicher Ermahnungen an die Stadtobrigkeiten, die Eltern, die
Deutschen insgemein, und zwar im Hinblick auf die thatsächlichen Nothstände,
wie sie sich bis zum Anfang des Jahres 1524 seinem Blick erschlossen hatten.
Ferner hat er dieselben Gedanken schon früher gelegentlich und mit ihm
gleichzeitig Melanchthon ausgesprochen; und in Bezug auf den Hauptpunkt, die
Werthschätzung der Antike als Bildungsmittel, hat Luther ja grade die Wirksamkeit
der Humanisten als epochemachende anerkannt.
Dazu kommt,
daß die Erörterungen dieses angeblichen “Stiftungsbriefs der Gymnasien” sich
gar nicht auf die städtischen Lateinschulen beschränken. Nicht weniges davon
betrifft ebensowohl oder noch mehr die Universitäten. Ferner berührt Luther
hier die Frage der Mädchenschule und der Volksschule überhaupt. Denn wenn er
zwischen der sorgfältigeren Ausbildung der Begabtesten, des “Ausbundes”, und
der allgemeineren Unterweisung von Knaben und Mädchen in täglich 1 –2 Stunden
unterscheidet, und wenn er ferner sagt, daß wir Alten ja nur um der Jungen
willen leben, und daß wir sie lernen lassen müssen, um ihre Seelen zu versorgen
und sie selbst zu christlichen, verständigen, nützlichen Leuten für allerlei
Stand auszubilden: so hat er offenbar das, was wir Volksschule nennen, im Sinne
und verkündigt hiermit eine allgemeine sittliche Verpflichtung der Eltern und
Obrigkeiten, gute Schulen zu halten und die Kinder hineinzuschicken. Daß und
inwiefern der Reformator überhaupt durch Wort und Werk für die Neugestaltung
und Begründung der deutschen christlichen Volkschule die fruchtbarsten
Anregungen gegeben hat, kann hier nicht näher dargelegt werden. Es ist aber
eine unzutreffende Charakteristik der vorliegenden Reformationsschrift, sie als
“für die Ausbildung unseres Elementarschulwesens so ungemein folgenreich”
(Monum. Germ. Paedag. III S. III) zu bezeichnen. Denn der Schwerpunkt ihrer
Ausführungen liegt, wie schon angedeutet, dem Nothstand jener Anfangszeit
entsprechend, offenbar darauf,
[Seite 15]
[Nachträge
und Berichtigungen]
daß zur
Gründung und Haltung von Gelehrtenschulen ermuntert werden soll, um bald
tüchtige leitende Kräfte für die Kirche und das bürgerliche Gemeinwesen
heranzubilden.
Luthers
Weckruf war nicht vergeblich. Noch im Jahre 1524 fanden einige bedeutsame
evangelische Schulreformationen statt, die als Früchte der Bemühungen der
Reformatoren, besonders auch der Schrift Luthers an die Rathsherren angesehen
werden dürfen: in Magdeburg, Nordhausen, Halberstadt, Gotha; 1525 folgte
Eisleben, 1526 Nürnberg. Die folgenden Jahrzehnte zeigten einen wachsenden
Eifer in der Begründung und Erneuerung städtischer Lateinschulen durch ganz
Deutschland, und zwar bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts hinein vorwiegend
in den protestantischen Territorien.
Vgl. O.
Albrecht, Studien zu Luthers Schrift An die Rathsherren &c.. in Theol.
Stud. u. Krit. 1897 S. 687 –777, wo die Andeutungen und Urtheile der
vorstehenden Einleitung näher ausgeführt und begründet sind. Fr. Roth, Der Einfluß
des Humanism. u. d. Reformation auf das gleichzeitige Erziehungs- u.
Schulwesen, Schrift Nr. 61 des Ver. f. Reformationsgesch., Halle 1898 S. 19 ff.
u. ö. — In diesen beiden Abhandlungen ist die einschlägige reiche Literatur
genauer verzeichnet. Als kleine Auswahl aus derselben seien hier noch genannt:
die Art. ‘Luther’ und ‘Reformation’ in Schmids Encyklopädie des ges.
Erziehungs- und Unterrichtswesens, 2. Aufl. v. Raumer, Gesch. d. Pädagogik Bd.
I3 S. 144 ff. Th. Ziegler, Gesch. d. Pädagogik in A. Burmeisters Handbuch I, 1,
München 1895, S. 63 ff. K. A. Schmidts Gesch. d. Erziehung, Bd. II Abth. 2
bearbeitet von Gundert (Stuttgart 1889) S. 198 ff. Paulsen, Gesch. d. gelehrt.
Unterrichts Bd. I2 (1896) S. 197 ff. Janssen, Gesch. d. deutsch. Volks Bd. VII
S. 11 ff. Hartfelder, Melanchthon als Praeceptor Germaniae, in Mon. Germ. Paed.
VII S. 204 ff. Derselbe, Melanchthoniana Paedagogica (1892) S. 125. 134. Joh.
Müller, Quellenschr. z. Gesch. d. deutschsprachl. Unterr. bis zur Mitte d. 16.
Jahrh. (1882) S. 378. Joh. Müller, Luthers reform. Verdienste um Schule u.
Unterricht, 2. Aufl. 1883 (vgl. Progr. d. Friedrichs-Gymnasiums in Berlin
1883). Hollmann, Luthers u. Melanchthons Antheil an d. Gründung d. ev.
Lateinschulen v. 1518 –1530, Dorpat 1885 (Progr. d. klass. Privatgymnasiums) S.
XIII f. R. Hofmann, Rechtfertigung d. Schule d. Reformation gegen ungerechtf.
Angriffe, Leipziger Universitätsschrift 1889. Ranke, Deutsche Gesch. II3 S. 71
f. v. Bezold, Gesch. d. deutsch. Reformation (1890) S. 568. Köstlin, M. Luther
I2, S. 581 ff. Kolde, M. Luther II S. 136 ff.
Ausgaben.
A “An die
Radherrn || aller stedte deutsch- || es lands: das sie || Christliche schulen
|| auffrichten || vnd || hallten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. M.
D. xxiiij. ||” Mit Titeleinfassung, darin unten: “Lasst die kinder zu mir komen
|| vnd weret yhnen nicht Matt. 19. ||” 20 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.
Druck von
Lukas Cranach in Wittenberg. Vgl. Knaake im Centralbl. f. Bibliothekswesen
1890, S. 196 fg. Nr. 29. In der Titeleinfassung Luthers Wappen von zwei Engeln
gehalten, links davon M, rechts L. Ein Exemplar, das im Titel “Radherren”
hätte, wie Veesenmeyer, Nachr. v. Luthers Schriften (1819), S. 12 angibt, hat
sich nicht gefunden, es liegt also wohl nur ein Druckfehler V.'s vor. Dagegen
finden sich im Innern Abweichungen, wesentlich Druckfehler und ihre
Verbesserungen. Da es sich um den Urdruck einer wichtigen Schrift handelt,
wurde bei der Umfrage von den Bibliotheken eine Angabe erbeten, wie sich ihre
Exemplare bezüglich folgender Unterschiede verhalten, die ohne Anspruch auf
Vollständigkeit vorher aus den vorliegenden Exemplaren ermittelt waren
[Seite 16]
a b
1. B 2 b Z.
9/10 red- || lich re- || dlich
2. B 3 a Z. 4
versogrt versorgt
3. C 1b Z. 29
vederbet verderbet
4. E 2 a Z. 2
v. u. bel- || haten be- || halten
Es zeigte
sich, daß an allen Stellen die Lesarten a nur das eine Exemplar der Knaakeschen
Slg., an allen Stellen die Lesarten b das andre Knaakesche Exemplar, Altenburg
Gymnasialbibl. (2), Königsberg U. (eines), Rostock (eines), Wittenberg, Zwickau
aufweist. — 1. 2 a und 3. 4 b Breslau St., Freiburg i. Br., Görlitz Milichsche
Bibl., Göttingen (2), Halle Marienbibl., Königsberg U. (2), Leipzig U. und St.,
München U., Rostock (das zweite), Wien, Zittau, Zwickau. — 1. 2. 3 a und 4 b
Arnstadt, Berlin (4), Breslau U., Dresden (ohne Titelblatt), Eisenach, Erfurt
Martinstift, Gotha, Münster, Weimar, Worms. — 4 a und 1. 2. 3 b Königsberg U.
(viertes Ex.), Straßburg U. Schließlich 1. 2. 4 a und 3 b Dresden (zweites
Ex.); 3 a und 1. 2. 4 b Erlangen, Halle U., Lübeck.
Rein
typographisch sind Unterschiede in der Anwendung der beiden Formen des r. So z.
B. haben Bl. B 1a Z. 2 die Exemplare, welche in Bg. B (1. 2) die Lesart a
haben, “gebraucht”, dagegen die mit Lesart b “gebraucht”.
Außerdem
finden sich Exemplare von A noch in Amsterdam, Berlin St., Eisleben Thurmbibl.,
Hamburg, Heidelberg, London, München HSt., Nürnberg St., Sommerhausen,
Stuttgart, Wernigerode, Wolfenbüttel (8), Würzburg U.
B “An die
Radherrn || aller stedte deutsch- || es lands, das sie || Christliche schulen
|| aufrichten || vnd || hallten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. M.
D. xxiiij. ||” Mit Titeleinfassung. Unter dieser: “Lasst die kinder zcu mir
komen || vnd weret yhnen nicht Matt. 19. ||” Titelrückseite bedruckt. 12
Blätter in Quart. Letzte Seite leer.
Signaturen
Aij, Aiij; B, Bij; C –Biij [so]. Druck von Mathes Maler in Erfurt? Zur
Titeleinfassung vgl. Dommer S. 259 f. Nr. 132. — Vorhanden in der Knaakeschen
Slg., Augsburg (Weller), Heidelberg, Weimar.
C “An die
Radherrn aller stedte deutsches || lands: das sie Christliche schulen
auffrichtenn vnd halten sollen. || Martinus Lutther. Wittemberg. M. D. X X
iiij. || Lasst die kynder tzue mir komen vnnd weret yhnen nicht Mat. 19. ||”
Darunter ein Holzschnitt: oben eine Knaben-, unten eine Mädchenschule. 16
Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “¶ Gedruckt tzů Erffordt,
tzů dem puntten || Lauwen bey. S. Pauel. 1524. ||”
Druck von
Wolfg. Stürmer in Erfurt. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Arnstadt,
Heidelberg, Königsberg St., München HSt. u. U.
D “An die
Rat- || herren aller Stette || Teutsches lands, das sie Christ- || liche
Schulen auffrichten || vnd halten sollen. || Martinus Luther || wittenberg. ||
1 5 2 4 || Laßt die kinder zu mir kum̄en vnd || weret jnen nicht.
Matthei. xix. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 14 Blätter in
Quart (Bogen C hat nur 2 Bl.). Letztes Blatt leer.
Druck von
Jobst Gutknecht in Nürnberg. Zur Titeleinfassung vgl. Dommer S. 262 f., Nr. 140
— Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin (2), Dresden, Eisenach, Halle U.,
Ithaca, London, Stuttgart, Weimar, Wien, Wolfenbüttel.
E “An die
Radherrn || aller stedte Deutsches lands || das sie Christliche schůlen ||
auffrichten vnd halten || sollen. || ❧ || Marti: Lutther. || Vuittemberg.
[Seite 17]
|| 1 5 2 4 ||
Lasst die kynder zů myr kom- || mē un̄ weret jhnē nit.
Mat: 19. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 16 Blätter in Quart.
Letztes Blatt leer. Am Ende: “❧ || ¶ Gedrueckt zů Ihen Durch Michel Bůchfuerer
vff || Mittwoch noch Judica. 1 5 2 4 ||”
Zur
Titeleinfassung vgl. v. Dommer S. 250, Nr. 103, doch sind die Gestalten des
Petrus und Paulus durch Gott Vater und Christus ersetzt. — Vorhanden in Berlin,
Hamburg (unvollst.), Göttingen.
F “An die
Rhatherrn aller || stedte Teütsches lands, das sie || Christliche schůlen
vffrich- || ten vnnd haltten || sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. ||
M. D. XXiiij. || [Zierstück] || Laßt die kynder zů mir kum̄en
|| vnd weret jnen nit, Matt. xix. || ❧ ||” Mit Titeleinfassung. 18 Blätter in Quart. Die letzten 3
Seiten leer. Am Ende: ❧
Vorhanden in
Berlin (Luth. 3966 hat auf dem Titel die hdschr. Bem. “iij d”), Gießen, Leipzig
St., München HSt., Stuttgart, Wittenberg (unvollst.).
G “An die
Radherrn || aller stedte deütsches || lands: das sy Christ- || liche
schůlen auffrichten || vnd halten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg.
[so] M. D. xxiiij. [so] || Laßt die kinder zů mir || komen, vnd weret jnen
[so] || nicht [so]. Matthei. 19. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite
bedruckt. 16 Blätter in Quart.
Wohl
Straßburger Druck (v. Joh. Prüß?). Zur Titeleinfassung vgl. v. Dommer S. 267,
Nr. 156. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Basel (Weller), Berlin,
Darmstadt, London, Straßburg U. u. Wilhelmstift, Zürich St. u. Kantonalbibl.
(Weller).
H “An die
Ratherren al- || ler Stötte Teütsches || lands. das sy Christen || liche
schŭlen auffrichtē || vnd halten sollen || Martinus Luther ||
wittemberg. Anno. || Mo. D. XXIIII. || [Zierleiste] || Laßt die kinder zů
mir komen || vn̄ woeret jnen nicht Matt. 19. ||” Mit Titeleinfassung. 20
Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.
Nach Weller
Druck von Th. Anshelm in Hagenau. — Vorhanden in Berlin, Gotha, Schaffhausen
St. (Weller), Zürich Kantonalbibl. (Weller).
I “An die
Radtherren al- || ler Stette teutsches lands || Das sy Christliche schů ||
len auffrichten vnd || hallten sol- || len. || Martinus Luther. || Wittenberg
|| M. D. XXiiij. ||” (In der unteren Randleiste:) “Lasst die kinder [so]
zů mir kommen || vnd woeret jnen [so] nicht Math. xix. ||” Mit
Titeleinfassung. 16 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.
Titeleinfassung
wie in A. Oberdeutscher Druck (nach Weller von Fr. Peipus in Nürnberg). — Im
Innern fand sich wenigstens eine Verschiedenheit in den Exemplaren, die uns
vorlagen. Bl. Cija Z. 14 hat das Berliner Exemplar (Luth. 3958) das richtige
“geomet” (unten 41, 22), dagegen das Exemplar der Knaakeschen Slg. “gemoegt”,
offenbar eine nachträgliche Schlimmbesserung. Ob Ähnliches sich noch öfter
findet, wurde nicht festgestellt, auch nicht wie sich die andern ermittelten
Exemplare an jener Stelle verhalten. Diese finden sich in Dresden, Gießen,
Heidelberg, London, München HSt. (3) u. U., Regensburg, Stuttgart, Wien,
Wittenberg, Wolfenbüttel.
K “An die
Ratszherren || aller Stoette teütsches lands || Das sie Christliche
schůlen || auff richten vnnd || halten sollen. || Martinus Luther. ||
Wittenberg
[Seite 18]
|| M. D.
XXiiij. || Laßt die kynder zů mir kommen || vnd woeret ynen nicht Math.
xix. ||” Mit Titeleinfassung (darin rechts die Zahl 1524). 16 Blätter in Quart.
