Schriften, 15. Band,

Predigten und Schriften 1524

 

 

Luther, Martin 1483 –1546

 

 

 

D. Martin Luthers

Werke.

Kritische Gesammtausgabe.

15. Band.

 

 

 

Weimar

Hermann Böhlaus Nachfolger 1899.

 

 

 

 

 

 

Vorwort.

 

1899

 

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Wir legen hier den 15. Band der kritischen Ausgabe der Werke Martin Luthers vor. Er enthält die Schriften und Predigten des Jahres 1524, erstere bearbeitet von Pastor Lic. O. Albrecht in Naumburg a. d. Saale, letztere von Pfarrer D. G. Buchwald in Leipzig. Mein Antheil an der Bearbeitung der Schriften geht nicht über dessen gewöhnlichen, allerdings nicht kleinen Umfang hinaus, abgesehen von einem Falle, in dem ich für Lic. Albrecht die Vergleichung eines Textes übernehmen mußte, weil dieser uns nur hier in Berlin zugänglich wurde. An der Bearbeitung der Predigten mußte mein Antheil größer sein, wenn eine durch Umstände, die von der Lutherausgabe unabhängig sind, geforderte längere Abwesenheit D. Buchwalds von Leipzig das Fertigwerden des Bandes nicht allzu weit hinauszögern sollte. So rühren nicht nur die allgemeine Einleitung zu den Predigten und die Aufstellung der Übersicht, sondern auch die einzelnen Predigten vorausgeschickten kritischen Erörterungen durchaus von mir her, und ich habe meist dafür auch äußerlich die Verantwortung durch Unterzeichnen übernommen. Einleitung und Übersicht wurden im wesentlichen ebenso gestaltet wie in Band 20 die der Predigten von 1526, kleine Änderungen werden, wie ich hoffe, als Besserungen anerkannt werden. — Eine veränderte Auffassung über das Verhältniß der drei alten Predigtverzeichnisse habe ich angedeutet, aber ihr praktische Folge noch nicht gegeben, weil die grundlegende Gesammterörterung dieses Verhältnisses noch aussteht. Auch die Zweifel, welche gegen die bisher angenommene Zuverlässigkeit der Zeitangaben Georg Rörers aufgetaucht sind, sind vorläufig nur (in den Nachträgen zu S. 653)

 

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angedeutet und ihre weitere Verfolgung der Einleitung zu den Predigten des Jahres 1525 vorbehalten worden. In beiden Fällen macht sich der Mangel einer die gesammte Überlieferung vorweg erwägenden kritischen Sichtung des so umfangreichen Predigtenmaterials fühlbar. Dieser Mangel, der übrigens bei anderen wissenschaftlichen Unternehmungen von oft viel geringerem äußerem Umfange ähnlich zu Tage getreten ist und zu Tage tritt, der auch im besonderen aus der Geschichte der Lutherausgabe begreifbar ist, läßt sich nicht aus der Welt schaffen, die Milderung seiner Wirkung aber ist von mir stets angestrebt worden und wird weiter angestrebt werden.

 

Die Redaktion der sprachlichen Vorbemerkungen und der sprachlichen Lesarten, vielfach auch die Fassung des Berichtes über Urdruck und Nachdrucke und ihr Verhältniß rührt in diesem Bande von Dr. Arnold E. Berger her.

 

Was an Stücken, die nach 1524 gehören, in diesem Bande vermißt wird, ist wie Luthers Vorreden zu seiner Übersetzung des Hiob, der Sprüche und des Predigers Salomo, die erste Vorrede zur Psalterübersetzung, sowie ferner das Vorwort zum “Geistlichen Gesangbüchlein” in die Ausgabe der Bibelübersetzung und der Lieder Luthers verwiesen. Oder es wird wie beispielsweise “Ein kurze Unterrichtung, worauf Christus seine Kirche oder Gemeine gebauet hat” (Enders 4, 210) oder “D. M. Luthers verteutschte Schrift an das Kapitel zu Wittenberg” (Enders 4, 285) beide 1524 gedruckt, in der Briefsammlung seine richtige Stelle finden. Die wahrscheinlich 1524 gehaltenen Vorlesungen über Hosea sind mit den übrigen über die kleinen Propheten bereits in Band 13 mitgetheilt, die ins Jahr 1524 fallenden Predigten über die Genesis stehen in Band 14, die über den Anfang der Exodus werden zusammen mit den weiteren den Band 16 bilden.

 

Die Bearbeiter dieses Bandes haben sich in der Interpunktion wieder mehr der in unserer Ausgabe herkömmlichen Sparsamkeit befleißigt und sich möglichst auf die in den Drucken jener Zeit gangbaren Interpunktions zeichen (nur das; kann nicht ganz entbehrt werden) beschränkt; in längeren Sätzen haben die ( ) öfter gute Dienste gethan.

 

Die ältesten Gesammtausgaben, die Wittenberger, Jenaer sowie die beiden Eislebischen Bände sind bei den Schriften (und Predigten) dieses Bandes regelmäßig verglichen worden für Stellen, die eine sachliche oder sprachliche Schwierigkeit enthalten. Zu dem “Briefe an die Christen zu Straßburg” sind alle wichtigeren Abweichungen der Wittenberger Ausgabe verzeichnet worden, weil der Brief in demjenigen Theile des II. deutschen Bandes (1548) steht, der, wie Joh. Haußleiter nachgewiesen hat, noch zu Lebzeiten Luthers

 

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gedruckt worden ist. Dadurch erhält der hier gegebene Text wenigstens äußerlich etwas von dem Charakter einer Ausgabe letzter Hand. Diesem wollten wir durch reichlichere Mittheilung der Lesarten gerecht werden und werden so auch in den andern gleichliegenden Fällen verfahren. Vgl. des näheren unten S. 387.

 

Unsere Ausgabe darf in D. Dr. Joh. Haußleiter, Professor an der Universität Greifswald, einen neuen Mithelfer am Werke begrüßen. Er hat sich bereit erklärt, die Bearbeitung von Luthers Vorlesung über den Galaterbrief (1531) zu übernehmen und die Kommission hat ihm diese übertragen.

 

 

 

Berlin, am Johannistage 1899.

Dr. Paul Pietsch

Professor an der Universität Greifswald.

 

 

 

[Seite vii]

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt.

 

1899

 

[Seite vii]

 Seite

 

Vorwort III

 

Vorwort zu Bugenhagens In Librum Psalmorum Interpretatio. 1524 1

 

An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen.1524 9

 

Ein christlicher Trostbrief an die Miltenberger, wie sie sich an ihren Feinden rächen sollen, aus dem 119. Psalm. 1524 54

 

Eine Geschicht, wie Gott einer Klosterjungfrau ausgeholfen hat. Mit einem Sendbrief M. Luthers. 1524 79

 

Wider das blind und toll Verdammniß der siebenzehn Artikel von der elenden schändlichen Universität zu Ingolstadt ausgangen. Martinus Luther. Item der Wiener Artikel wider Paulum Speratum sammt seiner Antwort. 1524 95

 

Duae episcopales bullae super doctrina Lutherana et Romana. 1524 141

 

Daß Eltern die Kinder zur Ehe nicht zwingen noch hindern, und die Kinder ohne der Eltern Willen sich nicht verloben sollen. 1524. 155

 

Wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden. 1524 170

 

Ein Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührischen Geist. 1524 199

 

Ein Sendbrief des Herrn Wolfen von Salhausen an Doctor Martinus und Antwort Martin Luthers. 1524 222

 

Ein Sendbrief an Burgermeister, Rath und ganze Gemeine der Stadt Mühlhausen. 1524 230

 

Zwei kaiserliche uneinige und widerwärtige Gebote den Luther betreffend. 1524 241

 

Von Kaufshandlung und Wucher. 1524 279

 

Wes sich Doctor Andreas Bodenstein von Karlstadt mit Doctor Martino Luther beredet zu Jena, und wie sie wider einander zu schreiben sich entschlossen haben. Item die Handlung Doctor Martini Luthers mit dem Rath und Gemeine der Stadt Orlamünd, am Tag Bartholomäi daselbst geschehen. [Acta Ienensia.] 1524 323

 

 

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Der 127. Psalm ausgelegt an die Christen zu Riga in Liefland. 1524 348

 

Ein Brief an die Christen zu Straßburg wider den Schwärmergeist. 1524 380

 

Predigten des Jahres 1524 398

 

      Übersicht über dieselben 405

 

 

 

Die in gleichzeitigen Einzeldrucken erschienenen Predigten sind die folgenden:

Ein Sermon von der Beichte und dem Sakrament. Item vom Brauch und Bekenntniß christlicher Freiheit (1524) 438. 481. 497

 

Ein Sermon von der Freiheit der Gewissen über das 15. Kapitel der XII Boten Wirkung (1525) 571

 

Zwo Sermon auf [Auslegung über] das 15. und 16. Kapitel in der Apostelgeschichte (1526) 572. 609

 

Ein Sermon am 11. Sonntag nach dem Pfingsttag [Trinitatis], darin die größten Hauptstück eines christlichen Lebens beschlossen sind (o. I. und 1524) 662

 

Ein Sermon auf das Evangelium Matth. 9 vom Reich Christi, welches stehet in Vergebung der Sünden usw. (1525) 696

 

Vom Reiche Gottes, was es sei und wie &c.. (o. I. und 1525) 721

 

Ein Sermon von des jüdischen Reichs und der Welt Ende (1525) 738

 

Ein Sermon von der höchsten Gotteslästerung, die die Papisten täglich brauchen, so sie lesen den antichristlichen Canon in ihren Messen (1525) 760

 

Anhang zu den Predigten des Jahres 1524.

 

Sermon von der Beschneidung. Item ein geistliche Auslegung der Zeichen in Sonne, Mond und Gestirnen (1524) 804

 

Nachträge und Berichtigungen 811

 

 

 

 

 

 

[Seite 1]

 

 

 

Haupttext

 

 

 

 

Vorwort zu Bugenhagens In Librum Psalmorum Interpretatio. 1524.

 

[Einleitung]

 

1899

 

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Aus der ersten theologischen Vorlesung, welche Bugenhagen in Wittenberg über die Psalmen hielt, entstand sein umfangreicher lateinischer Kommentar. In der Widmung an Kurfürst Friedrich, datirt vom 30. Dezember 1523 (Anno 1524 Feria quarta ante Circumcisionis Dominicae diem), spricht sich der Verfasser näher über die Entstehungsgeschichte und Eigenart seines Werkes aus. Da hören wir, daß Viele die Veröffentlichung seiner Vorlesungen gewünscht hätten, auch Luther. Wenn dieser freilich fortgefahren hätte, wie er begonnen, über die noch übrigen Psalmen zu schreiben, so würde Niemand wünschen, seine (Bugenhagens) Auslegung auch nur zu sehen. Er schreibe also, aber erst mitten in der Arbeit sei ihm klar geworden, welche Last er übernommen, nie jedoch hätte er ans Abbrechen gedacht. Oft habe er bei Lampenlicht geschrieben, wenn er Tags über wegen seiner öffentlichen Vorlesungen nicht die Zeit gefunden. Zuweilen hätte er die Arbeit mehrere Tage unterbrechen müssen “et per partes Basileam auferebatur quod scripseram, ut etiam in posterioribus psalmis videre non liceret quod in prioribus tractassem, nisi ea, quae pauca mihi annotaveram”. In der ersten Ausgabe steht an dieser Stelle eine gedruckte Randbemerkung mit Hinweis auf das, was am Ende des Werkes noch über ein Druckversehen beim 109. Psalm angemerkt sei, und dort am Ende werden die Satzfehler mit dem wiederholten Hinweise entschuldigt “quomodo scribenti per partes exemplar Basileam ablatum sit”. Diese erste Ausgabe ist nun im Monat März 1524 bei Adam Petri in Basel erschienen. Als aber Bugenhagen jenes Vorwort am 30. Dezember 1523 schrieb, war nach dem Gesagten der Druck des Werkes schon in vollem Gange und zwar, wie wohl aus der erwähnten Randbemerkung hervorgeht, mindestens bis zum 109. Psalm (p. 613) vorgeschritten; das Vorwort wird dann alsbald mit dem letzten Stück des Manuskripts nach Basel abgegangen sein, gleichzeitig die kurzen empfehlenden Vorreden Luthers und Melanchthons. Verfaßt ist demnach Luthers Vorrede, die uns hier beschäftigt, wenn nicht

 

[Seite 2]

 

schon Ende Dezember 1523, so doch unmittelbar darauf; gedruckt ist sie erstmalig in Basel auf demselben Bogen, der Bugenhagens Vorwort brachte und mit gesonderter Signatur an den Anfang des vollendeten Werkes gestellt worden ist.

 

Bugenhagen selbst urtheilte bescheiden über den Werth seines Werkes und betonte in dem Vorwort ausdrücklich, daß er keinen gelehrten wissenschaftlichen Kommentar bieten wolle: Si quis erudite scripta requirat, fallitur. Eruditio enim illa, quam vocant, a me nunquam est expectata. Veritatem dei per Christum scripsi, alius addat, si velit, eruditionem. Es komme ihm nur an auf ein simplicissime interpretari, und zwar ex scripturis sacris et servato contextus ordine auf eine genuina psalmorum interpretatio secundum interpretationem prophetarum Christi et Apostolorum. Das überschwängliche Lob, das Luther der Arbeit seines Freundes widmet1, mag uns auf den ersten Blick befremdlich erscheinen. Das besonnene Urtheil eines neueren Fachmannes (L. Diestel, Gesch. des A. T. in der christl. Kirche 1869. S. 269) faßt sich in folgende Sätze zusammen: “Den Sinn giebt Bugenhagen fleißig an, meist reproducirend, weniger im Einzelnen entwickelnd. Seine Kenntniß des Hebräischen ist dürftig: er will [so deutete Bugenhagen selbst im Vorwort an] die gangbare lateinische Übersetzung theils nach der LXX theils nach der des getauften Juden Felix Pratensis (Venedig 1515, dann Hagenoae 1522, vgl. Le Long bibl. sancta ed. Masch. I, 9) verbessern. Überall streut er geschichtliche Parallelen ein, aber nur in erbaulicher Beziehung. Die Strenge des grammatischen Sinnes weicht bei ihm der christlichen und theologischen Emphase. Das Buch erscheint ihm als ein völlig christliches; denn nicht der fromme Dichter, sondern der hocherleuchtete Prophet David ist Hauptverfasser. Daher sind überall Beziehungen auf Christus, meist direkt, fast typisch. Diese Emphase gefährdet daher die Einheit des Sinnes; so geht z. B. der beatus vir Ps. 1, 1 zunächst auf Christus selbst, dann auf alle, die in Christo sind, endlich auf die vorchristlichen Frommen. Ps. 19 geht auf die Verbreitung des Christenthums nach dem Pfingstfest. Jerusalem und Zion sind stets Typen der Kirche. Treten also die wissenschaftlichen Vorzüge sehr zurück, so ist er doch geistreich in der Anknüpfung erbaulicher Gedanken”. Der neueste Biograph Bugenhagens, H. Hering, erkennt treffend in diesem Mangel, in der Einseitigkeit unhistorischer Auslegung, doch einen gewisen Gewinn: “Das Alte Testament, obwohl unvermittelt im Lichte des Neuen ausgelegt, verschmolz sich so mit dem Geistesleben der evangelischen Christenheit. Die Seelenstimmungen der Psalmisten gestalteten sich zu einem Bilde der Reformation nach ihren innerlichsten Bezügen. Der Psalter wurde das Gebet- und Liederbuch der damals sich sammelnden evangelischen Gemeinde”; daneben sei zuzugeben, daß mit Luthers Psalmenauslegungen, die durch Feuer des Geistes, Tiefsinn und dankenfülle noch heute anziehen, Bugenhagens Kommentar keinen Vergleich aushalten könne; “obschon bei seiner Abfassung Luthers Operationes in psalmos benutzt worden sind, ist er verständig klarer, prosaischer, vielleicht ist er hierdurch grade manchem der Zeitgenossen zugänglicher geworden”. Die wiederholten Auflagen bestätigen das Letztere.

 

 

 

[Seite 3]

 

 

Luthers hohes Lob, Bugenhagen sei auf der ganzen Welt der Erste, welcher ein Interpret des Psalters zu heißen verdiene u. s. f., erklärt sich aus der Freude des Reformators, daß dieses schönste Buch des Alten Testaments hier zum ersten Mal vollständig und im evangelischen Verstand ausgelegt worden war, während seine eigene aus den Vorlesungen von 1519 –1521 entstandene ausführliche Auslegung, die sogen. Operationes in psalmos, zu seinem Bedauern nur bis Psalm 22 gediehen war, da er, von der Tyrannei der Papisten gezwungen, seine “Harfe an den Weiden jenes Babylon aufhängen” mußte. Auch später im Vorwort zu der 1527 erschienenen Übersetzung der 9 ersten Psalmen von Stephan Roth hat Luther das dem Werke Bugenhagens gespendete Lob wiederholt (vgl. Uns. Ausg. Bd. V S. 1 ff. 7. 11. 17). Für die Mängel der exegetischen Methode Bugenhagens hatte er keinen klaren Blick, aber in der geistreich erbaulichen Weise, in der hier aus den Psalmen die evangelischen Wahrheiten herausgelesen wurden, erkannte er eine echte Frucht des Geistes Christi, des Schlüssels Davids, und einen neuen Anlaß zur Danksagung für den göttlichen Segen, der in der fortschreitenden und immer reicheren Erschließung des ursprünglichen Gotteswortes durch Schaaren von Evangelisten sich bezeuge.

 

Eine deutsche Übersetzung des Kommentars und seiner Vorreden durch Butzer (dieser nennt sich in dem Vorwort als Übersetzer), erstmalig im Januar 1526 erschienen, spielte im Abendmahlsstreit der nächsten Jahre eine gewisse Rolle. Die betreffenden Akten dieses Streites sind dann von Butzer veröffentlicht; man vergleiche dazu die bibliographischen Notizen bei Mentz-Erichson, Festschrift zu Butzers 400 jähriger Geburtstagsfeier (1891) S. 110 f. Nr. 14 und S. 111 f. Nr. 17, ferner Röhrich, Gesch. d. Ref. im Elsaß I (1830) S. 305, Baum, Capito u. Butzer (1860) S. 365 ff., De Wette III S. 201 ff. = Enders V S. 384 ff., Unsere Ausg. Bd. XIX, S. 462 ff.

 

Vgl. noch Vogt, Joh. Bugenhagen Pomeranus (1867) S. 39 ff.; Hering, Doctor Pomeranus (Ver. f. Reformationsgesch. 1888) S. 18 f. 30 f. 119. 165; Unsere Ausg. Bd. V S. 1 ff.; Köstlin 2 I S. 616.

 

 

 

Ausgaben.

 

 

A “IOANNIS || POMERA- || NI BVGENHAGII IN LI- || BRVM PSALMORVM || INTERPRETATIO, || VVITTENBERGAE || publice lecta. || [Zierleiste] || BASILEAE || ANNO M.D.XXIIII. || MENSE MARTIO. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 387 Blätter in Quart (6 unbezifferte Blätter und 762 bezifferte Seiten). Am Ende: “BASILEAE, APVD ADAMVM || Petri, Mense Martio Anni || M. D. XXIIII. ||”

Luthers Vorwort steht auf der Titelrückseite

In einigen Exemplaren (z. B. Dresden, Halle) steht Z. 6 VVITTEMBERGAE.

Vorhanden in Berlin, Breslau St. und U., Dresden, Eisleben Andreasbibl., Erlangen U., Gießen, Gotha, Greifswald, Halle U., London, Lübeck, München HSt., Straßburg U., Wien, Wittenberg.

 

B “[schwarz] IOANNIS PO || [roth] MERANI BVGEN || [schwarz] HAGII IN LIBRVM PSALMO- || [roth] RVM INTERPRETATIO. || [schwarz] || [roth] EXCVSA [schwarz] ANNO. M. D. || XXIIII. [roth] MENSE IVLIO. || [schwarz] || [roth] ||” 164 Blätter in Folio

 

[Seite 4]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

(4 unbezifferte Blätter, 318 bezifferte Seiten und ein leeres Blatt) Am Ende: “LAVS DEO. || EXCVSVM ANNO || M. D. XXIIII. || die XXIII. Mensis || IVLII. ||”

Luthers Vorwort steht Bl. 2a.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin, Breslau U., Erlangen U., Freiburg i. B., München HSt., Rostock U., Wernigerode.

 

C “IOANNIS || BVGENHA || GII POMERANI IN LI- || BRVM PSALMORVM || INTERPRETATIO, || VVITTEMBERGAE || publice lecta. || DENVO IAM AB IPSO AVTORE || magna diligentia & labore recognita || & multis locis emendata. || Cum indice. || BASILEAE || ANNO M. D. XXIIII. || MENSE AVGVSTO. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 398 Blätter in Quart (16 unbezifferte Blätter, 762 bezifferte Seiten und ein leeres Blatt, auf dessen Rückseite das Druckerzeichen). Am Ende: “BASILEAE, APVD ADAMVM || Petri Mense Augusto Anni || M. D. XXIIII. ||”

Luthers Vorwort steht auf der Titelrückseite. Titeleinfassung wie in A.

Vorhanden in Darmstadt, Freiburg i. B., Hannover, Leipzig U., Wernigerode, Wien.

 

D “ IO POME- || RANI BV || GENHAGII IN LIBRVM || PSALMORVM INTER- || pretatio, Vuittembergæ || publice lecta. || [Druckerzeichen] || NVREMBERGAE, ANNO M. || D. XXIIII. MENSE || AVGVSTO. ||” Titelrückseite bedruckt. 366 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “NOREMBERGAE, APVD IO. || Petreium, Mense Augusto Anni || M.D. XXIIII. ||”

Luthers Vorwort steht auf der Titelrückseite.

Vorhanden in Dresden, Freiburg i. B., Greiswald, Leipzig St. und U., München HSt., Wien, Zittau.

