Schriften, 15. Band,

Predigten und Schriften 1524

 

 

Luther, Martin 1483 –1546

 

 

 

D. Martin Luthers

Werke.

Kritische Gesammtausgabe.

15. Band.

 

 

 

Weimar

Hermann Böhlaus Nachfolger 1899.

 

 

 

 

 

 

Vorwort.

 

1899

 

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Wir legen hier den 15. Band der kritischen Ausgabe der Werke Martin Luthers vor. Er enthält die Schriften und Predigten des Jahres 1524, erstere bearbeitet von Pastor Lic. O. Albrecht in Naumburg a. d. Saale, letztere von Pfarrer D. G. Buchwald in Leipzig. Mein Antheil an der Bearbeitung der Schriften geht nicht über dessen gewöhnlichen, allerdings nicht kleinen Umfang hinaus, abgesehen von einem Falle, in dem ich für Lic. Albrecht die Vergleichung eines Textes übernehmen mußte, weil dieser uns nur hier in Berlin zugänglich wurde. An der Bearbeitung der Predigten mußte mein Antheil größer sein, wenn eine durch Umstände, die von der Lutherausgabe unabhängig sind, geforderte längere Abwesenheit D. Buchwalds von Leipzig das Fertigwerden des Bandes nicht allzu weit hinauszögern sollte. So rühren nicht nur die allgemeine Einleitung zu den Predigten und die Aufstellung der Übersicht, sondern auch die einzelnen Predigten vorausgeschickten kritischen Erörterungen durchaus von mir her, und ich habe meist dafür auch äußerlich die Verantwortung durch Unterzeichnen übernommen. Einleitung und Übersicht wurden im wesentlichen ebenso gestaltet wie in Band 20 die der Predigten von 1526, kleine Änderungen werden, wie ich hoffe, als Besserungen anerkannt werden. — Eine veränderte Auffassung über das Verhältniß der drei alten Predigtverzeichnisse habe ich angedeutet, aber ihr praktische Folge noch nicht gegeben, weil die grundlegende Gesammterörterung dieses Verhältnisses noch aussteht. Auch die Zweifel, welche gegen die bisher angenommene Zuverlässigkeit der Zeitangaben Georg Rörers aufgetaucht sind, sind vorläufig nur (in den Nachträgen zu S. 653)

 

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angedeutet und ihre weitere Verfolgung der Einleitung zu den Predigten des Jahres 1525 vorbehalten worden. In beiden Fällen macht sich der Mangel einer die gesammte Überlieferung vorweg erwägenden kritischen Sichtung des so umfangreichen Predigtenmaterials fühlbar. Dieser Mangel, der übrigens bei anderen wissenschaftlichen Unternehmungen von oft viel geringerem äußerem Umfange ähnlich zu Tage getreten ist und zu Tage tritt, der auch im besonderen aus der Geschichte der Lutherausgabe begreifbar ist, läßt sich nicht aus der Welt schaffen, die Milderung seiner Wirkung aber ist von mir stets angestrebt worden und wird weiter angestrebt werden.

 

Die Redaktion der sprachlichen Vorbemerkungen und der sprachlichen Lesarten, vielfach auch die Fassung des Berichtes über Urdruck und Nachdrucke und ihr Verhältniß rührt in diesem Bande von Dr. Arnold E. Berger her.

 

Was an Stücken, die nach 1524 gehören, in diesem Bande vermißt wird, ist wie Luthers Vorreden zu seiner Übersetzung des Hiob, der Sprüche und des Predigers Salomo, die erste Vorrede zur Psalterübersetzung, sowie ferner das Vorwort zum “Geistlichen Gesangbüchlein” in die Ausgabe der Bibelübersetzung und der Lieder Luthers verwiesen. Oder es wird wie beispielsweise “Ein kurze Unterrichtung, worauf Christus seine Kirche oder Gemeine gebauet hat” (Enders 4, 210) oder “D. M. Luthers verteutschte Schrift an das Kapitel zu Wittenberg” (Enders 4, 285) beide 1524 gedruckt, in der Briefsammlung seine richtige Stelle finden. Die wahrscheinlich 1524 gehaltenen Vorlesungen über Hosea sind mit den übrigen über die kleinen Propheten bereits in Band 13 mitgetheilt, die ins Jahr 1524 fallenden Predigten über die Genesis stehen in Band 14, die über den Anfang der Exodus werden zusammen mit den weiteren den Band 16 bilden.

 

Die Bearbeiter dieses Bandes haben sich in der Interpunktion wieder mehr der in unserer Ausgabe herkömmlichen Sparsamkeit befleißigt und sich möglichst auf die in den Drucken jener Zeit gangbaren Interpunktions zeichen (nur das; kann nicht ganz entbehrt werden) beschränkt; in längeren Sätzen haben die ( ) öfter gute Dienste gethan.

 

Die ältesten Gesammtausgaben, die Wittenberger, Jenaer sowie die beiden Eislebischen Bände sind bei den Schriften (und Predigten) dieses Bandes regelmäßig verglichen worden für Stellen, die eine sachliche oder sprachliche Schwierigkeit enthalten. Zu dem “Briefe an die Christen zu Straßburg” sind alle wichtigeren Abweichungen der Wittenberger Ausgabe verzeichnet worden, weil der Brief in demjenigen Theile des II. deutschen Bandes (1548) steht, der, wie Joh. Haußleiter nachgewiesen hat, noch zu Lebzeiten Luthers

 

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gedruckt worden ist. Dadurch erhält der hier gegebene Text wenigstens äußerlich etwas von dem Charakter einer Ausgabe letzter Hand. Diesem wollten wir durch reichlichere Mittheilung der Lesarten gerecht werden und werden so auch in den andern gleichliegenden Fällen verfahren. Vgl. des näheren unten S. 387.

 

Unsere Ausgabe darf in D. Dr. Joh. Haußleiter, Professor an der Universität Greifswald, einen neuen Mithelfer am Werke begrüßen. Er hat sich bereit erklärt, die Bearbeitung von Luthers Vorlesung über den Galaterbrief (1531) zu übernehmen und die Kommission hat ihm diese übertragen.

 

 

 

Berlin, am Johannistage 1899.

Dr. Paul Pietsch

Professor an der Universität Greifswald.

 

 

 

[Seite vii]

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt.

 

1899

 

[Seite vii]

 Seite

 

Vorwort III

 

Vorwort zu Bugenhagens In Librum Psalmorum Interpretatio. 1524 1

 

An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen.1524 9

 

Ein christlicher Trostbrief an die Miltenberger, wie sie sich an ihren Feinden rächen sollen, aus dem 119. Psalm. 1524 54

 

Eine Geschicht, wie Gott einer Klosterjungfrau ausgeholfen hat. Mit einem Sendbrief M. Luthers. 1524 79

 

Wider das blind und toll Verdammniß der siebenzehn Artikel von der elenden schändlichen Universität zu Ingolstadt ausgangen. Martinus Luther. Item der Wiener Artikel wider Paulum Speratum sammt seiner Antwort. 1524 95

 

Duae episcopales bullae super doctrina Lutherana et Romana. 1524 141

 

Daß Eltern die Kinder zur Ehe nicht zwingen noch hindern, und die Kinder ohne der Eltern Willen sich nicht verloben sollen. 1524. 155

 

Wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden. 1524 170

 

Ein Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührischen Geist. 1524 199

 

Ein Sendbrief des Herrn Wolfen von Salhausen an Doctor Martinus und Antwort Martin Luthers. 1524 222

 

Ein Sendbrief an Burgermeister, Rath und ganze Gemeine der Stadt Mühlhausen. 1524 230

 

Zwei kaiserliche uneinige und widerwärtige Gebote den Luther betreffend. 1524 241

 

Von Kaufshandlung und Wucher. 1524 279

 

Wes sich Doctor Andreas Bodenstein von Karlstadt mit Doctor Martino Luther beredet zu Jena, und wie sie wider einander zu schreiben sich entschlossen haben. Item die Handlung Doctor Martini Luthers mit dem Rath und Gemeine der Stadt Orlamünd, am Tag Bartholomäi daselbst geschehen. [Acta Ienensia.] 1524 323

 

 

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Der 127. Psalm ausgelegt an die Christen zu Riga in Liefland. 1524 348

 

Ein Brief an die Christen zu Straßburg wider den Schwärmergeist. 1524 380

 

Predigten des Jahres 1524 398

 

      Übersicht über dieselben 405

 

 

 

Die in gleichzeitigen Einzeldrucken erschienenen Predigten sind die folgenden:

Ein Sermon von der Beichte und dem Sakrament. Item vom Brauch und Bekenntniß christlicher Freiheit (1524) 438. 481. 497

 

Ein Sermon von der Freiheit der Gewissen über das 15. Kapitel der XII Boten Wirkung (1525) 571

 

Zwo Sermon auf [Auslegung über] das 15. und 16. Kapitel in der Apostelgeschichte (1526) 572. 609

 

Ein Sermon am 11. Sonntag nach dem Pfingsttag [Trinitatis], darin die größten Hauptstück eines christlichen Lebens beschlossen sind (o. I. und 1524) 662

 

Ein Sermon auf das Evangelium Matth. 9 vom Reich Christi, welches stehet in Vergebung der Sünden usw. (1525) 696

 

Vom Reiche Gottes, was es sei und wie &c.. (o. I. und 1525) 721

 

Ein Sermon von des jüdischen Reichs und der Welt Ende (1525) 738

 

Ein Sermon von der höchsten Gotteslästerung, die die Papisten täglich brauchen, so sie lesen den antichristlichen Canon in ihren Messen (1525) 760

 

Anhang zu den Predigten des Jahres 1524.

 

Sermon von der Beschneidung. Item ein geistliche Auslegung der Zeichen in Sonne, Mond und Gestirnen (1524) 804

 

Nachträge und Berichtigungen 811

 

 

 

 

 

 

[Seite 1]

 

 

 

Haupttext

 

 

 

 

Vorwort zu Bugenhagens In Librum Psalmorum Interpretatio. 1524.

 

[Einleitung]

 

1899

 

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Aus der ersten theologischen Vorlesung, welche Bugenhagen in Wittenberg über die Psalmen hielt, entstand sein umfangreicher lateinischer Kommentar. In der Widmung an Kurfürst Friedrich, datirt vom 30. Dezember 1523 (Anno 1524 Feria quarta ante Circumcisionis Dominicae diem), spricht sich der Verfasser näher über die Entstehungsgeschichte und Eigenart seines Werkes aus. Da hören wir, daß Viele die Veröffentlichung seiner Vorlesungen gewünscht hätten, auch Luther. Wenn dieser freilich fortgefahren hätte, wie er begonnen, über die noch übrigen Psalmen zu schreiben, so würde Niemand wünschen, seine (Bugenhagens) Auslegung auch nur zu sehen. Er schreibe also, aber erst mitten in der Arbeit sei ihm klar geworden, welche Last er übernommen, nie jedoch hätte er ans Abbrechen gedacht. Oft habe er bei Lampenlicht geschrieben, wenn er Tags über wegen seiner öffentlichen Vorlesungen nicht die Zeit gefunden. Zuweilen hätte er die Arbeit mehrere Tage unterbrechen müssen “et per partes Basileam auferebatur quod scripseram, ut etiam in posterioribus psalmis videre non liceret quod in prioribus tractassem, nisi ea, quae pauca mihi annotaveram”. In der ersten Ausgabe steht an dieser Stelle eine gedruckte Randbemerkung mit Hinweis auf das, was am Ende des Werkes noch über ein Druckversehen beim 109. Psalm angemerkt sei, und dort am Ende werden die Satzfehler mit dem wiederholten Hinweise entschuldigt “quomodo scribenti per partes exemplar Basileam ablatum sit”. Diese erste Ausgabe ist nun im Monat März 1524 bei Adam Petri in Basel erschienen. Als aber Bugenhagen jenes Vorwort am 30. Dezember 1523 schrieb, war nach dem Gesagten der Druck des Werkes schon in vollem Gange und zwar, wie wohl aus der erwähnten Randbemerkung hervorgeht, mindestens bis zum 109. Psalm (p. 613) vorgeschritten; das Vorwort wird dann alsbald mit dem letzten Stück des Manuskripts nach Basel abgegangen sein, gleichzeitig die kurzen empfehlenden Vorreden Luthers und Melanchthons. Verfaßt ist demnach Luthers Vorrede, die uns hier beschäftigt, wenn nicht

 

[Seite 2]

 

schon Ende Dezember 1523, so doch unmittelbar darauf; gedruckt ist sie erstmalig in Basel auf demselben Bogen, der Bugenhagens Vorwort brachte und mit gesonderter Signatur an den Anfang des vollendeten Werkes gestellt worden ist.

 

Bugenhagen selbst urtheilte bescheiden über den Werth seines Werkes und betonte in dem Vorwort ausdrücklich, daß er keinen gelehrten wissenschaftlichen Kommentar bieten wolle: Si quis erudite scripta requirat, fallitur. Eruditio enim illa, quam vocant, a me nunquam est expectata. Veritatem dei per Christum scripsi, alius addat, si velit, eruditionem. Es komme ihm nur an auf ein simplicissime interpretari, und zwar ex scripturis sacris et servato contextus ordine auf eine genuina psalmorum interpretatio secundum interpretationem prophetarum Christi et Apostolorum. Das überschwängliche Lob, das Luther der Arbeit seines Freundes widmet1, mag uns auf den ersten Blick befremdlich erscheinen. Das besonnene Urtheil eines neueren Fachmannes (L. Diestel, Gesch. des A. T. in der christl. Kirche 1869. S. 269) faßt sich in folgende Sätze zusammen: “Den Sinn giebt Bugenhagen fleißig an, meist reproducirend, weniger im Einzelnen entwickelnd. Seine Kenntniß des Hebräischen ist dürftig: er will [so deutete Bugenhagen selbst im Vorwort an] die gangbare lateinische Übersetzung theils nach der LXX theils nach der des getauften Juden Felix Pratensis (Venedig 1515, dann Hagenoae 1522, vgl. Le Long bibl. sancta ed. Masch. I, 9) verbessern. Überall streut er geschichtliche Parallelen ein, aber nur in erbaulicher Beziehung. Die Strenge des grammatischen Sinnes weicht bei ihm der christlichen und theologischen Emphase. Das Buch erscheint ihm als ein völlig christliches; denn nicht der fromme Dichter, sondern der hocherleuchtete Prophet David ist Hauptverfasser. Daher sind überall Beziehungen auf Christus, meist direkt, fast typisch. Diese Emphase gefährdet daher die Einheit des Sinnes; so geht z. B. der beatus vir Ps. 1, 1 zunächst auf Christus selbst, dann auf alle, die in Christo sind, endlich auf die vorchristlichen Frommen. Ps. 19 geht auf die Verbreitung des Christenthums nach dem Pfingstfest. Jerusalem und Zion sind stets Typen der Kirche. Treten also die wissenschaftlichen Vorzüge sehr zurück, so ist er doch geistreich in der Anknüpfung erbaulicher Gedanken”. Der neueste Biograph Bugenhagens, H. Hering, erkennt treffend in diesem Mangel, in der Einseitigkeit unhistorischer Auslegung, doch einen gewisen Gewinn: “Das Alte Testament, obwohl unvermittelt im Lichte des Neuen ausgelegt, verschmolz sich so mit dem Geistesleben der evangelischen Christenheit. Die Seelenstimmungen der Psalmisten gestalteten sich zu einem Bilde der Reformation nach ihren innerlichsten Bezügen. Der Psalter wurde das Gebet- und Liederbuch der damals sich sammelnden evangelischen Gemeinde”; daneben sei zuzugeben, daß mit Luthers Psalmenauslegungen, die durch Feuer des Geistes, Tiefsinn und dankenfülle noch heute anziehen, Bugenhagens Kommentar keinen Vergleich aushalten könne; “obschon bei seiner Abfassung Luthers Operationes in psalmos benutzt worden sind, ist er verständig klarer, prosaischer, vielleicht ist er hierdurch grade manchem der Zeitgenossen zugänglicher geworden”. Die wiederholten Auflagen bestätigen das Letztere.

 

 

 

[Seite 3]

 

 

Luthers hohes Lob, Bugenhagen sei auf der ganzen Welt der Erste, welcher ein Interpret des Psalters zu heißen verdiene u. s. f., erklärt sich aus der Freude des Reformators, daß dieses schönste Buch des Alten Testaments hier zum ersten Mal vollständig und im evangelischen Verstand ausgelegt worden war, während seine eigene aus den Vorlesungen von 1519 –1521 entstandene ausführliche Auslegung, die sogen. Operationes in psalmos, zu seinem Bedauern nur bis Psalm 22 gediehen war, da er, von der Tyrannei der Papisten gezwungen, seine “Harfe an den Weiden jenes Babylon aufhängen” mußte. Auch später im Vorwort zu der 1527 erschienenen Übersetzung der 9 ersten Psalmen von Stephan Roth hat Luther das dem Werke Bugenhagens gespendete Lob wiederholt (vgl. Uns. Ausg. Bd. V S. 1 ff. 7. 11. 17). Für die Mängel der exegetischen Methode Bugenhagens hatte er keinen klaren Blick, aber in der geistreich erbaulichen Weise, in der hier aus den Psalmen die evangelischen Wahrheiten herausgelesen wurden, erkannte er eine echte Frucht des Geistes Christi, des Schlüssels Davids, und einen neuen Anlaß zur Danksagung für den göttlichen Segen, der in der fortschreitenden und immer reicheren Erschließung des ursprünglichen Gotteswortes durch Schaaren von Evangelisten sich bezeuge.

 

Eine deutsche Übersetzung des Kommentars und seiner Vorreden durch Butzer (dieser nennt sich in dem Vorwort als Übersetzer), erstmalig im Januar 1526 erschienen, spielte im Abendmahlsstreit der nächsten Jahre eine gewisse Rolle. Die betreffenden Akten dieses Streites sind dann von Butzer veröffentlicht; man vergleiche dazu die bibliographischen Notizen bei Mentz-Erichson, Festschrift zu Butzers 400 jähriger Geburtstagsfeier (1891) S. 110 f. Nr. 14 und S. 111 f. Nr. 17, ferner Röhrich, Gesch. d. Ref. im Elsaß I (1830) S. 305, Baum, Capito u. Butzer (1860) S. 365 ff., De Wette III S. 201 ff. = Enders V S. 384 ff., Unsere Ausg. Bd. XIX, S. 462 ff.

 

Vgl. noch Vogt, Joh. Bugenhagen Pomeranus (1867) S. 39 ff.; Hering, Doctor Pomeranus (Ver. f. Reformationsgesch. 1888) S. 18 f. 30 f. 119. 165; Unsere Ausg. Bd. V S. 1 ff.; Köstlin 2 I S. 616.

 

 

 

Ausgaben.

 

 

A “IOANNIS || POMERA- || NI BVGENHAGII IN LI- || BRVM PSALMORVM || INTERPRETATIO, || VVITTENBERGAE || publice lecta. || [Zierleiste] || BASILEAE || ANNO M.D.XXIIII. || MENSE MARTIO. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 387 Blätter in Quart (6 unbezifferte Blätter und 762 bezifferte Seiten). Am Ende: “BASILEAE, APVD ADAMVM || Petri, Mense Martio Anni || M. D. XXIIII. ||”

Luthers Vorwort steht auf der Titelrückseite

In einigen Exemplaren (z. B. Dresden, Halle) steht Z. 6 VVITTEMBERGAE.

Vorhanden in Berlin, Breslau St. und U., Dresden, Eisleben Andreasbibl., Erlangen U., Gießen, Gotha, Greifswald, Halle U., London, Lübeck, München HSt., Straßburg U., Wien, Wittenberg.

 

B “[schwarz] IOANNIS PO || [roth] MERANI BVGEN || [schwarz] HAGII IN LIBRVM PSALMO- || [roth] RVM INTERPRETATIO. || [schwarz] || [roth] EXCVSA [schwarz] ANNO. M. D. || XXIIII. [roth] MENSE IVLIO. || [schwarz] || [roth] ||” 164 Blätter in Folio

 

[Seite 4]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

(4 unbezifferte Blätter, 318 bezifferte Seiten und ein leeres Blatt) Am Ende: “LAVS DEO. || EXCVSVM ANNO || M. D. XXIIII. || die XXIII. Mensis || IVLII. ||”

Luthers Vorwort steht Bl. 2a.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin, Breslau U., Erlangen U., Freiburg i. B., München HSt., Rostock U., Wernigerode.

 

C “IOANNIS || BVGENHA || GII POMERANI IN LI- || BRVM PSALMORVM || INTERPRETATIO, || VVITTEMBERGAE || publice lecta. || DENVO IAM AB IPSO AVTORE || magna diligentia & labore recognita || & multis locis emendata. || Cum indice. || BASILEAE || ANNO M. D. XXIIII. || MENSE AVGVSTO. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 398 Blätter in Quart (16 unbezifferte Blätter, 762 bezifferte Seiten und ein leeres Blatt, auf dessen Rückseite das Druckerzeichen). Am Ende: “BASILEAE, APVD ADAMVM || Petri Mense Augusto Anni || M. D. XXIIII. ||”

Luthers Vorwort steht auf der Titelrückseite. Titeleinfassung wie in A.

Vorhanden in Darmstadt, Freiburg i. B., Hannover, Leipzig U., Wernigerode, Wien.

 

D “ IO POME- || RANI BV || GENHAGII IN LIBRVM || PSALMORVM INTER- || pretatio, Vuittembergæ || publice lecta. || [Druckerzeichen] || NVREMBERGAE, ANNO M. || D. XXIIII. MENSE || AVGVSTO. ||” Titelrückseite bedruckt. 366 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “NOREMBERGAE, APVD IO. || Petreium, Mense Augusto Anni || M.D. XXIIII. ||”

Luthers Vorwort steht auf der Titelrückseite.

Vorhanden in Dresden, Freiburg i. B., Greiswald, Leipzig St. und U., München HSt., Wien, Zittau.

 

E “IOANNIS PO- || MERANI BV- || GENHAGII, IN LIBRVM PSAL- || MORVM INTERPRETATIO, || VVITTEMBERGAE PV- || BLICE LECTA. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 318 (6 ungezählte und 312 gezählte) Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “ARGENTORATI EXCVDEBAT || IOHANNES KNOBLOVCHVS. || ANNO. M.D.XXIIII. || MENSE AVGVSTO. || * ||”

Luthers Vorwort steht auf der Titelrückseite.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin (2), Bonn, Erlangen U. (unvollst., darin hdschrftl. Bemerkungen: ‘Emptus xvij solidis’ und ‘Emptus a me Georgio Sigellio 56 antiqs numis 1538’), Freiburg i. B., Lübeck (die 6 ersten Blätter fehlen), München HSt., Rostock U., Straßburg U.

 

F “[roth] PSALTERIVM || [schwarz] DAVIDIS, || [roth] AD SACROSANCTAE SCRI- || PTVRAE SENSVM, IVXTA VERITATEM HE- || [schwarz] braicam, in Latinam linguam recens conuer- || sum, Annotationibus pijs ac luculentis, Vna cum integris in totum Psalte- || rium Commentarijs, in Academia Vuittembergensi publice || praelectis, illustratum.|| [roth] Autore Ioanne Bugenhagio [so] Pomerano, || [schwarz] Ecclesiaste Vuittembergen̄. || [roth] 1. Regum 18. || [schwarz] Percußit Saul

 

[Seite 5]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

mille, & Dauid decem millia. || [Titelbild] || Franc. Apud Chr. Egenolphum. ||” Titelrückseite bedruckt. 518 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende: “BASILEAE, APVD ADAMVM || Petri, Mense Martio Anni || M. D. XXIIII. ||”

Luthers Vorwort steht Bl. *8ab.

Vorhanden in Berlin, Zittau (unvollst.).

 

G wie F, doch lautet die Schlußschrift: “BASILEAE APVD ADAMVM || Petri, Mense Augusto Anni || M. D. XXIIII. ||”

Vorhanden in Dresden, Freiburg i. B., Wien.

 

H “IOANNIS BVGENHAGII || POMERANI IN LIBRVM || PSALMORVM INTER || PRETATIO, VVIT- || TEMBERGAE PVB- || LICE LECTA. || AB IPSO AVTORE ADDI- || ta est emendatio eorum quæ ne || gligenter ante excusa erant. || ADDITA EST ETIAM ORATIO, || de Psalterio Germanice per Buce || rum translato. || Cum Indice. || VVittembergæ Anno M. D. XXVI. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 402 Blätter in Quart (20 ungezählte Blätter, 762 bezifferte Seiten und ein leeres Blatt). Am Ende: “VVittembrge [so] Apud Iosephum Clug. Mense Septembri. || Anno domini. M. D. XXVI. ||”

Luthers Vorwort steht Bl. a4b –b1a.

Vorhanden in Breslau St., Erfurt Martinstift, Lübeck, Straßburg U., Wolfenbüttel, Zittau.

 

I “IOANNIS BV || GENHAGII POMERANI IN PSAL || terium Dauidicum Auctarium, ultimaq; manus medita- || tionum seu commentariorum. Quod nõ hoc consilio ut || liber cresceret accessit, sed potius prioribus, quæ autor in || hoc argumenti genere scripsit, necessario superaddendũ || uisum fuit. Cæterum quibus hæc non sunt, hi non existi- || ment se iusta & integra Pomerani in Psal- || mos habere commentaria. || ACCESSIT ET COMMENDATIO || insignis Psalterij Dauidis D. Mar- || tini Lutheri. || BASILEAE, MENSE AVGVSTO. || ANNO M. D. XXXV. ||” 530 Blätter in Quart. Auf der Rückseite des letzten Blattes Druckerzeichen. Auf der Rückseite des vorletzten Blattes: “BASILEAE EXCVDEBAT HENRICVS || PETRVS, COMMVNIBVS IMPEN || SIS IOAN. BEBELII. MENSE || AVGVST. AN. M. D. XXXV. ||”

Luthers Vorwort steht auf Bl. a 2b f.

Vorhanden in Breslau U., Greifswald, Halle Marienbibl., Lübeck, Rostock U., Wien.

 

Die Übersetzung Butzers.

 

 

a “PSalter wol ver || teutscht ausz der heyli- || gen sprach. || Verklerung des Psalters, || fast klar und nutzlich, Durch Johann Bu- || genhag auß Pomern, Von dem Latein || inn Teutsch, an vil orten durch || jn selbs gebessert. || Mit ettlichen vorreden, am || anfang, wol zů mercken. || Vergattung der Psalmen, || vn̄ Summarien, zů Christlichē brauch fast troestlich. || Zeyger der materien vnd || innhalt, so inn der außlegung

 

[Seite 6]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

gehandlet. || Der Psalmen anfang, zů || Latein vnnd Teutsch, mit iren zweyspelti || gen zalen verzeychnet. || Gedruckt zů Basel, || durch Adam Petri, im iar. || M. D. XXVI. ||” Mit Titeleinfassung. 235 Blätter in Folio (24 ungezählte, 210 gezählte Blätter und ein leeres Blatt, auf dessen Rückseite das Druckerzeichen). Am Ende: “Gedruckt zů Basel durch || Adam Petri, im Jenner, des iars || M. D. XXVI. ||”

Luthers Vorrede steht Bl. aiiij.

Vorhanden in Berlin K. (2) und St., Freiburg i. B., Gießen, Kiel U., Königsberg U., Leipzig St., London, Lübeck, München HSt., Schlettstadt St. Stuttgart, Wien, Wolfenbüttel, Zwickau. Nach Weller auch in Bern, St., Gallen Stadtbibl., Greifswald (?), Schaffhausen Min.-Bibl., Tübingen Zürich St.

 

b “PSalter wol || verteutscht auß der hey- || ligen sprach. || Verklerung des Psalters, Durch Jo || hann Bugenhag auß Pomern, Von || dem Latein inn Teutsch, an vil orten || durch jn selbs gebessert. || Mit ettlichen vorreden, am anfang, || .... [7 Zeilen] .... || verzeychnet. || Gedruckt zů Basel durch Adam Petri, || im iar, M. D. xxvj. ||” Mit Titeleinfassung. 908 Blätter in Oktav. Letztes Blatt leer. Am Ende: “Gedruckt zů Basel || durch Adam Petri, im Jenner, || des iars M. D. XXVI. |”

Luthers Vorwort steht Bl. a 7bfg.

Vorhanden in Dresden (unvollst.), Königsberg U., Straßburg Wilhelmstift Wernigerode (unvollst.), Wien, Wolfenbüttel.

Der von Panzer Nr. 2956 angeführte Druck “Psalter wol verteutscht aus der heiligen Sprach. Verklerung des Psalters durch Johannem Bugenhagen aus Pommern, von dem Latein in Deutsch an viel Orten durch ihn gebeßert u. s. w. Gedruckt zu Basel durch Adam Petri 1526. 8°.” ist wohl kein anderer, als unser b, wenigstens ist uns von einer zweiten Oktavausgabe aus Petri's Verlag nichts bekannt geworden.

 

c “[roth] Psalter, Sampt der Außlegung || vnd verklerung D. Johann Bu- || genhagen auß Pomern, || [schwarz] Vom Latein in Deutsch || gebracht, vnd an vielen orten gemehret || vnnd gebessert. || [roth] Mit etlichen Vorreden, vnd an- || [schwarz] dern nuetzlichen Anleytungen, im anfang wol zu mercken. || ... [3 Zeilen betr. Index am Ende] ... || [roth] Gedruckt zu Nuernberg, durch Johann vom || [schwarz] Berg, vnd Vlrich Newber. || [roth] Anno, M. D. LXIII. ||” 358 Blätter (17 ungezählte, 334 gezählte und 7 Blätter Index) in Folio, davon 2 leer; vor dem Schlußregister noch einmal Angabe des Druckers.

Luthers Vorrede steht Bl. Aija.

Vorhanden in Berlin, Dresden, Gießen, Wernigerode.

 

d “[roth] Der gantze Psalter || des heiligen Koenigklichen Pro- || [schwarz] pheten Dauids, mit besonderm trewem fleisz, laut || vieler warhafftigen gelerten leut zeugnuß, Christlich || vnd troestlich erklert vnd außgelegt, [roth] durch den erleuchten vnd wolge- || [schwarz] lerten Christlichen Herrn D. [roth] Johann [schwarz] Bu- || genhagen [roth] Pomera-

 

[Seite 7]

 

num. || ... [8 Zeilen] ... || [roth] Gedruckt zu Nuernberg, durch Dietrich Gerlatz. || [schwarz] M. D. LXX. ||” 358 Blätter in Folio. Bl. 334b: “Gedruckt zu Nuernberg, || durch Johann vom Berg, vnd || Vlrich Nember. ||”

Luthers Vorwort steht Bl. A 2a. Vorhanden in Rostock U.

Die niederländische Übersetzung, von der uns zwei Ausgaben bekannt sind (1. in Quart: “Gedruct te Basel bi mi Adam Anonymus. || Int Jaer ons HEEREN || M. D. XXVJ. ||” 2. in Folio: “Ghedruckt te Geneue, door Petrum Ste- || phanum van Gendt” um 1530), enthalten dies Vorwort Luthers nicht.

 

Mit der Überschrift Epistola D. Mart. Lutheri praefixa Commentario D. Ioannis Pomerani in Psalterium steht unser Vorwort bei Aurifaber, Epp. Luth. II (1565) Bl. 241. Ferner in den Gesammtausgaben lateinisch nur Erlangen Opp. var. arg. VII S. 502 –503; deutsch (nach Butzers Übersetzung): Eislebener Ergänzungsband I (1564) Bl. 185b –186, Altenburg Bd. II S. 519 –520, Leipzig Bd. XII S. 79; Walch Bd. XIV Sp. 177 –179 vgl. Sp. 16 f.

 

Wir drucken den Text nach A und notiren die wenigen Abweichungen der andern Drucke.

 

 

 

[Seite 8]

 

 

 

 

 

 

 

[1] M. LVTHER PIO LECTORI GRATIA

[2] ET PAX.

 

1524

 

[Seite 8] [Nachträge und Berichtigungen]

[ 1 Luther. B Lutherus, I 9 est fehlt H 14 Quod] Nam H 15 suijpsius D 17 etsi] & si alle Drucke 32 Psalmo .67. E Psalmus sexagesimus septimus I]

 

 

[3] [Eph. 1, 3] Benedictvs deus et pater domini nostri Iesu [4] Christi, qui nos hoc seculo rursum benedixit omni [5] benedictione spirituali coelestium rerum et abundantia [6] [Ps. 147, 14 –17] frumenti et vini electorum suorum nos satiat, [7] missoque verbo suo liquefacit Christallum, pruinam [8] et nebulam, ante quorum frigus hactenus nemo [9] potuit subsistere. Ex eorum numero est et hic [10] Ioannes Pomeranus Episcopus Ecclesiae Wittembergensis [11] voluntate dei et patris nostri, per cuius [12] ministerium tibi, charissime lector, donatur hoc psalterium spiritu Christi, [13] [Offb. 3, 17] qui est clavis David, resignatum. Quod ut multis verbis ornem, non est [14] operaeprecium, Quod abunde satis tibi (scio) commendatum erit non meo [15] testimonio, sed suo ipsius argumento, quo te coget (si legeris) testificari [16] [Eph. 3, 5. 9] spiritum esse, qui loquitur mysteria haec a tot seculis abscondita. Nam [17] ut conferri possit tam priscorum quam recentiorum commentariis, etsi odiosum [18] est statuere, audeo tamen dicere, A nemine (cuius extent libri) esse [19] psalterium David explicatum, Esseque hunc Pomeranum primum in orbe, [20] qui psalterii interpres dici mereatur. Adeo caeteri fere omnes tantum opinionem [21] quisque suam eamque incertam in hunc pulcherrimum librum congessit, [22] Hic vero iudicium spiritus certum te docebit mirabilia. Porro et [23] ego aliquando in hoc libro coepi operam impendere, sed papistarum tyrannis [24] [Ps. 137, 2] suspendere me coëgit organum meum in salicibus Babyloniae istius1. Verum [25] Christus meam sortem vindicavit gloriose. Nam loco mei unius, cuius stillas [26] noluit ferre Satan, cogitur plurium et maiorum sustinere tonitrua et cataractas. [27] Ita me oportet minui, illos vero crescere. Quare non est, optime [28] lector, ut meum expectes psalterion amplius, sed mecum gaude, gratulare et [29] gratias age Christo salvatori nostro, qui pro uno Luthero paupere et tenui [30] iam ipsiusmet David, Isaiae, Pauli, Ioannis atque adeo suiipsius tibi spem, [31] imo rem et copiam fecit clare et palam videndi, audiendi et palpandi, non [32] [Ps. 68, 12] unius tantum calamo aut lingua, sed exercitu multo, ut psal. 67. ait. Gratia [33] tecum, Amen.

 

 

 

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An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen. 1524.

 

 

[Einleitung]

 

1899

 

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In einem Briefe vom 28. Februar 1524 meldete der Humanist Michael Hummelberg aus Ravensburg an Joachim Vadian in St. Gallen Neuigkeiten über Wittenberg, unter Anderm von Luther Folgendes: nunc libellum aedidit ad Germanici imperii civitates de constituendis scholis et exercitandis studiis literarum (vgl. Hartfelder, Melanchth. Paedagogica 1892. S. 125). Demnach muß die große reformatorische Schrift “An die Ratherren aller Städte deutsches Lands”, welche mit diesen Worten gemeint ist, bereits im Anfang Februar, wenn nicht schon im Januar 1524 die Presse verlassen haben. Ihr erster Eindruck im Kreise der gebildeten Zeitgenossen spiegelt sich in dem charakteristischen Satz eines Wittenberger Studentenbriefs vom 8. April 1524: Totus fere libellus — so schrieb Felix Rayther an Thomas Blaurer — encomion est linguarum, in quo, de argumentis loquor, cernendus Germanicus Cicero (vgl. Hartfelder a. a. O. S. 134). Eben dieses, daß Luther hier die Sache der Sprachstudien, überhaupt der gelehrten Bildung gegen allerlei Verächter so beredt vertheidigt habe, lobt auch Melanchthon als ihre bedeutsamste Eigenthümlichkeit in einem Vorwort, das er zu ihrer lateinischen Übersetzung verfaßt hat.

 

Es ist in der That eine Entscheidung von größter Tragweite für die Entwickelung der evangelischen Kirche und des deutschen Geisteslebens gewesen, die Luther getroffen hat, indem er die Unentbehrlichkeit der klassischen Studien und überhaupt edler Geistesbildung für die Kirche nicht nur, sondern auch für den Staat und allerlei weltliche Stände mit gewaltiger Beredsamkeit verkündete.

 

Anlässe zu solcher öffentlichen Aussprache waren damals genug vorhanden.

 

Nur beiläufig sei erinnert an Luthers Verhältniß zu den böhmischen Brüdern und an seine ihnen im Jahre 1523 gewidmete Schrift “Vom Anbeten des Sacraments”, worin er unter Anderm ihre Verachtung der Sprachwissenschaft tadelt; auch in der Schrift an die Rathsherren kommt er in derselben Absicht auf die “Brüder Valdenses” zu sprechen.

 

Viel wichtiger war sein Widerspruch gegen die, “welche sich des Geistes rühmen”, die durch taboritische Doktrinen und mancherlei Motive mittelalterlichen Sektenthums beeinflußten Schwarmgeister, zunächst Thomas Münzer und Genossen,

 

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[Nachträge und Berichtigungen]

dann auch Carlstadt und andere, welche grundsätzlich alle Gelehrsamkeit für schädlich, ja sündhaft und teuflisch erklärten. Bekannt ist, daß in Wittenberg selbst seit 1522 durch Carlstadts Einfluß zeitweise die Universitätsstudien in Verachtung geriethen und die Stadtschule einging, welche letztere unter Luthers Mitwirkung erst im Herbst 1523 von Bugenhagen wieder ordentlich eingerichtet wurde; ferner daß zur selben Zeit die blühende Hochschule in Erfurt nicht zum wenigsten durch die Schuld fanatischer evangelischer Prädikanten, die in Carlstadts Geist wirkten, unaufhaltsam verfiel. Zwei Veröffentlichungen berühmter Erfurter Docenten aus dem Jahre 1523, welche den bildungsfeindlichen Fanatismus jener Stürmer und Schwärmer bekämpften, seien als direkte Vorläufer der freilich viel umfassenderen Schrift Luthers an die Rathsherren aller Städte Deutschlands hier erwähnt: einmal “De non contemnendis studiis humanioribus futuro Theologo maxime necessariis aliquot clarorum virorum ad Eobanum Hessum Epistolae (Erphurdiȩ Imprimebat Andreas Pictor Anno M. D. XXIII. ad festum Diuini Ternionis)” darunter ein Brief von Luther (Enders 4, 118 ff.) und mit drei Beilagen von Hessus. Sodann Johann Langes Sermon “Von menschlicher Schwachheit &c..”, der, wie der wietere Titel andeutet, “auch von schulen odder vniversiteten tzů erhalten” handelt. Eben hier im Kreise der Erfurter Volksprediger wurde z. B. ausdrücklich behauptet, zum Verständniß der Bibel sei Latein und Griechisch überflüssig, das Deutsche genüge.

 

Es ist begreiflich, daß Luther diesen fremdartigen Geistern, die sich sehr zum Schaden der guten Sache auf seine Auktorität beriefen und sogar mit seiner deutschen Bibelübersetzung ihre eigene Verachtung der Wissenschaft rechtfertigen wollten, nachdrücklich entgegentreten mußte. Etwa der vierte Theil der Schrift an die Rathsherren ist der Widerlegung derartiger Behauptungen gewidmet. In dieser Hinsicht reiht sie sich also denjenigen seiner Schriften an, welche zur Auseinandersetzung mit der Schwarmgeisterei verfaßt sind.

 

Die Erfurter Prädikanten aber waren nur Typen einer weit verbreiteten geistigen Zeitströmung. Eben im Jahre 1524 wird uns aus verschiedenen Orten, z. B. Nürnberg, Basel, Straßburg, ein ähnliches der Wissenschaft feindliches Treiben evangelischer Volksprediger bezeugt. Und Melanchthon klagte schon im Jahre 1523 in einer encomion eloquentiae betitelten Rede, daß die Verachtung der klassischen Studien ein wie durch Ansteckung weit verbreiteter Irrthum sei, und zwar nicht bloß unter Theologen, die durch Verachtung der Studien grade als rechte Theologen erscheinen wollten, sondern auch unter den Juristen und Medicinern, welche auf kürzestem Wege zum gewinnbringenden Amt eilen möchten.

 

Zur Erklärung dieser volksthümlichen Geringschätzung der gelehrten Studien in damaliger Zeit wird man freilich nicht bloß auf die Einflüsse der Mystik Münzers und Carlstadts zurückgreifen dürfen. Unverkennbar wirkten noch andere zeitgeschichtliche Motive mit; theils wohl die in den Dunkelmännerbriefen und sonst von gebildeten Zeitgenossen so scharf gegeißelte Abneigung der scholastisch erzogenen Mönche gegen die neu erblühten Sprachwissenschaften (und eben aus den Kreisen des Mönchthums zumeist stammten jene neuen Volksprediger), theils besonders ein stark utilitaristischer Zug des Zeitgeistes. Im Zusammenhang mit der schon im 13. und 14. Jahrhundert aufgeblühten städtischen Kultur, ferner unter dem Einfluß des großen volkswirthschaftlichen Umschwungs infolge der Entdeckungen und Erfindungen des Zeitalters hatte sich in weiten Kreisen des deutschen Volkes ein

 

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nüchterner, auf bloßen Nutzen und Gewinn gerichteter Sinn festgesetzt; man bevorzugte die deutschen Schreib- und Rechenschulen, die für den Handwerker- und Kaufmannstand vorbildeten, denn — hieß es — “Gelehrte sind Verkehrte”. Sehr bezeichnend für die Stellung des Reformators zur Bildungsfrage seiner Zeit ist es nun, daß er nicht etwa diese deutschen Elementarschulen, in denen wir doch die Ansätze einer Volksschule erkennen dürfen, bevorzugt, sondern ihnen gegenüber, deren Berechtigung er nicht verkannte, die Nothwendigkeit gelehrter Bildung nachdrücklich betont hat.

 

Luther leugnet ferner nicht, daß in gewissem Sinne die neue Lehre des Evangeliums selbst auf das bestehende Schulwesen zerstörend eingewirkt habe. “Hohe Schulen werden schwach, Klöster nehmen ab, und will solchs Gras dürre werden, weil der Geist Gottes durch sein Wort drein webet und scheinet so heiß drauf durch das Evangelium”, sagt er im Eingang vorliegender Schrift. Aber er unterscheidet doch (anders als die Schwärmer) scharf und klar zwischen den alten “Teufelsschulen”, die auf den Pfaffen- und Mönchsstand vorbereiteten, deren Verfall ihm eine erfreuliche Wirkung des Evangeliums ist, und zwischen den neuen, unter dem Einfluß der wiedererblühten Sprachwissenschaften aufgekommenen Schulen, für deren Gründung und Erhaltung er mit allem Nachdruck eintritt, deren damals beginnenden Rückgang er lebhaft beklagt. Denn das Evangelium, das für den scholastischen, klerikalen Lehrbetrieb von tödlicher Wirkung war, steht nach seinem Urtheil mit der erneuerten Sprachwissenschaft vielmehr in gottgewolltem, nothwendigem Zusammenhang; ausführlich und mit voller Bestimmtheit behauptet er dies besonders gegenüber jenen Schwarmgeistern und jener materiellen Gesinnung des “fleischlichen Haufens”.

 

Auch das erkennt er unbefangen an, daß in Folge der mit der Reformation verbundenen Erschütterungen durch das Eingehen zehlreicher Klöster, Stifter, Pfründen, durch das Wegfallen vieler Zinsen, Gefälle usw. die äußeren ökonomischen Grundlagen vieler Schulen zerstört worden seien. Denn er klagt hier über den Geiz und Undank der Bürger und Obrigkeiten, die, durch das Evangelium von einer Menge kirchlicher Abgaben befreit, jetzt nicht einmal einen Theil der früheren Opfer freiwillig für das so wichtige Schulwesen zu spenden geneigt sind. Und soeben erst hatte er bei dem ersten praktischen Reformversuch behufs ökonomischer und rechtlicher Fundirung des Kirchen- und Schulwesens in Leisnig (Unsere Ausg. Bd. XII S. 6 f.) gar trübe Erfahrungen gemacht. Aber die Schwierigkeiten, die ihm hier grade seitens des Stadtraths bereitet wurden, lähmten doch nicht seinen Muth und Eifer; eben an die Rathsherren aller deutschen Städte wendet er sich jetzt, um ihnen eine gründliche Besserung des Schulwesens zur Pflicht zu machen.

 

Im Hinblick auf alle diese Verhältnisse hat neuerlich wieder Paulsen in seiner Geschichte des gelehrten Unterrichts Bd. I2 (1896) S. 197 Luthers Schrift als einen “Nothschrei, der durch die Thatsache des plötzlichen und allgemeinen Niederganges des Unterrichtswesens seit dem Anfang der Kirchenrevolution ausgepreßt wird,” bezeichnet; Luthers eifrige Vertheidigung der Sprachwissenschaft sei theils als Inkonsequenz, theils als Nothbehelf zu beurtheilen. Diese Geschichtsbetrachtung, auf Janssen, Döllinger und weiter zurück auf Erasmus und Cochläus fußend, verkennt vor Allem den ungeheuren indirekten Werth, welcher den reformatorischen Ideen in der Geschichte der Bildung und Wissenschaft zukommt, die heilsame Befreiung und Zucht der Geister durch Reinigung der sittlichen

 

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Gesinnung, die wir der Reformation verdanken. Jene Anschauung übersieht sodann, daß der Verfall des Schulwesens damals doch auch in den Schwächen der humanistischen Bildung selbst, in ihrer Unvolksthümlichkeit und der Einseitigkeit ihrer ästhetisch-intellektualistischen Weltanschauung begründet ist, ferner daß derselbe, wie oben angedeutet, theils durch die Reaktion der aufftrebenden, auf das Nützliche und Praktische gerichteten Laienkultur, theils besonders durch die Ausbreitung der alle menschliche Gelehrsamkeit grundsätzlich ablehnenden Schwarmgeisterei mitverschuldet ist.

 

Es ist zwar richtig, daß Luther vor einseitiger Überschätzung der klassischen Studien stets gewarnt hat, daß er grundsätzlich der vom heiligen Geist geleiteten Gemeinde der Gläubigen unabhängig von kirchenamtlicher oder gelehrter Bevormundung das Recht und die Macht über allerlei Lehre zu urtheilen zuschreibt, auch einräumt, daß ein ungelehrter Prediger aus der deutschen Bibel genug helle Sprüche habe, um Christum zu verstehen und andern schlicht predigen zu können: anderseits aber hat er ergänzend (nicht, wie Paulsen meint, sich selbst widersprechend) betont, daß erst eine gelehrte, besonders sprachwissenschaftliche Vorbildung den Prediger befähige, die heilige Schrift im Zusammenhange auszulegen und wider die Irrlehrer zu streiten, ja daß durch das Studium des biblischen Grundtextes der Glaube selbst erfrischt und die selbstständige Prüfung der christlichen Lehre recht ermöglicht werde.

 

So fordert nun hier der Reformator mit Hinweis auf 1. Cor. 14, 29 im Interesse des selbstständigen und gewissen Glaubensurtheils die wissenschaftliche Kenntniß des biblischen Originaltextes im Gegensatz zu den Schwarmgeistern, aber auch zu dem scholastisch-kirchlichen Brauch, “daß man die heilige Schrift hat wollen lernen durch der Väter Auslegen und viel Bücher und Glossen Lesen”. Diesem zwiefachen Standpunkt gegenüber hat Luther die Theologie als Schriftwissenschaft begründet.

 

Er hat aber keineswegs behauptet, daß die Sprachstudien lediglich im Deinst der Theologie und Kirche betrieben werden sollen; vielmehr widmet er einen großen Theil seiner Ausführungen dem Nachweis, daß auch um des so genannten weltlichen Standes willen, dessen die Sophisten sich bisher nicht angenommen, eine höhere Geistesbildung durch Sprachen, Künste und Historien nothwendig sei, um tüchtige leitende Kräfte für den obrigkeitlichen Stand zu gewinnen, ja auch um das ganze Volk, Männer und Frauen, in allerlei bürgerlichen Ständen geistig zu heben. Mit Beziehung hierauf urtheilt Ranke, es sei “eine Schrift, die für die Entwicklung der weltlichen Gelehrsamkeit dieselbe Bedeutung hat, wie das Buch an den deutschen Adel für den weltlichen Stand überhaupt”. Und jedenfalls ist es bedeutungsvoll, daß Luther seinen Aufruf eben an die Bürgermeister und Rathsherren der Städte richtete, wodurch er diesen bürgerlichen Obrigkeiten solchen geistlichen Beruf und Charakter zuschrieb, “daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen”. Dabei wollen wir nicht übersehen, daß in dem am Ausgang des Mittelalters in relativer Unabhängigkeit vom Klerus aufgeblühten städtischen Schulwesen schon bedeutsame äußere und rechtliche Anknüpfungspunkte für wirklich neue reformatorische Bestrebungen gegeben waren.

 

“Daß in erster Linie vom Bürgerthum die feste Grundlage der modernen deutschen Bildung geschaffen werden müsse, stand ihm ebenso fest, wie der humanistische Charakter des neuen Schulwesens”: so faßt v. Bezold, Gesch. d. deutsch.

 

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Ref. S. 568, den Ideengehalt der Lutherschrift zusammen. Und in der That, die Werthschätzung weltlichen Standes und weltlicher Gelehrsamkeit, der Hinweis auf die vorbildliche Pädagogik der alten Griechen und Römer, der Protest gegen eine bloß auf den Pfaffen- und Mönchsstand zugeschnittene Bildung, die Abwehr aller jener einer edlen Geistesbildung abholden Mächte, besonders die Polemik gegen die “Sophisten”, ihre Lehrbücher und Lehrmethode, ferner der begeisterte Lobpreis der Sprachwissenschaften, des studium trilingue, deren Unentbehrlichkeit für Kirche und Staat, ja deren Ergötzlichkeit und Lieblichkeit sogar er zu würdigen weiß, und noch mancher andre Gedanke unsrer Schrift, z. B. die Forderung eines neu zu ordnenden Bibliothekswesens: das alles versetzt uns in den Ideenkreis der humanistischen Kulturepoche.

 

Und doch dürfen wir nicht verkennen, daß das Bildungsideal des Reformators von dem der Humanisten in wesentlichen Beziehungen abweichend und eigenartig sich darstellt. Man erinnere sich der schon in dem Buch an den christlichen Adel ausgesprochenen Grundsätze betreffend die Reform des Schulwesens. Auch in dem vorliegenden Aufruf an die Rathsherren wird klar bezeugt, daß nicht die Geistesbildung für sich, sondern die Bildung des christlichen Charakters das höchste Ziel der Erziehung und des Unterrichts sein müsse. Das Evangelium allein ist von unbedingtem Werth, und die Pflege der klassischen Studien hat ihre vorzüglichste Abzweckung in der Auffchließung der biblischen Urkunden, weil die Sprachen die Scheide sind, in denen das Schwert des Geistes, Gottes Wort, steckt. Nur “christliche Schulen” will er errichtet haben, wie schon der Titel sagt. Und wenn er die Verachtung der Studien mit scharfer Abwehr als List des Teufels bezeichnet, denkt er hier weniger an den Schaden, den dadurch die Bildung erleide, als vielmehr an die Schande und den Schaden, den das Evangelium davontrage. Wohl führt er zum Beweis der Nothwendigkeit des Schulehaltens auch Gründe der Vernunft, der Lebensklugheit und Rücksichten auf nationale Ehre an, aber durchschlagend sind ihm die religiösen Gesichtspunkte: Gott zu Dank und Ehren, auf Gottes Gebot hin, um des Wortes Gottes willen müsse das Werk der Jugenderziehung als Sache von ungeheurer Wichtigkeit, “da Christo und der Welt viel an liegt”, mit heiligem Ernst als ein nöthiger Gottesdienst getrieben werden. Aus eben dieser tiefen sittlich- religiösen Auffassung erklärt sich die Schärfe seiner Rügen, die er hier gegen pflichtvergessene Obrigkeiten, Fürsten, Eltern, Stifte, Klöster usw. ausspricht, daher auch der hohe prophetische Ton seiner Mahnungen, die er, der Geächtete und Gebannte, in die deutschen Lande hinausruft: von Gott sei er dem deutschen Lande verordnet, und wer ihm hierin gehorche, der gehorche Christo.

 

Im Grunde stand so Luther, der durch und durch volksthümliche und prophetisch-religiöse Charakter, doch solchen Männern fremd gegenüber, die, mit schwärmerischer Begeisterung in die antike Litteratur versenkt, ihre aristokratischen, schöngeistigen Bildungsinteressen als höchsten Lebenszweck und Lebensgenuß ansahen und dadurch vielfach den nationalen Bildungstrieben der großen Menge des deutschen Volkes sowie einer opferfreudigen Antheilnahme an den tiefsten sittlich-religiösen Aufgaben sich entfremdeten. Auch formell gleichlautende Grundsätze des Humanismus, wie z. B. jene Werthschätzung des weltlichen Standes, erscheinen bei Luther seiner Eigenart gemäß umgeprägt; denn aus seinem Glauben, seinem persönlichen Erleben der Freiheit eines Christenmenschen war ihm die reformatorische

 

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Scheidung und Abgrenzung der beiden großen Lebensgebiete, des Geistlichen und Weltlichen, geflossen.

 

Dabei erkennt er die epochemachenden Verdienste der Humanisten um das gelehrte Schulwesen voll und ganz an; er preist an mehreren Stellen seiner Schrift die Gnade Gottes, die jetzt Deutschland ein gülden Jahr bescheert, die feinsten, gelehrtesten mit Sprachen und Künsten gezierten Leute, dazu gute Lehrbücher reichlich gegeben habe; er gesteht also selbst zu, daß er in den gelehrten Unterrichtsbetrieb als solchen, in seine Fächer, Methoden, Formen nicht neugestaltend eingreifen, sondern denselben übernehmen wolle. Auch sei daran erinnert, daß beide, Reformation und Humanismus, an dem überlieferten mittelalterlichen Schema der Unterrichtsstoffe, der sogenannten artes liberales, wenn auch in freier Weise, festgehalten und beide durch Beibehaltung des Lateins als der Sprache für alle höher Gebildeten sich auf den Boden der abendländischen lateinischen Kultur gestellt haben.

 

Es ist irreführend, Luthers Schrift als den “eigentlichen Stiftungsbrief der Gymnasien” zu bezeichnen, wie man das oft gethan hat. Richtig ist daran, daß er hier thatsächlich den Grundgedanken unsrer Gymnasialbildung, den Zusammenschluß antiker, christlicher und historich-vaterländischer Bildungsstoffe angedeutet und im Besondern den dauernden Bildungswerth des klassischen Alterthums, vorzüglich seiner Sprachen beredt verkündigt hat. Aber diese Gedanken entwickelt er nicht etwa in der Form eines gesetzgeberischen Programms oder Organisationsplans, sondern mitten in einer Gelegenheitsschrift voll praktisch-sittlicher Ermahnungen an die Stadtobrigkeiten, die Eltern, die Deutschen insgemein, und zwar im Hinblick auf die thatsächlichen Nothstände, wie sie sich bis zum Anfang des Jahres 1524 seinem Blick erschlossen hatten. Ferner hat er dieselben Gedanken schon früher gelegentlich und mit ihm gleichzeitig Melanchthon ausgesprochen; und in Bezug auf den Hauptpunkt, die Werthschätzung der Antike als Bildungsmittel, hat Luther ja grade die Wirksamkeit der Humanisten als epochemachende anerkannt.

 

Dazu kommt, daß die Erörterungen dieses angeblichen “Stiftungsbriefs der Gymnasien” sich gar nicht auf die städtischen Lateinschulen beschränken. Nicht weniges davon betrifft ebensowohl oder noch mehr die Universitäten. Ferner berührt Luther hier die Frage der Mädchenschule und der Volksschule überhaupt. Denn wenn er zwischen der sorgfältigeren Ausbildung der Begabtesten, des “Ausbundes”, und der allgemeineren Unterweisung von Knaben und Mädchen in täglich 1 –2 Stunden unterscheidet, und wenn er ferner sagt, daß wir Alten ja nur um der Jungen willen leben, und daß wir sie lernen lassen müssen, um ihre Seelen zu versorgen und sie selbst zu christlichen, verständigen, nützlichen Leuten für allerlei Stand auszubilden: so hat er offenbar das, was wir Volksschule nennen, im Sinne und verkündigt hiermit eine allgemeine sittliche Verpflichtung der Eltern und Obrigkeiten, gute Schulen zu halten und die Kinder hineinzuschicken. Daß und inwiefern der Reformator überhaupt durch Wort und Werk für die Neugestaltung und Begründung der deutschen christlichen Volkschule die fruchtbarsten Anregungen gegeben hat, kann hier nicht näher dargelegt werden. Es ist aber eine unzutreffende Charakteristik der vorliegenden Reformationsschrift, sie als “für die Ausbildung unseres Elementarschulwesens so ungemein folgenreich” (Monum. Germ. Paedag. III S. III) zu bezeichnen. Denn der Schwerpunkt ihrer Ausführungen liegt, wie schon angedeutet, dem Nothstand jener Anfangszeit entsprechend, offenbar darauf,

 

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[Nachträge und Berichtigungen]

daß zur Gründung und Haltung von Gelehrtenschulen ermuntert werden soll, um bald tüchtige leitende Kräfte für die Kirche und das bürgerliche Gemeinwesen heranzubilden.