Letzte Seite leer.
Oberdeutscher
Druck. — Vorhanden in Berlin, München HSt., Wittenberg.
L “An die
Radt || hern aller stett Teüt- || sches lands, das sie Christ || liche
schůlen auffrich || ten vnnd halten || sollen. || Martinus Luther. ||
Wittemberg [so]. M. D. xxiiij || Lasset die kinder zů mir kū || men,
vnd weret ynen nicht || Matth. xix. ||” Mit Titeleinfassung. 20 Blätter in
Oktav. Letzte Seite leer. Am Ende: “Im iar nach Christi geburt. || M. D.
xxiiij. ||”
Oberdeutscher
Druck (nach Weller von Adam Petri in Basel). — Vorhanden in Freiburg i. Br.,
München HSt.
a “Ein
Guelden Kleinod, || Welchs der Theure || Hocherleuchte Man̄
Gottes, D. || Martin Luther, Auß des heiligen Gei- || stes Schatzkammer vber-
|| kommen. || Vnd Anno 1524. als er in seinem || Pathmo gewesen (auß anregung
des heiligen || Geistes) den Buergenmeistern [so] vnnd Rathherrn, aller ||
Staedte Deutsches Landes inn sonderheit verehret hat, || Auff daß sie dasselbe
Gott zu ehren tragen, vnd || kuenftiger posteritet zum besten biß ans || ende
der Welt treulich ver- || wahren sollen. || [Zierstück] || Gedruckt zu
Nuermberg, bey Alexan- || der Dieterich. ||” Mit Titeleinfassung. 16 Blätter in
Quart. Letztes Blatt leer.
Vorhanden in
der Knaakeschen Slg., Dresden, Sommerhausen, Wolfenbüttel.
b “Ein
Guelden Kleinod, || Welches der Theure Hoch- || erleuchte Mann Gottes, D.
Martin || Luther, Auß deß heiligen Geistes Schatz- || kammer vberkommen. || Vnd
Anno 1524. als er in seinem Pathmo || gewesen (auß anregung deß heiligen
Geistes) den Buer- germeistern vnd Rathherrn, aller Staedte Deutsches Lan- ||
des insonderheit verehret hat, auff daß sie dasselbe Gott || zu ehren tragen,
vnd kuenfftiger posteritet zum || besten biß ans ende der Welt treulich ||
verwahren sollen. || [Zierstück] || Nuernberg, || [Strich] || Gedruckt im Jahr,
M. DC. ||” Ohne Titeleinfassung. 16 Blätter in Groß-Quart. Die letzten 3 Seiten
leer.
Vorhanden in
der Knaakeschen Slg.
c “Ein
Guelden Kleinod, || Welches der Thewre || Hocherleuchte Mann Gottes, || D.
Martin Luther, Auß deß Heiligen || Geistes Schatzkammer vber- || kommen. || Vnd
Anno 1524. als er in sei- || nem Pathmo gewesen (auß anregung deß || heiligen
Geistes) den Buergermeistern vnd Rathherren, || aller Staedte Deutsches Landes
insonderheit verehret || hat, auff daß sie dasselbe Gott zu ehren tragen, vnd
|| kuenfftiger posteritet zum besten biß ans ende || der Welt trewlich
verwahren || sollen. || [Zierstück] || Nuernberg, || [Strich] || Gedruckt im
Jahr, MDCI. ||” Mit Titeleinfassung (nur Doppellinien). 24 Blätter in Oktav.
Letzte Seite leer.
Schluß der
Schrift Blatt C 5a, dann folgen Bibelsprüche. Vorhanden in Breslau U. u. St.,
Kassel Landesbibl., Lübeck St., München U.
d
“Trewhertzige Vermah- || nung, || D. Martin Lu- || thers, || An die Buerger
meister|| vnnd Rahtherren aller Staette || Deutsches Landes, daß si
[Seite 19]
Christ- ||
liche Schulen auffrichten || vnnd halten sol- || len. || [Zierstück] ||
Getruckt zu Franckfurt am || Mayn. || Durch Egenolph Emmeln. || [Strich] || Im
Jahr 1614. ||” Ohne Titeleinfassung. 68 Blätter in Sedez.
Der Text
unserer Schrift S. 3 –76. Es folgen S. 77 –105 “Sprueche Ausz andern Schrifften
Doctor Luthers gezogen gleiches Inhalts”. Zuletzt S. 106 –135 “Nachbericht Von
der newen Lehrkunst Wolfgangi Ratichii” (von den Gießener Professoren
Christoph. Helvicus und Joach. Jungius). Vorhanden in Wolfenbüttel.
e
“Trewhertzige Vermahnung || D. Marti- || ni Lutheri. || An die Bürgermei- ||
ster vnnd Rahtherren aller || Städte Deutsches Landes, daß || sie Christliche
Schulen auff- || richten vnd halten || sollen. || Benebenst einem hinden ange-
|| hengten Nachbericht der newen || Lehrkunst || Wolfgangi Ratichii. ||
Gedruckt zu Rostock, durch || Moritz Sachsen, In verlegung || Johan:
Hallerforts Buch- || führers. 1614. ||” 131 Seiten. 12°.
Vorhanden in
königsberg U. — Eine gleichfalls bei Hallerfordt in Rostock in 12° erschienene
weitere Ausgabe von 1615 führt G. Draudius, Biblioth. libror. Germ. classica
(1625), S. 283 an. Die nicht erheblichen Abweichungen im Wortlaute des Titels
sind wohl nur Folgen ungenauer Wiedergabe.
f
“Trewhertzige Vermahnung, || An die Buergermeister vnd Raht- || herrn aller Staedte
Deutsches Landes, das sie Christ- || liche Schulen auffrichten vnd halten
sollen, || Mart. Luth. Doct. || Sampt etlichen Spruechen auß andern seinen
Schriff- || ten, gleichs Inhalts. || Neben einem Nachbericht von der newen
LehrKunst, || VVOLGANGI [so] RATICHII, || Gestellet durch || CHRISTOPHORVM
HELVICVM SS. Th. D. & Prof. Giess. || Vnd || IOACHIMVM IVNGIVM Mathematum
Prof. Giess. || Mit Angehenckter wolmeinende [so] Erinnerung an den Chri- ||
lichen [so] Leser, Iohan. Angelii VVerdenhagen I. C. vnd dero || Stadt
Magdeburgk Secret: || [Wappen] || Magdeburgk, || Gedruckt bey Wendelin Pohln,
im Jahr 1621. ||” 28 Blätter in Quart.
Vorhanden in
Berlin, Breslau St., Darmstadt.
g “Eine
Vermahnung D. M. L. || An die Bürgemeister vnd || Rathsherrn aller Städte Deut-
|| sches Landes, daß sie Christli- || che Schulen auffrichten || vnd halten
sollen. || Wie auch von dem Methodo des H. || Geistes veram Theologiam zu stu-
|| dieren, im 119. Psalm gegründet, || Auß dem 1. vnd 2. Jenischen Theil. ||
Auff Gnädigen Befehl vnd Anordnung. || [Titelbild, Umschrift: D. MARTHINVS
LVTHERVS.] Gedruckt zu Dörpt, bey Jacob Beckern, 1633. ||” Mit Titeleinfassung.
Titelrückseite bedruckt. 43 Blätter in Oktav.
Vorhanden in
Greifswald.
Bei Joh.
Hallervordt in Rostock, der unser e druckte, erschien noch:
“Herrn D.
Martini Lutheri || Trewhertzige || Vermahnung an || Buergermeister vnd Raths ||
herrn Teutsches Landes, daß sie || Christliche Schulen auffrichten || vnd
halten wollen, || Neben einer Vorrede, an die || sämptliche Buerger vnd
Einwohner in || Rostock die jhre Kinder mit trewen meinen, || .... || In Druck
gegeben || durch || Iohannem Qvistorpium .... || Gedruckt
[Seite 20]
zu Rostock,
Bey Johann Hal- || lervordt Buchhändelern zufinden || Im Jahr Christi 1640. ||”
Mit Titeleinfassung. 45 Seiten in Quart, letzte Seite leer.
Trotz des
Titels, der doch auf unsre Schrift schließen läßt, enthält dieses Buch nicht
sie, sondern Luthers Predigt von 1530. Vorhanden in Dresden (unvollst.),
Rostock.
Lateinische
Übersetzungen.
α “DE
CON || STITVENDIS SCHO || LIS MAR. LVTHERI || Liber donatus Latinitate ||
Haganoæ, per Iohannem || Secerium. ||” Mit Titeleinfassung. 32 Blätter in
Oktav. Letzte Seite leer. Am Ende: “Haganoæ ex Officina || Iohan. Secerij ||”
Auf Blatt Aij eine Vorrede Melanchthons: “❧ PHIL. MEL || ANCHTHON STVDIO || SIS OMNIBVS. S. ||”
Vorhanden in
der Knaakeschen Slg., Breslau U., Dresden, Erlangen, Frei burg i. Br., London,
Lübeck, Nürnberg St. (2), München U.
Nach v. d.
Hardt Autogr. Lutheri I, 196 hätte es zwei zu Hagenau er schienene Ausgaben
dieser Übersetzung in verschiedenem Format gegeben. Vgl. dazu Veesenmeyer a. a.
O. S. 16. Verfasser der Übersetzung ist Vinc. Obsopöus, und Melanchthon hat sie
geprüft. Vgl. Corpus Reform. I, 666, wo Melanchthons Vorrede mitgetheilt und
auf einen Brief des Obsopöus an Melanchthon verwiesen wird (Cod. Bavar. II p.
547), in dem es heißt: Age vero dic quicquid actum sit cum libello de scholis
erigendis a me verso? num emendasti? Significabis haec, ut sciam. Der Brief
ohne Datum wird im Corp. Ref. August/September 1524 gesetzt.
β
“NOTATIO || NICOLAI SEL- || NECCERI || De studio sacræ Theo- || logiae, &
de ratione discendi || doctrinam cœlestem. || .... || D. D. MARTINI LVTHERI ||
Oratio de scholis recte instituendis, scripta || ad magistratus & senatores
|| Germaniæ. || Edita in vsum studiosæ || iuuentutis ❧ || LIPSIÆ || Iohannes Rhamba excudebat || M. D. LXXIX. ||”
Am Ende: “LIPSIÆ || Iohannes Rhamba excudebat 1579. ||” 111 Blätter in Oktav.
Die
lateinische Übersetzung unsrer Schrift steht Bl. K 4a (S. 147) ff. Es ist die
des Obsopöus (mit Melanchthons Vorrede), aber nicht aus der Originalausgabe
sondern aus dem Wittenberger Tom. lat. VII (1557) 438a ff. abgedruckt.
Vorhanden in Breslau U. u. St., Königsberg U., Lübeck, Wien.
Eine neue
lateinische Übersetzung des Abschnittes 36, 6 bis 39, 14 unsrer Ausgabe findet
sich in
γ
“ORATIO || De linguæ San- || CTAE ORIGINE, PRO- || gressu, & varia fortuna,
ad || nostrum vsque sæculum. || CONSCRIPTA, ET PV- || blice in Academia
Argenti- || nensi recitata || A || M. ELIA SCHADAEO Ecclesiaste &
Professore: || [Druckerzeichen] ARGENTORATI || Excusa opera Iodoci Martini,
Typis & || Impensis Autoris. Anno M. D. XCI ||“ 24 Blätter in Oktav.
Bl. C 5b
beginnt: “COMMENDATIO LIN- || guarum, ex insigni illa M. Lutheri || ad
Magistratus de constituendis || Scholis, adhortatione: ex Tomo || 2. Germanico
transcripta || & in latinū sermonem || conuersa. ||“ Endet Bl. C 8b.
Vorhanden in Breslau U.
[Seite 21]
[Nachträge
und Berichtigungen]
In neuerer
Zeit ist unsere Schrift oft gedruckt worden, seltener allein als vielmehr in
Sammlungen Lutherscher oder pädagogischer Schriften. Ohne Anspruch auf
Vollständigkeit seien hier genannt:
1. Die
reformatorischen Schriften D. M. Luthers in chronol. Folge mit den nöthigsten
Erläuterungen hsg. v. K. Zimmermann Darmstadt 1846 ff., Bd. II, S. 514 –540.
2. Sammlung
selten gewordener pädag. Schriften des 16. u. 17. Ihs. hsg. v. A. Israel 1.
Heft Zschopau 1879. 2 1893 (m. sprachl. Erläuterungen von Kießling, Anhang S.
46 –52).
3.
Facsimiledruck der Ausgabe A. “Für F. A. Raschke in Zschopau als erstes Heft d.
Sammlung selten gewordener pädag. Schriften d. 16. u. 17. Ihs. ... auf
holländisches Büttenpapier ... gedruckt von W. Drugulin in Leipzig. 1883.” [ist
nicht fehlerlos].
4. Dr. M.
Luthers Gedanken über Erziehung u. Unterricht von J. Meyer u. J. Prinzhorn 1883,
S. 91 –116 vgl. S. 271 –284.
5.
Pädagogische Klassiker hsg. v. Lindner Bd. XV. D. M. Luthers pädag. Schriften
mit Einl. u. Anm. von J. Chr. Schumann 1884, S. 120 –146.
6. Bibliothek
pädagogischer Klassiker hsg. v. Mann. Bd. 28. D. M. Luthers pädag. Schriften
hsg. v. H. Keferstein 1888, S. 31 –49.
7. M. Luthers
Werke f. das christliche Haus Bd. 3, Braunschweig 1890, S. 1 –34 (bearb. v. E.
Schneider).
8. Denkmäler
der älteren deutschen Litteratur f. d. litteraturgesch. Unterricht an höheren
Lehranstalten hsg. v. Bötticher u. Kinzel Bd. III, 3, 2, M. Luther. Verm.
Schriften weltlichen Inhalts usw. von R. Neubauer Halle 1891, S. 6 –30
(gekürzt, mit guten Anm. unter dem Text).
9. Klassiker
der Pädagogik Bd. II, Luther als Pädagog von E. Wagner 2 1892, S. 81 –106.
10.
Kürschners Deutsche Nationallitteratur. Bd. 176. Luthers Schriften hsg. v. E.
Wolff [1892], S. 171 –197 (kritischer Neudruck nach A mit dürftigen Anm.).
In den
Gesammtausgaben findet sich die Schrift deutsch: Wittenberg Bd. VI (1553) Bl.
335b –344a, (Seitz 1559, Bl. 322b –330b); Jena Bd. II (1555) Bl. 459b –469b,
(1563) Bl. 470b –480b, (1572. 1585) Bl. 454b –464b; Altenburg Bd. II S. 804
–815; Leipzig Bd. XIX S. 333 –345; Walch Bd. X Sp. 532 –567; Erlangen Bd. 22 S.
168 –199. Lateinisch steht unsere Schrift Witt. Tom. lat. VII (1557) Bl. 438a
–447a (1558) Bl. 438b –447b.
Alle
Nachdrucke stammen unmittelbar aus A, dessen Druckeinrichtung sich H sogar
Seite für Seite anschließt. Jeder Nachdruck weist Eigenthümlichkeiten auf, die
er mit keinem andern theilt, die sich aber alle erklären lassen, sobald man A
als alleinige Vorlage annimmt. Eine Ausnahme macht nur K, dessen Abhängigkeit
von I augenfällig ist.
Von den
Spätdrucken sind a und d unmittelbar aus A geflossen, b stammt aus a, c aus b,
e und f aus d.