 

E “IOANNIS PO- || MERANI BV- || GENHAGII, IN LIBRVM PSAL- || MORVM INTERPRETATIO, || VVITTEMBERGAE PV- || BLICE LECTA. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 318 (6 ungezählte und 312 gezählte) Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “ARGENTORATI EXCVDEBAT || IOHANNES KNOBLOVCHVS. || ANNO. M.D.XXIIII. || MENSE AVGVSTO. || * ||”

Luthers Vorwort steht auf der Titelrückseite.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin (2), Bonn, Erlangen U. (unvollst., darin hdschrftl. Bemerkungen: ‘Emptus xvij solidis’ und ‘Emptus a me Georgio Sigellio 56 antiqs numis 1538’), Freiburg i. B., Lübeck (die 6 ersten Blätter fehlen), München HSt., Rostock U., Straßburg U.

 

F “[roth] PSALTERIVM || [schwarz] DAVIDIS, || [roth] AD SACROSANCTAE SCRI- || PTVRAE SENSVM, IVXTA VERITATEM HE- || [schwarz] braicam, in Latinam linguam recens conuer- || sum, Annotationibus pijs ac luculentis, Vna cum integris in totum Psalte- || rium Commentarijs, in Academia Vuittembergensi publice || praelectis, illustratum.|| [roth] Autore Ioanne Bugenhagio [so] Pomerano, || [schwarz] Ecclesiaste Vuittembergen̄. || [roth] 1. Regum 18. || [schwarz] Percußit Saul

 

[Seite 5]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

mille, & Dauid decem millia. || [Titelbild] || Franc. Apud Chr. Egenolphum. ||” Titelrückseite bedruckt. 518 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende: “BASILEAE, APVD ADAMVM || Petri, Mense Martio Anni || M. D. XXIIII. ||”

Luthers Vorwort steht Bl. *8ab.

Vorhanden in Berlin, Zittau (unvollst.).

 

G wie F, doch lautet die Schlußschrift: “BASILEAE APVD ADAMVM || Petri, Mense Augusto Anni || M. D. XXIIII. ||”

Vorhanden in Dresden, Freiburg i. B., Wien.

 

H “IOANNIS BVGENHAGII || POMERANI IN LIBRVM || PSALMORVM INTER || PRETATIO, VVIT- || TEMBERGAE PVB- || LICE LECTA. || AB IPSO AVTORE ADDI- || ta est emendatio eorum quæ ne || gligenter ante excusa erant. || ADDITA EST ETIAM ORATIO, || de Psalterio Germanice per Buce || rum translato. || Cum Indice. || VVittembergæ Anno M. D. XXVI. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 402 Blätter in Quart (20 ungezählte Blätter, 762 bezifferte Seiten und ein leeres Blatt). Am Ende: “VVittembrge [so] Apud Iosephum Clug. Mense Septembri. || Anno domini. M. D. XXVI. ||”

Luthers Vorwort steht Bl. a4b –b1a.

Vorhanden in Breslau St., Erfurt Martinstift, Lübeck, Straßburg U., Wolfenbüttel, Zittau.

 

I “IOANNIS BV || GENHAGII POMERANI IN PSAL || terium Dauidicum Auctarium, ultimaq; manus medita- || tionum seu commentariorum. Quod nõ hoc consilio ut || liber cresceret accessit, sed potius prioribus, quæ autor in || hoc argumenti genere scripsit, necessario superaddendũ || uisum fuit. Cæterum quibus hæc non sunt, hi non existi- || ment se iusta & integra Pomerani in Psal- || mos habere commentaria. || ACCESSIT ET COMMENDATIO || insignis Psalterij Dauidis D. Mar- || tini Lutheri. || BASILEAE, MENSE AVGVSTO. || ANNO M. D. XXXV. ||” 530 Blätter in Quart. Auf der Rückseite des letzten Blattes Druckerzeichen. Auf der Rückseite des vorletzten Blattes: “BASILEAE EXCVDEBAT HENRICVS || PETRVS, COMMVNIBVS IMPEN || SIS IOAN. BEBELII. MENSE || AVGVST. AN. M. D. XXXV. ||”

Luthers Vorwort steht auf Bl. a 2b f.

Vorhanden in Breslau U., Greifswald, Halle Marienbibl., Lübeck, Rostock U., Wien.

 

Die Übersetzung Butzers.

 

 

a “PSalter wol ver || teutscht ausz der heyli- || gen sprach. || Verklerung des Psalters, || fast klar und nutzlich, Durch Johann Bu- || genhag auß Pomern, Von dem Latein || inn Teutsch, an vil orten durch || jn selbs gebessert. || Mit ettlichen vorreden, am || anfang, wol zů mercken. || Vergattung der Psalmen, || vn̄ Summarien, zů Christlichē brauch fast troestlich. || Zeyger der materien vnd || innhalt, so inn der außlegung

 

[Seite 6]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

gehandlet. || Der Psalmen anfang, zů || Latein vnnd Teutsch, mit iren zweyspelti || gen zalen verzeychnet. || Gedruckt zů Basel, || durch Adam Petri, im iar. || M. D. XXVI. ||” Mit Titeleinfassung. 235 Blätter in Folio (24 ungezählte, 210 gezählte Blätter und ein leeres Blatt, auf dessen Rückseite das Druckerzeichen). Am Ende: “Gedruckt zů Basel durch || Adam Petri, im Jenner, des iars || M. D. XXVI. ||”

Luthers Vorrede steht Bl. aiiij.

Vorhanden in Berlin K. (2) und St., Freiburg i. B., Gießen, Kiel U., Königsberg U., Leipzig St., London, Lübeck, München HSt., Schlettstadt St. Stuttgart, Wien, Wolfenbüttel, Zwickau. Nach Weller auch in Bern, St., Gallen Stadtbibl., Greifswald (?), Schaffhausen Min.-Bibl., Tübingen Zürich St.

 

b “PSalter wol || verteutscht auß der hey- || ligen sprach. || Verklerung des Psalters, Durch Jo || hann Bugenhag auß Pomern, Von || dem Latein inn Teutsch, an vil orten || durch jn selbs gebessert. || Mit ettlichen vorreden, am anfang, || .... [7 Zeilen] .... || verzeychnet. || Gedruckt zů Basel durch Adam Petri, || im iar, M. D. xxvj. ||” Mit Titeleinfassung. 908 Blätter in Oktav. Letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zů Basel || durch Adam Petri, im Jenner, || des iars M. D. XXVI. |”

Luthers Vorwort steht Bl. a 7bfg.

Vorhanden in Dresden (unvollst.), Königsberg U., Straßburg Wilhelmstift Wernigerode (unvollst.), Wien, Wolfenbüttel.

Der von Panzer Nr. 2956 angeführte Druck “Psalter wol verteutscht aus der heiligen Sprach. Verklerung des Psalters durch Johannem Bugenhagen aus Pommern, von dem Latein in Deutsch an viel Orten durch ihn gebeßert u. s. w. Gedruckt zu Basel durch Adam Petri 1526. 8°.” ist wohl kein anderer, als unser b, wenigstens ist uns von einer zweiten Oktavausgabe aus Petri's Verlag nichts bekannt geworden.

 

c “[roth] Psalter, Sampt der Außlegung || vnd verklerung D. Johann Bu- || genhagen auß Pomern, || [schwarz] Vom Latein in Deutsch || gebracht, vnd an vielen orten gemehret || vnnd gebessert. || [roth] Mit etlichen Vorreden, vnd an- || [schwarz] dern nuetzlichen Anleytungen, im anfang wol zu mercken. || ... [3 Zeilen betr. Index am Ende] ... || [roth] Gedruckt zu Nuernberg, durch Johann vom || [schwarz] Berg, vnd Vlrich Newber. || [roth] Anno, M. D. LXIII. ||” 358 Blätter (17 ungezählte, 334 gezählte und 7 Blätter Index) in Folio, davon 2 leer; vor dem Schlußregister noch einmal Angabe des Druckers.

Luthers Vorrede steht Bl. Aija.

Vorhanden in Berlin, Dresden, Gießen, Wernigerode.

 

d “[roth] Der gantze Psalter || des heiligen Koenigklichen Pro- || [schwarz] pheten Dauids, mit besonderm trewem fleisz, laut || vieler warhafftigen gelerten leut zeugnuß, Christlich || vnd troestlich erklert vnd außgelegt, [roth] durch den erleuchten vnd wolge- || [schwarz] lerten Christlichen Herrn D. [roth] Johann [schwarz] Bu- || genhagen [roth] Pomera-

 

[Seite 7]

 

num. || ... [8 Zeilen] ... || [roth] Gedruckt zu Nuernberg, durch Dietrich Gerlatz. || [schwarz] M. D. LXX. ||” 358 Blätter in Folio. Bl. 334b: “Gedruckt zu Nuernberg, || durch Johann vom Berg, vnd || Vlrich Nember. ||”

Luthers Vorwort steht Bl. A 2a. Vorhanden in Rostock U.

Die niederländische Übersetzung, von der uns zwei Ausgaben bekannt sind (1. in Quart: “Gedruct te Basel bi mi Adam Anonymus. || Int Jaer ons HEEREN || M. D. XXVJ. ||” 2. in Folio: “Ghedruckt te Geneue, door Petrum Ste- || phanum van Gendt” um 1530), enthalten dies Vorwort Luthers nicht.

 

Mit der Überschrift Epistola D. Mart. Lutheri praefixa Commentario D. Ioannis Pomerani in Psalterium steht unser Vorwort bei Aurifaber, Epp. Luth. II (1565) Bl. 241. Ferner in den Gesammtausgaben lateinisch nur Erlangen Opp. var. arg. VII S. 502 –503; deutsch (nach Butzers Übersetzung): Eislebener Ergänzungsband I (1564) Bl. 185b –186, Altenburg Bd. II S. 519 –520, Leipzig Bd. XII S. 79; Walch Bd. XIV Sp. 177 –179 vgl. Sp. 16 f.

 

Wir drucken den Text nach A und notiren die wenigen Abweichungen der andern Drucke.

 

 

 

[Seite 8]

 

 

 

 

 

 

 

[1] M. LVTHER PIO LECTORI GRATIA

[2] ET PAX.

 

1524

 

[Seite 8] [Nachträge und Berichtigungen]

[ 1 Luther. B Lutherus, I 9 est fehlt H 14 Quod] Nam H 15 suijpsius D 17 etsi] & si alle Drucke 32 Psalmo .67. E Psalmus sexagesimus septimus I]

 

 

[3] [Eph. 1, 3] Benedictvs deus et pater domini nostri Iesu [4] Christi, qui nos hoc seculo rursum benedixit omni [5] benedictione spirituali coelestium rerum et abundantia [6] [Ps. 147, 14 –17] frumenti et vini electorum suorum nos satiat, [7] missoque verbo suo liquefacit Christallum, pruinam [8] et nebulam, ante quorum frigus hactenus nemo [9] potuit subsistere. Ex eorum numero est et hic [10] Ioannes Pomeranus Episcopus Ecclesiae Wittembergensis [11] voluntate dei et patris nostri, per cuius [12] ministerium tibi, charissime lector, donatur hoc psalterium spiritu Christi, [13] [Offb. 3, 17] qui est clavis David, resignatum. Quod ut multis verbis ornem, non est [14] operaeprecium, Quod abunde satis tibi (scio) commendatum erit non meo [15] testimonio, sed suo ipsius argumento, quo te coget (si legeris) testificari [16] [Eph. 3, 5. 9] spiritum esse, qui loquitur mysteria haec a tot seculis abscondita. Nam [17] ut conferri possit tam priscorum quam recentiorum commentariis, etsi odiosum [18] est statuere, audeo tamen dicere, A nemine (cuius extent libri) esse [19] psalterium David explicatum, Esseque hunc Pomeranum primum in orbe, [20] qui psalterii interpres dici mereatur. Adeo caeteri fere omnes tantum opinionem [21] quisque suam eamque incertam in hunc pulcherrimum librum congessit, [22] Hic vero iudicium spiritus certum te docebit mirabilia. Porro et [23] ego aliquando in hoc libro coepi operam impendere, sed papistarum tyrannis [24] [Ps. 137, 2] suspendere me coëgit organum meum in salicibus Babyloniae istius1. Verum [25] Christus meam sortem vindicavit gloriose. Nam loco mei unius, cuius stillas [26] noluit ferre Satan, cogitur plurium et maiorum sustinere tonitrua et cataractas. [27] Ita me oportet minui, illos vero crescere. Quare non est, optime [28] lector, ut meum expectes psalterion amplius, sed mecum gaude, gratulare et [29] gratias age Christo salvatori nostro, qui pro uno Luthero paupere et tenui [30] iam ipsiusmet David, Isaiae, Pauli, Ioannis atque adeo suiipsius tibi spem, [31] imo rem et copiam fecit clare et palam videndi, audiendi et palpandi, non [32] [Ps. 68, 12] unius tantum calamo aut lingua, sed exercitu multo, ut psal. 67. ait. Gratia [33] tecum, Amen.

 

 

 

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An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen. 1524.

 

 

[Einleitung]

 

1899

 

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In einem Briefe vom 28. Februar 1524 meldete der Humanist Michael Hummelberg aus Ravensburg an Joachim Vadian in St. Gallen Neuigkeiten über Wittenberg, unter Anderm von Luther Folgendes: nunc libellum aedidit ad Germanici imperii civitates de constituendis scholis et exercitandis studiis literarum (vgl. Hartfelder, Melanchth. Paedagogica 1892. S. 125). Demnach muß die große reformatorische Schrift “An die Ratherren aller Städte deutsches Lands”, welche mit diesen Worten gemeint ist, bereits im Anfang Februar, wenn nicht schon im Januar 1524 die Presse verlassen haben. Ihr erster Eindruck im Kreise der gebildeten Zeitgenossen spiegelt sich in dem charakteristischen Satz eines Wittenberger Studentenbriefs vom 8. April 1524: Totus fere libellus — so schrieb Felix Rayther an Thomas Blaurer — encomion est linguarum, in quo, de argumentis loquor, cernendus Germanicus Cicero (vgl. Hartfelder a. a. O. S. 134). Eben dieses, daß Luther hier die Sache der Sprachstudien, überhaupt der gelehrten Bildung gegen allerlei Verächter so beredt vertheidigt habe, lobt auch Melanchthon als ihre bedeutsamste Eigenthümlichkeit in einem Vorwort, das er zu ihrer lateinischen Übersetzung verfaßt hat.

 

Es ist in der That eine Entscheidung von größter Tragweite für die Entwickelung der evangelischen Kirche und des deutschen Geisteslebens gewesen, die Luther getroffen hat, indem er die Unentbehrlichkeit der klassischen Studien und überhaupt edler Geistesbildung für die Kirche nicht nur, sondern auch für den Staat und allerlei weltliche Stände mit gewaltiger Beredsamkeit verkündete.

 

Anlässe zu solcher öffentlichen Aussprache waren damals genug vorhanden.

 

Nur beiläufig sei erinnert an Luthers Verhältniß zu den böhmischen Brüdern und an seine ihnen im Jahre 1523 gewidmete Schrift “Vom Anbeten des Sacraments”, worin er unter Anderm ihre Verachtung der Sprachwissenschaft tadelt; auch in der Schrift an die Rathsherren kommt er in derselben Absicht auf die “Brüder Valdenses” zu sprechen.

 

Viel wichtiger war sein Widerspruch gegen die, “welche sich des Geistes rühmen”, die durch taboritische Doktrinen und mancherlei Motive mittelalterlichen Sektenthums beeinflußten Schwarmgeister, zunächst Thomas Münzer und Genossen,

 

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[Nachträge und Berichtigungen]

dann auch Carlstadt und andere, welche grundsätzlich alle Gelehrsamkeit für schädlich, ja sündhaft und teuflisch erklärten. Bekannt ist, daß in Wittenberg selbst seit 1522 durch Carlstadts Einfluß zeitweise die Universitätsstudien in Verachtung geriethen und die Stadtschule einging, welche letztere unter Luthers Mitwirkung erst im Herbst 1523 von Bugenhagen wieder ordentlich eingerichtet wurde; ferner daß zur selben Zeit die blühende Hochschule in Erfurt nicht zum wenigsten durch die Schuld fanatischer evangelischer Prädikanten, die in Carlstadts Geist wirkten, unaufhaltsam verfiel. Zwei Veröffentlichungen berühmter Erfurter Docenten aus dem Jahre 1523, welche den bildungsfeindlichen Fanatismus jener Stürmer und Schwärmer bekämpften, seien als direkte Vorläufer der freilich viel umfassenderen Schrift Luthers an die Rathsherren aller Städte Deutschlands hier erwähnt: einmal “De non contemnendis studiis humanioribus futuro Theologo maxime necessariis aliquot clarorum virorum ad Eobanum Hessum Epistolae (Erphurdiȩ Imprimebat Andreas Pictor Anno M. D. XXIII. ad festum Diuini Ternionis)” darunter ein Brief von Luther (Enders 4, 118 ff.) und mit drei Beilagen von Hessus. Sodann Johann Langes Sermon “Von menschlicher Schwachheit &c..”, der, wie der wietere Titel andeutet, “auch von schulen odder vniversiteten tzů erhalten” handelt. Eben hier im Kreise der Erfurter Volksprediger wurde z. B. ausdrücklich behauptet, zum Verständniß der Bibel sei Latein und Griechisch überflüssig, das Deutsche genüge.

 

Es ist begreiflich, daß Luther diesen fremdartigen Geistern, die sich sehr zum Schaden der guten Sache auf seine Auktorität beriefen und sogar mit seiner deutschen Bibelübersetzung ihre eigene Verachtung der Wissenschaft rechtfertigen wollten, nachdrücklich entgegentreten mußte. Etwa der vierte Theil der Schrift an die Rathsherren ist der Widerlegung derartiger Behauptungen gewidmet. In dieser Hinsicht reiht sie sich also denjenigen seiner Schriften an, welche zur Auseinandersetzung mit der Schwarmgeisterei verfaßt sind.

 

Die Erfurter Prädikanten aber waren nur Typen einer weit verbreiteten geistigen Zeitströmung. Eben im Jahre 1524 wird uns aus verschiedenen Orten, z. B. Nürnberg, Basel, Straßburg, ein ähnliches der Wissenschaft feindliches Treiben evangelischer Volksprediger bezeugt. Und Melanchthon klagte schon im Jahre 1523 in einer encomion eloquentiae betitelten Rede, daß die Verachtung der klassischen Studien ein wie durch Ansteckung weit verbreiteter Irrthum sei, und zwar nicht bloß unter Theologen, die durch Verachtung der Studien grade als rechte Theologen erscheinen wollten, sondern auch unter den Juristen und Medicinern, welche auf kürzestem Wege zum gewinnbringenden Amt eilen möchten.

 

Zur Erklärung dieser volksthümlichen Geringschätzung der gelehrten Studien in damaliger Zeit wird man freilich nicht bloß auf die Einflüsse der Mystik Münzers und Carlstadts zurückgreifen dürfen. Unverkennbar wirkten noch andere zeitgeschichtliche Motive mit; theils wohl die in den Dunkelmännerbriefen und sonst von gebildeten Zeitgenossen so scharf gegeißelte Abneigung der scholastisch erzogenen Mönche gegen die neu erblühten Sprachwissenschaften (und eben aus den Kreisen des Mönchthums zumeist stammten jene neuen Volksprediger), theils besonders ein stark utilitaristischer Zug des Zeitgeistes. Im Zusammenhang mit der schon im 13. und 14. Jahrhundert aufgeblühten städtischen Kultur, ferner unter dem Einfluß des großen volkswirthschaftlichen Umschwungs infolge der Entdeckungen und Erfindungen des Zeitalters hatte sich in weiten Kreisen des deutschen Volkes ein

 

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nüchterner, auf bloßen Nutzen und Gewinn gerichteter Sinn festgesetzt; man bevorzugte die deutschen Schreib- und Rechenschulen, die für den Handwerker- und Kaufmannstand vorbildeten, denn — hieß es — “Gelehrte sind Verkehrte”. Sehr bezeichnend für die Stellung des Reformators zur Bildungsfrage seiner Zeit ist es nun, daß er nicht etwa diese deutschen Elementarschulen, in denen wir doch die Ansätze einer Volksschule erkennen dürfen, bevorzugt, sondern ihnen gegenüber, deren Berechtigung er nicht verkannte, die Nothwendigkeit gelehrter Bildung nachdrücklich betont hat.

 

Luther leugnet ferner nicht, daß in gewissem Sinne die neue Lehre des Evangeliums selbst auf das bestehende Schulwesen zerstörend eingewirkt habe. “Hohe Schulen werden schwach, Klöster nehmen ab, und will solchs Gras dürre werden, weil der Geist Gottes durch sein Wort drein webet und scheinet so heiß drauf durch das Evangelium”, sagt er im Eingang vorliegender Schrift. Aber er unterscheidet doch (anders als die Schwärmer) scharf und klar zwischen den alten “Teufelsschulen”, die auf den Pfaffen- und Mönchsstand vorbereiteten, deren Verfall ihm eine erfreuliche Wirkung des Evangeliums ist, und zwischen den neuen, unter dem Einfluß der wiedererblühten Sprachwissenschaften aufgekommenen Schulen, für deren Gründung und Erhaltung er mit allem Nachdruck eintritt, deren damals beginnenden Rückgang er lebhaft beklagt. Denn das Evangelium, das für den scholastischen, klerikalen Lehrbetrieb von tödlicher Wirkung war, steht nach seinem Urtheil mit der erneuerten Sprachwissenschaft vielmehr in gottgewolltem, nothwendigem Zusammenhang; ausführlich und mit voller Bestimmtheit behauptet er dies besonders gegenüber jenen Schwarmgeistern und jener materiellen Gesinnung des “fleischlichen Haufens”.