 

Luthers Weckruf war nicht vergeblich. Noch im Jahre 1524 fanden einige bedeutsame evangelische Schulreformationen statt, die als Früchte der Bemühungen der Reformatoren, besonders auch der Schrift Luthers an die Rathsherren angesehen werden dürfen: in Magdeburg, Nordhausen, Halberstadt, Gotha; 1525 folgte Eisleben, 1526 Nürnberg. Die folgenden Jahrzehnte zeigten einen wachsenden Eifer in der Begründung und Erneuerung städtischer Lateinschulen durch ganz Deutschland, und zwar bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts hinein vorwiegend in den protestantischen Territorien.

 

Vgl. O. Albrecht, Studien zu Luthers Schrift An die Rathsherren &c.. in Theol. Stud. u. Krit. 1897 S. 687 –777, wo die Andeutungen und Urtheile der vorstehenden Einleitung näher ausgeführt und begründet sind. Fr. Roth, Der Einfluß des Humanism. u. d. Reformation auf das gleichzeitige Erziehungs- u. Schulwesen, Schrift Nr. 61 des Ver. f. Reformationsgesch., Halle 1898 S. 19 ff. u. ö. — In diesen beiden Abhandlungen ist die einschlägige reiche Literatur genauer verzeichnet. Als kleine Auswahl aus derselben seien hier noch genannt: die Art. ‘Luther’ und ‘Reformation’ in Schmids Encyklopädie des ges. Erziehungs- und Unterrichtswesens, 2. Aufl. v. Raumer, Gesch. d. Pädagogik Bd. I3 S. 144 ff. Th. Ziegler, Gesch. d. Pädagogik in A. Burmeisters Handbuch I, 1, München 1895, S. 63 ff. K. A. Schmidts Gesch. d. Erziehung, Bd. II Abth. 2 bearbeitet von Gundert (Stuttgart 1889) S. 198 ff. Paulsen, Gesch. d. gelehrt. Unterrichts Bd. I2 (1896) S. 197 ff. Janssen, Gesch. d. deutsch. Volks Bd. VII S. 11 ff. Hartfelder, Melanchthon als Praeceptor Germaniae, in Mon. Germ. Paed. VII S. 204 ff. Derselbe, Melanchthoniana Paedagogica (1892) S. 125. 134. Joh. Müller, Quellenschr. z. Gesch. d. deutschsprachl. Unterr. bis zur Mitte d. 16. Jahrh. (1882) S. 378. Joh. Müller, Luthers reform. Verdienste um Schule u. Unterricht, 2. Aufl. 1883 (vgl. Progr. d. Friedrichs-Gymnasiums in Berlin 1883). Hollmann, Luthers u. Melanchthons Antheil an d. Gründung d. ev. Lateinschulen v. 1518 –1530, Dorpat 1885 (Progr. d. klass. Privatgymnasiums) S. XIII f. R. Hofmann, Rechtfertigung d. Schule d. Reformation gegen ungerechtf. Angriffe, Leipziger Universitätsschrift 1889. Ranke, Deutsche Gesch. II3 S. 71 f. v. Bezold, Gesch. d. deutsch. Reformation (1890) S. 568. Köstlin, M. Luther I2, S. 581 ff. Kolde, M. Luther II S. 136 ff.

 

 

 

Ausgaben.

 

 

A “An die Radherrn || aller stedte deutsch- || es lands: das sie || Christliche schulen || auffrichten || vnd || hallten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. M. D. xxiiij. ||” Mit Titeleinfassung, darin unten: “Lasst die kinder zu mir komen || vnd weret yhnen nicht Matt. 19. ||” 20 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.

Druck von Lukas Cranach in Wittenberg. Vgl. Knaake im Centralbl. f. Bibliothekswesen 1890, S. 196 fg. Nr. 29. In der Titeleinfassung Luthers Wappen von zwei Engeln gehalten, links davon M, rechts L. Ein Exemplar, das im Titel “Radherren” hätte, wie Veesenmeyer, Nachr. v. Luthers Schriften (1819), S. 12 angibt, hat sich nicht gefunden, es liegt also wohl nur ein Druckfehler V.'s vor. Dagegen finden sich im Innern Abweichungen, wesentlich Druckfehler und ihre Verbesserungen. Da es sich um den Urdruck einer wichtigen Schrift handelt, wurde bei der Umfrage von den Bibliotheken eine Angabe erbeten, wie sich ihre Exemplare bezüglich folgender Unterschiede verhalten, die ohne Anspruch auf Vollständigkeit vorher aus den vorliegenden Exemplaren ermittelt waren

 

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a b

 

1. B 2 b Z. 9/10 red- || lich re- || dlich

 

2. B 3 a Z. 4 versogrt versorgt

 

3. C 1b Z. 29 vederbet verderbet

 

4. E 2 a Z. 2 v. u. bel- || haten be- || halten

 

 

 

Es zeigte sich, daß an allen Stellen die Lesarten a nur das eine Exemplar der Knaakeschen Slg., an allen Stellen die Lesarten b das andre Knaakesche Exemplar, Altenburg Gymnasialbibl. (2), Königsberg U. (eines), Rostock (eines), Wittenberg, Zwickau aufweist. — 1. 2 a und 3. 4 b Breslau St., Freiburg i. Br., Görlitz Milichsche Bibl., Göttingen (2), Halle Marienbibl., Königsberg U. (2), Leipzig U. und St., München U., Rostock (das zweite), Wien, Zittau, Zwickau. — 1. 2. 3 a und 4 b Arnstadt, Berlin (4), Breslau U., Dresden (ohne Titelblatt), Eisenach, Erfurt Martinstift, Gotha, Münster, Weimar, Worms. — 4 a und 1. 2. 3 b Königsberg U. (viertes Ex.), Straßburg U. Schließlich 1. 2. 4 a und 3 b Dresden (zweites Ex.); 3 a und 1. 2. 4 b Erlangen, Halle U., Lübeck.

Rein typographisch sind Unterschiede in der Anwendung der beiden Formen des r. So z. B. haben Bl. B 1a Z. 2 die Exemplare, welche in Bg. B (1. 2) die Lesart a haben, “gebraucht”, dagegen die mit Lesart b “gebraucht”.

Außerdem finden sich Exemplare von A noch in Amsterdam, Berlin St., Eisleben Thurmbibl., Hamburg, Heidelberg, London, München HSt., Nürnberg St., Sommerhausen, Stuttgart, Wernigerode, Wolfenbüttel (8), Würzburg U.

 

B “An die Radherrn || aller stedte deutsch- || es lands, das sie || Christliche schulen || aufrichten || vnd || hallten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. M. D. xxiiij. ||” Mit Titeleinfassung. Unter dieser: “Lasst die kinder zcu mir komen || vnd weret yhnen nicht Matt. 19. ||” Titelrückseite bedruckt. 12 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.

Signaturen Aij, Aiij; B, Bij; C –Biij [so]. Druck von Mathes Maler in Erfurt? Zur Titeleinfassung vgl. Dommer S. 259 f. Nr. 132. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Augsburg (Weller), Heidelberg, Weimar.

 

C “An die Radherrn aller stedte deutsches || lands: das sie Christliche schulen auffrichtenn vnd halten sollen. || Martinus Lutther. Wittemberg. M. D. X X iiij. || Lasst die kynder tzue mir komen vnnd weret yhnen nicht Mat. 19. ||” Darunter ein Holzschnitt: oben eine Knaben-, unten eine Mädchenschule. 16 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “¶ Gedruckt tzů Erffordt, tzů dem puntten || Lauwen bey. S. Pauel. 1524. ||”

Druck von Wolfg. Stürmer in Erfurt. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Arnstadt, Heidelberg, Königsberg St., München HSt. u. U.

 

D “An die Rat- || herren aller Stette || Teutsches lands, das sie Christ- || liche Schulen auffrichten || vnd halten sollen. || Martinus Luther || wittenberg. || 1 5 2 4 || Laßt die kinder zu mir kum̄en vnd || weret jnen nicht. Matthei. xix. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 14 Blätter in Quart (Bogen C hat nur 2 Bl.). Letztes Blatt leer.

Druck von Jobst Gutknecht in Nürnberg. Zur Titeleinfassung vgl. Dommer S. 262 f., Nr. 140 — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin (2), Dresden, Eisenach, Halle U., Ithaca, London, Stuttgart, Weimar, Wien, Wolfenbüttel.

 

E “An die Radherrn || aller stedte Deutsches lands || das sie Christliche schůlen || auffrichten vnd halten || sollen. || || Marti: Lutther. || Vuittemberg.

 

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|| 1 5 2 4 || Lasst die kynder zů myr kom- || mē un̄ weret jhnē nit. Mat: 19. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 16 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende: “ || ¶ Gedrueckt zů Ihen Durch Michel Bůchfuerer vff || Mittwoch noch Judica. 1 5 2 4 ||”

Zur Titeleinfassung vgl. v. Dommer S. 250, Nr. 103, doch sind die Gestalten des Petrus und Paulus durch Gott Vater und Christus ersetzt. — Vorhanden in Berlin, Hamburg (unvollst.), Göttingen.

 

F “An die Rhatherrn aller || stedte Teütsches lands, das sie || Christliche schůlen vffrich- || ten vnnd haltten || sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. || M. D. XXiiij. || [Zierstück] || Laßt die kynder zů mir kum̄en || vnd weret jnen nit, Matt. xix. || ||” Mit Titeleinfassung. 18 Blätter in Quart. Die letzten 3 Seiten leer. Am Ende:

Vorhanden in Berlin (Luth. 3966 hat auf dem Titel die hdschr. Bem. “iij d”), Gießen, Leipzig St., München HSt., Stuttgart, Wittenberg (unvollst.).

 

G “An die Radherrn || aller stedte deütsches || lands: das sy Christ- || liche schůlen auffrichten || vnd halten sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg. [so] M. D. xxiiij. [so] || Laßt die kinder zů mir || komen, vnd weret jnen [so] || nicht [so]. Matthei. 19. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 16 Blätter in Quart.

Wohl Straßburger Druck (v. Joh. Prüß?). Zur Titeleinfassung vgl. v. Dommer S. 267, Nr. 156. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Basel (Weller), Berlin, Darmstadt, London, Straßburg U. u. Wilhelmstift, Zürich St. u. Kantonalbibl. (Weller).

 

H “An die Ratherren al- || ler Stötte Teütsches || lands. das sy Christen || liche schŭlen auffrichtē || vnd halten sollen || Martinus Luther || wittemberg. Anno. || Mo. D. XXIIII. || [Zierleiste] || Laßt die kinder zů mir komen || vn̄ woeret jnen nicht Matt. 19. ||” Mit Titeleinfassung. 20 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.

Nach Weller Druck von Th. Anshelm in Hagenau. — Vorhanden in Berlin, Gotha, Schaffhausen St. (Weller), Zürich Kantonalbibl. (Weller).

 

I “An die Radtherren al- || ler Stette teutsches lands || Das sy Christliche schů || len auffrichten vnd || hallten sol- || len. || Martinus Luther. || Wittenberg || M. D. XXiiij. ||” (In der unteren Randleiste:) “Lasst die kinder [so] zů mir kommen || vnd woeret jnen [so] nicht Math. xix. ||” Mit Titeleinfassung. 16 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.

Titeleinfassung wie in A. Oberdeutscher Druck (nach Weller von Fr. Peipus in Nürnberg). — Im Innern fand sich wenigstens eine Verschiedenheit in den Exemplaren, die uns vorlagen. Bl. Cija Z. 14 hat das Berliner Exemplar (Luth. 3958) das richtige “geomet” (unten 41, 22), dagegen das Exemplar der Knaakeschen Slg. “gemoegt”, offenbar eine nachträgliche Schlimmbesserung. Ob Ähnliches sich noch öfter findet, wurde nicht festgestellt, auch nicht wie sich die andern ermittelten Exemplare an jener Stelle verhalten. Diese finden sich in Dresden, Gießen, Heidelberg, London, München HSt. (3) u. U., Regensburg, Stuttgart, Wien, Wittenberg, Wolfenbüttel.

 

K “An die Ratszherren || aller Stoette teütsches lands || Das sie Christliche schůlen || auff richten vnnd || halten sollen. || Martinus Luther. || Wittenberg

 

[Seite 18]

 

|| M. D. XXiiij. || Laßt die kynder zů mir kommen || vnd woeret ynen nicht Math. xix. ||” Mit Titeleinfassung (darin rechts die Zahl 1524). 16 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.

Oberdeutscher Druck. — Vorhanden in Berlin, München HSt., Wittenberg.

 

L “An die Radt || hern aller stett Teüt- || sches lands, das sie Christ || liche schůlen auffrich || ten vnnd halten || sollen. || Martinus Luther. || Wittemberg [so]. M. D. xxiiij || Lasset die kinder zů mir kū || men, vnd weret ynen nicht || Matth. xix. ||” Mit Titeleinfassung. 20 Blätter in Oktav. Letzte Seite leer. Am Ende: “Im iar nach Christi geburt. || M. D. xxiiij. ||”

Oberdeutscher Druck (nach Weller von Adam Petri in Basel). — Vorhanden in Freiburg i. Br., München HSt.

 

a “Ein Guelden Kleinod, || Welchs der Theure || Hocherleuchte Man̄ Gottes, D. || Martin Luther, Auß des heiligen Gei- || stes Schatzkammer vber- || kommen. || Vnd Anno 1524. als er in seinem || Pathmo gewesen (auß anregung des heiligen || Geistes) den Buergenmeistern [so] vnnd Rathherrn, aller || Staedte Deutsches Landes inn sonderheit verehret hat, || Auff daß sie dasselbe Gott zu ehren tragen, vnd || kuenftiger posteritet zum besten biß ans || ende der Welt treulich ver- || wahren sollen. || [Zierstück] || Gedruckt zu Nuermberg, bey Alexan- || der Dieterich. ||” Mit Titeleinfassung. 16 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Dresden, Sommerhausen, Wolfenbüttel.

 

b “Ein Guelden Kleinod, || Welches der Theure Hoch- || erleuchte Mann Gottes, D. Martin || Luther, Auß deß heiligen Geistes Schatz- || kammer vberkommen. || Vnd Anno 1524. als er in seinem Pathmo || gewesen (auß anregung deß heiligen Geistes) den Buer- germeistern vnd Rathherrn, aller Staedte Deutsches Lan- || des insonderheit verehret hat, auff daß sie dasselbe Gott || zu ehren tragen, vnd kuenfftiger posteritet zum || besten biß ans ende der Welt treulich || verwahren sollen. || [Zierstück] || Nuernberg, || [Strich] || Gedruckt im Jahr, M. DC. ||” Ohne Titeleinfassung. 16 Blätter in Groß-Quart. Die letzten 3 Seiten leer.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg.

 

c “Ein Guelden Kleinod, || Welches der Thewre || Hocherleuchte Mann Gottes, || D. Martin Luther, Auß deß Heiligen || Geistes Schatzkammer vber- || kommen. || Vnd Anno 1524. als er in sei- || nem Pathmo gewesen (auß anregung deß || heiligen Geistes) den Buergermeistern vnd Rathherren, || aller Staedte Deutsches Landes insonderheit verehret || hat, auff daß sie dasselbe Gott zu ehren tragen, vnd || kuenfftiger posteritet zum besten biß ans ende || der Welt trewlich verwahren || sollen. || [Zierstück] || Nuernberg, || [Strich] || Gedruckt im Jahr, MDCI. ||” Mit Titeleinfassung (nur Doppellinien). 24 Blätter in Oktav. Letzte Seite leer.

Schluß der Schrift Blatt C 5a, dann folgen Bibelsprüche. Vorhanden in Breslau U. u. St., Kassel Landesbibl., Lübeck St., München U.

 

d “Trewhertzige Vermah- || nung, || D. Martin Lu- || thers, || An die Buerger meister|| vnnd Rahtherren aller Staette || Deutsches Landes, daß si

 

[Seite 19]

 

Christ- || liche Schulen auffrichten || vnnd halten sol- || len. || [Zierstück] || Getruckt zu Franckfurt am || Mayn. || Durch Egenolph Emmeln. || [Strich] || Im Jahr 1614. ||” Ohne Titeleinfassung. 68 Blätter in Sedez.

Der Text unserer Schrift S. 3 –76. Es folgen S. 77 –105 “Sprueche Ausz andern Schrifften Doctor Luthers gezogen gleiches Inhalts”. Zuletzt S. 106 –135 “Nachbericht Von der newen Lehrkunst Wolfgangi Ratichii” (von den Gießener Professoren Christoph. Helvicus und Joach. Jungius). Vorhanden in Wolfenbüttel.

 

e “Trewhertzige Vermahnung || D. Marti- || ni Lutheri. || An die Bürgermei- || ster vnnd Rahtherren aller || Städte Deutsches Landes, daß || sie Christliche Schulen auff- || richten vnd halten || sollen. || Benebenst einem hinden ange- || hengten Nachbericht der newen || Lehrkunst || Wolfgangi Ratichii. || Gedruckt zu Rostock, durch || Moritz Sachsen, In verlegung || Johan: Hallerforts Buch- || führers. 1614. ||” 131 Seiten. 12°.

Vorhanden in königsberg U. — Eine gleichfalls bei Hallerfordt in Rostock in 12° erschienene weitere Ausgabe von 1615 führt G. Draudius, Biblioth. libror. Germ. classica (1625), S. 283 an. Die nicht erheblichen Abweichungen im Wortlaute des Titels sind wohl nur Folgen ungenauer Wiedergabe.

 

f “Trewhertzige Vermahnung, || An die Buergermeister vnd Raht- || herrn aller Staedte Deutsches Landes, das sie Christ- || liche Schulen auffrichten vnd halten sollen, || Mart. Luth. Doct. || Sampt etlichen Spruechen auß andern seinen Schriff- || ten, gleichs Inhalts. || Neben einem Nachbericht von der newen LehrKunst, || VVOLGANGI [so] RATICHII, || Gestellet durch || CHRISTOPHORVM HELVICVM SS. Th. D. & Prof. Giess. || Vnd || IOACHIMVM IVNGIVM Mathematum Prof. Giess. || Mit Angehenckter wolmeinende [so] Erinnerung an den Chri- || lichen [so] Leser, Iohan. Angelii VVerdenhagen I. C. vnd dero || Stadt Magdeburgk Secret: || [Wappen] || Magdeburgk, || Gedruckt bey Wendelin Pohln, im Jahr 1621. ||” 28 Blätter in Quart.

Vorhanden in Berlin, Breslau St., Darmstadt.

 

g “Eine Vermahnung D. M. L. || An die Bürgemeister vnd || Rathsherrn aller Städte Deut- || sches Landes, daß sie Christli- || che Schulen auffrichten || vnd halten sollen. || Wie auch von dem Methodo des H. || Geistes veram Theologiam zu stu- || dieren, im 119. Psalm gegründet, || Auß dem 1. vnd 2. Jenischen Theil. || Auff Gnädigen Befehl vnd Anordnung. || [Titelbild, Umschrift: D. MARTHINVS LVTHERVS.] Gedruckt zu Dörpt, bey Jacob Beckern, 1633. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 43 Blätter in Oktav.

Vorhanden in Greifswald.

Bei Joh. Hallervordt in Rostock, der unser e druckte, erschien noch:

 

 

 

“Herrn D. Martini Lutheri || Trewhertzige || Vermahnung an || Buergermeister vnd Raths || herrn Teutsches Landes, daß sie || Christliche Schulen auffrichten || vnd halten wollen, || Neben einer Vorrede, an die || sämptliche Buerger vnd Einwohner in || Rostock die jhre Kinder mit trewen meinen, || .... || In Druck gegeben || durch || Iohannem Qvistorpium .... || Gedruckt

 

[Seite 20]

 

zu Rostock, Bey Johann Hal- || lervordt Buchhändelern zufinden || Im Jahr Christi 1640. ||” Mit Titeleinfassung. 45 Seiten in Quart, letzte Seite leer.

Trotz des Titels, der doch auf unsre Schrift schließen läßt, enthält dieses Buch nicht sie, sondern Luthers Predigt von 1530. Vorhanden in Dresden (unvollst.), Rostock.

 

Lateinische Übersetzungen.

 

 

α “DE CON || STITVENDIS SCHO || LIS MAR. LVTHERI || Liber donatus Latinitate || Haganoæ, per Iohannem || Secerium. ||” Mit Titeleinfassung. 32 Blätter in Oktav. Letzte Seite leer. Am Ende: “Haganoæ ex Officina || Iohan. Secerij ||” Auf Blatt Aij eine Vorrede Melanchthons: “ PHIL. MEL || ANCHTHON STVDIO || SIS OMNIBVS. S. ||”

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Breslau U., Dresden, Erlangen, Frei burg i. Br., London, Lübeck, Nürnberg St. (2), München U.

Nach v. d. Hardt Autogr. Lutheri I, 196 hätte es zwei zu Hagenau er schienene Ausgaben dieser Übersetzung in verschiedenem Format gegeben. Vgl. dazu Veesenmeyer a. a. O. S. 16. Verfasser der Übersetzung ist Vinc. Obsopöus, und Melanchthon hat sie geprüft. Vgl. Corpus Reform. I, 666, wo Melanchthons Vorrede mitgetheilt und auf einen Brief des Obsopöus an Melanchthon verwiesen wird (Cod. Bavar. II p. 547), in dem es heißt: Age vero dic quicquid actum sit cum libello de scholis erigendis a me verso? num emendasti? Significabis haec, ut sciam. Der Brief ohne Datum wird im Corp. Ref. August/September 1524 gesetzt.

 

β “NOTATIO || NICOLAI SEL- || NECCERI || De studio sacræ Theo- || logiae, & de ratione discendi || doctrinam cœlestem. || .... || D. D. MARTINI LVTHERI || Oratio de scholis recte instituendis, scripta || ad magistratus & senatores || Germaniæ. || Edita in vsum studiosæ || iuuentutis || LIPSIÆ || Iohannes Rhamba excudebat || M. D. LXXIX. ||” Am Ende: “LIPSIÆ || Iohannes Rhamba excudebat 1579. ||” 111 Blätter in Oktav.

Die lateinische Übersetzung unsrer Schrift steht Bl. K 4a (S. 147) ff. Es ist die des Obsopöus (mit Melanchthons Vorrede), aber nicht aus der Originalausgabe sondern aus dem Wittenberger Tom. lat. VII (1557) 438a ff. abgedruckt. Vorhanden in Breslau U. u. St., Königsberg U., Lübeck, Wien.

Eine neue lateinische Übersetzung des Abschnittes 36, 6 bis 39, 14 unsrer Ausgabe findet sich in

 

 

 

γ “ORATIO || De linguæ San- || CTAE ORIGINE, PRO- || gressu, & varia fortuna, ad || nostrum vsque sæculum. || CONSCRIPTA, ET PV- || blice in Academia Argenti- || nensi recitata || A || M. ELIA SCHADAEO Ecclesiaste & Professore: || [Druckerzeichen] ARGENTORATI || Excusa opera Iodoci Martini, Typis & || Impensis Autoris. Anno M. D. XCI ||“ 24 Blätter in Oktav.

Bl. C 5b beginnt: “COMMENDATIO LIN- || guarum, ex insigni illa M. Lutheri || ad Magistratus de constituendis || Scholis, adhortatione: ex Tomo || 2. Germanico transcripta || & in latinū sermonem || conuersa. ||“ Endet Bl. C 8b. Vorhanden in Breslau U.

 

[Seite 21]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

 

In neuerer Zeit ist unsere Schrift oft gedruckt worden, seltener allein als vielmehr in Sammlungen Lutherscher oder pädagogischer Schriften. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier genannt:

 

1. Die reformatorischen Schriften D. M. Luthers in chronol. Folge mit den nöthigsten Erläuterungen hsg. v. K. Zimmermann Darmstadt 1846 ff., Bd. II, S. 514 –540.

 

2. Sammlung selten gewordener pädag. Schriften des 16. u. 17. Ihs. hsg. v. A. Israel 1. Heft Zschopau 1879. 2 1893 (m. sprachl. Erläuterungen von Kießling, Anhang S. 46 –52).

 

3. Facsimiledruck der Ausgabe A. “Für F. A. Raschke in Zschopau als erstes Heft d. Sammlung selten gewordener pädag. Schriften d. 16. u. 17. Ihs. ... auf holländisches Büttenpapier ... gedruckt von W. Drugulin in Leipzig. 1883.” [ist nicht fehlerlos].

 

4. Dr. M. Luthers Gedanken über Erziehung u. Unterricht von J. Meyer u. J. Prinzhorn 1883, S. 91 –116 vgl. S. 271 –284.

 

5. Pädagogische Klassiker hsg. v. Lindner Bd. XV. D. M. Luthers pädag. Schriften mit Einl. u. Anm. von J. Chr. Schumann 1884, S. 120 –146.

 

6. Bibliothek pädagogischer Klassiker hsg. v. Mann. Bd. 28. D. M. Luthers pädag. Schriften hsg. v. H. Keferstein 1888, S. 31 –49.

 

7. M. Luthers Werke f. das christliche Haus Bd. 3, Braunschweig 1890, S. 1 –34 (bearb. v. E. Schneider).

 

8. Denkmäler der älteren deutschen Litteratur f. d. litteraturgesch. Unterricht an höheren Lehranstalten hsg. v. Bötticher u. Kinzel Bd. III, 3, 2, M. Luther. Verm. Schriften weltlichen Inhalts usw. von R. Neubauer Halle 1891, S. 6 –30 (gekürzt, mit guten Anm. unter dem Text).

 

9. Klassiker der Pädagogik Bd. II, Luther als Pädagog von E. Wagner 2 1892, S. 81 –106.

 

10. Kürschners Deutsche Nationallitteratur. Bd. 176. Luthers Schriften hsg. v. E. Wolff [1892], S. 171 –197 (kritischer Neudruck nach A mit dürftigen Anm.).

 

In den Gesammtausgaben findet sich die Schrift deutsch: Wittenberg Bd. VI (1553) Bl. 335b –344a, (Seitz 1559, Bl. 322b –330b); Jena Bd. II (1555) Bl. 459b –469b, (1563) Bl. 470b –480b, (1572. 1585) Bl. 454b –464b; Altenburg Bd. II S. 804 –815; Leipzig Bd. XIX S. 333 –345; Walch Bd. X Sp. 532 –567; Erlangen Bd. 22 S. 168 –199. Lateinisch steht unsere Schrift Witt. Tom. lat. VII (1557) Bl. 438a –447a (1558) Bl. 438b –447b.

 

Alle Nachdrucke stammen unmittelbar aus A, dessen Druckeinrichtung sich H sogar Seite für Seite anschließt. Jeder Nachdruck weist Eigenthümlichkeiten auf, die er mit keinem andern theilt, die sich aber alle erklären lassen, sobald man A als alleinige Vorlage annimmt. Eine Ausnahme macht nur K, dessen Abhängigkeit von I augenfällig ist.

 

Von den Spätdrucken sind a und d unmittelbar aus A geflossen, b stammt aus a, c aus b, e und f aus d.

 

Unserem Abdruck legen wir A zu Grunde; die Lesarten der Nachdrucke B –L verzeichnen wir in der gewohnten Weise, während wir Lesarten aus a –f nur an schwierigeren Stellen mittheilen, wo wir ja auch die Gesammtausgaben heranzuziehen pflegen.

 

 

 

[Seite 22]

 

 

Zur Ergänzung des Lesartenverzeichnisses diene die folgende Übersicht über Sprache und Schreibung der Nachdrucke, soweit sie von A abweichen.

 

Der Umlaut des a wird im Allgemeinen durch e bezeichnet; die Schreibung ae ist in F und G daneben nicht ungewöhnlich (maehr, jaerlich, laesterlich, staelle, vaetter, taeglich, schaetz F; daemme, geschaefft G), desgleichen in IK (maer, saelig, saeligkayt, jaerlich, jaemerlich, vaeter, waere, kaeme, maertern, aempter, knaeblin, almaechtig usw.), während sie in H und L entschieden überwiegt [in H auch ae f. ë: waeben, geschaehen, baerle, faechten]. Nicht selten ist in HIK auch die Schreibung oe: stoette, froembd, hoelle H; ernoeren, woeren, moer, oeltern, erwoelet, foert = - vehitur, hoerten = -durare IK; oeltist, boesser = melior, groebt = fodit, bewoegen K [in K auch erschroecken]. Abweichend vom Urdruck tritt Umlaut ein in aeschen F (2) IK (1), widersaecher G –L (1), halßsterrig HIK, erber (honestus) H, vndanckberkeit F (3) I (1). Der in A vorhandene Umlaut wird beseitigt in laßt FHIKL (stets, mit einer Ausnahme in L; G schreibt zweimal lasset), erkantnuß DIK (erkantnyß F), bekantnuß HIK (bekantnyß F); anfahet F –L, verschlafft GHK, geradt FHIK, martern GH, damme, manigfaltig, gesatz H, fallet HIK, Hebraisch (stets) IK, Artzeney L.

 

Der Umlaut des au wird in der Regel durch eu, vereinzelt durch eü (reüber F, eüget H, verseümen FGL) ausgedrückt, wie auch die Schreibungen vnglaeubig I, vngloeübig H vereinzelt bleiben. Gegen A mangelt der Umlaut in glawben B (2) DFGHIKL (stets), vnglaubig DKL, rauber DGHIKL, lauffen D –L, kauffen DFHIKL, versaumen D (4) G (1) H (2) IK (stets) L (mit einer Ausnahme).

 

Der Umlaut des o wird ausschließlich als oe geschrieben. Der von A abweichenden Fälle sind nicht eben viele: oeberkeit B (3) D (4), boeßheyt BC (1), moecht BCEGL (51, 11), soellich CD (1) G (2) H (9), soellch C (3) H (4) I (1), soellen C (1) H (10) K (1), woelt(en) D (5) EIK (1), koennen D (1) E (3) G (2) I (1) K (3), toechter DFHIK, bloech FG (31, 18), getroest FK, schoen B (52, 26), soenderlich C (2), koest (1) koembt (5) E, Bischoeffe (1) G. Die Schreibungen Goetes C (27, 17) und soe E (27, 14) sind wohl als Druckfehler anzusehen. Die Umlautsbezeichnung unterbleibt in sone (filii) BE (28, 11) H (45, 7), verlore B (1), wollt(en) BC (2) KL (1), notig BE, kloster (plur.), gehoren C, wollen CE (1), wolffe DF, grosser (maior) DK, koste HIK (29, 19), konnen D (2), offene (aperias) E.

 

Der Umlaut des u wird in B durch ue bezeichnet, daneben in D selten, in F –L überwiegend durch ü, in C und E auch durch ů (natůrlich, schůtzen, nůtz, sprůch, wůrde, můgen, kůndten, důrffe, grůndtlich usw. C, nůtzlich, tůck, můnich, můlstein, vernůnfftig, geschwůrm, antzůnden, entzůckt, außbůndigst usw. E); in H –K findet sich gelegentlich auch die Schreibung i oder y (dynn H; thyrren, anzynden, mylstain, außbindigst I; thyrren, spiren, kinden K). Das in A innegehaltene Umlautsgebiet wird weniger erweitert als eingeschränkt. Die Umlautsbezeichnung findet gegen A statt in fuer(-) B (5) D –L (stets, mit je einer Ausnahme in E und G); zukuenfftig BC (1) D –L (stets); sünde D –K (stets) L (1); kuendte(n) E –L (meist); gekündt DFHIKL (nicht durchweg); gruendtlich BCEFHIKL; fuercht (timet) DFGHIK; hynfürt

 

[Seite 23]

 

DFIKL; fünff(-) DFGHIKL; gewüst DFGI (gewist HKL); tuegen EGHL; über FGHL (meist, vereinzelt K); duencken C; stuecke (auch L), druemb, entzůckt, nuetz (Subst), geschmueckt E; fürmünden FHL; gülden GL (1); würden H (1); tück K (tůck E); künst H (einmal L, kůnst E). — Der Umlaut bleibt gegen A unbezeichnet in B: anzunden, furnemen (41, 8), fur (51, 18), dafur (51, 6), furnemst (52, 8), Munich (2), kunde (4), (vn) nutz (2), fulle (2), fullen (1), gepuren (1), erfur (1), furst (1), gulden (1), wurde(n) (5), vnuernunfftig (1); — in C: furst (1), gulden (1), vernunfftig (1), gepuren (2), erfur (1), (vn)nutz (3), fulle (1), durfft (1), kunste (4), kundtist (1), grunden (1), feylspruchen (1), kunden (3), tzurnen (1), stucken (1), furhanden (1); — in D: wurde(n) (15), gulden (4), kunste (1), daruber (5), versuncken (coni. praet.), hulffs, anbunden (1); — in E: wurde(n) (3), gulden (2), vberdrussig (1), lustig (1), kunden (3), versuncken, anbunden, furcht (30, 1), thuren (44, 20), tuchtig, grunnden (39, 26), (un)nutz (2); — in F: wurden (1), gulden (4), kundten (1), kuchen (45, 3); — in G: wurde(n) (3), gulden (1), vnnutz (1); — in H: wurden (2), gulden (1), kunste (1), versuncken, hulffs, anbunden, kuchen, kurtzlich, nutz, nutzlich; — in I: wurde(n) (11), gulden (4), kunste (1), kundten (1), hulffs, kuchen, kur (36, 14); — in K: wurde(n) (13), gulden (4), kunden (1), hulffs, kuchen, kurtzlich; — in L: wurden (1), nutz.

 

Der Umlaut des uo erscheint in der Regel als ue, daneben in C und E ziemlich häufig als ů (můde, grůnet, můssen, gefůrt C; můste, můhe, brůder = fratres E; wahrscheinlich sind auch grůnet 42, 13 EFHI, schůler FGHL, gůtter 29, 20 I, fůrt 33, 9 L als Umlautsbezeichnungen anzusehen. In L wird auch dieser Umlaut, wie der des u, fast ausnahmslos als ü bezeichnet (sonst nur einmal in D fület). Über die in A gezogenen Grenzen hinaus greifen nur wenige Fälle: schueler BIK, fuelen DEFGIKL, ueben DFGHIKL, gruenet KL, fueren C (2) D (8) E (6) HIK (stets) L (1), mueste D (1) E (4) F (stets) G (6) HIKL (1), armuets 34, 19 E (vgl. armüete Lexer). Die Umlautsbezeichnung mangelt in verstunden (1), verfurer (1), huten (1), bucher (10), mussen (1) B; mussen (2), muste (1), musten (1) C; fureten (1) D; gutter (bona), stunde (staret) E.

 

Vokale. 1. Gegen A (wo -lin) ist alte Länge diphthongirt in byßleyn, kindleyn B, maydlein (auch K), kneblein, kindtlein D; gegen A gewahrt in libraryen B (1) C (2), ferner in yn (-) F (29, 9. 32, 5. 40, 19. 45, 10. 50, 10. 52, 23), G (29, 9. 45, 10. 50, 10); guldin H (3). BDFIK schreiben 27, 24 freunde, freundtlich, ebenso 31, 5 DEGIK freuende gegen fruende A, während 42, 17 umgekehrt freund A in F als fründ erscheint. Ebenso wird latinisch 32, 10 A zu lateinisch BCDHIKL, während das sonst in A übliche lateinisch in EF meist durch latinisch ersetzt wird. In G findet sich blyben, schryben, zwyffel, glich gegen bleyben usw. A, desgleichen fast durchweg vff(-) und vß(-), auch brun (51, 3); in F stets vff und druff, in E zweimal vff-. Hierher gehört wohl auch ein vereinzeltes tzucht C (für zeucht), und dreü H (aus driu) 27, 6.

 

2. Die alten und die neuen Diphthonge werden durch die Schreibung in der Regel nicht unterschieden. Nur DHIK geben das alte ei durchweg durch ai oder

 

[Seite 24]

 

ay, aber wiederholt steht ein in D. Vereinzelt ist waiß in F. In I begegnet auch mayn (meus), — ou nur in jungkfrowen 33, 13 H. Das aus iu entstandene eu wird von dem au-Umlaut in D mehrfach als eue, in F –L der Regel nach als eü unterschieden, doch finden sich Ausnahmen wie reüber F, verseümen FGL, eüget H, Teutsch D, Deutsch E; in E auch zeůget und eůget.

 

3. Altes ie ist in allen Drucken meist bewahrt. Doch hat A meist zihen (ziehen 46, 23), dafür setzen DF stets, EHIKL meist ziehen, G dagegen hat zihen durchgeführt. Ferner hyrynn A > hierin DFHIKL; spigel A > spiegel EFHKL; nyrgent A > niergent (1) DL (2) F; ymer > yemer (1) G. Umgekehrt haben andere Drucke i für ie in A: schir (1) B; dinst (1) EL; Krichen (1) E; lichters (1) H. — Das ie für i als Zeichen der eingetretenen Verlängerung wird in den Nachdrucken außer B und E (wo besonders dieser) gern durch i ersetzt. Nur hin und wieder begegnet in den Nachdrucken ie für i A: schriefft B; lyegen (iacere) C, hien G, sieht L.

 

4. u und uo werden in einigen Drucken noch unterschieden. CFGHIK verfahren in dieser Scheidung von u und ů im Ganzen sorgfältig; B schreibt gelegentlich nuer, zue oder fueg, K schuele, guett, thuet, D einmal fuer (aus fuor) und öfter nuer, CEFL öfter nůr (auch in A nuer), EFL nů(n), E auch nue. Bunt ist das Bild in E, das neben zů, schůle usw., wie wir oben sahen, ein ů = Umlauts-ü aufweist. Dazu tritt dann noch ein ů (ue) an Stellen, wo Umlaut zweifelhaft oder unmöglich ist: kůnst 35, 5 (Dat. Sg. mit Umlaut?), zůchtmeyster 35, 11 (Anlehnung an züchtigen?), Acc. pl. zůngen (37, 8), schmůck (36, 16), kůmen, lůst (Sing.), grůnd, verwůndert, vnterwůnden, getzwůngen, můnd; zuengen (36, 7), schmueck (36, 16), vernuenfft (38, 21).

 

5. Für a tritt o ein in on für an (ad) B (2), sowie in mehrfachem (dar)noch EL, das übrigens auch in A begegnet, z. B. 52, 4, wo BCFIL und 35, 33, wo DFIL (dar)nach setzen. G hat einmal lossen (sinere), FHIKL meistens (ge)thon, H einmal anston (29, 3). Umgekehrt erscheint bisweilen nach für noch (neque) in CF, an für on (sine) E (3) L (1).

 

6. Über oe oder ae für ë siehe oben.

 

7. In FGL wird die Schreibung eüw oder euw bevorzugt in eüwer, greuwlich, feuwer, streüwen, treüw, neüw (so auch H), scheüwen usw. gegen ewer usw. A.

 

8. Ersatz eines i durch ü zeigen würfft DIK (1), würt H (8) I (1), gewünnen IK (36, 26), müst K (Subst.), während sprüchwort H (1) au Anlehnung an spruch beruhen wird. Für ie steht ü in nümmer L (1) schüssen K. Dazu gefueele (placeret) IK (1).

 

9. An Stelle von o erscheint vielfach u. B sundern (4), DFL stets sunder (wofür in GHIK stets, in E einmal sonder), DFL haben immer, BCI je einmal sunderlich (in L einmal auch sünderlich), DFL einmal besunders DFKL schreiben regelmäßig, BEGHI bisweilen sunst; DFL immer, B, I und IK vereinzelt kumen, kumbt. CHIK haben trutz (1), D Sunne (1) DGHIK Nunne (1), F dule, H dull (f. dole 51, 20), DFL wiederholt genumen. DGHIK schreiben sun, FL sůn (filius), süne (filii), F büffel für poeffel, D verlure, (er)zuge (einmal so auch IK) für verloere, erzoege, FK auch (er)züge, D (auff)zugen (3) für (auff)zogen (= educabant). Für

 

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konnen erscheint kuennen G (1) L (3). GHIKL schreiben meist kuenig(lich), kuenigreich.

 

10. Für u tritt nicht selten o ein. So wird furcht zu forcht DEFGIKL, fuercht (timet) zu foercht L (2); kuendte(n) zu koende(n) D (16) G (1), gekundt zu gekoendt E (1); thuerst zu thoerste D (1); (be)duerffte zu (be)doerffte DEL (K auch derffte); muenich zu moenich, moench, getuecht zu getocht E. D schreibt immer moegen, moeglich, vermoegen, I je einmal moegen und moeglich.

 

11. Die Längenbezeichnung der Vokale durch h ist in allen Nachdrucken zumeist beseitigt: es wird fast durchweg jr (yr), jm, jn für yhr usw. geschrieben, desgleichen mer, ere für mehr, ehre. Oft ist an Stelle des Dehnungs-h Doppelung des e getreten: meer, eere. Vereinzelt begegnet in BE yhn für in (Präp.). — Auch für ehe, wehe A meist ee, wee.

 

12. Das md. i in Endsilben wird in den Nachdrucken oft beseitigt. Gottis wird in DFHIKL durchweg, in G häufig zu Gottes, in B neunmal, in C nur einmal; 29, 33 hat C gegen A Gottis hergestellt. Alle Drucke stehen gegen A zusammen in offenbarn f. offinbarn. Für hoehist haben 27, 19 DFH hoechest, 32, 15 DFGIK hoehest, 36, 1 DEH hoechst und L durchweg hoechst; C hat 45, 9 gegen hoehest A hoehist hergestellt, ebenso 35, 2 D ausbündigist f. ausbuendigst. Einzelne Fälle: eltesten DGH (aeltsten L), kuendtest FGIKL, gelertesten, fürnaemesten H gegen eltisten usw. A.

 

13. Das Abwerfen des Endungs-e ist in allen Drucken häufig, in L sogar die Regel. In den Lesarten wurden nur diejenigen Fälle aufgeführt, in denen es abweichend vom Urdruck gesetzt ist. Dagegen wurden vollzählig diejenigen Fälle verzeichnet, bei denen das e im Auslaut vor Konsonant eintritt oder schwindet (fewer), und wo es in Mittelsilben einer vom Urdruck abweichenden Behandlung unterliegt (verordenen neben verordnen usw.). Anfügung eines unorganischen e ist selten: geyste (Acc. Sg.), genuge (50, 6, wo aber vielleicht die flektirende Form der älteren Sprache noch nachwirkt) B, schulde (Nom. Sg.), volcke (Acc. Sg.) E.

 

14. In geen, steen und seinen Zusammensetzungen haben DFHIK durchgehends, G häufig das h getilgt.

 

Konsonanten. Anlautendes b wird in D häufig p: plut, plume, pit, preyten, prunnen, procken, prot, (vn)danckparkait; dazu gesellt sich Papst H (2), pleyben (2), pringen (1) K, gepott CE (32, 19). Umgekehrt wird anlautendes p des Urdrucks zu b in gebott 27, 8 DFHIKL, 37, 26 CFGL; gebotten 32, 17 DFGHIKL; gebeuet, geborn, gebüren DFGHIKL; boden (42, 9) CFGHIKL; bueschen FGHIKL; büffel 44, 7 F (bofel IK); emberen FHL; berlen F; blatten C; blage I; barreten L.

 

Anlautendes d wird zu t in teutsch DFHIKL (stets, mit einer Ausnahme F, zwei Ausnahmen H); treck H; truck(en) HIKL. Beispiele für den Inlaut sind nur Entechristisch IK und selten IKL. Die entgegengesetzte Vertretung zeigen dantzen G; doll, dappen, dantzen H; doll, doben, doechter L für tantzen usw. A. Ferner im Inlaut: einschneyden 52, 24 DF; beschneydung DEFHIKL; vnder(-) D (1) F –L (stets, mit wenigen Ausnahmen in G), wo A t aufweist.

 

 

 

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Schwanken zwischen g und k zeigt iungfraw neben iunckfraw und iungfraw; seligkeytt, reynigkeit usw. neben selickeit usw. — Hieran sei angereiht manichfelltig A > manig- BDEFHIK; schlahen A > schlagen D; schewen A > schewhen (scheühen) DHI.

 

dd in odder, widder usw. wird in den Nachdrucken meist vereinfacht andernorts aber Doppelungen von n, t, l usw. gegen A eingeführt. — B liebt die Schreibung zc (zcu, zcihen), C das tz im Anlaut (tzeygen).

 

Anfügung von t an Wort- oder Silbenschluß findet sich in sprichtwort C dannocht DL, dennocht HIK, anderst H, waißt HIK.

 

Vor- und Nachsilben. Die Vorsilbe ge- büßt bisweilen den Vokal ein: gwesen, gwar, gschaefft, gsagt H; gschwindest K; gnug (50, 6) CEHKL. Das Gegentheil findet statt in genůg 36, 3 H, 40, 22 K; genůgsam 36, 8 L; gelaubt (1), geleych (3) K; genad (1) E. Die Vorsilbe zu- (daneben zur- A) wird in DFHIKL gelegentlich durch zer- ersetzt. In allen Drucken wechselt -nis mit -nuß, in D einmal auch ergernüß. CFHIL schreiben gelegentlich yrthumb, DEIK einmal Priestertumb gegen -tum A.

 

Wortformen. Muenich > Muench B (3) CD (1) FHIKL (meist); erbeyt(en) > arbeyt(en) DFG (stets) H –L (meist) BC (1); wiste > wuste F, wueßte K; thun > thon K (1); sind > seind DIK (meist) CEGH (vereinzelt) sein L (auch D); wilch (daneben welch und welich A) > welch B (2) C (1) DFGHL (stets), woelch (daneben woellich) IK und vereinzelt L (K auch welch); solch und solich schwanken in allen Drucken, ebenso do und da; manich- > manch- L (1); wider > weder DFKL (stets) GH (meist) I (vereinzelt); ent weder > aintweder HIK; wo > wa I (stets, auch wahin) K (1); denn > dann BEFIK (1) DL (stets) H (meist); wenn > wann H (2) L (stets). yderman > yederman C –L; iglich > yegklich DFGHIKL (meist); zwentzig > zwaintzig DHIK; feylen, feilen > feelen (felen) DEFGL; faelen HIK.

 

dazu > darzu B (6) D (stets) FG (2) H (7) IKL (stets); dabey > darbey DIK (1); dadurch dardurch D (5) L (1); darfür D (1) I (1) L (1); daruon D (2); darmit K (1); darwider L (1); erfur herfur BC, herfür DHIKL (stets); ereyn herein DFHIKL; nicht nit BDEHIKL (oft) F (stets) CG (bisweilen); sanct (S.) > sant DIK, zuweilen auch B; nu > nun DG stets, HL meist. In IK finden sich 13 nu 12 nun, die nur in sofern eine gewisse strichweise Vertheilung zeigen, als B 1a –3a nur 3 nun; B 4a –E 3a nur 6 nu stehen. Auch nach der Bedeutung, nach der Verwendung und Stellung im Satze scheiden sich die nu nicht von den nun. In verneinten Sätzen z. B finden wir 3 nu, 3 nun; der Versuch, das nun als Verallgemeinerung aus nu en(ist) zu erklären, der an sich manches für sich hat, erhält also aus IK keine Stütze.

 

itzt > ietzt (yetzt) CDE (vereinzelt), yetzt (auch yetz) F, yetzt (selten ietzt) G, ietz(t) (daneben ytz und itz) H, yetz(t) IK, yetzt (neben ytzt) L; sintemal > seintemal (daneben seytemal) D, syntenmal G (1), seitenmal (daneben seytemal) H (3), seytemal IK (2), seidtmal L (4).

 

 

 

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[1]

An die Burgermeyster und Radherrn allerley stedte ynn Deutschen landen.

Martinus Luther.

1524

 

[Seite 27] [ 1 Ratherren DI Ratsherrn H Radtßherren K        stedte] Soette [so] K 4 herren (so meist) D (stets) IK 5 liebe H 6 nun DHL 12 daruber D 14 steht L 16 jres F 17 sachen K 18 eyget G ayget K aeyget L 19 auff hoechst L 21 Esaias D 22/23 hailwertige DIK hailwaertig H 23 lampel D ampel HK        angezündet D        nun DEHIKL        meynen IK 24 herren (so öfters) G        woellet DHL woelttē G 26 vor Gott HIK 27 moecht fehlt IK        stillschweygen FIKL 29 verordnet DFL        es fehlt IK 30/31 zugesagt bis gehorchet fehlt C 30 angesaget E]

 

 

[4] Gnad und frid von Gott unserm vater und herrn [5] Ihesu Christo. Fuersichtigen weysen lieben herrn. [6] Wie wol ich nu wol drey jar verbannet und ynn [7] die acht gethan hette sollen schweygen, wo ich [8] menschen gepott mehr denn Gott geschewet hett, [9] wie denn auch viel ynn deutschen landen beyde [10] gros und kleyn mein reden und schreiben aus der [11] selben sach noch ymer verfolgen und viel blutts [12] drueber vergiessen. Aber weyl myr Gott den mund [13] auff gethan hatt und mich heyssen reden, dazu so [14] krefftiglich bey myr stehet und meyne sache on meynen rad und thatt so viel [15] stercker macht und weytter ausbreytt, so viel sie mehr toben, und sich gleich [16] [Ps. 2, 4] stellet als lache und spotte er yhrs tobens, wie der ander psalm sagt: An [17] wilchem alleyne mercken mag wer nicht verstockt ist, das dise sache mus Gottes [18] eygen seyn, Sintemal sich die art Goettlichs worts und wercks hie euget, wilchs [19] allzeyt denn am meysten zunimpt, wenn mans auffs hoehist verfolget und [20] dempffen will.

 

[21] [Jes. 62, 1] Darumb will ich reden (wie Isaias sagt) und nicht schweygen, weyl ich [22] lebe, bis das Christus gerechtigkeyt aus breche wie ein glantz und sein heylbertige [23] gnad wie eyn lampe anzündet werde, und bitte nu euch alle meyne [24] lieben herrn und fruende, woelltet dise meyne schrifft und ermanung fruendlich [25] annemen und zu hertzen fassen. Denn ich sey gleych an myr selber wie ich [26] sey, so kan ich doch fur Gott mit rechtem gewissen rhuemen, das ich darynnen [27] nicht das meyne suche, wilchs ich viel bas moecht mit stille schweygen uberkomen, [28] sondern meyne es von hertzen trewlich mit euch und gantzem deutschen [29] land, da hyn mich Gott verordenet hat, es glewbe odder glewbe nicht wer [30] do will. Und will ewer liebe das frey und getrost zugesagt und angesagt [31] haben, das wo yhr mir hierinn gehorchet, on zweyffel nicht myr, sondern

 

[Seite 28]

 

[ 1 gehorcht EK        Christum DHK 3 lere DFL        selber H 6 werdent H 7 deüre IK        blůmen IK 8 Esaias D        darein D        wehet DL 9 darauff D        nun BDHIKL 10 vnchristenlich D        nur] nū H        hauch G 11 weyl fehlt D        toecher B 12 mehr fehlt D 15 lernen] leren E 16 so] als H        leren] lernen F 17 zayget IK 18 bekantnyß F bekantnuß HIK 19 ynn] in den D]

 

[1] Christo gehorchet. Und wer myr nicht gehorchet, nicht mich, sondern Christon veracht. [2] Denn ich weys yhe wol und byn gewiss, was und wo hyn ich rede [3] odder leer, so wirds auch yederman wol selbs spueren, so er meyne lere recht [4] will ansehen.

 

[5] Auffs erst erfaren wyr ietzt ynn deutschen landen durch und durch, wie [6] man allenthalben die schulen zur gehen lesst, die hohen schulen werden schwach, [7] kloester nemen ab, und will solichs gras duerre werden und die blume fellt [8] [Jes. 40, 6 ff.] dahyn, wie Isaias sagt, weyl der geyst Gottis durch seyn wort drein webet [9] und scheinet so heys drauff durch das Euangelion. Denn nu durch das wort [10] Gottis kund wird, wie solch wesen unchristlich und nur auff den bauch gericht [11] sey. Ja weyl der fleyschliche hauffe sihet, das sie yhre soene, toechter [12] und freunde nicht mehr sollen odder muegen ynn kloester und stifft verstossen [13] und aus dem hause und gutt weysen und auff frembde guetter setzen, will [14] niemand meher lassen kinder leren noch studiern. ‘Ja, sagen sie, Was soll [15] man lernen lassen, so nicht Pfaffen, Muenich und Nonnen werden sollen? [16] Man las sie so mehr leren, da mit sie sich erneren.’1

 

[17] Was aber solche leut fur andacht und ym synn haben, zeuget gnugsam [18] solch yhr eygen bekentnus. Denn wo sie hetten nicht alleyn den bauch und [19] zeytliche narung fur yhre kinder gesucht ynn kloestern und stifften odder ym [20] geystlichen stand, und were yhr ernst gewest der kinder heyl und seligkeyt zu

 

[Seite 29]

 

[ 3 anston H anstehn (so meist) L 4 kinderen G 5 andre H andere IK 9 gybt BFGHL 10 fleischē E        so fehlt H        zuuorlassen E 11 yhn] jnen D 12 nun DGHIKL 13 geystlichen B        zerstoert H 14 verderbt L        wilchem E 16 dz man das jūg IK        er nach were fehlt C 18 geschwindest D gschwindest K        gehn (so stets) L        niedliche] medliche E neydische H noedtliche IK 19 seyner] yrer H 20 wurde D 24 richtet F 25 waer H 26 Nun DGHIKL 27 fert IK        nun DGHIKL 31 friden] freüdē K 32 durch iunge H 33 erkantnuß DIK 34 fuernem E 35 geht (so stets) L]

 

[1] suchen, so wuerden sie nicht so die hende ablassen und hynfallen und sagen [2] ‘Soll der geystliche stand nichts seyn, so woellen wir auch das leren lassen [3] anstehen und nichts dazu thun’, sondern wuerden also sagen ‘Ists war wie [4] das Euangelion leret, das solcher stand unsern kindern ferlich ist, Ach lieber [5] so leret uns doch eyne ander weyse, die Gott gefellig und unsern kindern [6] seliglich sey, Denn wyr woellten jha gerne unsern kindern nicht alleyn [7] den bauch, sondern auch die seel versorgen’, das werden freylich rechte Christliche [8] trewe elltern von solchen sachen reden.

 

[9] Das aber der boese teuffel sich also zur sache stellet und gibet solchs eyn [10] den fleyschlichen welthertzen, die kinder und das junge volck so zuverlassen, [11] ist nicht wunder, und wer wills yhn verdencken? Er ist eyn fuerst und gott [12] der wellt. Das er nu des sollt eyn gefallen tragen, das yhm seyne nester, [13] die kloester und geistliche rotten, verstoeret werden durchs Euangelion, ynn wilchen [14] er aller meyst das junge volck verderbet, an wilchen yhm gar viel, ja [15] gantz und gar gelegen ist, wie ists mueglich? Wie sollt er das zugeben odder [16] anregen, das man jung volck recht auffzihe? Ja eyn narre were er, das er [17] ynn seynem reich sollt das lassen und helffen auffrichten, da durch es auffs [18] aller schwindest mueste zu boden gehen, wie denn geschehe, wo er das niedliche [19] bislin, die liebe jugent, verloere und leiden muste, das sie mit seyner koeste und [20] guetter erhallten wuerden zu Gottis dienst.

 

[21] Darumb hat er fast weyslich than zu der zeyt, da die Christen yhre [22] kinder Christlich auffzogen und leren liessen. Es wollt yhm der junge hauffe [23] zu gar entlauffen und ynn seinem reich eyn unleidlichs auffrichten. Da fur [24] er zu und breyttet seyne netze aus, richte soliche kloester, schulen und stende [25] an, das es nicht mueglich war, das yhm eyn knabe het sollen entlauffen on [26] sonderlich Gottis wunder. Nu er aber sihet, das dise stricke durchs Gottis [27] wort verraten werden, feret er auff die ander seytten und will nu gar nichts [28] lassen lernen. Recht und weyslich thut er abermal fur seyn reych zuerhallten, [29] das yhm der junge hauffe ja bleybe. Wenn er den selben hat, so wechst er [30] unter yhm auff und bleybt seyn, wer will yhm etwas nemen? Er behelt [31] die welt denn wol mit friden ynnen. Denn wo yhm soll eyn schaden geschehen, [32] der da recht beysse, der mus durchs junge volck geschehen, das ynn [33] Gottis erkenntnis auff wechst und Gottes wort aus breyttet und ander leret.

 

[34] Niemand, niemand gleubt, wilch eyn schedlichs teuffelisch furnemen das [35] sey, und gehet doch so still daher, das niemand merckt, und will den schaden

 

[Seite 30]

 

[ 2 vor HIK        versteht (so stets) L 5 die] den H        den H 6 nuer] nū H 7 auff zyehen H 8 nutzes D nutz HK 11 woellt K 12 thůndt H 15 tueckische Tuerckische D 16 Christlichem B        gewert E 18 vnzelliche D 19 haben C 22 das da IK 24 des] das IK 25 hinfür H        solchs EL 26 dancke K        hinfür H der selben F 28 muest] muessen DFL]

 

[1] gethan haben1, ehe man radten, weren und helffen kan. Man furcht sich [2] fur tuercken und kriegen und wassern, denn da verstehet man, was schaden und [3] frumen sey. Aber was hie der teuffel ym synn hat, sihet niemand, furcht [4] auch niemand, gehet still ereyn. So doch hie billich were, das, wo man eynen [5] gulden gebe widder die tuercken zu streytten, wenn sie uns gleich auff dem [6] halse legen, hie hundert guelden geben wuerden, ob man gleich nuer eynen [7] knaben kund damit auff erzihen, das eyn rechter Christen man wuerde. Syntemal [8] eyn recht Christen mensch besser ist und mehr nutzs vermag denn alle [9] menschen auff erden.