Unserem
Abdruck legen wir A zu Grunde; die Lesarten der Nachdrucke B –L verzeichnen wir
in der gewohnten Weise, während wir Lesarten aus a –f nur an schwierigeren
Stellen mittheilen, wo wir ja auch die Gesammtausgaben heranzuziehen pflegen.
[Seite 22]
Zur Ergänzung
des Lesartenverzeichnisses diene die folgende Übersicht über Sprache und
Schreibung der Nachdrucke, soweit sie von A abweichen.
Der Umlaut
des a wird im Allgemeinen durch e bezeichnet; die Schreibung ae ist in F und G
daneben nicht ungewöhnlich (maehr, jaerlich, laesterlich, staelle, vaetter,
taeglich, schaetz F; daemme, geschaefft G), desgleichen in IK (maer, saelig,
saeligkayt, jaerlich, jaemerlich, vaeter, waere, kaeme, maertern, aempter,
knaeblin, almaechtig usw.), während sie in H und L entschieden überwiegt [in H
auch ae f. ë: waeben, geschaehen, baerle, faechten]. Nicht selten ist in HIK
auch die Schreibung oe: stoette, froembd, hoelle H; ernoeren, woeren, moer,
oeltern, erwoelet, foert = - vehitur, hoerten = -durare IK; oeltist, boesser =
melior, groebt = fodit, bewoegen K [in K auch erschroecken]. Abweichend vom
Urdruck tritt Umlaut ein in aeschen F (2) IK (1), widersaecher G –L (1),
halßsterrig HIK, erber (honestus) H, vndanckberkeit F (3) I (1). Der in A
vorhandene Umlaut wird beseitigt in laßt FHIKL (stets, mit einer Ausnahme in L;
G schreibt zweimal lasset), erkantnuß DIK (erkantnyß F), bekantnuß HIK
(bekantnyß F); anfahet F –L, verschlafft GHK, geradt FHIK, martern GH, damme,
manigfaltig, gesatz H, fallet HIK, Hebraisch (stets) IK, Artzeney L.
Der Umlaut
des au wird in der Regel durch eu, vereinzelt durch eü (reüber F, eüget H,
verseümen FGL) ausgedrückt, wie auch die Schreibungen vnglaeubig I, vngloeübig
H vereinzelt bleiben. Gegen A mangelt der Umlaut in glawben B (2) DFGHIKL
(stets), vnglaubig DKL, rauber DGHIKL, lauffen D –L, kauffen DFHIKL, versaumen
D (4) G (1) H (2) IK (stets) L (mit einer Ausnahme).
Der Umlaut
des o wird ausschließlich als oe geschrieben. Der von A abweichenden Fälle sind
nicht eben viele: oeberkeit B (3) D (4), boeßheyt BC (1), moecht BCEGL (51,
11), soellich CD (1) G (2) H (9), soellch C (3) H (4) I (1), soellen C (1) H
(10) K (1), woelt(en) D (5) EIK (1), koennen D (1) E (3) G (2) I (1) K (3),
toechter DFHIK, bloech FG (31, 18), getroest FK, schoen B (52, 26), soenderlich
C (2), koest (1) koembt (5) E, Bischoeffe (1) G. Die Schreibungen Goetes C (27,
17) und soe E (27, 14) sind wohl als Druckfehler anzusehen. Die
Umlautsbezeichnung unterbleibt in sone (filii) BE (28, 11) H (45, 7), verlore B
(1), wollt(en) BC (2) KL (1), notig BE, kloster (plur.), gehoren C, wollen CE
(1), wolffe DF, grosser (maior) DK, koste HIK (29, 19), konnen D (2), offene
(aperias) E.
Der Umlaut
des u wird in B durch ue bezeichnet, daneben in D selten, in F –L überwiegend
durch ü, in C und E auch durch ů (natůrlich, schůtzen,
nůtz, sprůch, wůrde, můgen, kůndten, důrffe,
grůndtlich usw. C, nůtzlich, tůck, můnich, můlstein,
vernůnfftig, geschwůrm, antzůnden, entzůckt,
außbůndigst usw. E); in H –K findet sich gelegentlich auch die Schreibung
i oder y (dynn H; thyrren, anzynden, mylstain, außbindigst I; thyrren, spiren,
kinden K). Das in A innegehaltene Umlautsgebiet wird weniger erweitert als
eingeschränkt. Die Umlautsbezeichnung findet gegen A statt in fuer(-) B (5) D
–L (stets, mit je einer Ausnahme in E und G); zukuenfftig BC (1) D –L (stets);
sünde D –K (stets) L (1); kuendte(n) E –L (meist); gekündt DFHIKL (nicht
durchweg); gruendtlich BCEFHIKL; fuercht (timet) DFGHIK; hynfürt
[Seite 23]
DFIKL;
fünff(-) DFGHIKL; gewüst DFGI (gewist HKL); tuegen EGHL; über FGHL (meist,
vereinzelt K); duencken C; stuecke (auch L), druemb, entzůckt, nuetz
(Subst), geschmueckt E; fürmünden FHL; gülden GL (1); würden H (1); tück K
(tůck E); künst H (einmal L, kůnst E). — Der Umlaut bleibt gegen A
unbezeichnet in B: anzunden, furnemen (41, 8), fur (51, 18), dafur (51, 6),
furnemst (52, 8), Munich (2), kunde (4), (vn) nutz (2), fulle (2), fullen (1),
gepuren (1), erfur (1), furst (1), gulden (1), wurde(n) (5), vnuernunfftig (1);
— in C: furst (1), gulden (1), vernunfftig (1), gepuren (2), erfur (1),
(vn)nutz (3), fulle (1), durfft (1), kunste (4), kundtist (1), grunden (1),
feylspruchen (1), kunden (3), tzurnen (1), stucken (1), furhanden (1); — in D:
wurde(n) (15), gulden (4), kunste (1), daruber (5), versuncken (coni. praet.),
hulffs, anbunden (1); — in E: wurde(n) (3), gulden (2), vberdrussig (1), lustig
(1), kunden (3), versuncken, anbunden, furcht (30, 1), thuren (44, 20),
tuchtig, grunnden (39, 26), (un)nutz (2); — in F: wurden (1), gulden (4), kundten
(1), kuchen (45, 3); — in G: wurde(n) (3), gulden (1), vnnutz (1); — in H:
wurden (2), gulden (1), kunste (1), versuncken, hulffs, anbunden, kuchen,
kurtzlich, nutz, nutzlich; — in I: wurde(n) (11), gulden (4), kunste (1),
kundten (1), hulffs, kuchen, kur (36, 14); — in K: wurde(n) (13), gulden (4),
kunden (1), hulffs, kuchen, kurtzlich; — in L: wurden (1), nutz.
Der Umlaut
des uo erscheint in der Regel als ue, daneben in C und E ziemlich häufig als
ů (můde, grůnet, můssen, gefůrt C; můste,
můhe, brůder = fratres E; wahrscheinlich sind auch grůnet 42, 13
EFHI, schůler FGHL, gůtter 29, 20 I, fůrt 33, 9 L als
Umlautsbezeichnungen anzusehen. In L wird auch dieser Umlaut, wie der des u,
fast ausnahmslos als ü bezeichnet (sonst nur einmal in D fület). Über die in A
gezogenen Grenzen hinaus greifen nur wenige Fälle: schueler BIK, fuelen
DEFGIKL, ueben DFGHIKL, gruenet KL, fueren C (2) D (8) E (6) HIK (stets) L (1),
mueste D (1) E (4) F (stets) G (6) HIKL (1), armuets 34, 19 E (vgl. armüete
Lexer). Die Umlautsbezeichnung mangelt in verstunden (1), verfurer (1), huten
(1), bucher (10), mussen (1) B; mussen (2), muste (1), musten (1) C; fureten
(1) D; gutter (bona), stunde (staret) E.
Vokale. 1.
Gegen A (wo -lin) ist alte Länge diphthongirt in byßleyn, kindleyn B, maydlein
(auch K), kneblein, kindtlein D; gegen A gewahrt in libraryen B (1) C (2),
ferner in yn (-) F (29, 9. 32, 5. 40, 19. 45, 10. 50, 10. 52, 23), G (29, 9.
45, 10. 50, 10); guldin H (3). BDFIK schreiben 27, 24 freunde, freundtlich,
ebenso 31, 5 DEGIK freuende gegen fruende A, während 42, 17 umgekehrt freund A
in F als fründ erscheint. Ebenso wird latinisch 32, 10 A zu lateinisch BCDHIKL,
während das sonst in A übliche lateinisch in EF meist durch latinisch ersetzt
wird. In G findet sich blyben, schryben, zwyffel, glich gegen bleyben usw. A,
desgleichen fast durchweg vff(-) und vß(-), auch brun (51, 3); in F stets vff
und druff, in E zweimal vff-. Hierher gehört wohl auch ein vereinzeltes tzucht
C (für zeucht), und dreü H (aus driu) 27, 6.
2. Die alten und
die neuen Diphthonge werden durch die Schreibung in der Regel nicht
unterschieden. Nur DHIK geben das alte ei durchweg durch ai oder
[Seite 24]
ay, aber
wiederholt steht ein in D. Vereinzelt ist waiß in F. In I begegnet auch mayn
(meus), — ou nur in jungkfrowen 33, 13 H. Das aus iu entstandene eu wird von
dem au-Umlaut in D mehrfach als eue, in F –L der Regel nach als eü
unterschieden, doch finden sich Ausnahmen wie reüber F, verseümen FGL, eüget H,
Teutsch D, Deutsch E; in E auch zeůget und eůget.
3. Altes ie
ist in allen Drucken meist bewahrt. Doch hat A meist zihen (ziehen 46, 23),
dafür setzen DF stets, EHIKL meist ziehen, G dagegen hat zihen durchgeführt.
Ferner hyrynn A > hierin DFHIKL; spigel A > spiegel EFHKL; nyrgent A >
niergent (1) DL (2) F; ymer > yemer (1) G. Umgekehrt haben andere Drucke i
für ie in A: schir (1) B; dinst (1) EL; Krichen (1) E; lichters (1) H. — Das ie
für i als Zeichen der eingetretenen Verlängerung wird in den Nachdrucken außer
B und E (wo besonders dieser) gern durch i ersetzt. Nur hin und wieder begegnet
in den Nachdrucken ie für i A: schriefft B; lyegen (iacere) C, hien G, sieht L.
4. u und uo
werden in einigen Drucken noch unterschieden. CFGHIK verfahren in dieser
Scheidung von u und ů im Ganzen sorgfältig; B schreibt gelegentlich nuer,
zue oder fueg, K schuele, guett, thuet, D einmal fuer (aus fuor) und öfter
nuer, CEFL öfter nůr (auch in A nuer), EFL nů(n), E auch nue. Bunt
ist das Bild in E, das neben zů, schůle usw., wie wir oben sahen, ein
ů = Umlauts-ü aufweist. Dazu tritt dann noch ein ů (ue) an Stellen,
wo Umlaut zweifelhaft oder unmöglich ist: kůnst 35, 5 (Dat. Sg. mit
Umlaut?), zůchtmeyster 35, 11 (Anlehnung an züchtigen?), Acc. pl.
zůngen (37, 8), schmůck (36, 16), kůmen, lůst (Sing.),
grůnd, verwůndert, vnterwůnden, getzwůngen, můnd;
zuengen (36, 7), schmueck (36, 16), vernuenfft (38, 21).
5. Für a
tritt o ein in on für an (ad) B (2), sowie in mehrfachem (dar)noch EL, das
übrigens auch in A begegnet, z. B. 52, 4, wo BCFIL und 35, 33, wo DFIL
(dar)nach setzen. G hat einmal lossen (sinere), FHIKL meistens (ge)thon, H
einmal anston (29, 3). Umgekehrt erscheint bisweilen nach für noch (neque) in
CF, an für on (sine) E (3) L (1).
6. Über oe
oder ae für ë siehe oben.
7. In FGL
wird die Schreibung eüw oder euw bevorzugt in eüwer, greuwlich, feuwer,
streüwen, treüw, neüw (so auch H), scheüwen usw. gegen ewer usw. A.
8. Ersatz
eines i durch ü zeigen würfft DIK (1), würt H (8) I (1), gewünnen IK (36, 26),
müst K (Subst.), während sprüchwort H (1) au Anlehnung an spruch beruhen wird.
Für ie steht ü in nümmer L (1) schüssen K. Dazu gefueele (placeret) IK (1).
9. An Stelle
von o erscheint vielfach u. B sundern (4), DFL stets sunder (wofür in GHIK
stets, in E einmal sonder), DFL haben immer, BCI je einmal sunderlich (in L
einmal auch sünderlich), DFL einmal besunders DFKL schreiben regelmäßig, BEGHI
bisweilen sunst; DFL immer, B, I und IK vereinzelt kumen, kumbt. CHIK haben
trutz (1), D Sunne (1) DGHIK Nunne (1), F dule, H dull (f. dole 51, 20), DFL
wiederholt genumen. DGHIK schreiben sun, FL sůn (filius), süne (filii), F
büffel für poeffel, D verlure, (er)zuge (einmal so auch IK) für verloere,
erzoege, FK auch (er)züge, D (auff)zugen (3) für (auff)zogen (= educabant). Für
[Seite 25]
konnen
erscheint kuennen G (1) L (3). GHIKL schreiben meist kuenig(lich), kuenigreich.
10. Für u
tritt nicht selten o ein. So wird furcht zu forcht DEFGIKL, fuercht (timet) zu
foercht L (2); kuendte(n) zu koende(n) D (16) G (1), gekundt zu gekoendt E (1);
thuerst zu thoerste D (1); (be)duerffte zu (be)doerffte DEL (K auch derffte);
muenich zu moenich, moench, getuecht zu getocht E. D schreibt immer moegen,
moeglich, vermoegen, I je einmal moegen und moeglich.
11. Die
Längenbezeichnung der Vokale durch h ist in allen Nachdrucken zumeist beseitigt:
es wird fast durchweg jr (yr), jm, jn für yhr usw. geschrieben, desgleichen
mer, ere für mehr, ehre. Oft ist an Stelle des Dehnungs-h Doppelung des e
getreten: meer, eere. Vereinzelt begegnet in BE yhn für in (Präp.). — Auch für
ehe, wehe A meist ee, wee.
12. Das md. i
in Endsilben wird in den Nachdrucken oft beseitigt. Gottis wird in DFHIKL
durchweg, in G häufig zu Gottes, in B neunmal, in C nur einmal; 29, 33 hat C
gegen A Gottis hergestellt. Alle Drucke stehen gegen A zusammen in offenbarn f.
offinbarn. Für hoehist haben 27, 19 DFH hoechest, 32, 15 DFGIK hoehest, 36, 1
DEH hoechst und L durchweg hoechst; C hat 45, 9 gegen hoehest A hoehist
hergestellt, ebenso 35, 2 D ausbündigist f. ausbuendigst. Einzelne Fälle:
eltesten DGH (aeltsten L), kuendtest FGIKL, gelertesten, fürnaemesten H gegen
eltisten usw. A.
13. Das
Abwerfen des Endungs-e ist in allen Drucken häufig, in L sogar die Regel. In
den Lesarten wurden nur diejenigen Fälle aufgeführt, in denen es abweichend vom
Urdruck gesetzt ist. Dagegen wurden vollzählig diejenigen Fälle verzeichnet,
bei denen das e im Auslaut vor Konsonant eintritt oder schwindet (fewer), und
wo es in Mittelsilben einer vom Urdruck abweichenden Behandlung unterliegt
(verordenen neben verordnen usw.). Anfügung eines unorganischen e ist selten:
geyste (Acc. Sg.), genuge (50, 6, wo aber vielleicht die flektirende Form der
älteren Sprache noch nachwirkt) B, schulde (Nom. Sg.), volcke (Acc. Sg.) E.