 

Auch das erkennt er unbefangen an, daß in Folge der mit der Reformation verbundenen Erschütterungen durch das Eingehen zehlreicher Klöster, Stifter, Pfründen, durch das Wegfallen vieler Zinsen, Gefälle usw. die äußeren ökonomischen Grundlagen vieler Schulen zerstört worden seien. Denn er klagt hier über den Geiz und Undank der Bürger und Obrigkeiten, die, durch das Evangelium von einer Menge kirchlicher Abgaben befreit, jetzt nicht einmal einen Theil der früheren Opfer freiwillig für das so wichtige Schulwesen zu spenden geneigt sind. Und soeben erst hatte er bei dem ersten praktischen Reformversuch behufs ökonomischer und rechtlicher Fundirung des Kirchen- und Schulwesens in Leisnig (Unsere Ausg. Bd. XII S. 6 f.) gar trübe Erfahrungen gemacht. Aber die Schwierigkeiten, die ihm hier grade seitens des Stadtraths bereitet wurden, lähmten doch nicht seinen Muth und Eifer; eben an die Rathsherren aller deutschen Städte wendet er sich jetzt, um ihnen eine gründliche Besserung des Schulwesens zur Pflicht zu machen.

 

Im Hinblick auf alle diese Verhältnisse hat neuerlich wieder Paulsen in seiner Geschichte des gelehrten Unterrichts Bd. I2 (1896) S. 197 Luthers Schrift als einen “Nothschrei, der durch die Thatsache des plötzlichen und allgemeinen Niederganges des Unterrichtswesens seit dem Anfang der Kirchenrevolution ausgepreßt wird,” bezeichnet; Luthers eifrige Vertheidigung der Sprachwissenschaft sei theils als Inkonsequenz, theils als Nothbehelf zu beurtheilen. Diese Geschichtsbetrachtung, auf Janssen, Döllinger und weiter zurück auf Erasmus und Cochläus fußend, verkennt vor Allem den ungeheuren indirekten Werth, welcher den reformatorischen Ideen in der Geschichte der Bildung und Wissenschaft zukommt, die heilsame Befreiung und Zucht der Geister durch Reinigung der sittlichen

 

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Gesinnung, die wir der Reformation verdanken. Jene Anschauung übersieht sodann, daß der Verfall des Schulwesens damals doch auch in den Schwächen der humanistischen Bildung selbst, in ihrer Unvolksthümlichkeit und der Einseitigkeit ihrer ästhetisch-intellektualistischen Weltanschauung begründet ist, ferner daß derselbe, wie oben angedeutet, theils durch die Reaktion der aufftrebenden, auf das Nützliche und Praktische gerichteten Laienkultur, theils besonders durch die Ausbreitung der alle menschliche Gelehrsamkeit grundsätzlich ablehnenden Schwarmgeisterei mitverschuldet ist.

 

Es ist zwar richtig, daß Luther vor einseitiger Überschätzung der klassischen Studien stets gewarnt hat, daß er grundsätzlich der vom heiligen Geist geleiteten Gemeinde der Gläubigen unabhängig von kirchenamtlicher oder gelehrter Bevormundung das Recht und die Macht über allerlei Lehre zu urtheilen zuschreibt, auch einräumt, daß ein ungelehrter Prediger aus der deutschen Bibel genug helle Sprüche habe, um Christum zu verstehen und andern schlicht predigen zu können: anderseits aber hat er ergänzend (nicht, wie Paulsen meint, sich selbst widersprechend) betont, daß erst eine gelehrte, besonders sprachwissenschaftliche Vorbildung den Prediger befähige, die heilige Schrift im Zusammenhange auszulegen und wider die Irrlehrer zu streiten, ja daß durch das Studium des biblischen Grundtextes der Glaube selbst erfrischt und die selbstständige Prüfung der christlichen Lehre recht ermöglicht werde.

 

So fordert nun hier der Reformator mit Hinweis auf 1. Cor. 14, 29 im Interesse des selbstständigen und gewissen Glaubensurtheils die wissenschaftliche Kenntniß des biblischen Originaltextes im Gegensatz zu den Schwarmgeistern, aber auch zu dem scholastisch-kirchlichen Brauch, “daß man die heilige Schrift hat wollen lernen durch der Väter Auslegen und viel Bücher und Glossen Lesen”. Diesem zwiefachen Standpunkt gegenüber hat Luther die Theologie als Schriftwissenschaft begründet.

 

Er hat aber keineswegs behauptet, daß die Sprachstudien lediglich im Deinst der Theologie und Kirche betrieben werden sollen; vielmehr widmet er einen großen Theil seiner Ausführungen dem Nachweis, daß auch um des so genannten weltlichen Standes willen, dessen die Sophisten sich bisher nicht angenommen, eine höhere Geistesbildung durch Sprachen, Künste und Historien nothwendig sei, um tüchtige leitende Kräfte für den obrigkeitlichen Stand zu gewinnen, ja auch um das ganze Volk, Männer und Frauen, in allerlei bürgerlichen Ständen geistig zu heben. Mit Beziehung hierauf urtheilt Ranke, es sei “eine Schrift, die für die Entwicklung der weltlichen Gelehrsamkeit dieselbe Bedeutung hat, wie das Buch an den deutschen Adel für den weltlichen Stand überhaupt”. Und jedenfalls ist es bedeutungsvoll, daß Luther seinen Aufruf eben an die Bürgermeister und Rathsherren der Städte richtete, wodurch er diesen bürgerlichen Obrigkeiten solchen geistlichen Beruf und Charakter zuschrieb, “daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen”. Dabei wollen wir nicht übersehen, daß in dem am Ausgang des Mittelalters in relativer Unabhängigkeit vom Klerus aufgeblühten städtischen Schulwesen schon bedeutsame äußere und rechtliche Anknüpfungspunkte für wirklich neue reformatorische Bestrebungen gegeben waren.

 

“Daß in erster Linie vom Bürgerthum die feste Grundlage der modernen deutschen Bildung geschaffen werden müsse, stand ihm ebenso fest, wie der humanistische Charakter des neuen Schulwesens”: so faßt v. Bezold, Gesch. d. deutsch.

 

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Ref. S. 568, den Ideengehalt der Lutherschrift zusammen. Und in der That, die Werthschätzung weltlichen Standes und weltlicher Gelehrsamkeit, der Hinweis auf die vorbildliche Pädagogik der alten Griechen und Römer, der Protest gegen eine bloß auf den Pfaffen- und Mönchsstand zugeschnittene Bildung, die Abwehr aller jener einer edlen Geistesbildung abholden Mächte, besonders die Polemik gegen die “Sophisten”, ihre Lehrbücher und Lehrmethode, ferner der begeisterte Lobpreis der Sprachwissenschaften, des studium trilingue, deren Unentbehrlichkeit für Kirche und Staat, ja deren Ergötzlichkeit und Lieblichkeit sogar er zu würdigen weiß, und noch mancher andre Gedanke unsrer Schrift, z. B. die Forderung eines neu zu ordnenden Bibliothekswesens: das alles versetzt uns in den Ideenkreis der humanistischen Kulturepoche.

 

Und doch dürfen wir nicht verkennen, daß das Bildungsideal des Reformators von dem der Humanisten in wesentlichen Beziehungen abweichend und eigenartig sich darstellt. Man erinnere sich der schon in dem Buch an den christlichen Adel ausgesprochenen Grundsätze betreffend die Reform des Schulwesens. Auch in dem vorliegenden Aufruf an die Rathsherren wird klar bezeugt, daß nicht die Geistesbildung für sich, sondern die Bildung des christlichen Charakters das höchste Ziel der Erziehung und des Unterrichts sein müsse. Das Evangelium allein ist von unbedingtem Werth, und die Pflege der klassischen Studien hat ihre vorzüglichste Abzweckung in der Auffchließung der biblischen Urkunden, weil die Sprachen die Scheide sind, in denen das Schwert des Geistes, Gottes Wort, steckt. Nur “christliche Schulen” will er errichtet haben, wie schon der Titel sagt. Und wenn er die Verachtung der Studien mit scharfer Abwehr als List des Teufels bezeichnet, denkt er hier weniger an den Schaden, den dadurch die Bildung erleide, als vielmehr an die Schande und den Schaden, den das Evangelium davontrage. Wohl führt er zum Beweis der Nothwendigkeit des Schulehaltens auch Gründe der Vernunft, der Lebensklugheit und Rücksichten auf nationale Ehre an, aber durchschlagend sind ihm die religiösen Gesichtspunkte: Gott zu Dank und Ehren, auf Gottes Gebot hin, um des Wortes Gottes willen müsse das Werk der Jugenderziehung als Sache von ungeheurer Wichtigkeit, “da Christo und der Welt viel an liegt”, mit heiligem Ernst als ein nöthiger Gottesdienst getrieben werden. Aus eben dieser tiefen sittlich- religiösen Auffassung erklärt sich die Schärfe seiner Rügen, die er hier gegen pflichtvergessene Obrigkeiten, Fürsten, Eltern, Stifte, Klöster usw. ausspricht, daher auch der hohe prophetische Ton seiner Mahnungen, die er, der Geächtete und Gebannte, in die deutschen Lande hinausruft: von Gott sei er dem deutschen Lande verordnet, und wer ihm hierin gehorche, der gehorche Christo.

 

Im Grunde stand so Luther, der durch und durch volksthümliche und prophetisch-religiöse Charakter, doch solchen Männern fremd gegenüber, die, mit schwärmerischer Begeisterung in die antike Litteratur versenkt, ihre aristokratischen, schöngeistigen Bildungsinteressen als höchsten Lebenszweck und Lebensgenuß ansahen und dadurch vielfach den nationalen Bildungstrieben der großen Menge des deutschen Volkes sowie einer opferfreudigen Antheilnahme an den tiefsten sittlich-religiösen Aufgaben sich entfremdeten. Auch formell gleichlautende Grundsätze des Humanismus, wie z. B. jene Werthschätzung des weltlichen Standes, erscheinen bei Luther seiner Eigenart gemäß umgeprägt; denn aus seinem Glauben, seinem persönlichen Erleben der Freiheit eines Christenmenschen war ihm die reformatorische

 

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Scheidung und Abgrenzung der beiden großen Lebensgebiete, des Geistlichen und Weltlichen, geflossen.

 

Dabei erkennt er die epochemachenden Verdienste der Humanisten um das gelehrte Schulwesen voll und ganz an; er preist an mehreren Stellen seiner Schrift die Gnade Gottes, die jetzt Deutschland ein gülden Jahr bescheert, die feinsten, gelehrtesten mit Sprachen und Künsten gezierten Leute, dazu gute Lehrbücher reichlich gegeben habe; er gesteht also selbst zu, daß er in den gelehrten Unterrichtsbetrieb als solchen, in seine Fächer, Methoden, Formen nicht neugestaltend eingreifen, sondern denselben übernehmen wolle. Auch sei daran erinnert, daß beide, Reformation und Humanismus, an dem überlieferten mittelalterlichen Schema der Unterrichtsstoffe, der sogenannten artes liberales, wenn auch in freier Weise, festgehalten und beide durch Beibehaltung des Lateins als der Sprache für alle höher Gebildeten sich auf den Boden der abendländischen lateinischen Kultur gestellt haben.

 

Es ist irreführend, Luthers Schrift als den “eigentlichen Stiftungsbrief der Gymnasien” zu bezeichnen, wie man das oft gethan hat. Richtig ist daran, daß er hier thatsächlich den Grundgedanken unsrer Gymnasialbildung, den Zusammenschluß antiker, christlicher und historich-vaterländischer Bildungsstoffe angedeutet und im Besondern den dauernden Bildungswerth des klassischen Alterthums, vorzüglich seiner Sprachen beredt verkündigt hat. Aber diese Gedanken entwickelt er nicht etwa in der Form eines gesetzgeberischen Programms oder Organisationsplans, sondern mitten in einer Gelegenheitsschrift voll praktisch-sittlicher Ermahnungen an die Stadtobrigkeiten, die Eltern, die Deutschen insgemein, und zwar im Hinblick auf die thatsächlichen Nothstände, wie sie sich bis zum Anfang des Jahres 1524 seinem Blick erschlossen hatten. Ferner hat er dieselben Gedanken schon früher gelegentlich und mit ihm gleichzeitig Melanchthon ausgesprochen; und in Bezug auf den Hauptpunkt, die Werthschätzung der Antike als Bildungsmittel, hat Luther ja grade die Wirksamkeit der Humanisten als epochemachende anerkannt.

 

Dazu kommt, daß die Erörterungen dieses angeblichen “Stiftungsbriefs der Gymnasien” sich gar nicht auf die städtischen Lateinschulen beschränken. Nicht weniges davon betrifft ebensowohl oder noch mehr die Universitäten. Ferner berührt Luther hier die Frage der Mädchenschule und der Volksschule überhaupt. Denn wenn er zwischen der sorgfältigeren Ausbildung der Begabtesten, des “Ausbundes”, und der allgemeineren Unterweisung von Knaben und Mädchen in täglich 1 –2 Stunden unterscheidet, und wenn er ferner sagt, daß wir Alten ja nur um der Jungen willen leben, und daß wir sie lernen lassen müssen, um ihre Seelen zu versorgen und sie selbst zu christlichen, verständigen, nützlichen Leuten für allerlei Stand auszubilden: so hat er offenbar das, was wir Volksschule nennen, im Sinne und verkündigt hiermit eine allgemeine sittliche Verpflichtung der Eltern und Obrigkeiten, gute Schulen zu halten und die Kinder hineinzuschicken. Daß und inwiefern der Reformator überhaupt durch Wort und Werk für die Neugestaltung und Begründung der deutschen christlichen Volkschule die fruchtbarsten Anregungen gegeben hat, kann hier nicht näher dargelegt werden. Es ist aber eine unzutreffende Charakteristik der vorliegenden Reformationsschrift, sie als “für die Ausbildung unseres Elementarschulwesens so ungemein folgenreich” (Monum. Germ. Paedag. III S. III) zu bezeichnen. Denn der Schwerpunkt ihrer Ausführungen liegt, wie schon angedeutet, dem Nothstand jener Anfangszeit entsprechend, offenbar darauf,

 

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[Nachträge und Berichtigungen]

daß zur Gründung und Haltung von Gelehrtenschulen ermuntert werden soll, um bald tüchtige leitende Kräfte für die Kirche und das bürgerliche Gemeinwesen heranzubilden.

 

Luthers Weckruf war nicht vergeblich. Noch im Jahre 1524 fanden einige bedeutsame evangelische Schulreformationen statt, die als Früchte der Bemühungen der Reformatoren, besonders auch der Schrift Luthers an die Rathsherren angesehen werden dürfen: in Magdeburg, Nordhausen, Halberstadt, Gotha; 1525 folgte Eisleben, 1526 Nürnberg. Die folgenden Jahrzehnte zeigten einen wachsenden Eifer in der Begründung und Erneuerung städtischer Lateinschulen durch ganz Deutschland, und zwar bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts hinein vorwiegend in den protestantischen Territorien.

 

Vgl. O. Albrecht, Studien zu Luthers Schrift An die Rathsherren &c.. in Theol. Stud. u. Krit. 1897 S. 687 –777, wo die Andeutungen und Urtheile der vorstehenden Einleitung näher ausgeführt und begründet sind. Fr. Roth, Der Einfluß des Humanism. u. d. Reformation auf das gleichzeitige Erziehungs- u. Schulwesen, Schrift Nr. 61 des Ver. f. Reformationsgesch., Halle 1898 S. 19 ff. u. ö. — In diesen beiden Abhandlungen ist die einschlägige reiche Literatur genauer verzeichnet. Als kleine Auswahl aus derselben seien hier noch genannt: die Art. ‘Luther’ und ‘Reformation’ in Schmids Encyklopädie des ges. Erziehungs- und Unterrichtswesens, 2. Aufl. v. Raumer, Gesch. d. Pädagogik Bd. I3 S. 144 ff. Th. Ziegler, Gesch. d. Pädagogik in A. Burmeisters Handbuch I, 1, München 1895, S. 63 ff. K. A. Schmidts Gesch. d. Erziehung, Bd. II Abth. 2 bearbeitet von Gundert (Stuttgart 1889) S. 198 ff. Paulsen, Gesch. d. gelehrt. Unterrichts Bd. I2 (1896) S. 197 ff. Janssen, Gesch. d. deutsch. Volks Bd. VII S. 11 ff. Hartfelder, Melanchthon als Praeceptor Germaniae, in Mon. Germ. Paed. VII S. 204 ff. Derselbe, Melanchthoniana Paedagogica (1892) S. 125. 134. Joh. Müller, Quellenschr. z. Gesch. d. deutschsprachl. Unterr. bis zur Mitte d. 16. Jahrh. (1882) S. 378. Joh. Müller, Luthers reform. Verdienste um Schule u. Unterricht, 2. Aufl. 1883 (vgl. Progr. d. Friedrichs-Gymnasiums in Berlin 1883). Hollmann, Luthers u. Melanchthons Antheil an d. Gründung d. ev. Lateinschulen v. 1518 –1530, Dorpat 1885 (Progr. d. klass. Privatgymnasiums) S. XIII f. R. Hofmann, Rechtfertigung d. Schule d. Reformation gegen ungerechtf. Angriffe, Leipziger Universitätsschrift 1889. Ranke, Deutsche Gesch. II3 S. 71 f. v. Bezold, Gesch. d. deutsch. Reformation (1890) S. 568. Köstlin, M. Luther I2, S. 581 ff. Kolde, M. Luther II S. 136 ff.

 

 

 

Ausgaben.

 

 

A “An die Radherrn || aller stedte deutsch- || es lands: das sie || Christliche schulen || auffrichten || vnd || hallten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. M. D. xxiiij. ||” Mit Titeleinfassung, darin unten: “Lasst die kinder zu mir komen || vnd weret yhnen nicht Matt. 19. ||” 20 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.

Druck von Lukas Cranach in Wittenberg. Vgl. Knaake im Centralbl. f. Bibliothekswesen 1890, S. 196 fg. Nr. 29. In der Titeleinfassung Luthers Wappen von zwei Engeln gehalten, links davon M, rechts L. Ein Exemplar, das im Titel “Radherren” hätte, wie Veesenmeyer, Nachr. v. Luthers Schriften (1819), S. 12 angibt, hat sich nicht gefunden, es liegt also wohl nur ein Druckfehler V.'s vor. Dagegen finden sich im Innern Abweichungen, wesentlich Druckfehler und ihre Verbesserungen. Da es sich um den Urdruck einer wichtigen Schrift handelt, wurde bei der Umfrage von den Bibliotheken eine Angabe erbeten, wie sich ihre Exemplare bezüglich folgender Unterschiede verhalten, die ohne Anspruch auf Vollständigkeit vorher aus den vorliegenden Exemplaren ermittelt waren

 

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a b

 

1. B 2 b Z. 9/10 red- || lich re- || dlich

 

2. B 3 a Z. 4 versogrt versorgt

 

3. C 1b Z. 29 vederbet verderbet

 

4. E 2 a Z. 2 v. u. bel- || haten be- || halten

 

 

 

Es zeigte sich, daß an allen Stellen die Lesarten a nur das eine Exemplar der Knaakeschen Slg., an allen Stellen die Lesarten b das andre Knaakesche Exemplar, Altenburg Gymnasialbibl. (2), Königsberg U. (eines), Rostock (eines), Wittenberg, Zwickau aufweist. — 1. 2 a und 3. 4 b Breslau St., Freiburg i. Br., Görlitz Milichsche Bibl., Göttingen (2), Halle Marienbibl., Königsberg U. (2), Leipzig U. und St., München U., Rostock (das zweite), Wien, Zittau, Zwickau. — 1. 2. 3 a und 4 b Arnstadt, Berlin (4), Breslau U., Dresden (ohne Titelblatt), Eisenach, Erfurt Martinstift, Gotha, Münster, Weimar, Worms. — 4 a und 1. 2. 3 b Königsberg U. (viertes Ex.), Straßburg U. Schließlich 1. 2. 4 a und 3 b Dresden (zweites Ex.); 3 a und 1. 2. 4 b Erlangen, Halle U., Lübeck.

Rein typographisch sind Unterschiede in der Anwendung der beiden Formen des r. So z. B. haben Bl. B 1a Z. 2 die Exemplare, welche in Bg. B (1. 2) die Lesart a haben, “gebraucht”, dagegen die mit Lesart b “gebraucht”.

Außerdem finden sich Exemplare von A noch in Amsterdam, Berlin St., Eisleben Thurmbibl., Hamburg, Heidelberg, London, München HSt., Nürnberg St., Sommerhausen, Stuttgart, Wernigerode, Wolfenbüttel (8), Würzburg U.

 

B “An die Radherrn || aller stedte deutsch- || es lands, das sie || Christliche schulen || aufrichten || vnd || hallten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. M. D. xxiiij. ||” Mit Titeleinfassung. Unter dieser: “Lasst die kinder zcu mir komen || vnd weret yhnen nicht Matt. 19. ||” Titelrückseite bedruckt. 12 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.

Signaturen Aij, Aiij; B, Bij; C –Biij [so]. Druck von Mathes Maler in Erfurt? Zur Titeleinfassung vgl. Dommer S. 259 f. Nr. 132. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Augsburg (Weller), Heidelberg, Weimar.

 

C “An die Radherrn aller stedte deutsches || lands: das sie Christliche schulen auffrichtenn vnd halten sollen. || Martinus Lutther. Wittemberg. M. D. X X iiij. || Lasst die kynder tzue mir komen vnnd weret yhnen nicht Mat. 19. ||” Darunter ein Holzschnitt: oben eine Knaben-, unten eine Mädchenschule. 16 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “¶ Gedruckt tzů Erffordt, tzů dem puntten || Lauwen bey. S. Pauel. 1524. ||”

Druck von Wolfg. Stürmer in Erfurt. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Arnstadt, Heidelberg, Königsberg St., München HSt. u. U.

 

D “An die Rat- || herren aller Stette || Teutsches lands, das sie Christ- || liche Schulen auffrichten || vnd halten sollen. || Martinus Luther || wittenberg. || 1 5 2 4 || Laßt die kinder zu mir kum̄en vnd || weret jnen nicht. Matthei. xix. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 14 Blätter in Quart (Bogen C hat nur 2 Bl.). Letztes Blatt leer.