 

[10] Der halben bitt ich euch alle meyne lieben herrn und freunde umb [11] Gottis willen und der armen jugent willen, woellet dise sache nicht so geringe [12] achten, wie viel thun, die nicht sehen, was der wellt fuerst gedenckt. Denn es [13] ist eyn ernste grosse sache, da Christo und aller wellt viel anligt, das wyr [14] dem jungen volck helffen und ratten. Da mit ist den auch uns und allen [15] geholffen und geratten. Und denckt, das soliche stille, heymliche, tueckische anfechtunge [16] des teuffels will mit grossem Christlichen ernst geweret seyn. Lieben [17] herrn, mus man jerlich so viel wenden an buechsen, wege, stege, demme und [18] der gleichen unzelichen stucke mehr, da mit eyne stad zeyttlich fride und gemach [19] habe, Warumb sollt man nicht viel mehr doch auch so viel wenden an [20] die duerfftige arme jugent, das man eynen geschickten man oder zween hielte [21] zu schulmeystern?

 

[22] Auch soll sich eyn iglicher burger selbs das lassen bewegen: hatt er [23] bis her so viel gelts und gutts an ablas, messen, vigilien, stifften, testament, [24] jartagen, bettel muenchen, bruderschafften, walffarten und was des geschwuerms [25] mehr ist, verlieren muessen, und nu hynfurt von Gottis gnaden solches raubens [26] und gebens loss ist, woellt doch Gott zu danck und zu ehren hynfurt des selben [27] eyn teyl zur schulen geben, die armen kinder auff zuzihen, das so hertzlich [28] wol angelegt ist, so er doch hette muest wol zehen mal so viel vergebens den [29] obgenanten reubern und noch mehr geben ewiglich, wo solch liecht des Euangelii

 

[Seite 31]

 

[ 1 erloeßt K 3 vnd zů messen L        gaeb H 4 tryb IK        seins L        dings DFL 5 nun DGL        dis] die H        herren H 7 heymlichsten F 8 sant DIK        wyr] wie H 9 die selbige D 10 dahaym K        gesůchet K 12 kunste D 13 weliche] weltliche H yhr] sy H 14 vor HIK 15 achzehenden IK 16 meher C        hohe F        gekund] künden H 17 gelernet L        nuer] nun H 18 bloeck IK        gelert G 19 gewest IK        schedlich D 20 edel IK        iungent E 21 bleiben G 22 andere E andre H        lernen E 23 lernet E 24 stumb E 25 dise] die E        esels stelle EL        vnd] des D        versencken G 26 nun so vns D reilich H 29 schlagen D        steht E        für die H vor der IK 30 wyr] mir F 31 Versehen] Vbersehen IK        vor ober I        yhn fehlt B 33 vnser D        darinn H]

 

[1] nicht komen were und yhn da von erloeset hette, und erkenne doch, das, [2] wo sich das weret, beschweret, sperret und zerret, das gewislich der teuffel da [3] sey, der sich nicht so sperret, da mans zu kloestern und messen gab, ja mit [4] hauffen dahyn treyb. Denn er fulet, das dis werck nicht seynes dinges ist. [5] So lasst nu dis die erste ursach seyn, alle lieben herrn und fruende, die euch [6] bewegen soll, das wyr hyrynn dem teuffel wider stehen alls dem aller schedlichsten [7] heymlichen feynde.

 

[8] [2. Cor. 6, 1 f.] Die ander, das, wie S. Paulus sagt 2. Cor. 6., wyr die gnade Gottis [9] nicht vergeblich empfahen und die selige zeyt nicht verseumen. Denn Gott [10] der allmechtige hatt fur war uns deutschen ietzt gnediglich daheymen gesucht [11] und ein recht guelden jar auff gericht. Da haben wyr ietzt die feynsten gelertisten [12] junge gesellen und menner, mit sprachen und aller kunst geziert, [13] weliche so wol nutz schaffen kuendten, wo man yhr brauchen woellt, das junge [14] volck zu leren. Ists nicht fur augen, das man ietzt eynen knaben kan ynn [15] dreyen jaren zu richten, das er ynn seynem funfftzehenden odder achtzehenden [16] jar mehr kan, denn bisher alle hohen schulen und kloester gekund haben? Ja [17] was hat man gelernt ynn hohen schulen und kloestern bisher, denn nuer esel, [18] kloetz und bloch werden? zwentzig, vierzig jar hat eyner gelernt und hat noch [19] widder lateinisch noch deutsch gewust. Ich schweyge das schendlich lesterlich [20] leben, darynnen die edle jugent so jemerlich verderbt ist.

 

[21] War ists, ehe ich wollt, das hohe schulen und kloester blieben so, wie [22] sie bis her gewesen sind, das keyn ander weyse zu leren und leben sollt fur [23] die jugent gebraucht werden, woellt ich ehe, das keyn knabe nymer nichts lernte [24] und stum were. Denn es ist mein ernste meynung, bitt und begirde, das [25] dise esel stelle und teuffels schulen entweder ynn abgrund versuencken oder zu [26] Christlichen schulen verwandelt werden. Aber nu uns Gott so reichlich begnadet [27] und solicher leut die menge geben hat, die das junge volck feyn leren [28] und zihen muegen, Warlich so ist not, das wyr die gnade Gottis nicht ynn [29] wind schlahen und lassen yhn nicht umb sonst anklopffen. Er stehet fur der [30] thuer, wol uns, so wyr yhm auff thun. Er gruesset uns, selig der yhm antworttet. [31] Versehen wyrs, das er fur uber gehet, wer will yhn widder holen?

 

[32] Last uns unsern vorigen jamer ansehen und die finsternis, darynnen

 

[Seite 32]

 

[ 1 Teutsche D 2 gehoert EK 5 Marckt DEFGHIKL        vor FHIK 7 wort und fehlt IK        farender] fremder E faret er K 11 duerfft] beduerfft D 12 dencken] gedencken H        werden CH 13 Darumb GHIK 15 Der dritte CIK        Moyse K 16 fordert DFGHL        elteren G        der fehlt E 21 allten] eltern D        lernen C 22 volle tolck E        sollte K        selber F 23 erfarn H 25 fordern DEFGHL        auch] er auch D        beuilhet L 26 die (nach alten) fehlt L 29 bestes] boeßes! E        selbst H 31 lere E lert K]

 

[1] wir gewest sind.1 Ich acht, das deutsch land noch nie so viel von Gottis wort [2] gehoeret habe als itzt. Man spuert yhe nichts ynn der historien davon. Lassen [3] wyrs denn so hyn gehen on danck und ehre, so ists zu besorgen, wyr werden [4] noch greulicher finsternis und plage leyden. Lieben deutschen, keufft, weyl der [5] marck fur der thuer ist, samlet eyn, weyl es scheynet und gutt wetter ist, [6] braucht Gottis gnaden und wort, weyl es da ist. Denn das sollt yhr wissen, [7] Gottis wort und gnade ist ein farender platz regen, der nicht wider kompt, [8] wo er eyn mal gewesen ist. Er ist bey den Juden gewest, aber hyn ist hyn, [9] sie haben nu nichts. Paulus bracht yhn ynn kriechen land. Hyn ist auch [10] hyn, nu haben sie den Tuercken. Rom und latinisch land hat yhn auch gehabt, [11] hyn ist hyn, sie haben nu den Bapst. Und yhr deutschen duerfft nicht [12] dencken, das yhr yhn ewig haben werdet, Denn der undanck und verachtung [13] wird yhn nicht lassen bleyben. Drumb greyff zu und hallt zu, wer greyffen [14] und hallten kan, faule hende muessen eyn boesses jar haben.

 

[15] Die dritte ist wol die allerhoehist, nemlich Gottis gebott, der durch Mose [16] so offt treibt und fodert, die elltern sollen die kinder leren, das auch der [17] [Ps. 78, 5 f.] 77. Psalm spricht ‘Wie hatt er so hoch unsern vetern gepotten, den kindern [18] kund zu thun und zu leren kinds kind’. Und das weyset auch aus das vierde [19] [5. Mose 21, 18 ff.] gebott Gottis, do er der elltern gehorsam den kindern so hoch gepeut, das [20] man auch durchs gericht toedten soll ungehorsame kinder. Und warumb leben [21] wir allten anders, denn das wir des jungen volcks warten, leren und auffzihen? [22] Es ist yhe nicht mueglich, das sich das tolle volck sollt selbs leren [23] und halten, darumb hat sie uns Gott befolhen, die wyr allt und erfaren [24] sind was yhn gut ist2, und wird gar schwerlich rechnung von uns fur die [25] [5. Mose 32, 7] selben fodern. Darumb auch Mose befilht Deutero. 32. und spricht ‘Frage [26] deynen vater, der wird dyrs sagen, die allten die werden dyrs zeygen’.

 

[27] Wie wol es sunde und schande ist, das da hyn mit uns komen ist, das [28] wyr aller erst reytzen und uns reytzen sollen lassen, unsere kinder und junges [29] volck zu zihen und yhr bestes dencken, so doch das selb uns die natur selbs [30] sollt treyben und auch der heyden exempel uns manichfelltig weysen. Es ist [31] keyn unvernuenfftig thier, das seyner jungen nicht wartet und leret was yhn

 

[Seite 33]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 1 gepuert] gebeuet D        seynen EIKL 2 seyn, und lesst fehlt B 3 hülff es L 4 meyste E 5 nemblich E        des] das E 6 vor IK        beschwert EIKL 7 vordienet E verdyent H        kinderen G 8 zeyhē C 9 schůle I schůle K 10 scolarem K 11 eynen] ainem IK        jungkfrowen H 12 erschreckt L 13 dwie A dw je C dwiel G wie BDEFHIKL Witt Ien 14 iunckfrawen F 16 erkent H 21 ergernüß D ergerniß FG ergernus IK 23 tieffsten D nuer] nun H 25 das] es B 25/26 ratsherrn H ratdßherren K 26 elteren G 27 darumb DIK        kindern C 28 werdet B 29 den fehlt D        elteren G]

 

[1] [Hiob 39 [so], 14. 16] gepuert, on der straus, da Gott von sagt Job 31., das er gegen seyne jungen [2] so hart ist, alls weren sie nicht seyn, und less seyne eyer auff der erden [3] ligen. Und was huelffs, das wir sonst alles hetten und thetten und weren [4] gleich eyttel heyligen, so wyr das unter wegen lassen, darumb wyr aller meyst [5] leben, nemlich des jungen volcks pflegen? Ich acht auch, das unter den eusserlichen [6] sunden die wellt fur Gott von keyner so hoch beschweret ist und so [7] grewliche straffe verdienet, alls eben von diser, die wyr an den kindern thun, [8] das wyr sie nicht zihen.

 

[9] Da ich jung war, furet man ynn der schulen eyn sprich wort ‘Non [10] minus est negligere scholarem quam corrumpere virginem’. ‘Nicht geringer [11] ist es eynen schuler verseumen, denn eyne jungfraw schwechen.’ Das sagt man [12] darumb, das man die schulmeyster erschrecket, denn man wiste dazu mal keyn [13] schwerer sunde denn jungfrawen schenden. Aber, lieber herrgott, wie gar viel [14] geringer ists, jungfraw oder weiber schenden (wilchs doch als ein leybliche [15] erkandte sunde mag gebuesset werden), gegen diser, da die edlen seelen verlassen [16] und geschendet werden, da soliche sunde auch nicht geachtet noch erkennet und [17] nymer gebuesset wird.1 O wehe der wellt ymer und ewiglich. Da werden [18] teglich kinder geporn und wachsen bey uns daher, und ist leyder niemand, der [19] sich des armen jungen volcks an neme und regire, da lesst mans gehen, wie [20] es gehet. Die kloester und stiffte solltens thun, so sind sie eben die, von denen [21] [Matth. 18, 7. 6] Christus sagt ‘Wehe der wellt umb der ergernisse willen: wer dieser jungen [22] eynen ergert die an mich glewben, dem were es besser, eynen muelstein an den [23] hals gehenckt und yns meer gesenckt, da es am tieffesten ist’. Es sind nuer [24] kinderfresser und verderber.

 

[25] Ja, sprichstu, solchs alles ist den elltern gesagt, was gehet das die radherrn [26] und oberkeyt an? Ist recht geredt, ja: wie wenn die elltern aber solchs [27] nicht thun? wer solls denn thun? solls drumb nach bleyben und die kinder [28] verseumet werden? Wo will sich da die oberkeyt und Rad entschuldigen, das [29] yhnen solchs nicht sollt gepueren? Das es von den elltern nicht geschicht, hat [30] mancherley ursach.

 

 

 

[Seite 34]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 2 strasse kerten H 3 jren GIK        lassen do bei L        das] da IK        sich] in G, jnē IK 4 thůn do sy zů G 5 dann DL den̄ FK denn I 6 sie fehlt IK 7 kynder C        geschmeisse Witt Ien 8 den BCDH den̄ EFGIK dan̄ L        es fehlt L        Sodoma DIK 9 etliche K 11 leren H        nicht IK 12 gelernt IK 14 geschicht L 15 vor HIK 16 zwingt HL 17 eynen] eyn L        aygnen D 18 gemeyn L 20 sich] jn GIK        Vormunden D] fürsprecher IK versogrt A1 22 nent L        dere] deren FL der H 23 darumb D 24 der fehlt E groest F 25 zu haben] zuhalten D 26 inen H 27 vor HIK 28 sůchen IK Nun E 29 alleyne fehlt F        samel L 30 daruber DIK 31 ists so F        dester erger CEGHIK dest erger D        dester groesser DHIK 33 gezogner HIKL]

 

 

[1] Auffs erst sind etliche auch nicht so frum und redlich, das sie es thetten, [2] ob sie es gleich kundten, sondern wie die strausse herten sie sich auch gegen [3] yhre jungen und lassens da bey bleiben, das sie die eyer von sich geworffen [4] und kinder zeuget haben, nicht mehr thun sie dazu. Nu dise kinder sollen [5] dennoch unter uns und bey uns leben ynn geweyner stad. Wie will den nu [6] vernunfft und sonderlich Christliche liebe das leyden, das sie ungezogen auff [7] wachsen und den andern kindern gifft und schmeysse seyen, damit zu letzst eyn [8] [1. Mos. 19, Richt., 19. 20] gantze stad verderbe, wie es denn zu Sodom und Gomorra und Gaba und [9] ettlichen mehr stedten ergangen ist.

 

[10] Auffs ander, so ist der groessest hauffe der elltern leyder ungeschickt dazu [11] und nicht weys, wie man kinder zihen und lernen soll. Denn sie nichts selbs [12] gelernet haben, on den bauch versorgen, und gehoeren sonderliche leut dazu, die [13] kinder wol und recht leren und zihen sollen.

 

[14] Auffs dritte, ob gleich die elltern geschickt weren und woelltens gerne selbs [15] thun, so haben sie fur andern geschefften und haus hallten widder zeyt noch [16] raum dazu, also das die not zwinget, gemeine zuchtmeyster fur die kinder zu [17] hallten, Es woellte denn eyn iglicher fur sich selbs eynen eygen hallten, aber [18] das wuerde dem gemeynen man zu schwere, und wuerde abermal manch feyn [19] knabe umb armuts willen verseumet. Dazu, so sterben viel elltern und lassen [20] weysen hynder sich, und wie die selben durch furmunden versorgt werden, ob [21] uns die erfarung zu wenig were, sollt uns das wol zeygen, das sich Gott [22] [Ps. 68, 6] selbs der weysen vater nennet als dere, die von yderman sonst verlassen sind. [23] Auch sind ettliche, die nicht kinder haben, die nemen sich auch drumb nichts an.

 

[24] Darumb wills hie dem Rad und der oberkeyt gepueren, die aller groessesten [25] sorge und fleys auffs junge volck zu haben. Denn weyl der gantzen stad [26] gutt, ehr, leyb und leben yhn zu trewer hand befolhen ist, so thetten sie [27] nicht redlich fur Gott und der welt, wo sie der stad gedeyen und besserung [28] nicht suchten mit allem vermuegen tag und nacht. Nu ligt eyner stad gedeyen [29] nicht alleyne darynn, das man grosse schetze samle, feste mauren, schoene heusser [30] viel buechsen und harnisch zeuge. Ja wo des viel ist und tolle narren drueber [31] komen, ist so viel deste erger und deste groesser schade der selben stad. Sondern [32] das ist einer stad bestes und aller reichest gedeyen, heyl und krafft, das sie [33] viel feyner gelerter, vernuenfftiger, erbar, wol gezogener burger hatt, die kuenden [34] darnach wol schetze und alles gut samlen, hallten und recht brauchen.

 

 

 

[Seite 35]

 

[ 2 achzehē IK 4 den] die F 5 treffenliche D        erfarung FL 10 allzeyt D 13 zun Galathern am iiij. D 14 sprrcht A sprach D        gesetz DF gesatz H 16 gebrechen E        feele DF faele IK 18 holtze K 20 mue H        selbs BDHIK 23 walde H        wechßt F 24 vnoerdlich FH vnerdtig IK        nur] nun H 25 fewerwerck K 28 vnuernünfftig H        lasse D] aß K        herren H 31 gehet B]

 

 

[1] Wie hat die stad Roma1 than, die yhre knaben also lies zihen, das sie [2] ynwendig funffzehen, achtzehen, zwentzig jaren auffs ausbuendigst kuendten [3] lateynisch und kriechisch und allerley freye kuenste (wie man sie nennet), darnach [4] flux ynn den krieg und regiment, da wuerden witzige, vernuenfftige und [5] treffliche leute aus, mit allerley kunst und erfarunge geschickt2 , das, wenn man [6] itzt alle Bischoffe und alle Pfaffen und Mueniche ynn deutschem lande auff [7] eynen hauffen schmeltzet, sollt man nicht so viel finden, alls man da wol ynn [8] eynem Roemischen kriegs knecht fand. Darumb gieng auch yhr ding von [9] statten, da fand man leute, die zu allerley tuechtig und geschickt waren. Also [10] hats die nott allezeyt erzwungen und erhallten ynn aller wellt, auch bey den [11] heyden, das man zuchtmeyster und schulmeyster hatt muessen haben, so man anders [12] ettwas redlichs hatt woellen aus eym volck machen. Daher ist auch das wort [13] ‘zuchtmeyster’ ynn sanct Paulo Gal. 4. alls aus dem gemeynen brauch menschlichs [14] [Gal. 3, 24] lebens genomen, da er spricht ‘Das gesetze ist unser zuchtmeyster gewesen’.

 

[15] Weyl denn eyne stad soll und mus leute haben und allenthalben der [16] groeste gebreche, mangel und klage ist, das an leuten feyle, so mus man nicht [17] harren, bis sie selbs wachsen, man wird sie auch wider aus steynen hawen [18] noch aus holtz schnitzen, so wird Gott nicht wunder thun, so lange man der [19] sachen durch ander seyne dargethane guetter geraten kan. Darumb muessen wyr [20] dazu thun und muehe und kost dran wenden, sie selbst erzihen und machen. [21] Denn wes ist die schuld, das es itzt ynn allen stedten so duenne sihet von [22] geschickten leutten, on der oberkeyt, die das junge volck hatt lassen auff wachsen, [23] wie das holtz ym wald wechset, und nicht zu gesehen, wie mans lere und zihe? [24] darumb ists auch so unoerdig gewachsen, das zu keynem baw, sondern nur eyn [25] unnuetz gehecke und nur zum fewrwerg tuechtig ist.

 

[26] Es mus doch welltlich regiment bleyben: soll man denn zu lassen, das [27] eyttel ruelltzen und knebel regiren, so mans wol bessern kan, ist yhe ein wild [28] unvernuenfftiges furnemen, So las man eben so mehr sew und woelffe zu herrn [29] machen und setzen uber die, so nicht dencken woellen, wie sie von menschen [30] regirt werden.3 So ists auch eyn unmenschliche bosheyt, so man nicht weytter [31] denckt denn also: wyr woellen itzt regiren, was geht uns an, wie es denen [32] gehen werde, die noch uns komen? Nicht uber menschen, sonder uber sew

 

[Seite 36]

 

[ 1 regiern IK 3 erzoehe H        regiern K 4 mue H 5 da] dar H 6 sprichst du H 7 Hebreisch D Hebraisch IK 11 vmligende B vmbligenden D        wirs auch IK 13 außlendische E 15 foelle FIKL] vile D        kuer] kue H 16 geschmuck (vor die) G        on fehlt IK 17 bayder zu hayligen K 18 außlendische K 21 andrer H        das fehlt B 23 reylich H 24 sicht H 27 fach] loch IK 28 müge K 29 denckt IK        nun E 31 Darumb DHIK]

 

[1] und hunde sollten soliche leute regiren, die nicht mehr denn yhren nutz oder [2] ehre ym regiment suchen. Wenn man gleich den hoehisten fleys fur wendet, [3] das man eyttel feyne, gelerte, geschickte leutt erzoege zu regiren1, es wuerde [4] dennoch muehe und sorge gnug haben, das es wol zu gienge. Wie soll es [5] denn zu gehen, wenn man da gar nichts zu thut?

 

[6] ‘Ja’, sprichstu aber mal, ‘ob man gleich sollt und mueste schulen haben, [7] was ist uns aber nuetze, lateynisch, kriechisch und ebreyisch zungen und andere [8] freye kuenste zu leren? kuenden wyr doch wol deutsch die Bibel und Gottis [9] wort leren, die uns gnugsam ist zur selickeyt’.2 Antwort: Ja ich weys leyder [10] wol, das wyr deutschen muessen ymer bestien und tolle thier seyn und bleyben, [11] wie uns denn die umbligende lender nennen und wyr auch wol verdienen.3 [12] Mich wundert aber, warumb wyr nicht auch ein mal sagen ‘Was sollen uns [13] seyden, wein, wuertze und der frembden auslendischen ware, so wyr doch selbs [14] weyn, korn, wolle, flachs, holtz und steyn ynn deutschen landen nicht alleyn [15] die fuelle haben zur narung, sondern auch die kuer und wal zu ehren und [16] schmuck?’ Die kuenste und sprachen, die uns on schaden, ja groesser schmuck, [17] nutz, ehre und frumen sind beyde zur heyligen schrifft zuverstehen und welltlich [18] regiment zu fueren, woellen wyr verachten, und der auslendischen ware, [19] die uns wider not noch nuetze sind, dazu uns schinden bis auff den grat, der [20] woellen wyr nicht geratten: heyssen das nicht billich deutsche narren und bestien?

 

[21] Zwar wenn keyn anderer nutz an den sprachen were, sollt doch uns das [22] billich erfrewen und anzuenden, das es so eyn edle seyne gabe Gottis ist, da mit [23] uns deutschen Gott itzt so reichlich fast uber alle lender heymsucht und begnadet. [24] Man sihet nicht viel, das der teuffel die selben hette lassen durch [25] die hohen schulen und kloester auffkomen. Ja sie haben allzeyt auffs hoehest [26] da widder getobet und auch noch toben. Denn der teuffel roch den braten [27] wol: wo die sprachen erfur kemen, wuerde seyn reich eyn fach gewynnen, das [28] er nicht kunde leicht wider zu stopffen. Weyl er nu nicht hat muegen weren, [29] das sie erfur kemen, dencket er doch sie nu also schmal zu hallten, das sie von [30] yhn selbs wider sollen vergehen und fallen. Es ist yhm nicht eyn lieber gast [31] damit yns haus komen, Drumb will er yhn auch also speysen, das er nicht [32] lange solle bleyben. Disen boesen tuck des teuffels sehen unser gar wenig, [33] lieben herren.

 

 

 

[Seite 37]

 

[ 1 lasset L 2 edle E        klainat H klainet IKL        darob DIK 3 kuenden FH 4 laugnen DIK loeugnē H 8 hette IK 9 die] der C 10 außgebrayt KL        ferren D ferr FHI feer K 11 auch ytzt C        sprachen] sprach er G 12 bis] diß E        das (1) fehlt B        es] er H        Ewangelion D Euangelij Witt Ien 13 geschechen C 15 kriechische] kriechen L 16 würde H        zůleren H 17 nun C        alls fehlt C        lasset L        den] die H 19 zway IK        Ebreesche C Hebreische D Hebraische IK 20 newe CG 21 erwelt L für alle H vor allen IK        vor IK 22 S.] Szo C 23 Hebreischen D Hebraischen IK        darinnen DH        tzůn Roemern .3. CD 24 nutzs L        erste K 25 inen H 26 Israhel C 27 offenbaret H        die fehlt C]

 

 

[1] Darumb, lieben deutschen, lasst uns hie die augen auff thun, Gott [2] dancken fur das edel kleynod und fest drob hallten, das uns nicht wider entzuckt [3] werde und der teuffel nicht seynen mutwillen buesse. Denn das konnen [4] wir nicht leucken, das, wie wol das Euangelion alleyn durch den heyligen [5] geyst ist komen und teglich kompt, so ists doch durch mittel der sprachen komen [6] und hat auch dadurch zugenomen, mus auch da durch behallten werden. Denn [7] gleich alls da Gott durch die Apostel wollt ynn alle wellt das Euangelion [8] [Apg. 2, 4 ff.] lassen komen, gab er die zungen dazu.1 Und hatte auch zuvor durch der [9] Roemer regiment die kriechische und lateynische sprach so weyt ynn alle land [10] ausgebreyttet, auff das seyn Euangelion yhe bald fern und weyt frucht brechte. [11] Also hat er itzt auch gethan. Niemant hat gewust, warumb Gott die sprachen [12] erfuer lies komen, bis das man nu allererst sihet, das es umb des Euangelio2 [13] willen geschehen ist, wilchs er hernach hat woellen offinbarn und da durch des [14] Endchrists regiment auff decken und zu stoeren. Darumb hat er auch kriechen land [15] dem Tuercken geben, auff das die kriechen verjagt und zu strewet die kriechische [16] sprach aus brechten und eyn anfang wuerden, auch andere sprachen mit zu lernen.

 

[17] So lieb nu alls uns das Euangelion ist, so hart last uns uber den [18] sprachen hallten. Denn Gott hat seyne schrifft nicht umb sonst alleyn ynn [19] die zwo sprachen schreiben lassen, das allte testament ynn die Ebreische, das [20] new ynn die Kriechische. Welche nu Gott nicht veracht, sondern zu seynem [21] wort erwelet hat fur allen andern, sollen auch wyr die selben fur allen andern [22] ehren. Denn S. Paulus rhuemet das fur eyn sonderliche ehre und vorteyl der [23] Ebreischen sprach, das Gottis wort drynnen geben ist, da er sprach Roem. 3. [24] [3, 1 f.] ‘Was hat die beschneyttung vorteyls odder nutzes? Fast viel, auffs erst, so [25] sind yhn Gottis rede befolhen’. Das rhuemet auch der koenig David Psalm. 147. [26] [Ps. 147, 19] ‘Er verkuendigt seyn wort Jacob und seyne gepott und rechte Israel’. Er hat [27] keynem volck also gethan noch seyne rechte yhnen offinbart. Daher auch die

 

[Seite 38]

 

[ 1 Hebreische D Hebraische IK        heyßt L        sant DIK        zun Roemern .j. D 2 heyligen B        des] das E        wort IK        darinnen DIK darinn H 4 andere IK        dazu fehlt IK        erwelt L        darinnen DIK 5 aynem H        ander IK 6 geheyligt L 7 lasset L        Euāgeliū K 9 steckt DHIK stecket L        dis] das C des G        klainet HIKL 10 darinne H        kemnat H] kaemern IK kemnet L 11 zayget IK 13 versehen] übersehen H        vor HIK 14 Euangelum [so] K 16 lasset L 17 alleyne G 18 vederbet A1 verderbt CIKL 20 künden FH        beinahe L 23 sprachen D 24 verwarteten D verwarten L 26 nun DGHL 27 duncken D 28 der] dye C 30 Drumb G 33 hoerten L]

 

[1] [Röm. 1, 2] Ebreische sprach heylig heysset. Und sanct Paulus Roem. 1. nennet sie die [2] heylige schrifft on zweyffel umb des heyligen worts Gottis willen, das drynnen [3] verfasset ist. Also mag auch die Kriechische sprach wol heylig heyssen, das [4] die selb fur andern dazu erwelet ist, das das newe testament drinnen geschriben [5] wuerde, Und aus der selben alls aus eym brunnen ynn andere sprach durchs [6] dolmetschen geflossen und sie auch geheyliget hat.1

 

[7] Und last uns das gesagt seyn, Das wyr das Euangelion nicht wol [8] werden erhallten on die sprachen. Die sprachen sind die scheyden, darynn dis [9] messer des geysts stickt. Sie sind der schreyn, darynnen man dis kleinod tregt. [10] Sie sind das gefess, darynnen man disen tranck fasset. Sie sind die kemnot, [11] [Matth. 14, 20] darynnen dise speyse ligt. Und wie das Euangelion selbs zeygt, Sie sind die [12] koerbe, darynnen man dise brot und fische und brocken behellt. Ja wo wyrs [13] versehen, das wyr (da Gott fur sey) die sprachen faren lassen, so werden wir [14] nicht alleyn das Euangelion verlieren, sondern wird auch endlich dahyn geratten, [15] das wir wider lateinisch noch deutsch recht reden odder schreyben kuenden. [16] Des last uns das elend grewlich exempel zur beweysung und warnung nemen [17] ynn den hohen schulen und kloestern, darynnen man nicht alleyn das Euangelion [18] verlernt, sondern auch lateinische und deutsche sprache verderbet hat, das [19] die elenden leut schier zu lautter bestien worden sind, wider deutsch noch [20] lateinisch recht reden oder schreyben konnen, Und bey nahend auch die natuerliche [21] vernunfft verloren haben.

 

[22] Darumb habens die Apostel auch selbs fur noettig an gesehen, das sie [23] das newe testament ynn die Kriechische sprache fasseten und anbuenden, on [24] zweyffel, das sie es uns daselbs sicher und gewis verwareten wie ynn eyner [25] heyligen laden. Denn sie haben gesehen all das ienige, das zukunfftig war [26] und nu also ergangen ist: wo es alleyn ynn die koepff gefasset wuerde, wie [27] manche wilde, wueste unordnung und gemenge, so mancherley synnen, dunckel [28] und leren sich erheben wuerden ynn der Christenheyt, wilchen ynn keynen weg [29] zu weren noch die eynfelltigen zu schuetzen weren, wo nicht das newe testament [30] gewis ynn schrifft und sprache gefasset were. Darumb ists gewis, wo nicht [31] die sprachen bleyben, da mus zu letzt das Euangelion unter gehen.

 

[32] Das hat auch beweysset und zeygt noch an die erfarung. Denn so bald [33] nach der Apostel zeyt, da die sprachen auff hoereten, nam auch das Euangelion

 

[Seite 39]

 

[ 2 ist seyt der zeyt die DFHL ist die zeyt, syder die IK 5 sich] in H jnen IK 6 solche F        sich] sy H 8 ersten H 9 sancti D 10 liechtfertigen C leüchfertigen H        vnnoetten E 11 nuetze H 12 sich] jm IK 15 gelert HL 16 rechnestu HK        aber das auch B 17 gefelet L        offe A offte H        faelt H 20 geredet H 21 deuettend H 22 ists] ist B        spoetlich F 24 daselbst F 25 Hebreischen D Hebraischen IK        sprach C 26 feel- DF fael- HIK felesprüchen L 28 halßstarriger DL halßsterriger HIK halßstercker F 29 einen] ein F 30 nemblich E 31 hilffe F hilff H 32 sant D newen B]

 

[1] und der glawbe und gantze Christenheyt yhe mehr und mehr ab, bis das sie [2] unter dem Babst gar versuncken ist. Und ist, synter zeyt die sprachen gefallen [3] sind, nicht viel besonders ynn der Christenheyt ersehen, aber gar viel grewlicher [4] grewel aus unwissenheyt der sprachen geschehen. Also widderumb, weyl [5] itzt die sprachen erfur komen sind, bringen sie eyn solich liecht mit sich und [6] thun solch grosse ding, das sich alle wellt verwundert und mus bekennen, das [7] wir das Euangelion so lauter und reyn haben, fast alls die Apostel gehabt [8] haben, und gantz ynn seyne erste reynigkeyt komen ist, und gar viel reyner, [9] denn es zur zeyt sanct Hieronymi odder Augustini gewesen ist. Und summa, [10] der heylige geyst ist keyn narre, gehet auch nicht mit leichtfertigen unnoetigen [11] [Apg. 2, 4; 10, 46.] sachen umb, der hat die sprachen so nuetz und not geacht ynn der Christenheyt, [12] [1. Cor. 12, 10; 14, 2 ff.] das er sie offtmals von hymel mit sich bracht hat, wilchs uns alleyne sollt [13] gnugsam bewegen, die selben mit fleys und ehren zu suchen und nicht zuverachten, [14] weyl er sie nu selbs widder auff erden erweckt.

 

[15] Ja, sprichstu, es sind viel veter selig worden, haben auch geleret on [16] sprachen. Das ist war. Wo rechenstu aber auch das hyn, das sie so offt [17] ynn der schrifft gefeylt haben? Wie offt feylet sanct Augustinus ym Psalter [18] und andern auslegung so wol alls Hilarius, ja auch alle, die on die sprachen [19] sich der schrifft haben unterwunden aus zulegen? Und ob sie gleich ettwa [20] recht geredt haben, sind sie doch der sachen nicht gewiss gewesen, ob das selb [21] recht an dem ort stehe, da sie es hyn deutten. Als, das ich des eyn exempel [22] zeyge: Recht ists geredt, das Christus Gottis son ist. Aber wie spoettisch [23] lautet es ynn den oren der widdersacher, da sie des grund fureten aus dem [24] [Ps. 110, 3] 109. Psalm ‘Tecum principium in die virtutis tue’, So doch da selbs ynn [25] der Ebreischen sprachen nichts von der Gottheyt geschriben steht.1 Wenn man [26] aber also mit ungewissen gruenden und feylspruechen den glawben schuetzet, ists [27] nicht eyn schmach und spot der Christen bey den widder fechtern, die der sprach [28] kuendig sind? und werden nuer hallstarriger ym yrthum und halten unsern [29] glauben mit guttem scheyn fur einen menschen traum.

 

[30] Wes ist nu die schuld, das unser glaube so zu schanden wird? nemlich, [31] das wyr der sprachen nicht wissen, und ist hie keyn huelffe, denn die sprachen [32] wissen. Wart nicht S. Hieronymus gezwungen, den Psalter von newem zuverdolmetzen

 

[Seite 40]

 

[ 1 verdolmetschen DFGHIKL        Hebreischen D Hebraischen IK 2 handlet H 3 Hebreischen D Hebraischen IK 4 on sprachen die fehlt D 5 vnebenet K        unzeyttige] zeyttige D 6 sprachen G        des] den K 7 mache C        yhrer] seiner D 8 oben DIK        angezeyt ABG antzeygt C        sant IK sanct L] fehlt D        selbers B 9 Christi H 11 Hebreische D Hebraysche IK 14 gar fehlt IK 15 geschrifft C        sant D 17 durch K 18 die fehlt D        handlen H 20 lest C        one D 21 geschrifft G 22 taugen FIK 23 strack H 25 soellicher H 26 Ephesiern B 27 seyder der D seyt der FHIKL        bleyben G 28 gewiß H        außlegung IK        daruber D 29 gefielt C gefelet FKL        der] die G 30 ayns HIKL        der feret so] d' ander so E 30/31 Barnhart D 31 dürfft FIK]

 

[1] aus dem Ebreischen umb des willen, das, wo man mit den [2] Juden aus unserm Psalter handelt, spotten sie unser, das es nicht also stuende [3] ym Ebreischen, wie es die unsern fureten? Nu sind aller allten veter auslegung, [4] die on sprachen die schrifft haben gehandelt (ob sie wol nichts unrechts [5] leren), doch der gestallt, das sie fast offt ungewisse, unebene und unzeyttige [6] sprache furen, und tappen wie eyn blinder an der wand, das sie gar offt des [7] rechten texts feylen und machen yhm eyne nasen nach yhrer andacht, wie dem [8] vers droben angezeygt ‘Tecum principium’ &c.., Das auch S. Augustinus selbs [9] mus bekennen, wie er schreybt de doctrina Christiana1, das eynem Christlichen [10] lerer, der die schrifft soll auslegen, not sind uber die Lateinische auch die [11] Kriechische und Ebreische sprachen. Es ist sonst unmueglich, das er nicht allent [12] halben anstosse, Ja noch not und erbeyt da ist, ob einer die sprachen schon [13] wol kan.

 

[14] Darumb ists gar viel eyn ander ding umb eynen schlechten prediger des [15] [1. Cor. 12, 28 ff.; 14, 26 ff.] glaubens und umb eynen ausleger der schrifft odder, wie es S. Paulus nennet, [16] eynen propheten. Eyn schlechter prediger (ist war) hat so viel heller spruech [17] und text durchs dolmetschen, das er Christum verstehen, leren und heyliglich [18] leben und andern predigen kan. Aber die schrifft aus zulegen und zu handeln [19] fur sich hyn und zu streytten widder die yrrigen eynfuerer der schrifft, ist er [20] zu geringe, das lesset sich on sprachen nicht thun. Nu mus man yhe ynn [21] der Christenheyt soliche propheten haben, die die schrifft treyben und auslegen [22] und auch zum streytt tugen, und ist nicht gnug am heyligen leben und recht [23] leren. Darumb sind die sprachen stracks und aller dinge von noetten ynn der [24] Christenheyt, gleich wie die Propheten odder ausleger, obs gleich nicht not ist [25] noch seyn mus, das eyn iglicher Christ odder prediger sey eyn solich Prophet, [26] [1 Cor. 12, 6 ff., Eph. 4, 11] wie sanct Paulus sagt 1. Cor. 12. und Ephe. 4.

 

[27] Daher kompts, das sind der Apostel zeyt die schrifft so finster ist blieben [28] und nyrgent gewisse bestendige auslegunge drueber geschriben sind. Denn auch [29] die heyligen veter (wie gesagt) offt gefeyllt, und weyl sie der sprachen unwissend [30] gewesen, sind sie gar selden eynes, der feret sonst, der feret so. Sanct Bernhart [31] ist eyn man von grossem geyst gewesen, das ich yhn schier thuerst uber [32] alle lerer setzen, die beruembt sind, beyde allte und newe. Aber sihe, wie er

 

[Seite 41]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 1 ausser] auß IK 3 haben gemeynet bis finster fehlt D        gemaynt IK 3 sey] so C 4 were nichts F 5 liechters] leichters B 8 auch wol ein D 9 leren H 12 aynen H        geomet] gekomet D gemoegt einige Exemplare von I 13 gefaelt K 14 solichen A –L solchen Witt Ien] in solichen E] selbst abc 18 sprach fehlt D 19 schaden] schanden C 21 allerley bis dienet, und fehlt D        dient L        reytzet L 23 kund] koenden D künden IK 24 mue H 25 erlangt BL 27 rechnē B]

 

[1] mit der schrifft so offt (wie wol geystlich) spielt und sie furet ausser dem [2] rechten synn. Der halben haben auch die Sophisten gesagt, Die schrifft sey [3] finster, haben gemeynet, Gottis wort sey von art so finster und rede so seltzam. [4] Aber sie sehen nicht, das aller mangel ligt an den sprachen, sonst were nicht [5] liechters yhe geredt denn Gottis wort, wo wyr die sprachen verstuenden. Eyn [6] Tuerck mus mir wol finster reden, wilchen doch eyn tuerckisch kind von sieben [7] jaren wol vernympt, die weyl ich die sprache nicht kenne.

 

[8] Darumb ist das auch eyn toll fuernemen gewesen, das man die schrifft [9] hat woellen lernen durch der veter auslegen und viel buecher und glossen lesen.1 [10] Man sollt sich dafur auff die sprachen geben haben. Denn die lieben veter, [11] weyl sie on sprachen gewesen sind, haben sie zu weilen mit vielen worten an [12] eynem spruch geerbeyttet und dennoch nuer kaum hynnach geomet2 und halb [13] geraten halb gefeylet. So leuffestu dem selben nach mit viel muehe und [14] kuendtist die weyl durch die sprachen dem selben viel bas solichen ratten3 denn [15] der dem du folgest. Denn wie die sonne gegen dem schatten ist, so ist die [16] sprache gegen aller veter glosen. Weyl denn nu den Christen gepuert, die [17] heyligen schrifft zu uben alls yhr eygen eyniges buch, und eyn sunde und [18] schande ist, das wyr unser eygen buch nicht wissen noch unsers Gottis sprach [19] und wort nicht kennen, so ists noch viel mehr sunde und schaden, das wyr [20] nicht sprachen leren, sonderlich so uns itzt Gott dar beut und gibt leute und [21] buecher und allerley, was dazu dienet, und uns gleich dazu reitzt und seyn [22] buch gern wollt offen haben. O wie fro sollten die lieben veter gewesen seyn, [23] wenn sie hetten so kund zur heyligen schrifft komen und die sprachen leren, [24] alls wyr kuenden. Wie haben sie mit so grosser muehe und fleys kaum die [25] brocken erlanget, da wir mit halber, ja schier on alle erbeyt das gantze brod [26] gewynnen kuenden. O wie schendet yhr fleys unser faulheyt. Ja wie hart [27] wird Gott auch rechen solchen unsern unfleys und undanckbarkeit.

 

 

 

[Seite 42]

 

[ 1 gehoert L        Sanct C sant DIK 2 aller] alle B 3 zů wisse K 5 vrteyln L 9 felt L 11 andre vnd H        der] er H 128.] 129. abc Ien 29. d xxviij Obsopoeus 12 studiren H        oeffne FL 13 den] der B        hirschen IK 15 geystes B        rhuemen] uemen G 16 geschrifft ring achten H 19 aignem HL        fleysch] sich ist C        die selben B 22 dann den seinen D 23 doch] noch C        ferr F        mir] wir H 24 geschrifft K]

 

 

[1] [1. Cor. 14, 27. 29] Da her gehoeret auch, das S. Paulus 1. Cor. 14. will, das ynn der [2] Christenheyt soll das urteyl seyn uber allerley lere, dazu aller dinge von [3] noeten ist die sprache zuwissen. Denn der prediger oder lerer mag wol die [4] Biblia durch und durch lesen, wie er will, er treffe oder feyle, wenn niemand [5] da ist, der da urteyle, ob ers recht mache odder nicht. Soll man denn urteylen, [6] so mus kunst der sprachen da seyn, sonst ists verloren. Darumb ob wol der [7] glaube und das Euangelion durch schlechte prediger mag on sprachen predigt [8] werden, so gehet es doch faul und schwach, und man wyrds zu letzt muede [9] und uberdruessig und fellet zu poden. Aber wo die sprachen sind, da gehet es [10] frisch und starck, und wird die schrifft durch trieben, und findet sich der glaube [11] [Ps. 29 [so], 9] ymer new durch andere und aber andere wort und werck, das der 128. Psalm [12] solich studirn ynn der schrifft vergleicht eyner jaget und spricht, Gott oeffene [13] [Ps. 1, 3] den hirssen die dicke welde1 Und psalm. 1. Eynem baum, der ymer grunet und [14] ymer frissch wasser hat.

 

[15] Es soll uns auch nicht yrren, das ettliche sich des geysts rhuemen und [16] die schrifft geringe achten, Ettliche auch wie die brueder Valdenses2  die sprachen [17] nicht nuetzlich achten. Aber lieber freund, geyst hyn, geyst her, ich bin auch [18] ym geyst gewesen und habe auch geyst gesehen (wens yhe gellten soll von [19] eygenem fleysch rhuemen) villeicht mehr, denn eben die selbigen noch ym jar [20] sehen werden, wie fast sie auch sich rhuemen. Auch hat meyn geyst sich ettwas [21] beweyset, so doch yhrer geyst ym winckel gar still ist und nicht viel mehr [22] thut, denn seynen rhum auff wirfft. Das weys ich aber wol, wie fast der [23] geyst alles alleyne thut, were ich doch allen puesschen zu ferne gewest3 wo mir [24] nicht die sprachen geholffen und mich der schrifft sicher und gewiss gemacht

 

[Seite 43]

 

[ 1 hette fehlt D        koenden D künden FHIK 2 Endtchristischen F 3 sie] syt C 6 thut A —Ka Witt Ien] thun bc 8 lerten L 11 ausser] auß IK 12 geferlich K 13 mit fehlt IK 14 ynen L 15 sprachen HIK 16 geschrifft IK        anderen K 18 vor HIK 20 geystliche E 21 setzen] schetzen E        sele H 22 regement E]

 

[1] hetten. Ich hette auch wol kund frum sein und ynn der stille recht predigen. [2] Aber den Bapst und die Sophisten mit dem gantzen Endechristischen regiment [3] wuerde ich wol haben lassen seyn was sie sind. Der teuffel achtet meynen [4] geyst nicht so fast alls meine sprache und feder ynn der schrifft. Denn meyn [5] geyst nympt yhm nichts denn mich alleyn. Aber die heyligen schrifft und [6] sprachen machen yhm die wellt zu enge, und thut1 yhm schaden ynn seym reich.

 

[7] So kan ich auch die brueder Valdenses darynnen gar nichts loben, das [8] sie die sprachen verachten.2 Denn ob sie gleich recht lereten, so müssen sie doch [9] gar offt des rechten texts feylen und auch ungeruest und ungeschickt bleyben [10] zu fechten fur den glauben widder den yrthum. Dazu ist yhr ding so finster [11] und auff eyne eygen weyse gezogen, auffer der schrifft weyse zu reden, das ich [12] besorge, es sey odder werde nicht lauter bleyben. Denn es gar ferlich ist von [13] Gottis sachen anders reden odder mit andern worten, denn Gott selbs braucht. [14] Kuertzlich, sie muegen bey yhn selbs heylig leben und leren, Aber weyl sie on [15] sprache bleyben, wird yhn mangelln muessen das allen andern mangelt, nemlich [16] das sie die schrifft gewis und grundlich nicht handeln noch andern voelckern [17] nuetzlich seyn muegen. Weyl sie aber das wol kuendten thun und nicht thun [18] woellen, muegen sie zu sehen, wie es fur Gott zuverantwortten sey.

 

[19] Nu das sey gesagt von nutz und not der sprachen und Christlichen schulen [20] fur das geystlich wesen und zur seelen heyl. Nu last uns auch den leyb fur [21] nemen und setzen, ob schon keyn seel noch hymel odder helle were, und sollten [22] alleyne das zeyttlich regiment ansehen nach der wellt, ob das selb nicht duerffe [23] viel mehr gutter schulen und gelerter leutte denn das geystliche? Denn bisher

 

[Seite 44]

 

[ 1 nichts fehlt IK 2 gericht L 3 hat] gat B 4 alleyne E 5 szand] ßand K        Gott fehlt D 6 vor HIK 7 arm fehlt H        büffel F püffel H bofel IK 8 Israhel C        geschahe L        ym] vnd ym C        rechtem F 13 daran DIK        handell B handlen F handeln L 14 dareyn DIK        kriege] überkom̄ H 16 ob] so F        aber] oder DFHIK 17 und] vn̄ auch F 19 daran DIK 20 doerffen L 21 die weil wir doch H        yhe] jre G 22 so fehlt F 23 regiren HIK 26 alleyne E 27 maedlin H 28 feiner] eyner C 29 regiren DK 31 maedlin H medlin IK 32 ists fehlt B        maedlin H 33 droben] da oben D oben HIK        gesaget K 34 herren HL]

 

[1] sich des selben die Sophisten so gar nichts haben angenomen und die schulen [2] so gar auff den geystlichen stand gerichtet1, das gleich eyne schande gewesen ist [3] so eyn gelerter ist ehlich worden, und hat muessen hoeren sagen ‘sihe, der wird [4] welltlich und will nicht geystlich werden’, gerade alls were alleyn yhr geystlicher [5] stand Gott angenem und der welltliche (wie sie yhn nennen) gar des [6] teufels und unchristlich. So doch die weyl fur Gott sie selbs des teufels [7] eygen werden, und alleyn diser arm poeffel (wie ynn der Babylonischen [8] gefencknis dem volck Israel geschach) ym land und rechten stand ist blieben, [9] und die besten und oebersten zum teuffel gen Babylon gefurt sind mit platten [10] und kappen.

 

[11] Nu hie ist nicht not zu sagen, wie das welltlich regiment eyn goettlich [12] ordnung und stand ist (Davon ich sonst so viel gesagt hab, das ich hoffe es [13] zweyffel niemand dran), Sondern ist zu handellen, wie man feyne geschickte [14] leutt dreyn kriege. Und hie bieten uns die heyden eyn grossen trotz und schmach [15] an, die vorzeyten, sonderlich die Roemer und Kriechen, gar nichts gewust haben, [16] ob solicher stand Gott gefiele aber nicht, und haben doch mit solichem ernst [17] und fleys die jungen knaben und meydlin lassen lernen und auff zihen, das [18] sie dazu geschickt wurden, das ich mich unser Christen schemen mus, wenn ich [19] dran dencke, und sonderlich unser deutschen, die wir so gar stoeck und thier [20] sind und sagen thueren ‘Ja was sollen die schulen, so man nicht soll geystlich [21] werden?’ die wir doch wissen oder yhe wissen sollen, wie eyn noettiges und [22] nuetzes ding es ist und Gott so angenem, wo eyn Fuerst, herr, radman odder [23] was regirn soll, gelert und geschickt ist, den selben stand Christlich zu furen.

 

[24] Wenn nu gleich (wie ich gesagt habe) keyn seele were und man der [25] schulen und sprachen gar nichts duerffte umb der schrifft und Gottis willen, [26] So were doch alleyn dise ursach gnugsam, die aller besten schulen beyde fur [27] knaben und meydlin an allen ortten auff zu richten, das die wellt, auch yhren [28] welltlichen stand eusserlich zu halten, doch bedarff feiner geschickter menner [29] und frawen, Das die menner wol regirn kuenden land und leutt, Die frawen [30] wol zihen und hallten kuenden haus, kinder und gesinde. Nu soliche menner [31] muessen aus knaben werden, und soliche frawen muessen aus meydlin werden. [32] Darumb ists zu thun, das man kneblin und meydlin dazu recht lere und [33] auff zihe. Nu hab ich droben gesagt, der gemeyn man thut hie nichts zu, [34] kans auch nicht, wills auch nicht, weys auch nicht, Fuersten und herrn solltens

 

[Seite 45]

 

[ 1 auffm] auff C auff dem DHIK vffm F vffem G 2 merckliche H 5 Ratsherren H 6 fůge H 7 yetlicher H        sůn L        selb H 8 sicht H 10 ferrer FHIK        yngezwungen FG 12 künden FH 13 zoehe H        ynn] in den D 13/14 züchtige mayster in waeren IK 14 da die] die da abcd Ien] die da die Witt        andre H 18 eyn B aynem H 19 welte H        lauff DFGHIKL 20 koennen D        furcht] fruchtH 22 regiren DEL 22/23 dahaimen DIK 23 eygene B 24 erfarunge K]

 

[1] thun, aber sie haben auffm schlitten zufaren, zu trincken und ynn der mumerey [2] zu lauffen und sind beladen mit hohen mercklichen geschefften des kellers, der [3] kuechen und der kamer. Und obs ettliche gern thetten, muessen sie die andern [4] schewen, das sie nicht fur narren odder ketzer gehallten werden. Darumb [5] wills euch lieben Radherrn alleyne ynn der hand bleyben, yhr habt auch raum [6] und fug dazu, besser denn Fuersten und herrn.

 

[7] Ja, sprichstu, Eyn iglicher mag seyne tochter und soene wol selber leren [8] oder yhe zihen mit zucht. Antwort: Ja man sihet wol, wie sichs leret und [9] zeucht. Und wenn die zucht auffs hoehest getrieben wird und wol gerett, so [10] kompts nicht ferner, denn das eyn wenig eyn eyngezwungen und erbar geberde [11] da ist, sonst bleybens gleychwol eyttel holtzboecke, die wider hie von noch da [12] von wissen zu sagen, niemand wider radten noch helffen konnen. Wo man [13] sie aber leret und zoege ynn schulen oder sonst, da gelerte und zuechtige meyster [14] und meysterynn weren, da die1  sprachen und andere kuenst und historien lereten, [15] da wuerden sie hoeren die geschichte und sprueche aller wellt, wie es diser stad, [16] disem reich, disem Fuersten, disem man, disem weybe gangen were, und kuendten [17] also ynn kurtzer zeyt gleich der gantzen wellt von anbegynn wesen, leben, rad [18] und anschlege, gelingen und ungelingen fur sich fassen wie ynn eym spigel, [19] daraus sie denn yhren synn schicken und sich ynn der wellt laufft richten [20] kuenden mit Gottis furcht, Dazu witzig und klug werden aus den selben [21] historien, was zu suchen und zu meyden were ynn dissem eusserlichen leben, [22] und andern auch darnach radten und regirn. Die zucht aber, die man daheyme [23] on solche schulen fur nimpt, die will uns weyse machen durch eygen [24] erfarung. Ehe das geschicht, so sind wyr hundert mal tod und haben unser [25] lebenlang alles unbedechtig gehandelt, denn zu eygener erfarung gehoert [26] viel zeyt.

 

 

 

[Seite 46]

 

[ 1 was] etwas C 2 da] das BC 4 schůle IK 5 also] so H 6 koenden D seyn CH 7 fegfewer EIK fegfeüwer F        wir] mir K 8 nicht D 9 gelernet HIK        so] die B        steupen] mit růttē gehawē G        zitteren G 10 sprielen F 11 leret] lernt B 15 der fehlt C 17 wurden GH 18 ists mir H 19 niemands H        geleert IK        muessen DHIK 21 vn̄ vnschadē H 22 spristu E 23 můssend H 25 gewest D 26 nicht gelernet K]

 

 

[1] Weyl denn das junge volck mus lecken und springen odder yhe was zu [2] schaffen haben, da es lust ynnen hat, und yhm darynn nicht zu weren ist, [3] auch nicht gut were, das mans alles weret: Warumb sollt man denn yhm [4] nicht solche schulen zurichten und solche kunst furlegen? Syntemal es itzt [5] von Gottis gnaden alles also zugericht ist, das die kinder mit lust und spiel [6] leren kunden, es seyen sprachen odder ander kuenst odder historien. Und ist [7] itzt nicht mehr die helle und das fegfewr unser schulen, da wir ynnen gemartert [8] sind uber den Casualibus und temporalibus1 da wir doch nichts denn eyttel [9] nichts gelernt haben durch so viel steupen, zittern, angst und jamer. Nympt [10] man so viel zeyt und muehe, das man die kinder spielen auff karten, singen [11] und tantzen leret, Warumb nympt man nicht auch so viel zeyt, das man sie [12] lesen und ander kuenst leret, weyl sie jung und muessig, geschickt und luestig [13] da zu sind? Ich rede fur mich: Wenn ich kinder hette und vermoechts, Sie [14] muesten mir nicht alleyne die sprachen und historien hoeren, sondern auch singen [15] und die musica mit der gantzen mathematica2 lernen. Denn was ist dis [16] alles denn eyttel kinder spiel? darynnen die Kriechen yhre kinder vor zeytten [17] zogen, da durch doch wunder geschickte leut aus worden zu allerley hernach [18] tuechtig. Ja wie leyd ist mirs itzt, das ich nicht mehr Poeten und historien [19] gelesen habe und mich auch die selben niemand gelernt hat. Habe dafur muest [20] lesen des teuffels dreck, die Philosophos und Sophisten, mit grosser kost, erbeyt [21] und schaden, das ich gnug habe dran aus zufegen.

 

[22] So sprichstu ‘Ja, wer kan seyner kinder so emperen und alle zu junckern [23] ziehen? Sie muessen ym hause der erbeyt warten’ &c.. Antwort: Ists doch [24] auch nicht meyne meynung, das man solche schulen anrichte, wie sie bisher [25] gewesen sind, da eyn knabe zwentzig odder dreyssig jar hat uber dem Donat [26] und Alexander3 gelernt und dennoch nichts gelernt. Es ist itzt eyn ander wellt

 

[Seite 47]

 

[ 1 tages K 2 zwů EIK        nicht K        dester DH 3 warzu D 4 bayde H 5 wol fehlt D        keulichen] kuglen F kuegeleyn HIK 5/6 keulichen schiessen] schussern D 6 ramlen FH 7 maedlin H        tags DF 8 schůlen F        geet D        geschaefftes H        wol fehlt H        warten BL 9 vertantzt B        verspielet] spielet C verspielt L        feelet DFGL faelet HIK 12 bloecke DIK bloecher H 14 zu lerer] zůleren H 15 empter E        dester DHIK 16 verordnen BKL        marterern F maertren I        die A –L Witt Ien] fehlt abc 17 sant D sanct F        Agnes DFHIK        Lucia, so dergleichen aufferzogen bc 18 anderen G 20 das] des F        meerertayl I] meerert als K 21 koennen D 22 gelert G 23 seyn CH]

 

[1] und gehet anders zu. Meyn meynung ist, das man die knaben des tags eyn [2] stund odder zwo lasse zu solcher schule gehen und nichts deste weniger die [3] ander zeyt ym hausse schaffen, handwerck lernen und wo zu man sie haben [4] will, das beydes mit eynander gehe, weyl das volck jung ist und gewarten [5] kan. Bringen sie doch sonst wol zehen mal so viel zeyt zu mit keulichen [6] schiessen, ball spielen, lauffen und rammelln.