14. In geen,
steen und seinen Zusammensetzungen haben DFHIK durchgehends, G häufig das h
getilgt.
Konsonanten.
Anlautendes b wird in D häufig p: plut, plume, pit, preyten, prunnen, procken,
prot, (vn)danckparkait; dazu gesellt sich Papst H (2), pleyben (2), pringen (1)
K, gepott CE (32, 19). Umgekehrt wird anlautendes p des Urdrucks zu b in gebott
27, 8 DFHIKL, 37, 26 CFGL; gebotten 32, 17 DFGHIKL; gebeuet, geborn, gebüren
DFGHIKL; boden (42, 9) CFGHIKL; bueschen FGHIKL; büffel 44, 7 F (bofel IK);
emberen FHL; berlen F; blatten C; blage I; barreten L.
Anlautendes d
wird zu t in teutsch DFHIKL (stets, mit einer Ausnahme F, zwei Ausnahmen H);
treck H; truck(en) HIKL. Beispiele für den Inlaut sind nur Entechristisch IK
und selten IKL. Die entgegengesetzte Vertretung zeigen dantzen G; doll, dappen,
dantzen H; doll, doben, doechter L für tantzen usw. A. Ferner im Inlaut:
einschneyden 52, 24 DF; beschneydung DEFHIKL; vnder(-) D (1) F –L (stets, mit
wenigen Ausnahmen in G), wo A t aufweist.
[Seite 26]
Schwanken
zwischen g und k zeigt iungfraw neben iunckfraw und iungfraw; seligkeytt, reynigkeit
usw. neben selickeit usw. — Hieran sei angereiht manichfelltig A > manig-
BDEFHIK; schlahen A > schlagen D; schewen A > schewhen (scheühen) DHI.
dd in odder,
widder usw. wird in den Nachdrucken meist vereinfacht andernorts aber
Doppelungen von n, t, l usw. gegen A eingeführt. — B liebt die Schreibung zc
(zcu, zcihen), C das tz im Anlaut (tzeygen).
Anfügung von
t an Wort- oder Silbenschluß findet sich in sprichtwort C dannocht DL, dennocht
HIK, anderst H, waißt HIK.
Vor- und
Nachsilben. Die Vorsilbe ge- büßt bisweilen den Vokal ein: gwesen, gwar,
gschaefft, gsagt H; gschwindest K; gnug (50, 6) CEHKL. Das Gegentheil findet
statt in genůg 36, 3 H, 40, 22 K; genůgsam 36, 8 L; gelaubt (1),
geleych (3) K; genad (1) E. Die Vorsilbe zu- (daneben zur- A) wird in DFHIKL
gelegentlich durch zer- ersetzt. In allen Drucken wechselt -nis mit -nuß, in D
einmal auch ergernüß. CFHIL schreiben gelegentlich yrthumb, DEIK einmal
Priestertumb gegen -tum A.
Wortformen.
Muenich > Muench B (3) CD (1) FHIKL (meist); erbeyt(en) > arbeyt(en) DFG
(stets) H –L (meist) BC (1); wiste > wuste F, wueßte K; thun > thon K
(1); sind > seind DIK (meist) CEGH (vereinzelt) sein L (auch D); wilch
(daneben welch und welich A) > welch B (2) C (1) DFGHL (stets), woelch (daneben
woellich) IK und vereinzelt L (K auch welch); solch und solich schwanken in
allen Drucken, ebenso do und da; manich- > manch- L (1); wider > weder
DFKL (stets) GH (meist) I (vereinzelt); ent weder > aintweder HIK; wo >
wa I (stets, auch wahin) K (1); denn > dann BEFIK (1) DL (stets) H (meist);
wenn > wann H (2) L (stets). yderman > yederman C –L; iglich >
yegklich DFGHIKL (meist); zwentzig > zwaintzig DHIK; feylen, feilen >
feelen (felen) DEFGL; faelen HIK.
dazu >
darzu B (6) D (stets) FG (2) H (7) IKL (stets); dabey > darbey DIK (1);
dadurch 〉 dardurch D (5) L (1); darfür D (1) I (1) L (1); daruon D
(2); darmit K (1); darwider L (1); erfur 〉 herfur BC, herfür DHIKL
(stets); ereyn 〉 herein DFHIKL; nicht 〉 nit BDEHIKL (oft) F (stets)
CG (bisweilen); sanct (S.) > sant DIK, zuweilen auch B; nu > nun DG
stets, HL meist. In IK finden sich 13 nu 12 nun, die nur in sofern eine gewisse
strichweise Vertheilung zeigen, als B 1a –3a nur 3 nun; B 4a –E 3a nur 6 nu
stehen. Auch nach der Bedeutung, nach der Verwendung und Stellung im Satze
scheiden sich die nu nicht von den nun. In verneinten Sätzen z. B finden wir 3
nu, 3 nun; der Versuch, das nun als Verallgemeinerung aus nu en(ist) zu
erklären, der an sich manches für sich hat, erhält also aus IK keine Stütze.
itzt >
ietzt (yetzt) CDE (vereinzelt), yetzt (auch yetz) F, yetzt (selten ietzt) G,
ietz(t) (daneben ytz und itz) H, yetz(t) IK, yetzt (neben ytzt) L; sintemal
> seintemal (daneben seytemal) D, syntenmal G (1), seitenmal (daneben
seytemal) H (3), seytemal IK (2), seidtmal L (4).
[Seite 27]
[1]
An die
Burgermeyster und Radherrn allerley stedte ynn Deutschen landen.
Martinus
Luther.
1524
[Seite 27] [
1 Ratherren DI Ratsherrn H Radtßherren K
stedte] Soette [so] K 4 herren (so meist) D (stets) IK 5 liebe H 6 nun
DHL 12 daruber D 14 steht L 16 jres F 17 sachen K 18 eyget G ayget K aeyget L
19 auff hoechst L 21 Esaias D 22/23 hailwertige DIK hailwaertig H 23 lampel D
ampel HK angezündet D nun DEHIKL meynen IK 24 herren (so öfters) G woellet DHL woelttē G 26 vor Gott
HIK 27 moecht fehlt IK
stillschweygen FIKL 29 verordnet DFL es fehlt IK 30/31 zugesagt bis
gehorchet fehlt C 30 angesaget E]
[4] Gnad und
frid von Gott unserm vater und herrn [5] Ihesu Christo. Fuersichtigen weysen
lieben herrn. [6] Wie wol ich nu wol drey jar verbannet und ynn [7] die acht
gethan hette sollen schweygen, wo ich [8] menschen gepott mehr denn Gott
geschewet hett, [9] wie denn auch viel ynn deutschen landen beyde [10] gros und
kleyn mein reden und schreiben aus der [11] selben sach noch ymer verfolgen und
viel blutts [12] drueber vergiessen. Aber weyl myr Gott den mund [13] auff
gethan hatt und mich heyssen reden, dazu so [14] krefftiglich bey myr stehet
und meyne sache on meynen rad und thatt so viel [15] stercker macht und weytter
ausbreytt, so viel sie mehr toben, und sich gleich [16] [Ps. 2, 4] stellet als
lache und spotte er yhrs tobens, wie der ander psalm sagt: An [17] wilchem
alleyne mercken mag wer nicht verstockt ist, das dise sache mus Gottes [18]
eygen seyn, Sintemal sich die art Goettlichs worts und wercks hie euget, wilchs
[19] allzeyt denn am meysten zunimpt, wenn mans auffs hoehist verfolget und
[20] dempffen will.
[21] [Jes.
62, 1] Darumb will ich reden (wie Isaias sagt) und nicht schweygen, weyl ich
[22] lebe, bis das Christus gerechtigkeyt aus breche wie ein glantz und sein
heylbertige [23] gnad wie eyn lampe anzündet werde, und bitte nu euch alle
meyne [24] lieben herrn und fruende, woelltet dise meyne schrifft und ermanung
fruendlich [25] annemen und zu hertzen fassen. Denn ich sey gleych an myr
selber wie ich [26] sey, so kan ich doch fur Gott mit rechtem gewissen rhuemen,
das ich darynnen [27] nicht das meyne suche, wilchs ich viel bas moecht mit
stille schweygen uberkomen, [28] sondern meyne es von hertzen trewlich mit euch
und gantzem deutschen [29] land, da hyn mich Gott verordenet hat, es glewbe
odder glewbe nicht wer [30] do will. Und will ewer liebe das frey und getrost
zugesagt und angesagt [31] haben, das wo yhr mir hierinn gehorchet, on zweyffel
nicht myr, sondern
[Seite 28]
[ 1 gehorcht
EK Christum DHK 3 lere DFL selber H 6 werdent H 7 deüre IK blůmen IK 8 Esaias D darein D wehet DL 9 darauff D nun BDHIKL 10 vnchristenlich D nur] nū H hauch G 11 weyl fehlt D toecher B 12 mehr fehlt D 15 lernen]
leren E 16 so] als H leren] lernen
F 17 zayget IK 18 bekantnyß F bekantnuß HIK 19 ynn] in den D]
[1] Christo
gehorchet. Und wer myr nicht gehorchet, nicht mich, sondern Christon veracht.
[2] Denn ich weys yhe wol und byn gewiss, was und wo hyn ich rede [3] odder
leer, so wirds auch yederman wol selbs spueren, so er meyne lere recht [4] will
ansehen.
[5] Auffs
erst erfaren wyr ietzt ynn deutschen landen durch und durch, wie [6] man
allenthalben die schulen zur gehen lesst, die hohen schulen werden schwach, [7]
kloester nemen ab, und will solichs gras duerre werden und die blume fellt [8]
[Jes. 40, 6 ff.] dahyn, wie Isaias sagt, weyl der geyst Gottis durch seyn wort
drein webet [9] und scheinet so heys drauff durch das Euangelion. Denn nu durch
das wort [10] Gottis kund wird, wie solch wesen unchristlich und nur auff den
bauch gericht [11] sey. Ja weyl der fleyschliche hauffe sihet, das sie yhre
soene, toechter [12] und freunde nicht mehr sollen odder muegen ynn kloester
und stifft verstossen [13] und aus dem hause und gutt weysen und auff frembde
guetter setzen, will [14] niemand meher lassen kinder leren noch studiern. ‘Ja,
sagen sie, Was soll [15] man lernen lassen, so nicht Pfaffen, Muenich und
Nonnen werden sollen? [16] Man las sie so mehr leren, da mit sie sich
erneren.’1
[17] Was aber
solche leut fur andacht und ym synn haben, zeuget gnugsam [18] solch yhr eygen
bekentnus. Denn wo sie hetten nicht alleyn den bauch und [19] zeytliche narung
fur yhre kinder gesucht ynn kloestern und stifften odder ym [20] geystlichen
stand, und were yhr ernst gewest der kinder heyl und seligkeyt zu
[Seite 29]
[ 3 anston H
anstehn (so meist) L 4 kinderen G 5 andre H andere IK 9 gybt BFGHL 10
fleischē E so fehlt H zuuorlassen E 11 yhn] jnen D 12 nun
DGHIKL 13 geystlichen B zerstoert
H 14 verderbt L wilchem E 16 dz
man das jūg IK er nach were
fehlt C 18 geschwindest D gschwindest K
gehn (so stets) L
niedliche] medliche E neydische H noedtliche IK 19 seyner] yrer H 20
wurde D 24 richtet F 25 waer H 26 Nun DGHIKL 27 fert IK nun DGHIKL 31 friden] freüdē K 32
durch iunge H 33 erkantnuß DIK 34 fuernem E 35 geht (so stets) L]
[1] suchen,
so wuerden sie nicht so die hende ablassen und hynfallen und sagen [2] ‘Soll
der geystliche stand nichts seyn, so woellen wir auch das leren lassen [3]
anstehen und nichts dazu thun’, sondern wuerden also sagen ‘Ists war wie [4]
das Euangelion leret, das solcher stand unsern kindern ferlich ist, Ach lieber
[5] so leret uns doch eyne ander weyse, die Gott gefellig und unsern kindern
[6] seliglich sey, Denn wyr woellten jha gerne unsern kindern nicht alleyn [7]
den bauch, sondern auch die seel versorgen’, das werden freylich rechte
Christliche [8] trewe elltern von solchen sachen reden.
[9] Das aber
der boese teuffel sich also zur sache stellet und gibet solchs eyn [10] den
fleyschlichen welthertzen, die kinder und das junge volck so zuverlassen, [11]
ist nicht wunder, und wer wills yhn verdencken? Er ist eyn fuerst und gott [12]
der wellt. Das er nu des sollt eyn gefallen tragen, das yhm seyne nester, [13]
die kloester und geistliche rotten, verstoeret werden durchs Euangelion, ynn
wilchen [14] er aller meyst das junge volck verderbet, an wilchen yhm gar viel,
ja [15] gantz und gar gelegen ist, wie ists mueglich? Wie sollt er das zugeben
odder [16] anregen, das man jung volck recht auffzihe? Ja eyn narre were er,
das er [17] ynn seynem reich sollt das lassen und helffen auffrichten, da durch
es auffs [18] aller schwindest mueste zu boden gehen, wie denn geschehe, wo er
das niedliche [19] bislin, die liebe jugent, verloere und leiden muste, das sie
mit seyner koeste und [20] guetter erhallten wuerden zu Gottis dienst.
[21] Darumb
hat er fast weyslich than zu der zeyt, da die Christen yhre [22] kinder
Christlich auffzogen und leren liessen. Es wollt yhm der junge hauffe [23] zu
gar entlauffen und ynn seinem reich eyn unleidlichs auffrichten. Da fur [24] er
zu und breyttet seyne netze aus, richte soliche kloester, schulen und stende
[25] an, das es nicht mueglich war, das yhm eyn knabe het sollen entlauffen on
[26] sonderlich Gottis wunder. Nu er aber sihet, das dise stricke durchs Gottis
[27] wort verraten werden, feret er auff die ander seytten und will nu gar nichts
[28] lassen lernen. Recht und weyslich thut er abermal fur seyn reych
zuerhallten, [29] das yhm der junge hauffe ja bleybe. Wenn er den selben hat,
so wechst er [30] unter yhm auff und bleybt seyn, wer will yhm etwas nemen? Er
behelt [31] die welt denn wol mit friden ynnen. Denn wo yhm soll eyn schaden
geschehen, [32] der da recht beysse, der mus durchs junge volck geschehen, das
ynn [33] Gottis erkenntnis auff wechst und Gottes wort aus breyttet und ander
leret.
[34] Niemand,
niemand gleubt, wilch eyn schedlichs teuffelisch furnemen das [35] sey, und
gehet doch so still daher, das niemand merckt, und will den schaden
[Seite 30]
[ 2 vor
HIK versteht (so stets) L 5 die]
den H den H 6 nuer] nū H 7
auff zyehen H 8 nutzes D nutz HK 11 woellt K 12 thůndt H 15 tueckische
Tuerckische D 16 Christlichem B
gewert E 18 vnzelliche D 19 haben C 22 das da IK 24 des] das IK 25
hinfür H solchs EL 26 dancke
K hinfür H der selben F 28 muest]
muessen DFL]
[1] gethan
haben1, ehe man radten, weren und helffen kan. Man furcht sich [2] fur tuercken
und kriegen und wassern, denn da verstehet man, was schaden und [3] frumen sey.