Druck von Jobst Gutknecht in Nürnberg. Zur Titeleinfassung vgl. Dommer S. 262 f., Nr. 140 — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin (2), Dresden, Eisenach, Halle U., Ithaca, London, Stuttgart, Weimar, Wien, Wolfenbüttel.

 

E “An die Radherrn || aller stedte Deutsches lands || das sie Christliche schůlen || auffrichten vnd halten || sollen. || || Marti: Lutther. || Vuittemberg.

 

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|| 1 5 2 4 || Lasst die kynder zů myr kom- || mē un̄ weret jhnē nit. Mat: 19. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 16 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende: “ || ¶ Gedrueckt zů Ihen Durch Michel Bůchfuerer vff || Mittwoch noch Judica. 1 5 2 4 ||”

Zur Titeleinfassung vgl. v. Dommer S. 250, Nr. 103, doch sind die Gestalten des Petrus und Paulus durch Gott Vater und Christus ersetzt. — Vorhanden in Berlin, Hamburg (unvollst.), Göttingen.

 

F “An die Rhatherrn aller || stedte Teütsches lands, das sie || Christliche schůlen vffrich- || ten vnnd haltten || sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. || M. D. XXiiij. || [Zierstück] || Laßt die kynder zů mir kum̄en || vnd weret jnen nit, Matt. xix. || ||” Mit Titeleinfassung. 18 Blätter in Quart. Die letzten 3 Seiten leer. Am Ende:

Vorhanden in Berlin (Luth. 3966 hat auf dem Titel die hdschr. Bem. “iij d”), Gießen, Leipzig St., München HSt., Stuttgart, Wittenberg (unvollst.).

 

G “An die Radherrn || aller stedte deütsches || lands: das sy Christ- || liche schůlen auffrichten || vnd halten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. [so] M. D. xxiiij. [so] || Laßt die kinder zů mir || komen, vnd weret jnen [so] || nicht [so]. Matthei. 19. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 16 Blätter in Quart.

Wohl Straßburger Druck (v. Joh. Prüß?). Zur Titeleinfassung vgl. v. Dommer S. 267, Nr. 156. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Basel (Weller), Berlin, Darmstadt, London, Straßburg U. u. Wilhelmstift, Zürich St. u. Kantonalbibl. (Weller).

 

H “An die Ratherren al- || ler Stötte Teütsches || lands. das sy Christen || liche schŭlen auffrichtē || vnd halten sollen || Martinus Luther || wittemberg. Anno. || Mo. D. XXIIII. || [Zierleiste] || Laßt die kinder zů mir komen || vn̄ woeret jnen nicht Matt. 19. ||” Mit Titeleinfassung. 20 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.

Nach Weller Druck von Th. Anshelm in Hagenau. — Vorhanden in Berlin, Gotha, Schaffhausen St. (Weller), Zürich Kantonalbibl. (Weller).

 

I “An die Radtherren al- || ler Stette teutsches lands || Das sy Christliche schů || len auffrichten vnd || hallten sol- || len. || Martinus Luther. || Wittenberg || M. D. XXiiij. ||” (In der unteren Randleiste:) “Lasst die kinder [so] zů mir kommen || vnd woeret jnen [so] nicht Math. xix. ||” Mit Titeleinfassung. 16 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.

Titeleinfassung wie in A. Oberdeutscher Druck (nach Weller von Fr. Peipus in Nürnberg). — Im Innern fand sich wenigstens eine Verschiedenheit in den Exemplaren, die uns vorlagen. Bl. Cija Z. 14 hat das Berliner Exemplar (Luth. 3958) das richtige “geomet” (unten 41, 22), dagegen das Exemplar der Knaakeschen Slg. “gemoegt”, offenbar eine nachträgliche Schlimmbesserung. Ob Ähnliches sich noch öfter findet, wurde nicht festgestellt, auch nicht wie sich die andern ermittelten Exemplare an jener Stelle verhalten. Diese finden sich in Dresden, Gießen, Heidelberg, London, München HSt. (3) u. U., Regensburg, Stuttgart, Wien, Wittenberg, Wolfenbüttel.

 

K “An die Ratszherren || aller Stoette teütsches lands || Das sie Christliche schůlen || auff richten vnnd || halten sollen. || Martinus Luther. || Wittenberg

 

[Seite 18]

 

|| M. D. XXiiij. || Laßt die kynder zů mir kommen || vnd woeret ynen nicht Math. xix. ||” Mit Titeleinfassung (darin rechts die Zahl 1524). 16 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.

Oberdeutscher Druck. — Vorhanden in Berlin, München HSt., Wittenberg.

 

L “An die Radt || hern aller stett Teüt- || sches lands, das sie Christ || liche schůlen auffrich || ten vnnd halten || sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg [so]. M. D. xxiiij || Lasset die kinder zů mir kū || men, vnd weret ynen nicht || Matth. xix. ||” Mit Titeleinfassung. 20 Blätter in Oktav. Letzte Seite leer. Am Ende: “Im iar nach Christi geburt. || M. D. xxiiij. ||”

Oberdeutscher Druck (nach Weller von Adam Petri in Basel). — Vorhanden in Freiburg i. Br., München HSt.

 

a “Ein Guelden Kleinod, || Welchs der Theure || Hocherleuchte Man̄ Gottes, D. || Martin Luther, Auß des heiligen Gei- || stes Schatzkammer vber- || kommen. || Vnd Anno 1524. als er in seinem || Pathmo gewesen (auß anregung des heiligen || Geistes) den Buergenmeistern [so] vnnd Rathherrn, aller || Staedte Deutsches Landes inn sonderheit verehret hat, || Auff daß sie dasselbe Gott zu ehren tragen, vnd || kuenftiger posteritet zum besten biß ans || ende der Welt treulich ver- || wahren sollen. || [Zierstück] || Gedruckt zu Nuermberg, bey Alexan- || der Dieterich. ||” Mit Titeleinfassung. 16 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Dresden, Sommerhausen, Wolfenbüttel.

 

b “Ein Guelden Kleinod, || Welches der Theure Hoch- || erleuchte Mann Gottes, D. Martin || Luther, Auß deß heiligen Geistes Schatz- || kammer vberkommen. || Vnd Anno 1524. als er in seinem Pathmo || gewesen (auß anregung deß heiligen Geistes) den Buer- germeistern vnd Rathherrn, aller Staedte Deutsches Lan- || des insonderheit verehret hat, auff daß sie dasselbe Gott || zu ehren tragen, vnd kuenfftiger posteritet zum || besten biß ans ende der Welt treulich || verwahren sollen. || [Zierstück] || Nuernberg, || [Strich] || Gedruckt im Jahr, M. DC. ||” Ohne Titeleinfassung. 16 Blätter in Groß-Quart. Die letzten 3 Seiten leer.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg.

 

c “Ein Guelden Kleinod, || Welches der Thewre || Hocherleuchte Mann Gottes, || D. Martin Luther, Auß deß Heiligen || Geistes Schatzkammer vber- || kommen. || Vnd Anno 1524. als er in sei- || nem Pathmo gewesen (auß anregung deß || heiligen Geistes) den Buergermeistern vnd Rathherren, || aller Staedte Deutsches Landes insonderheit verehret || hat, auff daß sie dasselbe Gott zu ehren tragen, vnd || kuenfftiger posteritet zum besten biß ans ende || der Welt trewlich verwahren || sollen. || [Zierstück] || Nuernberg, || [Strich] || Gedruckt im Jahr, MDCI. ||” Mit Titeleinfassung (nur Doppellinien). 24 Blätter in Oktav. Letzte Seite leer.

Schluß der Schrift Blatt C 5a, dann folgen Bibelsprüche. Vorhanden in Breslau U. u. St., Kassel Landesbibl., Lübeck St., München U.

 

d “Trewhertzige Vermah- || nung, || D. Martin Lu- || thers, || An die Buerger meister|| vnnd Rahtherren aller Staette || Deutsches Landes, daß si

 

[Seite 19]

 

Christ- || liche Schulen auffrichten || vnnd halten sol- || len. || [Zierstück] || Getruckt zu Franckfurt am || Mayn. || Durch Egenolph Emmeln. || [Strich] || Im Jahr 1614. ||” Ohne Titeleinfassung. 68 Blätter in Sedez.

Der Text unserer Schrift S. 3 –76. Es folgen S. 77 –105 “Sprueche Ausz andern Schrifften Doctor Luthers gezogen gleiches Inhalts”. Zuletzt S. 106 –135 “Nachbericht Von der newen Lehrkunst Wolfgangi Ratichii” (von den Gießener Professoren Christoph. Helvicus und Joach. Jungius). Vorhanden in Wolfenbüttel.

 

e “Trewhertzige Vermahnung || D. Marti- || ni Lutheri. || An die Bürgermei- || ster vnnd Rahtherren aller || Städte Deutsches Landes, daß || sie Christliche Schulen auff- || richten vnd halten || sollen. || Benebenst einem hinden ange- || hengten Nachbericht der newen || Lehrkunst || Wolfgangi Ratichii. || Gedruckt zu Rostock, durch || Moritz Sachsen, In verlegung || Johan: Hallerforts Buch- || führers. 1614. ||” 131 Seiten. 12°.

Vorhanden in königsberg U. — Eine gleichfalls bei Hallerfordt in Rostock in 12° erschienene weitere Ausgabe von 1615 führt G. Draudius, Biblioth. libror. Germ. classica (1625), S. 283 an. Die nicht erheblichen Abweichungen im Wortlaute des Titels sind wohl nur Folgen ungenauer Wiedergabe.

 

f “Trewhertzige Vermahnung, || An die Buergermeister vnd Raht- || herrn aller Staedte Deutsches Landes, das sie Christ- || liche Schulen auffrichten vnd halten sollen, || Mart. Luth. Doct. || Sampt etlichen Spruechen auß andern seinen Schriff- || ten, gleichs Inhalts. || Neben einem Nachbericht von der newen LehrKunst, || VVOLGANGI [so] RATICHII, || Gestellet durch || CHRISTOPHORVM HELVICVM SS. Th. D. & Prof. Giess. || Vnd || IOACHIMVM IVNGIVM Mathematum Prof. Giess. || Mit Angehenckter wolmeinende [so] Erinnerung an den Chri- || lichen [so] Leser, Iohan. Angelii VVerdenhagen I. C. vnd dero || Stadt Magdeburgk Secret: || [Wappen] || Magdeburgk, || Gedruckt bey Wendelin Pohln, im Jahr 1621. ||” 28 Blätter in Quart.

Vorhanden in Berlin, Breslau St., Darmstadt.

 

g “Eine Vermahnung D. M. L. || An die Bürgemeister vnd || Rathsherrn aller Städte Deut- || sches Landes, daß sie Christli- || che Schulen auffrichten || vnd halten sollen. || Wie auch von dem Methodo des H. || Geistes veram Theologiam zu stu- || dieren, im 119. Psalm gegründet, || Auß dem 1. vnd 2. Jenischen Theil. || Auff Gnädigen Befehl vnd Anordnung. || [Titelbild, Umschrift: D. MARTHINVS LVTHERVS.] Gedruckt zu Dörpt, bey Jacob Beckern, 1633. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 43 Blätter in Oktav.

Vorhanden in Greifswald.

Bei Joh. Hallervordt in Rostock, der unser e druckte, erschien noch:

 

 

 

“Herrn D. Martini Lutheri || Trewhertzige || Vermahnung an || Buergermeister vnd Raths || herrn Teutsches Landes, daß sie || Christliche Schulen auffrichten || vnd halten wollen, || Neben einer Vorrede, an die || sämptliche Buerger vnd Einwohner in || Rostock die jhre Kinder mit trewen meinen, || .... || In Druck gegeben || durch || Iohannem Qvistorpium .... || Gedruckt

 

[Seite 20]

 

zu Rostock, Bey Johann Hal- || lervordt Buchhändelern zufinden || Im Jahr Christi 1640. ||” Mit Titeleinfassung. 45 Seiten in Quart, letzte Seite leer.

Trotz des Titels, der doch auf unsre Schrift schließen läßt, enthält dieses Buch nicht sie, sondern Luthers Predigt von 1530. Vorhanden in Dresden (unvollst.), Rostock.

 

Lateinische Übersetzungen.

 

 

α “DE CON || STITVENDIS SCHO || LIS MAR. LVTHERI || Liber donatus Latinitate || Haganoæ, per Iohannem || Secerium. ||” Mit Titeleinfassung. 32 Blätter in Oktav. Letzte Seite leer. Am Ende: “Haganoæ ex Officina || Iohan. Secerij ||” Auf Blatt Aij eine Vorrede Melanchthons: “ PHIL. MEL || ANCHTHON STVDIO || SIS OMNIBVS. S. ||”

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Breslau U., Dresden, Erlangen, Frei burg i. Br., London, Lübeck, Nürnberg St. (2), München U.

Nach v. d. Hardt Autogr. Lutheri I, 196 hätte es zwei zu Hagenau er schienene Ausgaben dieser Übersetzung in verschiedenem Format gegeben. Vgl. dazu Veesenmeyer a. a. O. S. 16. Verfasser der Übersetzung ist Vinc. Obsopöus, und Melanchthon hat sie geprüft. Vgl. Corpus Reform. I, 666, wo Melanchthons Vorrede mitgetheilt und auf einen Brief des Obsopöus an Melanchthon verwiesen wird (Cod. Bavar. II p. 547), in dem es heißt: Age vero dic quicquid actum sit cum libello de scholis erigendis a me verso? num emendasti? Significabis haec, ut sciam. Der Brief ohne Datum wird im Corp. Ref. August/September 1524 gesetzt.

 

β “NOTATIO || NICOLAI SEL- || NECCERI || De studio sacræ Theo- || logiae, & de ratione discendi || doctrinam cœlestem. || .... || D. D. MARTINI LVTHERI || Oratio de scholis recte instituendis, scripta || ad magistratus & senatores || Germaniæ. || Edita in vsum studiosæ || iuuentutis || LIPSIÆ || Iohannes Rhamba excudebat || M. D. LXXIX. ||” Am Ende: “LIPSIÆ || Iohannes Rhamba excudebat 1579. ||” 111 Blätter in Oktav.

Die lateinische Übersetzung unsrer Schrift steht Bl. K 4a (S. 147) ff. Es ist die des Obsopöus (mit Melanchthons Vorrede), aber nicht aus der Originalausgabe sondern aus dem Wittenberger Tom. lat. VII (1557) 438a ff. abgedruckt. Vorhanden in Breslau U. u. St., Königsberg U., Lübeck, Wien.

Eine neue lateinische Übersetzung des Abschnittes 36, 6 bis 39, 14 unsrer Ausgabe findet sich in

 

 

 

γ “ORATIO || De linguæ San- || CTAE ORIGINE, PRO- || gressu, & varia fortuna, ad || nostrum vsque sæculum. || CONSCRIPTA, ET PV- || blice in Academia Argenti- || nensi recitata || A || M. ELIA SCHADAEO Ecclesiaste & Professore: || [Druckerzeichen] ARGENTORATI || Excusa opera Iodoci Martini, Typis & || Impensis Autoris. Anno M. D. XCI ||“ 24 Blätter in Oktav.

Bl. C 5b beginnt: “COMMENDATIO LIN- || guarum, ex insigni illa M. Lutheri || ad Magistratus de constituendis || Scholis, adhortatione: ex Tomo || 2. Germanico transcripta || & in latinū sermonem || conuersa. ||“ Endet Bl. C 8b. Vorhanden in Breslau U.

 

[Seite 21]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

 

In neuerer Zeit ist unsere Schrift oft gedruckt worden, seltener allein als vielmehr in Sammlungen Lutherscher oder pädagogischer Schriften. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier genannt:

 

1. Die reformatorischen Schriften D. M. Luthers in chronol. Folge mit den nöthigsten Erläuterungen hsg. v. K. Zimmermann Darmstadt 1846 ff., Bd. II, S. 514 –540.

 

2. Sammlung selten gewordener pädag. Schriften des 16. u. 17. Ihs. hsg. v. A. Israel 1. Heft Zschopau 1879. 2 1893 (m. sprachl. Erläuterungen von Kießling, Anhang S. 46 –52).

 

3. Facsimiledruck der Ausgabe A. “Für F. A. Raschke in Zschopau als erstes Heft d. Sammlung selten gewordener pädag. Schriften d. 16. u. 17. Ihs. ... auf holländisches Büttenpapier ... gedruckt von W. Drugulin in Leipzig. 1883.” [ist nicht fehlerlos].

 

4. Dr. M. Luthers Gedanken über Erziehung u. Unterricht von J. Meyer u. J. Prinzhorn 1883, S. 91 –116 vgl. S. 271 –284.

 

5. Pädagogische Klassiker hsg. v. Lindner Bd. XV. D. M. Luthers pädag. Schriften mit Einl. u. Anm. von J. Chr. Schumann 1884, S. 120 –146.

 

6. Bibliothek pädagogischer Klassiker hsg. v. Mann. Bd. 28. D. M. Luthers pädag. Schriften hsg. v. H. Keferstein 1888, S. 31 –49.

 

7. M. Luthers Werke f. das christliche Haus Bd. 3, Braunschweig 1890, S. 1 –34 (bearb. v. E. Schneider).

 

8. Denkmäler der älteren deutschen Litteratur f. d. litteraturgesch. Unterricht an höheren Lehranstalten hsg. v. Bötticher u. Kinzel Bd. III, 3, 2, M. Luther. Verm. Schriften weltlichen Inhalts usw. von R. Neubauer Halle 1891, S. 6 –30 (gekürzt, mit guten Anm. unter dem Text).

 

9. Klassiker der Pädagogik Bd. II, Luther als Pädagog von E. Wagner 2 1892, S. 81 –106.

 

10. Kürschners Deutsche Nationallitteratur. Bd. 176. Luthers Schriften hsg. v. E. Wolff [1892], S. 171 –197 (kritischer Neudruck nach A mit dürftigen Anm.).

 

In den Gesammtausgaben findet sich die Schrift deutsch: Wittenberg Bd. VI (1553) Bl. 335b –344a, (Seitz 1559, Bl. 322b –330b); Jena Bd. II (1555) Bl. 459b –469b, (1563) Bl. 470b –480b, (1572. 1585) Bl. 454b –464b; Altenburg Bd. II S. 804 –815; Leipzig Bd. XIX S. 333 –345; Walch Bd. X Sp. 532 –567; Erlangen Bd. 22 S. 168 –199. Lateinisch steht unsere Schrift Witt. Tom. lat. VII (1557) Bl. 438a –447a (1558) Bl. 438b –447b.

 

Alle Nachdrucke stammen unmittelbar aus A, dessen Druckeinrichtung sich H sogar Seite für Seite anschließt. Jeder Nachdruck weist Eigenthümlichkeiten auf, die er mit keinem andern theilt, die sich aber alle erklären lassen, sobald man A als alleinige Vorlage annimmt. Eine Ausnahme macht nur K, dessen Abhängigkeit von I augenfällig ist.

 

Von den Spätdrucken sind a und d unmittelbar aus A geflossen, b stammt aus a, c aus b, e und f aus d.

 

Unserem Abdruck legen wir A zu Grunde; die Lesarten der Nachdrucke B –L verzeichnen wir in der gewohnten Weise, während wir Lesarten aus a –f nur an schwierigeren Stellen mittheilen, wo wir ja auch die Gesammtausgaben heranzuziehen pflegen.

 

 

 

[Seite 22]

 

 

Zur Ergänzung des Lesartenverzeichnisses diene die folgende Übersicht über Sprache und Schreibung der Nachdrucke, soweit sie von A abweichen.

 

Der Umlaut des a wird im Allgemeinen durch e bezeichnet; die Schreibung ae ist in F und G daneben nicht ungewöhnlich (maehr, jaerlich, laesterlich, staelle, vaetter, taeglich, schaetz F; daemme, geschaefft G), desgleichen in IK (maer, saelig, saeligkayt, jaerlich, jaemerlich, vaeter, waere, kaeme, maertern, aempter, knaeblin, almaechtig usw.), während sie in H und L entschieden überwiegt [in H auch ae f. ë: waeben, geschaehen, baerle, faechten]. Nicht selten ist in HIK auch die Schreibung oe: stoette, froembd, hoelle H; ernoeren, woeren, moer, oeltern, erwoelet, foert = - vehitur, hoerten = -durare IK; oeltist, boesser = melior, groebt = fodit, bewoegen K [in K auch erschroecken]. Abweichend vom Urdruck tritt Umlaut ein in aeschen F (2) IK (1), widersaecher G –L (1), halßsterrig HIK, erber (honestus) H, vndanckberkeit F (3) I (1). Der in A vorhandene Umlaut wird beseitigt in laßt FHIKL (stets, mit einer Ausnahme in L; G schreibt zweimal lasset), erkantnuß DIK (erkantnyß F), bekantnuß HIK (bekantnyß F); anfahet F –L, verschlafft GHK, geradt FHIK, martern GH, damme, manigfaltig, gesatz H, fallet HIK, Hebraisch (stets) IK, Artzeney L.

 

Der Umlaut des au wird in der Regel durch eu, vereinzelt durch eü (reüber F, eüget H, verseümen FGL) ausgedrückt, wie auch die Schreibungen vnglaeubig I, vngloeübig H vereinzelt bleiben. Gegen A mangelt der Umlaut in glawben B (2) DFGHIKL (stets), vnglaubig DKL, rauber DGHIKL, lauffen D –L, kauffen DFHIKL, versaumen D (4) G (1) H (2) IK (stets) L (mit einer Ausnahme).

 

Der Umlaut des o wird ausschließlich als oe geschrieben. Der von A abweichenden Fälle sind nicht eben viele: oeberkeit B (3) D (4), boeßheyt BC (1), moecht BCEGL (51, 11), soellich CD (1) G (2) H (9), soellch C (3) H (4) I (1), soellen C (1) H (10) K (1), woelt(en) D (5) EIK (1), koennen D (1) E (3) G (2) I (1) K (3), toechter DFHIK, bloech FG (31, 18), getroest FK, schoen B (52, 26), soenderlich C (2), koest (1) koembt (5) E, Bischoeffe (1) G. Die Schreibungen Goetes C (27, 17) und soe E (27, 14) sind wohl als Druckfehler anzusehen. Die Umlautsbezeichnung unterbleibt in sone (filii) BE (28, 11) H (45, 7), verlore B (1), wollt(en) BC (2) KL (1), notig BE, kloster (plur.), gehoren C, wollen CE (1), wolffe DF, grosser (maior) DK, koste HIK (29, 19), konnen D (2), offene (aperias) E.