 

[7] Also kan eyn meydlin ja so viel zeyt haben, das des tages eyne stunde [8] zur schule gehe und dennoch seyns gescheffts ym hause wol warte. Verschleffts [9] und vertantzet und verspielet es doch wol mehr zeyt. Es feylet alleyn daran, [10] das man nicht lust noch ernst dazu hat, das junge volck zu zihen noch der [11] wellt helffen und ratten mit feynen leuten. Der teuffel hat viel lieber grobe [12] bloeche und unnuetze leut, das den menschen ja nicht zu wol gehe auff erden.

 

[13] Wilche aber der ausbund dar unter were, der man sich verhofft, das [14] geschickte leut sollen werden zu lerer und lereryn, zu prediger und andern [15] geystlichen emptern, die soll man deste mehr und lenger da bey lassen odder [16] gantz daselbs zu verordenen, wie wyr lesen von den heyligen mertern, die [17] S. Hagnes und Agata und Lucia und der gleichen auff zogen.1 Daher auch [18] die kloester und stiffte komen sind, aber nu gar ynn eynen andern verdampten [19] brauch verkeret. Und das will auch wol nott seyn, denn der beschorne hauffe [20] nympt fast ab, so sind sie auch das mehrer teyl untuechtig zu leren und [21] regiren, denn sie kuenden nichts on des bauchs pflegen, Wilchs man auch sie [22] alleyn gelernt hat. So muessen wyr ja leutt haben, die uns Gottis wort und [23] sacrament reichen und seel warter seyen ym volck. Wo woellen wyr sie aber

 

[Seite 48]

 

[ 1 Christliche Habcd Ien 2 vergienhen G 3 schendliche verfueret E 4 hoch L 5 zuhaltē DGH zů erhalten F 6 thůn H 8 relling IK 9 lassen fehlt D        reilich H 10 gehoert L 11 Israhel B        Esaias D 14 allen FIK 15 ewerem K        da] das E 16 lasset L        vorhueten HIK        Secht H        wilch] wie F 17 Salomon DFHIK Salomō G 17/18 volcks so hart angenum̄en F 19 gemachet DH 20 tzucht er C        jungen fehlt B        sich] jm GHIK        befilht GIK 21 Matthei an dem .18. IK        er] es        D anzeygt L 23 er zürnt L] erzürnet DEHIK        last L 25 fordert DFGHL 26 emperen BE 27 erfaulet H verfault L        allzu] alle zů F 28 Lasset L 30 nützlich F 31 koennen D        bessert C]

 

[1] nemen, so man die schulen zurgehen lesst und nicht andere Christlicher1 auffrichtet? [2] Syntemal die schulen bisher gehallten, ob sie gleich nicht vergiengen, [3] doch nichts geben muegen denn eyttel verlorne schedliche verfuerer.

 

[4] Darumb es hohe not ist nicht alleyne der jungen leut halben, sondern [5] auch beyder unser stende geystlich und welltlich zur halten, Das man ynn [6] diser sachen mit ernst und ynn der zeyt dazu thu, Auff das wyrs nicht [7] hinden nach, wenn wirs verseumet haben, villeicht muessen lassen, ob wyrs [8] denn gerne thun wollten, und umb sonst den reuling uns mit schaden beyssen [9] lassen ewiglich. Denn Gott erbeut sich reichlich und reicht die hand dar und [10] gibt dazu, was dazu gehoeret. Verachten wirs, so haben wir schon unser [11] [Jes. 65, 2] urteyl mit dem volck Israel, da Isaias von sagt ‘Ich habe meyne hand dar [12] gebotten den gantzen tag dem ungleubigen volck, das mir widerstrebt’, Und [13] [Spr. 1, 24 ff.] Prover. 1. ‘Ich habe meyne hand dar gebotten, und niemand wollts ansehen, [14] yhr habt alle meynen rad verachtet, Wolan so will ich ewer auch lachen ynn [15] ewerm verderben und spotten, wenn uber euch komet ewer unglueck’ &c.., da [16] lasst uns fur hueten. Sehet an zum exempel, wilch eynen grossen fleys der [17] koenig Salomo hyrynnen than hat. Wie hat er sich des jungen volcks angenomen, [18] das er unter seynen koeniglichen geschefften auch eyn buch fur das [19] junge volck gemacht hat, das da heyst Proverbiorum. Und Christus selbs, [20] wie zeucht er die jungen kindlin zu sich, wie fleyssig befilhet er sie uns und [21] [Matth. 18, 5 ff., 10] rhuemet auch die engel, die yhr warten, Matth. am 18., das er uns anzeyge, [22] wie eyn grosser dienst es ist, wo man das junge volck wol zeucht, Widderumb [23] wie grewlich er zuernet, so man sie ergert und so verderben lesset.

 

[24] Darumb, lieben herrn, last euch das werck anligen, das Gott so hoch [25] von euch foddert, das ewer ampt schuldig ist, das der jugent so not ist, und [26] des widder wellt noch geyst empern kan. Wyr sind leyder lang gnug ym [27] finsternis verfaulet und verdorben. Wir sind allzu lange gnug deutsche bestien [28] gewesen. Last uns eyn mal auch der vernunfft brauchen, das Gott mercke [29] die danckbarkeyt seyner gueter und ander lande sehen, das wyr auch menschen [30] und leute sind, die ettwas nuetzlichs enttwedder von yhn lernen oder sie leren [31] kuenden, da mit auch durch uns die wellt gebessert werde. Ich habe das meyne

 

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[ 1 geren IK 3 schlagen D 7 etlichen K        erwercken EF 9 selb E 11 Schule D 12 libareyen G 16 droben] da oben D oben IK        habe] han F 18 vorsteen IK        studiren DEIK 19 verlorn H 20 haben] hahen F        sant DIK 21 befilht FIKL 22 sich] jm GHIK 23 solches IK        sichs G 24 wilch B        solche H solches IK 25 gesetzs] gesetzt G        laden E 29 verordnet DK verordent EL 30 lebrarey C librareyen D libarey G 31 Salomon DG Salamo F Salamon L        Esaias D]

 

[1] gethan. Ich wollt yhe Deutschem lande gerne geraten und geholffen haben, [2] ob mich gleich ettlich darueber werden verachten und solchen trewen rad ynn [3] wind schlahen und bessers wissen woellen, das mus ich geschehen lassen. Ich [4] weys wol, das andere kuendten besser haben ausgericht, auch1 weyl sie schweygen, [5] richt ichs aus so gutt alls ichs kan. Es ist yhe besser dazu gered, wie ungeschickt [6] es auch sey, denn aller dinge davon geschwigen. Und bin der hoffnung, [7] Gott werde yhe ewer ettliche erwecken, das meyn trewer rad nicht gar [8] ynn die asschen falle, und werden ansehen nicht den der es redt, sondern die [9] sach selbs bewegen und sich bewegen lassen.

 

[10] Am letzten ist auch das wol zu bedencken allen den yenigen, so lieb und [11] lust haben, das solche schulen und sprachen ynn Deutschen landen auffgericht [12] und erhallten werden, das man fleys und koste nicht spare, gutte librareyen [13] odder buecher heuser sonderlich ynn den grossen stedten, die solichs wol vermuegen, [14] zuverschaffen. Denn so das Euangelion und allerley kunst soll bleyben, [15] mus es yhe ynn buecher und schrifft verfasset und angebunden seyn (Wie die [16] Propheten und Apostel selbs gethan haben, alls ich droben gesagt habe2), Und [17] das nicht alleyne darumb, das die yenigen, so uns geystlich und welltlich [18] fuerstehen sollen, zu lesen und studirn haben, sondern das auch die guten buecher [19] behallten und nicht verloren werden sampt der kunst und sprachen, so wyr [20] itzt von Gottis gnaden haben. Hierynnen ist auch S. Paulus fleyssig gewesen, [21] [1. Tim. 4, 13] da er Timotheo befilhet, er solle anhallten am lesen, und auch befilht, er solle [22] [2. Tim. 4, 13] das pergamen zu Troada gelassen mit sich bringen.

 

[23] Ja sollchs haben sich geflissen alle koenigreiche, die etwas sonderlichs [24] gewesen sind, und zuvor das Israelische volck, unter wilchen solchs werck Mose [25] [5. Mose 31, 25 f.] anfieng der erste, und hies das buch des gesetzs ynn die lade Gottis verwaren [26] und thets unter die hand der Leviten, das man bey den selben sollt holen [27] [5. Mose 17, 18] abschrifft, wer es beduerffte, also das er auch dem Koenige gepeut, er solle von [28] den Leviten solchs buchs abschrifft nemen. Das man wol sihet, wie Gott [29] das Levitische Priesterthum unter andern geschefften auch dazu verordenet hat, [30] das sie der buecher huetten und warten sollten. Nach dem hat dise librarey [31] gemeret und gebessert Josua, darnach Samuel, David, Salomo, Isaias und

 

[Seite 50]

 

[ 3 bleyben D        darauff DHIK 4/5 libareyen G 5 es] er CHK 6 than] thun BE        darob DIK 7 libareyen G        hett K 9 rechtschaffner BHKL rechtgeschaffner D 10 Münch buecher FHIK 11 yngefuefrt FG 13 lere DEFGHIK laere L        studieren IK        erfarn H 14 mue H        sprache D künst HL        dennoch E 15 gar] so gar H        allter] aller B 16 wůrmen CEIK        daran DIK 17 man fehlt D        zerstoerten DHK zů stoerten EL 18 klaineten H klaynatten I klaynatern K kleynetern L 19 recht] vnrecht D 20 verradt L        schaffen BC 22 behallten] gehallten E 23 geschrifft F 25 und] oder L]

 

[1] so fort an viel mehr Koenige und Propheten. Daher ist komen die heylige [2] schrifft des Alten Testaments, wilche sonst nymer mehr were zu samen bracht [3] odder bleiben, wo Gott nicht hette sollchen fleys drauff heyssen haben.

 

[4] Dem exempel nach haben auch die stiffte und kloster vor zeytten librareyen [5] angericht, wie wol mit wenig gutten buechern. Und was es fur schaden [6] than hatt, das man zu der zeyt nicht drob gehallten hatt buecher und gutte [7] librareyen zu verschaffen, da man buecher und leute genug dazu hatte, ist man [8] darnach wol gewar worden, das leyder mit der zeyt dahyn gefallen ist alle [9] kuenst und sprachen, Und an stat rechtschaffener buecher die tollen unnuetzen [10] schedlichen Mueniche buecher Catholicon, Florista, Grecista, Labyrinthus, Dormi [11] secure1 und der gleychen esels mist vom Teuffel eyngefurt ist, das damit die [12] Lateinische sprache zu boden ist gangen und nyrgent keyn geschickte schule noch [13] lare noch weyse zu studirn ist uber blieben, Und wie wyr erfaren und gesehen [14] haben, das mit so viel muehe und erbeit man die sprachen und kunst dennocht [15] gar unvolkomen aus ettlichen brocken und stucken allter bücher aus dem staub [16] und wuermern widder erfuer bracht hatt und noch teglich dran sucht und [17] erbeyt, gleych wie man ynn eyner zustoereten stad ynn der asschen nach den [18] schetzen und kleynoten grebt.

 

[19] Darynn ist uns auch recht geschehen und hat Gott unser undankbarkeyt [20] recht wol bezalet, Das wyr nicht bedachten seyne wolthat und vorrat schafften, [21] da es zeyt war und wol kundten, damit wyr gutte buecher und gelerte leut [22] heten behallten, liessen es so faren, alls gienge es uns nicht an: Thet er [23] auch widerumb und lies an stat der heyligen schrifft und gutter bücher den [24] Aristotelem komen mit unzelichen schedlichen buechern, die uns nuer ymer weytter [25] von der Byblien fureten. Dazu die Teuffels larven die Mueniche und der

 

[Seite 51]

 

[ 1 vnmenschlichen B 3 fette] faiste H        sew E 4 perley E 5 ymer fehlt D 6 gueter H        nur] nun H        mysts HL 7 aller cloester. Ja H        zu gedencken D 9 studirn BGH        boeß E 10 gelernet E gelert IK 11 selig gewesen HL 13 bleyben C        zu (hinter noch ) fehlt IK        ayr H 14 wyr] mir K        allenthalbē muessen haben E        nicht IK 17 andere EH        vorhanden DEHIK 18 darauß D 19 lerten D        taube B 20 macht B        keynen klůgen F 21 libareyen G 22 vergehn E        belhaten A1 23 vnterscheyd C vnderschayd IK 25 buechen D        darvnder DHIK        das nicht] dan nit K 27 sameln DE 28 rechtgeschaffenen D rechtschaffnen EKL        librareyen D libarey G]

 

[1] hohen schulen gespenst, die wyr mit unmenschlichem gutt gestifft, und viel [2] Doctores, Predicatores, Magistros, Pfaffen und Mueniche, das ist grosse grobe [3] fette esel mit rotten und braunen parreten geschmuckt wie die saw mit eyner [4] guelden keten und perlen, erhallten und auff uns selbs geladen haben, die uns [5] nichts guts lereten, sondern nur ymer mehr blinder und toller machten und dafuer [6] alle unser gutt fressen, und samleten nur des drecks und mistes yhrer unfletigen [7] gifftigen buecher alle kloester, ja alle winckel voll, das grewlich zu dencken ist.

 

[8] Ists nicht eyn elender jamer bisher gewesen, das eyn knabe hat muessen [9] zwentzig jar oder lenger studiren, alleyn das er so viel boeses lateinisch hat [10] gelernt, das er mocht pfaff werden und mess lesen? Und wilchem es dahyn [11] komen ist, der ist selig gewest. Selig ist die muter gewest, die eyn sollch kind [12] getragen hat. Und ist doch eyn armer ungelerter mensch seyn leben lang [13] blieben, der widder zu glucken noch zu eyer legen getuecht hatt.1 Solche lerer [14] und meyster haben wyr muessen allenthalben haben, die selbs nichts gekundt [15] und nichts guts noch rechts haben muegen leren, ja auch die weyse nicht gewist, [16] wie man doch lernen und leren sollte. Wes ist die schuld? Es sind keyn [17] ander buecher fuer handen gewest, denn solche tolle Mueniche und Sophisten [18] buecher. Was solten denn anders draus werden, denn eyttel tolle schuler und [19] lerer, wie die buecher waren, die sie lereten? Eyn dole hecket keyne tauben, [20] und eyn narr machet keyn klugen.2 Das ist der lohn der undanckbarkeyt, [21] das man nicht hat fleys an librareyen gewendet, sondern hat lassen die gutten [22] buecher vergehen und die unnuetzen behalten.

 

[23] Aber meyn rad ist nicht, das man on unterschied allerley buecher zu [24] hauff raffe und nicht mehr gedencke denn nur auff die menge und hauffen [25] buecher. Ich wollt die wal drunder haben, das nicht nott sey, aller Juristen [26] comment, aller Theologen Sententiarum3 und aller Philosophen Questiones [27] und aller Mueniche Sermones zu samlen. Ja ich wollt solchen mist gantz [28] ausstossen und mit rechtschaffenen buechern meyne librarey versorgen und gelerte

 

[Seite 52]

 

[ 1 drueber E        geschrifft D 2 Hebreisch D Hebraisch IK        sprach E 3 darinnen DIK 4 Hebreisch D Hebraisch IK 5 den fehlt BD        zu lernen] vnd lernen D 6 odder] vnd D 7 sollen D 9 Ertzney DEGHIK 10 gutter D 11 fürnaemesten H 13 regiern KL 15 ergangen D        kain D 17 gwesen waeren H        gehallten] behallten DH 18 nichts] nit F 19 koennen D 21 Hebreischen D Hebraischen IK 24 Teütsch bleiben L 25 vile H füle IK 26/27 ynschneyden F einschnitten EIKL 27 koennen D 28 guldin H 29 verseume E        anfeht E 31/32 brachte seind K 33 und fehlt K        ynreyssen F]

 

[1] leut darueber zu rad nemen. Erstlich sollt die heylige schrifft beyde auff [2] Lateinisch, Kriechisch, Ebreisch und Deutsch, und ob sie noch ynn mehr sprachen [3] were, drynnen seyn. Darnach die besten ausleger und die Elltisten beyde [4] Kriechisch, Ebreysch und Lateinisch, wo ich sie finden kuende. Darnach solche [5] buecher, die zu den sprachen zu lernen dienen, alls die Poeten und Oratores, [6] nicht angesehen ob sie Heyden odder Christen weren, Kriechisch odder Lateinisch. [7] Denn aus solchen mus man die Grammatica1 lernen. Darnoch sollten seyn [8] die buecher von den freyen kuensten und sonst von allen andern kuensten.2 Zu [9] letzt auch der Recht und Ertzeney buecher, Wiewol auch hie unter den Commenten [10] eyner gutten wal not ist.

 

[11] Mit den fuernemsten aber sollten seyn die Chronicken und Historien3, [12] waserley sprachen man haben kuende. Denn die selben wunder nuetz sind, der [13] wellt lauff zu erkennen und zu regiren, Ja auch Gottis wunder und werck [14] zu sehen. O wie manche feyne geschichte und sprueche sollt man itzt haben, [15] die ynn Deutschen landen geschehen und gangen sind, der wyr itzt gar keyns [16] wissen: das macht, niemand ist da gewesen, der sie beschrieben, oder, ob sie [17] schon beschrieben gewest weren, niemand die buecher gehallten hat, darumb man [18] auch von uns Deutschen nichts weys ynn andern landen, und muessen aller [19] wellt die Deutschen bestien heyssen, die nichts mehr kuenden denn kriegen und [20] fressen und sauffen. Aber die Kriechischen und Lateinischen, Ja auch die [21] Ebreischen haben yhr ding so gnaw und fleyssig beschrieben, das, wo auch eyn [22] weyb oder kind ettwas sonderlichs gethan odder geredt hat, das mus alle wellt [23] lesen und wissen, die weyl sind wyr Deutschen noch ymer Deutschen und woellen [24] deutsche bleyben.

 

[25] Weyl uns denn itzt Gott so gnediglich beratten hat mit aller fuelle beyde [26] der kunst, gelerter leutte und buecher, so ists zeyt, das wyr erndten und eynschneytten [27] das beste, das wyr kuenden, und schetze samlen, damit wyr ettwas [28] behallten auff das zukunfftige von disen guelden jaren und nicht dise reyche [29] erndte verseumen. Denn es zu besorgen ist und itzt schon widder anfehet, [30] das man ymer new und ander buecher macht, das zu letzt da hyn kome, das [31] durch des teuffels werck die gutten buecher, so itzt durch den druck erfur bracht [32] sind, widderumb unterdruckt werden und die losen heylosen buecher von unnuetzen [33] und tollen dingen wider eyn reissen und alle winckel fuellen. Denn damit geht [34] der teuffel gewislich umb, das man sich widderumb mit eyttel Catholicon,

 

[Seite 53]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 1 des fehlt D 3 nichts] nistts G 6 rathes D 8 lands C 9 traeffe HIK        etwas L 10 keynen BFIK 13 gantze C 14 Moses D        befilhe D 15 woelle D woell HIK        ewer DGHI eüwer F 16 verlaßnen L 18 regement D        Deutschs E        foelle H 19 lob und] lob end K        dem] dez C        vnseren L]

 

[1] Floristen, Modernisten1 und des verdampten Muenichen und Sophisten mists [2] tragen und martern muesse, wie vorhyn, und ymer lernen und doch nymer [3] nichts erlernen.

 

[4] Der halben bit ich euch, meyne lieben herrn, woellet dise meyne trewe [5] und fleys bey euch lassen frucht schaffen. Und ob ettlich weren, die mich zu [6] geringe dafur hielten, das sie meyns radts sollten leben, odder mich alls den [7] verdampten von den tyrannen verachten, die wolten doch das ansehen, das ich [8] nicht das meyne, sondern alleyn des gantzen Deutschen lands glueck und heyl [9] suche. Und ob ich schon eyn narr were und treffe doch was guts, sollts yhe [10] keynem weysen eyn schande duncken, mir zu folgen. Und ob ich gleych eyn [11] Tuercke und Heyde were, so man doch sihet, das nicht mir daraus kan der [12] nutz komen, sondern den Christen, sollen sie doch billich meynen dienst nicht [13] verachten. Es hat wol ehe mals eyn narr bas zu geraten, denn eyn gantzer [14] [2. Mose 18, 17 ff.] radt der klugen. Mose muste sich von Jethro leren lassen. Hie mit befilh [15] ich euch alle Gottis gnaden, der woellt ewr hertzen erweychen und anzuenden, [16] das sie sich der armen elenden verlassenen jugent mit ernst annemen und [17] durch Goettliche hilffe yhn radten und helfen, zu seligem und Christlichem [18] regiment Deutsches lands an leyb und seel mit aller fuelle und uberflus, zu [19] lob und ehren Gott dem vater durch Jesum Christum unsern heyland. Amen.

 

 

 

[Seite 54]

 

 

 

 

 

Ein christlicher Trostbrief an die Miltenberger, wie sie sich an ihren Feinden rächen sollen, aus dem 119. Psalm. 1524.

 

 

[Einleitung]

 

1899

 

[Seite 54]

In das kurmainzische Städtchen Miltenberg am Main war im Frühjahr 1522 durch Vermittlung seines Verwandten, des dortigen Amtmanns Friedrich Weygand, Johann Drach (Draco, Draconites) als erster evangelischer Prediger berufen worden. Miltenberg, Jahrhunderte lang in Bürgstadt eingepfarrt, besaß ein sogenanntes Halbstift mit 12 Meßpriestern oder Altaristen; aber eben im Frühjahr 1522 hatte der Rath die Gründung einer selbstständigen Pfarrei in Miltenberg durchgesetzt; die bezügliche Urkunde vom Dienstag nach Sonntag Quasimodogeniti 1522, durch den zuständigen Generalvicar Scholasticus Dr. Zobell in Mainz am 4. Mai desselben Jahres bestätigt, sprach dem Bürgermeister, Rath und ganzer Gemeinde das Patronatsrecht über die neugegründete Pfarrei zu. Nach Angabe der Stadtchronik, die hier freilich keine Quelle nennt, soll Drach schon während der Separationsverhandlungen bei seinem Vetter Weygand als Gast geweilt haben und sogleich zum Pfarrer ausersehen worden sein.

 

Drach, um 1494 in Carlstadt am Main geboren, — daher gewöhnlich Johann Carlstadt genannt — 1509 in Erfurt immatrikulirt, 1512 Baccalaureus, 1514 Magister, hervorragendes Mitglied des dortigen Humanistenkreises, mit Justus Jonas und Eobanus Hessus eng befreundet, auch mit Erasmus in brieflichem und persönlichem Verkehr, zugleich Inhaber eines Kanonikats am St. Severistift, war am 9. April 1521 wegen seiner Theilnahme an den Empfangsfeierlichkeiten für Luther bei dessen Durchreise nach Worms mit dem Bann belegt und vom Dekan der Severikirche Jacob Doliatoris in beschimpfender Form aus dem Chor gewiesen, jedoch auf Drängen des Universitätsrektors Crotus und wegen der drohenden Haltung der Studentenschaft vom Bann gelöst und in seine Ehren wieder eingesetzt worden. Noch im Juli 1521 ist seine Anwesenheit in Erfurt vorausgesetzt (vgl. Brief des Jonas an Eoban vom 26. Juli). Die Pest scheint die äußere Veranlassung seines Wegzugs gewesen zu sein, den er aber nur als zeitweiligen ansah und bei dem er seine Rechte als Kanonikus ausdrücklich wahrte.1 Noch 1521 finden wir ihn in Wittenberg und Nordhausen.

 

 

 

[Seite 55]

 

 

Nun behauptet Enders, Luthers Briefwechsel 3, 156; 4, 298, Drach sei erst 1523 nach Miltenberg berufen, denn nach Alb. Acad. p. 118 sei er noch im Sommer 1523 in Wittenberg gewesen, wo er schon feria sexta post Reminiscere, am 6. März, für den Grad eines Dr. theol. disputirt habe. Umgekehrt meint Strobel, Neue Beitr. IV (1793) S. 23 f., jene Promotion müsse “unfehlbar noch 1522 geschehen” sein, und dann sei er 1522 nach Miltenberg gezogen. Zweifellos ist Drach 1523 in Wittenberg unter Jonas' Dekanat zum Doktor der Theologie promovirt (Förstemann, Liber Decan. p. 28 u. 84), er soll dazu von Luther “schier gezwungen sein” (vgl. Ickelsamers Klag etlicher Brüder &c.. herausg. von Enders in W. Braunes Neudrucken Nr. 118 (1893), S. 49). Doch kann die Promotion nicht schon am 6. März stattgefunden haben, die acht Thesen feria sexta post Reminiscere absque loci annique mentione in Unsch. Nachr. 1712 S. 631 f. gehören nicht hierher; denn Drach ließ sich erst im Juni 1523 in Wittenberg inskribiren (Förstemann, Alb. Acad. p. 118) und zwar augenscheinlich nur zum Zweck seiner Promotion, um derentwillen er seinen Miltenberger Aufenthalt für kurze Zeit unterbrochen hatte.

 

Daß aber Drach damals bereits etwa seit Jahresfrist in Miltenberg gewirkt hatte, geht aus einer Reihe von Zeugnissen klar hervor.

 

Wenn Eobanus Hessus in einem undatirten Brief vom Jahre 15231 (?) (Epp. famil. p. 88) Drach beglückwünscht “quod eodem temporis articulo, quo Doliatorem, Papae defensorem, reliquosque Lutheromastigas deserere cogitares, Miltenbergam sis vocatus per tuum Vuigandum”, so scheint damit angedeutet zu sein, daß die Verhandlungen wegen seiner Verpflanzung nach Miltenberg gar bis in das Jahr 1521 zurückreichen.

 

Ferner hat Joh. Cochläus, damals Dechant der Liebfrauenkirche zu Frankfurt a M., schon im Jahre 1522 eine Widerlegung von 14 ketzerischen Artikeln Drachs verfaßt und später in folgendem Sammelwerk veröffentlicht:

 

 

 

[Seite 56]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

 

“In Causa Religionis || MISCELANEO- || RVM LIBRI TRES IN DI- || uersos Tractatus antea non æditos, ac diuersis || temporibus, locisq; scriptos digesti. || Per Iohannem Co - || chlæum. || QVORVM CATALOGVS || in sequenti habetur Pagina. || INGOLSTADII EXCVDE- || bat Alexander Vueissenborn. || Cum Gratia & Priuilegio Caesareae Maiestatis. || M. D. XLV. ||” Titelrückseite bedruckt. 204 Blätter in Folio. Letzte Seite leer. Schluß: “FINIS. ||”

Vorhanden z. B. in Wolfenbüttel.

 

Bl. 104b bis Bl. 111a steht Miscellaneorum Libri Secundi Tractatus Secundus. Articuli Contra Quendam Pastorem Miltenbergensem nomine Ioannem Draconem inquisitorij. Folgen die XIIII Artikel, dann Responsio Ioan. Cochlaei contra eosdem articulos, auf letzter Seite die Notiz “Scripta Franckfordiae ad Moenum. 1522”, dann noch ein Nachwort.

 

Dazu stimmen die Zeitangaben in folgendem Büchlein:

 

“¶ Warhafftig bericht Bernhart Johims, wie dye || Christen zu Miltenberg, von hern Albrechts || Cardinals vnd Ertzbischoffs zu Meintz || Thumhern oder Stathaltern, des || rechten glaubens halben, ge- || stuermbt seyn. || Item || Anclage der Stat Miltenberg || widder die Pfaffen daselbst. || Eyn ander vnterricht von Michel || Fincken Recitirt, wie die Christen || von Miltenberg gestuermet seyn. || MILTENBERG. || 1523. ||” Titelrückseite bedruckt. 14 Blätter in Quart.

Vorhanden z. B. in Wolfenbüttel, ebenda auch in andrer Ausgabe.

 

Hier heißt es von der Verkündigung des Gotteswortes in Miltenberg durch Dr. Johann Carlstadt Bl. A 2b “So aber das vber eynn yarlang bey yhn geweret hatt” usw.

 

Der erste Theil dieses Werkes, Bernhard Johims Wahrhaftiger Bericht, steht auch als mittleres Stück in folgender Flugschrift:

 

“Epistel an die Gemeyne || zů Miltenberg den abschyed des || Pfarhers daselbst betreffendt, || So alle priester vnuerjagt, || auß der Stat flohen. || Wie die Burger zu Milt- || tennberg Durch verklagung irer || außgeflohenenn priester, vber- || fallen, gestürmet vnd eynß- || teils gefangē wordē seind || Suplication des veriag- || ten pfarhers vonn wegenn der || Burger vnnd gefanngnen || zu Miltenberg. || M D XXiij || Job. 9. || Quis restitit deo, et pacem habuit? ||” Mit Titeleinfassung. 12 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende: “E. C. G. || Armer vnderthaniger Doctor || Johan̄ Carlstat veriagter pfar || herr zů Miltenberg. ||”

Vorhanden z. B. in Wolfenbüttel. Vgl. Panzer II Nr. 1941; Kuczinsky, Thesaurus Nr. 426. Andre Ausgabe Panzer II Nr. 2396; Weller Nr. 2832. (Neudruck in Rabus' Märtyrerhistorie II (1572) Bl. 383a –388a.

 

Auf Bl. A 2a bis B 2a steht hier Drachs erster Trostbrief, in Wertheim vor dem 22. Oktober 1523 geschrieben, Bl. B 2a bis C 1b Johims Bericht, Bl. C 2a bis C 3b Drachs Bittschrift an Albrecht von Mainz wegen der Gefangenen zu Miltenberg, verfaßt in Nürnberg am Donnerstag nach Martini 1523. In dieser Supplikation schreibt Drach selbst Bl. C 3b: “Ich dank Gott, daß mich E. G. ein Jahr lang Christum zu Miltenberg frei hat lassen predigen.”

 

 

 

[Seite 57]

 

 

Ferner hat Drach später noch in einem kurzen Widmungsbrief aus Lübeck vom 23. Januar 1550 “allen Christen zu Miltenberg” in Erinnerung gerufen: “Ich habe euch anderhalb Jare nach dem Gesetz und Euangelio Bus vnd vergebung der Suenden geprediget” usw. Diese Worte stehen auf der Titelrückseite folgender Schrift:

 

“Von dem Newen || Himel vnd Erden. || DOCTOR IOANNES || DRACONITES. || Esa. 65. || Sihe ich wil einen Newen Himel und Newe Erden schaffen: || das man der vorigen nicht mehr gedencken wird. || M. D. L. ||” 6 Blätter in Folio. Am Ende: “Geprediget zu Marpurg 1546. || Geschrieben zu Luebeck 1549. || Gedruckt durch Georgen Richolff: || M. D. L. ||” Bl. A 1b Schluß der Dedikationsepistel: “Geschrieben in der Webe S. Jakobs: || 23. Janua. M. D. L. ||”

 

Dieser Sermon Drachs ist ein Theil des großen Sammelwerkes:

 

“Gottes Verheissunge || Figure Vnd Gesichte: || Von CHRISTO vnd der || Christenheit: Aus Mose || Vnd allen Propheten. || Das Ander Teil. || ... [2 Zeilen] ... || Doctor Joannes || Draconites. || ... [4 Zeilen. Bibelspruch] ... || M. D. L. ||” Mit Titeleinfassung (14 bibl. Bilder). Starker Band in Folio. Auf dem reich gepreßten Ledereinband: “HERTZOG IOANNES ALBRECHT || 1551 ||”

Vorhanden z. B. in Rostock U.

 

Besonders wichtig ist noch eine Stelle in folgender Schrift, welche eine Widerlegung der vorletzt erwähnten sein will:

 

“Warhaftiger be- || richt Heintzen Von Scharffen- || steins wie vnd aus was vrsachen dye || Miltemberger durch die Mentzischen || Kethe [so] in hafft auff gepurlich straff || genommen sey [so]. || Gegen einē erdichten gifftigē ausschreibē || Johann Drachen der sich nennet Doctor || Karlestat || Dem leser zueuernemen vnuerdryslich || Veritas manet ineternum ||” Mit Titeleinfassung. 16 Blätter in Quart. Am Ende: “Heintz von Scharffenstein bin ich genant || Den straffwirdigē priestern im stifft Mentz bin ich wol bekant || Bin geordent zue jrem ewigen gasthalter vnd wirt || Welcher aus jnen mir zue gast geschickt wirdt || Der bedarff sich warlich nit hoch frewen || Dan̄ er zue ewigen tagē Son oder Mon nymmer thuet schauen. ||”

Vorhanden z. B. in Wolfenbüttel. Panzer II Nr. 2397.

 

Hier heißt es Bl. D 3b: “Das ist derselbig Drach, der anderthalb Jahr zu Miltenberg Pfarrherr und Priester geweiht gewest und noch kein Meß gethan. Aber dasselbig ist ihm vielleicht nit als viel angelegen, als gen Wittenberg zu ziehen und um der weltlichen Ehre willen in eines Goldschmieds Haus hinter dem Ofen Doctor der h. Schrift zu werden, damit er seinen väterlichen Zunamen Drach mocht verändern und gar zierlich Doctor Carlstadius genennt werden”. — Also Drach hat von Miltenberg aus, nachdem er dort schon fast ein Jahr lang Pfarrer gewesen, sich zur Promotion nach Wittenberg begeben und ist von da nach Miltenberg zurückgekehrt.

 

Die angeführten sich ergänzenden Quellenschriften geben ein anschauliches Bild von seiner erfolgreichen reformatorischen Thätigkeit und der dadurch heraufbeschworenen Krisis in Miltenberg.

 

 

 

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Der Widerspruch der in ihrem Ansehen und Einkommen geschädigten Meßpriester gegen den neuen evangelischen Pfarrer regte sich bald. Nach der angeführten Schrift des Cochläus wurden bereits im Jahre 1522 vierzehn ketzerische Äußerungen Drachs über Fasten, Messe, Laienkelch, Heiligentage, Prozessionen, Cölibat, Ohrenbeichte, Geltung päpstlicher Dekrete usw. als Grundlage eines Prozesses gegen ihn zusammengestellt und bearbeitet. Er selbst aber hielt nicht viel von einem Prediger, der, wie er sagt, “nichts kann denn wider die Pfaffen schwermen”. Unterstützt von seinem treuen Kaplan Anton Scherpfer, bemühte er sich, durch das kraft- und geistvoll verkündigte Evangelium, durch Einrichtung täglicher Schriftlektionen zur Frühmesse, durch Ordnung der Armenpflege u. dergl. seine Gemeinde zu erbauen. Schöne Zeugnisse für diese seine positive Wirksamkeit haben wir in den drei Trostbriefen, die er nach er nach seinem Abschied an die Miltenberger Gemeinde gerichtet hat; der erste von Wertheim aus geschriebene ist bereits (oben S. 56) erwähnt, der zweite folgte aus Erfurt Weihnacht 1523:

 

“Epistell an die || Gemeyne tzů || Milten- || berg. || Doctor Johann || Carlstatt. || ¶ Geschrieben, auß || Erffort. am || Christag. || Anno. M. D. XXIIII. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 4 Blätter in Quart.

Vorhanden z. B. in Berlin, Kgl. Bibl. Andre Ausgabe Weller 2831.

 

Ein dritter im Anfang des folgenden Jahres aus Wittenberg:

 

“Eyn Christlich- || er Sendebrieff || an die Milten || berger. || Joannes Carl- || stat. || Vuittemberg || M. D. XXiiij. ||” Am Ende: “Gedruckt zu Wittemberg durch || Nickel Schyrlentz. || Im Jare. 1. 5. 24. || [Zierleiste] ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 10 Blätter in Quart, letzte Seite leer.

Vorhanden z. B. in Wolfenbüttel. Vgl. Weller Nr. 2833. Andre Ausgabe Weller Nr. 2834. In lateinischer Übersetzung, doch ohne das Vorwort, bei Obsopoeus Epp. farrago Bl. G 7b bis J 2b.

 

Die wirksamsten Beförderer der evangelischen Bewegung in Miltenberg waren jene zwölf Altaristen, die durch ihre Frivolität und Unsittlichkeit sich verächtlich gemacht hatten. Die mit Johims und Fincks Bericht zusammen veröffentlichte “Anklage der Stadt Miltenberg wider die Pfaffen daselbst” weiß davon empörende Beispiele zu melden. Selbst jener fanatische Scharffenstein deutet in seinem Bericht an, die Priester seien hernach zur Züchtigkeit und Ehrbarkeit ermahnt worden, was sie unzweifelhaft auch beherzigen würden. Doch hatten sie einflußreiche Beschützer in Miltenberg an dem Schulteiß Conz von Aulenbach, in

 

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Aschaffenburg an dem mainzischen Kommissar und Kanonikus Conrad Rucker (Ricker), dem erbittertsten Feinde Drachs, und dem bischöflichen Vitzthum Philipp Echter. Dagegen stand fast die gesammte Bürgerschaft Miltenbergs, Rath und Bürgermeister an der Spitze, entschieden auf Drachs Seite. Deshalb wagten offenbar die Feinde auch nicht so rasch den entscheidenden Schlag gegen den evangelischen Prediger zu führen. Darf man Scharffensteins Angabe trauen, so wurde Drach seit Johanni 1523 dreimal vom Kommissar Rucker nach Aschaffenburg zum Verhör citirt, aber er erschien nicht; übrigens scheint die erste Citation grade in die Zeit gefallen zu sein, als Drach auf mehrere Wochen wegen seiner Doktorpromotion verreist war, ein Umstand, der auf das Verfahren des Ketzerrichters ein eigenthümliches Licht werfen würde. Eine vom Rath abgesandte Deputation, welche in Aschaffenburg eine Abschrift der angeblich ketzerischen Artikel Drachs beschaffen und eine Niederschlagung des Prozesses erbitten sollte, war erfolglos. Der Prediger wurde in den Bann gethan. Als nun am Tage Mariä Geburt (8. Sept.) 1523 die Exkommunikationsurkunde in der Kirche zu Miltenberg vorgelesen wurde, brach ein großer Tumult los; die empörte Gemeinde würde sich an den Priestern vergriffen haben, wenn sie sich nicht unter Drachs Beihülfe in die Sakristei gerettet hätten. Eine kurze Zeit noch verwaltete Drach sein Predigtamt weiter, ohne des Bannes zu achten. Rath und Bürgerschaft schickten eine zweite Supplikation nach Mainz, doch kam der ungnädige Bescheid, man solle den Pfarrer hinwegthun bei Verlierung Leibes und Gutes. Da baten ihn die Bürger selbst, eine Zeit lang zu weichen, und gaben ihm zu Schiff Main aufwärts das Geleit gen Wertheim, während der Kaplan zurückblieb.

 

Nun aber fühlten sich die Altaristen nicht mehr sicher in der Stadt, flohen zu ihrem Patron Conrad Rucker nach Aschaffenburg — wie Drach meint, auf dessen Anstiften — und verklagten dort die Miltenberger wegen Aufruhrs und Gewaltthat. Eine dritte Gesandtschaft des Raths und der Gemeinde, welche beim Statthalter Dr. Zobell in Mainz die Anschuldigungen der “unverjagt geflohenen” Priester widerlegen wollte, mußte unverrichteter Sache heimkehren.

 

Über Miltenberg brachen nun nach einigen Ruhewochen schwere Tage herein. Am 20. Oktober, “Donnerstag nach St. Galli”, Nachmittags kam ein bischöflicher Hofmeister mit etwa 30 Pferden aufs Schloß geritten; der treue Weygand wurde sofort

 

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gefangen gesetzt; am Abend in der Dunkelheit trafen zu Schiff auch die Domherren aus Aschaffenburg ein. Der Schultheiß Aulenbach hatte alles Weitere vorbereitet. Über Nacht ließ man unauffällig Reiter und Fußvolk sich sammeln, meist katholische Bauern der Umgegend, theils im Schloß, theils vor den drei Thoren. Am Freitag Morgen nach dem Frühgottesdienst, als es läutete, brachen laut Verabredung die Bewaffneten plötzlich nach Überrumpelung der Thorwachen zu gleicher Zeit in das Städtchen, Conz von Aulenbach wie Judas voran, und überfielen die erschreckten wehrlosen Bürger. Das Pfarrhaus, in dem der Kaplan wohnte, wurde geplündert und dieser durch den Vitzthum Philipp Echter gefangen genommen. Etwa vierzehn von den Priestern aufgeschriebene angesehene evangelische Männer, darunter der Bürgermeister Niclas Clein, “dieser Sachen ein gerichter Leithammel” (wie Scharffenstein sagt), wurden in den Thurm geworfen, zwei starben darin nach einiger Zeit. Samstag früh mußten die Bürger auf dem Rathhaus erscheinen, vor welchem 300 Bewaffnete standen, und, ohne daß ihnen gestattet worden wäre, sich zu vertheidigen oder ihre Klagen gegen die Priesterschaft vorzubringen, mußten sie feierlich geloben, bei dem alten Glauben und den alten Gewohnheiten zu bleiben, den entwichenen Pfarrer nie wieder anzunehmen, der aufrührerischen lutherischen Bücher sich zu entschlagen, den Priestern wieder ihre Zinse zu geben und sich gegen sie friedlich und gehorsam zu halten. Auch fielen Äußerungen, wie: sie sollten nicht mehr in der Bibel lesen, nützer sei es, Wein und Korn lesen; ihren Weibern sollten sie die Mäuler stopfen, daß sie nichts mehr vom Pfarrer redeten. Die alte Freiheit, sich die Priester zu wählen, wurde ihnen damals genommen. Auch wurde ihnen verboten, an den Bischof zu schreiben. Nach Abschluß dieser Verhandlungen zogen die bischöflichen Räthe und Priester in die Kirche zur Messe und ließen das Te Deum singen. Es wurden auch Kriegsleute zurückgelassen, die, wenn es Noth thäte, die Christen mit Gewalt zum alten Glauben in die Kirche treiben sollten. So hatten sie, wie Scharffenstein schreibt, ihr “in Wahrheit nothdürftig, selig und gutes Werk” vollbracht. Johim dagegen schließt seinen Bericht: “Alle Christen sollen Miltenberg für eine Stadt halten, die etwas Großes des Evangeliums halben und dazu von den Priestern erlitten, dazu auch schon etliche Heilige und Märtyrer gegeben”.

 

Die Chronik der Stadt Miltenberg, mit Benutzung archivalischer Quellen von einem Katholiken verfaßt, berichtet über die Folgen der Katastrophe des 20. bis 22. Oktober 1523 noch Folgendes: “Die ganze Geschichte endete mit einer für die Stadt Miltenberg höchst traurigen Execution, indem einige der Rädelsführer (die Sage behauptet, es seien Magistratsmitglieder gewesen) auf dem öffentlichen Platz der Pfarrkirche gegenüber enthauptet worden sein sollen”. Unsere oben angeführten Quellen reden unbestimmter von “etlichen Heiligen und Märtyrern” (Schluß von Johims Bericht) und von “zween Marterern im Turm” (in Drachs Supplikation gegen Ende). Jene an sich nicht unwahrscheinliche Hinrichtung wird also, falls sie historisch ist, wohl erst später nach Abfassung der erwähnten Quellenschriften stattgefunden haben. Derselben Chronik entnehmen wir die Notiz, daß der Kaplan Anton Scherpfer nach Aschaffenburg gebracht und im November 1523 ihm dort der Prozeß gemacht worden ist, ferner daß im Januar 1524 die Untersuchung gegen Drach wieder aufgenommen wurde, wobei das Zeugenverhör in Miltenberg 20 Anklagepunkte wegen Irrlehren und verdächtiger Handlungen

 

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ergeben haben soll. Aus dem Taubergauer Kapitelsbuch wird die Bemerkung beigefügt, daß Heinrich Zink noch 1523 die Pfarrei Miltenberg erhielt; derselbe wird hier mit Übergehung Drachs als der erste Miltenberger Pfarrer nach Absonderung von der Mutterkirche bezeichnet.

 

Als Drach von der gegen die evangelische Gemeinde Miltenberg verübten Gewaltthat Kunde erhielt, weilte er nicht mehr in Wertheim1, sondern in Nürnberg. Dort schrieb er unter dem frischen Eindruck des Vernommenen am Donnerstag nach Martini 1523 in tiefer Erregung als “armer unterthäniger Doctor Johann Carlstadt, verjagter Pfarrherr zu Miltenberg”, jene Bittschrift an den Landesherrn Kurfürst Albrecht von Mainz “von wegen der Bürger und Gefangenen zu Miltenberg”. Nur kurze Zeit kann er in Nürnberg gewesen sein, um Weihnachten war er in Erfurt, von wo er seine zweite Epistel an die Miltenberger sandte. Aber hier vollends, auf kurmainzischem Boden, waren ihm seine Verfolger auf den Fersen. An den Erfurter Stadtrath erging Ende 1523 ein Schreiben der erzbischöflichen Räthe mit der Aufforderung, den “Joh. Trach, ausgetretenen Pfarrherrn zu Miltenberg”, der den Erzbischof mit allerlei Reden und Büchern und Schriften verunglimpfe und sich jetzt in Erfurt aufhalte, zu verhaften und dem Siegler zu überantworten. Dies erfahren wir aus der noch erhaltenen Antwort des Raths datum Erfurt 1524 Montag nach Circumcisionis (4. Januar), worin derselbe mittheilt, daß der Gesuchte nicht gefunden worden sei, bei der Nachfrage habe sich ergeben, daß er vor zwei Tagen die Stadt verlassen. (Das Original im Magdeburger Staatsarchiv, Liber communium 1522 –1525 II Cop. 1423, eine Abschrift im Erfurter Stadtarchiv). Drach selbst deutet diese Gefahren seiner ganzen Reise den Miltenbergern in dem dritten Brief an, den er von Wittenberg aus an sie richtete: “Ja, sagen die Andern, du liegst dort und läßt uns hie sticken. Wer ist Ursach meins Abschieds? Ists nicht euer Liebe? Bin ich nicht von euch erbeten zu weichen? Oder hab ich nicht euern Nutze drinnen gesucht? Bin ich aber drumb in Rosen gesessen und ihr habt allein gelitten?2 Wie ging es zu Wertheim? wie auf dem Wege, da mich der Herr oft triebe bis an Tod? wie zu Erffort?”

 

 

 

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Von Erfurt begab sich Drach nach Wittenberg. Durch ihn erfuhr Luther Näheres über die Miltenberger Vorgänge, vielleicht hatte er schon vorher durch die oben genannten, noch 1523 veröffentlichten Flugschriften Johims und Fincks vorläufige Kunde davon erhalten. Im Brief an Spalatin vom 18. Januar 1524 erwähnt er bereits dreierlei Gewaltthat, welche die Evangelischen im kurmainzischen Gebiet durch das Wüthen des unseligen Kardinals zu erdulden gehabt: in Halle, vorher in Miltenberg und Halberstadt.

 

Der Reformator beschloß, zu Gunsten der armen Miltenberger Christen seine gewichtige Stimme zu erheben. Drach mußte dies um so mehr wünschen, weil seine eigene von Nürnberg aus an Albrecht von Mainz gerichtete ‘Supplication’ um Anstellung eines geordneten Rechtsverfahrens erfolglos geblieben war, aber auch weil er vernommen, daß manche Gemeindeglieder abtrünnig geworden waren. Schon in seinem zweiten Sendschreiben, von Erfurt aus, hatte er den Rath gegeben: “So man euch zur Abgoetterei zwingt, wie ich hoere, legt euren Willen nit darzu, so bleibt ihr reine; und wisset, daß Gott, der do sitzt uff Cherubim und sieht in die Abgründe, urteilt nit nach äußerlichen Werken oder Ceremonien, sonder nach dem Grunde des Herzens”. Jetzt im dritten Sendschreiben aus Wittenberg klingt die Warnung vor Abfall noch viel ernstlicher: “Hütet euch vor den, die den Weg des Kreuzes lästern und um ihres schändlichen Gewinns willen das Evangelium verleugnen ... Tausendmal besser, die Verleugnung widerrufen und in Turm oder Tod gangen, denn Gott, allen Heiligen und Menschen zu Spott auf Erden leben”. Dagegen begrüßt er in der Vorrede dieses Briefes, die an “Friedrich Weygand, Johann Fundschell und alle Ratsfreunde zu Miltenberg” gerichtet ist, alle treu Gebliebenen um so herzlicher, namentlich Antonius, Lorenz Weiß, Cleyn, Paulos, Durr, Johann zur Kron u. a. (Leute, deren Namen zumeist wir auf der Liste der Gefangenen in Michel Fincks Bericht wiederfinden), und bemerkt beiläufig: “Luthers Trostbrief nehmet freundlich an, denn seine Lehre und Trost kommt von Gott”. Offenbar ist dieser Brief Drachs gleichzeitig mit Luthers in Wittenberg gedruckt und von da abgeschickt worden. (Vgl. auch Veesenmeyer, Litterargesch. der Briefsammlungen und einiger Schriften von Dr. M. Luther (S. 57 f.)

 

Luthers Trostbrief muß bald nach dem 14. Februar 1524 erschienen sein1; denn unter diesem Datum schrieb er an Albrecht von Mainz: “Das kann aber ich nicht lassen, sintemal den armen Leuten auch verboten ist Briefe zu empfahen, daß ich eine öffentliche Trostschrift lasse ausgehen, damit nicht mein Christus am jüngsten Tage zu mir sage: Ich bin gefangen gelegen, aber ihr habt mich nicht besuchet”; dann: “und will diesen Brief darum zuvor an E. K. F. G. haben lassen gelangen, damit ich nach dem Evangelio E. K. F. G. zuvoran ermahnet” usw. Übrigens erinnert hier Luther den Kardinal daran: es sei das dritte Mal, daß unter seiner Herrschaft der Same sich hebe, und es sei allbekannt, daß die zu Miltenberg keines Aufruhrs halben also geplagt seien, sondern allein des Evangelii oder Predigens halber; er wolle annehmen, es sei das ohne Wissen des Kurfürsten geschehen von etlichen Wölfen und Löwen, die unter dem kurfürstlichen Namen ihres Muthwillens pflegten. Luther hatte eben die Hoffnung noch

 

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nicht aufgegeben, den Fürstprimas Deutschlands für die Sache des Evangeliums zu gewinnen. In dem Trostbrief an die Miltenberger spricht er daher keinen direkten Tadel gegen den Bischof aus (anders in jenem Brief an Spalatin vom 18. Januar), sondern nur gegen dessen Beamte, die mainzischen Tempelknechte, Seeljäger, Mastbäuche, Hurnknechte usw. Der Kern dieses Briefs aber mit der sinnigen Auslegung des 120. (nach Luthers damaliger Zählung 119.) Psalms besteht aus ächt evangelischen Tröstungen und Mahnungen, wie sie Christenrache üben sollten, voll freudigster Siegesgewißheit für die Sache des göttlichen Wortes. Für diese Psalmauslegung an sich sei auf die ältere Interpretation Luthers in Unserer Ausgabe Bd. 4, 392 ff. 521 f., ferner auf die spätere In quindecim psalmos graduum (Erl. Ausg. Op. ex. 19, 168 ff.) hingewiesen.

 

Über den Erfolg von Luthers Brief ist nichts Bestimmtes zu sagen.1 Jedenfalls hat in Miltenberg ein treuer Kern der Gemeinde trotz aller Gewaltmaßregeln an der evangelischen Wahrheit längere Zeit festgehalten. Daß Drach noch einmal im Jahre 1550 von Lübeck aus an seine alte Gemeinde geschrieben hat, ist oben bereits erwähnt; leider aber giebt dieser kurze Dedikationsbrief keinerlei Auskunft über den damaligen Bestand und Zustand der Evangelischen. Beachtenswerth sind einige Angaben der Chronik, wonach noch in den Jahren 1606 und 1691 einige lutherische Bürger gemaßregelt worden sind.

 

Gegenwärtig beträgt die Zahl der Evangelischen etwa 220 unter 3600 Einwohnern. Ein Zusammenhang der gegenwärtigen mit der altprotestantischen Märtyrergemeinde ist nicht erweislich. Aber eine schöne Sühne der im Oktober 1523 verübten Gewaltthaten ist jetzt vollbracht: die evangelische Gemeinde Miltenberg hat sich ein eigenes schmuckes Kirchlein erbaut, welches am 8. September 1897 eingeweiht worden ist.

 

Vgl. Helii Eobani Hessi Epp. famil. libr. XII. Marburg 1543 (Herausgeber ist Drach) p. 2 f. 87 ff. — J. Jonas' Briefwechsel herausg. v. Kawerau, s. v. Drach. — Strobel, Neue Beiträge zur Litteratur Bd. IV (1793), 1. Stück: Von Draconites Leben und Schriften S. 3 –136. — Polack, Joh. Drach ein thüring. Reformator, in der Zeitschrift des thüring. Geschichtsvereins Bd. VII (1870) S. 211 –234. — Krause, Helius Eobanus Hessus, sein Leben und seine Werke. 2 Bde (1879), vgl. Register s. v. Drach. Dazu werthvolle Ergänzungen bei Örgel, Beitr. z. Gesch. des Erfurter Humanism., im 15. Heft der Mittheil. des Erfurter Geschichts- und Alterthumsvereins (1892) S. 10 f. 20. 23. 42. 85 ff. 101. 107. 111. 121. — Chronik der Stadt Miltenberg bearbeitet von M. Joseph Wirth, Fondsverwalter in Miltenberg a/M., vom Stadtmagistrat 1890 veröffentlicht, S. 156 ff. 163 ff. 167 ff. 170. 187 ff. 191 ff. (Das Werk ist ca. 50 Jahre vorher als Manuscript in 3 Bänden abgeschlossen gewesen; es vertritt den katholischen Standpunkt verhältnißmäßig unbefangen, mit Benutzung vieler Urkunden, doch kompilatorisch, ohne Kritik und wissenschaftliche (Genauigkeit.) — Briefe: De Wette

 

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[Nachträge und Berichtigungen]

Bd. II, S. 5. 462. 475 ff. 484 f.; Bd. VI, S. 491. Enders Bd. III, S. 156 f.; Bd. IV, S. 279. 297 f. 298 f. — Köstlin2 Bd. I, S. 652 f. — O. Albrecht, Die ev. Gemeinde Miltenberg und ihr erster Prediger, Halle 1896 (Nr. 28 der Volksschriften des Ver. für Reformationsgeschichte). — G. Kawerau, Johannes Draconites aus Carlstadt, in Beitr. z. bayer. Kirchengeschichte III (1897) S. 247 ff. — Über die Übersetzung des Psalm 120 vgl. Joh. Bachmann, Zur Entstehungsgesch. d. geistl. Lieder Luthers, in Luthardts Zeitschr. f. kirchl. Wissensch. &c.. Bd. V (1884) S. 302 f.

 

 

 

Ausgaben.

 

 

A “Eyn Christlich- || er trostbrieff an || die Miltenber- || ger. || Wie sie sich an yhren feynden || rechen sollen, aus dem || 119. Psalm. || Doct. Mart. || Luther || Vuittemberg || M D XXiiij. ||” Mit Titeleinfassung; Titelrückseite bedruckt. 8 Blätter in Quart. Am Ende: “Gedrůckt zů Wittemberg durch || Nickel Schyrlentz. || Jm Jare 1524 • ||”

Über die Titeleinfassung vgl. Dommer S. 242, Nr. 83 A. Bl. A 1b, Z. 3/5 “| sti zu Miltenberg, Mar || tinus Luther, Eccle- || siastes zu Wittemberg, ||” Bl. B 1a, Z. 2 haben manche Ex., z. B. die beiden Berliner (Luth. 3771 u. 3771bis) den Druckfehler “Psam”, der uns auch für die Ex. in Darmstadt, Königsberg U., Lübeck St. angegeben ist. Andere Ex., z. B. das Knaakesche und wohl die meisten der sonst noch ermittelten haben “Psalm”. Es sind dies Amsterdam, Erfurt Martinstift, Gotha, Göttingen (2), Halle U. und Marienbibl., Hamburg, Heidelberg, Ithaca, Leipzig U., Rostock, Straßburg U., Stuttgart, Weimar, Wittenberg, Wolfenbüttel, Zwickau.

 

B Titel wie A, doch Z. 7 “1 19.” und Z. 9 Punkt nach “Luther”. Bogen A ist neu gesetzt.

Bl. A 1b, Z. 3/4: “|| sti zu Miltenberg, Martinus Luther, || Ecclesiastes zu Mittemberg [so], ||” — Daß auch Exemplare von B Bl. B 1a, Z. 2 “Psam” statt “Psalm” haben, ist wahrscheinlich, aber nicht festgestellt. Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Altenburg Gymnasialbibl., Amsterdam, Berlin, Breslau U., London, München HSt., Worms Paulusmuseum.