Aber was hie der teuffel ym synn hat, sihet niemand, furcht [4] auch niemand,
gehet still ereyn. So doch hie billich were, das, wo man eynen [5] gulden gebe
widder die tuercken zu streytten, wenn sie uns gleich auff dem [6] halse legen,
hie hundert guelden geben wuerden, ob man gleich nuer eynen [7] knaben kund
damit auff erzihen, das eyn rechter Christen man wuerde. Syntemal [8] eyn recht
Christen mensch besser ist und mehr nutzs vermag denn alle [9] menschen auff
erden.
[10] Der
halben bitt ich euch alle meyne lieben herrn und freunde umb [11] Gottis willen
und der armen jugent willen, woellet dise sache nicht so geringe [12] achten,
wie viel thun, die nicht sehen, was der wellt fuerst gedenckt. Denn es [13] ist
eyn ernste grosse sache, da Christo und aller wellt viel anligt, das wyr [14]
dem jungen volck helffen und ratten. Da mit ist den auch uns und allen [15] geholffen
und geratten. Und denckt, das soliche stille, heymliche, tueckische anfechtunge
[16] des teuffels will mit grossem Christlichen ernst geweret seyn. Lieben [17]
herrn, mus man jerlich so viel wenden an buechsen, wege, stege, demme und [18]
der gleichen unzelichen stucke mehr, da mit eyne stad zeyttlich fride und
gemach [19] habe, Warumb sollt man nicht viel mehr doch auch so viel wenden an
[20] die duerfftige arme jugent, das man eynen geschickten man oder zween
hielte [21] zu schulmeystern?
[22] Auch
soll sich eyn iglicher burger selbs das lassen bewegen: hatt er [23] bis her so
viel gelts und gutts an ablas, messen, vigilien, stifften, testament, [24]
jartagen, bettel muenchen, bruderschafften, walffarten und was des geschwuerms
[25] mehr ist, verlieren muessen, und nu hynfurt von Gottis gnaden solches
raubens [26] und gebens loss ist, woellt doch Gott zu danck und zu ehren
hynfurt des selben [27] eyn teyl zur schulen geben, die armen kinder auff
zuzihen, das so hertzlich [28] wol angelegt ist, so er doch hette muest wol
zehen mal so viel vergebens den [29] obgenanten reubern und noch mehr geben
ewiglich, wo solch liecht des Euangelii
[Seite 31]
[ 1 erloeßt K
3 vnd zů messen L gaeb H 4
tryb IK seins L dings DFL 5 nun DGL dis] die H herren H 7 heymlichsten F 8 sant
DIK wyr] wie H 9 die selbige D 10
dahaym K gesůchet K 12 kunste
D 13 weliche] weltliche H yhr] sy H 14 vor HIK 15 achzehenden IK 16 meher
C hohe F gekund] künden H 17 gelernet L nuer] nun H 18 bloeck IK gelert G 19 gewest IK schedlich D 20 edel IK iungent E 21 bleiben G 22 andere E
andre H lernen E 23 lernet E 24
stumb E 25 dise] die E esels
stelle EL vnd] des D versencken G 26 nun so vns D reilich H
29 schlagen D steht E für die H vor der IK 30 wyr] mir F 31
Versehen] Vbersehen IK vor ober
I yhn fehlt B 33 vnser D darinn H]
[1] nicht
komen were und yhn da von erloeset hette, und erkenne doch, das, [2] wo sich
das weret, beschweret, sperret und zerret, das gewislich der teuffel da [3]
sey, der sich nicht so sperret, da mans zu kloestern und messen gab, ja mit [4]
hauffen dahyn treyb. Denn er fulet, das dis werck nicht seynes dinges ist. [5]
So lasst nu dis die erste ursach seyn, alle lieben herrn und fruende, die euch
[6] bewegen soll, das wyr hyrynn dem teuffel wider stehen alls dem aller
schedlichsten [7] heymlichen feynde.
[8] [2. Cor.
6, 1 f.] Die ander, das, wie S. Paulus sagt 2. Cor. 6., wyr die gnade Gottis
[9] nicht vergeblich empfahen und die selige zeyt nicht verseumen. Denn Gott
[10] der allmechtige hatt fur war uns deutschen ietzt gnediglich daheymen
gesucht [11] und ein recht guelden jar auff gericht. Da haben wyr ietzt die feynsten
gelertisten [12] junge gesellen und menner, mit sprachen und aller kunst
geziert, [13] weliche so wol nutz schaffen kuendten, wo man yhr brauchen
woellt, das junge [14] volck zu leren. Ists nicht fur augen, das man ietzt
eynen knaben kan ynn [15] dreyen jaren zu richten, das er ynn seynem
funfftzehenden odder achtzehenden [16] jar mehr kan, denn bisher alle hohen
schulen und kloester gekund haben? Ja [17] was hat man gelernt ynn hohen
schulen und kloestern bisher, denn nuer esel, [18] kloetz und bloch werden?
zwentzig, vierzig jar hat eyner gelernt und hat noch [19] widder lateinisch
noch deutsch gewust. Ich schweyge das schendlich lesterlich [20] leben,
darynnen die edle jugent so jemerlich verderbt ist.
[21] War
ists, ehe ich wollt, das hohe schulen und kloester blieben so, wie [22] sie bis
her gewesen sind, das keyn ander weyse zu leren und leben sollt fur [23] die
jugent gebraucht werden, woellt ich ehe, das keyn knabe nymer nichts lernte
[24] und stum were. Denn es ist mein ernste meynung, bitt und begirde, das [25]
dise esel stelle und teuffels schulen entweder ynn abgrund versuencken oder zu
[26] Christlichen schulen verwandelt werden. Aber nu uns Gott so reichlich
begnadet [27] und solicher leut die menge geben hat, die das junge volck feyn leren
[28] und zihen muegen, Warlich so ist not, das wyr die gnade Gottis nicht ynn
[29] wind schlahen und lassen yhn nicht umb sonst anklopffen. Er stehet fur der
[30] thuer, wol uns, so wyr yhm auff thun. Er gruesset uns, selig der yhm
antworttet. [31] Versehen wyrs, das er fur uber gehet, wer will yhn widder
holen?
[32] Last uns
unsern vorigen jamer ansehen und die finsternis, darynnen
[Seite 32]
[ 1 Teutsche
D 2 gehoert EK 5 Marckt DEFGHIKL
vor FHIK 7 wort und fehlt IK
farender] fremder E faret er K 11 duerfft] beduerfft D 12 dencken]
gedencken H werden CH 13 Darumb
GHIK 15 Der dritte CIK Moyse K 16
fordert DFGHL elteren G der fehlt E 21 allten] eltern D lernen C 22 volle tolck E sollte K selber F 23 erfarn H 25 fordern
DEFGHL auch] er auch D beuilhet L 26 die (nach alten) fehlt L
29 bestes] boeßes! E selbst H 31
lere E lert K]
[1] wir
gewest sind.1 Ich acht, das deutsch land noch nie so viel von Gottis wort [2]
gehoeret habe als itzt. Man spuert yhe nichts ynn der historien davon. Lassen
[3] wyrs denn so hyn gehen on danck und ehre, so ists zu besorgen, wyr werden
[4] noch greulicher finsternis und plage leyden. Lieben deutschen, keufft, weyl
der [5] marck fur der thuer ist, samlet eyn, weyl es scheynet und gutt wetter
ist, [6] braucht Gottis gnaden und wort, weyl es da ist. Denn das sollt yhr
wissen, [7] Gottis wort und gnade ist ein farender platz regen, der nicht wider
kompt, [8] wo er eyn mal gewesen ist. Er ist bey den Juden gewest, aber hyn ist
hyn, [9] sie haben nu nichts. Paulus bracht yhn ynn kriechen land. Hyn ist auch
[10] hyn, nu haben sie den Tuercken. Rom und latinisch land hat yhn auch
gehabt, [11] hyn ist hyn, sie haben nu den Bapst. Und yhr deutschen duerfft
nicht [12] dencken, das yhr yhn ewig haben werdet, Denn der undanck und
verachtung [13] wird yhn nicht lassen bleyben. Drumb greyff zu und hallt zu,
wer greyffen [14] und hallten kan, faule hende muessen eyn boesses jar haben.
[15] Die
dritte ist wol die allerhoehist, nemlich Gottis gebott, der durch Mose [16] so
offt treibt und fodert, die elltern sollen die kinder leren, das auch der [17]
[Ps. 78, 5 f.] 77. Psalm spricht ‘Wie hatt er so hoch unsern vetern gepotten,
den kindern [18] kund zu thun und zu leren kinds kind’. Und das weyset auch aus
das vierde [19] [5. Mose 21, 18 ff.] gebott Gottis, do er der elltern gehorsam
den kindern so hoch gepeut, das [20] man auch durchs gericht toedten soll
ungehorsame kinder. Und warumb leben [21] wir allten anders, denn das wir des
jungen volcks warten, leren und auffzihen? [22] Es ist yhe nicht mueglich, das
sich das tolle volck sollt selbs leren [23] und halten, darumb hat sie uns Gott
befolhen, die wyr allt und erfaren [24] sind was yhn gut ist2, und wird gar schwerlich
rechnung von uns fur die [25] [5. Mose 32, 7] selben fodern. Darumb auch Mose
befilht Deutero. 32. und spricht ‘Frage [26] deynen vater, der wird dyrs sagen,
die allten die werden dyrs zeygen’.
[27] Wie wol
es sunde und schande ist, das da hyn mit uns komen ist, das [28] wyr aller erst
reytzen und uns reytzen sollen lassen, unsere kinder und junges [29] volck zu
zihen und yhr bestes dencken, so doch das selb uns die natur selbs [30] sollt
treyben und auch der heyden exempel uns manichfelltig weysen. Es ist [31] keyn
unvernuenfftig thier, das seyner jungen nicht wartet und leret was yhn
[Seite 33]
[Nachträge
und Berichtigungen]
[ 1 gepuert]
gebeuet D seynen EIKL 2 seyn, und
lesst fehlt B 3 hülff es L 4 meyste E 5 nemblich E des] das E 6 vor IK beschwert EIKL 7 vordienet E verdyent
H kinderen G 8 zeyhē C 9
schůle I schůle K 10 scolarem K 11 eynen] ainem IK jungkfrowen H 12 erschreckt L 13 dwie A
dw je C dwiel G wie BDEFHIKL Witt Ien 14 iunckfrawen F 16 erkent H 21 ergernüß
D ergerniß FG ergernus IK 23 tieffsten D nuer] nun H 25 das] es B 25/26
ratsherrn H ratdßherren K 26 elteren G 27 darumb DIK kindern C 28 werdet B 29 den fehlt
D elteren G]
[1] [Hiob 39
[so], 14. 16] gepuert, on der straus, da Gott von sagt Job 31., das er gegen
seyne jungen [2] so hart ist, alls weren sie nicht seyn, und less seyne eyer
auff der erden [3] ligen. Und was huelffs, das wir sonst alles hetten und
thetten und weren [4] gleich eyttel heyligen, so wyr das unter wegen lassen,
darumb wyr aller meyst [5] leben, nemlich des jungen volcks pflegen? Ich acht
auch, das unter den eusserlichen [6] sunden die wellt fur Gott von keyner so
hoch beschweret ist und so [7] grewliche straffe verdienet, alls eben von
diser, die wyr an den kindern thun, [8] das wyr sie nicht zihen.
[9] Da ich
jung war, furet man ynn der schulen eyn sprich wort ‘Non [10] minus est
negligere scholarem quam corrumpere virginem’. ‘Nicht geringer [11] ist es
eynen schuler verseumen, denn eyne jungfraw schwechen.’ Das sagt man [12]
darumb, das man die schulmeyster erschrecket, denn man wiste dazu mal keyn [13]
schwerer sunde denn jungfrawen schenden. Aber, lieber herrgott, wie gar viel
[14] geringer ists, jungfraw oder weiber schenden (wilchs doch als ein leybliche
[15] erkandte sunde mag gebuesset werden), gegen diser, da die edlen seelen
verlassen [16] und geschendet werden, da soliche sunde auch nicht geachtet noch
erkennet und [17] nymer gebuesset wird.1 O wehe der wellt ymer und ewiglich. Da
werden [18] teglich kinder geporn und wachsen bey uns daher, und ist leyder
niemand, der [19] sich des armen jungen volcks an neme und regire, da lesst
mans gehen, wie [20] es gehet. Die kloester und stiffte solltens thun, so sind
sie eben die, von denen [21] [Matth. 18, 7. 6] Christus sagt ‘Wehe der wellt
umb der ergernisse willen: wer dieser jungen [22] eynen ergert die an mich
glewben, dem were es besser, eynen muelstein an den [23] hals gehenckt und yns
meer gesenckt, da es am tieffesten ist’. Es sind nuer [24] kinderfresser und
verderber.
[25] Ja,
sprichstu, solchs alles ist den elltern gesagt, was gehet das die radherrn [26]
und oberkeyt an? Ist recht geredt, ja: wie wenn die elltern aber solchs [27]
nicht thun? wer solls denn thun? solls drumb nach bleyben und die kinder [28]
verseumet werden? Wo will sich da die oberkeyt und Rad entschuldigen, das [29]
yhnen solchs nicht sollt gepueren? Das es von den elltern nicht geschicht, hat
[30] mancherley ursach.
[Seite 34]
[Nachträge
und Berichtigungen]
[ 2 strasse
kerten H 3 jren GIK lassen do bei
L das] da IK sich] in G, jnē IK 4 thůn do
sy zů G 5 dann DL den̄ FK denn I 6 sie fehlt IK 7 kynder C geschmeisse Witt Ien 8 den BCDH den̄
EFGIK dan̄ L es fehlt
L Sodoma DIK 9 etliche K 11 leren
H nicht IK 12 gelernt IK 14
geschicht L 15 vor HIK 16 zwingt HL 17 eynen] eyn L aygnen D 18 gemeyn L 20 sich] jn
GIK Vormunden D] fürsprecher IK
versogrt A1 22 nent L dere] deren
FL der H 23 darumb D 24 der fehlt E groest F 25 zu haben] zuhalten D 26 inen H
27 vor HIK 28 sůchen IK Nun E 29 alleyne fehlt F samel L 30 daruber DIK 31 ists so
F dester erger CEGHIK dest erger D dester groesser DHIK 33 gezogner HIKL]
[1] Auffs
erst sind etliche auch nicht so frum und redlich, das sie es thetten, [2] ob
sie es gleich kundten, sondern wie die strausse herten sie sich auch gegen [3]
yhre jungen und lassens da bey bleiben, das sie die eyer von sich geworffen [4]
und kinder zeuget haben, nicht mehr thun sie dazu. Nu dise kinder sollen [5]
dennoch unter uns und bey uns leben ynn geweyner stad. Wie will den nu [6]
vernunfft und sonderlich Christliche liebe das leyden, das sie ungezogen auff
[7] wachsen und den andern kindern gifft und schmeysse seyen, damit zu letzst
eyn [8] [1. Mos. 19, Richt., 19. 20] gantze stad verderbe, wie es denn zu Sodom
und Gomorra und Gaba und [9] ettlichen mehr stedten ergangen ist.
[10] Auffs
ander, so ist der groessest hauffe der elltern leyder ungeschickt dazu [11] und
nicht weys, wie man kinder zihen und lernen soll. Denn sie nichts selbs [12]
gelernet haben, on den bauch versorgen, und gehoeren sonderliche leut dazu, die
[13] kinder wol und recht leren und zihen sollen.