 

Der Umlaut des u wird in B durch ue bezeichnet, daneben in D selten, in F –L überwiegend durch ü, in C und E auch durch ů (natůrlich, schůtzen, nůtz, sprůch, wůrde, můgen, kůndten, důrffe, grůndtlich usw. C, nůtzlich, tůck, můnich, můlstein, vernůnfftig, geschwůrm, antzůnden, entzůckt, außbůndigst usw. E); in H –K findet sich gelegentlich auch die Schreibung i oder y (dynn H; thyrren, anzynden, mylstain, außbindigst I; thyrren, spiren, kinden K). Das in A innegehaltene Umlautsgebiet wird weniger erweitert als eingeschränkt. Die Umlautsbezeichnung findet gegen A statt in fuer(-) B (5) D –L (stets, mit je einer Ausnahme in E und G); zukuenfftig BC (1) D –L (stets); sünde D –K (stets) L (1); kuendte(n) E –L (meist); gekündt DFHIKL (nicht durchweg); gruendtlich BCEFHIKL; fuercht (timet) DFGHIK; hynfürt

 

[Seite 23]

 

DFIKL; fünff(-) DFGHIKL; gewüst DFGI (gewist HKL); tuegen EGHL; über FGHL (meist, vereinzelt K); duencken C; stuecke (auch L), druemb, entzůckt, nuetz (Subst), geschmueckt E; fürmünden FHL; gülden GL (1); würden H (1); tück K (tůck E); künst H (einmal L, kůnst E). — Der Umlaut bleibt gegen A unbezeichnet in B: anzunden, furnemen (41, 8), fur (51, 18), dafur (51, 6), furnemst (52, 8), Munich (2), kunde (4), (vn) nutz (2), fulle (2), fullen (1), gepuren (1), erfur (1), furst (1), gulden (1), wurde(n) (5), vnuernunfftig (1); — in C: furst (1), gulden (1), vernunfftig (1), gepuren (2), erfur (1), (vn)nutz (3), fulle (1), durfft (1), kunste (4), kundtist (1), grunden (1), feylspruchen (1), kunden (3), tzurnen (1), stucken (1), furhanden (1); — in D: wurde(n) (15), gulden (4), kunste (1), daruber (5), versuncken (coni. praet.), hulffs, anbunden (1); — in E: wurde(n) (3), gulden (2), vberdrussig (1), lustig (1), kunden (3), versuncken, anbunden, furcht (30, 1), thuren (44, 20), tuchtig, grunnden (39, 26), (un)nutz (2); — in F: wurden (1), gulden (4), kundten (1), kuchen (45, 3); — in G: wurde(n) (3), gulden (1), vnnutz (1); — in H: wurden (2), gulden (1), kunste (1), versuncken, hulffs, anbunden, kuchen, kurtzlich, nutz, nutzlich; — in I: wurde(n) (11), gulden (4), kunste (1), kundten (1), hulffs, kuchen, kur (36, 14); — in K: wurde(n) (13), gulden (4), kunden (1), hulffs, kuchen, kurtzlich; — in L: wurden (1), nutz.

 

Der Umlaut des uo erscheint in der Regel als ue, daneben in C und E ziemlich häufig als ů (můde, grůnet, můssen, gefůrt C; můste, můhe, brůder = fratres E; wahrscheinlich sind auch grůnet 42, 13 EFHI, schůler FGHL, gůtter 29, 20 I, fůrt 33, 9 L als Umlautsbezeichnungen anzusehen. In L wird auch dieser Umlaut, wie der des u, fast ausnahmslos als ü bezeichnet (sonst nur einmal in D fület). Über die in A gezogenen Grenzen hinaus greifen nur wenige Fälle: schueler BIK, fuelen DEFGIKL, ueben DFGHIKL, gruenet KL, fueren C (2) D (8) E (6) HIK (stets) L (1), mueste D (1) E (4) F (stets) G (6) HIKL (1), armuets 34, 19 E (vgl. armüete Lexer). Die Umlautsbezeichnung mangelt in verstunden (1), verfurer (1), huten (1), bucher (10), mussen (1) B; mussen (2), muste (1), musten (1) C; fureten (1) D; gutter (bona), stunde (staret) E.

 

Vokale. 1. Gegen A (wo -lin) ist alte Länge diphthongirt in byßleyn, kindleyn B, maydlein (auch K), kneblein, kindtlein D; gegen A gewahrt in libraryen B (1) C (2), ferner in yn (-) F (29, 9. 32, 5. 40, 19. 45, 10. 50, 10. 52, 23), G (29, 9. 45, 10. 50, 10); guldin H (3). BDFIK schreiben 27, 24 freunde, freundtlich, ebenso 31, 5 DEGIK freuende gegen fruende A, während 42, 17 umgekehrt freund A in F als fründ erscheint. Ebenso wird latinisch 32, 10 A zu lateinisch BCDHIKL, während das sonst in A übliche lateinisch in EF meist durch latinisch ersetzt wird. In G findet sich blyben, schryben, zwyffel, glich gegen bleyben usw. A, desgleichen fast durchweg vff(-) und vß(-), auch brun (51, 3); in F stets vff und druff, in E zweimal vff-. Hierher gehört wohl auch ein vereinzeltes tzucht C (für zeucht), und dreü H (aus driu) 27, 6.

 

2. Die alten und die neuen Diphthonge werden durch die Schreibung in der Regel nicht unterschieden. Nur DHIK geben das alte ei durchweg durch ai oder

 

[Seite 24]

 

ay, aber wiederholt steht ein in D. Vereinzelt ist waiß in F. In I begegnet auch mayn (meus), — ou nur in jungkfrowen 33, 13 H. Das aus iu entstandene eu wird von dem au-Umlaut in D mehrfach als eue, in F –L der Regel nach als eü unterschieden, doch finden sich Ausnahmen wie reüber F, verseümen FGL, eüget H, Teutsch D, Deutsch E; in E auch zeůget und eůget.

 

3. Altes ie ist in allen Drucken meist bewahrt. Doch hat A meist zihen (ziehen 46, 23), dafür setzen DF stets, EHIKL meist ziehen, G dagegen hat zihen durchgeführt. Ferner hyrynn A > hierin DFHIKL; spigel A > spiegel EFHKL; nyrgent A > niergent (1) DL (2) F; ymer > yemer (1) G. Umgekehrt haben andere Drucke i für ie in A: schir (1) B; dinst (1) EL; Krichen (1) E; lichters (1) H. — Das ie für i als Zeichen der eingetretenen Verlängerung wird in den Nachdrucken außer B und E (wo besonders dieser) gern durch i ersetzt. Nur hin und wieder begegnet in den Nachdrucken ie für i A: schriefft B; lyegen (iacere) C, hien G, sieht L.

 

4. u und uo werden in einigen Drucken noch unterschieden. CFGHIK verfahren in dieser Scheidung von u und ů im Ganzen sorgfältig; B schreibt gelegentlich nuer, zue oder fueg, K schuele, guett, thuet, D einmal fuer (aus fuor) und öfter nuer, CEFL öfter nůr (auch in A nuer), EFL nů(n), E auch nue. Bunt ist das Bild in E, das neben zů, schůle usw., wie wir oben sahen, ein ů = Umlauts-ü aufweist. Dazu tritt dann noch ein ů (ue) an Stellen, wo Umlaut zweifelhaft oder unmöglich ist: kůnst 35, 5 (Dat. Sg. mit Umlaut?), zůchtmeyster 35, 11 (Anlehnung an züchtigen?), Acc. pl. zůngen (37, 8), schmůck (36, 16), kůmen, lůst (Sing.), grůnd, verwůndert, vnterwůnden, getzwůngen, můnd; zuengen (36, 7), schmueck (36, 16), vernuenfft (38, 21).

 

5. Für a tritt o ein in on für an (ad) B (2), sowie in mehrfachem (dar)noch EL, das übrigens auch in A begegnet, z. B. 52, 4, wo BCFIL und 35, 33, wo DFIL (dar)nach setzen. G hat einmal lossen (sinere), FHIKL meistens (ge)thon, H einmal anston (29, 3). Umgekehrt erscheint bisweilen nach für noch (neque) in CF, an für on (sine) E (3) L (1).

 

6. Über oe oder ae für ë siehe oben.

 

7. In FGL wird die Schreibung eüw oder euw bevorzugt in eüwer, greuwlich, feuwer, streüwen, treüw, neüw (so auch H), scheüwen usw. gegen ewer usw. A.

 

8. Ersatz eines i durch ü zeigen würfft DIK (1), würt H (8) I (1), gewünnen IK (36, 26), müst K (Subst.), während sprüchwort H (1) au Anlehnung an spruch beruhen wird. Für ie steht ü in nümmer L (1) schüssen K. Dazu gefueele (placeret) IK (1).

 

9. An Stelle von o erscheint vielfach u. B sundern (4), DFL stets sunder (wofür in GHIK stets, in E einmal sonder), DFL haben immer, BCI je einmal sunderlich (in L einmal auch sünderlich), DFL einmal besunders DFKL schreiben regelmäßig, BEGHI bisweilen sunst; DFL immer, B, I und IK vereinzelt kumen, kumbt. CHIK haben trutz (1), D Sunne (1) DGHIK Nunne (1), F dule, H dull (f. dole 51, 20), DFL wiederholt genumen. DGHIK schreiben sun, FL sůn (filius), süne (filii), F büffel für poeffel, D verlure, (er)zuge (einmal so auch IK) für verloere, erzoege, FK auch (er)züge, D (auff)zugen (3) für (auff)zogen (= educabant). Für

 

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konnen erscheint kuennen G (1) L (3). GHIKL schreiben meist kuenig(lich), kuenigreich.

 

10. Für u tritt nicht selten o ein. So wird furcht zu forcht DEFGIKL, fuercht (timet) zu foercht L (2); kuendte(n) zu koende(n) D (16) G (1), gekundt zu gekoendt E (1); thuerst zu thoerste D (1); (be)duerffte zu (be)doerffte DEL (K auch derffte); muenich zu moenich, moench, getuecht zu getocht E. D schreibt immer moegen, moeglich, vermoegen, I je einmal moegen und moeglich.

 

11. Die Längenbezeichnung der Vokale durch h ist in allen Nachdrucken zumeist beseitigt: es wird fast durchweg jr (yr), jm, jn für yhr usw. geschrieben, desgleichen mer, ere für mehr, ehre. Oft ist an Stelle des Dehnungs-h Doppelung des e getreten: meer, eere. Vereinzelt begegnet in BE yhn für in (Präp.). — Auch für ehe, wehe A meist ee, wee.

 

12. Das md. i in Endsilben wird in den Nachdrucken oft beseitigt. Gottis wird in DFHIKL durchweg, in G häufig zu Gottes, in B neunmal, in C nur einmal; 29, 33 hat C gegen A Gottis hergestellt. Alle Drucke stehen gegen A zusammen in offenbarn f. offinbarn. Für hoehist haben 27, 19 DFH hoechest, 32, 15 DFGIK hoehest, 36, 1 DEH hoechst und L durchweg hoechst; C hat 45, 9 gegen hoehest A hoehist hergestellt, ebenso 35, 2 D ausbündigist f. ausbuendigst. Einzelne Fälle: eltesten DGH (aeltsten L), kuendtest FGIKL, gelertesten, fürnaemesten H gegen eltisten usw. A.

 

13. Das Abwerfen des Endungs-e ist in allen Drucken häufig, in L sogar die Regel. In den Lesarten wurden nur diejenigen Fälle aufgeführt, in denen es abweichend vom Urdruck gesetzt ist. Dagegen wurden vollzählig diejenigen Fälle verzeichnet, bei denen das e im Auslaut vor Konsonant eintritt oder schwindet (fewer), und wo es in Mittelsilben einer vom Urdruck abweichenden Behandlung unterliegt (verordenen neben verordnen usw.). Anfügung eines unorganischen e ist selten: geyste (Acc. Sg.), genuge (50, 6, wo aber vielleicht die flektirende Form der älteren Sprache noch nachwirkt) B, schulde (Nom. Sg.), volcke (Acc. Sg.) E.

 

14. In geen, steen und seinen Zusammensetzungen haben DFHIK durchgehends, G häufig das h getilgt.

 

Konsonanten. Anlautendes b wird in D häufig p: plut, plume, pit, preyten, prunnen, procken, prot, (vn)danckparkait; dazu gesellt sich Papst H (2), pleyben (2), pringen (1) K, gepott CE (32, 19). Umgekehrt wird anlautendes p des Urdrucks zu b in gebott 27, 8 DFHIKL, 37, 26 CFGL; gebotten 32, 17 DFGHIKL; gebeuet, geborn, gebüren DFGHIKL; boden (42, 9) CFGHIKL; bueschen FGHIKL; büffel 44, 7 F (bofel IK); emberen FHL; berlen F; blatten C; blage I; barreten L.

 

Anlautendes d wird zu t in teutsch DFHIKL (stets, mit einer Ausnahme F, zwei Ausnahmen H); treck H; truck(en) HIKL. Beispiele für den Inlaut sind nur Entechristisch IK und selten IKL. Die entgegengesetzte Vertretung zeigen dantzen G; doll, dappen, dantzen H; doll, doben, doechter L für tantzen usw. A. Ferner im Inlaut: einschneyden 52, 24 DF; beschneydung DEFHIKL; vnder(-) D (1) F –L (stets, mit wenigen Ausnahmen in G), wo A t aufweist.

 

 

 

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Schwanken zwischen g und k zeigt iungfraw neben iunckfraw und iungfraw; seligkeytt, reynigkeit usw. neben selickeit usw. — Hieran sei angereiht manichfelltig A > manig- BDEFHIK; schlahen A > schlagen D; schewen A > schewhen (scheühen) DHI.

 

dd in odder, widder usw. wird in den Nachdrucken meist vereinfacht andernorts aber Doppelungen von n, t, l usw. gegen A eingeführt. — B liebt die Schreibung zc (zcu, zcihen), C das tz im Anlaut (tzeygen).

 

Anfügung von t an Wort- oder Silbenschluß findet sich in sprichtwort C dannocht DL, dennocht HIK, anderst H, waißt HIK.

 

Vor- und Nachsilben. Die Vorsilbe ge- büßt bisweilen den Vokal ein: gwesen, gwar, gschaefft, gsagt H; gschwindest K; gnug (50, 6) CEHKL. Das Gegentheil findet statt in genůg 36, 3 H, 40, 22 K; genůgsam 36, 8 L; gelaubt (1), geleych (3) K; genad (1) E. Die Vorsilbe zu- (daneben zur- A) wird in DFHIKL gelegentlich durch zer- ersetzt. In allen Drucken wechselt -nis mit -nuß, in D einmal auch ergernüß. CFHIL schreiben gelegentlich yrthumb, DEIK einmal Priestertumb gegen -tum A.

 

Wortformen. Muenich > Muench B (3) CD (1) FHIKL (meist); erbeyt(en) > arbeyt(en) DFG (stets) H –L (meist) BC (1); wiste > wuste F, wueßte K; thun > thon K (1); sind > seind DIK (meist) CEGH (vereinzelt) sein L (auch D); wilch (daneben welch und welich A) > welch B (2) C (1) DFGHL (stets), woelch (daneben woellich) IK und vereinzelt L (K auch welch); solch und solich schwanken in allen Drucken, ebenso do und da; manich- > manch- L (1); wider > weder DFKL (stets) GH (meist) I (vereinzelt); ent weder > aintweder HIK; wo > wa I (stets, auch wahin) K (1); denn > dann BEFIK (1) DL (stets) H (meist); wenn > wann H (2) L (stets). yderman > yederman C –L; iglich > yegklich DFGHIKL (meist); zwentzig > zwaintzig DHIK; feylen, feilen > feelen (felen) DEFGL; faelen HIK.

 

dazu > darzu B (6) D (stets) FG (2) H (7) IKL (stets); dabey > darbey DIK (1); dadurch dardurch D (5) L (1); darfür D (1) I (1) L (1); daruon D (2); darmit K (1); darwider L (1); erfur herfur BC, herfür DHIKL (stets); ereyn herein DFHIKL; nicht nit BDEHIKL (oft) F (stets) CG (bisweilen); sanct (S.) > sant DIK, zuweilen auch B; nu > nun DG stets, HL meist. In IK finden sich 13 nu 12 nun, die nur in sofern eine gewisse strichweise Vertheilung zeigen, als B 1a –3a nur 3 nun; B 4a –E 3a nur 6 nu stehen. Auch nach der Bedeutung, nach der Verwendung und Stellung im Satze scheiden sich die nu nicht von den nun. In verneinten Sätzen z. B finden wir 3 nu, 3 nun; der Versuch, das nun als Verallgemeinerung aus nu en(ist) zu erklären, der an sich manches für sich hat, erhält also aus IK keine Stütze.

 

itzt > ietzt (yetzt) CDE (vereinzelt), yetzt (auch yetz) F, yetzt (selten ietzt) G, ietz(t) (daneben ytz und itz) H, yetz(t) IK, yetzt (neben ytzt) L; sintemal > seintemal (daneben seytemal) D, syntenmal G (1), seitenmal (daneben seytemal) H (3), seytemal IK (2), seidtmal L (4).

 

 

 

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[1]

An die Burgermeyster und Radherrn allerley stedte ynn Deutschen landen.

Martinus Luther.

1524

 

[Seite 27] [ 1 Ratherren DI Ratsherrn H Radtßherren K        stedte] Soette [so] K 4 herren (so meist) D (stets) IK 5 liebe H 6 nun DHL 12 daruber D 14 steht L 16 jres F 17 sachen K 18 eyget G ayget K aeyget L 19 auff hoechst L 21 Esaias D 22/23 hailwertige DIK hailwaertig H 23 lampel D ampel HK        angezündet D        nun DEHIKL        meynen IK 24 herren (so öfters) G        woellet DHL woelttē G 26 vor Gott HIK 27 moecht fehlt IK        stillschweygen FIKL 29 verordnet DFL        es fehlt IK 30/31 zugesagt bis gehorchet fehlt C 30 angesaget E]

 

 

[4] Gnad und frid von Gott unserm vater und herrn [5] Ihesu Christo. Fuersichtigen weysen lieben herrn. [6] Wie wol ich nu wol drey jar verbannet und ynn [7] die acht gethan hette sollen schweygen, wo ich [8] menschen gepott mehr denn Gott geschewet hett, [9] wie denn auch viel ynn deutschen landen beyde [10] gros und kleyn mein reden und schreiben aus der [11] selben sach noch ymer verfolgen und viel blutts [12] drueber vergiessen. Aber weyl myr Gott den mund [13] auff gethan hatt und mich heyssen reden, dazu so [14] krefftiglich bey myr stehet und meyne sache on meynen rad und thatt so viel [15] stercker macht und weytter ausbreytt, so viel sie mehr toben, und sich gleich [16] [Ps. 2, 4] stellet als lache und spotte er yhrs tobens, wie der ander psalm sagt: An [17] wilchem alleyne mercken mag wer nicht verstockt ist, das dise sache mus Gottes [18] eygen seyn, Sintemal sich die art Goettlichs worts und wercks hie euget, wilchs [19] allzeyt denn am meysten zunimpt, wenn mans auffs hoehist verfolget und [20] dempffen will.

 

[21] [Jes. 62, 1] Darumb will ich reden (wie Isaias sagt) und nicht schweygen, weyl ich [22] lebe, bis das Christus gerechtigkeyt aus breche wie ein glantz und sein heylbertige [23] gnad wie eyn lampe anzündet werde, und bitte nu euch alle meyne [24] lieben herrn und fruende, woelltet dise meyne schrifft und ermanung fruendlich [25] annemen und zu hertzen fassen. Denn ich sey gleych an myr selber wie ich [26] sey, so kan ich doch fur Gott mit rechtem gewissen rhuemen, das ich darynnen [27] nicht das meyne suche, wilchs ich viel bas moecht mit stille schweygen uberkomen, [28] sondern meyne es von hertzen trewlich mit euch und gantzem deutschen [29] land, da hyn mich Gott verordenet hat, es glewbe odder glewbe nicht wer [30] do will. Und will ewer liebe das frey und getrost zugesagt und angesagt [31] haben, das wo yhr mir hierinn gehorchet, on zweyffel nicht myr, sondern

 

[Seite 28]

 

[ 1 gehorcht EK        Christum DHK 3 lere DFL        selber H 6 werdent H 7 deüre IK        blůmen IK 8 Esaias D        darein D        wehet DL 9 darauff D        nun BDHIKL 10 vnchristenlich D        nur] nū H        hauch G 11 weyl fehlt D        toecher B 12 mehr fehlt D 15 lernen] leren E 16 so] als H        leren] lernen F 17 zayget IK 18 bekantnyß F bekantnuß HIK 19 ynn] in den D]

 

[1] Christo gehorchet. Und wer myr nicht gehorchet, nicht mich, sondern Christon veracht. [2] Denn ich weys yhe wol und byn gewiss, was und wo hyn ich rede [3] odder leer, so wirds auch yederman wol selbs spueren, so er meyne lere recht [4] will ansehen.