 

C “Eyn Christlicher || trostbrieff an die || Miltenberger, || Wie sie sich an yhren feynden || rechen sollen aus dem || 119. Psalm. || Doct. Mart. || Luther. || Wittenberg || M. D. XIIII. [so] ||” Mit Titeleinfassung; Titelrückseite bedruckt. 8 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “Gedruck [so] zu Wittemberg durch || Joseph klug. || 1524. Jare. ||”

Über die Titeleinfassung vgl. Dommer S. 240, Nr. 81. — Vorhanden in Berlin, Dresden (unvollst.), Görlitz Milichsche Bibl., Göttingen, Hannover, London, Olmütz Studienbibl., Stuttgart, Zwickau (2).

 

D “Ein cristlich- || er trostbrieff an die || Miltenberger. || Wie sie sich an jren feinden rechen || sollen, auß dem .cxix. Psalm. || Martinus Luther. || Wittenberg. || 1524 ||” Mit Titeleinfassung; Titelrückseite bedruckt. 6 Blätter in Quart. Letzte Seite leer.

Druck von Jobst Gutknecht in Nürnberg. Nur Bl. 5 ist signirt (B), in manchen Ex. fehlt auch diese Signatur. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Arnstadt, Berlin, Dresden, Görlitz Milichsche Bibl., London, Nürnberg St., Stuttgart, Weimar.

 

E “Ain Christlicher || tostbrieff an die || Milltenber- || ger. || Wie sy sich an jren feynden || rechen sollen, auß dem || 119. Psalm. || Doctor Martinus

 

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|| Luther. || Wittemberg || M. D. xxiiij. ||” Mit Titeleinfassung. 8 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “Jm Jar 1524 • ||”

Druck von Melchior Ramminger in Augsburg? — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Amsterdam, Berlin (2), Dresden, Erlangen, Halle U., Heidelberg, Leipzig St., München HSt. (2) und U., Stuttgart, Weimar, Wien, Wittenberg, Wolfenbüttel.

 

F “EJn Christlicher trostbriff an || die Milttenberger, wie sie sich an || ihren feinden rechen sollen, auß || dem C. vn̄ .xix. Psalm. || || Doct. Mart. Luther. || Wittemberg. Anno. M. D. xxiiij. ||” Titelrückseite bedruckt. 8 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “Jm Jar .M. D. xxiiij. ||”

Vorhanden in Bamberg Kgl. Bibl. (nach Weller), Berlin, London, Straßburg Wilhelmstift, Stuttgart, Wolfenbüttel.

 

G “Eynn Christlycher || trostbryeff an dye || Miltenberger. || Wye sie sich an yhren feynden || rechen sollenn, auß dem || 119. Psalm. || Mart. Luther. || Wittemberg. || Anno M. D. XXiiij. ||” Mit Titeleinfassung; Titelrückseite bedruckt. 6 Blätter in Quart.

Wohl Druck von Wolfgang Stürmer in Erfurt. — Vorhanden in Rudolstadt (nach Weller), Wernigerode, Wittenberg.

Abgedruckt ist der Brief auch von Rabus in seiner Historie der Martyrer, ander Theil (1572) Bl. 163a –166a. In den Gesammtausgaben: Wittenberg Bd. III (1550) Bl. 63b –66b u. Bd. VI (Peter Seitz 1559) Bl. 369a –372b; Jena Bd. II (1555) Bl. 381b –385b; Altenburg Bd. II S. 751 –755; Leipzig Bd. VI S. 546 –550; Walch Bd. V Sp. 1844 –1859; De Wette Bd. II S. 475 – 484; Erlangen Bd. 41 S. 115 –128 (vgl. Bd. 53 S. 233). In lateinischer Übersetzung bei Obsopoeus, Epp. Farrago (s. Unsere Ausg. Bd. XII S. 77) Bl. D1b — Eiijb, danach bei Aurifaber, Epp. Tom. II Bl. 185b –194a und in edit. Viteb. Tom. VII (1558) Bl. 488b –492a.

 

Daß A der Urdruck ist, kann nicht zweifelhaft sein, denn er bietet in Bogen A und B ein einheitliches orthographisches Bild, während B mit seinem neugedruckten Bogen A diese Einheitlichkeit zerstört. Dieser Neudruck des Bogens A schließt sich an A äußerlich genau an, weicht aber (von einigen neuen Lesarten abgesehen) in der Schreibung nicht unerheblich von ihm ab. So wird öfters i oder j für y eingesetzt: wir, jtzt, jhn, jhr, jha, wirds, ein statt wyr, ytzt usw., umgekehrt seltener: scheyn, reycher f. schein, reicher. B vereinfacht Doppelkonsonanten: vater, wolten, aus-, gedult, daraus, gewis, mutwillen, teufel, thut, gut, sol, bosheyt, preyset, etlich statt vatter, wollten, auß-, gedůllt, darauss, gewiss, můttwillen, teuffel, thutt, gutt, soll, boßheyt, preysset, ettlich, während der umgekehrte Vorgang selten ist: ymmer, nymmer f. ymer, nymer. Andre Abweichungen sind schellten f. scheldten, yemand f. yemant, Folgt f. Volgt, ausgenomen f. ausgenohmen, mehr f. mer, Herre f. herre, Ro. f. Rho. Ferner schreibt B zu troesten, zu vberkomen, zu thun, zu reden, da widder, wo A zutroesten usw. hat, für den gegentheiligen Ersatz findet sich nur ein Beispiel damit f. da mit. Wenn diese Abweichungen noch keinen unbedingten Widerspruch in den Schreibgewohnheiten zwischen

 

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Bogen A und B begründen, so offenbart sich dieser jedenfalls durchschlagend in der Tilgung aller ů (lůst, gedůlt, můtwillen, můs, gůt, Nů, keyserthům), sowie vereinzelter ue in nue, zue, während B in dem nicht neu gesetzten Bogen B hůtten, schůtzen, brůnst,, wůst, thůn, schůld, nů, blůtt, lůfft, bůben, anzůnden, zů, stůmpff, kůrtz, vnterwůnden, schueld, guett, gnueg natürlich ebenso wie A aufweist. Die in A vorhandene Einheitlichkeit ist also in B gestört. Auch alle übrigen Nachdrucke sind unmittelbar aus A geflossen, wenigstens sind nirgends Übereinstimmungen bemerkbar, die zu einer anderen Beurtheilung des Textverhältnisses zwingen. Wo mehrere Drucke gegen A zusammenstehen, handelt es sich überall um Abweichungen, die von jedem auf eigne Hand vorgenommen werden konnten, oder um Befolgung gleichartigen Schreibgebrauchs.

 

Unserm Abdruck legen wir A zu Grunde, fügen die Lesarten der übrigen Drucke bei und bemerken zur Charakteristik von Sprache und Schreibung noch zusammenfassend das Folgende.

 

Der Umlaut des a wird in der Regel durch e bezeichnet, nur ausnahmsweise durch ae: saelig E (2), raecher F (1) oder oe: woelen, schoerpfen (Verbum), moestbeuch E (1). Abweichend von A wird der Umlaut nur gesetzt in scherpffe (acres) D (1), moestbeuch E; er unterbleibt in fahet DE (1), Hebraisch E (1).

 

Der Umlaut des au, durchweg eu oder ew geschrieben (einmal seügling F), entfällt gegenüber A in glaubt (Imperativ) DEF (1), vnglaubig, laufft 74, 18 DE.

 

Der Umlaut des o (= oe) tritt abweichend von A ein in froelich (72, 14), bloede (73, 27) B –G; troesten (69, 17) B –G, (69, 12. 72, 23) B –F; getroestet (69, 14) B –F; boese C –G (2); soelch F (6) G (4); getroest (Adv.) E (1); troest (Subst.) (3), schoen (Adv.), boeßheyt (1) G. Die Umlautbezeichnung fehlt in frolich (74, 16) G.

 

Der Umlaut des u wird gewöhnlich durch ue ausgedrückt, in D daneben durch ü, welches in EF herrscht. Die Schreibung ů in hůtten (Subst.), schůtzen, anzůnden AB ist vielleicht nicht, wie in FG (vgl. unten S. 67, unter 4), als Umlautbezeichnung aufzufassen, sondern, da z. B. die Singularformen lůst, brůnst, lůfft daneben erscheinen, als Nachbildung des in der Schreibschrift üblichen u-Hakens; ähnlich werden wohl auch Schreibungen wie schuetz, bruenst C, gründt (Subst.) D, brünst E, brůnst, stůmpff, tzuengen G (3) zu beurtheilen sein, besonders soweit sie das ue ü neben n zeigen. Das in A eingehaltene Gebiet dieses Umlauts erweitert sich durch folgende Fälle: vnnuetze (1) B –F; kuenden (je einmal im Sinne von possimus, possemus und posse), erwuergen (2), kuetzlen (kitzlen F) (1), vnmuendig (2), gestuertzt, suender (1) C –F; huetten, schuetzen (sagittarii, schůtzen ABF) C –G; verkuendigt, anzuenden CDE; gruendlich CDF; kuertzlich CEF; wuerde (1) CF; für (stets, E bisweilen vor, vgl. Lesarten) DE, dafür (1) D, fürchten, fünffte DEF; über (1) E; Jüden, nütz (Subst.) (1) F. Die Umlautbezeichnung mangelt in fur (70, 33) BC; stuck (1) CDE; kund (potestis) C; daruber D (5) F (1); darumb D –G (1); entschuldigen DEG (1); hutten (76, 19) D; lugen (1) E; wundschet, kurtze G (1).

 

Der Umlaut des uo wird im Allgemeinen als ue, in D selten (fülen), in F sehr häufig als ü geschrieben (fülen, füren, wüst, wütten, betrübt, hochmütig).

 

[Seite 67]

 

Der Umlaut wird gegen A eingeführt in wuetriche B –G; betruebt B –F (zweimal, einmal auch G); wuetende B –F; muessen BCDEG (1); hohmuetiger BCEF; verfueret C –G; wuest (75, 28, wůst ABG) C –F; schüppen (2) F. Er fehlt in hochmutiger, hochmutigklich D (1).

 

Vokale. 1. Die neuen Diphthonge sind durchgeführt bis auf die Verkleinerungssilbe -lin: nur DEF schreiben muetlein, nur G verslein. F hat stets vff.

 

2. Die alten und die neuen Diphthonge werden im Allgemeinen nicht unterschieden, nur C hat einmal ouch, und DE schreiben für altes ei durchweg ai oder ay (Ausnahmen ein, teyl), und streben nach Scheidung des aus iu entwickelten Lautes (eü, eue) von dem Umlaut des au, doch schwankend: D hat neben freünd, freuendt, teueffel, meüler oder meueler sogar wiederholt freuede und E neben freünd und freüde wiederum teutsch und Teuffel.

 

3. Altes ie ist gegenüber A bewahrt in iemer F (2), dagegen aufgegeben in dinst C (1), flihen F (1). Das ie als Zeichen von langem i ist in AB nicht durchgeführt, es wechseln diser, vil mit dieser, viel, in CDEF überwiegt die ältere Schreibweise: geschriben, ligen, vertriben, diser usw. F schreibt neben yhr usw. häufig ier, iem, ien(en) auch dahien und spiel; G hat einmal triefft f. trifft.

 

4. Die Scheidung zwischen altem uo (= ů) und u ist nur in E voellig durchgeführt (doch einmal Kayserthumb), in F und G, wo ů gelegentlich auch den Umlaut des u und uo bezeichnet (schůtzen, fůr F; můgen, hůlff, hůtten, fůlen, wůst, wůtrich, hochmůtiger G), nur hie und da versucht, indessen ohne Grenzüberschreitungen, denn Schreibungen wie stůmpff, kůrtz sind schwerlich als solche aufzufassen (s. oben Umlaut des u). In D und G (auch in A zue) erscheint für altes uo zuweilen ue (zweimal ruem; thuen, huernknecht, tzue G). Daß AB neben zu und rhum usw. nicht nur zů und thůn, sondern auch lůst und lůfft usw. schreiben, ist bereits erwähnt.

 

5. Für a tritt o ein in (ge) thon E (3) F (1). Umgekehrt blosen (77, 19) AB > blasen DEF. E schreibt stets wa f. wo.

 

6. Ersatz des i durch ü zeigen würcken D, würfft DE (1).

 

7. Für o erscheint u in genumen (2), kumen, kumbt (stets), sunst (1) D, sunst (1) F. E hat einmal Künig. Anderseits haben F (2) und G (1) moegen f. muegen, D (2) koendt (koendet) f. kuend (kuendet).

 

8. Das i der Endsilbe in Gottis wird in DEF durchgehends, in C siebenmal durch e ersetzt.

 

9. Die Längenbezeichnung der Vokale durch Dehnungs-h wird bei ausgenohmen von B –F, bei yhr, yhm, yhn(en) in DE (jr, jm, jn, jnen) immer, in F (yhr neben ir und ier) und G (yr neben yhr) zuweilen beseitigt. Anderseits schreibt G zweimal ehr (Pron.) und einmal yhn (Präp.). Zuweilen wird bei e das Dehnungs-h durch Doppelung ersetzt: Eere E, wee G; C hat für nheme einmal neheme.

 

10. In geen, steen und ihren Kompositis haben DE das h stets getilgt.

 

Konsonanten. Anlautendes b wird in D öfter zu p: prunst (2), prünstig, prennen, plasen, plut (1); umgekehrt anlautendes p zu b in gebot,

 

[Seite 68]

 

verbieten, verbotten, vngebunden (1), gebürt (2) DEF. Anlautendes d erscheint als t in truncken CDFG (1), Teuetsch DE (3), teutzsch F (2), vndertruckt E (1); inlautendes d als t in feinte 72, 17 F. Umgekehrt wird t zu d in dück E (1); EF schreiben stets (mit je 2 Ausnahmen), G einmal vnder(-) f. vnter(-). — Die Doppelungen odder, widder(umb), vatter werden in CDEF gern vereinfacht, anderseits Doppelungen von l, m, n, r, t gegen A neu eingeführt.

 

Wortformen. drewen > droewen (dreuwen F), brennen > brinnen D; verdroesse (78, 13) > verdrusse, thun > thon (1) E; sind > seind, seynd DE (stets) F (1); A hat neben wollen, wolte(n) auch woellen 71, 5, wofür BG wollen einsetzen. D hat fast ausnahmslos woellen, woelte(n), C woellen, aber mit einer Ausnahme wolte(n). Sonst findet sich noch woellen E (4), F (3), G (2). — welch (daneben wilch ABCG) > woelch E (stets), welich F (1); solch > sollich D (3) E (4); ytzt, ytzund > yetzt, yetzund DEF; denn > dann DF (stets, mit einer Ausnahme F); wenn > wann F (stets, mit zwei Ausnahmen); nur > nuer D (5). Die Vorsilbe ge- verliert bisweilen den Vokal: grechtikeit F, gwalt G.

 

barmhertzickeyt usw. > barmhertzigkait usw. DEF (meist, auch in G einmal vneynigkeit); scharff > scharpff C (2) DE (7) F (4) G (1); scherffen > scherpffen (schoerpfen E) DEF; schlahen > schlagen D; weys > wayst E (1). In ABCG erscheint neben nicht zuweilen nit, das in DEF überwiegt.

 

sondern > sunder D (stets) F (2), sonder E (stets, einmal sondern), F (10), G (2); Syntemal > Seytemal D (1).

 

 

 

[Seite 69]

 

 

 

 

 

 

 

[1] Eyn Christlicher trostbrieff an die Miltenberger, Wie sie

[2] sich an yhren feynden rechen sollen, aus dem 119. Psalm.

[3] Doct. Mart. Luther.

 

1524

 

[Seite 69] [ 1/3 nach dem Titel von A 6 Mittemberg B Wittenberg DG 7 herren DE 8 heylig F        sant DE        do D 9 Corinthier D 10 herren DE 14 den AEG dem BDF Witt Ien        mit dem trost fehlt C 15 welchem D 17 doch fehlt G 18 hynzu setzt CDE 19 trostes D 19/21 wilchen sucht || da durch aller wellt, fleysch vnd der teuffel auch, || vnd gibt dienutz vnd frucht des leydens vnd creu- || tzes verderbet vnd verhyndert wird. C 20 dardurch E 24 geschrifft E        hoffnung DE 25 fuelet] empfindt E 26 fuele] empfinde E 27 bleyden B 28 geschrifft E        hoffnunge DEF        sant DE]

 

 

 

 

 

[4] Ihesus.1

[5] Allen lieben freunden Christi zu Miltenberg

[6] Martinus Luther, Ecclesiastes zu Wittemberg,

[7] Gnad und frid von Gott dem vatter und herrn Jhesu [8] Christo. Der heylige Apostel Sanct Paulus, da er [9] seyne Chorinther troesten wollt, fieng er also an: [10] [2. Cor. 1, 3. 4] ‘Gelobt sey Gott, der vatter unsers herrn Jhesu [11] Christi, der vatter der barmhertzickeyt und Gott [12] alles trostes, der uns trostet ynn all unserm truebsal, [13] das wyr auch troesten kunden die, so ynn [14] truebsal sind, mit dem trost, da mit wyr getrostet [15] werden von Gott’: ynn welchen worten er durch [16] seyn eygen exempel leret, das man die betruebten [17] trosten soll, aber doch also, das der selbige trost ja nicht von menschen, [18] sondern von Gott sey, wilchs er gar mercklich hyn zusetzt, umb des falschen [19] schendlichen trosts willen zu meyden, wilchen sucht und gibt die wellt, fleysch [20] und der teuffel auch, da durch aller nutz und frucht des leydens und creutzes [21] verderbet und verhyndert wird.

 

[22] Wilchs aber der trost sey, der von Got kompt, zeygt er an Rho. 15. [23] [Röm. 15, 4] ‘Was furgeschrieben ist, das ist uns zur lere geschrieben, auff das wyr durch [24] gedult und trost der schrifft hoffnunge haben’. Er spricht ‘hoffnung haben’. [25] [Röm. 8, 24 f.] Hoffnung aber haben ist des, das man nicht sihet noch fue let, Ro. 8. Welltlicher [26] trost stehet darnach, das er sehe und fuele, was der betrubte begerd, und [27] will der gedult nicht haben. Hie aber soll gedult bleyben mit trost der [28] schrifft ynn hoffenunge. Also thut auch mit der that .S. Paulus an seynen

 

[Seite 70]

 

[ 1 Corinthiern D        do D        jnen D        hatt E 2 sind fehlt C 4 fleyschlich] geystlich G 5 Corinthier D 7 lieb F 8 edeln D 10 freunde C freuendt D 12 ewrem C        pfarheren C 13 empfangen B        des] das E        Ewāgelij DE 14 welchs D 15 ler F 16 daran BDE 19 Nun DF 25 weltlicke D 27 getroest E 29 geschrifft E 31 fuelen C] empfindens E 35 růmb E        end F]

 

[1] Chorinthern. Denn da er yhn von Gottis trost gesagt hatte, kompt er endlich [2] [2. Cor. 3, 3] dahyn, das er sie lobet, wie sie eyn brieff Christi sind, durch seyn Euangelisch [3] predig ampt zugericht und mit dem lebendigen geyst geschrieben, und fehet an [4] eyn hohes lob des Euangelij, das, wo eyn fleyschlich mensch solchs ansihet, [5] mag wol dencken: ist der man druncken, der die Chorinther troesten will und [6] lobet doch nur sich selbs und seyn predig ampt und rhuemet das Euangelion? [7] Aber wer es recht ansihet, der verstehet, wie der liebe Paulus den rechten [8] edlen trost Gottis aus der schrifft zeucht und sie durch das Euangelion stercket [9] und froelich macht.

 

[10] Dem nach hab ich myr auch, lieben freunden, furgenomen ewer hertzen [11] zutroesten mit solchem trost, den ich von Gott habe, ynn ewerm truebsal, so [12] ich durch Doctor Johan Carlstat, ewerm vertriebenen pfarherrn, und auch [13] sonst grundlich unterricht entpfangen habe, wie die feynd des Euangelj und [14] seel moerder an euch gehandelt haben umb des Gottis worts willen, welches [15] sie mit yhrem freveln lestermaul ytzt Lutherische lere heyssen, auff das sie [16] eynen schein haben, als thetten sie Gott eynen dienst dran, weyl sie menschen [17] [Joh. 16, 2] lere verfolgen, wie die Juden an den Aposteln, als Christus yhn verkundigt, [18] auch thetten.

 

[19] Nu were das eyn welltlicher trost, der ewer seelen und der sach gar [20] keyn nutz, sondern gantz schedlich were, wo ich oder yhr uns also wollten [21] troesten, das wyr mit scheldten und klagen uber der lesterer frevel und boßheyt [22] uns an yhnen wollten rechen. Und ob wir schon auch mit der faust sie [23] alle erwurgeten odder vertrieben odder lůst und freude hetten, so sie yemand [24] umb unsers leydes willen straffte, were doch damit nichts außgericht, denn [25] es ist eyn welltliche rache und trost und uns nicht gepuert. Sie gepuert aber [26] unsern feynden, gleych wie yhr sehet, das an euch sie haben yhren můtwillen [27] gekuelet und sich gerochen, und sind froelich darueber, haben sich feyn getroestet.

 

[28] Aber was ists fur eyn trost? ist auch hoffnung da? ist gedůlt da? ist [29] schrifft da? ya wol, an statt Gottis haben sie die faust gebraucht, an stat [30] der gedůllt haben sie die rach beweyset, an stat der hoffnung haben sie yhren [31] můtwillen aussgericht sichtbarlich, und fuelens, was sie gern hetten gehabt. [32] Wo ist denn solcher trost her? von Gott ist er nicht. So můs er gewißlich [33] vom teuffel seyn, das ist auch war. Was will aber fuer eyn ende nemen der [34] trost, der vom teuffel ist? Paulus sagts: ‘quorum gloria in confusionem, [35] [Phil. 3, 19] yhr rhum wird eyn schendlich ende nemen’.1

 

 

 

[Seite 71]

 

[ 1 Nu BC Nun DEF        woelchs E        reieher A        hohmuetige C hochmutiger D hochmuetiger EF 3 leidt F 5 muegen G 7 sant D 10 Nu BC Nun DEF 11 trutz E] trost C 12 were leydet G        ghets F geths G 13 sant D 15 Kaiserthumb DEF 16 troestlichen D 17 Darumb DEF        warlich A        begert E 17 ewern D        wünscht EF 20 weh F 21 fortel F 22 jnen D        selbst F selbest G 26 frawen G        mutwillen C]

 

 

[1] Nue sehet, wilch eyn reicher hohmůtiger trost euch darauss erwechst. Erstlich [2] seyt yhr gewiss, das yhr umb Gottis wortt willen solch yhren frevel [3] und schmach leydet. Was ligt daran, das sie es ketzerey heyssen? yhr seyt [4] doch gewis, das Gottis wortt ist. So muegen sie nicht gewis seyn, das ketzerey [5] sey, denn sie woellens nicht hoeren, und habens noch muegens auch nicht beweysen, [6] das ketzerey sey, und faren doch auff solch ungewissen grund, zu lestern [7] [2. Petri 2, 12] und verfolgen, wie S. Petrus sagt, das sie nicht wissen.1 Derhalben sie nicht [8] muegen eyn gůtt gewissen ynn der sach haben, Ihr aber habt eyn sicher [9] gewissen verstand, das yhr umb Gottis willen leydet.

 

[10] Nů wer will odder kan ymer mer ausreden, wilch eyn seliger stoltzer [11] trotz das ist, so man gewis ist, das man umb Gottis willen leydet? denn [12] wer leydet? wen gehets an? wer wyrds rechen, wenn wyr umb Gottis willen [13] [1. Petri 3, 14] leyden? wol spricht S. Petrus: ‘Selig seyt yhr, so yhr umb gerechtickeyt [14] willen leydet’. Wenn yemant der gantzen wellt keyser were, so solt er solch [15] keyserthům nicht alleyn gern, umb solch leyden zuuberkomen, geben, sondern [16] auch fur eynen dreck hallten gegen solchem troestlichem schatz.

 

[17] Drumb habt yhr, liebe freund, warlich keyn ursach, das yhr rach begeret [18] odder ewren feynden arges wuendschet, sondern viel mehr das jhr euch der [19] selben hertzlich erbarmet, denn yhr seyt furwar, ausgenohmen was sie noch [20] treffen wird am ende, schon alltzuhoch gerochen. Es ist yhn schon allzu wehe [21] geschehen. Sie haben euch nur forteyl gethan, das yhr zu Gottis trost komet [22] durch yhr toben, yhn selbs haben sie den schaden gethan, den sie schwerlich [23] und etlich nymer mehr uberwinden werden.

 

[24] Denn was ists, das sie euch eyn zeytlang nur am leyb und gůt geplagt [25] haben? mus es doch eyn ende haben. Und was ists, das sie eyn kleyne zeyt [26] sich frewen yhrs můttwillens? wird er doch nicht lang weren. Darueber so

 

[Seite 72]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 1 ewer CF 4 geschrifft E        hoffnunge BD hoffenung CF hoffnung E 6 nun DEFG 7 ewern D        vor EF        ding A 8 vor EF        ewrem G 9 hell F 10 da fehlt G        regirt F regirtet G 11 freuendt D] freude F        hochmuetiglich CE hochmutigklich D 12 allain EF        ewren C 16 ewr trost B        feind D feinte F 17 betuebten G 18 teuffell trost G        yhren CDE        zeitlichen Ien 20 laydes E 21 erwürgtet F        darumb DE 22 weh F 23 dester DE 24 darzu D        spotte C        feele DEF 25 kützeln E kutzell G 26 daruor E 27 stehet BC]

 

[1] sehet ewr heyl und yhren jamer an: yhr habt eyn gůtt sicher gewissen und [2] rechte sache, Sie haben eyn boes ungewis gewissen und eyn blinde sache, die [3] sie noch nicht wissen, wie sie unrecht ist. So habt yhr den trost Gottis mit [4] gedult aus der schrifft ynn der hoffenunge, So haben sie den trost des teuffels [5] durch die rache ynn sichtbarlichem muttwillen.

 

[6] Wenn euch nu der wunsch wurde geben, das yhr yhener teyl odder [7] eweren sollt welen1, sollt yhr nicht fur yhrem ding lauffen und fliehen als [8] fur dem teuffel, wenns gleych eyn hymel reych were, und zu ewerm teyl eylen, [9] wenns gleych eyn helle were? Syntemal der hymel nicht froelich seyn mag, wenn [10] der teuffel da regirt, und die helle nicht betruebt, wenn Got da regiret.

 

[11] Darumb, lieben freunde, wollt yhr euch wol und hohmuetiglich rechen [12] und troesten nicht alleyne an ewern leyblichen verfolgern, sondern viel mehr [13] am teuffel der sie reyttet, so thutt yhm also: seyt nur frolich und danckt [14] Gott, das yhr des werd seyt worden, sein wort zuhoeren, kennen und darumb [15] leyden, und last euch wolgefallen, das yhr gewis seyt, ewer sach ist Gottis [16] wort und ewer trost von Gott, und last euch jamern ewer feynde, das sie [17] keyn gutt gewissen ynn yhrer sach haben, und alleyn den elenden betrubten [18] teuffels trost haben durch yhrn frevel, ungedult, rach und zeytlichem mutwillen. [19] Glewbt sicherlich, mit solchem froelichem geyst, lob und danck werdet [20] yhr yhrem gott dem teuffel mehr leyds thun, denn ob yhr tausent ewer [21] feynden erwurgetet. Denn er hats auch nicht drumb angericht, das er sie [22] trosten und euch leyblich wolt wehe thun, sondern er wolt euch gern trawrig [23] und schwermuetig machen, die Gott unnutze weren.2 So thut yhr deste mehr [24] dazu und spottet seyn, das yhm seyn anschlag feyle und yhn verdriesse.

 

[25] Uber das will ich euch noch eyns zeygen, das yhn gar feyn kutzlen soll, [26] dafur er sich am meysten furchtet. Er weys wol, das eyn verslin ym Psalter [27] [Ps. 8, 3] steht, der heyst ‘Ex ore infantium et lactentium fundasti virtutem, ut aboleas [28] inimicum et ultorem.3 Du hast eynen starcken grund gelegt durch den mund [29] der unmundigen und seuglingen, auff das du des feyndes und rechers eyn

 

[Seite 73]

 

[ 1 betruebtnuß D betruebnus E 2 gros C grossen F 3 wilchs B        amechtige BD anmechtige F 4 beysset D 5 groß F 6 on BDE 11 nichts B –G 13 gnad F 14 Porten E        darwider DE 15 feind E 16 nun DF 17 gehets B 18 er] es B 22 darauß DE        růmb E        seines D 24 yemand B –G 27 yemand BDEFG        bloed F        schwach C 29 da oben D        bitt F 30 offenlich G 31 Darzu DEF 119 Psalmen AB C. vnd xix. Psalmen F 32 geschrift E]

 

[1] ende machest.’ Dieser vers drewet yhm nicht alleyn betruebnis und elend, [2] sondern auch das er zu nicht werden soll, und dasselbige nicht durch grosse [3] gewallt, wilches yhm doch eyn ehre were, sondern durch ammechtige seuglinge, [4] da keyn krafft ynnen ist. Das beysst und thut dem mechtigen stoltzen geyst [5] recht wehe, das seyn grosse gewalt, seyn schrecklich toben, seyn wutende rache [6] soll an gewalt durch kindische schwacheyt zuboden gesturtzt werden, und solls [7] nicht weren kunden. Da last uns zu helffen und mit ernst zuthun.

 

[8] Wyr sind die unmundigen und seuglingen, so wyr schwach sind und [9] lassen die feynd mechtig und gewaltig uber uns seyn, das sie von yhrem ding [10] reden und thun was sie wollen, wyr aber mussen schweygen unser ding und [11] leyden, als kunden wyr nichs reden odder thun wie die jungen kinder, und [12] sie wie die gewaltigen helden und risen. Aber doch redet Gott die weyl durch [13] unsern mund seyn wort, das seyne gnade preysset, das ist eyn solcher fels [14] und fester grund, das die hellischen pfortten nichts dawidder vermuegen. Wo [15] das bleybt und geht, da geschichts zu letzt, das auch der feynde ettlich bekeret [16] werden, die des teuffels schuppen waren. Wenn nu yhm solche schuppen abgestreyffet [17] werden durchs wort Gottis, so wird er blos und matt, so gets [18] denn, wie diser vers sagt, das er des feyndes und rechers eyn ende machet. [19] Das ist eyn froelicher sieg und uberwindung, die on schwerd und faust geschicht, [20] darumb sie auch dem teuffel wehe thut. Denn das thut yhm nur sanfft und [21] wol, so er durch die seynen uns zu zorn, rach, ungedult und trawrickeyt [22] bewegen kan. Wo aber freude draus wird und Gottis lob und rhum seyns [23] worts, da ist seyn rechte helle.

 

[24] Ja, moecht ymant sagen, Es ist verpotten von dem wort Gottis zureden [25] bey leyb und gut.1 Wolan, Wer starck ist, der hallt solch gepott nicht, [26] denn sie habens nicht macht zuverpieten, Gottis wort soll, mus und will [27] ungepunden seyn. Ist aber ymand zue blode und schwache, dem wil ich [28] eynen andern rad geben, nemlich das er doch heymlich froelich sey, Got [29] danck und seyn wort preyse, wie droben gesagt ist2, und bitte umb stercke [30] von Gott, auch offentlich davon zureden, das der feynd und recher verstoeret [31] werde. Dazu wil ich euch diesen 119. Psalmen zu deutsch schencken und [32] kurtzlich auslegen, das yhr sehet, wie euch Got troestet durch seyne schrifft, [33] Und wie yhr bitten sollt widder die falschen lester meuler und wutriche [34] verfolger.

 

[35] Volgt der Psalm mit der auslegung.

 

 

 

[Seite 74]

 

[ 1 C. vnd xix. F Psam manche Ex. von A (und B?) 3 rueff E        Herren E 4 Herr C 6 darzů DEF 7 wechhaldtern E 8 Ach DEG 10 seel F 12 Der Schrifttext des Verses ist hier und ebenso vor der Erklärung der anderen Verse wiederholt F        hinlaffen E 14 herren DE recht aynig E 15 rueff E        herren DEG        kündtlich E 16 feelen DE 17 gern D 19 zeygt F        wilche C 20 dardurch DE 21 dester DE 25 allain DE 26 drit F        daruber D 27 het F 28 hilff D        schuetz C schutz EF]

 

 

 

 

 

[1] Der c. xix. Psalm.

 

 

 

[2] Ad dominum, cum tribularer, clamavi.

 

[3] Ich rieff zum Herrn ynn meyner nott, und er erhoeret mich.

[4, 5] Herre, erredte meyne seele von den boesen meulern Und von den falschen zungen.

[6] Was soll man dyr geben und dazu thun Widder die falschen zungen?

[7] Scharffe pfeyl des gewaltigen mit kolen von wachholdern.

[8,9] Ah meyns leyds, das sich meyn wallen so lang zeucht. Ich wone untter den hůtten kedar.

[10] Meyne seele mus so lang wonen Unter denen die den friden hassen.

[11] Ich hield friede, aber do ich redet, huben sie streytt an.

 

 

[12] Der erst vers leret uns, wo wyr hynlauffen sollen, wenn uns unfall [13] trifft, Nicht zum Keyser, nicht zum schwerd, nicht zu unserm eygen rad [14] noch klugheyt, sondern zum Herrn, der ist der rechte eynige nothelffer. ‘Ich [15] rieff (spricht er) zum Herrn ynn meyner nott’, und das wyr solchs kuenlich [16] und froelich thun sollen und nicht feylen werden, zeygt er damit an, das er [17] sagt ‘und er erhoeret mich’, als sollt er sagen: der Herr hats gerne, das man [18] zu yhm leufft ynn der nott, und ist willig zuhoeren und zuhelffen.

 

[19] Der ander Vers bringt das anliegen fur und zeyget, wilch die nott [20] sey, nicht das Gott nit wisse zuvor, sondern das wyr dadurch gereytzt [21] und getrieben werden deste fleyssiger zu bitten. Es ist aber eben die nott, [22] die euch zu Milltenberg und ewer gleychen ynn deutschen landen betretten hatt, [23] nemlich das die bosen meuler und falsche zungen nicht wollen das wortt [24] Gottis leyden, sondern yhr menschen tand und luegen erhallten, und heyssen [25] uns schweygen, das yhre boese, falsche, gifftige lere alleyne predigt werden.

 

[26] Der Dritte Vers hellt eynen rad drueber, wie und wo mit man der [27] sache helffen solle. Denn es begerd und hette auch gern die menschliche [28] bloedickeyt huelff und schůtze ynn der wellt, und viel gehn damit umb (das zeygt [29] dieser vers an mit seynem radschlagen), aber der geyst wyrfft das alles weg [30] und will der hilffe keyne, wie folget.

 

 

 

[Seite 75]

 

[ 1 Vierd F        hilffe D hülff F 4 schone F 7 Wechalterne E 8 scharpffe E 10 wechalterne E wackholderne F        das vor fewer fehlt F        feuer D        warhafftig E        erhalten D 11 wuendsche G 12 des] das G 16 darzu DE 21 gern D        yederman DEF 22 vffnemen F        Darumb DE        laydes E 24 darein DE        hilff D 25 seyen C seynd E 26 sprache C 27 traurig CEF        do F 28 darunb AB 31 sechste Vers zeygt CDE        allain E        verfolgt E 32 ums F]

 

 

[1] Der Vierde Vers nennet die rechte huelffe, nemlich scharffe pfeyle des [2] mechtigen, das ist: so Gott wollt senden starcke prediger, die seyn wortt [3] getrost sageten (wilchs sind die pfeyl Gottis und sind scharff, wenn sie durch [4] dringen und schonen nicht, sondern schiessen und wunden alles was menschen [5] tand ist), dadurch werden die falschen zungen uberwunden und ynn rechte [6] Christliche zungen verwandelt.

 

[7] Wachholderne kolen aber sind die rechten Christen, die Gottis wortt, so [8] durch die scharffen pfeyle bedeutt ist, auch mit dem leben beweysen und ynn [9] hitziger bruenstiger liebe, ynn wercken ertzeygt, anzuenden (denn man sagt, das [10] wachholderne kolen das fewer wol und werhafftig hallten), das also dieser [11] vers wuendscht feyne prediger, die das wortt gottis ym glawben gewalltiglich [12] fueren und alles zu boden schlahen, was des teuffels ding ist, und mit wercken [13] der liebe brůnst lassen brennen und scheynen yhren glawben. Denn es sind [14] wol viel prediger des worts ytzund, aber sie sind nicht mechtig, fuerens auch [15] nicht gewalltiglich, und ob sie es fuereten, scherffen sie es doch nicht, denn sie [16] schonen, wo nicht zuschonen ist, nemlich der grossen hansen, dazu sind sie auch [17] so kallt von liebe und rohes lebens, das sie mehr ergern denn bessern und also [18] die pfeyle Gottis stumpff und matt machen.

 

[19] Der Funffte Vers klagt und zeygt, wie es solchen predigern gehet, [20] nemlich das wenig dem Euangelio glawben und schlahens ynn den [21] wind, das thůt denn dem geyst wehe, der so gerne wollt, das yderman mit [22] frewden auff nheme. Drumb spricht er: Ach weh myr, ach meyns leyds, ich [23] mus so lang hie wallen und gast seyn, denn ich finde Gottis reych nicht untter [24] yhn, Sie wollen auch nicht dreyn, predige so lang und hilfft nicht, sie bleyben [25] doch wie sie seyn, und ich mus auch untter yhn seyn und wonen unter den [26] huetten Kedar. ‘Kedar’ nennet die hebreysche sprach ‘arabia’ und laut auff [27] deutsch ‘traurich’ odder ‘finster’, gleich wie die her gehen, die da leyd tragen. [28] Die araber sind eyn wůst, wild, frech, ungetzogen volck, darumb nennet er [29] hie die ungehorsamen des Euangelij Kedar, das sie sich nicht zuechtigen lassen [30] durchs Euangelion.

 

[31] Der sechste zeygt, das er nicht alleyne veracht, sondern auch verfolget [32] wird umbs worts willen, und mus doch untter yhnen bleyben. Sie [33] hassen den friden (spricht er), nemlich den goettlichen friden, da wyr ynnerlich [34] ym guetten gewissen mit Gott fride haben und eusserlich mit allen menschen,

 

[Seite 76]

 

[ 1 yederman DEF 2 verdeytigen ABFG verthedigen DE verteydigen C 3 welchs D        vor E 4 zweytracht G        auffrichten C 5 siebende (sibend E) Vers antworttet CDE 8 mein EF        friden E        leyd C 9 prediget D 10 mus G        koenig F        Achas D 11 Israhel G        antwortet E 12 Israhel G        irr D 13 Do F 14 ghet F        euch] auch D 16 wort] wort Gottes E        geredt fehlt G        Daruber D 18 leret C 19 frid D frides E 20 gest F        nun D 20/21 yhr bis kuend fehlt G 21 obs jr kündt E ob ir kündet F        daucks C taugs D Ien daugts E daugs Witt        nicht] auch nicht E        wunschen DEF 24 leyt F 27 Es ist G        sant DE 28/29 inn dem lufft E 29 elenden DE]

 

[1] nyemand leyde, sondern yderman wolthůn: den friden hassen sie, denn sie verfolgen [2] das wortt, wilchs solchen friden leret und bringet, und verteydigen [3] yhre lere, wilche boese gewissen macht fur Got durch eygene ungleubige werck, [4] und secten und zwittracht ynn mancherley stenden untter den leutten auffricht.1

 

[5] Der siebend antworttet und entschueldiget sich der falschen anklage, so [6] die gottlosen auff die rechten Christen legen (denn sie sagen, solche lere [7] sey auffruerisch und mache uneynickeyt ynn der wellt), darauff sagt er: Es ist [8] meyne schůld nicht, denn ich hield fride, thet nyemand keyn leyde, on das ich [9] predigt vom rechten fride, das kundten sie nicht leyden und huben streytt an [10] und verfolgeten mich. So must Helias auch hoeren von dem Koenige Ahas, [11] [1. Kön. 18, 17 f.] als hette er Israel yrre gemacht, so doch, wie Helias auch anttwortte, er selbs [12] und nicht Helias Israel yrre machte.

 

[13] Da sehet jhr, lieben freunde, das ewer fall gleich hie abgemalet ist, und [14] gehet euch wie es ynn diesem Psalm stehet: yhr muestet den namen [15] haben, das yhr auffruerisch weret, so doch yhr nichts than habt, denn das [16] wort gehoeret, geredt und reden lassen. Darueber haben die Meintzischen tempelknecht [17] und seeljeger den streyt uber euch angehaben und den friden, so yhr [18] leretet, gehasset und verfolget, und muesset noch ymer wonen und lang wallen [19] bey solchen feynden des frids umb Gottis willen und seytt untter den huetten [20] Kedar frembde geste und ubel gehalten. Was wollt yhr nů thůn? rechen [21] kuend yhr euch nicht, und ob yhrs kuendet, so dauchs nicht, ubels wuendschen [22] [Matth. 5, 44] gillt auch nicht, weyl Christus sagt ‘segnet die, so euch flůchen, Bittet fur [23] die, so euch beleydigen und vervolgen’, was sollt yhr denn thůn?

 

[24] Nichts bessers den wendet die augen von den menschen, die euch leyde [25] thun, und sehet auff den schalck, der sie besitzt und treybt, wie yhr euch an [26] dem selben rechen muegt und ewer muettlin kuelen. Er hat aber keyn fleysch [27] [Eph. 6, 12] noch beyn, Er ist eyn geyst. Darumb, wie S. Paulus sagt, muesset yhr nicht [28] mit fleysch und blůtt kempffen, sondern mit den geystlichen schelcken oben ynn [29] der lůfft, mit den regenten der finstern blinden welt. Was solten die elende

 

[Seite 77]

 

[ 1 Meintzischen D        wolthůn E 3 zu erbarmen D        zu erhalten D zůhallten E 4 heylige C 7 nun D        einig F 8 herren DE        vor E        boesen F 9 starck F 10 feelen DEF 11 wechalder E wacholderne Witt Ien        fewr CD        verfuerten D 12 lob D 13 so fehlt E 14 schüppen F 15 ewer CDE        daruber D darüber E        yhr D jr Witt Ien 16 zweyffelt E 17 pfeyl E 19 sols] solchs E        an fehlt G        zehenen D        fewer EF 21 geht F 22 ghe F 26 Aber die weyl D 27 darumb DE        ghet F 28 roche E 29 fast fehlt C        vor E]

 

[1] meyntzische hurnknecht und mastbeuch anders thun? sie muessen wol thůn, wie [2] yhr gott (der teuffel) sie jagt, sie sind nicht bey yhn selbs. Darumb auch yhr [3] hertzlich zurbarmen ist. Sie geben fuer, Christliche lere zurhallten, so sie doch [4] schendlicher leben denn hurn und bůben, gerad als sollt der heylig geyst durch [5] solche teuffels geschirr etwas wircken zu seynen ehren, er thetts denn on yhren [6] wissen und willen, wie durch, Judas, Caiphas und Pilatus.

 

[7] So ist nů das eynige stueck noch uberig, das yhr, wie dieser Psalm weyset, [8] ynn dieser nott zu dem herrn euch halltet und fur yhm uber solche bose [9] zungen schreyet und mit ernst und mit gantzem hertzen bittet umb starcke [10] schůtzen, die scharffe pfeyle auff den teuffel schiessen, treffen und nicht feylen, [11] und umb fewrige wachholder kolen, die mit brůnst und fewer die verfureten [12] blinden leutt anzůnden und mit guttem leben erleuchten, zu preys und lobe [13] Gottis namen. Werdet yhr das thůn, so sollt yhr ynn der kuertze sehen, wie [14] reichlich yhr an dem teuffel und seynen schuppen gerochen werdet, das euch [15] ewr hertz drueber lachen wird. Alleyn sehet zu, das yhrs1 solchs bitten mit [16] aller zuversicht thůtt und nicht zweyffelet, Gott, umb welchs wortts willen [17] yhr geplagt seyt, werd euch erhoeren und seyne pfeyle und kolen mit hauffen [18] aus schicken, das, wo sie an eynem ortt das wortt zů Miltenberg unterdruckt [19] haben, da sols an andern zehen auffgehen, und yhe mehr sie ynns fewr blosen, [20] yhe sterckter es brennen soll.

 

[21] Denn das es noch nicht so starck gehet das wort Gottis, wie es billich [22] sollt und wyr gerne wolten (wie wol sie meynen, es gehe alltzu starck), das [23] kan ich keynem andern schueld geben, denn das wyr zu faul sind, umb scharffe [24] pfeyl und heysse kolen zu bitten. Er hatt uns befolhen zu bitten, das seyn [25] reych kome und seyn name geheyliget werde, das ist, das seyn wortt und die [26] Christen zunemen und starck werden. Aber weyl wyrs lassen liegen, wie es [27] ligt, und bitten nicht mit ernst, druemb gehet es auch so faul zu, und sind [28] die pfeyl stůmpff und matt, die kolen kallt und rhohe,und furcht sich der [29] teuffel noch nicht fast fur uns.

 

[30] Darumb lasst uns auff wachen und frisch seyn, die zeyt ist hie. Er [31] thůtt uns allentthalben viel boeser tueck, last uns doch auch eyn mal yhm [32] etwas beweysen, das yhn verdreusset, und uns rechen, das ist, lasst uns bitten

 

[Seite 78]

 

[ 1 gerüst F 3 herren D        freunde C Witt Ien 5 groesser fehlt G        vrsch E 7 auch ewer antzunhemen C Ien mich || anzunemen F 8 gcrne AB gern D        habe (hab D), das man CD Witt Ien 9 Lutherisch CDEF 10 Luther CDEF 13 vor E 14 wyr] sy E 15 sie sein D        vnter DE 16 nicht E 18 feelen DEF 19 freuendt D 20 befolhen DE        bitt E 21 befolhen DE]

 

[1] zu Gott on unterlas, bis er uns gerueste schuetzen mit scharffen pfeylen und [2] kolen gnueg sende.

 

[3] Sehet, lieben herrn und freunden, solchs trostsbrieffs hab ich mich unterwůnden [4] an euch zuschreyben, wie wol es ander besser hetten muegen thůn und [5] groesser ursach haben. Weyl aber meyn name auch mit ym spyl ist und yhr [6] als die Lutherischen verfolget werdet1, hatt myrs, acht ich, nicht ubel gezymet, [7] mich auch antzunhemen alls meyn selbs.2

 

[8] Und wie wol ichs nicht gerne habe das, das man die lere und leutte [9] Lůtterisch nennet, und mus von yhnen leyden, das sie Gottis wortt mit [10] meynem namen also schenden3, So sollen sie doch den Lůther, die Lutherischen [11] lere und leut lassen bleyben und zu ehren komen, widderumb sie und yhre [12] lere untergehn und zuschanden werden, obs auch aller wellt leyd were und [13] alle teuffel verdroesse. Leben wyr, so sollen sie nicht frid fur uns haben. [14] Sterben wyr, so sollen sie noch weniger frid haben. Kůrtz umb sie sollen [15] unser nicht los werden, sie seyen denn hyn unttern und geben sich williglich [16] zu uns, und soll sie yhr zorn und toben nichts helffen: denn wyr wissen, [17] wes das wortt ist, das wyr predigen, und sollens uns nicht allen nemen. Das [18] sey meyne propheceye, die myr nicht feylen wird. Gott erbarm sich uber sie.

 

[19] Hie mit will ich euch, lieben freunde, Gott ynn seyn gnad und barmhertzickeit [20] befollen haben, und bittet auch Gott fur mich armen sunder, und [21] lasst euch ewer prediger befollen seyn, so Christum und nicht den bapst odder [22] die Meyntzischen tempeljunckern predigen. Gottis gnad sey mit euch. Amen.

 

 

 

[Seite 79]

 

 

 

 

 

Eine Geschicht, wie Gott einer Klosterjungfrau ausgeholfen hat. Mit einem Sendbrief M. Luthers. 1524.

 

[Einleitung]

 

1899

 

[Seite 79]

Zu den zwölf Klöstern, welche die Grafschaft Mansfeld im Anfang des Reformationsjahrhunderts besaß, gehörte auch das vor den Thoren von Eisleben gelegene1 Nonnenkloster Cistercienser- oder Benedictinerordens2 Neu-Helfta, so genannt, weil es früher, bis zum Jahre 1342, im nahen Orte Helfta sich befunden hatte. In der Geschichte der mittelalterlichen Litteratur und Mystik hat es eine gewisse Rolle gespielt: hier lebten und wirkten jene mystischen Seherinnen Mechtildis von Magdeburg, Mechtildis von Hackeborn, Gertrud von Hackeborn und “die große Gertrud”. Neu-Helfta war, durch die geistlichen Reformbestrebungen des 15. Jahrhunderts beeinflußt, ein Kloster strenger Observanz geworden, welches auch auf andere reformirenden Einfluß ausübte (Monachus Pirnensis bei Mencken, scriptt. II, p. 1463. 1591). In den Urkunden aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts heißt es öfter “reformirtes Jungfrauenkloster Neu-Helfta” (“Neuen Helfte, neuen Helft, Nauen Helfte, Nawe Helft”) “vor” oder “zu” Eisleben, manchmal auch “Kloster zu Eisleben” oder “Kloster Eisleben”.

 

In den Jahren 1493 –1534 waltete hier als Äbtissin die von Luther “Isebel” genannte fanatische Katharina von Watzdorf. Sie erlebte am 3. Mai 1525 die Zerstörung des Klosters durch die Bauern, begab sichvon Halle aus, wohin sie zunächst geflüchtet, um 1528 mit einem Theil der Nonnen nach Mähren, erbat nach ihrer Rückkehr 1529 vom Grafen Hoyer die Wiedereinräumung des Vorwerks Helfta (Alt-Helfta), vermochte aber den Verfall des Klosters nicht aufzuhalten; die Verwaltung der Klostergüter hatten bereits die Grafen übernommen. Daß es aber doch zu einer, wenn schon kümmerlichen Wiederherstellung des Convents gekommen ist, geht daraus hervor, daß nach ihrem Tode Erzbischof Albrecht unterm 24. August 1534 Anna von Watzdorf als Äbtissin des seiner Halberstädter Diöcese zugehörigen Klosters Neu-Helfta bestätigt hat. Eine Urkunde vom Juni 1542 nennt noch eine Walpurg Reubers als Äbtissin; dieselbe sammt dem Convent bittet Johann Albrecht, Coadjutor der Stifter Magdeburg und Halberstadt, um Rath, wie sie sich gegen den Pfarrer zu Helfta, der mit Zustimmung des Grafen

 

[Seite 80]

 

Hans Georg v. Mansfeld bereits dreimal in ihrer Klosterkirche “Martinische Messe” gelesen, verhalten sollte.

 

In diesem Kloster Neuhelfta befand sich zu Anfang des Jahres 1524 eine durch Luthers Schriften zu evangelischer Gesinnung angeregte adlige Nonne Florentina von Oberweimar1, eine Verwandte jener Äbtissin Katharina von Watzdorf und des “berühmten Liebhabers evangelischer Wahrheit” Kaspar von Watzdorf. Diese war nach Erduldung schmählicher Mißhandlungen entwichen und hatte sich nach Wittenberg begeben. (‘Ad Lutherum confugit’, so Cochlaeus, Comment. de act. et script. M. Luth. 1549, p. 100). Zu ihrer Rechtfertigung verfaßte sie alsbald einen schlichten aufrichtigen Bericht über ihre Schicksale, den Luther herausgab; er fügte einige Randbemerkungen, ein kurzes Schlußwort und als Vorrede einen eindringlichen Sendbrief an die zuständigen Landesherren, die fünf Mansfelder Grafen2 Günther IV., Ernst II., Hoyer VI., Gebhard VII. und Albrecht VII., bei. Der Brief ist vom Mittwoch nach Oculi (2. März) 1524 datirt. Die Herausgabe der Flugschrift wird also im selben Monat erfolgt sein, spätestens zu Anfang des folgenden, denn ein Wittenberger Studentenbrief vom 8. April 1524, den Hartfelder in seinen Melanchthoniana paedagogica (1892) S. 134 veröffentlicht hat, führt sie bereits unter den neuen buchhändlerischen Erscheinungen an. Vgl. auch die in Erl. Ausg. Bd. 29 S. 102 erwähnte handschriftliche Notiz auf einem Exemplar des ältesten Druckes “4 d. ultimo Martij MDXXIIII.” — Übrigens hatte Graf Albrecht von Mansfeld schon vorher einige aus dem Kloster Widerstetten entflohene Nonnen fürsorglich aufgenommen, wie Luther am 24. Juni 1523 an Spalatin melden konnte (Vgl. De Wette II S. 353 f., Enders IV S. 168 f.). — Die Beurtheilung der Geschichte jener Eislebener Klosterjungfrau seitens des Reformators bewegt sich in demselben Gedankenkreis, der in seinem Sendschreiben an Leonhard Koppe vom 10. April 1523 “Ursache und Antwort, daß Jungfrauen Kloester goettlich verlassen moegen” (De Wette II S. 320 ff., vgl. S. 318 f.; Enders IV S. 127 ff.) zum Ausdruck gebracht worden war. Auf seine andern dieselbe Frage erörternden Schriften verweist Luther selbst in einem Brief an Klosterjungfrauen vom 6. August 1524 (De Wette II S. 535 f., Erl. Ausg. 53 S. 252 f.).

 

Vgl. K. Krumhaar, Die Graffchaft Mansfeld im Reformationszeitalter (1855) S. 11 f. 22 f. 24 ff. (Anm.) 67. 69. 93. 151 f. 215. — v. Mülverstedt, Hierographia Mansfeldica, in Zeitschr. des Harzvereins (1868) Bd. I S. 31 ff. — M. Krühne, Urkundenbuch der Grafschaft Mansfeld (1888), Bd. 20 der Geschichtsquellen der Prov. Sachsen, S. XVI ff. 179 ff. 223 ff. 233 f. 734. 779. — Größler, Die Blütezeit des Klosters Helfta bei Eisleben (Sep.-Abdr. aus d. Eisleb. Gymnas.-Progr. 1887). — Kawerau, Die Klöster Neuhelfta und Holzzelle im Bauernkrieg (Zeitschr. des Harzver. Bd. 13 S. 335 ff.). — Bei De Wette II S. 495 –498 ein Abdruck des Sendbriefs an die Grafen; vgl. Enders Bd. IV S. 302. — Köstlin2 I S. 596 f. — Über ein ähnliches gleichzeitiges Vorkommniß im Mansfeldischen berichtet O. Marx in Zeitschr. f. Kirchengesch. Bd. XVI (1896) S. 293 – 304.

 

 

 

[Seite 81]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

 

 

Ausgaben.

 

 

Aa “Eyn geschihct [so] wie || Got eyner Erbarn || Kloster Jungfrawē || ausgeholffen hat. || Mit eynem Sende- || brieff M. Luthers || an die Graffen zu || Manßfelt. || Wittemberg. || 1524.||” Mit Titeleinfassung. 8 Blätter in Quart, letztes Blatt leer.

 

Ab Titel wie in Aa, nur Z. 1 “geschicht”. Sonst wie Aa.

 

Ax Titel wie Ab, in Bogen B eine Anzahl Abweichungen (s. unten).

Druck von Cranach und Döring in Wittenberg (vgl. Knaake, Centralbl. für Bibliothekswesen 1890, S. 196 ff., Nr. 17). Die Titeleinfassung beschrieben bei v. Dommer S. 240 f., Nr. 81.

Bg. A dieses Druckes hat während des Druckes Änderungen erfahren nämlich

      1. ist im Titel “geschihct” in “geschicht” verbessert worden,

      2. Bl. A 3a, Z. 14 ist nach “ist” das Komma nachgetragen worden,

      3. Bl. 4a, Z. 16 ist “kloisters” in “klosters” und

      4. ebd. Z. 17 “schrfftlich” in “schrifftlich” verbessert worden.

Ein Ex., das alle diese Versehen aufwiese, hat sich nicht gefunden. Nur 1 ist berichtigt in dem Ex. der Knaakeschen Slg., Breslau St., Gotha, Halle Marienbibl., Olmütz, Wolfenbüttel (v. d. Hardt 1069), Worms Paulusmuseum. Nur 1 und 2 sind berichtigt in den Ex. in Halle U., Königsberg U. (in dem einen der beiden Ex.), Straßburg U. (desgl.), Wittenberg, Zwickau. Für Halle U. und Zwickau wird ausdrücklich angegeben, daß das Komma (bei 2) nur schwach sichtbar sei. — Nur 2. 3. 4, nicht aber 1 ist berichtigt (= Ab) in den Ex. Berlin (Luth. 3791a u. 3791a bis), Kiel, Straßburg (in dem andern Ex.), Wien (wahrscheinlich; Bl. A 2. 3 fehlen), Wolfenbüttel (297 Th). — Alle 4 Stellen endlich sind berichtigt in den Ex. Berlin (Luth. 3791), Arnstadt, Darmstadt, Erlangen, Göttingen (2), Königsberg U. (in dem andern Ex.), Weimar.