[14] Auffs
dritte, ob gleich die elltern geschickt weren und woelltens gerne selbs [15]
thun, so haben sie fur andern geschefften und haus hallten widder zeyt noch
[16] raum dazu, also das die not zwinget, gemeine zuchtmeyster fur die kinder
zu [17] hallten, Es woellte denn eyn iglicher fur sich selbs eynen eygen hallten,
aber [18] das wuerde dem gemeynen man zu schwere, und wuerde abermal manch feyn
[19] knabe umb armuts willen verseumet. Dazu, so sterben viel elltern und
lassen [20] weysen hynder sich, und wie die selben durch furmunden versorgt
werden, ob [21] uns die erfarung zu wenig were, sollt uns das wol zeygen, das
sich Gott [22] [Ps. 68, 6] selbs der weysen vater nennet als dere, die von
yderman sonst verlassen sind. [23] Auch sind ettliche, die nicht kinder haben,
die nemen sich auch drumb nichts an.
[24] Darumb
wills hie dem Rad und der oberkeyt gepueren, die aller groessesten [25] sorge
und fleys auffs junge volck zu haben. Denn weyl der gantzen stad [26] gutt,
ehr, leyb und leben yhn zu trewer hand befolhen ist, so thetten sie [27] nicht
redlich fur Gott und der welt, wo sie der stad gedeyen und besserung [28] nicht
suchten mit allem vermuegen tag und nacht. Nu ligt eyner stad gedeyen [29]
nicht alleyne darynn, das man grosse schetze samle, feste mauren, schoene
heusser [30] viel buechsen und harnisch zeuge. Ja wo des viel ist und tolle
narren drueber [31] komen, ist so viel deste erger und deste groesser schade
der selben stad. Sondern [32] das ist einer stad bestes und aller reichest
gedeyen, heyl und krafft, das sie [33] viel feyner gelerter, vernuenfftiger,
erbar, wol gezogener burger hatt, die kuenden [34] darnach wol schetze und
alles gut samlen, hallten und recht brauchen.
[Seite 35]
[ 2
achzehē IK 4 den] die F 5 treffenliche D erfarung FL 10 allzeyt D 13 zun
Galathern am iiij. D 14 sprrcht A sprach D gesetz DF gesatz H 16 gebrechen E feele DF faele IK 18 holtze K 20 mue
H selbs BDHIK 23 walde H wechßt F 24 vnoerdlich FH vnerdtig
IK nur] nun H 25 fewerwerck K 28
vnuernünfftig H lasse D] aß K herren H 31 gehet B]
[1] Wie hat
die stad Roma1 than, die yhre knaben also lies zihen, das sie [2] ynwendig
funffzehen, achtzehen, zwentzig jaren auffs ausbuendigst kuendten [3]
lateynisch und kriechisch und allerley freye kuenste (wie man sie nennet), darnach
[4] flux ynn den krieg und regiment, da wuerden witzige, vernuenfftige und [5]
treffliche leute aus, mit allerley kunst und erfarunge geschickt2 , das, wenn
man [6] itzt alle Bischoffe und alle Pfaffen und Mueniche ynn deutschem lande
auff [7] eynen hauffen schmeltzet, sollt man nicht so viel finden, alls man da
wol ynn [8] eynem Roemischen kriegs knecht fand. Darumb gieng auch yhr ding von
[9] statten, da fand man leute, die zu allerley tuechtig und geschickt waren.
Also [10] hats die nott allezeyt erzwungen und erhallten ynn aller wellt, auch
bey den [11] heyden, das man zuchtmeyster und schulmeyster hatt muessen haben,
so man anders [12] ettwas redlichs hatt woellen aus eym volck machen. Daher ist
auch das wort [13] ‘zuchtmeyster’ ynn sanct Paulo Gal. 4. alls aus dem gemeynen
brauch menschlichs [14] [Gal. 3, 24] lebens genomen, da er spricht ‘Das gesetze
ist unser zuchtmeyster gewesen’.
[15] Weyl
denn eyne stad soll und mus leute haben und allenthalben der [16] groeste
gebreche, mangel und klage ist, das an leuten feyle, so mus man nicht [17]
harren, bis sie selbs wachsen, man wird sie auch wider aus steynen hawen [18]
noch aus holtz schnitzen, so wird Gott nicht wunder thun, so lange man der [19]
sachen durch ander seyne dargethane guetter geraten kan. Darumb muessen wyr
[20] dazu thun und muehe und kost dran wenden, sie selbst erzihen und machen.
[21] Denn wes ist die schuld, das es itzt ynn allen stedten so duenne sihet von
[22] geschickten leutten, on der oberkeyt, die das junge volck hatt lassen auff
wachsen, [23] wie das holtz ym wald wechset, und nicht zu gesehen, wie mans
lere und zihe? [24] darumb ists auch so unoerdig gewachsen, das zu keynem baw,
sondern nur eyn [25] unnuetz gehecke und nur zum fewrwerg tuechtig ist.
[26] Es mus
doch welltlich regiment bleyben: soll man denn zu lassen, das [27] eyttel
ruelltzen und knebel regiren, so mans wol bessern kan, ist yhe ein wild [28]
unvernuenfftiges furnemen, So las man eben so mehr sew und woelffe zu herrn
[29] machen und setzen uber die, so nicht dencken woellen, wie sie von menschen
[30] regirt werden.3 So ists auch eyn unmenschliche bosheyt, so man nicht
weytter [31] denckt denn also: wyr woellen itzt regiren, was geht uns an, wie
es denen [32] gehen werde, die noch uns komen? Nicht uber menschen, sonder uber
sew
[Seite 36]
[ 1 regiern
IK 3 erzoehe H regiern K 4 mue H 5
da] dar H 6 sprichst du H 7 Hebreisch D Hebraisch IK 11 vmligende B vmbligenden
D wirs auch IK 13 außlendische E
15 foelle FIKL] vile D kuer] kue H
16 geschmuck (vor die) G on fehlt
IK 17 bayder zu hayligen K 18 außlendische K 21 andrer H das fehlt B 23 reylich H 24 sicht H 27
fach] loch IK 28 müge K 29 denckt IK
nun E 31 Darumb DHIK]
[1] und hunde
sollten soliche leute regiren, die nicht mehr denn yhren nutz oder [2] ehre ym
regiment suchen. Wenn man gleich den hoehisten fleys fur wendet, [3] das man
eyttel feyne, gelerte, geschickte leutt erzoege zu regiren1, es wuerde [4]
dennoch muehe und sorge gnug haben, das es wol zu gienge. Wie soll es [5] denn
zu gehen, wenn man da gar nichts zu thut?
[6] ‘Ja’,
sprichstu aber mal, ‘ob man gleich sollt und mueste schulen haben, [7] was ist
uns aber nuetze, lateynisch, kriechisch und ebreyisch zungen und andere [8]
freye kuenste zu leren? kuenden wyr doch wol deutsch die Bibel und Gottis [9]
wort leren, die uns gnugsam ist zur selickeyt’.2 Antwort: Ja ich weys leyder
[10] wol, das wyr deutschen muessen ymer bestien und tolle thier seyn und
bleyben, [11] wie uns denn die umbligende lender nennen und wyr auch wol
verdienen.3 [12] Mich wundert aber, warumb wyr nicht auch ein mal sagen ‘Was
sollen uns [13] seyden, wein, wuertze und der frembden auslendischen ware, so
wyr doch selbs [14] weyn, korn, wolle, flachs, holtz und steyn ynn deutschen
landen nicht alleyn [15] die fuelle haben zur narung, sondern auch die kuer und
wal zu ehren und [16] schmuck?’ Die kuenste und sprachen, die uns on schaden,
ja groesser schmuck, [17] nutz, ehre und frumen sind beyde zur heyligen
schrifft zuverstehen und welltlich [18] regiment zu fueren, woellen wyr
verachten, und der auslendischen ware, [19] die uns wider not noch nuetze sind,
dazu uns schinden bis auff den grat, der [20] woellen wyr nicht geratten:
heyssen das nicht billich deutsche narren und bestien?
[21] Zwar
wenn keyn anderer nutz an den sprachen were, sollt doch uns das [22] billich
erfrewen und anzuenden, das es so eyn edle seyne gabe Gottis ist, da mit [23]
uns deutschen Gott itzt so reichlich fast uber alle lender heymsucht und
begnadet. [24] Man sihet nicht viel, das der teuffel die selben hette lassen
durch [25] die hohen schulen und kloester auffkomen. Ja sie haben allzeyt auffs
hoehest [26] da widder getobet und auch noch toben. Denn der teuffel roch den
braten [27] wol: wo die sprachen erfur kemen, wuerde seyn reich eyn fach
gewynnen, das [28] er nicht kunde leicht wider zu stopffen. Weyl er nu nicht
hat muegen weren, [29] das sie erfur kemen, dencket er doch sie nu also schmal
zu hallten, das sie von [30] yhn selbs wider sollen vergehen und fallen. Es ist
yhm nicht eyn lieber gast [31] damit yns haus komen, Drumb will er yhn auch
also speysen, das er nicht [32] lange solle bleyben. Disen boesen tuck des
teuffels sehen unser gar wenig, [33] lieben herren.
[Seite 37]
[ 1 lasset L
2 edle E klainat H klainet
IKL darob DIK 3 kuenden FH 4 laugnen DIK
loeugnē H 8 hette IK 9 die] der C 10 außgebrayt KL ferren D ferr FHI feer K 11 auch ytzt
C sprachen] sprach er G 12 bis]
diß E das (1) fehlt B es] er H Ewangelion D Euangelij Witt Ien 13
geschechen C 15 kriechische] kriechen L 16 würde H zůleren H 17 nun C alls fehlt C lasset L den] die H 19 zway IK Ebreesche C Hebreische D Hebraische IK
20 newe CG 21 erwelt L für alle H vor allen IK vor IK 22 S.] Szo C 23 Hebreischen D
Hebraischen IK darinnen DH tzůn Roemern .3. CD 24 nutzs
L erste K 25 inen H 26 Israhel C
27 offenbaret H die fehlt C]
[1] Darumb,
lieben deutschen, lasst uns hie die augen auff thun, Gott [2] dancken fur das
edel kleynod und fest drob hallten, das uns nicht wider entzuckt [3] werde und
der teuffel nicht seynen mutwillen buesse. Denn das konnen [4] wir nicht
leucken, das, wie wol das Euangelion alleyn durch den heyligen [5] geyst ist
komen und teglich kompt, so ists doch durch mittel der sprachen komen [6] und
hat auch dadurch zugenomen, mus auch da durch behallten werden. Denn [7] gleich
alls da Gott durch die Apostel wollt ynn alle wellt das Euangelion [8] [Apg. 2,
4 ff.] lassen komen, gab er die zungen dazu.1 Und hatte auch zuvor durch der
[9] Roemer regiment die kriechische und lateynische sprach so weyt ynn alle
land [10] ausgebreyttet, auff das seyn Euangelion yhe bald fern und weyt frucht
brechte. [11] Also hat er itzt auch gethan. Niemant hat gewust, warumb Gott die
sprachen [12] erfuer lies komen, bis das man nu allererst sihet, das es umb des
Euangelio2 [13] willen geschehen ist, wilchs er hernach hat woellen offinbarn
und da durch des [14] Endchrists regiment auff decken und zu stoeren. Darumb
hat er auch kriechen land [15] dem Tuercken geben, auff das die kriechen
verjagt und zu strewet die kriechische [16] sprach aus brechten und eyn anfang
wuerden, auch andere sprachen mit zu lernen.
[17] So lieb
nu alls uns das Euangelion ist, so hart last uns uber den [18] sprachen
hallten. Denn Gott hat seyne schrifft nicht umb sonst alleyn ynn [19] die zwo
sprachen schreiben lassen, das allte testament ynn die Ebreische, das [20] new
ynn die Kriechische. Welche nu Gott nicht veracht, sondern zu seynem [21] wort
erwelet hat fur allen andern, sollen auch wyr die selben fur allen andern [22]
ehren. Denn S. Paulus rhuemet das fur eyn sonderliche ehre und vorteyl der [23]
Ebreischen sprach, das Gottis wort drynnen geben ist, da er sprach Roem. 3.
[24] [3, 1 f.] ‘Was hat die beschneyttung vorteyls odder nutzes? Fast viel,
auffs erst, so [25] sind yhn Gottis rede befolhen’. Das rhuemet auch der koenig
David Psalm. 147. [26] [Ps. 147, 19] ‘Er verkuendigt seyn wort Jacob und seyne
gepott und rechte Israel’. Er hat [27] keynem volck also gethan noch seyne
rechte yhnen offinbart. Daher auch die
[Seite 38]
[ 1
Hebreische D Hebraische IK heyßt
L sant DIK zun Roemern .j. D 2 heyligen B des] das E wort IK darinnen DIK darinn H 4 andere IK dazu fehlt IK erwelt L darinnen DIK 5 aynem H ander IK 6 geheyligt L 7 lasset L Euāgeliū K 9 steckt DHIK
stecket L dis] das C des G klainet HIKL 10 darinne H kemnat H] kaemern IK kemnet L 11 zayget
IK 13 versehen] übersehen H vor
HIK 14 Euangelum [so] K 16 lasset L 17 alleyne G 18 vederbet A1 verderbt CIKL
20 künden FH beinahe L 23 sprachen
D 24 verwarteten D verwarten L 26 nun DGHL 27 duncken D 28 der] dye C 30 Drumb
G 33 hoerten L]
[1] [Röm. 1,
2] Ebreische sprach heylig heysset. Und sanct Paulus Roem. 1. nennet sie die
[2] heylige schrifft on zweyffel umb des heyligen worts Gottis willen, das
drynnen [3] verfasset ist. Also mag auch die Kriechische sprach wol heylig
heyssen, das [4] die selb fur andern dazu erwelet ist, das das newe testament
drinnen geschriben [5] wuerde, Und aus der selben alls aus eym brunnen ynn
andere sprach durchs [6] dolmetschen geflossen und sie auch geheyliget hat.1
[7] Und last
uns das gesagt seyn, Das wyr das Euangelion nicht wol [8] werden erhallten on
die sprachen. Die sprachen sind die scheyden, darynn dis [9] messer des geysts
stickt. Sie sind der schreyn, darynnen man dis kleinod tregt. [10] Sie sind das
gefess, darynnen man disen tranck fasset. Sie sind die kemnot, [11] [Matth. 14,
20] darynnen dise speyse ligt. Und wie das Euangelion selbs zeygt, Sie sind die
[12] koerbe, darynnen man dise brot und fische und brocken behellt. Ja wo wyrs
[13] versehen, das wyr (da Gott fur sey) die sprachen faren lassen, so werden
wir [14] nicht alleyn das Euangelion verlieren, sondern wird auch endlich dahyn
geratten, [15] das wir wider lateinisch noch deutsch recht reden odder
schreyben kuenden. [16] Des last uns das elend grewlich exempel zur beweysung
und warnung nemen [17] ynn den hohen schulen und kloestern, darynnen man nicht
alleyn das Euangelion [18] verlernt, sondern auch lateinische und deutsche
sprache verderbet hat, das [19] die elenden leut schier zu lautter bestien
worden sind, wider deutsch noch [20] lateinisch recht reden oder schreyben
konnen, Und bey nahend auch die natuerliche [21] vernunfft verloren haben.