 

[5] Auffs erst erfaren wyr ietzt ynn deutschen landen durch und durch, wie [6] man allenthalben die schulen zur gehen lesst, die hohen schulen werden schwach, [7] kloester nemen ab, und will solichs gras duerre werden und die blume fellt [8] [Jes. 40, 6 ff.] dahyn, wie Isaias sagt, weyl der geyst Gottis durch seyn wort drein webet [9] und scheinet so heys drauff durch das Euangelion. Denn nu durch das wort [10] Gottis kund wird, wie solch wesen unchristlich und nur auff den bauch gericht [11] sey. Ja weyl der fleyschliche hauffe sihet, das sie yhre soene, toechter [12] und freunde nicht mehr sollen odder muegen ynn kloester und stifft verstossen [13] und aus dem hause und gutt weysen und auff frembde guetter setzen, will [14] niemand meher lassen kinder leren noch studiern. ‘Ja, sagen sie, Was soll [15] man lernen lassen, so nicht Pfaffen, Muenich und Nonnen werden sollen? [16] Man las sie so mehr leren, da mit sie sich erneren.’1

 

[17] Was aber solche leut fur andacht und ym synn haben, zeuget gnugsam [18] solch yhr eygen bekentnus. Denn wo sie hetten nicht alleyn den bauch und [19] zeytliche narung fur yhre kinder gesucht ynn kloestern und stifften odder ym [20] geystlichen stand, und were yhr ernst gewest der kinder heyl und seligkeyt zu

 

[Seite 29]

 

[ 3 anston H anstehn (so meist) L 4 kinderen G 5 andre H andere IK 9 gybt BFGHL 10 fleischē E        so fehlt H        zuuorlassen E 11 yhn] jnen D 12 nun DGHIKL 13 geystlichen B        zerstoert H 14 verderbt L        wilchem E 16 dz man das jūg IK        er nach were fehlt C 18 geschwindest D gschwindest K        gehn (so stets) L        niedliche] medliche E neydische H noedtliche IK 19 seyner] yrer H 20 wurde D 24 richtet F 25 waer H 26 Nun DGHIKL 27 fert IK        nun DGHIKL 31 friden] freüdē K 32 durch iunge H 33 erkantnuß DIK 34 fuernem E 35 geht (so stets) L]

 

[1] suchen, so wuerden sie nicht so die hende ablassen und hynfallen und sagen [2] ‘Soll der geystliche stand nichts seyn, so woellen wir auch das leren lassen [3] anstehen und nichts dazu thun’, sondern wuerden also sagen ‘Ists war wie [4] das Euangelion leret, das solcher stand unsern kindern ferlich ist, Ach lieber [5] so leret uns doch eyne ander weyse, die Gott gefellig und unsern kindern [6] seliglich sey, Denn wyr woellten jha gerne unsern kindern nicht alleyn [7] den bauch, sondern auch die seel versorgen’, das werden freylich rechte Christliche [8] trewe elltern von solchen sachen reden.

 

[9] Das aber der boese teuffel sich also zur sache stellet und gibet solchs eyn [10] den fleyschlichen welthertzen, die kinder und das junge volck so zuverlassen, [11] ist nicht wunder, und wer wills yhn verdencken? Er ist eyn fuerst und gott [12] der wellt. Das er nu des sollt eyn gefallen tragen, das yhm seyne nester, [13] die kloester und geistliche rotten, verstoeret werden durchs Euangelion, ynn wilchen [14] er aller meyst das junge volck verderbet, an wilchen yhm gar viel, ja [15] gantz und gar gelegen ist, wie ists mueglich? Wie sollt er das zugeben odder [16] anregen, das man jung volck recht auffzihe? Ja eyn narre were er, das er [17] ynn seynem reich sollt das lassen und helffen auffrichten, da durch es auffs [18] aller schwindest mueste zu boden gehen, wie denn geschehe, wo er das niedliche [19] bislin, die liebe jugent, verloere und leiden muste, das sie mit seyner koeste und [20] guetter erhallten wuerden zu Gottis dienst.

 

[21] Darumb hat er fast weyslich than zu der zeyt, da die Christen yhre [22] kinder Christlich auffzogen und leren liessen. Es wollt yhm der junge hauffe [23] zu gar entlauffen und ynn seinem reich eyn unleidlichs auffrichten. Da fur [24] er zu und breyttet seyne netze aus, richte soliche kloester, schulen und stende [25] an, das es nicht mueglich war, das yhm eyn knabe het sollen entlauffen on [26] sonderlich Gottis wunder. Nu er aber sihet, das dise stricke durchs Gottis [27] wort verraten werden, feret er auff die ander seytten und will nu gar nichts [28] lassen lernen. Recht und weyslich thut er abermal fur seyn reych zuerhallten, [29] das yhm der junge hauffe ja bleybe. Wenn er den selben hat, so wechst er [30] unter yhm auff und bleybt seyn, wer will yhm etwas nemen? Er behelt [31] die welt denn wol mit friden ynnen. Denn wo yhm soll eyn schaden geschehen, [32] der da recht beysse, der mus durchs junge volck geschehen, das ynn [33] Gottis erkenntnis auff wechst und Gottes wort aus breyttet und ander leret.

 

[34] Niemand, niemand gleubt, wilch eyn schedlichs teuffelisch furnemen das [35] sey, und gehet doch so still daher, das niemand merckt, und will den schaden

 

[Seite 30]

 

[ 2 vor HIK        versteht (so stets) L 5 die] den H        den H 6 nuer] nū H 7 auff zyehen H 8 nutzes D nutz HK 11 woellt K 12 thůndt H 15 tueckische Tuerckische D 16 Christlichem B        gewert E 18 vnzelliche D 19 haben C 22 das da IK 24 des] das IK 25 hinfür H        solchs EL 26 dancke K        hinfür H der selben F 28 muest] muessen DFL]

 

[1] gethan haben1, ehe man radten, weren und helffen kan. Man furcht sich [2] fur tuercken und kriegen und wassern, denn da verstehet man, was schaden und [3] frumen sey. Aber was hie der teuffel ym synn hat, sihet niemand, furcht [4] auch niemand, gehet still ereyn. So doch hie billich were, das, wo man eynen [5] gulden gebe widder die tuercken zu streytten, wenn sie uns gleich auff dem [6] halse legen, hie hundert guelden geben wuerden, ob man gleich nuer eynen [7] knaben kund damit auff erzihen, das eyn rechter Christen man wuerde. Syntemal [8] eyn recht Christen mensch besser ist und mehr nutzs vermag denn alle [9] menschen auff erden.

 

[10] Der halben bitt ich euch alle meyne lieben herrn und freunde umb [11] Gottis willen und der armen jugent willen, woellet dise sache nicht so geringe [12] achten, wie viel thun, die nicht sehen, was der wellt fuerst gedenckt. Denn es [13] ist eyn ernste grosse sache, da Christo und aller wellt viel anligt, das wyr [14] dem jungen volck helffen und ratten. Da mit ist den auch uns und allen [15] geholffen und geratten. Und denckt, das soliche stille, heymliche, tueckische anfechtunge [16] des teuffels will mit grossem Christlichen ernst geweret seyn. Lieben [17] herrn, mus man jerlich so viel wenden an buechsen, wege, stege, demme und [18] der gleichen unzelichen stucke mehr, da mit eyne stad zeyttlich fride und gemach [19] habe, Warumb sollt man nicht viel mehr doch auch so viel wenden an [20] die duerfftige arme jugent, das man eynen geschickten man oder zween hielte [21] zu schulmeystern?

 

[22] Auch soll sich eyn iglicher burger selbs das lassen bewegen: hatt er [23] bis her so viel gelts und gutts an ablas, messen, vigilien, stifften, testament, [24] jartagen, bettel muenchen, bruderschafften, walffarten und was des geschwuerms [25] mehr ist, verlieren muessen, und nu hynfurt von Gottis gnaden solches raubens [26] und gebens loss ist, woellt doch Gott zu danck und zu ehren hynfurt des selben [27] eyn teyl zur schulen geben, die armen kinder auff zuzihen, das so hertzlich [28] wol angelegt ist, so er doch hette muest wol zehen mal so viel vergebens den [29] obgenanten reubern und noch mehr geben ewiglich, wo solch liecht des Euangelii

 

[Seite 31]

 

[ 1 erloeßt K 3 vnd zů messen L        gaeb H 4 tryb IK        seins L        dings DFL 5 nun DGL        dis] die H        herren H 7 heymlichsten F 8 sant DIK        wyr] wie H 9 die selbige D 10 dahaym K        gesůchet K 12 kunste D 13 weliche] weltliche H yhr] sy H 14 vor HIK 15 achzehenden IK 16 meher C        hohe F        gekund] künden H 17 gelernet L        nuer] nun H 18 bloeck IK        gelert G 19 gewest IK        schedlich D 20 edel IK        iungent E 21 bleiben G 22 andere E andre H        lernen E 23 lernet E 24 stumb E 25 dise] die E        esels stelle EL        vnd] des D        versencken G 26 nun so vns D reilich H 29 schlagen D        steht E        für die H vor der IK 30 wyr] mir F 31 Versehen] Vbersehen IK        vor ober I        yhn fehlt B 33 vnser D        darinn H]

 

[1] nicht komen were und yhn da von erloeset hette, und erkenne doch, das, [2] wo sich das weret, beschweret, sperret und zerret, das gewislich der teuffel da [3] sey, der sich nicht so sperret, da mans zu kloestern und messen gab, ja mit [4] hauffen dahyn treyb. Denn er fulet, das dis werck nicht seynes dinges ist. [5] So lasst nu dis die erste ursach seyn, alle lieben herrn und fruende, die euch [6] bewegen soll, das wyr hyrynn dem teuffel wider stehen alls dem aller schedlichsten [7] heymlichen feynde.

 

[8] [2. Cor. 6, 1 f.] Die ander, das, wie S. Paulus sagt 2. Cor. 6., wyr die gnade Gottis [9] nicht vergeblich empfahen und die selige zeyt nicht verseumen. Denn Gott [10] der allmechtige hatt fur war uns deutschen ietzt gnediglich daheymen gesucht [11] und ein recht guelden jar auff gericht. Da haben wyr ietzt die feynsten gelertisten [12] junge gesellen und menner, mit sprachen und aller kunst geziert, [13] weliche so wol nutz schaffen kuendten, wo man yhr brauchen woellt, das junge [14] volck zu leren. Ists nicht fur augen, das man ietzt eynen knaben kan ynn [15] dreyen jaren zu richten, das er ynn seynem funfftzehenden odder achtzehenden [16] jar mehr kan, denn bisher alle hohen schulen und kloester gekund haben? Ja [17] was hat man gelernt ynn hohen schulen und kloestern bisher, denn nuer esel, [18] kloetz und bloch werden? zwentzig, vierzig jar hat eyner gelernt und hat noch [19] widder lateinisch noch deutsch gewust. Ich schweyge das schendlich lesterlich [20] leben, darynnen die edle jugent so jemerlich verderbt ist.

 

[21] War ists, ehe ich wollt, das hohe schulen und kloester blieben so, wie [22] sie bis her gewesen sind, das keyn ander weyse zu leren und leben sollt fur [23] die jugent gebraucht werden, woellt ich ehe, das keyn knabe nymer nichts lernte [24] und stum were. Denn es ist mein ernste meynung, bitt und begirde, das [25] dise esel stelle und teuffels schulen entweder ynn abgrund versuencken oder zu [26] Christlichen schulen verwandelt werden. Aber nu uns Gott so reichlich begnadet [27] und solicher leut die menge geben hat, die das junge volck feyn leren [28] und zihen muegen, Warlich so ist not, das wyr die gnade Gottis nicht ynn [29] wind schlahen und lassen yhn nicht umb sonst anklopffen. Er stehet fur der [30] thuer, wol uns, so wyr yhm auff thun. Er gruesset uns, selig der yhm antworttet. [31] Versehen wyrs, das er fur uber gehet, wer will yhn widder holen?

 

[32] Last uns unsern vorigen jamer ansehen und die finsternis, darynnen

 

[Seite 32]

 

[ 1 Teutsche D 2 gehoert EK 5 Marckt DEFGHIKL        vor FHIK 7 wort und fehlt IK        farender] fremder E faret er K 11 duerfft] beduerfft D 12 dencken] gedencken H        werden CH 13 Darumb GHIK 15 Der dritte CIK        Moyse K 16 fordert DFGHL        elteren G        der fehlt E 21 allten] eltern D        lernen C 22 volle tolck E        sollte K        selber F 23 erfarn H 25 fordern DEFGHL        auch] er auch D        beuilhet L 26 die (nach alten) fehlt L 29 bestes] boeßes! E        selbst H 31 lere E lert K]

 

[1] wir gewest sind.1 Ich acht, das deutsch land noch nie so viel von Gottis wort [2] gehoeret habe als itzt. Man spuert yhe nichts ynn der historien davon. Lassen [3] wyrs denn so hyn gehen on danck und ehre, so ists zu besorgen, wyr werden [4] noch greulicher finsternis und plage leyden. Lieben deutschen, keufft, weyl der [5] marck fur der thuer ist, samlet eyn, weyl es scheynet und gutt wetter ist, [6] braucht Gottis gnaden und wort, weyl es da ist. Denn das sollt yhr wissen, [7] Gottis wort und gnade ist ein farender platz regen, der nicht wider kompt, [8] wo er eyn mal gewesen ist. Er ist bey den Juden gewest, aber hyn ist hyn, [9] sie haben nu nichts. Paulus bracht yhn ynn kriechen land. Hyn ist auch [10] hyn, nu haben sie den Tuercken. Rom und latinisch land hat yhn auch gehabt, [11] hyn ist hyn, sie haben nu den Bapst. Und yhr deutschen duerfft nicht [12] dencken, das yhr yhn ewig haben werdet, Denn der undanck und verachtung [13] wird yhn nicht lassen bleyben. Drumb greyff zu und hallt zu, wer greyffen [14] und hallten kan, faule hende muessen eyn boesses jar haben.

 

[15] Die dritte ist wol die allerhoehist, nemlich Gottis gebott, der durch Mose [16] so offt treibt und fodert, die elltern sollen die kinder leren, das auch der [17] [Ps. 78, 5 f.] 77. Psalm spricht ‘Wie hatt er so hoch unsern vetern gepotten, den kindern [18] kund zu thun und zu leren kinds kind’. Und das weyset auch aus das vierde [19] [5. Mose 21, 18 ff.] gebott Gottis, do er der elltern gehorsam den kindern so hoch gepeut, das [20] man auch durchs gericht toedten soll ungehorsame kinder. Und warumb leben [21] wir allten anders, denn das wir des jungen volcks warten, leren und auffzihen? [22] Es ist yhe nicht mueglich, das sich das tolle volck sollt selbs leren [23] und halten, darumb hat sie uns Gott befolhen, die wyr allt und erfaren [24] sind was yhn gut ist2, und wird gar schwerlich rechnung von uns fur die [25] [5. Mose 32, 7] selben fodern. Darumb auch Mose befilht Deutero. 32. und spricht ‘Frage [26] deynen vater, der wird dyrs sagen, die allten die werden dyrs zeygen’.

 

[27] Wie wol es sunde und schande ist, das da hyn mit uns komen ist, das [28] wyr aller erst reytzen und uns reytzen sollen lassen, unsere kinder und junges [29] volck zu zihen und yhr bestes dencken, so doch das selb uns die natur selbs [30] sollt treyben und auch der heyden exempel uns manichfelltig weysen. Es ist [31] keyn unvernuenfftig thier, das seyner jungen nicht wartet und leret was yhn

 

[Seite 33]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 1 gepuert] gebeuet D        seynen EIKL 2 seyn, und lesst fehlt B 3 hülff es L 4 meyste E 5 nemblich E        des] das E 6 vor IK        beschwert EIKL 7 vordienet E verdyent H        kinderen G 8 zeyhē C 9 schůle I schůle K 10 scolarem K 11 eynen] ainem IK        jungkfrowen H 12 erschreckt L 13 dwie A dw je C dwiel G wie BDEFHIKL Witt Ien 14 iunckfrawen F 16 erkent H 21 ergernüß D ergerniß FG ergernus IK 23 tieffsten D nuer] nun H 25 das] es B 25/26 ratsherrn H ratdßherren K 26 elteren G 27 darumb DIK        kindern C 28 werdet B 29 den fehlt D        elteren G]

 

[1] [Hiob 39 [so], 14. 16] gepuert, on der straus, da Gott von sagt Job 31., das er gegen seyne jungen [2] so hart ist, alls weren sie nicht seyn, und less seyne eyer auff der erden [3] ligen. Und was huelffs, das wir sonst alles hetten und thetten und weren [4] gleich eyttel heyligen, so wyr das unter wegen lassen, darumb wyr aller meyst [5] leben, nemlich des jungen volcks pflegen? Ich acht auch, das unter den eusserlichen [6] sunden die wellt fur Gott von keyner so hoch beschweret ist und so [7] grewliche straffe verdienet, alls eben von diser, die wyr an den kindern thun, [8] das wyr sie nicht zihen.

 

[9] Da ich jung war, furet man ynn der schulen eyn sprich wort ‘Non [10] minus est negligere scholarem quam corrumpere virginem’. ‘Nicht geringer [11] ist es eynen schuler verseumen, denn eyne jungfraw schwechen.’ Das sagt man [12] darumb, das man die schulmeyster erschrecket, denn man wiste dazu mal keyn [13] schwerer sunde denn jungfrawen schenden. Aber, lieber herrgott, wie gar viel [14] geringer ists, jungfraw oder weiber schenden (wilchs doch als ein leybliche [15] erkandte sunde mag gebuesset werden), gegen diser, da die edlen seelen verlassen [16] und geschendet werden, da soliche sunde auch nicht geachtet noch erkennet und [17] nymer gebuesset wird.1 O wehe der wellt ymer und ewiglich. Da werden [18] teglich kinder geporn und wachsen bey uns daher, und ist leyder niemand, der [19] sich des armen jungen volcks an neme und regire, da lesst mans gehen, wie [20] es gehet. Die kloester und stiffte solltens thun, so sind sie eben die, von denen [21] [Matth. 18, 7. 6] Christus sagt ‘Wehe der wellt umb der ergernisse willen: wer dieser jungen [22] eynen ergert die an mich glewben, dem were es besser, eynen muelstein an den [23] hals gehenckt und yns meer gesenckt, da es am tieffesten ist’. Es sind nuer [24] kinderfresser und verderber.

 

[25] Ja, sprichstu, solchs alles ist den elltern gesagt, was gehet das die radherrn [26] und oberkeyt an? Ist recht geredt, ja: wie wenn die elltern aber solchs [27] nicht thun? wer solls denn thun? solls drumb nach bleyben und die kinder [28] verseumet werden? Wo will sich da die oberkeyt und Rad entschuldigen, das [29] yhnen solchs nicht sollt gepueren? Das es von den elltern nicht geschicht, hat [30] mancherley ursach.

 

 

 

[Seite 34]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 2 strasse kerten H 3 jren GIK        lassen do bei L        das] da IK        sich] in G, jnē IK 4 thůn do sy zů G 5 dann DL den̄ FK denn I 6 sie fehlt IK 7 kynder C        geschmeisse Witt Ien 8 den BCDH den̄ EFGIK dan̄ L        es fehlt L        Sodoma DIK 9 etliche K 11 leren H        nicht IK 12 gelernt IK 14 geschicht L 15 vor HIK 16 zwingt HL 17 eynen] eyn L        aygnen D 18 gemeyn L 20 sich] jn GIK        Vormunden D] fürsprecher IK versogrt A1 22 nent L        dere] deren FL der H 23 darumb D 24 der fehlt E groest F 25 zu haben] zuhalten D 26 inen H 27 vor HIK 28 sůchen IK Nun E 29 alleyne fehlt F        samel L 30 daruber DIK 31 ists so F        dester erger CEGHIK dest erger D        dester groesser DHIK 33 gezogner HIKL]

 

 

[1] Auffs erst sind etliche auch nicht so frum und redlich, das sie es thetten, [2] ob sie es gleich kundten, sondern wie die strausse herten sie sich auch gegen [3] yhre jungen und lassens da bey bleiben, das sie die eyer von sich geworffen [4] und kinder zeuget haben, nicht mehr thun sie dazu. Nu dise kinder sollen [5] dennoch unter uns und bey uns leben ynn geweyner stad. Wie will den nu [6] vernunfft und sonderlich Christliche liebe das leyden, das sie ungezogen auff [7] wachsen und den andern kindern gifft und schmeysse seyen, damit zu letzst eyn [8] [1. Mos. 19, Richt., 19. 20] gantze stad verderbe, wie es denn zu Sodom und Gomorra und Gaba und [9] ettlichen mehr stedten ergangen ist.

 

[10] Auffs ander, so ist der groessest hauffe der elltern leyder ungeschickt dazu [11] und nicht weys, wie man kinder zihen und lernen soll. Denn sie nichts selbs [12] gelernet haben, on den bauch versorgen, und gehoeren sonderliche leut dazu, die [13] kinder wol und recht leren und zihen sollen.

 

[14] Auffs dritte, ob gleich die elltern geschickt weren und woelltens gerne selbs [15] thun, so haben sie fur andern geschefften und haus hallten widder zeyt noch [16] raum dazu, also das die not zwinget, gemeine zuchtmeyster fur die kinder zu [17] hallten, Es woellte denn eyn iglicher fur sich selbs eynen eygen hallten, aber [18] das wuerde dem gemeynen man zu schwere, und wuerde abermal manch feyn [19] knabe umb armuts willen verseumet. Dazu, so sterben viel elltern und lassen [20] weysen hynder sich, und wie die selben durch furmunden versorgt werden, ob [21] uns die erfarung zu wenig were, sollt uns das wol zeygen, das sich Gott [22] [Ps. 68, 6] selbs der weysen vater nennet als dere, die von yderman sonst verlassen sind. [23] Auch sind ettliche, die nicht kinder haben, die nemen sich auch drumb nichts an.

 

[24] Darumb wills hie dem Rad und der oberkeyt gepueren, die aller groessesten [25] sorge und fleys auffs junge volck zu haben. Denn weyl der gantzen stad [26] gutt, ehr, leyb und leben yhn zu trewer hand befolhen ist, so thetten sie [27] nicht redlich fur Gott und der welt, wo sie der stad gedeyen und besserung [28] nicht suchten mit allem vermuegen tag und nacht. Nu ligt eyner stad gedeyen [29] nicht alleyne darynn, das man grosse schetze samle, feste mauren, schoene heusser [30] viel buechsen und harnisch zeuge. Ja wo des viel ist und tolle narren drueber [31] komen, ist so viel deste erger und deste groesser schade der selben stad. Sondern [32] das ist einer stad bestes und aller reichest gedeyen, heyl und krafft, das sie [33] viel feyner gelerter, vernuenfftiger, erbar, wol gezogener burger hatt, die kuenden [34] darnach wol schetze und alles gut samlen, hallten und recht brauchen.