Bg. B weist in den 25 Exemplaren, über die wir Mittheilung zu machen im Stande sind, nur einmal Abweichungen auf und zwar in dem Berliner Ex. Luth. 3791 (= Ax). Hier finden wir B 1a, Z. 2 “rath” f. “rad”; Z. 10 fehlt Komma vor “so”; B 3a, Z. 24 “hyrmit” f. “hiemit”, Z. 27 “mir” f. “mich” und “konnen” f. “konnē”, Z. 28 “yhr” f. “ihr” und hinter “vnwarhafftig” fehlt Komma; B 3a beginnt die zweite Randbemerkung mit “Ey Ihesus” st. mit “Ihesus”.

Exemplare von Ab (oder Ax) finden sich außerdem in Amsterdam, Hamburg, Heidelberg, London, Nürnberg Germ. Museum, Straßburg Wilhelmstift, Stuttgart, Wolfenbüttel (2). Für diese ist das Verhalten bezüglich der erwähnten Abweichungen in Bg. A und B nicht festgestellt.

 

B “Ain Geschicht wie || Got ainer Erbarn clo || ster Junckfrawen || außgeholffen || hatt. || Mit ainē Sendtbrief || Doct. Mar. Luthers, || An die Graffen || zů Manß- || feldt. || Wittemberg. || 1524. ||” Mit Titeleinfassung. 8 Blätter in Quart; letztes Blatt leer.

Druck von Melchior Ramminger in Augsburg (?). — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin, Dresden, Erlangen U., London, München HSt. (2), Regensburg, Wolfenbüttel, Würzburg U.

 

C “Eyn geschicht wye || Got eyner Erbarn || kloster Junckfrawē || ausgeholffen hatt. || Mit einem Sende- || brieff M. Luthers || an die Graffen zu || Manßfelt. || Wittemberg. 1524. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 6 Blätter in Quart; letzte Seite leer.

Druck wohl von Matthes Maler in Erfurt. Zur Titeleinfassung vgl. v. Dommer S. 259, Nr. 130 B. — Vorhanden in Breslau St., Hamburg, Weimar.

 

[Seite 82]

 

 

 

D “Eyn geschicht wie || Got eyner Erbarn klo- || ster Jungfrawen auff- || geholffen hat. Mit ey- || nem Sendebrieff M. || Luthers an die Graf- || fen zu Manßfelt. || Mart. Luther || Wittemberg. || 1524. ||” Mit Titeleinfassung. 8 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.

In einigen Exemplaren ist auf der letzten Seite der Satz in Unordnung gerathen; so ist im Berliner Exemplar das “li” in “Christlicher”, wommit die erste Zeile anfangen sollte, umgekehrt und an den Schluß der Zeile hinter “verleyhe” geschoben und im Münchener Exemplar “als” (Z. 5) zu “sla” entstellt worden.

Vorhanden in Berlin, Dresden, Görlitz Milichsche B., Heidelberg, Marburg U., München HSt., Wolfenbüttel. Nach Weller auch in Schaffhausen St., Basel und Augsburg.

 

E “Ein geschicht rvie || Gott eyner Erbarn kloster || Junckfrawen außgeholffen || hat. Mit eynem Send- || brieff M. Luthers || an die Graffen || zů Māß- || felt. || Mart. Luther. || Wittemberg. || 1 5 2 4 ||” Mit Titeleinfassung. 8 Blätter in Quart; letztes Blatt leer.

Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin St., Göttingen, London.

 

F “Eynn geschicht wye Got || eyner Erbarn kloster Jungfrawen auß- || geholffen hat. || Mit eynem Sendebrieff D. Mar. Lutthers. || An dye Graffen tzů Manßfelt. || Wittemberg. 1 5 2 4. || [Holzschnitt] ||” 8 Blätter in Quart, letztes Blatt leer.

Auf dem sehr rohen Holzschnitt (in Linieneinfassung) eine auf den Beschauer zu wandelnde Nonne, im Hintergrunde die Klostergebäude, auf dem Thurmknopf ein Wetterhahn, in der Luft ein fliegender Storch.

Vorhanden in Stuttgart.

Eine lateinische Übersetzung unsrer Schrift verzeichnet der Katalog der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel unter der Signatur 221. 3. Th. 4., doch, wie es scheint, irrthümlich, denn in der Bibliothek fand sich nichts dieser Angabe Entsprechendes vor.

 

In den Gesammtausgaben: Wittenberg Bd. VI (1553) Bl. 248a –251a; (Peter Seitz 1559), Bl. 239a –242a; Jena Bd. II (1555), Bl. 378a –381b; Altenburg Bd. II, S. 516 –519; Leipzig Bd. XIX, S. 319 –323; Walch Bd. XIX, Sp. 2095 –2106; Erlangen Bd. 29, S. 102 –113. Abgedruckt auch bei Rabus, Histor. d. Märtyr. II (1572) Bl. 394b –397a.

 

Für die verschiedenen Spielarten des Urdrucks A, soweit sie Bg. A betreffen, läßt sich schwerlich eine bestimmte Reihenfolge ermitteln; es wurde daher auch in der Bibliographie darauf verzichtet, und nur, soweit der Titel in Mitleidenschaft gezogen war, ein Aa (mit dem Druckfehler) und ein Ab (ohne den Druckfehler) unterschieden. Etwas belangreicher sind die Abweichungen, die Bg. B des Berliner Exemplars Luth. 3791 von allen übrigen aufweist. Hier ist wenigstens in einem Falle höchst wahrscheinlich, daß das gennante Exemplar das richtige bewahrt oder hergestellt hat. Das Ey im Beginn der einem Randglosse (93,17) wird dadurch als echt erwiesen, daß in den andern Exemplaren vor Jhesus ein freier Raum ist, während sonst die Randglossen ohne einen solchen dicht am Rande der Kolumne beginnen. So ist also das Ey wohl aus dem Satze herausgefallen und fehlt darum in den meisten Exemplaren. Weiter ist mir bezichtigen (93, 24 f.)

 

[Seite 83]

 

gegenüber mich bezichtigen offenbar falsch, aber das mir wäre vielleicht doch das ursprüngliche, wenn man annehmen dürfte, daß hier, wie an der entsprechenden Stelle kurz vorher (93,16), in der Handschrift mir beybringen gestanden und der Setzer falsch gelesen habe. Daß mich f. mir erst nachträglich eingesetzt sei, macht auch konnē f. konnen in derselben Zeile wahrscheinlich. Dagegen möchte man annehmen, daß yhr f. ihr eine Korrektur sei, die eine Ausnahme von sonstigem Gebrauch beseitigen sollte, und hyrmit f. hiemit ließe sich im Hinblick auf sonstiges darmit darvon ebenso ansehen. Zweifelhaft wiederum ist rath f. rad, da sosnt radt (91, 18) steht. So ergibt sich also keine rechte Sicherheit, ob die in Berlin Luth. 3791 vorliegende Gestalt des Bg. B eine frühere oder spätere ist als die in den andern Drucken vorliegende. Wir bezeichnen sie daher mit Ax. Schließlich sei noch bemerkt, daß in dem einzigen uns zugänglichen Exemplar dieses Ax der Bg. A die 4 Versehen sämmtlich berichtigt zeigt. Solange aber nicht wenigstens an einem zweiten Exemplar die gleiche Verbindung von A und B ermittelt ist, bleibt ungewiß, ob sie nicht bloß zufällig ist, und läßt sich daraus für die Geltung des zugehörigen Bg. B nichts schließen. C, der einzige Nachdruck, der Ax zur Vorlage hatte, stimmt allerdings auch in Bg. A zu diesem. Aus dem Wittenberger Urdruck A stammen, von einander unabhängig, B, C, D und F. Dagegen ist E aus D geflossen. Die enge Verwandtschaft von D und E beweisen Stellen wie 88, 12; 92, 33 f. und das Fehlen der Randglossen Luthers zum Bericht Florentinas; daß aber D ursprünglicher ist als E, zeigt dasöftere Zusammenstimmen von D mit A gegen E, z. B. 87, 29 f.; 88, 28; 90, 20; 91, 9; 92, 12. Dem widersprechen nicht die Stellen, in welchen E, meist mit A übereinstimmend, die bessere Lesart aufweist, z. B. 87, 32. 35; 88, 21; 88, 32; 90, 17; 91, 16; 91, 35; 93, 26. 27, denn hier ist offenbar die Vorlage D berichtigt. Auch die Berührung von E mit B 91, 9 beruht auf einem Mißverständniß, das jedem für sich sehr leicht begegnen konnte; desgleichen ist das Zusammentreffen von B und E 87, 17 lediglich ein Zufall.

 

Wir geben den Text der Ausgabe A und die Lesarten der Nachdrucke in der üblichen Weise.

 

Zur Ergänzung der sprachlichen Lesarten mögen die folgenden zusammenfassenden Bemerkungen über Sprache und Schreibgebrauch dienen, die sich nicht nur auf Luthers Beigaben, sondern auch auf den Bericht Florentinas beziehen, da zu einer gesonderten Behandlung beider kein Anlaß vorliegt.

 

Der Umlaut des a wird im Allgemeinen durch e bezeichnet, in B (einmal auch E taeglich) daneben überwiegend durch ae (gnaedig, vnderthaenig, saelig, saeligkait, waere, schaemlich, verraeterlich, schmaehlich, beschwaerung, taeglich, faerlich, beschwaerlich, naehest), mehrfach auch durch oe (woeren, erwoelen, oeltern, verschwoeren). Die Abweichungen vom Urdruck sind vereinzelt: eingesetzt (93, 23/24) B; lasst (88, 22) BE (87, 33) E; harttigklich (91, 19/20) E.

 

Der Umlaut des au (eu, ew, in C auch eü, in B einmal vnglaeubig) fehlt gegenüber A in glauben (credere 92, 14) BDE; vnglaubig (87, 7/8), versaumet (91, 7), Christglaubiger (93, 30/31) B.

 

Der Umlaut des o (überall oe) wird abweichend von A gesetzt in eroeffnen (89, 9) BE; troesten (92, 17) BF; vermoechte (92, 31) DEF; Cloester (92, 18),

 

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koennen (93, 21. 25) B. Er bleibt unbezeichnet in stro- (92, 4) BE; mochte (92, 12) C; hoher (93, 30) E.

 

Der Umlaut des u (in ACF ue; in BE fast ausschließlich, in D selten ü) wird in allen Drucken reichlicher verwendet, als in A: thürren (audent), müncherey, wüsten (scirent), gewüst (1) BCDE; hülff B (4) CD (5) F (E hat durchweg hilff); für BDE (stets, mit 4 Ausnahmen D) C (1); (vn) müglich BCDE (2) F (1); fürst(en) BE (3) D (2) C (1); tüchtig (1) BCEF; gelübde BCE (2); fürchten BDE (1); kündt B (2) D (1) E (3); wünschen (2), sünde (2), sünder (1), (vn-)gegründet (2) BE; dürff(t)en B (2) E (1); künnen (90, 7) B (E hier und 90, 10 künden); frümkait (1) B; Guenther (1) C; wuerde(n) D (1) E (6); über (6), schützen (1) E.

 

Der Umlaut des uo (ue, nur in B vereinzelt fülen) tritt abweichend vom Urdruck auf in beruembt (1) BDE; fülen, fuesse (1) BE; senftmuetig (1) BF; widerrueffen (1) B; außrueffen (1) E. Er mangelt in demutiger (89, 5) B.

 

Vokale. 1. Die neuen Diphthonge sind durchgeführt bis auf folgende Beispiele: roecklin (94, 1) B; blyben (88, 20), schriyben (92, 25) D; krentzlin, kyndlin, roecklin, schlaeerlyn, silberyn, yngesatzt, yngesegnet, ynsegnung (1), vff (stets) E; frundschafft (2) F.

 

2. Die alten und die neuen Diphthonge werden in der Schreibung meist nicht unterschieden; eine Ausnahme macht nur B, welches für mhd. ei durchweg ai oder ay schreibt (in D vereinzelt eynicherlay, in E waiß, erwaichen) und den aus iu hervorgegangenen Laut von dem aus au umgelauteten stellenweise als eü scheidet (teüffel, freündschafft, erleüchtung, leügt neben Teuffel, keuschait, lewt). Sonst begegnet nur in D ein vereinzeltes leuette neben leute, während E neben leüt, teüffel, breütte, eüwer, freünd usw. auch eüsserlich, verseümen schreibt.

 

3. Die Zeichen für einfaches u und altes uo wirft A durcheinander: neben furchten, lust findet sich zu, genug, versuchen und neben můste, vermůtet (daneben öfter gemuet, guet, thuet) auch hůlff, můglich, thůren, wenn nicht in den drei letzten Fällen ů den Umlaut andeuten soll. Ebenso verfährt F. B und E scheiden sorgfältig zwischen u und ů (wofür B zuweilen, E häufiger ue), während in CD mit u gelegentlich auch altes uo (sonst ue C, ů oder ue D) bezeichnet wird.

 

4. Altes ie ist gegenüber A bewahrt in ziehe (88, 7), hyerinnen (93, 29), yetzund (93, 32; einmal auch in A) BE; yegklich BE (2) C (1). Entgegen steht libhaber (90, 31) D. — Das Dehnungs- ie wird in B und E (bisweilen auch D) gern beseititg: beschriben, vil, geschriben, diser (hier auch A schwankend). C läßt es in schriefft (1), F in triett (1) eindringen.

 

5. Für a tritt o ein in (ge)thon (4) BE, dorynnen (1) F; umgekehrt steht a für o in nach (90, 11) D, wa (rumb) B (3) E (1).

 

6. Für o erscheint u in sunst, Nunne, kumpt (1) B; sundern (sed) CE (1); genumen D (1) E (stets); sunst, sunderlich (1), (-) kumen (stets) E. Einmal kunnen > koennen (90, 10) B.

 

7. Für i tritt ü ein in güllt (91, 20) B, bezüchtigen (93, 25) E.

 

8. Das i der Endsilben wird stets zu e in Gottes BCE (mit 3 Ausnahmen in C), B beseitigt es auch in festes (92, 34; fests E) und naehesten (94, 9). Dagegen wird es gegen A eingeführt in hayligisten (94,7) B und darkegin

 

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(94, 2) C. — Das auslautende e fällt in BE außerordentlich häufig, in CDF nicht selten ab.

 

9. Die Längenbezeichnung der Vokale durch Dehnungs-h wird in BCEF meist vermieden: jr, jm, jn, jnen (bez. yr usw. CF); dagegen schreibt F wiederholt yhn (auch yhm, yhns) für die Präposition in. B schreibt gern meer(en), leeren, eere(n) f. mehr(en) usw., E daneben auch meren, eren; BCEF schreiben nemen f. nehmen, aber F anderseits ehr (Pron.).

 

10. Für gehen, stehen haben BE immer geen, steen (in F einmal gen).

 

Konsonanten. Für anlautendes p erscheint b in gebott (2) BE; Beispiele für den Inlaut sind leyblich, kombt B; kombt, Babst C. — Inlautendes d wird durch t vertreten in keltten (91, 27) B (keldtē E), Elltern (94, 8) BDE; umgekehrt haben B und E stets (mit je zwei Ausnahmen) vnder f. vnter (91, 34. 92, 13 theilen alle Drucke mit A die Lesart vnder, nur an der letztgenannten Stelle steht D mit vnter allein). — Für (dar-) (ent-)kegen A hat B fünfmal, D dreimal, E zweimal (-) gegen. BE schreiben Junckfraw f. Jungfraw (D Jungkfraw) und bevorzugen die Tenuis auch in gefencknys u. ä. — Die Endung -ickeyt erscheint in der Regel als -igkeyt BCDE: barmhertzigkeit, schwerigkeit usw., aber auch gaystligkait (92, 8) BCE (geystlichckeyt D); nur in E (89, 28) begegnet geschicklicheit (geschickligkait B, geschicklickeyt ACDF).

 

Vereinfachungen von Doppelkonsonanten finden ziemlich regelmäßig statt bei in f. ynn BCE, wider, oder, hader f. widder usw. BE (bisweilen auch C und A). Anderseits schreiben B und F öfters vnnd f. vnd, C liebt Schreibungen wie zcu, zceyt, dyß (f. dis), F szo f. so, dyße f. dise.

 

Vor- und Nachsilben. Die Vorsilbe ge- büßt ihren Vokal ein in gnug (1) CE, gschicht (1) F; sie entfällt ganz in dem Part. geben (91, 17) E. Für zu brechen schreibt B zerbrechen. — Die Bildungssilbe -nis lautet in B durchweg -nus: zeugknus, gefencknus, verhengnuß.

 

Wortformen. hulff > hilff B (1) E (stets); hochgelart > hochgelert BE; from > frum E (1); sind > seind B (6); woellen (Inf.) woellt (Prs.) 87, 24; 88, 11 A > wollen F wollt C; wollten (Prt.) 87, 4 A > woellten D; wilch > woelch B (stets), welch D (1) E (stets, einmal wellichs); widder > weder BE (stets); solcher > sollicher E (1); denn > dann (1); wenn > wann (1) B.

 

schlahen > schlagenn DE (1); daneben > darneben F (1); dazů > darzů B (2) C (1) E (1); nicht > nit E (stets, mit 2 Ausnahmen) D (1) F (1); weiß > wayst B (2).

 

konnen > künden (93, 21. 25) E; sondern > sonder B (stets, einmal auch A 91, 15) F (2), sundern D (1), sunder E (stets, einmal auch A 91, 1).

 

 

 

[Seite 86]

 

 

 

 

 

 

 

[1] Eyn geschicht wie Got eyner Erbarn kloster Jungfrawen

[2] ausgeholffen hat. Mit eynem Sendebrieff M. Luthers

[3] an die Graffen zu Manßfelt.

 

1524

 

[Seite 86] [ 1/3 Die Überschrift ist dem Titel von A entnommen 4 Edlen BC        herren B Herren B 5 herren B 6 herren B 7 vnsern C        herren BDE 8 herren B 11 landtßherren B 12 vor B 16 wye eynn ander F 23 allzeit CDE 26 hůt E        des můß F]

 

 

 

 

 

[4] Den Edeln und wolgebornen1 herrn, Herrn Gunther, Ernst,

[5] Hoyer, Gebhard und Albrecht, graffen zu Manßfelt, herrn zu

[6] Schrappel und Helderungen, meynen gnedigen herrn.

 

[7] Gnad und fride ynn Christo Jhesu unserm herrn, Amen.

 

[8] Es hat mich, gnedigen herrn, dis geschicht, ynn E. G. [9] landen von Gott beweyset, vermoecht, an E. G. [10] disen brieff zu schreyben (als denen ich wie meynen [11] leyplichen landsherrn auch nach menschlichem recht [12] fur andern das beste zu wundschen schuldig byn), [13] E. G. untertheniglich zu ermanen, das sie Gottis [14] wort und wercken mit furchten war nemen, und [15] weyl er so bestendiglich anhellt und anklopfft, auch [16] williglich auff thuen und nicht wie ander ungleubigen [17] seyne zeychen und wunder ynn den wind [18] schlahen, auff das er nicht zu hoch und zu lange versucht sich darnach allzu [19] ernstlich finden lasse.

 

[20] Das leret uns aber das Euangelion und aller propheten schrifft, das [21] die gotlosen leutt nymmer woellen das fur Gottis wort hallten, das Gottis [22] wort ist, sondern das soll Gottis wort seyn und heyssen, was sie dunckt [23] Gottis wort seyn, woellen allezeyt nicht von Gottis wort gericht seyn, sondern [24] yhr eygen dunckel soll Gottis wort richten und sagen ‘Sihe das ist Gottis [25] wort’. Eben auff die weyse thuen sie auch mit Gottis wercken: Was Got [26] thuet, das mues der teuffel than haben, wie die Juden von Christo selbs sagten [27] [Matth. 12, 24] ‘Er treybt die teuffel ynn Beelzebubs namen aus’. Widderumb was sie thuen, [28] das mues Gottis werck seyn. Das ist der hadder zwisschen Gott und der wellt [29] [Ps. 28, 5] von anbegyn, und wird so bleyben, wie der 27. psalm sagt: ‘Sie erkennen [30] Gottis werck nicht und mercken nicht auff das thuen seyner hende, darumb [31] wirstu sie zu brechen und nicht bawen’.

 

 

 

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[ 2 außtryb B 3 galtē E        vor B        Phariseyeern C 8 Forentina E 11 Sige zu D 12 gelaffen D 14 etwan̄ B 17 weychwasser BF        liede A Ien litte B leyde CF lydtte E lide Witt 18 mueste] muestu F 19 Wyr] Wie F 21 fordern E 22 dran C 23 noch kennen fehlt F 29 Forentina A        auch fehlt E 30 wilch] wie E 31 bloecken B 33 woellē D 35 wyr] mir D]

 

 

[1] Also gehet es auch mit den wunderzeichen Gottis zu. Da Christus [2] teuffel austreyb, todten auffweckt und solch grosse und manche wunder thet, [3] gollten doch die selben fur den Phariseern nichts, fiengen an und sprachen: [4] [Matth. 12, 38; 16, 1] ‘Herr, wyr wollten gern eyn wunderzeichen vom hymel sehen’. Was Gott fur [5] wunder thett, das waren keyne wunder bey yhnen. Was sie aber fur wunder [6] angaben und stympten, das solten wunder seyn. Das leydet unser herr Gott [7] alles von yhnen bis zu seyner zeyt. Also zweyffelt myr nicht, das die ungleubigen, [8] so sie von diser Florentina werden hoeren, das sie so wunderlich [9] ist von Gott erloeset aus des teuffels rachen, werden ettlich, die den Nonnen [10] stand fur gutt achten, sagen: ‘Der teuffel hat yhr ausgeholffen’. Die andern, [11] die nicht viel auff Got odder teuffel geben, werden sagen: ‘Sihe zu, ists [12] eyn wunder, das eyne nonne aus dem kloster gelauffen ist? ’ So mues [13] es gehen.

 

[14] Wenn aber ettwa eyn rumpel geyst eyne wallfart anrichtet und thet [15] [2. Thess. 2, 3. 9] der zeichen eyns, da Paulus von sagt 2. Tess. 2. ‘Der menschen der sunden [16] wird durch falsche zeichen und wunder auff komen’, odder das sich der teuffel [17] mit weyhwasser liesse martern und stellet sich, als liede er grosse angst darynnen, [18] wie newlich ynn disem jar an eynem ort geschehen ist, das mueste eyn [19] wunder Gottis seyn. Wyr aber, die wir nů das Euangelion wissen und die [20] warheyt erkennet haben von Gottis gnaden, sollen und thůren solch zeichen, [21] die zu bekrefftigen das Euangelion geschehen und das selbe foddern, nicht so [22] lassen faren. Was ligt daran, obs die nicht fur eyn zeichen odder gleich fur [23] eyn teuffels zeichen hallten, die das Euangelion nicht kennen noch kennen [24] woellen und die nonnerey fur eyn Christlich wesen rechen? Man las sie faren, [25] [Matth. 15, 14] blind sind sie und blinden leytter, Gott wird sie wol finden.

 

[26] Got hat der selben zeichen dise drey jar wol mehr gethan, wilche zu [27] rechter zeyt wol sollen beschrieben werden. Weyl aber dis ynn E. G. landen [28] Got zeyget, sollen E. G. das selb als ein sondere vermanung Gottis zu hertzen [29] nemen. Denn nicht alleyn aus diser Florentina geschicht, sondern auch aus [30] vieler andern zeugnis man wol sihet, wilch eyn teuffelisch ding die nonnerey [31] und můncherey ist, da man mit eyttel treyben, zwingen, stoecken und bloechen [32] will die leut zu Gott bringen: So doch Gott so offt ynn der schrifft zeugen [33] lesst, Er woelle keynen gezwungen dienst haben, und sol niemand seyn werden, [34] er thue es denn mit lust und liebe. Hilff Got, ist uns denn nicht zu sagen? [35] haben wyr denn nicht synn odder oren? Ich sags abermal: Gott will nicht [36] gezwungen dienst haben. Ich sags zum drytten mal, Ich sags hundert tausent [37] mal: Got will keynen gezwungen dienst haben.

 

 

 

[Seite 88]

 

[ 1 herren BDE 5 vm D 10 selbs CDEF 12 vns fehlt DE        ewerem C 13 herren B 14 des fehlt F 16 solchs fehlt E 21 schendtlichem D 22 fleysch C        Cloester B 23 will fehlt F 25 Gen̄ am .1. F        stehet] siehet F 26 herren B 28 mich gnůg drumb E 29 woelle B 31 Geben zů Wittemberg, am Mittwoch nach Oculi. Anno. 1524. B 32 vntheniger AF vntherniger D]

 

 

[1] Was macht yhr doch, yhr fursten und herrn, das yhr die leut zu Gott [2] treybet on yhren willen und danck? Ists doch nicht ewer ampt noch macht [3] zu thuen, zur euserlichen frumkeyt solt yhr treyben. Laß gelubd gelubd seyn, [4] las gepott gepott seyn. Noch wil ers nicht, es sey denn willig und mit lust [5] gehallten. Und sollten wyr alle toll und toericht werden, so wird er umb [6] unsers treybens und zwingens willen nicht anders gesynnet werden. Er spricht: [7] [Joh. 6, 44] ‘Niemand kompt zu myr, meyn vater zihe yhn denn’. Jst das nicht klar [8] genug, lieber herr Gott? Der Vater mues zihen, So will eyn mensch treyben, [9] Was Gott nicht sich unterstehet, des will sich der arme wurm unterstehen, [10] dazu durch eynen andern unwilligen, zuthuen, das er selbst nicht thuen kan. [11] Woellt yhr doch nicht gedrungen seyn zu unserm Euangelion, warumb dringt [12] yhr denn uns zu ewrem?

 

[13] Der halben, meyn lieben gnedigen herrn, will ich diser Florentina [14] geschicht lassen ausgehen, auff das alle wellt sehe, was klosterey sey, und des [15] teuffels thand an den tag kome, und daneben E. G. demuetiglich bitten, weyl [16] auch Gott selbs solchs foddert und anhebt, das E. G., die solcher gefangenenviel [17] ynn yhren landen haben, wollten doch zum wenigsten vom treyben und [18] anhalten ablassen (ob sie ja nicht wollten helffen los machen), sondern lassen [19] hie eynem iglichen seyn gewissen antwortten und weren nicht, ob yemand [20] woelle aus dem kloster gehen odder bleyben, auff das E. G. Gott nicht versuchen. [21] Jsts doch nicht zuthuen umb der schnoeden schendlichen lust willen des [22] fleyschs, wilche man doch ynn kloestern nicht lesst, wer sonst nicht frum seyn [23] will, es geschehe auch alleyn odder selb ander. Es ist umb der nott willen [24] zu thuen, das eyn mensch nicht zur keuscheyt, sondern sich zu mehren geschaffen [25] [1. Mose 1, 28] ist, Gen. 1., wilchs werck bey uns nicht stehet widder zuverloben noch zu [26] hyndern. Es sind ettliche fursten und herrn zornig uber dise sache, Und ist [27] nicht wunder: wůsten sie, was ich weys, sie wurden villeicht nicht wissen, [28] wie sie mich drumb genug loben nnd ehren solten, und mehr da zu thuen denn [29] ich. Gott wollt E. G. mit seyner barmhertzickeyt erweichen, disem Goettlichen [30] angehabenen werck zu folgen und aller welt eyn guet exempel geben, die armen [31] gefangen zu erloesen, Amen. Zu Wittemberg am Mitwochen nach Oculi. 1524. [32] E. G. untertheniger Diener Martinus Luther.

 

 

 

[Seite 89]

 

[ 4 ober weymar F 10 Katherina B Katheryn D        kloisters einige Exemplare von A 11 Eptissin B Ebtissyne E        schrfftlich einige Ex. von A 15 geschrifft F 18 teylhafftig] hafftig F        vor B 22 durch die bitt E 23 daselbst BE 24 jaren B 25 Da BE 25/26 gefragen F 26 hette B 26/27 unwysszen F 27 gesegnet DE]

 

 

 

 

 

[1] Unterricht der erbarn und tugentsamen Jungfrawen

[2] Florentina von obern weymar, wie sie aus dem kloster

[3] durch Gottis hulff komen ist.

[4] Jch Florentina von obern Weymar wundsche allen frummen Christen und liebhabern [5] des Euangelij Gottis gnaden und barmhertzickeyt mit demuetiger bitt, [6] dise meyne unterricht und entschuldigung mit Christlichem hertzen zu vernemen. [7] Denn das weys Gott, das, nach dem myr Gott der allmechtige durch seyne [8] gnad und barmhertzickeyt so scheynbarlich aus disem gefengnis geholffen hatte, war [9] es mein fester fursatz, solch unbillich beschwerung, mir erzeygt, niemand zu eroffnen. [10] Weyl aber fur mich kompt glaubwirdiglich, wie Katharyn von watzdorff, des klosters [11] Eptisschynne, mich mit viel schmachwortten schrifftlich und muendlich ynn die leute [12] tregt, als sollt ich widder ehre gehandellt haben (das sie mit warheyt nymer mehr [13] wird nach bringen, Denn ich Gott lob widder ehre nie gehandelt habe), Dringet [14] mich die notdurfft, Gott zu lobe und ehren, auch meyne ehre und gueten namen [15] zu erredten, dise schrifft aus zu lassen. Denn wie wol ich schmach und schande [16] zu leyden schuldig byn, so byn ich doch auch widerumb schuldig, die selbige, weyl [17] sie unrecht ist, nicht zu billichen oder durch stil schweygen bestettigen und mich [18] frembder sunden teylhafftig machen. Und will die warheyt reden fur Gott und [19] aller wellt.

 

 

 

[20] Anfangk.

[21] Jch bin meyns allters ym vi. jare von meynen elltern, die geystlichen stand [22] auff die zeyt fur guet und selig angesehen, durch bit und anreytzung meyner muehmen, [23] der domina zu Eyßleben, yn das Jungkfrawen kloster doselbst, Newen Helffte genant, [24] gegeben, darynnen ich biß zu eylff jarn erzogen.

 

[25] Do ich eylff jar erreicht, byn ich durch angeben der domina on alles befragen [26] (und wenn ich gleich viel gefraget, hatte ich keynen verstand) also yn unwissender [27] jugent eyn gesegenet.

 

[28] Aber als ich xiiij. jar alt und meyn gemuet und geschicklickeyt begund zu [29] fulen und erkennen, befand ich, das geystlicher stand aller meyner geschicklickeyt und [30] natur entkegen, und also das meyner seelen seligkeyt myr were zu hallten unmůglich, [31] wilchs ich meyner muehmen eyner von Oberweymar1 klagete, die zeyget es fort der [32] domina und meyner mutter schwester2, der Gott gnade, an, durch wilche meyn furnehmen [33] an die domina gelanget, die myr durch die selbige yhre schwester3 ließ 

 

[Seite 90]

 

[ 3 nun B        -gesegnet CE 5 geschworen DE 10 begegnen E 11 rath A –x        gefallen BC 14 Babylonischen B 17 potest D 20 das] des E 22 vollhertzig E        ynsegnung E 25/26 Die Randglosse fehlt DE 26 unordens] ordens F 29 angenomen D angenum̄nē E 32 nicht B 33 gestanden] erstanden F]

 

[1] ansagen: Ich moecht mich von dem synne abwenden, ich sollt und muest eyne nonne [2] seyn, so nicht mit guetem, sollt ich mit boesem, sie wollt mich anders wol so setzen [3] und so mit myr umbgehen, das ich gerne sollt bleyben, Ich were nů eyngesegent [4] und hette Gott durch die oppfferung des Ringes ewige reynigkeyt verheyssen und [5] geschworn, das kundt ich nicht widerruffen, kundt mich auch keyn Bapst noch Bisschoff [6] darvon absolvirn. Antwort ich: worumb sie mich nicht hetten zu meyner vernunfft [7] lassen komen, das ich hette kunnen erkennen was myr zu thuen odder zu lassen? [8] ward myr keyn antwort denn: ich wehr allt gnueg gewesen, ich solt und mueste. [9] Die weyl ich auff die zeyt keyn unterricht noch grundt der schrifft, damit ich mich [10] hette kunnen schutzen und yhrem furgeben begegenen, wuste, auch keinen trost, hůlff [11] noch rad an meiner freundschafft (die nicht anders denn was der domina gefalln [12] yn dem thuen durfften, myr auch weyt gesessen), zu bekommen, muest ich mich, wiewol [13] gantz unwillig, doch nicht on sonderliche verhengnis Gottis unter yhr gewalt, [14] Regiment und Babilonische gefengknis geben &c..

 

[15] Aber ynn meynem versuch jar solt man mich sampt andern meynen sodalibus [16] nach ausweysungen der Regeln, so offte die ausgelesen, gefraget und eyn deliberation [17] zugeben haben sprechende ‘Ecce lex sub qua militare vis, si potes servare ingredere, [18] si non potes, liber discede’1, wilchs keyn mal geschehen. Sonder am abent meyner [19] profession saget myr die domina vor gantzer samlunge im Capitel, man solt mir [20] wol die schwerickeit der Regeln furlegen und fragen, ob ich das gesinnet were zu [21] hallten und bestendig zu bleyben, were aber nicht von noetten (wenn ich hette mich [22] bereyt volhertig2 zu bleyben yn der eynsegenung gnugsam verpflicht): das man [23] mich und andere eyn versuch jar liesse halten, geschehe nůr, das wir Ordens weyse [24] lernten*, und sie uns, ob wir zum orden tůchtig, versuchten. Und wenn ich gleich

 

[25] * Dazu am Rande: Ja Ordens weyse lernten, ich meynet, man solt [26] Christus weyse das junge volck leren. Es mag wol ein unordens weyse seyn.

 

[27] viel gefraget, hette ich doch nicht anders, denn was sie gerne gehoert, durffen sagen, [28] hette myr auch nichts geholffen.

 

[29] Also hab ich yn widerwillen meyner angenomenen geystlickeyt gestanden. Was [30] fur beschwerung myr teglich yn meynem gewissen dar von erwachssen, geb ich eynem [31] iglichen fromen Christen und liebhaber Euangelischer warheyt zuermessen. Hab aber [32] nichts dester weniger yn alle disem meynem truebsal, elende und beschwerunge yn [33] [Hes. 33, 11] gantzem vertrawen und hoffen zu Gott gestanden: Wenn er will yhe nicht den tod

 

[Seite 91]

 

[ 1 yhim D 2 erloesung E 3 nun B        goetlichs E 4 gantzen DE 5 eynē A eynen D        verschmachten DE        hungerigem BC hungrigen D hungerigen E 6 schrifft CE 8 geiagt E 9 welchem E        wurd auff B ward vff E 14 als bey eyner veruolgeryn E 15 daruor B        wie] als B 16 enlangen D 23 vor B 29 jaren BE 30 offenbare D 31 solches B 32 der iiij] 4 der F 33 Da BE 35 vor B        knyen] keynen D 36 prosternyren DE]

 

[1] des sunders, Sunder &c.., er wurde yhe noch eyn zeyt ersehen, yn der er mir yhm [2] alleyne verlassen weysen1 wurde trost der erloesunge geben &c..

 

[3] Als nů die heylsame zeyt Goettliches trostes, ynn wilcher das Euangelion, [4] das ettwa lange verborgen, an tag komen, das wort Gottis klar gehandelt gantzer [5] gemeynen Christenheyt erschynen, sind auch myr als eynem verschmachtem hungrigem [6] schaff, das lange der weyde gedarbet, die schriffte der rechten hirten, die Christus [7] ietzund yn disen ferlichen zeyten, seyne schaff (die durch die mitlingen verseumet, [8] verhungert und verschmacht, dem wolffe yn rachen gejaget) wider zu erretten, erwelt, [9] furkomen, yn wilchen ich befunden, wur auff eyn recht Christlich Euangelisch leben [10] gegrundet und gestallt, wilche myr klar gegeben, meyn vermeynt geystlich leben (wie [11] ich denn auch langest yn meynem gewissen befunden) wurd mir, wo nach erkanter [12] warheyt nicht geandert, eyn gestrackter weg zu der helle seyn, denn ich nichts [13] Euangelisch, nichts geystliches, viel weniger Christliches darynnen kan erkennen.

 

[14] Die weyl ich denn erkant, das ich bey der domina als eyner verfolgerynne [15] Euangelischer warheyt ynn dem keynen trost, sonder straff (dar fur ich mich wie [16] eyn mensch entsatzt) wurde erlangen, hab ich an den hoch gelarten Doctor Martinum [17] Luther geschrieben, yhm meyn gemuet zu erkennen gegeben, von yhm trost, [18] hůlff und radt begeret. Wilchs widder Christlich liebe durch ettliche meyne gleichen, [19] die das yn geheym mit myr gewůst, fur meyn oberste komen, dar durch ich hertiklich [20] gefangen gesatzt, wie wol man (weys wol was gillt) auch will fur eyn ursach [21] anzeygen, das ich ettwa eynen des klosters diener, kegen den man (meyns versehens) [22] etwas beschwerlichs moecht haben fur genommen, aus Christlicher liebe (wie ich mich [23] zuthuen verpflicht erkant) sich fur seynem schaden zuhueten verwarnt, wie wol solch [24] beschwerlich gefengknis aus keyner andern ursach kegen myr fur genommen, denn [25] alleyn, wie beruert, das ich Doctor Martino geschrieben.

 

[26] In dem gefengknis ich iiij wochen gesessen on alle barmhertzickeyt, yn grosser [27] kelden (wie man weyß vor und nach allen heyligen gewest)2 ynn keyne stuben [28] kommen.

 

[29] Ich ward bezwungen zu bekennen, was ich ynwendiges iij jarn widder die [30] Regel und geystliche ordnungen gethan (es were heymlich, offenbar, alleyn odder [31] selbander), und solchs der domina durch meyn hant schrifft untergeben.

 

[32] Nach verlauffungen der iiij wochen muest ich ym Capittel die selbige meyne [33] bekante ubertretungen vor aller Samlung uber mich aus rueffen. Do leget mich [34] die domina yn den ban, muest ich ynn meyner cellen verschlossen sitzen, aber under [35] den horis Canonicis fur dem chore knyen, biß zu der collecten mich an die erden [36] prosternyrn. Der gleichen, so offt die Samlung eyn und aus dem chor gieng, [37] muesten sie all uber mich gehen, darynnen war ich iij tage.

 

 

 

[Seite 92]

 

[ 3 gehen] geben C 4 krentzleyn CD        vor B 6 bürgen BE boergen F        da BE 8 mich] nicht C        thaet B 10 hette B 12 moechte] mueste E 13 meyne E 15/18 die Randglosse fehlt DE 16 regieren B 18 Galata. 6. B 19 vor Sollt ACF * B        vij. wochen C 21/22 die Randglosse fehlt DE davor ACF * B 22 ander F 26 kloster CF 28 schemlich] schmehlich F 29 vor B 32 kerken F 33 helden] ketten DE        da BE 34 helden] ketten DE        fests E]

 

 

[1] Darnach satzt sie mich, wie sie es heyssen, ynn den kleynen ban, do muest [2] ich mit zu chore gehen. Aber so offte die samlung eyn oder aus dem chore gieng, [3] muest ich mich (wie oben) prosternyrn und sie lassen uber mich gehen, unter essens [4] mit eynem stroe krentzeleyn auff der erden fur der Priorinne sitzen: die buß hielt [5] ich iij tage.

 

[6] In des muest ich v personen erwelen, die meyn borgen solten werden, do [7] muest ich verloben und verschweren, widder mit worten, wercken noch schrifften ichtes [8] was mehr zuthuen, mich aus der geystlickeyt zu wircken. Das ich denn that, gab [9] yhn so guete wort ich kund, war aber widder meyn hertz noch gemuet dar bey: [10] darauff gab sie mich der buss loss, doch also, das ich eyn person hatte myr zu [11] deputyrt, die muest tag und nacht acht auff mich haben, bey mir gehen, stehen, [12] sitzen und schlaffen. Auch saget mir die domina ym Capittel, ich moechte mich nů [13] under alle meyner mitschwester fusse wie eyn gefangene, der man fort widder getrawen [14] noch glewben wurde, yn demuet hallten.*

 

[15] * Dazu am Rande:Solcher Jesebel sollt man billich jungs meyde volck [16] befelhen zu regirn, wenn man sonst keinen teuffel wuste. Das heyst mit [17] senfftmutigem geyst trosten die jenigen, so mit eym fall ubereylet sind, [18] [Gal. 6, 1] .Gal. vi. Das ist die kloster heylickeyt.

 

[19] Sollt vij. mitwochen und vij. freytage auff eyn mal von x. personen mich [20] lassen disciplinyrn.**

 

[21] ** Dazu am Rande: Denn ist der teuffel schon ausgetrieben mit eym [22] andern teuffel.

 

[23] Darnach kam myr hart yns gemuete, meynem lieben vettern Casparn von watzdorff1 [24] als eynem berůmbten liebhaber Euangelischer warheyt, zu dem ich mich viel [25] guets vermůtet, zu schreyben, yhm meyn anlygende not klagen, wilchs ich gethan [26] und durch eynen unsers klosters diener (dem ich denn auch ein zedel geschrieben) [27] yhm zu behendigen bestellt, wilchs aber verreterlich fur die domina kommen. Wie [28] schmehlich, schemlich, lesterlich und hoenisch ich da von yhr und andern ausgericht, [29] ist nicht fur frummen leuten zu reden odder zu schreyben &c..

 

[30] Jch ward durch sie und andere iiij. personen durch steuppet, das yhr keyne [31] mehr zu schlahen vermochte.

 

[32] Do satzt sie mich wider yn den kercker und lies mir die beyne ynn eysern [33] helden2 legen. Also saß ich nahent eynen tag und nacht, do lies sie mich von [34] den helden, aber ym kercker muest ich 8. tage verharren, aber umbs festis willen

 

[Seite 93]

 

[ 1 refsenter C 2 daselbst BE 3 keynen] keyn F 6/8 die Randglosse fehlt DE 7 Jesebel C 10 tags E        da BE 12 scheynbarlicher DE 15 ich] yhr C 17/18 die Randglosse fehlt DE 17 Ey Jhesus Ax Ey fehlt, doch ist freier Raum vor Jhesus AabBF Ien (kein freier Raum) Witt        breütigam B 19 Dionisij C        willens BDE 21 gnad E 22 silberen C sylberyn E 23 hyrmit AxC        da BE 24 widerkrieget B        mich] mir AxC 25 yhr Ax 26 schriff D 27 anzueygenn D 28 forders D        innen B 29 Christ= || cher einige Ex. von D (vgl. oben S. 82) 30 diemůt B 30/31 Christlewbiger D 32 Da mit BCE ]

 

[1] Nativitatis Christi ward ich los, also das ich mit můste zu chore und reffenter1 [2] gehen, doselbst ihn allen zu spott bey den schůl kindleyn stehen, uber tag yn der [3] cellen verschlossen, mit niemand keyn wort reden, keynen tritt gehen, Die person, [4] die mir zu deputyrt, můst bei meyner seytten gehen: yn solche gefengnis sollt ich [5] mich meyn lebenlang geben &c..*

 

[6] * Dazu am Rande: Wenn wills denn ein mal auch lautten, das man [7] sie habe des Christlichen glaubens und der liebe erynnert? Ja Jsebel ist [8] hie Gott, und Christus ist tod.

 

[9] Aber Gott, dem alle ding můglich, schickt aus seyner Goettlichen weyßheyt, [10] kegen wilche diser wellt weyßheit eyne thorheit, das eyns tages nach essens, do ich [11] yn meyne cellen gieng, die person, die mich sollt verschliessen, die cellen lies offen [12] stehen, und ich also vermittelst Goettlicher scheynbarlichen hůlff entkommen noch bey [13] scheyn der Sonnen ungeferlich umb eynen schlag, als viel personen meyner mitschwester [14] yn yhren cellen und auff dem schlaffhaus gewest.

 

[15] Das sie mir aber auff legt, das ich eynicherley entragen odder abhendig gemacht, [16] wird sie myr nicht bey bringen mit warheyt.**

 

[17] ** Dazu am Rande: Ey Jhesus2 meyn breutgam, leugt denn solche [18] heylige Jesebel auch so grob und unverschampt ynn dem geystlichen kloster?

 

[19] Aber ich byn nicht abredig, das ich umb Dionisy3 willns gewest, ettwan die [20] wege zusuchen, damit ich durch radt und hůlffe meyner freundschafft aus dem kloster [21] kommen moechte, hab aber die zeyt die gnaden von Gott nicht haben konnen: das [22] mal hab ich yhr vi. gulden und zween sylbern ringe genommen (das ich also Gott [23] und aller wellt hiemit will bekant haben), wilchs sie aber alles, do sie mich eyngesatzt [24] und yn meyner cellen besucht4, widderkriegen. Uber das wird sie mich2 mit [25] warheyt nicht bezichtigen konnen. Und werde also durch ihr unwarhafftig, ungegrunt, [26] unbillich aufflegen zu rettunge meyner ehren dise schrifft aus gehen zu lassen [27] verursacht, het auch wol fug, anders, das die warheyt, anzuzeygen, die weyl myrs [28] aber meyn Christus verbeut, will ich aus des selbigen gebot zu forderst ynne halten [29] und des namens hyrynnen auch Christlicher liebe verschonen. Der almechtige Gott [30] verleyhe yhr erleuchtunge und gnaden. Bit yn hoeher demuet, eyn ieder Christglewbiger [31] wolt meyn unschuld behertzigen.

 

[32] Darmit aber aller sachen angezeychent, hab ich als ich itzund aus dem kloster

 

[Seite 94]

 

[ 1 schlayerlein B scharleyn [so] C schlaeerlyn E 6 wilch] wie E 7 zarte DE 8 Herren BDE 9 ewere BE 10 darinnen B Punkt nach lasset und Komma nach kund ACDEF Witt, Komma nach lasset und kund B Komma nach lasset und Punkt nach kund Ien]

 

[1] gangen, eyn boeses roeckleyn und eyn schauben, auch ettliche schlaerleyn, darmit ich [2] mich kund bedecken, mit mir genomen, darkegen meyne kleyder, die besser, die sie [3] myr denn alle genomen, behalten.

 

 

 

 

 

[5] Martinus Luther.

[6] Sihe lieber mensch, wilch gifftig, boese, bitter, falsch, lugenhafftig volck die [7] nonnen sind, wo sie am aller heyligsten und die zarten breutte Christi [8] sind. We euch ymmer und ewiglich, herrn und fursten, eldern und freunden, [9] die yhr ewre kinder, freunde odder nehisten yn solche mord grůben leybs und [10] seelen stosset odder drynnen bleyben lasset, So yhrs wol bessern kund. Gott [11] gebe euch seyne gnade, Amen.

 

 

 

[Seite 95]

 

 

 

 

 

Wider das blind und toll Verdammniß der siebenzehn Artikel von der elenden schändlichen Universität zu Ingolstadt ausgangen. Martinus Luther. Item der Wiener Artikel wider Paulum Speratum sammt seiner Antwort. 1524.

 

 

[Einleitung]

 

1899

 

[Seite 94]

Die Universität Ingolstadt war seit Beginn der Reformation die entschiedenste Vorkämpferin Roms gegen Wittenberg. Neben Johann Eck thaten sich noch andere Universitätslehrer in ketzerrichterlichem Eifer hervor, besonders die Theologen Nicolaus Appel und Leonhard Marstaller sowie die Juristen Franz Burckhard und Georg Hauer1, unterstützt vom Kanzler Leonhard von Eck. Hauer hatte 1520 mit Joh. Eck auf Publikation der päpstlichen Bannbulle gedrungen, er hatte im nämlichen Jahre den Senatsbeschluß veranlaßt, daß fortan durch ihn über die Acta contra haeresim Lutheranam genaues Protokoll geführt werde; er war es auch, der später in einer Predigt die Hinrichtung der Brüsseler Augustiner als gottgefällige That pries. Die beiden bayrischen Herzöge Wilhelm und Ludwig lobten zwar den Eifer der Universität, zogen ihm aber doch gewisse Schranken. Das auf den 5. März 1522 datirte herzogliche Religionsmandat, welches die Bestimmungen des Wormser Edikts für Baiern noch besonders einschärfte, setzte ausdrücklich fest, daß jeder Übertretungsfall den Herzögen berichtet werden sollte. Die Universität, mag sie nun jenes Religionsedikt angeregt haben oder nicht, beschloß alsbald, dasselbe offiziell zu publiziren, auch zu allen Buchhändlern Inquisitoren abzuordnen, um auf lutherische Schriften zu fahnden. Im November 1522 erfolgte der Senatsbeschluß, daß alle der lutherischen Ketzerei verdächtigen Studenten dem Rektor angezeigt werden müßten; dabei wußte man recht wohl, daß viele Universitätsangehörige durch Worte und Handlungen ihre Hinneigung zum Lutherthum verrathen hatten. Den Warnungen folgten die Thaten. Doch erst im Sommer 1523 ging man gegen Mitglieder der Universität vor. In Joh. Eck's Abwesenheit2 spielte sich der Aufsehen erregende

 

[Seite 96]

 

Prozeß gegen den achtzehnjährigen Magister Arsacius Seehofer ab. Dieser hatte seine Studien in Ingolstadt begonnen, in Wittenberg fortgesetzt, war von da nach seiner Heimat München gezogen und dann nach Ingolstadt zurückgekehrt. Weil er der lutherischen Ketzerei verdächtig war, hatte Joh. Eck Weichnachten 1522 ihn zur Magisterpromotion erst zugelassen, nachdem er an Eides Statt zugesagt, “daß er sich der lutherischen Lehre nicht gebrauchen wolle”. Trotzdem hielt er mit Benutzung eines bei Melanchthon nachgeschriebenen Collegheftes Vorlesungen über paulinische Briefe. Am 11. August 1523 lief hierüber eine Denunciation beim Senat ein. Sofort wurde Seehofer vom Rektor Appel verhört; dieser verfügte seine Verhaftung und Durchsuchung der Wohnung, woran auch Marstaller sich betheiligte. Man fand unter seinen Papieren viel belastendes Material. Am 13. August wurden seine 12 Zuhörer, darunter die Hälfte Schweizer, zum Abschwören der Irrthümer angehalten, auch mehrere Magister, welche sich zu seinen Gunsten ausgesprochen und seine Vorlesung geduldet hatten, mit Verweis oder mit Karzer bestraft. Am selben Tage legten drei mit der Seehoferschen Familie verwandte Ingolstädter Bürger beim Senat für ihn Fürsprache ein, aber vergeblich. Bald danach lief ein Schreiben vom Herzog Wilhelm ein, welchem eine Bittschrift von Seehofers Vater beilag; dasselbe befahl der Universität vorläufig Stillstand in ihren Maßnahmen. Der Senat berichtete nun an den Kanzler und an den Herzog. Letzterer wurde am Schluß des ausführlichen Berichts noch besonders gebeten, die Universität mit ziemlicher Strafe gegen Arsacius fortfahren zu lassen, damit sie bei ihren hergebrachten Freiheiten bleiben möge. Der Herzog erwiderte am 19. August, Seehofer sei zwar im Gefängniß zu behalten, aber die Universität solle, ehe sie mit ihrer Strafe fortfahre, zuvor deutlich anzeigen, auf welche Weise sie zu strafen vorhabe, und alsdann des weiteren herzoglichen Bescheids gewarten. Hierauf trug die Universität durch Vermittlung des Kanzlers Leonh. v. Eck und in Übereinstimmung mit dessen Vorschlägen dem Herzog schriftlich vor: sie wolle von Seehofer öffentlichen Widerruf und das Versprechen, sich nach des Herzogs Befehl in ein Kloster zu begeben und dieses ohne dessen Erlaubniß nicht zu verlassen, fordern. Der Kanzler hatte dabei seinerseits den Herzog besonders darauf hingewiesen, daß man eine Einmischung des Eichstädter Bischofs, wie sie die Universitätsstatuten eigentlich forderten, vermeiden möge. Die Anträge fanden des Herzogs Zustimmung. Als Strafort wurde das Kloster Etall bestimmt. Am 7. September (Tag vor Mariä Geburt) fand dann ein feierlicher Universitätsaktus statt. Kurz vorher mußte Seehofer noch schriftlich anerkennen, daß er von Rechtswegen an den Bischof zu Eichstädt hätte überantwortet werden sollen, der gegen ihn als einen offenen Ächter zu handeln befugt gewesen wäre, daß es also ein Gnadenakt des Landesherrn und der Universität sei, wenn ihm nur öffentlicher Widerruf und das Klostergefängniß auferlegt werde. An Eidesstatt mußte er versichern, das alles thun zu wollen und sich nie

 

[Seite 97]

 

wegen solcher Strafe zu rächen. Dann verlas der Notar vor dem versammelten Plenum die 17 ketzerischen Artikel Seehofers, welche die Theologen aus seinen Manuskripten zusammengestellt hatten, und unter Thränen leistete der Jüngling den vorgeschriebenen Widerruf: er schwur auf das heilige Evangelium, welches er in der Hand hielt, daß er die Lutherische Ketzerei ausgebreitet und die nach gemeinem Recht den Ketzern drohende Strafe wohl verdient habe, nur durch die besondere Gnade der Fürsten sei solche ernstliche Strafe abgestellt; er bekannte, daß alles, was er aus Melanchthons Schriften in seinen Lectionen gelesen und was soeben der Notar vorgelesen, eine rechte Ertzketzerei und Büberei sei, der er nimmer anhangen werde, daß er vielmehr alles, was die heilige römische christliche Kirche und die heiligen Concilia geordnet und gesetzt, halten, in das Kloster Etall sich stellen und nichts Lutherisches mehr lesen noch ausgeben wolle.1 Eine Ansprache des Dekans der Artisten Antonius Braun beschloß den feierlichen Akt.

 

Diese 17 widerrufenen Artikel gelangten in deutscher Übersetzung von zwei verschiedenen Seiten in die weitere Öffentlichkeit: durch die Gesinnungsgenossen und durch die Richter Seehofers. Jene fügten den 17 Sätzen noch die am 7. September von ihm verlesene Widerrufsformel bei sammt einem kurzen Nachwort über die Blindheit der Ingolstädter Theologen, welche sich besonders in ihrer Widerlegung des 17. Artikels mit der Berufung auf 2. Cor. 3 zeige. Übrigens enthält diese Publikation die Artikel in nicht ganz richtiger Form; denn ein bedenklicher, der ursprünglich 15., ist ausgelassen und dafür der 14. in zwei zerlegt, ferner ist der 17. mit dem Anfang seiner Widerlegung belastet. Die erste Ausgabe dieser in vielen Nachdrucken verbreiteten Flugschrift erschien unter dem Titel.

 

“Diss seint die artickel, so ma || gyster Arsacius sehoffer von || München durch die hohen- || schul zu Ingelstat beredt am || abent vnser frawen geburt || nechstuerschinen wider- || ruffen vnnd ver- || worffen hat || M D xxiij. || Actum. || Ingelstat. ||” Mit Titeleinfassung. 4 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer.

Weller Nr. 2346. Vorhanden z. B. in München HSt. Ein Nachdruck durch Caspar Lybisch in Breslau bei Weller Nr. 2347. Andere Nachdrucke mit einem um die zwei ersten Worte verkürzten Titel Weller Nr. 2343. 2344. 2345.

 

Auf diese Schrift bezieht sich folgende Stelle im Vorwort der später zu erwähnenden Einladungsschrift der Universität zu einer Disputation am 11. April 1524: “Caeterum universos interim admonent, articulos huiusmodi neque omnes neque fideliter per nebulonem quendam germana lingua invulgatos esse, id quod facile ex collatione (quandoquidem hic subnotantur) quivis deprehendet”.

 

Wichtiger ist die zweite, nur in einer Ausgabe bekannt gewordene Veröffentlichung, welche den richtigen und vollständigen Text der 17 Artikel und bei jedem die Angabe der Gründe, warum sie vom Ingolstädter Senat als ketzerisch

 

[Seite 98]

 

verdammt worden seien, enthält. Eben diese liegt der Streitschrift Luthers zu Grunde und ist betitelt:

 

(U) “Sybentzehen Artickel || so die Doctorn, der Wolberueembtē || Vniuersitet Ingolstatt, für ketze- || risch verdammet, vnd Mayster || Arsacij Seehofer von Mün- || chen offenntlich an vnnser || frawen gepurdt abendt || widerrueefft hat. jnn || dem 1523 jar. ||” Am Schluß: “ ¶ Finis. ||” Mit Titeleinfassung, Titelrückseite bedruckt. 4 Blätter in Quart.

Weller Nr. 2342, der als Drucker Silv. Othmar in Augsburg vermuthet. Vgl. Druffel a. a. O. S. 653 Anm. 1. — Vorhanden z. B. in St. Gallen Stiftsbibl. und München HSt.