[22] Darumb
habens die Apostel auch selbs fur noettig an gesehen, das sie [23] das newe
testament ynn die Kriechische sprache fasseten und anbuenden, on [24] zweyffel,
das sie es uns daselbs sicher und gewis verwareten wie ynn eyner [25] heyligen
laden. Denn sie haben gesehen all das ienige, das zukunfftig war [26] und nu
also ergangen ist: wo es alleyn ynn die koepff gefasset wuerde, wie [27] manche
wilde, wueste unordnung und gemenge, so mancherley synnen, dunckel [28] und
leren sich erheben wuerden ynn der Christenheyt, wilchen ynn keynen weg [29] zu
weren noch die eynfelltigen zu schuetzen weren, wo nicht das newe testament
[30] gewis ynn schrifft und sprache gefasset were. Darumb ists gewis, wo nicht
[31] die sprachen bleyben, da mus zu letzt das Euangelion unter gehen.
[32] Das hat
auch beweysset und zeygt noch an die erfarung. Denn so bald [33] nach der
Apostel zeyt, da die sprachen auff hoereten, nam auch das Euangelion
[Seite 39]
[ 2 ist seyt
der zeyt die DFHL ist die zeyt, syder die IK 5 sich] in H jnen IK 6 solche
F sich] sy H 8 ersten H 9 sancti D
10 liechtfertigen C leüchfertigen H
vnnoetten E 11 nuetze H 12 sich] jm IK 15 gelert HL 16 rechnestu HK aber das auch B 17 gefelet L offe A offte H faelt H 20 geredet H 21 deuettend H 22
ists] ist B spoetlich F 24
daselbst F 25 Hebreischen D Hebraischen IK sprach C 26 feel- DF fael- HIK
felesprüchen L 28 halßstarriger DL halßsterriger HIK halßstercker F 29 einen]
ein F 30 nemblich E 31 hilffe F hilff H 32 sant D newen B]
[1] und der
glawbe und gantze Christenheyt yhe mehr und mehr ab, bis das sie [2] unter dem
Babst gar versuncken ist. Und ist, synter zeyt die sprachen gefallen [3] sind,
nicht viel besonders ynn der Christenheyt ersehen, aber gar viel grewlicher [4]
grewel aus unwissenheyt der sprachen geschehen. Also widderumb, weyl [5] itzt
die sprachen erfur komen sind, bringen sie eyn solich liecht mit sich und [6]
thun solch grosse ding, das sich alle wellt verwundert und mus bekennen, das
[7] wir das Euangelion so lauter und reyn haben, fast alls die Apostel gehabt
[8] haben, und gantz ynn seyne erste reynigkeyt komen ist, und gar viel reyner,
[9] denn es zur zeyt sanct Hieronymi odder Augustini gewesen ist. Und summa,
[10] der heylige geyst ist keyn narre, gehet auch nicht mit leichtfertigen
unnoetigen [11] [Apg. 2, 4; 10, 46.] sachen umb, der hat die sprachen so nuetz
und not geacht ynn der Christenheyt, [12] [1. Cor. 12, 10; 14, 2 ff.] das er
sie offtmals von hymel mit sich bracht hat, wilchs uns alleyne sollt [13]
gnugsam bewegen, die selben mit fleys und ehren zu suchen und nicht
zuverachten, [14] weyl er sie nu selbs widder auff erden erweckt.
[15] Ja,
sprichstu, es sind viel veter selig worden, haben auch geleret on [16]
sprachen. Das ist war. Wo rechenstu aber auch das hyn, das sie so offt [17] ynn
der schrifft gefeylt haben? Wie offt feylet sanct Augustinus ym Psalter [18]
und andern auslegung so wol alls Hilarius, ja auch alle, die on die sprachen
[19] sich der schrifft haben unterwunden aus zulegen? Und ob sie gleich ettwa
[20] recht geredt haben, sind sie doch der sachen nicht gewiss gewesen, ob das
selb [21] recht an dem ort stehe, da sie es hyn deutten. Als, das ich des eyn
exempel [22] zeyge: Recht ists geredt, das Christus Gottis son ist. Aber wie
spoettisch [23] lautet es ynn den oren der widdersacher, da sie des grund
fureten aus dem [24] [Ps. 110, 3] 109. Psalm ‘Tecum principium in die virtutis
tue’, So doch da selbs ynn [25] der Ebreischen sprachen nichts von der Gottheyt
geschriben steht.1 Wenn man [26] aber also mit ungewissen gruenden und
feylspruechen den glawben schuetzet, ists [27] nicht eyn schmach und spot der
Christen bey den widder fechtern, die der sprach [28] kuendig sind? und werden
nuer hallstarriger ym yrthum und halten unsern [29] glauben mit guttem scheyn
fur einen menschen traum.
[30] Wes ist
nu die schuld, das unser glaube so zu schanden wird? nemlich, [31] das wyr der
sprachen nicht wissen, und ist hie keyn huelffe, denn die sprachen [32] wissen.
Wart nicht S. Hieronymus gezwungen, den Psalter von newem zuverdolmetzen
[Seite 40]
[ 1
verdolmetschen DFGHIKL Hebreischen
D Hebraischen IK 2 handlet H 3 Hebreischen D Hebraischen IK 4 on sprachen die
fehlt D 5 vnebenet K unzeyttige]
zeyttige D 6 sprachen G des] den K
7 mache C yhrer] seiner D 8 oben
DIK angezeyt ABG antzeygt C sant IK sanct L] fehlt D selbers B 9 Christi H 11 Hebreische D
Hebraysche IK 14 gar fehlt IK 15 geschrifft C sant D 17 durch K 18 die fehlt D handlen H 20 lest C one D 21 geschrifft G 22 taugen FIK 23
strack H 25 soellicher H 26 Ephesiern B 27 seyder der D seyt der FHIKL bleyben G 28 gewiß H außlegung IK daruber D 29 gefielt C gefelet FKL der] die G 30 ayns HIKL der feret so] d' ander so E 30/31
Barnhart D 31 dürfft FIK]
[1] aus dem
Ebreischen umb des willen, das, wo man mit den [2] Juden aus unserm Psalter
handelt, spotten sie unser, das es nicht also stuende [3] ym Ebreischen, wie es
die unsern fureten? Nu sind aller allten veter auslegung, [4] die on sprachen
die schrifft haben gehandelt (ob sie wol nichts unrechts [5] leren), doch der
gestallt, das sie fast offt ungewisse, unebene und unzeyttige [6] sprache
furen, und tappen wie eyn blinder an der wand, das sie gar offt des [7] rechten
texts feylen und machen yhm eyne nasen nach yhrer andacht, wie dem [8] vers
droben angezeygt ‘Tecum principium’ &c.., Das auch S. Augustinus selbs [9]
mus bekennen, wie er schreybt de doctrina Christiana1, das eynem Christlichen
[10] lerer, der die schrifft soll auslegen, not sind uber die Lateinische auch
die [11] Kriechische und Ebreische sprachen. Es ist sonst unmueglich, das er
nicht allent [12] halben anstosse, Ja noch not und erbeyt da ist, ob einer die
sprachen schon [13] wol kan.
[14] Darumb
ists gar viel eyn ander ding umb eynen schlechten prediger des [15] [1. Cor.
12, 28 ff.; 14, 26 ff.] glaubens und umb eynen ausleger der schrifft odder, wie
es S. Paulus nennet, [16] eynen propheten. Eyn schlechter prediger (ist war)
hat so viel heller spruech [17] und text durchs dolmetschen, das er Christum
verstehen, leren und heyliglich [18] leben und andern predigen kan. Aber die
schrifft aus zulegen und zu handeln [19] fur sich hyn und zu streytten widder
die yrrigen eynfuerer der schrifft, ist er [20] zu geringe, das lesset sich on
sprachen nicht thun. Nu mus man yhe ynn [21] der Christenheyt soliche propheten
haben, die die schrifft treyben und auslegen [22] und auch zum streytt tugen, und
ist nicht gnug am heyligen leben und recht [23] leren. Darumb sind die sprachen
stracks und aller dinge von noetten ynn der [24] Christenheyt, gleich wie die
Propheten odder ausleger, obs gleich nicht not ist [25] noch seyn mus, das eyn
iglicher Christ odder prediger sey eyn solich Prophet, [26] [1 Cor. 12, 6 ff.,
Eph. 4, 11] wie sanct Paulus sagt 1. Cor. 12. und Ephe. 4.
[27] Daher
kompts, das sind der Apostel zeyt die schrifft so finster ist blieben [28] und
nyrgent gewisse bestendige auslegunge drueber geschriben sind. Denn auch [29]
die heyligen veter (wie gesagt) offt gefeyllt, und weyl sie der sprachen
unwissend [30] gewesen, sind sie gar selden eynes, der feret sonst, der feret
so. Sanct Bernhart [31] ist eyn man von grossem geyst gewesen, das ich yhn
schier thuerst uber [32] alle lerer setzen, die beruembt sind, beyde allte und
newe. Aber sihe, wie er
[Seite 41]
[Nachträge
und Berichtigungen]
[ 1 ausser]
auß IK 3 haben gemeynet bis finster fehlt D gemaynt IK 3 sey] so C 4 were nichts F
5 liechters] leichters B 8 auch wol ein D 9 leren H 12 aynen H geomet] gekomet D gemoegt einige
Exemplare von I 13 gefaelt K 14 solichen A –L solchen Witt Ien] in solichen E]
selbst abc 18 sprach fehlt D 19 schaden] schanden C 21 allerley bis dienet, und
fehlt D dient L reytzet L 23 kund] koenden D künden IK
24 mue H 25 erlangt BL 27 rechnē B]
[1] mit der
schrifft so offt (wie wol geystlich) spielt und sie furet ausser dem [2]
rechten synn. Der halben haben auch die Sophisten gesagt, Die schrifft sey [3]
finster, haben gemeynet, Gottis wort sey von art so finster und rede so
seltzam. [4] Aber sie sehen nicht, das aller mangel ligt an den sprachen, sonst
were nicht [5] liechters yhe geredt denn Gottis wort, wo wyr die sprachen
verstuenden. Eyn [6] Tuerck mus mir wol finster reden, wilchen doch eyn
tuerckisch kind von sieben [7] jaren wol vernympt, die weyl ich die sprache
nicht kenne.
[8] Darumb
ist das auch eyn toll fuernemen gewesen, das man die schrifft [9] hat woellen
lernen durch der veter auslegen und viel buecher und glossen lesen.1 [10] Man
sollt sich dafur auff die sprachen geben haben. Denn die lieben veter, [11]
weyl sie on sprachen gewesen sind, haben sie zu weilen mit vielen worten an
[12] eynem spruch geerbeyttet und dennoch nuer kaum hynnach geomet2 und halb
[13] geraten halb gefeylet. So leuffestu dem selben nach mit viel muehe und
[14] kuendtist die weyl durch die sprachen dem selben viel bas solichen ratten3
denn [15] der dem du folgest. Denn wie die sonne gegen dem schatten ist, so ist
die [16] sprache gegen aller veter glosen. Weyl denn nu den Christen gepuert,
die [17] heyligen schrifft zu uben alls yhr eygen eyniges buch, und eyn sunde
und [18] schande ist, das wyr unser eygen buch nicht wissen noch unsers Gottis
sprach [19] und wort nicht kennen, so ists noch viel mehr sunde und schaden,
das wyr [20] nicht sprachen leren, sonderlich so uns itzt Gott dar beut und
gibt leute und [21] buecher und allerley, was dazu dienet, und uns gleich dazu
reitzt und seyn [22] buch gern wollt offen haben. O wie fro sollten die lieben
veter gewesen seyn, [23] wenn sie hetten so kund zur heyligen schrifft komen
und die sprachen leren, [24] alls wyr kuenden. Wie haben sie mit so grosser
muehe und fleys kaum die [25] brocken erlanget, da wir mit halber, ja schier on
alle erbeyt das gantze brod [26] gewynnen kuenden. O wie schendet yhr fleys
unser faulheyt. Ja wie hart [27] wird Gott auch rechen solchen unsern unfleys
und undanckbarkeit.
[Seite 42]
[ 1 gehoert
L Sanct C sant DIK 2 aller] alle B
3 zů wisse K 5 vrteyln L 9 felt L 11 andre vnd H der] er H 128.] 129. abc Ien 29. d
xxviij Obsopoeus 12 studiren H
oeffne FL 13 den] der B
hirschen IK 15 geystes B
rhuemen] uemen G 16 geschrifft ring achten H 19 aignem HL fleysch] sich ist C die selben B 22 dann den seinen D 23
doch] noch C ferr F mir] wir H 24 geschrifft K]
[1] [1. Cor.
14, 27. 29] Da her gehoeret auch, das S. Paulus 1. Cor. 14. will, das ynn der
[2] Christenheyt soll das urteyl seyn uber allerley lere, dazu aller dinge von
[3] noeten ist die sprache zuwissen. Denn der prediger oder lerer mag wol die
[4] Biblia durch und durch lesen, wie er will, er treffe oder feyle, wenn
niemand [5] da ist, der da urteyle, ob ers recht mache odder nicht. Soll man
denn urteylen, [6] so mus kunst der sprachen da seyn, sonst ists verloren.
Darumb ob wol der [7] glaube und das Euangelion durch schlechte prediger mag on
sprachen predigt [8] werden, so gehet es doch faul und schwach, und man wyrds
zu letzt muede [9] und uberdruessig und fellet zu poden. Aber wo die sprachen
sind, da gehet es [10] frisch und starck, und wird die schrifft durch trieben,
und findet sich der glaube [11] [Ps. 29 [so], 9] ymer new durch andere und aber
andere wort und werck, das der 128. Psalm [12] solich studirn ynn der schrifft
vergleicht eyner jaget und spricht, Gott oeffene [13] [Ps. 1, 3] den hirssen
die dicke welde1 Und psalm. 1. Eynem baum, der ymer grunet und [14] ymer
frissch wasser hat.
[15] Es soll
uns auch nicht yrren, das ettliche sich des geysts rhuemen und [16] die
schrifft geringe achten, Ettliche auch wie die brueder Valdenses2 die sprachen [17] nicht nuetzlich achten.
Aber lieber freund, geyst hyn, geyst her, ich bin auch [18] ym geyst gewesen
und habe auch geyst gesehen (wens yhe gellten soll von [19] eygenem fleysch
rhuemen) villeicht mehr, denn eben die selbigen noch ym jar [20] sehen werden,
wie fast sie auch sich rhuemen. Auch hat meyn geyst sich ettwas [21] beweyset,
so doch yhrer geyst ym winckel gar still ist und nicht viel mehr [22] thut,
denn seynen rhum auff wirfft. Das weys ich aber wol, wie fast der [23] geyst
alles alleyne thut, were ich doch allen puesschen zu ferne gewest3 wo mir [24]
nicht die sprachen geholffen und mich der schrifft sicher und gewiss gemacht
[Seite 43]
[ 1 hette
fehlt D koenden D künden FHIK 2
Endtchristischen F 3 sie] syt C 6 thut A —Ka Witt Ien] thun bc 8 lerten L 11
ausser] auß IK 12 geferlich K 13 mit fehlt IK 14 ynen L 15 sprachen HIK 16
geschrifft IK anderen K 18 vor HIK
20 geystliche E 21 setzen] schetzen E
sele H 22 regement E]
[1] hetten.