 

 

 

[Seite 35]

 

[ 2 achzehē IK 4 den] die F 5 treffenliche D        erfarung FL 10 allzeyt D 13 zun Galathern am iiij. D 14 sprrcht A sprach D        gesetz DF gesatz H 16 gebrechen E        feele DF faele IK 18 holtze K 20 mue H        selbs BDHIK 23 walde H        wechßt F 24 vnoerdlich FH vnerdtig IK        nur] nun H 25 fewerwerck K 28 vnuernünfftig H        lasse D] aß K        herren H 31 gehet B]

 

 

[1] Wie hat die stad Roma1 than, die yhre knaben also lies zihen, das sie [2] ynwendig funffzehen, achtzehen, zwentzig jaren auffs ausbuendigst kuendten [3] lateynisch und kriechisch und allerley freye kuenste (wie man sie nennet), darnach [4] flux ynn den krieg und regiment, da wuerden witzige, vernuenfftige und [5] treffliche leute aus, mit allerley kunst und erfarunge geschickt2 , das, wenn man [6] itzt alle Bischoffe und alle Pfaffen und Mueniche ynn deutschem lande auff [7] eynen hauffen schmeltzet, sollt man nicht so viel finden, alls man da wol ynn [8] eynem Roemischen kriegs knecht fand. Darumb gieng auch yhr ding von [9] statten, da fand man leute, die zu allerley tuechtig und geschickt waren. Also [10] hats die nott allezeyt erzwungen und erhallten ynn aller wellt, auch bey den [11] heyden, das man zuchtmeyster und schulmeyster hatt muessen haben, so man anders [12] ettwas redlichs hatt woellen aus eym volck machen. Daher ist auch das wort [13] ‘zuchtmeyster’ ynn sanct Paulo Gal. 4. alls aus dem gemeynen brauch menschlichs [14] [Gal. 3, 24] lebens genomen, da er spricht ‘Das gesetze ist unser zuchtmeyster gewesen’.

 

[15] Weyl denn eyne stad soll und mus leute haben und allenthalben der [16] groeste gebreche, mangel und klage ist, das an leuten feyle, so mus man nicht [17] harren, bis sie selbs wachsen, man wird sie auch wider aus steynen hawen [18] noch aus holtz schnitzen, so wird Gott nicht wunder thun, so lange man der [19] sachen durch ander seyne dargethane guetter geraten kan. Darumb muessen wyr [20] dazu thun und muehe und kost dran wenden, sie selbst erzihen und machen. [21] Denn wes ist die schuld, das es itzt ynn allen stedten so duenne sihet von [22] geschickten leutten, on der oberkeyt, die das junge volck hatt lassen auff wachsen, [23] wie das holtz ym wald wechset, und nicht zu gesehen, wie mans lere und zihe? [24] darumb ists auch so unoerdig gewachsen, das zu keynem baw, sondern nur eyn [25] unnuetz gehecke und nur zum fewrwerg tuechtig ist.

 

[26] Es mus doch welltlich regiment bleyben: soll man denn zu lassen, das [27] eyttel ruelltzen und knebel regiren, so mans wol bessern kan, ist yhe ein wild [28] unvernuenfftiges furnemen, So las man eben so mehr sew und woelffe zu herrn [29] machen und setzen uber die, so nicht dencken woellen, wie sie von menschen [30] regirt werden.3 So ists auch eyn unmenschliche bosheyt, so man nicht weytter [31] denckt denn also: wyr woellen itzt regiren, was geht uns an, wie es denen [32] gehen werde, die noch uns komen? Nicht uber menschen, sonder uber sew

 

[Seite 36]

 

[ 1 regiern IK 3 erzoehe H        regiern K 4 mue H 5 da] dar H 6 sprichst du H 7 Hebreisch D Hebraisch IK 11 vmligende B vmbligenden D        wirs auch IK 13 außlendische E 15 foelle FIKL] vile D        kuer] kue H 16 geschmuck (vor die) G        on fehlt IK 17 bayder zu hayligen K 18 außlendische K 21 andrer H        das fehlt B 23 reylich H 24 sicht H 27 fach] loch IK 28 müge K 29 denckt IK        nun E 31 Darumb DHIK]

 

[1] und hunde sollten soliche leute regiren, die nicht mehr denn yhren nutz oder [2] ehre ym regiment suchen. Wenn man gleich den hoehisten fleys fur wendet, [3] das man eyttel feyne, gelerte, geschickte leutt erzoege zu regiren1, es wuerde [4] dennoch muehe und sorge gnug haben, das es wol zu gienge. Wie soll es [5] denn zu gehen, wenn man da gar nichts zu thut?

 

[6] ‘Ja’, sprichstu aber mal, ‘ob man gleich sollt und mueste schulen haben, [7] was ist uns aber nuetze, lateynisch, kriechisch und ebreyisch zungen und andere [8] freye kuenste zu leren? kuenden wyr doch wol deutsch die Bibel und Gottis [9] wort leren, die uns gnugsam ist zur selickeyt’.2 Antwort: Ja ich weys leyder [10] wol, das wyr deutschen muessen ymer bestien und tolle thier seyn und bleyben, [11] wie uns denn die umbligende lender nennen und wyr auch wol verdienen.3 [12] Mich wundert aber, warumb wyr nicht auch ein mal sagen ‘Was sollen uns [13] seyden, wein, wuertze und der frembden auslendischen ware, so wyr doch selbs [14] weyn, korn, wolle, flachs, holtz und steyn ynn deutschen landen nicht alleyn [15] die fuelle haben zur narung, sondern auch die kuer und wal zu ehren und [16] schmuck?’ Die kuenste und sprachen, die uns on schaden, ja groesser schmuck, [17] nutz, ehre und frumen sind beyde zur heyligen schrifft zuverstehen und welltlich [18] regiment zu fueren, woellen wyr verachten, und der auslendischen ware, [19] die uns wider not noch nuetze sind, dazu uns schinden bis auff den grat, der [20] woellen wyr nicht geratten: heyssen das nicht billich deutsche narren und bestien?

 

[21] Zwar wenn keyn anderer nutz an den sprachen were, sollt doch uns das [22] billich erfrewen und anzuenden, das es so eyn edle seyne gabe Gottis ist, da mit [23] uns deutschen Gott itzt so reichlich fast uber alle lender heymsucht und begnadet. [24] Man sihet nicht viel, das der teuffel die selben hette lassen durch [25] die hohen schulen und kloester auffkomen. Ja sie haben allzeyt auffs hoehest [26] da widder getobet und auch noch toben. Denn der teuffel roch den braten [27] wol: wo die sprachen erfur kemen, wuerde seyn reich eyn fach gewynnen, das [28] er nicht kunde leicht wider zu stopffen. Weyl er nu nicht hat muegen weren, [29] das sie erfur kemen, dencket er doch sie nu also schmal zu hallten, das sie von [30] yhn selbs wider sollen vergehen und fallen. Es ist yhm nicht eyn lieber gast [31] damit yns haus komen, Drumb will er yhn auch also speysen, das er nicht [32] lange solle bleyben. Disen boesen tuck des teuffels sehen unser gar wenig, [33] lieben herren.

 

 

 

[Seite 37]

 

[ 1 lasset L 2 edle E        klainat H klainet IKL        darob DIK 3 kuenden FH 4 laugnen DIK loeugnē H 8 hette IK 9 die] der C 10 außgebrayt KL        ferren D ferr FHI feer K 11 auch ytzt C        sprachen] sprach er G 12 bis] diß E        das (1) fehlt B        es] er H        Ewangelion D Euangelij Witt Ien 13 geschechen C 15 kriechische] kriechen L 16 würde H        zůleren H 17 nun C        alls fehlt C        lasset L        den] die H 19 zway IK        Ebreesche C Hebreische D Hebraische IK 20 newe CG 21 erwelt L für alle H vor allen IK        vor IK 22 S.] Szo C 23 Hebreischen D Hebraischen IK        darinnen DH        tzůn Roemern .3. CD 24 nutzs L        erste K 25 inen H 26 Israhel C 27 offenbaret H        die fehlt C]

 

 

[1] Darumb, lieben deutschen, lasst uns hie die augen auff thun, Gott [2] dancken fur das edel kleynod und fest drob hallten, das uns nicht wider entzuckt [3] werde und der teuffel nicht seynen mutwillen buesse. Denn das konnen [4] wir nicht leucken, das, wie wol das Euangelion alleyn durch den heyligen [5] geyst ist komen und teglich kompt, so ists doch durch mittel der sprachen komen [6] und hat auch dadurch zugenomen, mus auch da durch behallten werden. Denn [7] gleich alls da Gott durch die Apostel wollt ynn alle wellt das Euangelion [8] [Apg. 2, 4 ff.] lassen komen, gab er die zungen dazu.1 Und hatte auch zuvor durch der [9] Roemer regiment die kriechische und lateynische sprach so weyt ynn alle land [10] ausgebreyttet, auff das seyn Euangelion yhe bald fern und weyt frucht brechte. [11] Also hat er itzt auch gethan. Niemant hat gewust, warumb Gott die sprachen [12] erfuer lies komen, bis das man nu allererst sihet, das es umb des Euangelio2 [13] willen geschehen ist, wilchs er hernach hat woellen offinbarn und da durch des [14] Endchrists regiment auff decken und zu stoeren. Darumb hat er auch kriechen land [15] dem Tuercken geben, auff das die kriechen verjagt und zu strewet die kriechische [16] sprach aus brechten und eyn anfang wuerden, auch andere sprachen mit zu lernen.

 

[17] So lieb nu alls uns das Euangelion ist, so hart last uns uber den [18] sprachen hallten. Denn Gott hat seyne schrifft nicht umb sonst alleyn ynn [19] die zwo sprachen schreiben lassen, das allte testament ynn die Ebreische, das [20] new ynn die Kriechische. Welche nu Gott nicht veracht, sondern zu seynem [21] wort erwelet hat fur allen andern, sollen auch wyr die selben fur allen andern [22] ehren. Denn S. Paulus rhuemet das fur eyn sonderliche ehre und vorteyl der [23] Ebreischen sprach, das Gottis wort drynnen geben ist, da er sprach Roem. 3. [24] [3, 1 f.] ‘Was hat die beschneyttung vorteyls odder nutzes? Fast viel, auffs erst, so [25] sind yhn Gottis rede befolhen’. Das rhuemet auch der koenig David Psalm. 147. [26] [Ps. 147, 19] ‘Er verkuendigt seyn wort Jacob und seyne gepott und rechte Israel’. Er hat [27] keynem volck also gethan noch seyne rechte yhnen offinbart. Daher auch die

 

[Seite 38]

 

[ 1 Hebreische D Hebraische IK        heyßt L        sant DIK        zun Roemern .j. D 2 heyligen B        des] das E        wort IK        darinnen DIK darinn H 4 andere IK        dazu fehlt IK        erwelt L        darinnen DIK 5 aynem H        ander IK 6 geheyligt L 7 lasset L        Euāgeliū K 9 steckt DHIK stecket L        dis] das C des G        klainet HIKL 10 darinne H        kemnat H] kaemern IK kemnet L 11 zayget IK 13 versehen] übersehen H        vor HIK 14 Euangelum [so] K 16 lasset L 17 alleyne G 18 vederbet A1 verderbt CIKL 20 künden FH        beinahe L 23 sprachen D 24 verwarteten D verwarten L 26 nun DGHL 27 duncken D 28 der] dye C 30 Drumb G 33 hoerten L]

 

[1] [Röm. 1, 2] Ebreische sprach heylig heysset. Und sanct Paulus Roem. 1. nennet sie die [2] heylige schrifft on zweyffel umb des heyligen worts Gottis willen, das drynnen [3] verfasset ist. Also mag auch die Kriechische sprach wol heylig heyssen, das [4] die selb fur andern dazu erwelet ist, das das newe testament drinnen geschriben [5] wuerde, Und aus der selben alls aus eym brunnen ynn andere sprach durchs [6] dolmetschen geflossen und sie auch geheyliget hat.1

 

[7] Und last uns das gesagt seyn, Das wyr das Euangelion nicht wol [8] werden erhallten on die sprachen. Die sprachen sind die scheyden, darynn dis [9] messer des geysts stickt. Sie sind der schreyn, darynnen man dis kleinod tregt. [10] Sie sind das gefess, darynnen man disen tranck fasset. Sie sind die kemnot, [11] [Matth. 14, 20] darynnen dise speyse ligt. Und wie das Euangelion selbs zeygt, Sie sind die [12] koerbe, darynnen man dise brot und fische und brocken behellt. Ja wo wyrs [13] versehen, das wyr (da Gott fur sey) die sprachen faren lassen, so werden wir [14] nicht alleyn das Euangelion verlieren, sondern wird auch endlich dahyn geratten, [15] das wir wider lateinisch noch deutsch recht reden odder schreyben kuenden. [16] Des last uns das elend grewlich exempel zur beweysung und warnung nemen [17] ynn den hohen schulen und kloestern, darynnen man nicht alleyn das Euangelion [18] verlernt, sondern auch lateinische und deutsche sprache verderbet hat, das [19] die elenden leut schier zu lautter bestien worden sind, wider deutsch noch [20] lateinisch recht reden oder schreyben konnen, Und bey nahend auch die natuerliche [21] vernunfft verloren haben.

 

[22] Darumb habens die Apostel auch selbs fur noettig an gesehen, das sie [23] das newe testament ynn die Kriechische sprache fasseten und anbuenden, on [24] zweyffel, das sie es uns daselbs sicher und gewis verwareten wie ynn eyner [25] heyligen laden. Denn sie haben gesehen all das ienige, das zukunfftig war [26] und nu also ergangen ist: wo es alleyn ynn die koepff gefasset wuerde, wie [27] manche wilde, wueste unordnung und gemenge, so mancherley synnen, dunckel [28] und leren sich erheben wuerden ynn der Christenheyt, wilchen ynn keynen weg [29] zu weren noch die eynfelltigen zu schuetzen weren, wo nicht das newe testament [30] gewis ynn schrifft und sprache gefasset were. Darumb ists gewis, wo nicht [31] die sprachen bleyben, da mus zu letzt das Euangelion unter gehen.

 

[32] Das hat auch beweysset und zeygt noch an die erfarung. Denn so bald [33] nach der Apostel zeyt, da die sprachen auff hoereten, nam auch das Euangelion

 

[Seite 39]

 

[ 2 ist seyt der zeyt die DFHL ist die zeyt, syder die IK 5 sich] in H jnen IK 6 solche F        sich] sy H 8 ersten H 9 sancti D 10 liechtfertigen C leüchfertigen H        vnnoetten E 11 nuetze H 12 sich] jm IK 15 gelert HL 16 rechnestu HK        aber das auch B 17 gefelet L        offe A offte H        faelt H 20 geredet H 21 deuettend H 22 ists] ist B        spoetlich F 24 daselbst F 25 Hebreischen D Hebraischen IK        sprach C 26 feel- DF fael- HIK felesprüchen L 28 halßstarriger DL halßsterriger HIK halßstercker F 29 einen] ein F 30 nemblich E 31 hilffe F hilff H 32 sant D newen B]

 

[1] und der glawbe und gantze Christenheyt yhe mehr und mehr ab, bis das sie [2] unter dem Babst gar versuncken ist. Und ist, synter zeyt die sprachen gefallen [3] sind, nicht viel besonders ynn der Christenheyt ersehen, aber gar viel grewlicher [4] grewel aus unwissenheyt der sprachen geschehen. Also widderumb, weyl [5] itzt die sprachen erfur komen sind, bringen sie eyn solich liecht mit sich und [6] thun solch grosse ding, das sich alle wellt verwundert und mus bekennen, das [7] wir das Euangelion so lauter und reyn haben, fast alls die Apostel gehabt [8] haben, und gantz ynn seyne erste reynigkeyt komen ist, und gar viel reyner, [9] denn es zur zeyt sanct Hieronymi odder Augustini gewesen ist. Und summa, [10] der heylige geyst ist keyn narre, gehet auch nicht mit leichtfertigen unnoetigen [11] [Apg. 2, 4; 10, 46.] sachen umb, der hat die sprachen so nuetz und not geacht ynn der Christenheyt, [12] [1. Cor. 12, 10; 14, 2 ff.] das er sie offtmals von hymel mit sich bracht hat, wilchs uns alleyne sollt [13] gnugsam bewegen, die selben mit fleys und ehren zu suchen und nicht zuverachten, [14] weyl er sie nu selbs widder auff erden erweckt.

 

[15] Ja, sprichstu, es sind viel veter selig worden, haben auch geleret on [16] sprachen. Das ist war. Wo rechenstu aber auch das hyn, das sie so offt [17] ynn der schrifft gefeylt haben? Wie offt feylet sanct Augustinus ym Psalter [18] und andern auslegung so wol alls Hilarius, ja auch alle, die on die sprachen [19] sich der schrifft haben unterwunden aus zulegen? Und ob sie gleich ettwa [20] recht geredt haben, sind sie doch der sachen nicht gewiss gewesen, ob das selb [21] recht an dem ort stehe, da sie es hyn deutten. Als, das ich des eyn exempel [22] zeyge: Recht ists geredt, das Christus Gottis son ist. Aber wie spoettisch [23] lautet es ynn den oren der widdersacher, da sie des grund fureten aus dem [24] [Ps. 110, 3] 109. Psalm ‘Tecum principium in die virtutis tue’, So doch da selbs ynn [25] der Ebreischen sprachen nichts von der Gottheyt geschriben steht.1 Wenn man [26] aber also mit ungewissen gruenden und feylspruechen den glawben schuetzet, ists [27] nicht eyn schmach und spot der Christen bey den widder fechtern, die der sprach [28] kuendig sind? und werden nuer hallstarriger ym yrthum und halten unsern [29] glauben mit guttem scheyn fur einen menschen traum.

 

[30] Wes ist nu die schuld, das unser glaube so zu schanden wird? nemlich, [31] das wyr der sprachen nicht wissen, und ist hie keyn huelffe, denn die sprachen [32] wissen. Wart nicht S. Hieronymus gezwungen, den Psalter von newem zuverdolmetzen

 

[Seite 40]

 

[ 1 verdolmetschen DFGHIKL        Hebreischen D Hebraischen IK 2 handlet H 3 Hebreischen D Hebraischen IK 4 on sprachen die fehlt D 5 vnebenet K        unzeyttige] zeyttige D 6 sprachen G        des] den K 7 mache C        yhrer] seiner D 8 oben DIK        angezeyt ABG antzeygt C        sant IK sanct L] fehlt D        selbers B 9 Christi H 11 Hebreische D Hebraysche IK 14 gar fehlt IK 15 geschrifft C        sant D 17 durch K 18 die fehlt D        handlen H 20 lest C        one D 21 geschrifft G 22 taugen FIK 23 strack H 25 soellicher H 26 Ephesiern B 27 seyder der D seyt der FHIKL        bleyben G 28 gewiß H        außlegung IK        daruber D 29 gefielt C gefelet FKL        der] die G 30 ayns HIKL        der feret so] d' ander so E 30/31 Barnhart D 31 dürfft FIK]

 

[1] aus dem Ebreischen umb des willen, das, wo man mit den [2] Juden aus unserm Psalter handelt, spotten sie unser, das es nicht also stuende [3] ym Ebreischen, wie es die unsern fureten? Nu sind aller allten veter auslegung, [4] die on sprachen die schrifft haben gehandelt (ob sie wol nichts unrechts [5] leren), doch der gestallt, das sie fast offt ungewisse, unebene und unzeyttige [6] sprache furen, und tappen wie eyn blinder an der wand, das sie gar offt des [7] rechten texts feylen und machen yhm eyne nasen nach yhrer andacht, wie dem [8] vers droben angezeygt ‘Tecum principium’ &c.., Das auch S. Augustinus selbs [9] mus bekennen, wie er schreybt de doctrina Christiana1, das eynem Christlichen [10] lerer, der die schrifft soll auslegen, not sind uber die Lateinische auch die [11] Kriechische und Ebreische sprachen. Es ist sonst unmueglich, das er nicht allent [12] halben anstosse, Ja noch not und erbeyt da ist, ob einer die sprachen schon [13] wol kan.

 

[14] Darumb ists gar viel eyn ander ding umb eynen schlechten prediger des [15] [1. Cor. 12, 28 ff.; 14, 26 ff.] glaubens und umb eynen ausleger der schrifft odder, wie es S. Paulus nennet, [16] eynen propheten. Eyn schlechter prediger (ist war) hat so viel heller spruech [17] und text durchs dolmetschen, das er Christum verstehen, leren und heyliglich [18] leben und andern predigen kan. Aber die schrifft aus zulegen und zu handeln [19] fur sich hyn und zu streytten widder die yrrigen eynfuerer der schrifft, ist er [20] zu geringe, das lesset sich on sprachen nicht thun. Nu mus man yhe ynn [21] der Christenheyt soliche propheten haben, die die schrifft treyben und auslegen [22] und auch zum streytt tugen, und ist nicht gnug am heyligen leben und recht [23] leren. Darumb sind die sprachen stracks und aller dinge von noetten ynn der [24] Christenheyt, gleich wie die Propheten odder ausleger, obs gleich nicht not ist [25] noch seyn mus, das eyn iglicher Christ odder prediger sey eyn solich Prophet, [26] [1 Cor. 12, 6 ff., Eph. 4, 11] wie sanct Paulus sagt 1. Cor. 12. und Ephe. 4.