 

Dieselbe Schrift scheint in dem folgenden deutschen Nachwort jener lateinischen Einladungsschrift der Universität zum 11. April 1524 gemeint zu sein: “KVndt vnd wissendt sey auch mänigklich (vber das so im anfang dises disputation puechlen in Latein anzaigt ist), das weder von der hohenschuel zu Ingolstat noch derselben sondern person vber Sehofers widerrueft artickel kain erklerung ye ausgangenn noch die selbenn verteutscht worden sein. Darumb alles, so bisheer die selbenn artikel betreffent gedruckt vnd geschriben worden ist, von der hohenschuel misginnern erticht, Mit sambt dem das sunst auch mit vnwarhait geschriben vnd ausprait, Sehofer sey mit bedreung des feurs zu widerrueffung gedrungen worden.” Aber wie die Glaubwürdigkeit der letzteren Ableugnung von Druffel (a. a. O. S. 647 Anm. 2) mit Recht beanstandet ist1, so werden wir die Zuverlässigkeit auch der ersteren anzweifeln dürfen. Allerdings scheint Luther selbst im Eingang seiner Streitschrift ganz ähnlich zu urtheilen, wenn er sagt, er habe zuerst gemeint, daß solch “Zettel” der Ingolstädter mit der über alle Maßen tollen und ungeschickten Beweisung von ihrem Feinde ihnen zu Spott und Schmach erdichtet sei. Das ist aber nur ein ihm auch sonst geläufiger Ausdruck bitterer Ironie; er zweifelte wohl nicht daran, daß der Zettel echt und in ihm die wahre Meinung der Ingolstädter zum Ausdruck gekommen sei. Befremdlich wäre es freilich, wenn derselbe in Augsburg und nicht in Ingolstadt gedruckt sein sollte, wie Weller a. a. O. meint. Aber der ganze Zettel macht durchaus nicht den Eindruck der Erdichtung, sondern einer offiziellen, vom Standpunkt der Ingolstädter aus sachgemäßen, wohlüberlegten, wenn auch inhaltlich schwachen Kundgebung zur Rechtfertigung ihrer Verurtheilung Seehofers. Der darin enthaltene deutsche Text der 17 Artikel ist überdies eine genaue Übersetzung des lateinischen Originals, das die Universität selbst später in der folgenden schon erwähnten Einladungsschrift veröffentlich hat:

 

“¶ INGOLSTADII XI. A || prilis anni prȩsentis vicesimiquarti pu || blica disputatione per Sacrȩ theologiȩ || professores, examinabuntur. || SEPTENdecim articuli per M. Ar- || satium Seehouer nuper reuocati. ||

 

[Seite 99]

 

CENtum Conclusiones per D. Leo- || nardum Marstaller Nurnbergensem, || de vera Libertate Christiana. || SEPTVaginta quinq; Assertiones || per D. Nicolaum Apell Aeguelum de || Fide, Spe, Charitate, ac legis Veteris || cum Euangelica collatione. || Super omnia vincit veritas. || 3. Esdrȩ. 3. & desyderiū pec || catorum peribit. p̄s. 111. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 16 Blätter in Quart, letztes Blatt leer.

Panzer VII S. 128 Nr. 18. Vorhanden z. B. in München HSt. Hiervon giebt es einen Nachdruck und eine deutsche Übersetzung, zu lezterer vgl. Weller Nr. 2773. — Die Veröffentlichung dieses Disputationsbüchleins erfolgte natürlich vor dem 11. April (Druffel a. a. O. S. 654), ja wohl schon im Februar, weil Huld. Stratus (vgl. unten) in seinen Assertiones, die in der Schweiz schon ultimo Marcij erschienen, den darin enthaltenen offiziellen Wortlaut der 17 Artikel benutzt hat.

 

Die erwähnte Ableugnung des Ingolstadter “Zettels” im Nachwort dieses “Disputationsbüchleins” beweist wohl nur, daß die dort veröffentlichte Erklärung der 17 Artikel nachher der Universität unbequem geworden ist. Vielleicht ist der Zettel in der That durch Indiscretion an die Öffentlichkeit gelangt (in Augsburg?), oder sein Herausgeber mag zwar kein Mitglied der Universität, aber doch ein von ihr Beauftragter gewesen sein, der hernach “Mißgönner” sich schelten lassen mußte. Eine Andeutung des richtigen Sachverhalts könnte vielleicht in der beiläufigen Notiz einer sehr seltenen, auch Prantl und Druffel unbekannt gebliebenen zeitgenössischen Satire gefunden werden, deren Verfasser neben der Gabe phantasievoller Erfindung offenbar eine intime Vertrautheit mit dem Verlauf des Seehoferschen Prozesses zeigt; er führt da den Rektor Appel ein, wie er die acht andern Senatsmitglieder zu einer endgiltigen Verurtheilung der 17 Artikel überredet habe mit Hinweis darauf, daß er sie gezeigt habe “duobus Prelatis ecclesiae Ingolstadiensis (quia non intelligimus eos) scilicet Episcopo Vulcani de nigro foramine et sacerdoti Cloacinae de podistis (!)”, diese hätten gesagt, die Artikel seien häretisch “et volunt facere desuper Commentum et unam notabilem glosam ordinariam in margine et interlinearem et adeo teutonice”. Der Titel dieser Satire lautet:

 

“Acta Concilij Doctorum Vniuer- || sitatis Ingoltstadien̄. celebrati, super de- || cem septem Articulos hereticales Lu || theranos, quos tenuit magister || Arsatius Sehofer cum no- || mine De Monaco. An- || no Dn̄i .1523. || || Cum gratia et priuilegio Vniuersitatis || Jngolstadiensis, q; nemo debet illam materiam impri || mere in eorum ciuitate diu, et nisi post decem annos || et qui vult legere istam materiam, debet cum matu- || ritate facere, quia de misticis fidei, que concluserunt || magistri nostri in Concilio predicto, tractat. || M. D. xxiiij. ||” Titelrückseite bedruckt. 18 Blätter in Quart. Am Ende: “Impressum Monaci per industrium virum Johannem Schob- || ser, ciuē illic. Expensis Concilij Jogolstadien̄. [so] pro honore alme Vni || uersitatis r magistrorum nostrorum.

 

[Seite 100]

 

Correctore doctissimo viro pa || tre, domino fratre Casparo Schatzgeyro, ordinis sanctissimorū || fratrum Minorum discalciatorum. Dictatore ter. Imperatore qua || ter. Censore semel. Anno. M D xxiiij. i Marcij Indictione. xi. ho || ra. xij. in nocte post Galli cantum, minuto primo. ||”

Das Vorwort beginnt “C. Emilius Landspergius R. pa- || tri, fratri, viro, domino Vuolffgangiolo, Ca pella || mayorolo || Augustiniolo, heremitatulo sacre || Theologie doctorculo suo Charitatissi- || mo amiculo. ||” und schließt “Da || tum Auguste Anno. 1523. die 29. Septembris. ||” Dann folgen die Acta Concilij über vier Sessionen, darauf die Verdammungsbulle der 17 Artikel, beglaubigt vom Notar “Calixtus Katzenhirn De Rotzenbach magister septem peccatorum mortualium”, endlich die 17 Artikel “cum magistrorum reprobatione et Arsacij restitutione”. Der lateinische Text der 17 Artikel ist eine Rückübersetzung des richtigen im “Zettel” enthaltenen deutschen Textes. Die Artikel in dieser Form sind abgedruckt in Fortges. Sammlung von alten und neuen theol. Sachen &c.. 1732, S. 20f., wo es am Schluß heißt: diese Sätze nebst eines päpstischen Lehrers Zenfur und Seehofers Verantwortung lese man in den sogen. Actis concilii &c.. 1524, die mit dem Latein der obscurorum virorum vorstellen, wie die Professoren zu Jngolstadt Seehofern 1523 verhöret und verdammet haben.

 

Jener Jngolstädter Zettel also, an dessen Echtheit nicht zu zweifeln ist, hat Luther zu seiner zornigen Streitschrift Veranlassung gegeben. Er muß denselben ziemlich früh erhalten haben, während ihm dessen spätere Ableugnung im “Disputationsbüchlein” der Jngolstädter unbekannt geblieben zu sein scheint. Denn im Eingang unserer Schrift, die, wie wir aus einem Wittenberger Studentenbrief vom, 8. April 1524 wissen (vgl. Hartfelder, Melanchthon. Paedag. S. 134), spätestens in den ersten Tagen des April die Presse verließ, nennt er als einen Grund für die Echtheit des Zettels: “weil sie so lange dazu schweigen”. Der sächsische Gesandte Hans von der Planitz hatte bereits am 31. Oktober 1523 aus Nürnberg ein Exemplar der Seehoferschen Artikel an den Kurfürsten geschickt; wir wissen freilich nicht, in welcher Ausgabe. Luther mag dieselben bald danach, spätestens wohl zu Anfang 1524 bekommen haben.

 

Kolde (Bd. II, S. 170) vermuthet, den äußeren Anlaß zur Herausgabe der Lutherschrift dürfte Argula von Stauffen gegeben haben, jene muthige evangelische Frau eines herzoglich bayrischen Beamten, die in mehreren Sendschreiben die Jngolstädter wegen der gewaltthätigen Verurtheilung Seehofers scharf angegriffen und auch an Luther selbst geschrieben hatte. Allein wir wissen nichts Näheres von diesem Briefe, über den Luther dem in Nürnberg weilenden Spalatin unterm 18. Januar 1524 seine lebhafte Freude aussprach. Um die vorliegende Streitschrift zu verstehen, genügt es, auf die Beschaffenheit jenes Jngolstädter Zettels und ferner auf die Thatsache hinzuweisen, daß Paul Speratus, der in Wittenberg sich aufhielt, grade damals aus einem ähnlichen Anlasse gegen die Wiener Universität zur Feder griff. Gewiß aber ist Luthers Jnteresse an der Jngolstädter Angelegenheit durch das Eintreten Argulas, dieses “sonderlichen Werkzeugs Christi”, wie er sie gegen Briesmann im Januar 1524 rühmt, besonders rege erhalten worden.

 

Auf das interessante Nachspiel des Seehoferschen Prozesses, das sich an den Namen dieser Argula knüpft, kann hier nicht näher eingegangen werden, weil es für das Verständniß der Schrist Luthers nicht nöthig ist. Nur ihre zwei ersten

 

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Sendschreiben, welche sie gleichzeitig am 18. September 1523 an die Jngolstädter Universität und an Herzog Wilhelm von Bayern richtete, und welche Hans v. d. Planitz seinen Nürnberger Berichten vom 27. Oktober und 13. November 1523 bereits beifügen konnte, die auch Luther in jenem Schreiben an Briesmann (Januar 1524) erwähnt, seien hier kurz verzeichnet:

 

“Wie eyn Christliche || fraw des adels, in Beiern durch || jren, jn Gotlicher schrift, wolgegründ || ten Sendtbrieffe, die Hohenschul zů Jngold- || stat. vmb das sie einen Euangelischen Jueng- || ling, zů wydersprechung des wort || Gottes, betrangt haben, || straffet. ||” Titelrückseite bedruckt. 8 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende Datum (“Dietfurt, Sontags nach erhebung des heiligen Creutzs” 1523) und Unterschrift.

Vorhanden z. B. in München HSt. Andre Ausgabe Weller Nr. 2698.

 

Ferner:

 

“Ein Christennliche schrifft || einer erbarn frawē vom Adel, darin̄ || sie alle Christenliche stendt vnd obri- || keiten ermant, Bey der warheit vnd || dem wort gottes zůpleiben, vn̄ solchs || auß Christlicher pflicht zum ernst || lichsten zů handthaben. || Argula Staufferin. || M D XXiij || Actuum iiij. || Richtent jr selb, obs vor got recht sey || das wir euch mer gehorsam sein sollē || denn got. ||” Mit Titeleinfassung. 6 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende Datum (wie oben) und Unterschrift.

Vorhanden z. B. in München HSt. Andre Ausgabe Weller Nr. 2699.

 

Von evangelischer Seite erschienen ferner noch folgende zwei polemische Schriften gegen die Jngolstädter, einmal die schon oben beiläufig aufgeführte:

 

“ADSER || TIONES ARTI- || CVLORVM AR || sacij Seehofer, con- || tra Ingolstadien || ses Damna || tores. || PER HVLDERI || chum Stratum En- || gedinum. || M. D. XXIIII ||” Mit Titeleinfassung. 14 Blätter in Oktav. Letzte Seite leer. Am Ende: “RORACHII IN ENGEDINIS || ultimo Marcij. || Anno M. D. XXIIII. ||”

Der Verfasser ist vermuthlich einer von den Schweizer Zuhörern Seehofers. Er giebt den lateinischen Text der 17 Artikel übereinstimmend mit der offiziellen Veröffentlichung im Jngolstädter Disputationsbüchlein, nur daß er Artikel 6 fructibus durch operibus und Artikel 15 diffendenti durch diffidenti ersetzt.

 

Ferner:

 

“Die Artickel warumb der rector || vnd Rethe der Hohenschůl zů Jngolstatt || zwungen vnd genoettigt haben, zům wi- || derspruch Mayster Arfacium See- || hofer von München, mitsampt || des lauts der widerrueffung

 

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|| vnd seyner erklerung. || Die erklerung der Sibenzehen Artickel, durch || Mayster Arsacij von München Christlich gelert, vn̄ || wie vnbillich, vnd wider Gott eer gezwungen || ist, zn̄ widerspruch durch den Rectorn vnd || Raethe der hohen schůl zů Jngolstat || mitsampt dem lautt seyner wi- || derrueffung, aynem yetli- || chen wol zubehertzē. ||” 24 Blätter in Quart. Die letzten 3 Seiten leer. Am Ende: “M. D. XXiiij. ||”

Im Vorwort nennt sich als Verfasser “Martinus Reckenhofen zů Clausen”. Er kennt die 17 Artikel nur in der fehlerhaften deutschen Ausgabe und setzt Argulas Sendbriefe als vorhanden voraus.

 

Erwähnt sei schließlich noch in Kürze die öffentliche Disputation, welche die Universität Jngolstadt zur nachträglichen Rechtfertigung ihrer Verurtheilung Seehofers am 11. und 12. April 1524 zu veranstalten sich bewogen fühlte. Die umfänglichen Vorbereitungen dazu leiteten Hauer, Burckhardt und der aus Rom heimgekehrte Joh. Eck. Die Einladungsschrift, das “Disputationsbüchlein”, haben wir bereits genannt. Von den Gegnern erschien, wie zu erwarten, niemand. Ein Magister hielt die Eröffnungsrede, dann wurden die 17 Artikel verlesen, Marstaller präsidirte bei der Diskussion, Magister Braun respondirte; am zweiten Tage präsidirte Appel. Der ganze öffentliche Actus gestaltete sich zu einem müßigen Schauspiel.

 

Vgl. Winter, Gesch. der ev. Lehre in Bayern I (1809) S. 100 ff. Prantl, Geschichte der Universität München (1872), Bd. I, S. 150 ff. Bd. II, S. 169 ff., mehrfach ergänzt und berichtigt durch Druffel, Die bayrische Politik im Beginn der Reformationszeit, in Abhdlg. der bayr. Akad., historische Klasse Bd. XVII (1886) S. 645 ff. Beide benutzten die Münchener Archive. — Förstemann, Neues Urkundenbuch (1842) S. 126 f. 130 f. 132. 198. — Briefe: De Wette Bd. II, S. 461 f. 473. 589 f. (zum Datum vgl. Enders Bd. 4, S. 294). Enders Bd. 4, S. 232. 279. 293 ff. 295; vgl. Bd. 3, S. 397. — Kolde, M. Luther Bd. II, S. 170. 579 Anm. Köstlin, M. Luther 2 Bd. I, S. 651. 679.

 

“Ich sehe, daß eine ist wie die andere”, sagt Luther am Schlusse von den Universitäten (unten S. 125, 11 f.) und verweist auf die Wiener, welche ähnlich mit Speratus, wie die Jngolstädter mit Arsacius verfahren seien. Paul Speratus, der um der Priesterehe willen schon zweimal in die Verbannung gegangen war, hatte auf dem Wege nach Ofen, wohin er berufen, am 12. Januar 1522 in Wien eine reformatorische Predigt auf Grund von Röm. 12, 1 ff. über das hohe Gelübde der Taufe mit scharfer Polemik besonders wider das Cölibatsgelübde gehalten. Die darüber erbitterte Wiener theologische Fakultät hatte ihm sofort den Prozeß gemacht, neun aus seiner Predigt gezogene Sätze als ketzerisch verurtheilt und seine Excommunication schon am 20. Januar publicirt. Diese neun Artikel aber waren ihm nicht zugestellt worden. Von Jglau aus, wo er statt in Ofen als Prediger angenommen, schrieb er an die Wiener Theologen und erbat sich die als ketzerisch bezeichneten Artikel, damit er wisse, warum sie ihn gebannt und verdammt hätten, zugleich mit dem Erbieten, sie zu widerrufen, falls er des Irrthums überführt werde. Als Antwort verlangten die Wiener von ihm, er möge ihnen zuerst sein Predigtmanuskript zuschicken und alsdann weiter mit ihnen handeln. Speratus aber sandte

 

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diese hochmüthige Antwort mit einer Abschrift seines Wiener Sermons durch eine Deputation der Böhmischen Brüder, die grade damals aus Mähren nach Wittenberg zog, an Luther, welcher unterm 16. Mai 1522 brieflich dankte und den Munsch ausprach, daß der Sermon gedruckt werde. So war der Streit mit den Wienern für Speratus der Anlaß zu einer ersten persönlichen Annäherung an den Reformator geworden. Jener Wunsch Luthers freilich wurde erst später erfüllt. Die ursprüngliche Niederschrift der Wiener Predigt war nämlich dem Speratus im April 1523 bei seiner Gefangennahme in Olmütz auf Befehl des Königs Ludwig von Ungarn abgenommen und nach Ofen geschickt worden, während seines zwölfwöchentlichen Gefängnisses aber schrieb er sie aus dem Gedächtniß wieder auf. Als er nach seiner Loslassung dann in Wittenberg Zuflucht gefunden, wo er etwa vom Oktober 1523 bis Anfang Juli 1524 verweilte, erhielt er hier durch Vermittlung eines ungenannten Freundes “neulich”, wie er in seiner Streitschrift sagt, ein Verzeichniß jener neun von den Wiener Theologen verurtheilten Sätze seiner Predigt.

 

Noch ehe er nun zur Veröffentlichung des ganzen Sermons schritt, gab er hier zunächst diese neun von den Wienern daraus gezogenen und theilweise entstellten Artikel sammt einer geharnischten Verantwortung ihres ursprünglichen Sinnes heraus, und zwar im Einverständniß mit Luther als Anhang zu dessen Streitschrift gegen die Jngolstädter.1 Beide Schriften nehmen gegenseitig nur flüchtig auf einander Bezug; es läßt sich daraus nicht entscheiden, welche etwa früher verfaßt ist. Als spätesten Zeitpunkt ihrer Herausgabe nannten wir bereits (oben S. 100) Anfang April 1524. Dieser Termin wird auch dadurch bestätigt, daß Speratus am 26. April 1524 sein Werk mit einem lateinischen Begleitbrief von Jglau aus an die Wiener abgesandt hat; dorthin war er zur Auseinandersetzung mit seiner alten Gemeinde geeilt, ehe er dem Hochmeister Albrecht für Königsberg zusagte. Die Wiener Fakultät hatte Speratus' Brief und Schrift bereits am 7. Mai in Händen und antwortete darauf in einer vom theologischen Professor Johann Conners verfaßten Gegenschrift, deren elegantes Humanistenlatein die Oberflächlichkeit und die hastige Abfassung innerhalb weniger Tage nicht verdecken kann; sie glossirt übrigens mehr den Begleitbrief als die Schrift selbst, schon im Juni desselben Jahres erschien sie unter folgendem Titel:

 

“THEOLO: || GICAE FACVLTATIS VNIVER- || salis studij Viennensis Doctorum, in || PAVLVM non Apostolum, sed || suae farinae hominibus ν || τν πρόσθεσιν τι- || μόνον, Spera- || tum || RETALIATIO. ||” Titelrückseite bedruckt. 32 Blätter in Oktav. Letztes Blatt leer. Am

 

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[Nachträge und Berichtigungen]

Ende: “VIENNAE IN AEDIBVS SIN- || grenianis quinto Idus Iunias. Anno || post Christum natum || M. D. XXIIII. ||”

Vorgedruckt ist Bl. A 1b –A 2a des Speratus Brief aus Jglau vom 26. April. Auf Bl. A 2b –A 3a steht das Vorwort der Wiener mit dem Datum “Viennae Pannoniae .iiij. Calendas Iunias. Anno ab orbe redempto .M. D. XXIIII.” Vgl. dazu Kink, Gesch. d. Univ. Wien (1854) I, 1, S. 248; I, 2, S. 129 f. Aschbach, Gesch. d. Wien. Univ. III (1888) S. 11.

 

Als Speratus dann im Juli 1524 nach Königsberg in Preußen übergesiedelt war, veröffentlichte er im September desselben Jahres den vollständigen Text der Wiener Predigt nebst einer Widmung an den Hochmeister Albrecht und im Anhang noch einmal den Wortlaut der von den Wienern daraus gezogenen neun Artikel mit einer kurzen Zusammenfassung seiner “Antwort” darauf, “damit man weßt, wo sie auß der predige genommen sind”. Der Titel lautet:

 

(S) “Von dem hohen || geluebd der Tauff, sampt || andern Ein Sermon czu || Wienn ynn Osterreych || geprediget. || Paulus Speratus || Konigszberg yn || Preussen. || 1. 5 .:. 24. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 32 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Schluß: “Gedruckt czu Konigszberg || In Preüssen. ||”

Auf dem Titelblatt des Speratus Wappen. Der Auszug aus der “Antwort” mit den neun Artikeln steht Bl. H2 –H4. — Nach Weller (Nr. 3172) Druck von Hans Weinreich. Vorhanden in Königsberg UB.

 

Vgl. Tschackert, P. Speratus von Rötlen, Nr. 33 der Schriften des Vereins für Reformatiosgeschichte (1891), S. 8 ff. Derselbe, Urkundenbuch Bd. I, S. 49 ff. Bd. II Urkunden Nr. 47. 210. 211. 226. 253. Darin ist auch die ältere Literatur verzeichnet. Briefe: De Wette Bd. II, S. 448 = Enders Bd. 3, S. 361; De Wette-Seidemann Bd. VI, S. 32 f. = Enders Bd. 3, 363. De Wette Bd. II, S. 526 = Enders Bd. 4, S. 358.

 

 

 

Ausgaben.

 

 

A “Widder das blind || vnd toll verdamnis der sie- || benzehen artickel von der || elenden schendlichen || vniuersitet zu Jn- || golstat aus- || gangen. || Martinus Luther. || Item der Wienner || Artickel widder Paulum || Speratum sampt sey- || ner antwort. ||” Mit Titeleinfassung. 24 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “Wittemberg. 1524. ||”

Druck von Cranach und Döring in Wittenberg (vgl. Knaake, Centralbl. f. Bibl. 1890, 196 ff., Nr. 14). Die Titelbordüre beschrieben bei v. Dommer, S. 240 f., Nr. 81. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Altenburg Gymnasialbibl., Amsterdam, Berlin (2), Breslau U., Dresden, Eisenach, Eisleben Andreasbibl., Gotha, Göttingen, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Jthaca, Königsberg U., Leipzig St., London, Lübeck, München HSt. (2) und U., Münster, Nürnberg St., Rostock U., Straßburg U., Wittenberg, Wolfenbüttel (3), Worms Paulus-Mus., Zittau, Zwickau (3).

 

B “Widder das blind || vnd toll verdamnis der sie- || benzehen artickel von der || elenden schendlichen || vniuersitet [so] zu In- || golstat ans- [so] || gangen || Martinus Luther. || Item der Wienner || Artickel widder Paulum || Speratum sampt sey- || ner antwort. ||” Mit Titeleinfassung.

 

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Titelrückseite bedruckt. 20 Blätter in Quart. Letzte Seite leer. Am Ende: “Wittemberg. 1524. ||”

Das ganze Titelblatt ist Holzschnitt. Die Einfassung ist der in A schlecht nachgeschnitten. Druck vielleicht von Herrgott in Nürnberg. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Amsterdam, Arnstadt, Berlin, Breslau St., Darmstadt, Dresden, Görlitz Milichsche Bibl., Halle U., Königsberg U., London, München HSt. und U., Stuttgart, Wernigerode, Wolfenbüttel (3).

Das eine der Wolfenbüttler Exemplare (151. 37 Th. 4o) bietet in Bogen E einen ganz fremdartigen Text, nämlich den Schluß folgender Schrift: “In disem buechlein findt || man etliche mandat wider die newe empoerung || des Glaubens, so außgangē, naemlich von Her || tzog Ferdinando ..... || [15 Zeilen] ||” 18 Blätter in Quart. Am Ende: “M. D. XXiiij. ||”

 

C “Wider das blindt vnnd || Toll verdamnuß der Syben || zehen Artickel, von der || Ellenden Schendtli- || chen Vniuersitet zů || Jngolstat auß- || gangen. || Martinus Luther. || Item der Wienner Ar- || tickel wider Paulū Spe- || ratum sampt seyner || Antwurt. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 22 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende: “Wittemberg. 1524. ||”

Bg. C hat nur zwei Blätter, deren zweites in einigen Exemplaren mit Tij statt Cij gezeichnet ist. Die Titeleinfassung der von A nachgeschnitten. Kein Wittenberger Druck. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., Berlin, Dresden, Eisenach, Erfurt Martinstift, Freiburg, Gießen, Göttingen, Heidelberg, London, München HSt. (2) und U., Rostock U., Straßburg U., Stuttgart, Weimar, Wien, Wittenberg, Wolfenbüttel (2), Würzburg.

 

D “Wider das blind vnd || Toll verdamnus der Sibenzehen || Artickel, von der Ellenden || Schendtlichen Vniuer || sitet zů Ingolstat || außgangen. || Martinus Luther. || Item der Wienner artickell wider || Paulum Speratum sampt || seyner antwort. ||” Mit Titeleinfassung. Titelrückseite bedruckt. 22 Blätter in Quart. Letztes Blatt leer. Am Ende: “Wittemberg. 1524. ||”

Druck von Jörg Nadler in Augsburg. Die Titelbordüre beschrieben bei v. Dommer S. 256, Nr. 121. — Vorhanden in der Knaakeschen Slg., London, München HSt., Regensburg, Stuttgart, Weimar.

Jn den Gesammtausgaben, doch ohne des Speratus Schrift: Wittenberg Bd. VII (1554) Bl. 382b –387b; Jena Bd. II (1555) Bl. 432b –439a, (1558) Bl. 436a –443b, (Thomas Rebarts Erben 1572. 1585) Bl. 421a –428b; Altenburg Bd. II, S. 771 –777; Leipzig Bd. XVIII, S. 528 –534; Walch Bd. XXI, Sp. 128* –149*; Erlangen Bd. 29, S. 75 –92.

 

Speratus Streitschrift allein ist neugedruckt in Rabus, Historie der Martyrer II (1572) Bl. 388b –393b.

 

Aus dem Urdruck A ist einerseits B, anderseits C geflossen, aus C aber D.

 

Wir geben den Text nach A in vollem Umfange und notiren die Lesarten der Nachdrucke in der üblichen Beschränkung, ferner in den betreffenden Abschnitten die Textabweichungen der “Sybentzehen Artickel” (A) und des Sermons “Von dem hohen geluebd der Tauff” (S).

 

Zur Ergänzung des Lesartenverzeichnisses diene die nachfolgende Übersicht über die sprachlichen Abweichungen der Nachdrucke. Sie erstreckt sich auf den ganzen

 

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Umfang der Schrift, also auch auf die von Luther selbst nicht herrührenden Theile, weil grundsätzliche Unterschiede des Schreibgebrauchs sich kaum feststellen lassen und Luther als der Herausgeber des Ganzen anzusehen ist.

 

Der Umlaut des a wird im Allgemeinen durch e ausgedrückt, daneben durch ae, das in A nur vereinzelt vorkommt (naehsten), wiederholt in B (zweimal vaetter), häufig in CD (vaeter, erklaerung, saelig, besaeligen, klaerlich, naerrisch, allmaechtig, verschmaecht, fraeuel, jaemerlich, taeglich, traege, thaet, verraetherisch, maenner CD; naehist, bewaeren, schaefflein, kaeßsuppen C). In CD findet sich auch oe nicht selten: außerwoelt, ernoeren, schwoeren, verkoeren, erzoelen, gefoellet (placet), loesterung, stoellen CD; vngeschwoecht, boesser, boessern, vbergwoeltigung, erhoelt D). Abweichend von A tritt der Umlaut nur ein in berett (134, 6), leßt (126, 1. 136, 26) B und bacchaentisch (134, 5) CD, unterbleibt in verlaßt (122, 2) B, erbarn (126, 37) CD.

 

Der Umlaut des au (durch eu bezeichnet, einmal saewen B) findet gegen A statt in dem Dat. Sing. heutt (= pelli) CD (114, 30), verdewet D, er mangelt in glauben (bisweilen auch A), (vn)glaubig, haupt BCD (nur einmal vngleubig B).

 

Der Umlaut des o, durchweg mit oe bezeichnet (129, 19 welt = vellem D), wird von den Nachdrucken reichlicher verwendet: erloeß, doerner, boeß, schoen, kloester (Plur.), bedoerfft, Loeuen, Coelln BCD; getroest CD; oesterreichisch BD; spoetter, soell (en) (meist), Bischoeff (2), Bischoefflich (1), hoenig (1), hoefflich (132, 6), koempt (2), soelch (135, 3), soelich (112, 11; auch in A einmal soelch) B. Die Schreibungen soe (129, 36) und toechter (Sing. 130, 20) B sind wohl als Druckfehler anzusehen. Der Umlaut ist abweichend von A unbezeichnet geblieben in hoflich (128, 7), thoricht (120, 8), mochten (123, 33) CD.

 

Der Umlaut des u wird in AB durch ue, in CD durch ü bezeichnet, selten durch i: wird f. wuerde B (1), stickleyn D (1). Abweichend von A ist der Umlaut regelmäßig bezeichnet in muegen (daneben je zweimal moegen B und CD), (vn) mueglich, fuerchten, muench (daneben münich D), suende, suender, suendigen, stuertzen, duerr, wuenschen, fuersten, natuerlich, spruech, kuendt (= potestis und posset), kuennen (daneben koennen CD), erwuergen, (be) schuetzen, geluebd (mit einer Ausnahme in B) BCD; überwiegend wird der Umlaut gesetzt in ueber (-), darueber, fuer (wo nicht vor eintritt, vgl. Lesarten), dafuer BCD. Einzelne Fälle: fuenfftzig, kuenste, verkuenden, nachgueltig, suendert (separat), zuechtigen, stuecklein, huelff, erwuescht, tueck, tueckisch, (zů) kuenfftig, stüblein (stueblen B), thürret (thuert B), schuetzerisch, kuemer (cura), drümmern (truemmern B), stuembt, stuemeden (133, 18 f.) BCD; uebel BD (2), fuenfft BC (2) D (1), vnnuetz BC (1) CD (1), hynfuert B (2) CD (1), kuenden (Konj. Prät.) BCD (2), kuenden (Inf.) CD (2), kuenden (Präs.) CD (1), wueste(n) (scieba[n]t) B (3) D (1); ueberfluessig (1), luegen (mendacium) (3), pfue (113, 24), juengsten (1); wuerd(en) (Konj. Praät.) (9), wuerdet (2), nutz (1), luegner (5), luegnerisch (2), luecken (1), truecken (premere) (1), thuersten (audent) (1), buerger (1), fruechte (1) B. Die Umlautbezeichnung fehlt gegenüber A nur in zwei Fällen luge (127, 1) CD, wurden (2127, 22) D.

 

Der Umlaut des uo (durchweg = ue, nur einmal yeben CD) ist abweichend von A regelmäßig gesetzt in buecher, buechlein, (be)ruemen, brueder, buessen,

 

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fueren, huetten, guete (gratia), muest(en) (A schwankend) BCD; muessen CD (fünfmal B), ferner in behuet, muesam, bueberey, ueben, beruere, gueter, versuenen (versueonen CD), betrueglichen je einmal BCD; seelfuerer (1) CD. Unbezeichnet blieb der Umlaut gegen A nur in einem Fall: klůglich B.

 

Vokale. 1. Die neuen Diphthonge sind durchgeführt bis auf einzelne Ausnahmen: buechlin 110, 24 B (buchlen A, buechlein CD), triben 127, 2 D, erdrichs 127, 13 (nur B hat erdtreichs); für stůblin 132, 6 hat B stueblen, CD stübleyn; 135, 9 hat A buchlen, B buechle, CD buechlein.

 

2. Die alten und die neuen Diphthonge werden in der Schreibung nicht streng auseinandergehalten. Allerdings haben C und D alle alten ei in ai verwandelt, aber B schreibt neben Bayern, unrain, ayd (auch in A), zaigen, allerlay, flaysch, zway, baide, aygen, maynung auch Christenheit, heylig, seligkeit, alleyn, heyssen, meynen, reyn, ein, zeygen usw. Ebenso ist der Versuch, das aus iu entwickelte eu von dem aus au umgelauteten zu scheiden, nur mangelhaft durchgeführt: B schreibt neben keuesch, gebeuet, teuefel, teuetsch, verdeuetschen auch keusch usw., neben leuet, zeuegniß, neue, verleuecket auch lewt, verleurt und anderseits sogar (2) greueffen (capere); CD schreiben neben geüst, bezeüget, freünd, breüt, creütz, keüsch, verleürt auch zeugknus, keuschait, deutten, teuffel, teutsch und anderseits D sogar leüchtlich (facilis) und leüt (iacet).

 

3. Auch das alte u wird von dem aus uo hervorgegangenen nur mangelhaft geschieden. In A tritt neben u das nach Art der Schreibschrift zum Unterschied von n bezeichnete ue und ů auf, u oder ů gelten gleichmäßig für einfaches u und für altes uo, für letzteres steht auch ue: zu, buch, demuet, thuen, vberflůssig, frůcht neben bůß, můsten, lůg, thůn, kunst, durre. B schreibt für altes uo allerdings immer ů oder ue (letzteres durchweg in brueder, rueffen), aber hie und da auch trůcken, bezwůngen, trůtz; nur in CD wird altes uo als ů, selten als ue, geschrieben, und für u, wo nicht in der üblichen Weise v dafür eintritt, stets das einfache Zeichen gebraucht.

 

4. Das alte ie behauptet sich im Gegensatz zu A in yergent B (3), niendert CD (1), yegklicher BCD (stets, einmal yetlicher B, yetzlicher A), yetzigen BCD; den entgegengesetzten Vorgang zeigen briff, nymand (1) B. — Das Dehnungs-ie des Urdrucks erleidet in BCD erhebliche Einschränkungen: diser, vil, siben, geschriben, bliben, gelid, spil usw.

 

5. Für a tritt o ein in gethon 128, 17 BCD (sonst auch in A), loße 111, 13 CD. Umgekehrt wird onschauung A zu anschawung BCD 114, 5.

 

6. Für e erscheint ae in laesen C(1). Die Type ä hat A ausnahmsweise in Schäpko 133, 12.

 

7. Anstatt i wird ue geschrieben in wuerckung, wuerfft (1) B; vberwünden (2) CD; fürwütz (1) D.

 

8. An Stelle eines o in A finden wir u in sunst BD (oft) C (selten; in BD auch mehrsach sust); besunder B (1, daneben zweimal besuender) D (1); antwurten B (1) CD (2); trutz B (1) CD (2); truetzen 130, 40 f. BCD; künigklich 133, 10 CD; kumpt, sun CD (1); frummer 127, 5 D.

 

9. Vertretung des u durch o bezeugen fromm B (5), komen 128, 16, sonder (peccator), versoenen CD; koennen 129, 18. 134, 4 CD.

 

 

 

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10. Die Längenbezeichnung der Vokale durch Dehnungs-h wird in BCD gern beseitigt: jr, jm, jn, jnen, ye, nemen, enlich, in CD wird sie theilweise durch Doppelung des e ersetzt: ee, eelich, eere. Anderseits dringt das h z. B. ein in tholl B, oder wird verstellt in mher (f. mehr) B.

 

11. Das i der Endsilben wird von BCD ausnahmslos beseitigt in Gottes f. Gottis A (daneben gotts BCD), sowie in offenbar, offenbaren, offenbarung, ferner vereinzelt in nechsten 118, 6 BCD, 123, 21 f. B; ergest 132, 25 CD (ergst B); ergsten 132, 7 D; sichersten 126, 21 BD; Castraunen 131, 24 B. Dagegen hat D dieses i einmal gegen A eingeführt in gůttyn 129, 21.

 

12. Das e im Auslaut wird in B ungemein häufig (straff, schand, farb, sorg, helff, gnad, koepff, werd usw.), in CD oft abgeworfen, wobei D über seine Vorlage C noch hinausgeht. Anfügung eines e nach konsonantischem Auslaut (Beispiel aus A: ayde 122, 33; eyde 123, 15) begegnet fast nur in D: nemliche 126, 36; lange 127, 32; brachte 129, 22; bedarffe 111, 16; einmal in CD: gienge 126, 37.

 

13. In geen, steen und ihren Zusammensetzungen haben CD stets das h getilgt, B meist.

 

Konsonanten. Für anlautendes p tritt zuweilen b ein: geboren 115, 27, gebeüt 120, 3 f. (3), gebet 128, 40 BCD; gebot 124, 7 BCD, 129, 12. 132, 34 CD; gebotten 120, 7 BCD, 130, 5 CD; verboten 127, 23 BCD; brennest 138, 8; geburt 112, 12, blagt 111, 1, verbeüt 123, 11 CD. Umgekehrt tritt p für b ein in gepoten 139, 20, geprent 135, 5 B; ferner in ploß, pleybt, poten, pringen, geprent (1) D. Jm Jnlaut schreibt B lieber nimbt, zimbt, als nimpt, zimpt; zwischen leyblich und leyplich schwanken alle Drucke. — Für anlautendes t erscheint d in erdichter 117, 5 BCD; erdichtet 110, 11, dicht 126, 32 CD; dürren 134, 8 CD. Das Gegentheil findet statt in treck (1) BD; tringt (1), getrungen (2), truemmern, trůcken (aride), truecken (imprimere), tritten (tertium) je einmal B; trucken (imprimere) (1) D; während A deutsch, verdeutschen schreibt, überwiegt hier in B, herrscht ausschließlich in CD die Tenuis; A schwankt zwischen vnter und vnder, B hat nur einmal vnter, zweimal vndter, sonst immer vnder, CD vnder neben vereinzeltem vndter. — kukuck > guguk, tragheyt > trackheit, willige > williche B; für Jungfraw schreiben BCD Junckfraw. — B hat nicht selten die archaistische Schreibung dz f. das, CD letst f. letzt. — In der Konsonantendoppelung herrscht nirgends ein geregelter Brauch, doch schreiben BCD für ynn fast durchweg in, für widder, odder weder, oder, CD setzen anderseits ellend, gottloße, almůßen für elend, gotlose, almůsen. — Abwerfen eines auslautenden t zeigt nur ietz (yetz CD) 133, 8 ACD, wo B yetzt hat. Dagegen wird ein t angefügt in dennocht 120, 6 CD (anderwärts auch in A), dannocht B, ferner in yetzt 137, 13. 139, 37 CD.

 

Die Vorsilbe ge- büßt den Vokal ein in gnůgsam, glidern (1) B; gnůg 118, 2 CD. Dagegen wird dieses e gegen A wiederhergestellt in genad 112, 30, gelaub 113, 28, genůg 129, 3, gelueb 136, 3 B; gelaub 115, 10, gelaubens 117, 20, genůg 128, 27. 129, 37 CD; gewaltigklich 125, 24, gesetz (stets) BCD. B schreibt einmal beliben f. blieben (118, 20).

 

 

 

[Seite 109]

 

 

Die Endsilbe -nus wechselt mit -nis, auch in A begegnet -nůs. Die Abweichungen von A sind folgende: zeugniß 118, 25 B; zeugnuß 119, 2 BCD; ergernuß 125, 26. 131, 13 BCD, 125, 29 CD; gefencknus 129, 18 BCD, 112, 10 CD; verdamnus 135, 12 BCD, 128, 23 CD; finsternus 137, 12, verderbnus 129, 10 BCD.

 

Wortformen. lager > laeger (1) CD; furcht > forcht B (1); erbeyt(en) > arbeyt(en) BCD (stets); erschroecken > erschrecken 125, 6 BCD; erschreckt > erschroeckt 116, 4 D; brengen > bringen B (2) CD (3); thuen > thon (einmal auch AB 136, 9) D (5); genent > genandt 126, 13 CD; leyt (iacet) > lewt C, leüt; D; sind > seind (daneben sein) B (häufig) CD (stets, daneben einmal sein); wollen (ge)wolt > woellen (ge)woellt B meist, seltner CD, in D auch welt (= vellem) 129, 19; wilch > welch B, woelch (selten woellich) CD; solch > sollich B (mehrfach, daneben einmal soelich) CD (meist, selten solch, einmal soelch); wo, woher, wohin > wa, waher, wahin CD (stets); entwedder > aintweder 116, 15. 134, 5 CD; denn > dann B (meist) D (1); dennocht > dannocht B (meist); wenn > wann B (meist); widder > weder BCD (immer, vereinzelt auch A).

 

dabey > darbey B (1) CD (1); dafur > darfür CD (2); dadurch > dardurch CD (4); dazů > dartzů; B (6) C (stets); dauon > daruon > CD (1); dauor > daruor BCD (1); yrrthum > irrthumb CD (1); sondern > sonder (auch in A öfters) B (häufig) CD (stets, abgesehen von in C einmal, in D zweimal vorkommendem sunder); nicht > nit BCD (häufig).

 

kunden (posse, possunt) > kuennen B (3); er weiß > er wayst 120, 23 CD; syntemal > seyntemal D (1), seytemal B (2).

 

 

 

[Seite 110]

 

 

 

 

 

 

 

Wider das blind und toll Verdammniß der siebenzehn Artikel &c..

 

1524

 

[Seite 110] [ 4 ein BCD 5 Christlicher CD 7 M.]Mayster CD        Arsatins A        Nun B 11 spot und fehlt CD        Aber dieweil B 13 erzwungen] gezwungen CD 14 diese] die CD 15 Christenlichen CD        verdammē BCD 18 dieselbigeu B 20 gesterckt B 25 fuerderung BCD        manß; B 29 so fehlt CD 35 furcht] frucht CD]

 

 

 

 

 

[1] Martinus Luther allen lieben Christen

[2] Gnad und frid ynn Christo.

[3] Es ist unter dem namen der elenden universitet zu [4] Jngolstad ynn beyern ausgangen eyne zedel mit [5] siebenzehen Christlichen artickeln, von yhnen verdampt [6] und durch yhren mordlichen frevel und zwang [7] von M. Arsatius Sehover widerruffen. Nů ist yhr [8] grund und beweysung so gar uber alle masse toll [9] und ungeschickt, das ich sampt ettlichen andern verstendigen [10] nicht anders dachte, solche zedel were etwa [11] von yhrem feynde yhn zu spot und schmach schimpflich ertichtet. Aber weyl [12] sie so lange dazu schweygen, und ich auch anderswo her gewiß byn, das sie [13] solche artickel haben verdampt und zu widderruffen erzwungen, mues ich gleuben [14] und bekennen, das, wo solche greyffliche blindheyt ist, das sie diese heubt [15] artickel des Christlichen glaubens verdamnen, da mues auch freylich solche [16] kunst und verstand seyn, die nicht viel klueglicher und geschickter grund und [17] beweysung zeygen můgen.

 

[18] Der halben ich will die selbige zedel widderumb lassen auffs neů ausgehen [19] und solche Jngolstedtische kunst und tugent ausbreytten zu ehren dem [20] heyligen Gottis wort, auff das die schwachen getroestet und gestercket werden, [21] so sie hie sehen so scheynbarlich Gottis wunderwerck, der, seyn heyliges wort [22] widderumb zu erhoehen und zu preyßen, seyne lesterer und feynde mit solcher [23] grosser blindheyt strafft und plagt. Und bitte, eyn iglicher Christ las yhm [24] dise Jngolstedtische zedel befolhen seyn als der besten buchlen eyns, das zu [25] fodderung Gottis ehren wol dienet und werd ist, das man behallte auff [26] unsere nachkomen, da mit sie wissen můgen, wilch verzweyffelte buben schulen [27] gewesen sind zu unsern zeytten, und wie muetwilliglich der leydige teuffel ynn [28] der Christenheyt durch solche elende koepffe regiert hat ynn den hohen schulen.

 

[29] Doch damit will ich den leichtfertigen leutten, so sich Euangelisch rhůmen [30] und doch nicht sind, nicht ursach geben haben noch stercken yhre lesterliche vermessenheyt [31] und frecheyt. Denn wie wol es war ist, das Gott solche straffe [32] und jemerliche blindheyt gehen lesst uber seyne feynde, die schwachen zu troesten [33] und zu erschrecken des Euangelions feynde: So ist doch daneben zu furchten [34] seyn wunderlich gericht und werck, das es nicht villeicht auch uns gellte, die [35] wyr auffs Euangelion stoltzirn daher, als weren wyrs selbs, on alle furcht

 

[Seite 111]

 

[ 3 Nichs B        dester BCD 5 stoltzierten B 6 sicht BCD 11 gewesen fehlt CD 12 faulkeyt B 13 lassen B        faulē; BCD        tregē; B        grossen CD 14 wehe fehlt CD 15 růwe CD 16 darff] bedarff C bedarffe D        kaynes CD        ernsts B 22 vor BCD 26 Nun B 27 schreyt B 32 yrem D]

 

[1] und demuet und mit der that weyt dahynden bleyben. Er plagt auch vor [2] [1. Sam. 5, 6 ff.] zeytten die Philister, das sie seyne laden musten widder heym senden mit aller [3] [1. Sam. 6, 19] schande. Nichts deste weniger schlůg er funffzig tausent und siebentzig man [4] zu Bethsemes, das sie die laden sahen, villeicht, das sie sich wirdig dauchten [5] und uber der Philister schande stoltzireten.

 

[6] Es sihet mich eben an solch Gottis werck, alls wolt er uns unser tragheyt [7] und faulheyt erynnern und vermanen, das wir vleyssiger beten und [8] ernstlicher da zu thuen sollen. Denn das ist yhe gewiß, das der teuffel als [9] eyn hoch verstendiger geyst hette solche zedel wol besser kunden zurichten und [10] yhr eyn andere farbe anstreichen. Darumb mues er eyntweder von Gott sonderlich [11] verhyndert gewesen seyn, odder (das ich besorge) er hat aus uberflůssiger [12] muesse und muetwilliger bosheyt unser faulheyt gespottet und gedacht: ‘Was [13] darff ich widder die lasse, faule, trege Christen grosse kunst und witze brauchen? [14] Sie thuen myr mit beten nicht wehe, so greyffen sie es auch nur mit wortten [15] an. Jch will die weyl also mit guter ruege lallen durch dise sew und yhr [16] spotten, Jch darff keyns ernstes dazu, kan doch wol fellen und zu widerruffen [17] treyben wilche ich will, ob ich schon nůr meyn schertz und schimpff treybe’. [18] Soelchs, hab ich grosse sorge, trage er ynn seynem sinn, und ist fast dem selben [19] die sache ehnlich.

 

[20] Darumb lasst uns die warnung und ermanung Gottis annehmen. Denn [21] wyr sehen teglich des widderruffens viel, und wenig sind die da bestehen. So [22] haben wir yhe so eynen schmehlichen und schendlichen namen fur der wellt, [23] als freylich ynn tausent jaren niemand gehabt hat. Wilchen man kan Lutherisch [24] oder Euangelisch heyssen, da meynen sie, sie haben yhn mehr denn zehen [25] mal teufflisch geheyssen, Der můs denn auch mehr denn eyner hellen werd [26] seyn. Nů ists yhe eyn schwere schmach und peyn, darueber alle propheten und [27] sonderlich David ym psalter so offt klagt und schreyet, das wir ja grosse [28] ursach gnug haben, mit vleys zu beten und dem teuffel mit ernst widder zu [29] stehen, wilchen wyr hierynnen sehen, wie er aus den menschen seyn affen spiel [30] treybt, unter wilchen doch noch ettliche sind, die durch unser beten und leren [31] sollen herzue komen und unser brůder werden, darumb wyr schuldig sind uns [32] yhr an zu nehmen und fur sie wider den teuffel, yhren spotter, mit gantzen [33] krefften beten und fechten, das helffe uns Christus. Amen.

 

 

 

[Seite 112]

 

[ 1 Dise sibenzehen B Die Sybenzehenden D        herren CD 2 Lienhardus A 5 Christenlichen A 6 acrismate D 7 impignet A īpignet C        merum A 8 eins B 10 Magister D 10/11 bezwunge D 12 angezeygten B anzaygter A 13 nachmals B 15 1] Der Erst Artickel A 16 gerechtfertigt A 17 Jngolstad fehlt hier und stets vor allen Artikeln A 19 zun Roemern CD 20 so derfft A 20/21 ers nit B 21 vngtrecht A        der gnaden Gottes B 24 Genesi 4 CD Geneß. am̄ vierdten A 25 nun B A 26 von ersten B 31/32 leychtfertigen A 34 traw] getraw B        Wird jch BA]

 

 

 

 

 

[Text]

[1] Die siebenzehen Artickel haben die Erwirdigen hoch gelerten herrn Nicolaus [2] Appellas, Leonhardus Marstaller, der heyligen schrifften, Franciscus Burckhart [3] von Burckhardis, Georgius Hauer, der rechten, Wolffgangus Peysser, [4] Peter Burckhart, Panthaleon brunner, der ertzney, Anthoni braun und Joannes [5] Schroetinger, der freyen kůnsten Lerer, Rector, Rat und Ordinarien der Christlichen*

 

[6] [Ps. 141, 5] * Dazu am Rande: (Cristlichen) a Chrismate illo, psal. 140. ‘oleum [7] impiorum non impinguet caput meum’.

 

[8] Universitet Jngolstat mit imprinstigem ernstlichem vleys aus bůchern eines jungen [9] Magisters, Arsacii Seehofer von Můnchen, gezogen und fur Ketzerisch aus nach [10] volgenden ursachen verdammet, Den benanten Maister Arsacii ynn gefencknys bezwungen [11] und zu letzt bewegt, solch ab zu schweren und widderruffen, des er am [12] abent unser frawen gepurt offentlich (vor allen anzeygten Universitet geliedern) gethon, [13] und nach malen ynn eyn kloster zu bůß komen, ym 1523. jar.

 

 

[14] Arsacius.

[15] 1. Alleyn der blosse glaube ist genuegsam darzu, das der mensch [16] gerecht oder gerechtfertig werde.

 

 

[17] Jngolstad.

[18] Diser Artickel, als er ynn wortten laut, ist er war, und sagt yhn S. Paulus [19] [Röm. 3, 26. 28; 5, 1] zu den Roemern am iij. und .v. Capitel, und wird also bewert: der mensch, der [20] gerecht werden sol, ist ietzund ungerecht, denn were er gerecht, so bedorfft er es [21] nicht werden. Jst er ungerecht und ynn sunden, so mangelt er der Gottis gnaden: [22] hat er die gnade nicht, so sind seyne werck auch nicht angenem Gott odder verdienstlich [23] zu der ewigen seligkeyt, denn Gott gefallen des menschen werck nicht, der [24] [1. Mose 4, 4] mensch gefal yhm denn voran, als wyr haben Gen. 4., Das Gott hat angesehen [25] Abel und seyne gaben, Zum ersten Abel, darnach seyne gaben. Soll nů die menschlich [26] wirckung Got gefallen, so mues der mensch von erst yhm gefallen, denn die [27] werck machen den menschen nicht guet, Aber eyn gueter mensch macht und thuet gute [28] werck. Weyter, soll der mensch gefallen und angenomen werden von Gott, der doch [29] ungerecht ist, so mues das geschehen auß gůte und barmhertzigkeyt gottis. Das [30] heyst man gnade, darnach komen erst gute werck. Wiewol gemelter Artickel, als [31] yetz gesagt, war ist, yhedoch so ist er nicht also bloß dem eynfelltigen, auch leychtfertigem, [32] tregen und etwa Gotlosen (der leyder viel seyn) fur zuhalten, denn er [33] yhm nicht ynn erzelter weyse nach denckt, sondern, so bald er ihn hoert, spricht er: [34] ‘Ja ich hab eyn gueten glauben und traw Gott wol. Wurd ich denn durch den [35] [Röm. 1, 17] glauben alleyn gerecht, und der gerecht lebt durch den glauben, als Paulus und

 

[Seite 113]

 

[ 10 bewern C 11 Paulus CD        ergerung] ergernus CD 13 verdammen BCD 14 daran BCD        nun B 16 hůren B 20 daran B 21 daran B 22 die fehlt CD 23 Darumb BCD 24 daran B        pfeü CD 25 ist es war B 30 das er [so] zů andern CD 31 nun B        artickeln B 32 bekennt B]

 

[1] [Hab. 2, 4] Abacuk sagen, so erlang ich das ewig leben alleyn durch den glauben. Ey, was [2] bedarff ich denn der gebot Gottis zu halten? Warzu soll ich vasten, betten, [3] almůsen und andere guete werck thuen? Ich wil mich zum glauben halten und alle [4] mueselige werck faren lassen und Got wol trawen. Er hat den hymel den gensen [5] nicht gemacht’*. Und also werden vernicht und verspottet alle heylsame lere Christi

 

[6] * Dazu am Rande: (Die helle auch dem kukuck nicht)1

 

[7] und der Aposteln, die uns leren guets thuen und ubels fliehen. Darumb ist er [8] widderruefft.

 

 

[9] Luther.

[10] Disen artickel bekennen sie selbs, er sey war, und beweren yhn aus [11] S. Paul und Abacuk, Und woellen doch, er solle umb ergerung willen der [12] boesen geschwygen seyn. Jst das nicht eyn erbermliche blindheyt? Bekennen, [13] es sey war, und doch fur ketzerey verdamnen, und das aus keyner ursach, denn [14] das die gottlosen sich dran ergern. Du zarte thewre warheyt, muestu nů eyne [15] [Matth. 14, 8ff.] lugen heyssen umb boeser leut willen, Das heysst Johannes den kopff abschlagen [16] umb der hurn herodias willen. Denn so moecht Herodes auch sagen: [17] Wiewol Johannes heylig ist, so soll er doch billich sterben, weyl die hure [18] Herodias uber yhn zornig ist. Soll umb der gottlosen willen die warheyt [19] ketzerey heyssen, So mues man auch sagen, das ketzerey sey, das Christus Gott [20] und mensch ist, Denn Juden und heyden sich dran ergern. Wenn sie doch [21] so viel hyrns hetten und sprechen, die frummen ergerten sich dran, so were [22] es doch eyn besser scheyn. Aber sie wusten wol, das die frummen sich nicht [23] dran ergerten. Drumb hoere hie alle wellt diser hohen schulen kunst. Goettliche [24] warheyt ist ketzerei, wenn die boesen leut sich dran ergern: pfů hohe [25] schule. Ja, sagen sie, man soll yhn nicht so blos sagen. Lieber ists war? [26] Warumb hat yhn denn Christus und Paulus so blos gesagt? odder meynet [27] yhr armen leut, das můglich sey, auff eyn mal mit einerley wortten sagen: [28] der glaube macht alleyn recht, und: der glaube thuet guete werck? Es mues [29] ye eyns vor, das ander nach gesagt werden. Soll nůn das erste ketzerey [30] heyssen alleyn darumb, das es zur andern zeyt geredt wird denn das letzte? [31] Wolan so ist nů ynn disen artickel Paulus und Christus und Moses zu [32] gleych von den Jngolstetern bekennet und verleucket, zu gleych warhafftig und [33] ketzerisch geschollten, zu gleych verdampt und gelobt. So sollen sich stůrtzen [34] die Gottis feynde und lesterer. Auch hallten sie yhr eygen rede nicht. Sie

 

[Seite 114]

 

[ 4 2.] Der Ander Artickel A 5 anschawung BCDA        unser] der CD 7 verstanden A 9 nent D 12 zů der lincken BA 13 Geet hin jr B        fewer B 15 zů der schůlen B 17 redt BCD        begabet B 18 sant CD        Roma. 1 CD 22 verdammen BCD 23 gefelt B 24 verhoert B 25 meynung BCD 30 heutt CD        drinnen Witt Ien 32 3.] Der dritt Artickel A 36 Capitel fehlt CD]

 

[1] sagen ynn der vorrede1 ‘dise artickel sind alle ketzerisch’, und beweysen doch [2] nicht mehr, denn das diser sey ergerlich den Gottlosen.

 

 

[3] Arsacius.

[4] 2. Die gerechtigkeyt Gottis ist eyn solche, die Got ynn uns acht, [5] schetzt odder vernimpt on all onschauung unser werck.

 

 

[6] Jngolstad.

[7] Disen artickel verstehen wir also, das Gottis gerechtigkeyt solche ist, das sie [8] ungeschwecht bleybt, ob er dem menschen anders thůt, denn er vermeynt verdient [9] haben, Und das Got auch schlecht nach seynem willen und gefallen (das nennet [10] er seyn gerechtigkeyt) handel mit dem menschen, der mensch thue gleich, was er woelle, [11] guets oder boeses, unrecht oder recht. Der erst verstand wer guet, aber der ander ist [12] wider das Euangelion, da der Herr die unbarmhertzigen stellen wird zur lincken [13] [Matth. 25, 41] hand under die boeck und sprechen: gehet yhr verfluchten ynn das ewige fewr.

 

 

[14] Luther.