Ich hette auch wol kund frum sein und ynn der stille recht predigen. [2] Aber
den Bapst und die Sophisten mit dem gantzen Endechristischen regiment [3]
wuerde ich wol haben lassen seyn was sie sind. Der teuffel achtet meynen [4]
geyst nicht so fast alls meine sprache und feder ynn der schrifft. Denn meyn
[5] geyst nympt yhm nichts denn mich alleyn. Aber die heyligen schrifft und [6]
sprachen machen yhm die wellt zu enge, und thut1 yhm schaden ynn seym reich.
[7] So kan
ich auch die brueder Valdenses darynnen gar nichts loben, das [8] sie die
sprachen verachten.2 Denn ob sie gleich recht lereten, so müssen sie doch [9]
gar offt des rechten texts feylen und auch ungeruest und ungeschickt bleyben
[10] zu fechten fur den glauben widder den yrthum. Dazu ist yhr ding so finster
[11] und auff eyne eygen weyse gezogen, auffer der schrifft weyse zu reden, das
ich [12] besorge, es sey odder werde nicht lauter bleyben. Denn es gar ferlich
ist von [13] Gottis sachen anders reden odder mit andern worten, denn Gott
selbs braucht. [14] Kuertzlich, sie muegen bey yhn selbs heylig leben und
leren, Aber weyl sie on [15] sprache bleyben, wird yhn mangelln muessen das allen
andern mangelt, nemlich [16] das sie die schrifft gewis und grundlich nicht
handeln noch andern voelckern [17] nuetzlich seyn muegen. Weyl sie aber das wol
kuendten thun und nicht thun [18] woellen, muegen sie zu sehen, wie es fur Gott
zuverantwortten sey.
[19] Nu das
sey gesagt von nutz und not der sprachen und Christlichen schulen [20] fur das
geystlich wesen und zur seelen heyl. Nu last uns auch den leyb fur [21] nemen
und setzen, ob schon keyn seel noch hymel odder helle were, und sollten [22]
alleyne das zeyttlich regiment ansehen nach der wellt, ob das selb nicht
duerffe [23] viel mehr gutter schulen und gelerter leutte denn das geystliche?
Denn bisher
[Seite 44]
[ 1 nichts
fehlt IK 2 gericht L 3 hat] gat B 4 alleyne E 5 szand] ßand K Gott fehlt D 6 vor HIK 7 arm fehlt
H büffel F püffel H bofel IK 8
Israhel C geschahe L ym] vnd ym C rechtem F 13 daran DIK handell B handlen F handeln L 14 dareyn
DIK kriege] überkom̄ H
16 ob] so F aber] oder DFHIK 17
und] vn̄ auch F 19 daran DIK 20 doerffen L 21 die weil wir doch
H yhe] jre G 22 so fehlt F 23
regiren HIK 26 alleyne E 27 maedlin H 28 feiner] eyner C 29 regiren DK 31
maedlin H medlin IK 32 ists fehlt B maedlin H 33 droben] da oben D oben
HIK gesaget K 34 herren HL]
[1] sich des
selben die Sophisten so gar nichts haben angenomen und die schulen [2] so gar
auff den geystlichen stand gerichtet1, das gleich eyne schande gewesen ist [3]
so eyn gelerter ist ehlich worden, und hat muessen hoeren sagen ‘sihe, der wird
[4] welltlich und will nicht geystlich werden’, gerade alls were alleyn yhr
geystlicher [5] stand Gott angenem und der welltliche (wie sie yhn nennen) gar
des [6] teufels und unchristlich. So doch die weyl fur Gott sie selbs des
teufels [7] eygen werden, und alleyn diser arm poeffel (wie ynn der
Babylonischen [8] gefencknis dem volck Israel geschach) ym land und rechten
stand ist blieben, [9] und die besten und oebersten zum teuffel gen Babylon
gefurt sind mit platten [10] und kappen.
[11] Nu hie
ist nicht not zu sagen, wie das welltlich regiment eyn goettlich [12] ordnung
und stand ist (Davon ich sonst so viel gesagt hab, das ich hoffe es [13]
zweyffel niemand dran), Sondern ist zu handellen, wie man feyne geschickte [14]
leutt dreyn kriege. Und hie bieten uns die heyden eyn grossen trotz und schmach
[15] an, die vorzeyten, sonderlich die Roemer und Kriechen, gar nichts gewust
haben, [16] ob solicher stand Gott gefiele aber nicht, und haben doch mit
solichem ernst [17] und fleys die jungen knaben und meydlin lassen lernen und
auff zihen, das [18] sie dazu geschickt wurden, das ich mich unser Christen
schemen mus, wenn ich [19] dran dencke, und sonderlich unser deutschen, die wir
so gar stoeck und thier [20] sind und sagen thueren ‘Ja was sollen die schulen,
so man nicht soll geystlich [21] werden?’ die wir doch wissen oder yhe wissen
sollen, wie eyn noettiges und [22] nuetzes ding es ist und Gott so angenem, wo
eyn Fuerst, herr, radman odder [23] was regirn soll, gelert und geschickt ist,
den selben stand Christlich zu furen.
[24] Wenn nu
gleich (wie ich gesagt habe) keyn seele were und man der [25] schulen und
sprachen gar nichts duerffte umb der schrifft und Gottis willen, [26] So were doch
alleyn dise ursach gnugsam, die aller besten schulen beyde fur [27] knaben und
meydlin an allen ortten auff zu richten, das die wellt, auch yhren [28]
welltlichen stand eusserlich zu halten, doch bedarff feiner geschickter menner
[29] und frawen, Das die menner wol regirn kuenden land und leutt, Die frawen
[30] wol zihen und hallten kuenden haus, kinder und gesinde. Nu soliche menner
[31] muessen aus knaben werden, und soliche frawen muessen aus meydlin werden.
[32] Darumb ists zu thun, das man kneblin und meydlin dazu recht lere und [33]
auff zihe. Nu hab ich droben gesagt, der gemeyn man thut hie nichts zu, [34]
kans auch nicht, wills auch nicht, weys auch nicht, Fuersten und herrn solltens
[Seite 45]
[ 1 auffm]
auff C auff dem DHIK vffm F vffem G 2 merckliche H 5 Ratsherren H 6 fůge H
7 yetlicher H sůn L selb H 8 sicht H 10 ferrer FHIK yngezwungen FG 12 künden FH 13 zoehe
H ynn] in den D 13/14 züchtige
mayster in waeren IK 14 da die] die da abcd Ien] die da die Witt andre H 18 eyn B aynem H 19 welte H lauff DFGHIKL 20 koennen D furcht] fruchtH 22 regiren DEL 22/23
dahaimen DIK 23 eygene B 24 erfarunge K]
[1] thun,
aber sie haben auffm schlitten zufaren, zu trincken und ynn der mumerey [2] zu
lauffen und sind beladen mit hohen mercklichen geschefften des kellers, der [3]
kuechen und der kamer. Und obs ettliche gern thetten, muessen sie die andern
[4] schewen, das sie nicht fur narren odder ketzer gehallten werden. Darumb [5]
wills euch lieben Radherrn alleyne ynn der hand bleyben, yhr habt auch raum [6]
und fug dazu, besser denn Fuersten und herrn.
[7] Ja,
sprichstu, Eyn iglicher mag seyne tochter und soene wol selber leren [8] oder
yhe zihen mit zucht. Antwort: Ja man sihet wol, wie sichs leret und [9] zeucht.
Und wenn die zucht auffs hoehest getrieben wird und wol gerett, so [10] kompts
nicht ferner, denn das eyn wenig eyn eyngezwungen und erbar geberde [11] da
ist, sonst bleybens gleychwol eyttel holtzboecke, die wider hie von noch da
[12] von wissen zu sagen, niemand wider radten noch helffen konnen. Wo man [13]
sie aber leret und zoege ynn schulen oder sonst, da gelerte und zuechtige
meyster [14] und meysterynn weren, da die1
sprachen und andere kuenst und historien lereten, [15] da wuerden sie
hoeren die geschichte und sprueche aller wellt, wie es diser stad, [16] disem
reich, disem Fuersten, disem man, disem weybe gangen were, und kuendten [17]
also ynn kurtzer zeyt gleich der gantzen wellt von anbegynn wesen, leben, rad
[18] und anschlege, gelingen und ungelingen fur sich fassen wie ynn eym spigel,
[19] daraus sie denn yhren synn schicken und sich ynn der wellt laufft richten
[20] kuenden mit Gottis furcht, Dazu witzig und klug werden aus den selben [21]
historien, was zu suchen und zu meyden were ynn dissem eusserlichen leben, [22]
und andern auch darnach radten und regirn. Die zucht aber, die man daheyme [23]
on solche schulen fur nimpt, die will uns weyse machen durch eygen [24]
erfarung. Ehe das geschicht, so sind wyr hundert mal tod und haben unser [25]
lebenlang alles unbedechtig gehandelt, denn zu eygener erfarung gehoert [26]
viel zeyt.
[Seite 46]
[ 1 was]
etwas C 2 da] das BC 4 schůle IK 5 also] so H 6 koenden D seyn CH 7
fegfewer EIK fegfeüwer F wir] mir
K 8 nicht D 9 gelernet HIK so] die
B steupen] mit růttē
gehawē G zitteren G 10
sprielen F 11 leret] lernt B 15 der fehlt C 17 wurden GH 18 ists mir H 19
niemands H geleert IK muessen DHIK 21 vn̄
vnschadē H 22 spristu E 23 můssend H 25 gewest D 26 nicht gelernet K]
[1] Weyl denn
das junge volck mus lecken und springen odder yhe was zu [2] schaffen haben, da
es lust ynnen hat, und yhm darynn nicht zu weren ist, [3] auch nicht gut were,
das mans alles weret: Warumb sollt man denn yhm [4] nicht solche schulen
zurichten und solche kunst furlegen? Syntemal es itzt [5] von Gottis gnaden
alles also zugericht ist, das die kinder mit lust und spiel [6] leren kunden,
es seyen sprachen odder ander kuenst odder historien. Und ist [7] itzt nicht
mehr die helle und das fegfewr unser schulen, da wir ynnen gemartert [8] sind
uber den Casualibus und temporalibus1 da wir doch nichts denn eyttel [9] nichts
gelernt haben durch so viel steupen, zittern, angst und jamer. Nympt [10] man
so viel zeyt und muehe, das man die kinder spielen auff karten, singen [11] und
tantzen leret, Warumb nympt man nicht auch so viel zeyt, das man sie [12] lesen
und ander kuenst leret, weyl sie jung und muessig, geschickt und luestig [13]
da zu sind? Ich rede fur mich: Wenn ich kinder hette und vermoechts, Sie [14]
muesten mir nicht alleyne die sprachen und historien hoeren, sondern auch
singen [15] und die musica mit der gantzen mathematica2 lernen. Denn was ist
dis [16] alles denn eyttel kinder spiel? darynnen die Kriechen yhre kinder vor zeytten
[17] zogen, da durch doch wunder geschickte leut aus worden zu allerley hernach
[18] tuechtig. Ja wie leyd ist mirs itzt, das ich nicht mehr Poeten und
historien [19] gelesen habe und mich auch die selben niemand gelernt hat. Habe
dafur muest [20] lesen des teuffels dreck, die Philosophos und Sophisten, mit
grosser kost, erbeyt [21] und schaden, das ich gnug habe dran aus zufegen.
[22] So
sprichstu ‘Ja, wer kan seyner kinder so emperen und alle zu junckern [23]
ziehen? Sie muessen ym hause der erbeyt warten’ &c.. Antwort: Ists doch
[24] auch nicht meyne meynung, das man solche schulen anrichte, wie sie bisher
[25] gewesen sind, da eyn knabe zwentzig odder dreyssig jar hat uber dem Donat
[26] und Alexander3 gelernt und dennoch nichts gelernt. Es ist itzt eyn ander
wellt
[Seite 47]
[ 1 tages K 2
zwů EIK nicht K dester DH 3 warzu D 4 bayde H 5 wol
fehlt D keulichen] kuglen F
kuegeleyn HIK 5/6 keulichen schiessen] schussern D 6 ramlen FH 7 maedlin H tags DF 8 schůlen F geet D
geschaefftes H wol fehlt
H warten BL 9 vertantzt B verspielet] spielet C verspielt L feelet DFGL faelet HIK 12 bloecke DIK
bloecher H 14 zu lerer] zůleren H 15 empter E dester DHIK 16 verordnen BKL marterern F maertren I die A –L Witt Ien] fehlt abc 17 sant D
sanct F Agnes DFHIK Lucia, so dergleichen aufferzogen bc 18
anderen G 20 das] des F meerertayl
I] meerert als K 21 koennen D 22 gelert G 23 seyn CH]
[1] und gehet
anders zu. Meyn meynung ist, das man die knaben des tags eyn [2] stund odder
zwo lasse zu solcher schule gehen und nichts deste weniger die [3] ander zeyt
ym hausse schaffen, handwerck lernen und wo zu man sie haben [4] will, das
beydes mit eynander gehe, weyl das volck jung ist und gewarten [5] kan. Bringen
sie doch sonst wol zehen mal so viel zeyt zu mit keulichen [6] schiessen, ball
spielen, lauffen und rammelln.
[7] Also kan
eyn meydlin ja so viel zeyt haben, das des tages eyne stunde [8] zur schule gehe
und dennoch seyns gescheffts ym hause wol warte. Verschleffts [9] und
vertantzet und verspielet es doch wol mehr zeyt. Es feylet alleyn daran, [10]
das man nicht lust noch ernst dazu hat, das junge volck zu zihen noch der [11]
wellt helffen und ratten mit feynen leuten. Der teuffel hat viel lieber grobe
[12] bloeche und unnuetze leut, das den menschen ja nicht zu wol gehe auff
erden.
[13] Wilche
aber der ausbund dar unter were, der man sich verhofft, das [14] geschickte
leut sollen werden zu lerer und lereryn, zu prediger und andern [15]
geystlichen emptern, die soll man deste mehr und lenger da bey lassen odder
[16] gantz daselbs zu verordenen, wie wyr lesen von den heyligen mertern, die
[17] S. Hagnes und Agata und Lucia und der gleichen auff zogen.1 Daher auch
[18] die kloester und stiffte komen sind, aber nu gar ynn eynen andern
verdampten [19] brauch verkeret. Und das will auch wol nott seyn, denn der
beschorne hauffe [20] nympt fast ab, so sind sie auch das mehrer teyl
untuechtig zu leren und [21] regiren, denn sie kuenden nichts on des bauchs
pflegen, Wilchs man auch sie [22] alleyn gelernt hat. So muessen wyr ja leutt
haben, die uns Gottis wort und [23] sacrament reichen und seel warter seyen ym
volck. Wo woellen wyr sie aber
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[ 1 Christliche Habcd Ien 2 vergienhen G 3 schendliche verfueret E 4 hoch L 5 zuhaltē DGH zů erhalten F 6 thůn H 8 relling IK 9 lassen fehlt D reilich H 10 gehoert L 11 Israhel B Esaias D 14 allen FIK 15 ewerem K da] das E 16 lasset L vorhueten HIK Secht H wilch] wie F 17 Salomon DFHIK Salomō G 17/18 volcks so hart angenum̄en F 19 gemachet DH 20 tzucht er C jungen fehlt B sich] jm GHIK befilht GIK 21 Matthei an dem .18. IK er] es D anzeygt L 23 er zürnt L] erzürnet DEHIK last L 25 fordert DFGHL 26 emperen BE 27 erfaulet H verfault L allzu] alle zů F 28 Lasset L 30 nützlich F 31 koennen D besse