 

[27] Daher kompts, das sind der Apostel zeyt die schrifft so finster ist blieben [28] und nyrgent gewisse bestendige auslegunge drueber geschriben sind. Denn auch [29] die heyligen veter (wie gesagt) offt gefeyllt, und weyl sie der sprachen unwissend [30] gewesen, sind sie gar selden eynes, der feret sonst, der feret so. Sanct Bernhart [31] ist eyn man von grossem geyst gewesen, das ich yhn schier thuerst uber [32] alle lerer setzen, die beruembt sind, beyde allte und newe. Aber sihe, wie er

 

[Seite 41]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 1 ausser] auß IK 3 haben gemeynet bis finster fehlt D        gemaynt IK 3 sey] so C 4 were nichts F 5 liechters] leichters B 8 auch wol ein D 9 leren H 12 aynen H        geomet] gekomet D gemoegt einige Exemplare von I 13 gefaelt K 14 solichen A –L solchen Witt Ien] in solichen E] selbst abc 18 sprach fehlt D 19 schaden] schanden C 21 allerley bis dienet, und fehlt D        dient L        reytzet L 23 kund] koenden D künden IK 24 mue H 25 erlangt BL 27 rechnē B]

 

[1] mit der schrifft so offt (wie wol geystlich) spielt und sie furet ausser dem [2] rechten synn. Der halben haben auch die Sophisten gesagt, Die schrifft sey [3] finster, haben gemeynet, Gottis wort sey von art so finster und rede so seltzam. [4] Aber sie sehen nicht, das aller mangel ligt an den sprachen, sonst were nicht [5] liechters yhe geredt denn Gottis wort, wo wyr die sprachen verstuenden. Eyn [6] Tuerck mus mir wol finster reden, wilchen doch eyn tuerckisch kind von sieben [7] jaren wol vernympt, die weyl ich die sprache nicht kenne.

 

[8] Darumb ist das auch eyn toll fuernemen gewesen, das man die schrifft [9] hat woellen lernen durch der veter auslegen und viel buecher und glossen lesen.1 [10] Man sollt sich dafur auff die sprachen geben haben. Denn die lieben veter, [11] weyl sie on sprachen gewesen sind, haben sie zu weilen mit vielen worten an [12] eynem spruch geerbeyttet und dennoch nuer kaum hynnach geomet2 und halb [13] geraten halb gefeylet. So leuffestu dem selben nach mit viel muehe und [14] kuendtist die weyl durch die sprachen dem selben viel bas solichen ratten3 denn [15] der dem du folgest. Denn wie die sonne gegen dem schatten ist, so ist die [16] sprache gegen aller veter glosen. Weyl denn nu den Christen gepuert, die [17] heyligen schrifft zu uben alls yhr eygen eyniges buch, und eyn sunde und [18] schande ist, das wyr unser eygen buch nicht wissen noch unsers Gottis sprach [19] und wort nicht kennen, so ists noch viel mehr sunde und schaden, das wyr [20] nicht sprachen leren, sonderlich so uns itzt Gott dar beut und gibt leute und [21] buecher und allerley, was dazu dienet, und uns gleich dazu reitzt und seyn [22] buch gern wollt offen haben. O wie fro sollten die lieben veter gewesen seyn, [23] wenn sie hetten so kund zur heyligen schrifft komen und die sprachen leren, [24] alls wyr kuenden. Wie haben sie mit so grosser muehe und fleys kaum die [25] brocken erlanget, da wir mit halber, ja schier on alle erbeyt das gantze brod [26] gewynnen kuenden. O wie schendet yhr fleys unser faulheyt. Ja wie hart [27] wird Gott auch rechen solchen unsern unfleys und undanckbarkeit.

 

 

 

[Seite 42]

 

[ 1 gehoert L        Sanct C sant DIK 2 aller] alle B 3 zů wisse K 5 vrteyln L 9 felt L 11 andre vnd H        der] er H 128.] 129. abc Ien 29. d xxviij Obsopoeus 12 studiren H        oeffne FL 13 den] der B        hirschen IK 15 geystes B        rhuemen] uemen G 16 geschrifft ring achten H 19 aignem HL        fleysch] sich ist C        die selben B 22 dann den seinen D 23 doch] noch C        ferr F        mir] wir H 24 geschrifft K]

 

 

[1] [1. Cor. 14, 27. 29] Da her gehoeret auch, das S. Paulus 1. Cor. 14. will, das ynn der [2] Christenheyt soll das urteyl seyn uber allerley lere, dazu aller dinge von [3] noeten ist die sprache zuwissen. Denn der prediger oder lerer mag wol die [4] Biblia durch und durch lesen, wie er will, er treffe oder feyle, wenn niemand [5] da ist, der da urteyle, ob ers recht mache odder nicht. Soll man denn urteylen, [6] so mus kunst der sprachen da seyn, sonst ists verloren. Darumb ob wol der [7] glaube und das Euangelion durch schlechte prediger mag on sprachen predigt [8] werden, so gehet es doch faul und schwach, und man wyrds zu letzt muede [9] und uberdruessig und fellet zu poden. Aber wo die sprachen sind, da gehet es [10] frisch und starck, und wird die schrifft durch trieben, und findet sich der glaube [11] [Ps. 29 [so], 9] ymer new durch andere und aber andere wort und werck, das der 128. Psalm [12] solich studirn ynn der schrifft vergleicht eyner jaget und spricht, Gott oeffene [13] [Ps. 1, 3] den hirssen die dicke welde1 Und psalm. 1. Eynem baum, der ymer grunet und [14] ymer frissch wasser hat.

 

[15] Es soll uns auch nicht yrren, das ettliche sich des geysts rhuemen und [16] die schrifft geringe achten, Ettliche auch wie die brueder Valdenses2  die sprachen [17] nicht nuetzlich achten. Aber lieber freund, geyst hyn, geyst her, ich bin auch [18] ym geyst gewesen und habe auch geyst gesehen (wens yhe gellten soll von [19] eygenem fleysch rhuemen) villeicht mehr, denn eben die selbigen noch ym jar [20] sehen werden, wie fast sie auch sich rhuemen. Auch hat meyn geyst sich ettwas [21] beweyset, so doch yhrer geyst ym winckel gar still ist und nicht viel mehr [22] thut, denn seynen rhum auff wirfft. Das weys ich aber wol, wie fast der [23] geyst alles alleyne thut, were ich doch allen puesschen zu ferne gewest3 wo mir [24] nicht die sprachen geholffen und mich der schrifft sicher und gewiss gemacht

 

[Seite 43]

 

[ 1 hette fehlt D        koenden D künden FHIK 2 Endtchristischen F 3 sie] syt C 6 thut A —Ka Witt Ien] thun bc 8 lerten L 11 ausser] auß IK 12 geferlich K 13 mit fehlt IK 14 ynen L 15 sprachen HIK 16 geschrifft IK        anderen K 18 vor HIK 20 geystliche E 21 setzen] schetzen E        sele H 22 regement E]

 

[1] hetten. Ich hette auch wol kund frum sein und ynn der stille recht predigen. [2] Aber den Bapst und die Sophisten mit dem gantzen Endechristischen regiment [3] wuerde ich wol haben lassen seyn was sie sind. Der teuffel achtet meynen [4] geyst nicht so fast alls meine sprache und feder ynn der schrifft. Denn meyn [5] geyst nympt yhm nichts denn mich alleyn. Aber die heyligen schrifft und [6] sprachen machen yhm die wellt zu enge, und thut1 yhm schaden ynn seym reich.

 

[7] So kan ich auch die brueder Valdenses darynnen gar nichts loben, das [8] sie die sprachen verachten.2 Denn ob sie gleich recht lereten, so müssen sie doch [9] gar offt des rechten texts feylen und auch ungeruest und ungeschickt bleyben [10] zu fechten fur den glauben widder den yrthum. Dazu ist yhr ding so finster [11] und auff eyne eygen weyse gezogen, auffer der schrifft weyse zu reden, das ich [12] besorge, es sey odder werde nicht lauter bleyben. Denn es gar ferlich ist von [13] Gottis sachen anders reden odder mit andern worten, denn Gott selbs braucht. [14] Kuertzlich, sie muegen bey yhn selbs heylig leben und leren, Aber weyl sie on [15] sprache bleyben, wird yhn mangelln muessen das allen andern mangelt, nemlich [16] das sie die schrifft gewis und grundlich nicht handeln noch andern voelckern [17] nuetzlich seyn muegen. Weyl sie aber das wol kuendten thun und nicht thun [18] woellen, muegen sie zu sehen, wie es fur Gott zuverantwortten sey.

 

[19] Nu das sey gesagt von nutz und not der sprachen und Christlichen schulen [20] fur das geystlich wesen und zur seelen heyl. Nu last uns auch den leyb fur [21] nemen und setzen, ob schon keyn seel noch hymel odder helle were, und sollten [22] alleyne das zeyttlich regiment ansehen nach der wellt, ob das selb nicht duerffe [23] viel mehr gutter schulen und gelerter leutte denn das geystliche? Denn bisher

 

[Seite 44]

 

[ 1 nichts fehlt IK 2 gericht L 3 hat] gat B 4 alleyne E 5 szand] ßand K        Gott fehlt D 6 vor HIK 7 arm fehlt H        büffel F püffel H bofel IK 8 Israhel C        geschahe L        ym] vnd ym C        rechtem F 13 daran DIK        handell B handlen F handeln L 14 dareyn DIK        kriege] überkom̄ H 16 ob] so F        aber] oder DFHIK 17 und] vn̄ auch F 19 daran DIK 20 doerffen L 21 die weil wir doch H        yhe] jre G 22 so fehlt F 23 regiren HIK 26 alleyne E 27 maedlin H 28 feiner] eyner C 29 regiren DK 31 maedlin H medlin IK 32 ists fehlt B        maedlin H 33 droben] da oben D oben HIK        gesaget K 34 herren HL]

 

[1] sich des selben die Sophisten so gar nichts haben angenomen und die schulen [2] so gar auff den geystlichen stand gerichtet1, das gleich eyne schande gewesen ist [3] so eyn gelerter ist ehlich worden, und hat muessen hoeren sagen ‘sihe, der wird [4] welltlich und will nicht geystlich werden’, gerade alls were alleyn yhr geystlicher [5] stand Gott angenem und der welltliche (wie sie yhn nennen) gar des [6] teufels und unchristlich. So doch die weyl fur Gott sie selbs des teufels [7] eygen werden, und alleyn diser arm poeffel (wie ynn der Babylonischen [8] gefencknis dem volck Israel geschach) ym land und rechten stand ist blieben, [9] und die besten und oebersten zum teuffel gen Babylon gefurt sind mit platten [10] und kappen.

 

[11] Nu hie ist nicht not zu sagen, wie das welltlich regiment eyn goettlich [12] ordnung und stand ist (Davon ich sonst so viel gesagt hab, das ich hoffe es [13] zweyffel niemand dran), Sondern ist zu handellen, wie man feyne geschickte [14] leutt dreyn kriege. Und hie bieten uns die heyden eyn grossen trotz und schmach [15] an, die vorzeyten, sonderlich die Roemer und Kriechen, gar nichts gewust haben, [16] ob solicher stand Gott gefiele aber nicht, und haben doch mit solichem ernst [17] und fleys die jungen knaben und meydlin lassen lernen und auff zihen, das [18] sie dazu geschickt wurden, das ich mich unser Christen schemen mus, wenn ich [19] dran dencke, und sonderlich unser deutschen, die wir so gar stoeck und thier [20] sind und sagen thueren ‘Ja was sollen die schulen, so man nicht soll geystlich [21] werden?’ die wir doch wissen oder yhe wissen sollen, wie eyn noettiges und [22] nuetzes ding es ist und Gott so angenem, wo eyn Fuerst, herr, radman odder [23] was regirn soll, gelert und geschickt ist, den selben stand Christlich zu furen.

 

[24] Wenn nu gleich (wie ich gesagt habe) keyn seele were und man der [25] schulen und sprachen gar nichts duerffte umb der schrifft und Gottis willen, [26] So were doch alleyn dise ursach gnugsam, die aller besten schulen beyde fur [27] knaben und meydlin an allen ortten auff zu richten, das die wellt, auch yhren [28] welltlichen stand eusserlich zu halten, doch bedarff feiner geschickter menner [29] und frawen, Das die menner wol regirn kuenden land und leutt, Die frawen [30] wol zihen und hallten kuenden haus, kinder und gesinde. Nu soliche menner [31] muessen aus knaben werden, und soliche frawen muessen aus meydlin werden. [32] Darumb ists zu thun, das man kneblin und meydlin dazu recht lere und [33] auff zihe. Nu hab ich droben gesagt, der gemeyn man thut hie nichts zu, [34] kans auch nicht, wills auch nicht, weys auch nicht, Fuersten und herrn solltens

 

[Seite 45]

 

[ 1 auffm] auff C auff dem DHIK vffm F vffem G 2 merckliche H 5 Ratsherren H 6 fůge H 7 yetlicher H        sůn L        selb H 8 sicht H 10 ferrer FHIK        yngezwungen FG 12 künden FH 13 zoehe H        ynn] in den D 13/14 züchtige mayster in waeren IK 14 da die] die da abcd Ien] die da die Witt        andre H 18 eyn B aynem H 19 welte H        lauff DFGHIKL 20 koennen D        furcht] fruchtH 22 regiren DEL 22/23 dahaimen DIK 23 eygene B 24 erfarunge K]

 

[1] thun, aber sie haben auffm schlitten zufaren, zu trincken und ynn der mumerey [2] zu lauffen und sind beladen mit hohen mercklichen geschefften des kellers, der [3] kuechen und der kamer. Und obs ettliche gern thetten, muessen sie die andern [4] schewen, das sie nicht fur narren odder ketzer gehallten werden. Darumb [5] wills euch lieben Radherrn alleyne ynn der hand bleyben, yhr habt auch raum [6] und fug dazu, besser denn Fuersten und herrn.

 

[7] Ja, sprichstu, Eyn iglicher mag seyne tochter und soene wol selber leren [8] oder yhe zihen mit zucht. Antwort: Ja man sihet wol, wie sichs leret und [9] zeucht. Und wenn die zucht auffs hoehest getrieben wird und wol gerett, so [10] kompts nicht ferner, denn das eyn wenig eyn eyngezwungen und erbar geberde [11] da ist, sonst bleybens gleychwol eyttel holtzboecke, die wider hie von noch da [12] von wissen zu sagen, niemand wider radten noch helffen konnen. Wo man [13] sie aber leret und zoege ynn schulen oder sonst, da gelerte und zuechtige meyster [14] und meysterynn weren, da die1  sprachen und andere kuenst und historien lereten, [15] da wuerden sie hoeren die geschichte und sprueche aller wellt, wie es diser stad, [16] disem reich, disem Fuersten, disem man, disem weybe gangen were, und kuendten [17] also ynn kurtzer zeyt gleich der gantzen wellt von anbegynn wesen, leben, rad [18] und anschlege, gelingen und ungelingen fur sich fassen wie ynn eym spigel, [19] daraus sie denn yhren synn schicken und sich ynn der wellt laufft richten [20] kuenden mit Gottis furcht, Dazu witzig und klug werden aus den selben [21] historien, was zu suchen und zu meyden were ynn dissem eusserlichen leben, [22] und andern auch darnach radten und regirn. Die zucht aber, die man daheyme [23] on solche schulen fur nimpt, die will uns weyse machen durch eygen [24] erfarung. Ehe das geschicht, so sind wyr hundert mal tod und haben unser [25] lebenlang alles unbedechtig gehandelt, denn zu eygener erfarung gehoert [26] viel zeyt.

 

 

 

[Seite 46]

 

[ 1 was] etwas C 2 da] das BC 4 schůle IK 5 also] so H 6 koenden D seyn CH 7 fegfewer EIK fegfeüwer F        wir] mir K 8 nicht D 9 gelernet HIK        so] die B        steupen] mit růttē gehawē G        zitteren G 10 sprielen F 11 leret] lernt B 15 der fehlt C 17 wurden GH 18 ists mir H 19 niemands H        geleert IK        muessen DHIK 21 vn̄ vnschadē H 22 spristu E 23 můssend H 25 gewest D 26 nicht gelernet K]

 

 

[1] Weyl denn das junge volck mus lecken und springen odder yhe was zu [2] schaffen haben, da es lust ynnen hat, und yhm darynn nicht zu weren ist, [3] auch nicht gut were, das mans alles weret: Warumb sollt man denn yhm [4] nicht solche schulen zurichten und solche kunst furlegen? Syntemal es itzt [5] von Gottis gnaden alles also zugericht ist, das die kinder mit lust und spiel [6] leren kunden, es seyen sprachen odder ander kuenst odder historien. Und ist [7] itzt nicht mehr die helle und das fegfewr unser schulen, da wir ynnen gemartert [8] sind uber den Casualibus und temporalibus1 da wir doch nichts denn eyttel [9] nichts gelernt haben durch so viel steupen, zittern, angst und jamer. Nympt [10] man so viel zeyt und muehe, das man die kinder spielen auff karten, singen [11] und tantzen leret, Warumb nympt man nicht auch so viel zeyt, das man sie [12] lesen und ander kuenst leret, weyl sie jung und muessig, geschickt und luestig [13] da zu sind? Ich rede fur mich: Wenn ich kinder hette und vermoechts, Sie [14] muesten mir nicht alleyne die sprachen und historien hoeren, sondern auch singen [15] und die musica mit der gantzen mathematica2 lernen. Denn was ist dis [16] alles denn eyttel kinder spiel? darynnen die Kriechen yhre kinder vor zeytten [17] zogen, da durch doch wunder geschickte leut aus worden zu allerley hernach [18] tuechtig. Ja wie leyd ist mirs itzt, das ich nicht mehr Poeten und historien [19] gelesen habe und mich auch die selben niemand gelernt hat. Habe dafur muest [20] lesen des teuffels dreck, die Philosophos und Sophisten, mit grosser kost, erbeyt [21] und schaden, das ich gnug habe dran aus zufegen.

 

[22] So sprichstu ‘Ja, wer kan seyner kinder so emperen und alle zu junckern [23] ziehen? Sie muessen ym hause der erbeyt warten’ &c.. Antwort: Ists doch [24] auch nicht meyne meynung, das man solche schulen anrichte, wie sie bisher [25] gewesen sind, da eyn knabe zwentzig odder dreyssig jar hat uber dem Donat [26] und Alexander3 gelernt und dennoch nichts gelernt. Es ist itzt eyn ander wellt

 

[Seite 47]

 

[ 1 tages K 2 zwů EIK        nicht K        dester DH 3 warzu D 4 bayde H 5 wol fehlt D        keulichen] kuglen F kuegeleyn HIK 5/6 keulichen schiessen] schussern D 6 ramlen FH 7 maedlin H        tags DF 8 schůlen F        geet D        geschaefftes H        wol fehlt H        warten BL 9 vertantzt B        verspielet] spielet C verspielt L        feelet DFGL faelet HIK 12 bloecke DIK bloecher H 14 zu lerer] zůleren H 15 empter E        dester DHIK 16 verordnen BKL        marterern F maertren I        die A –L Witt Ien] fehlt abc 17 sant D sanct F        Agnes DFHIK        Lucia, so dergleichen aufferzogen bc 18 anderen G 20 das] des F        meerertayl I] meerert als K 21 koennen D 22 gelert G 23 seyn CH]

 

[1] und gehet anders zu. Meyn meynung ist, das man die knaben des tags eyn [2] stund odder zwo lasse zu solcher schule gehen und nichts deste weniger die [3] ander zeyt ym hausse schaffen, handwerck lernen und wo zu man sie haben [4] will, das beydes mit eynander gehe, weyl das volck jung ist und gewarten [5] kan. Bringen sie doch sonst wol zehen mal so viel zeyt zu mit keulichen [6] schiessen, ball spielen, lauffen und rammelln.

 

[7] Also kan eyn meydlin ja so viel zeyt haben, das des tages eyne stunde [8] zur schule gehe und dennoch seyns gescheffts ym hause wol warte. Verschleffts [9] und vertantzet und verspielet es doch wol mehr zeyt. Es feylet alleyn daran, [10] das man nicht lust noch ernst dazu hat, das junge volck zu zihen noch der [11] wellt helffen und ratten mit feynen leuten. Der teuffel hat viel lieber grobe [12] bloeche und unnuetze leut, das den menschen ja nicht zu wol gehe auff erden.

 

[13] Wilche aber der ausbund dar unter were, der man sich verhofft, das [14] geschickte leut sollen werden zu lerer und lereryn, zu prediger und andern [15] geystlichen emptern, die soll man deste mehr und lenger da bey lassen odder [16] gantz daselbs zu verordenen, wie wyr lesen von den heyligen mertern, die [17] S. Hagnes und Agata und Lucia und der gleichen auff zogen.1 Daher auch [18] die kloester und stiffte komen sind, aber nu gar ynn eynen andern verdampten [19] brauch verkeret. Und das will auch wol nott seyn, denn der beschorne hauffe [20] nympt fast ab, so sind sie auch das mehrer teyl untuechtig zu leren und [21] regiren, denn sie kuenden nichts on des bauchs pflegen, Wilchs man auch sie [22] alleyn gelernt hat. So muessen wyr ja leutt haben, die uns Gottis wort und [23] sacrament reichen und seel warter seyen ym volck. Wo woellen wyr sie aber

 

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[ 1 Christliche Habcd Ien 2 vergienhen G 3 schendliche verfueret E 4 hoch L 5 zuhaltē DGH zů erhalten F 6 thůn H 8 relling IK 9 lassen fehlt D        reilich H 10 gehoert L 11 Israhel B        Esaias D 14 allen FIK 15 ewerem K        da] das E 16 lasset L        vorhueten HIK        Secht H        wilch] wie F 17 Salomon DFHIK Salomō G 17/18 volcks so hart angenum̄en F 19 gemachet DH 20 tzucht er C        jungen fehlt B        sich] jm GHIK        befilht GIK 21 Matthei an dem .18. IK        er] es        D anzeygt L 23 er zürnt L] erzürnet DEHIK        last L 25 fordert DFGHL 26 emperen BE 27 erfaulet H verfault L        allzu] alle zů F 28 Lasset L 30 nützlich F 31 koennen D        besse