[15] Sihe da, die hoch gelerten sollt man billich zur schulen furen und die [16] grammatik leren. Verstehen sie doch die wort nicht ym artickel. Denn die [17] gerechtickeit Gottis, da diser artickel von redet, ist die, damit uns Gott begabt [18] [Röm. 1, 17] und gerecht machet, wie S. Paulus sagt Ro. 1. ‘Die gerechtigkeyt Gottis wird [19] ym Euangelio offinbart, das sie aus dem glauben kome, wie geschrieben stehet: [20] Der gerecht lebt seyns glaubens’. So deutten sie yhn auff die gerechtigkeyt, [21] da Gott von gerecht heysst und die sunder strafft. Das sollten mir wol [22] Theologen seyn. Dazu geben sie yhm zween verstand und verdamnen yhn, [23] ob wol der eyne auch yhn selbs gefellet. Daraus man mag mercken, das sie [24] M. Arsacium nie verhoeret haben, sondern mit gewallt hynderlistlich und verrheterisch [25] verdampt haben. Er het yhn ja sonst dise meynunge on zweyffel [26] gesagt. Warumb nemen sie aber disen artickel nicht auch an umb des gueten [27] verstands willen? so doch ynn yhrer scholasterey und Aristotele keyn ding so [28] ubel lautt, das sie nicht loben, wo sie yhm nůr eynen gueten verstand geben [29] můgen, ob sie yhn gleich zu Calikut holen můsten. Buben sind es ynn der [30] haut dynnen.

 

 

[31] Arsacius.

[32] 3. Durch keynerley gute odder verdienstliche werck mag der mensch [33] erlangen seyn gerechtfertigung.

 

 

[34] Jngolstat.

[35] Diser artickel ist widder die geschrifft, denn ym buch der wirckung der xij. boten [36] [Apg. 10, 2 ff.] am x. Capitel stehet, wie der heyde Cornelius durch almůsen und gebet, die er thet

 

[Seite 115]

 

[ 2 war fehlt        A des tod sonders CD 9 was D        het B hette CD 11 herrē BCD        nun CD 12 on] on den B        ist es vnmueglich B        Hebre BCD 14/15 in dem ersten B 16 ausser] ausserhalb CD 18 4.] Der Vierdt Artigkel A 29 darumb BC        Roma. C Romanorum D 32 5.] Der Fünfft Artickel A]

 

[1] ynn seynem Heydnischen stand, erlanget, das yhm der recht glaub offinbart und [2] verkůndet ward von S. Peter. Und wiewol es war ist, das des todsunders tugentreyche [3] werck an yhn selbs nicht verdienstlich seyn oder des sunders gerechtmachung [4] erlangen moegen, Noch denn nympt sie die guetigkeyt und barmhertzigkeyt gottis fur [5] besser und werder an, denn sie selbs seyn und thůt umb yhren willen dem menschen, [6] das er yhm sonst nicht widerfaren ließ, het er sie nicht volbracht.

 

 

[7] Luther.

[8] Das ist nicht war, das Cornelius ym heydnischen stand guete werck thet. [9] Sondern er war eyn proselit und hatte der rechten Juden glauben auff [10] kuenfftigen Christum, wilcher glaub darnach guets thet und also zur offinbarung [11] des herrn Christi als nů erschynen und zur freyheyt vom gesetz Mose [12] [Hebr. 11, 6] kam: denn on glauben ists unmůglich Gott gefallen Ebre xi. So ist das [13] auch nicht war, das Gott des todsunders guete werck fur besser an nympt, [14] denn sie sind, aus gnaden. Und reden hie aber widder sich selbs, denn ym [15] ersten artickel bekennen sie, die werck můgen Gott nicht gefallen, der mensch [16] [Röm. 14, 23] gefalle yhm denn zuvor. Was ausser dem glauben geschicht, ist sunde Ro. 14.

 

 

[17] Arsacius.

[18] 4. Gott alleyn macht uns gerecht, so er uns eyn geust seynen heyligen [19] Geyst, on alle unsere werck.

 

 

[20] Jngolstat.

[21] Diser Artickel ist klar genueg aus der erklerung des ersten Artickels, wiewol [22] er sonst auch eyner gueten grossen auslegung bedarff, denn es sagt der heylig [23] Augustinus: der dich beschaffen hat on deyn zuthuen1, der wird dich nicht gerecht [24] machen oder beseligen on deyn zuthuen.

 

 

[25] Luther.

[26] Ja freylich mues ich dabey seyn, sol ich selig werden. Gott lies mich [27] auch nicht geporn werden on mich. Was thet ich aber dazu? Und wenn [28] gleich S. Augustinus der Jngolsteter esel meynung het gewolt, sollt man [29] [Röm. 3, 28] drumb yhn uber S. Paulus setzen, des diser artickel ist Ro. 3. ‘Wyr hallten, [30] der mensch werde gerecht durch den glauben on werck’?

 

 

[31] Arsacius.

[32] 5. Wir sollen gar keyne hoffnung oder zuversicht setzen ynn [33] unsere guete werck.

 

 

 

[Seite 116]

 

[ 3 wir seyn vnnuetze B 4 erschrecket B        merer A 5 der da] da er B 7 yhn] jnen CD        beruefft CD 8 gibt CD        yhrē] yrr B jre A unserer B 9 selber B selbs CD 15 verhoert B 16 selbß BCD        Hoert B 17 setzet B        verdawt B verdewen D 18 Draminner D 19/20 beweyßt B 20 das nach hat fehlt CD 20/21 verlaucknet B 22 redent CD        wie die truncknen B 25 6.] Der Sechst Arti. 28 seines CD 33 jnen A]

 

 

[1] Jngolstat.

[2] Diser Artickel scheynt eyn grund haben ynn den wortten Christi, da er spricht: [3] [Luc. 17, 10] ‘So yhr alles thuet, das euch gebotten ist, so sprecht dennocht: wyr seyen unnůtz [4] knecht’. Yhe doch erschreckt er die kleynmuetigen menschen. Darumb man sie mehr [5] [Pred. 9, 10] lernen soll nach radt des weysen mans, der da spricht: ‘Alles das deyn hand gůts [6] vermag, das thue on underlaß’, Jtem Johannes am buch der heymlichen offinbarung: [7] [Offb. 14, 13, Matth. 20, 8] ‘Ihre werck werden yhn nachvolgen’, Jtem der herr ym Euangelio: ‘beruff [8] die werck leut und gib yhn yhren taglohn’: denn wiewol wyr uns unser werck [9] nicht vertroesten, vermessen oder erheben sollen (denn sie an yhn selb nachgůltig [10] und brechhafftig seyn), So werden sie doch bas belonet aus Goettlicher barmhertzigkeyt, [11] wie oben1 gemelt ist.

 

 

[12] Luther.

[13] Sihe da, den artickel verstehen sie auch nicht, das du aber mal sihest, [14] wie sie mit dem armen Arsatio sind so verrheterisch und boeswichtisch umbgangen, [15] das sie entwedder yhn nicht haben verhoeret oder nicht lassen reden, [16] wie sie auch fast selbst bekennen inn der vorrede.2 Hoeret yhrs, yhr grossen [17] groben esels koepffe zu Jngolstad, setzt die brill auff die nasen oder verdawet [18] doch vor den gueten Dramynder.3 ‘Werck thůn’ und ‘auff werck vertrawen’ [19] sind zweyerley. Der artickel sagt důrre vom vertrawen auff werck. So beweyset [20] yhr, das guete werck zu thuen sind. Wenn hat das M. Arsacius verleucket? [21] oder wer sagt das nicht? yhr sollt beweysen, das auff guete werck [22] nicht zu trawen sey: So redet yhr eyn anders daher, gleich wie truncken ym [23] schlaff antwortten.

 

 

[24] Arsacius.

[25] 6. Es ist unmuglich, das der glaub seye on guete frucht oder werck.

 

 

[26] Jngolstad.

[25] Diser artickel ist widder das Euangelion und S. Paulus, denn der Herr [26] [Luc. 12, 47] spricht: ‘Der knecht, der da weyst seyns herren willen und thůt den nicht, wird [27] hart geschlagen werden’. Lůg, ‘erkennen den herren und seyn willen’ ist glauben, [28] Aber ‘nicht volbringen den willen’ ist manglung der werck, darumb find man den [29] [Matth 7, 22] glauben on werck. Item: ‘viel werden sprechen am Jungsten tag: herr, herr, wyr [30] haben gros wunderwerck gethon ynn deynem namen’. Lůg, die haben den glauben [31] zu Christo gehabt, aber sie manglen gueter werck. Darumb wird er zu yhn sprechen: [32] [Matth. 7, 23] ‘weycht von myr, yhr volbringer der bosheyt, ich kenn ewer nicht’. Paulus an [33] viel ortten seyner Episteln sundert die werck und den glauben von eynander.

 

 

 

[Seite 117]

 

[ 2 herren BCD 3 redt CD 4 vngeferbtē B 5/6 vnd ein schalckstuck B 12 7.] Der Sybend Artickel A gschrifft D        gůten B 13 es fehlt CD 16 můtwillig CD        geschrifft D 17 selbs BCD 19 geschrifft B        articke A im Custoden 20 erfoderung B 24 lon A 32 8.] Der Achtet Artickel A 33 auff ain Fellß A auff ain Sand A]

 

 

[1] Luther.

[2] Ja der glaub des knechts, der des herrn willen nicht thuet, ist eben eyn [3] glaube, wie der Ingolstedter Theologey Theologey ist. Der artickel redet von [4] [1. Tim. 1, 5] dem ungeferbeten rechten glauben, wie yhn Paulus nennet, weys wol, das [5] auch eyn ertichter glaube ist. Und das ist abermal eyn bubenstuck und schalcks [6] tůck, das dise sophisten den artickel deutten, wo sie hyn woellen, und haben [7] den Arsation darůber widder hoeren noch reden lassen. Wenn das soll gelten, [8] eym die wort zu verkeren und deutten, so moechten solch hoch gelerte leut auch [9] [1. Mose 1, 1] wol sagen, das Gott eyn teuffel heysse, da geschrieben steht: Gott schuff hymel [10] und erden.

 

 

[11] Arsacius.

[12] 7. So die schrifft meldet, wie die gute werck belonet werden oder [13] lohn fur gute werck geben werde, ist es also zuverstehen, das wyr [14] durch den glauben selig werden.

 

 

[15] Jngolstad.

[16] Diser artickel ist frevenlich und muetwilliglich on allen grund der schrifft [17] geredt. Darumb ist er zu verweysen, alls der Meyster selb vergicht ym hernachvolgenden [18] 9. artickel. Uber das so ist er auch widder das Euangelion und ander [19] schrifft (Alls denn ym 5. artickel gemelt ist), die klerlich anzeygen, wie das Got [20] lohn geb nach erfodrung der werck und nicht des glaubens. Sonst so muest er [21] [Jac. 2, 19] dem teuffel auch belohnen, denn sie glauben* auch, als S. Jacob sagt ynn seyner

 

[22] * Dazu am Rande: Ja sie gleuben eben, wie die esel zu Ingolstad [23] Theologen sind.

 

[24] Epistel, aber darumb sie nicht guets wircken, so muessen sie auch guets lohns geratten.

 

 

[25] Luther.

[26] Da deutten sie aber den rechten glauben auff den falschen glauben, die [27] frummen bidder leut. Aber wie Got die werck belone, ist hie zu lang zu [28] erzelen, magst den sermon von dem Mammon1 lesen. Die sophisten wissen [29] viel, was glaub, werck und lohn ist. Und was solt verstands seyn bey solcher [30] blindheyt, wie du oben2 gehoert hast?

 

 

[31] Arsacius.

[32] 8. Die sich underwinden, durch yhr guete werck sich gerecht und [33] guet machen, die bawen nicht auff den fels, sondern auff den sandt.

 

 

 

[Seite 118]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 2 den fünff artickel A 9 geet es dem B 10 ist es ketzerey B 10/11 ist es ketzerey B 16 9.] Der Neündt Artickel A zeglauben A 20 sey B 22 geschrifft] schrifft D 26 Joannis C        beůt] gebewt BD 29 Ingelstat B]

 

 

[1] Jngolstad.

[2] Diser artickel hat verstands genůg aus dem, das bey dem funfften artickel [3] gesagt ist.

 

 

[4] Luther.

[5] Diser artickel, wie der funfft, redet auch vom vertrawen auff werck und [6] nicht vom thuen der werck, Syntemal Arsacius im nehisten 7. artickel bekent, [7] das werck nicht ausbleyben, wo glaube ist. So deuttens dise blinden auff [8] thuen der werck. Zur schule und zum vocabulario exquo1 mit den groben [9] bachanten. Aber so gehts dem gůten Arsacio. Sagt er, das gůte werck zu [10] thůn sind, so ists ketzerei, sagt er, das nicht auff fie zu trawen sey, so ists [11] ketzerey. Er wurd freylich keynen Christlichen artickel nymmer mehr sagen [12] kunden, Er wollt denn nicht anders sagen Denn: ‘Eximii magistri nostri [13] vestre excellentie bene dicunt. Vos estis lux mundi (yhr seyt der dreck ynn [14] der latern)’.2

 

 

[15] Arsacius.

[16] 9. Es ist keynem yn der kirchen zu glauben, denn was er gewiss [17] und klar dar thuet aus dem wort Gottis.3

 

 

[18] Jngolstad.

[19] Das ist auch eyn frevel, muetwillig geschwetz: denn daraus volget, das wyr [20] nicht glauben sollten, das die hochgelobte mutter Gottis Jungfraw blieben seye, [21] Jtem das wir den Euangelisten nicht glauben solten, Denn an keynem ort der [22] geschrifft find man, das wyr ihn glauben sollen. (Sprichstu: der herr hat gesagt [23] [Luc. 10, 16] ‘wer euch hoert, der hoert mich, und der euch verschmecht, der veracht mich’, Moecht [24] eyner antwortten, das solche wort haben die Euangelisten selbs geschrieben, darumb [25] binden sie nicht, denn keyner kan yhm selbs zeucknůs geben.) Item wyr solten nicht [26] den Episteln Pauli, Petri, Johannis, Jacobi &c.. glauben, Denn wo beůt uns das [27] die geschrifft oder Gottis wort? Secht yhr, was diser artickel vermag.*

 

[28] * Dazu am Rande: Er vermag zu beweysen, das keyn toller narren [29] yhe gewesen sind denn die zu Ingolstad.

 

 

[30] Luther.

[31] Jch will ewer spitzige kunst auch brauchen und sage also: Wem soll [32] man denn glauben, so man nicht alleyn Gottis wort sol glauben? Sprichstu:

 

[Seite 119]

 

[ 1 solchs selbs B bindt B 2 selbs BCD 3 nun B 4 handtschůhen B 5 eyne] eynche B 7 nyrgent] nyendert CD 8 soll D 9 Mari D 11 bewern D        so] also B 15 kirchē bezeugt B        nun B 18 10.] Der Zehendt Artickel A 19 on] dann A gelert B 23 zeitliche B 25 er nit B 27 sanct B 28 nit poten A 28 so fehlt A 29 gebot] pot A        wurd] wirt A]

 

[1] der kirchen, Antwort ich: die kirche sagt solchs selbst, darumb byndet es nicht, [2] denn keyner kan yhm selbst zeugnis geben, als hie die klůgen leut sagen. [3] Wem sollen wyr denn nů gleuben? wider Got noch menschen? Jch rad, [4] man gleube alleyn den langen handschuchen und gugeln des rectors zu Ingolstad. [5] Item aus was grund will man beweysen, das eyne kirche auff erden [6] sey, ich will vom gleuben der kirchen schweygen? Mues man das nicht aus [7] Gottis wort beweysen? Aber das alfentzen, das sie sagen, es sey nyrgent [8] geschrieben, das man solle S. Peters, Paulus, Johannes Episteln gleuben, [9] und das Maria Jungfraw sey blieben, ist nicht werd das mans verantwortten [10] solle, gerad als sollt man noch ander zeugen furen, die heylige schrifft zu [11] beweren. Aber es sey so, man solle der kirchen gleuben, die solche schrifft hat [12] angenomen. Sage myr: wo stehts denn geschrieben, das man darynnen der [13] kirchen gleuben soll? Stehts ynn den selben buchern, die sie an nympt? [14] Wolan, so wird die kirche durch die bucher und nicht die bucher durch die [15] kirche bezeuget, an genomen und bewerd. Hui nů, yhr Ingolstedter Theologen, [16] Sehet yhr, was diser artickel vermag?

 

 

[17] Arsacius.

[18] 10. Es soll keyn mensch ynn der Christlichen kirchen ettwas thuen [19] oder leren, on was Gott der herr gewißlich angeben, geleret oder [20] geboten hat.

 

 

[21] Jngolstad.

[22] Diser artickel ist dem nechsten hievor gleych boeß, denn daraus volget, das [23] niemand Junckfrawschafft halten soll, niemand zeytlich gůter ubergeben sol, niemand [24] vasten, Denn Got hat diese ding nyndert geboten*, Niemand sich ehlicher werck mit

 

[25] * Dazu am Rande: Sonderlich ynn quinto phisicorum hat er nichts [26] davon gesagt.1,

 

[27] seinem gemahel underziehen soll zu eyniger zeyt, denn wiewol S. Paulus das selbig [28] geradten hat, hat er es doch nicht geboten, und (als Luther2 sagt) so ist das eyn [29] [1. Mose 1, 28] gebot Gottis, da er zu Adam sagt ‘wachst und werdet gemehret’, da wurd yhe eyn [30] seltzams leben und viel unnůtzer erbeyt.

 

 

 

[Seite 120]

 

[ 2 Paulo B 3 2. Col. 6. AB 2. Colo. 6. CD        ehelich B 6 ehelich B 13 11.] Der Aylfft Artickel A 17 gearbeytet B        Actuum am̄ xviij. A 21 nichts anders CD 23 redte B        auch] auch ein B        haus narr ABCD Hans narr Witt Ien]

 

 

[1] Luther.

[2] Da da, so soll man Christo und Paulus yns maul greyffen. Wie offt [3] [2. Cor. [so] 6,6, 1. Cor. 7, 3] gepeut Paulus zu vasten, 2. Col. 6. Und 1. Cor. 7. gepeut er ehliche pflicht [4] zu leysten, ja er gepeut ehlich zu werden umb der unkeuscheyt willen. Auch [5] so redet diser artickel nicht alleyn von Gottis gebotten, sondern von allem [6] das Gott angibt und leret, das er dennoch war were, ob gleich fasten, ehlich, [7] keusch seyn nicht gepotten were, syntemal so viel exempel ynn der schrifft Gott [8] anzeygt hat, das ich nicht weys, ob dise sophisten tol oder toericht sind, das [9] sie die artickel widder yhre durre helle wort deutten, wo sie nůr hyn woellen. [10] Ich meyn, sie haben gedacht, es sey widder Got noch mensch mehr, denn sie [11] alleyne.

 

 

[12] Arsacius.

[13] 11. Es zymet eynem Bischoff nicht anders denn das wort Gottis [14] zu leren.

 

 

[15] Jngolstad.

[16] Diser artickel ist zu streng und zu bissig, denn wyr lesen von S. Paulus, [17] [Apg. 18, 3] das er hat geerbeyt, denn er kund zelt machen, Actuum 18. So haben ym anfang [18] viel Bischoff weyb und kind gehabt und on zweyffel auch leyplich geerbeyt.

 

 

[19] Luther.

[20] Reym dich bundschuch.1 Der artickel sagt von leren, so deutten sie yhn [21] vom thuen. Eyn Bischoff soll nicht anders leren denn Gottis wort, das verstehen [22] sie: er solle nichts anders thůn denn leren. Und ob er gleich vom thuen [23] redete, ist er doch war. Denn das weys auch hans narr2 wol, das erbeytten

 

[Seite 121]

 

[ 1 bawrens BCD 2 alleyn fehlt CD        pfeü CD 3 verhoert D 3/4 hochberuempte B 5 vnuerhoert BD 6 verdammen BD 7 thurst] doerfft B dürffen CD 10 12.] Der Xij. ar. A 13 fordern B        Sant CD 14 verdampt B 15 feynds B veind A geprediget B 22 woluerstendigen B 25 wolberuembte CD]

 

[1] und haushallten eyns bawres thuen und ampt ist, aber Gottis wort leren [2] alleyn eyn Bischofflich thuen und ampt ist: pfue euch esel. Es beweysen solche [3] stuck alle, das Arsacius nicht dabey gewesen noch verhoeret ist, da solch hoch [4] berempte1 und wol beschissen universitet yhn verdampt hat. O wie recht [5] geschicht den hertzogen von Beyern, die auch Gottis wort unverhoeret, unerkand, [6] unůberwunden verdamnen und verfolgen, das sie solche sew und esel muessen [7] zu meystern und seelfurer haben. Soelch straff het ich yhn nicht thurst [8] wundschen.

 

 

[9] Arsacius.

[10] 12. Eyn Bischoff seyn ist nicht anders, denn geloben das wort [11] Gottis.2

 

 

[12] Jngolstad.

[13] Diser artickel ist dem sodern gleych streng, denn S. Paulus und ander Bischoff [14] haben auch die boesen und ungehorsamen gestrafft, verdammet und ynn gewalt des [15] boesen feyndes geben, biß sie sich besserten: darumb haben sie nicht alleyn predigt, [16] sonder auch gewalt gehabt.

 

 

[17] Luther.

[18] Das die esel nicht recht das lateyn verdeutschen, mues man yhn zu guet [19] halten, denn sie kunden widder deutsch noch lateynisch. Der artickel will: [20] Eyn Bischoff zu seyn ist so viel, als profiteri verbum dei, des ampt sey, das [21] wort Gottis zu predigen, wie der vorige artickel meldet. Dazu verstehen dise [22] wol verstendige koepffe die sache also, das bannen, straffen und zuchtigen die [23] ungehorsamen gehoere nicht zum wort Gottis. Das můssen sie freylich daher [24] haben, das die itzigen Bischoff alleyn bannen unnd nicht predigen. Danck [25] hab die wohlberempte universitet.

 

 

 

[Seite 122]

 

[ 2 13.] Der Xiij. artickel A 4 vermeheln BD 5 das] des ACDA das B der Witt Ien 8 vil B 9 in dem anfang Christlichs B 10/11 am 7. ca. Den B 11 eygnem B 16 Christliche CD 22 ordenung B 24 gemahel (beidemal) BCD 28 narren D 29 Darumb BC 31 14.] Der Xiiij. artickel A 32 beruere CD 33 zympt A im Custoden aydt B]

 

 

[1] Arsacius.

[2] 13. So eyn man seyn weyb verlesst oder rechtlich von yhr gescheyden [3] wird, hat er gewalt eyn andere zunemen, des gleychen die [4] fraw mag sich eynem andern man vermehlen, es were denn das man [5] es dem verbeut, das mißhandelt hat und ursach der Eescheydung [6] geben hat.1

 

 

[7] Jngolstad.

[8] Diser artickel, wie wol etlich meynen, er sey also von vielen heyligen Bischoffen [9] ym anfang Christliches glaubens gepracticiert worden, yedoch ist er klerlich wider [10] Christum und Paulum, der spricht ynn der ersten Epistel zu den Chor. am 7. [11] [1. Cor. 7, 10 f.] ‘Den die ehlich vereynt und verbunden seyn, gebeut nicht ich aus eygem vermessen, [12] sonder der herr, das das weyb nicht abtreten oder sich scheyden soll von yhrem [13] man, weycht sie aber von yhm, soll sie on man bleyben odder sich mit yhrem [14] man wider versunen, zu gleycher mass sol auch der man seyn weyb nicht verlassen’: [15] [Matth. 5, 32] das sagt Paulus. So nympt der herr keyn andere ursach aus, denn ehebruch, [16] und Christlich kirch bestymbt, das ynn der selben sach die wort Pauli auch krafft [17] haben.2 Daraus volget, das gemelter artickel sey wider Christum und Paulum, [18] oder aber der yhn halten will, verachtet ordnung und erklerung der heyligen Christlichen [19] kirchen.

 

 

[20] Luther.

[21] Diser artickel, sagen sie zu erst, Er sey wider Christum und Paulum, [22] darnach, ob das den stich nicht halten wurde, sagen, er sey wider die ordnung [23] der kirchen. Ja es heyst kirchen oder des teuffels kuchen. Paulus 1. Cor. 7. [24] [1. Cor. 7, 15] sagt offentlich: ‘so eyn ungleubig gemahl vom andern gleubigen gemalh weicht, [25] so las yhn weichen. Denn der bruder oder schwester ist damit nicht gefangen’. [26] Da gibt yhe Paulus freyheyt sich zu verendern, was weres sonst gesagt, das [27] man ‘nicht gefangen’ sey? So ist ‘ungleubig’ nicht alleyn der da ungetaufft [28] ist, wie des teuffels kuchen narret, Sondern eyn iglicher falscher Christ: [29] drumb ist diser artickel recht und war.

 

 

[30] Arsacius.

[31] 14. Es zympt sich keynem eyn And zu thuen, denn alleyn da es [32] beruert die ehr Gottis oder notduerfft des nechsten, Aber umb zeytlicher [33] gueter willen zimpt keynem zu schweren oder den Ayde zu thuen.

 

 

 

[Seite 123]

 

[ 3 gemelten B 5 Ingelstat B 8 feyns B        zu] von B 9 wolberuembten CD 13 wolberuempte CD 15 15.] Der Xv. artickel A vom B 16 fordert B 19 hieuor &c.. B 26 16.] Der Xvj. Artickel A Gesatz A 31 sant B        in dem ersten B 32 schweres B]

 

 

[1] Jngolstad.

[2] Diser artickel, so er als er laut, schend eyn yglichen, der ynn andern denn [3] gemelt sachen schwert, verpflichten zu sunden ist er streng genueg,* wiewol fast guet

 

[4] * Dazu am Rande: Das heyst grund aus der schrifft zeygen, ja zu [5] Ingolstad.

 

[6] were und nutz, das er practiciert wurd.

 

 

[7] Luther.

[8] Das ist eyn feyn stůckleyn, damit solt man billich die fursten zu Beyern [9] verehren alls mit eyner zarten frucht yhrer wolberempten universitet. Sie [10] sagen, er were wol guet und nutz, das man yhn hielte, aber weyl die leut [11] nicht also thuen, ist er ketzerisch. Gott verpeut den ehebruch, were guet das [12] mans hielte, aber weyl es die leut nicht halten, ist Gott eyn ketzer. Jst [13] war, so war die wolberempte universitet zu Ingolstad gelert ist.

 

 

[14] Arsacius.

[15] 15. Von not wegen ist es also, das, wer eyn eyde von andern [16] fodert, sey eyns argkwenigen gemuets, untrew, bosshafftig und leychtfertig, [17] und keyn ersamkeyt hab zu der Goettlichen warheyt.1

 

 

[18] Ingolstad.

[19] Diser artickel steht ynn gleychem werd mit dem nechsten hievor.

 

 

[20] Luther.

[21] Disen achten sie dem nehisten gleich wirdig, so er wol tausent meyl [22] von yhm ist. Denn der nehist ist aller ding eyn ausbund Christlicher lere. [23] Aber diser ist wol eyn wenig zu hui, aber doch nicht gantz falsch. So wol [24] verstehen dise leut, was gleich und ungleich ist.

 

 

[25] Arsacius.

[26] 16. Das gesetz, durch Mosen geben, erfordert von den menschen, [27] das sie nicht haben thuen moegen.2

 

 

[28] Jngolstad.

[29] Diser artickel, wiewol er hart lauttet, gleych als ob Gott etwas unmůglichs [30] boten het, yedoch so steht er klerlich am buch der werck der xij. boten. Da spricht [31] [Apg. 15, 10] S. Peter ym ersten Apostolischen Concilio: ‘Brůder, warumb understehet yhr zu [32] legen auff die heupter der gleubigen eyn schwers Joch, das widder wyr noch unser [33] veter haben tragen můgen?’ Aber wiewol es schwer was, so moechten sie es wol

 

[Seite 124]

 

[ 1 dieselbig B 2 gesatz A 5 bewere CD 6 verdammen BCD 9 biderblich B 11 so] also B 13 17.] Der Sybenzehend Artickel A 16 Sant CD 16/17 ynn der andern Epistel zun Chorinthern am 3. ca.] 1. Corinth. 3. CD 17 zu den Corinthern B 18 gesatz A 21 gsatz A 22 gesatz A 23 Joan. 6. CD        an dem] am̄ BA 27 Hierony A 28 Augusti. A 29 wolberuempte CD 30 wißte D 32 anzaygten A yetlicher CD] yetweder A]

 

[1] tragen mit hulff Goettlicher gnaden. Aber die selb gnad heten sie nicht durch werck [2] des gesetz, sonder sie ist uns mitgeteylt worden durch unsern herren Jhesum Christum, [3] [Joh. 1, 17] Johannis am ersten.

 

 

[4] Luther.

[5] Disen artickel beweren sie selbs, das er war sey, und hawen sich abermal [6] selbs ynn die backen, das sie verdamnen was sie bekennen. Denn der [7] artickel redet von Gottis gepot ausser der gnaden. Da ists uns unmůglich. [8] Das es aber ynn gnaden můglich sey, hette Arsacius bas wissen zu sagen, [9] denn sie thuen, wo sie hetten redlich und bidderlich mit yhm umbgangen, als [10] frumme doctores solten thuen. Aber wie ich gesagt hab, Gottis zorn strafft [11] so seyne feynde.

 

 

[12] Arsacius.

[13] 17. Das Euangelion Christi ist nicht der geyst, sonder der [14] buchstab.1

 

 

[15] Jngolstad.

[16] Diser artickel ist wider die lere S. Pauli, der spricht ynn der andern Epistel [17] [2. Cor. 3, 6] zun Chrorinthern am 3. ca. ‘Der buchstab (das ist der schrifftlich und buchstablich [18] synn des gsetz und der bot) der selbig toedtet, Aber der geyst (das ist der ynnerlich [19] verstand und haltung der bot und gsetz ym geyst Gottis, das ist ynn der [20] gnaden und willigkeyt) das selbig gibt dem menschen das leben’, und der heylig [21] Paulus versteht ynn disem spruch bey dem geyst das Euangelisch gsetz und bey [22] dem buchstaben das gsetz Mosy. Item er ist wider die wort unsers herren, der [23] [Joh. 6, 63] spricht Johannis an dem 6. ‘Die wort, die ich rede, sind der geyst und das leben’. [24] Amen.

 

 

[25] Luther.

[26] Disen artickel will ich yhn zu guet hallten, denn wie solten die sew [27] wissen, was geyst und buchstabe ist, so Origenes, Hieronymus und schier alle [28] allte lerer, aus genomen Augustinus, das selb nicht gewist haben? Es ist [29] genueg, wenn die wolberempte universitet nůr aus dem vocabulario exquo2 [30] wuste, was litera und spiritus zu deutsch heysset.

 

 

[31] Jngolstad.

[32] Aus angezeygten ynn der heyligen schrifft gegrůnten ursachen eyn yetzlicher [33] bey yhm selbs erwegen und erkennen mag, Dise artickel ketzerisch, der Roemischen

 

[Seite 125]

 

[ 1 pillichen A Arsatius B 4 frommen B 6 weyter] fürter A 10 meynte B 10/11 wolberuempte CD 11 sehe] sich B 13 Doctor BCD        beweyßt B 14 jr B 15 Bayern B        gespott B        Nun B 16 diser B 17 im Bayerland B        beruempte CD 18beruempte CD 19 hinfür CD 20 vor BCD]

 

[1] kirchen widerwertig und frevenlich seyn. Darumb billich gemelter Magister Arsacii [2] von uns bezwungen * worden, die zu widerruffen, und umb begangen seyn frevel

 

[3] * Dazu am Rande: Sie bekennen selbs, sie haben yhn bezwungen, die [4] frumme leut.

 

[5] muetwillig lere nach ausweysung der Geystlichen rechten ynn einem harten kloster [6] weyter beschlossen seyn soll, Damit ander auch exempel und erschroecken nemen, sich [7] nicht so leychtlich mit frevel ynn yrrsal zu geben, sonder bey der Roemischen kirchen [8] ynn fryde bleyben.

 

 

[9] Luther.

[10] Ich meynete, Paris, Loven und Collen hette grobe esel, und dise wolberempte [11] universitet sollt sich an den selben gestossen haben. Aber ich sehe, [12] das eyne wie die ander ist. Denn eben so feyn hat auch die universitet zu [13] Wienn an Doct. Paulo Sperato yhre kunst beweyset, wie hernach folget, das [14] ja keyne yhre narrenspiel dahynden lasse, Das ich acht, die wellt will new [15] werden. Man hat bisher der Beyer mit den sewen gespottet.1 Nů hoff ich, [16] wird es besser mit yhn werden. Denn dise zedel triege mich denn, so dunckt [17] [Matth. 8, 31 ff.] mich, alle sew ynn beyerland sind ynn die berempte hohe schule gen Ingolstad [18] gelauffen und doctores, Magistri und eyttel berempte universitet worden, das [19] hynfurt eyns bessern verstands ym beyerland zu hoffen ist. Erlose und [20] Behůte Gott Beyerland fur disen elenden blinden sophisten. Amen.

 

 

 

 

 

 

 

[21] Paulus Speratus dem Christlichen leser Wundscht Gnad

[22] und frid ynn Christo.

 

1524

 

[Seite 125] [ 24 nun BD 25 hohen B        fur fehlt CD 27 außerweltē B 28 gerechten B        außerwelten B 29/30 vbergwaeltigung CD]

 

 

[23] Hilff Gott, wie gros ist der grymmige zorn Gottis uber die sunde der Gotlosen, [24] die nů zum ende der welt so gwaltiglich und schwerlich haben eyngerissen, [25] das alle hohe schulen, die man bis her fur den rechten kern Christlicher [26] kirchen gehalten hat, also grob und stockblind zu grosser ergernis auch schier [27] der auserweleten narren můssen. Herwider wie gros ist seine Goetliche gnad und [28] barmhertzigkeyt uber alle gerechte und auserwelte durch den starcken glauben ynn [29] Christum: wie hart sie ja fur so schedlicher ergernis inn diser krefftigen uberweldigung [30] so vieler yrrthum erhalten werden, das Gott die Gottlosen dennocht also

 

[Seite 126]

 

[ 3 vor BCD 11 müge D 12 felß B 17 nun BCD 18 groeste C groest D 24 nun B 25 annemen B 27 das] gas D 28 lebten B        Nun B        vor CD 30 verstandest B 32 sich] jm CD 33 vor CD 34 vor BCD 36 ho.] hone. B 37 schwancke D        gienge CD 38 anderen B        lange CD]

 

[1] narren lasst, damit, wer sich nur seynes worts troesten und halten kann, eyn yglicher [2] on alle můhesame widerlegung yhr so offentliche und greyffliche narrheyt richten, [3] urteylen und verdammen mag, Also das sich dise Adler fur falscher lere werden [4] [Matth. 24, 28] zu hueten wissen und aus dem sich alleyn uber dem Aß (das ist uber dem fur sie [5] gestorbnen Christo) zu samen finden, der grossen zeychen der falschen Propheten nicht [6] [Matth. 12, 39 f.] achten, sonder keyn anders ynn die augen fassen on das zeychen Jone des Propheten, [7] der Christum ynn seynem tod und ynn seyner aufferstehung bedeuttet hat, [8] daran denn die groest macht des glaubens gelegen ist.

 

[9] Las dich des nicht wundern oder beduncken, es sey wider eynander, so ich [10] sprich: hart werden sie erhalten, die auserwelten, und werden doch leychtlich aus [11] dem wort Gottis richten, urteylen und verdammen můgen, was die papisten narren. [12] [Matth. 13, 4 ff.] Denn auch die Gotlosen oder die ienigen, so ym Euangelio der weg, der felse und [13] die dorner genent werden (das ist, die das wort hoeren, aber nicht ym hertzen behalten), [14] dennocht wissen und greyffen, was die sach mit den papisten ist, nemlich [15] so widersyns und verkert, das mans auch allein durch natůrliche vernunfft ynn viel [16] stucken eygentlich mercken mag. Sie haben die sach zu grob getrieben, gedacht: es [17] hat nů keyn not mehr, wyr haben sie schon bey der nasen erwůscht, sie werden und [18] muessen wol hernach, wie oder wohyn wyr sie ja furen. Das ist der groesten Ertznarheyt [19] eyne, damit sie Gott plaget hat, daraus alle andere unsynnigkeyt erfolget [20] ist. Also stůrtzet Gott seyne Widerchristen, wenn sie gedunckt, sie stehen am aller [21] sicheristen.

 

[22] Am ersten muest sich Sathan wol umbsehen, muest alle seyne vernunfft brauchen [23] und noch dazu sich ynn die gestalt eynes gueten Engels verstellen, wolt er anderst [24] die Christen betriegen. Da ers aber nů volbracht hat und sahe, das yhm dennocht [25] etlich entgiengen, die das wort recht annamen, fienge er an sampt der falschen [26] lere auch der welt teuffliche exempel ynn den geystlichen fur zu tragen, also das [27] man gedencken můst: Were das war, wie die pfaffen sagen, sie thetten selber darnach [28] und lebeten viel anderst. Nů wissen sie, das es nichts ist, was sie uns fur sagen, [29] ist alles umb yhres geyts willen zu thuen. Und wenn sie den teuffel nicht hetten, [30] wie wolten sie sich erneren? Und damit du mich wol verstehest, so sage ich: Es [31] ist am ersten die reyn lere Christi mit falscher lere verfelschet worden durch neben [32] eyngefurte menschen ticht, die das wort Gottis neben sich nicht leyden kan, Und [33] die selbig verfelschung mit fur der welt mit gleissendem wandel der geystlichen bestettiget. [34] Denn sie ettwa eyn erber leben fur der welt fureten, eben die Papisten, [35] obs schon lautter abgoetterey war, noch machten sie yhr lere dem pubel dadurch [36] angenem, nemlich da der titel De vita et ho. cle.1, das ist von dem leben und [37] erbern wandel der priester, auff Papistische weyse noch ym schwanck gieng, damit [38] sie denn sich selber sampt andern lang zeyt betrogen haben, das sie nichts anders [39] denn lautter werckheyligen ynn aller wellt gemacht haben.

 

 

 

[Seite 127]

 

[ 2 Nun B 6 umb] unnd CD        die waren B 11 wort B 16 nun B 17 das fehlt CD        hinderen B 19 ein B 20 vor BCD 21 werdt B 22 tods B 23 wist D 24 thet B 27 erzelt BCD 29 annemen CD 30 ein andern B ainen anderen D 31 geystliche B 32 eyns B 33 hohen schůlen B 34 hohenschůl B 36 offentlich CD]

 

 

[1] Es kan aber nicht seyn, das die luege von yhr selbs bestehe, man muss sie [2] mit der warheyt spicken, will mans ja ynn die leut treyben. Nů auch die warheyt [3] der art ist, wo man sich yhr schon unrecht braucht, noch kan sie sich nicht uberal [4] verbergen, sonder sie mues doch bey etlichen fruchtbar werden. Es kan jhe der regen [5] Gottis worts nicht gar vergebens fallen, wie wyr denn glauben, das viel frommer [6] Christen sind erhalten worden alleyn umb des willen, das sie die ware spruch der [7] geschrifft, von den falschen propheten betrůglichen eyngefuret, durch die Goettlich [8] salbung recht und wol verstanden haben, gleubt und als denn selig worden. Zu [9] gleycher weys wie ynn der leyblichen hurerey geschicht, also ist auch hie geschehen [10] ynn der geystlichen, wo es Gott hat haben woellen. Sie haben den samen des [11] worts Gottis durch yhr falsche lere ynn den selen woellen unfruchtbar machen, wo [12] aber der acker die recht art zu dem selbigen samen gehabt hat, ist des samens und [13] des gueten erdrichs natur viel krefftiger gewesen, denn yhre bůberey, und ist fruchtbar [14] worden, wie denn auch leyblich geschehen mag, man thue was man woell dafur, [15] so hilffts nicht, es kumpt eyn frucht daraus, wo zwey sich mit eynander vermischen, [16] wie man denn hatt ynn der Papisten beycht erfaren můgen. Das hat nů der [17] teuffel durch das boes und schendlich leben der pfaffen hindern woellen. Und ihm [18] ist nicht daran gelegen, ob schon damit auch seyne lere nachteyl empfieng. Er mag [19] wol leyden, das man yhn fur eynen lugner acht, wenn er nur Christum auch dadurch [20] fur der wellt kan zu eynem lugner machen, wie er denn am ersten ym garten [21] [1. Mose 3, 4; 2, 17] ynn Eden hat angefangen, da er zu Adam und Eva sprach: Ihr werdet nicht des [22] todes sterben nach dem wort Gottis, wilchs tags sie essen wuerden von der frucht [23] des baums, den er yhn verpoten hat. Er wust wol (der teuffel) das er selber uber [24] dem wort muest zu eynem offinbaren lugner werden, noch thette ers, so feynd ist [25] er der warheyt Gottis. Er will uberal, das mans verkere und fur lugen acht. O [26] wie viel yhr sind gewesen und noch, die dem wort gottis nicht gleubet haben alleyn [27] von wegen des boesen lebens der geystlichen, wie ich oben1 erzelet hab.

 

[28] Zu letzt aber, da er sahe, das sich dennocht ettlich nicht daran wollten keren, [29] sonder die wort Gottis fur war (wie sie denn sind) annamen, ob schon das exempel [30] der geystlichen stracks dawider lieff, hatt er erdacht eynen andern synn: ‘Hui, du [31] muest alle geystlichen zu narren machen und besonder die hohen schulen, das hertz [32] aller Papisten’. Also, wo die papisten liegen eynes fingers lang, da muessen die [33] hohen schuel liegen eyner ellen lang, und wo die papisten eyn mal narren, da muessen [34] mir die hohen schuele zehen mal narren, so wird man denn alles, was man von [35] Gott sagt, auch darzu halten fur narrenwerck, denn so hab ich gewunnen. Wil [36] doch darneben gleyssnerey ynn ettlichen, ynn ettlichen eyn schendlich offenlich leben [37] mit eynreyssen lassen, damit ich alle lucken verstopff, aber alle muessen sie myr [38] narren. Wer wil mir denn disen driffaltigen strick abreissen, Falsch und gleissnerisch [39] lere und leben, Bose exempel, Nerrisch und lame zotten, die all zu gleich mit eynander [40] daher faren? Trifft eyns nicht, so trifft das ander, ich mues yhe mein lust

 

[Seite 128]

 

[Nachträge und Berichtigungen]

[ 2 du sagt C 4 schentlichest B 10 habens nicht B 11 hettest B 12 nun B 16 eins B 18 muegē B 19 thar] darff B 22 vor BCD 23 gibt es doch B 26 solch] dise CD 30 stürtzt D 32 jrs B 34 erwuergt B 39 vor BCD        darumb BCD]

 

[1] am wort Gottis bůssen. Ich wills noch dazu brengen, das man sprechen mues: [2] du sagst eben als der von Gott prediget, als obs lautter narrenwerck were. Das [3] hat yhm nů Got abermals zu geben, aber doch die sach also verordnet, das der [4] teuffel eben durch disen furschlag ist auff das aller schendlichst betrogen worden. [5] Was machts? Ey, sie narren gar zu grob, das der teuffel wol zu yhn sprechen [6] moecht: ‘Ihr groben esels koepff, kund yhr nicht anderst narren? ich versahe mich, [7] yhr wurdet so hoefflich narren, das man das wort Gottis dadurch sollt achten fur [8] narrenwerck, so macht yhr myr gleych das widerspiel, man mues erst mercken und [9] greyffen, das es war und gerecht ist’. Doch mugen sie gegen yhm eyn ausred [10] haben und sprechen: ‘Wyr haben es nicht gern thon, wyr wollten wol genarret [11] haben, wie du gewolt hattest, was kunnen aber wyr dafur, das Gott der wellt die [12] augen auff thuet, und will es nu anderst haben?’

 

[13] Dem teuffel ist warlich eyn grosse lucken mit den groben narren vermacht, [14] das er nu eynen grossen teyl der wellt nymer betriegen kan. Soll das nicht seyne [15] letzte verstoerung seyn, so mues er und wird eyn ander schlupffloch suchen, das er [16] uns wider ynn new verstelter gestalt eynes andern gueten Engels zu kumen mug. [17] Mues noch wol als viel synn und witz brauchen, als er ymmer gethan hat, ja er [18] wirds nicht underwegen lassen, des můg wyr uns eygentlich versehen gegen yhm. [19] Diser grosse schalck thar noch wol eyns thuen und sich ynn seynen gelidern aller [20] ding stellen, als wolt er mit uns das Euangelion annehmen und alle sach zum [21] besten keren. Er gehet schon damit umb und wollt gern eyn Concilium anrichten, [22] ja nach seynem synn, das es fur den menschen das aller best ansehen hett, were [23] dennocht eytel gespenst und gleysnerey, tod und verdamnis, gibts doch also guet fur, [24] das, wer seyne tůck nicht wesst, gedencken muest, es were seyn rechter ernst.

 

[25] Fur war wenn es Christlich were, so kund man nicht bas thun, denn das [26] man solch sewzapffen ymmer reytzet und ursachet viel zu schreyben, lies es darnach [27] nur ausgehen, sie wurden sich selber gnug damit zu schanden machen. Das ist yhr [28] rechter lohn, den sie an dem wort gottis verdienen, das sie bisher nach yhrem synn [29] gemeystert haben. Der geyst Christi will aber mit yhm nicht schertzen lassen, er [30] sturtzet sie, ehe sie es innen werden. Und O wolt Gott (were es anderst noch [31] ungeschehen), das sie nicht auch dahyn ynn gantz und gar verkerten synn geben [32] wurden, yhres gottlosen wesens nicht ab zu stehen, so lang, bis sie sampt yhrem [33] heubt, dem Roemischen Endchrist, von dem almechtigen geyst des zukunfftigen richters [34] erwurget werden. Wie wol sich dise gallen und wermut tragende wurtzel segnet [35] dafur und spricht: es wird so boese nicht. Eben das sollen wir uns zu eynem [36] furbild nemen, das wort Gottis ynn groessern wirden und ehren zu halten, damit [37] uns nicht wie yhnen etwa widerfare. Wyr sind noch nicht hynuber, wyr mussen [38] bas hynan, nicht alleyn hoeren und annehmen das wort, sonder auch darynn beharren [39] und fur allen dingen Got alweg drumb danckbar seyn.

 

[40] Die weyl aber gar niemand ist zu ergern, so mus mans nach unserm gepet [41] fur sie Gott mit yhn walten lassen und, so viel an uns ist, yhn zu nichten, denn

 

[Seite 129]

 

[ 1 zu dem gůten B 2 ergeren B        besseren B 5 zorn BCD 10 ist fehlt CD 11 unser B 15 yrgend] yergett B        vorhanden CD 16 fürgewendt CD 17 nun B 18 geirrt B 20 wist CD 21 mich fehlt CD        verdampten B 24 darinnen B 25 handeln B 27 Eyn schone sach das ist, A 28 setzen D        darueber BCD 31 gescheuht B gescheühet CD 34 ist die B 36 handeln B 37 nun BCD]

 

[1] zum guten ursach geben, als lang uns keyn nott dringt anderst mit yhn zu faren, [2] wie wir denn hie yhn zu antworten gedrungen werden, sie ergern sich odder bessern [3] sich daran. Uns soll fast gnug seyn, das unser gewissen on die ehr Gottis und [4] der naehsten nutz und nottdurfft hierynn keyn anders ansihet. Auch der heylig geyst [5] ynn uns seynen zoren hatt, da durch er dise wellt umb die sunde und besonder [6] den grossen zorn dieser Bestien straffen muß. Lieber, Weil man sie gnad junckher [7] heyst, wird es nymer besser. Man mus diese woelff aller wellt nach aller yhrer [8] tůckischen art abmalen und vleyssig furtragen, es wird dennocht kaum helffen, als [9] gewaltig yhr betrueg ist, sie werden uns ettlich durch yhre gleyssnerey abreyssen und [10] sampt yhn ynn die verderbnis furen. Darumb ist es zu thuen, und nicht das wyr [11] sonst unsern lust zu lestern also bussen wolten. Und ynn dem folgen wir nicht [12] unserm eygen kopff, die weil uns die geschrifft beyde mit gepot und exempel [13] treybt darzu.

 

[14] Doch schlage ich nicht ab, das man am ersten die gůte mit yhn versuchen [15] soll. Wo ist aber das nicht geschehen, da yrgend eyn hoffnung fur handen war? [16] Ich weys yhe wol, das ich alle guet mit den Wiennern furgewendet hab, Jhn [17] manig mal freundlich zu geschrieben nů ynn das dritte jar vor und nach meyner [18] gefencknis, Hab mich darzu erbotten: kunnen sie mir anzeygen, das ich geyrret hett, [19] so wolt ich gern widerruffen. Ich hab aber nie so viel erlangen můgen, das sie [20] myr nur die nachfolgende Artickel hetten zu geschickt, das ich doch wesst, warumb [21] sie mich banneten und verdameten, bis ich sie neulich durch einen gueten freund [22] hab zu wegen bracht on yhr willen und wissen. Das ist wol war, sie haben myr [23] doch eyn mal geschrieben, aber daselbst begert, ich sollt yhn allererst meyn predig [24] zu schicken, so wolten sie sehen, was yrrigs odder unrechts darynn were, und als [25] denn weyter handlen mit myr. Und sie hetten vor langst dise nachfolgende Artickel [26] aus der selbigen predig, wie sie furgeben, gemacht und verdampt, dazu mich ynn [27] yhren bann gethon. Eyn schone sach, das ist gleich wie die thetten, hiengen eynen [28] an den galgen vor mittag und setzten sich erst nach mittag drůber und radschlagten, [29] ob sie yhm hetten recht odder unrecht gethon. Aus mit den buben, Nur ymmer [30] hyn zum Bapst mit yhnen. Sind sie denn nicht buben, was haben sie denn [31] so hart das liecht geschiehen mit yhren artickeln? Noch muessen sie herfur ans [32] liecht damit.

 

[33] Aber zwar man darff sie nicht uben zu schreyben, sie sind selber alzu gehe [34] darzu. Denn was ists die von Ingolstad nott angangen, das sie eyn solch spiel [35] mit Magister Arsacio haben angefangen? Was hatt die tollen Theologen zu Wienn [36] gedrungen, mit mir also schendlich zu handlen? Kunden sie nicht so viel hyrns [37] haben, das sie gedacht hetten: ‘die sach ist nů gnueg angriffen worden von andern [38] leuten denn wyr sind, die mehr senffs ynn der nasen haben. Were sie nicht aus

 

[Seite 130]

 

[ 1 gewaln D 2 al B        darueber BCD 4 Gotttis A        vor handen BCD 5 unsyunig A 6 kleinsten B 9 unwandelbar B 14 gehoert BD 15 schefle B schaefflein CD 16 nachgefolgt D        Nun B 18 erken B 20 do B 24 hett genommen CD 26 grewls B 27 ungeergert] on geergert CD 28 hohen B 29 maynstu D 31 ehre B allergeyligisten A allergeheyligsten B aller heyligisten CD 34 vor BCD 37 nun B]

 

[1] Got, wie moecht sie wider so viel gewalt bisher bestanden seyn? Voraus so wyr [2] sehen, das noch keyner hohen schůl da wider gelungen hat, sind alle drůber zu [3] schanden worden, also das sich yhr keyne mehr geregen thar: Sehen wyr nicht, das [4] der gewalt Gottis fur handen ist?’ Also hetten sie gedacht, weren sie nicht gar [5] unsynnig und voller teuffel gewesen. Aber trotz sey yhn noch gepotten, das sie [6] uns den kleynesten buchstaben oder eyn tittel ynn der geschrifft umbstossen, es můste [7] [Matth. 5, 18] ehe alles zu drůmern gehen, wie Christus selber sagt. Denn Got hat mit seynen [8] auserwelten eynen saltzbund gemacht, des wird er nymmer hynder sich gehen. Die [9] [5. Mos. 32, 4] werck dises felsen Deu. 32. sind und bleyben on wandelbar, wie er auch selber ist [10] und ewiglich bleyben wird.

 

[11] Was ist aber die ursach yhres gottlosen furwitzs gewesen, so Christliche [12] artickel zu verdammen? Eben das, Der teuffel muest seyne stinckende boeck alle zu [13] samen brengen, die ynn seynen Bockstal gehoerten. Weren sie aus Christo gewesen, [14] so lang nů seyn stym ist gehoeret worden, so hetten sie die selbigen als seyne [15] schefflen on zweyffel erkennet und angenomen, Hetten yhm auch als dem rechten [16] hyrten nachgefolget. Nů aber muessen sie zu faren, richten und verdammen eben [17] das der geyst Christi ynn der geschrifft selber redt.

 

[18] Damit man sie aber recht und wol erkenne, wer sie sind, so sihe die zarte [19] frůcht, was sie nur fur artickel verdammet haben, Wienn und Jngolstad, mueter [20] und dochter, eyn hure wie die ander, die da alle ehebrecherey des unglaubens anrichten [21] und treyben, Ja da zu alle reyne breůt Christi nach yhrem willen noettigen [22] und zwingen woellen (wie denn die art ist yhres gantzen geschlechts aller hohen [23] schulen zu unsern zeytten, da noch keyne ist, die das wort Gottis lauter und reyn [24] het angenomen, on die yhn allen mues eyn ketzer grube geheyssen seyn), Und eyn [25] besonder grosse gnad ist, wo uns ettliche erredt und erhalten werden (als denn zu [26] hoffen ist), die bey solchen hohen schulen unter so viel grewels als Daniel ynn [27] der gottlosen babylon ungeergert leben můgen: wie ich denn ihr viel weys und [28] kenn redlicher Christlicher gelerter menner zu Wienn, deren die hohe schul daselbst [29] nicht werd ist. Und wie viel hundert meynestu sind eynwoner zu Wienn, die das [30] wort Gottis nur heymlich stelen muessen? Ach Got, las dichs erbarmen, gib, das [31] es eyn mal besser werd, Sihe die ehr deynes allerheyligisten namens an, Erhoere [32] uns, die wir teglich bitten ‘geheyliget werde deyn name’.

 

[33] Aber es will und wird besser werden, denn Gott von tag zu tag yhr schand [34] auch fur augen yhrer liebhaber macht offinbar. Es wirt der schendlichen Seck [35] hyntennach niemand achten, ja man wird sie noch an speyen und verfluchen, hatt [36] es anderst nicht schon eynen guten teyl angefangen, da wider sie nichts helffen soll. [37] Der den ratt uber sie beschlossen hatt und nu angefangen mit yhn, der wirds [38] hynaus furen. Ruffen sie ja hell und hymel an, den teuffel und alle wellt, so [39] wirdts umb sonst seyn. Der ist stercker, des wort wyr haben, darauff wyr billich [40] trotzen moegen. Und eyn gut zeychen ist an uns, das wyr auff das wort Gottis

 

[Seite 131]

 

[ 3 herrn B 4 wyßt CD        sie] sich B 5 Johannes 18. CD 6 darob BCD 13 verzeichnet B 14 Jar S 15 sant BCD 17 1.] Der Erst Artickel CD 21 ynn] im B 23 gelobter B        nun B 25 jch so ein grosse B        dieweyl B 31 gespeyen] speyen B gespeyen darůber] darob gespeyen D        dir] die CD ]

 

[1] trotzen, da zu man die Papisten mit nichten brengen mag. Sie fliehen die geschrifft [2] wie der teuffel das Creutz Und sehen doch, das sie sich mit yhrer menschen lere [3] nicht schutzen mugen, můssen alleyn fursten und herren an ruffen, als ob der heylig [4] geyst eyn narr wer worden, wesst nicht, wie er sie beschutzen sollt, wenn sie gerecht [5] [Joh. 18, 36] weren. Wie sagt aber Christus Joh. xviij.? ‘Meyn reych ist nicht von diser wellt, [6] sonst wurden meyne diener wol drob kempffen’. Hoerstu, aus disem wort ist offinbar, [7] wilche mit dem schwert daran woellen, das sie nicht diener Christi sind, sonder [8] sie mussen diener des widerchrists seyn, der hatt nichts, denn was er mit seynem [9] betrůg und gewallt und mit dem schwert seyner fischschuppen1 erhellt. Aber es ist [10] eyn groesser mit uns denn mit yhm: Mit yhm ist eyn fleyschlicher arm, Mit uns [11] ist Gott, der uns helffen und unsern streyt furen wil, Amen.

 

 

[12] Wienn.

[13] Hie werden verzeychet die irrigen artickel voller ergernis und die da stincken [14] nach ketzerey, so neulich am Sontag, dem xij. tag des jenners, auff dis xxij. jare [15] ynn S. Steffans kirchen zu Wienn von eynem doctor, Paulus Speratus genant, [16] auff dem predigstul sind geprediget worden.

 

[17] 1. Zum ersten hat gesagt der selbig Doctor Paulus von den [18] castraten, auff deutsch die verschnitten.2

 

 

[19] Speratus.

[20] Harr harr, ich mues auff Osterreychisch mit euch reden, yhr lieben Keßsuppen [21] zu Wienn. Die schoetzen odder verschnitten hemel3 heyst man Castraunen ynn [22] Osterreych, dabey verstehe du die geystlichen, die sich der verschneydung, das ist [23] gelůbter keuscheyt, berhůmen. So bekenne ich nů meynen irthumb, das ich das [24] Castraunin fleysch, das ist Můnch und Pfaffen zu Wienn, die verschnitten geheyssen [25] hab. Ey wo habe ich nůr hyn gedacht, da ich eyn so grosse lugen thet, die weyl [26] so gar am tag leyt, das unter hunderten kaum eyner verschnitten ist? Lasst uns [27] hie sehen, was die Wiennischen Theologen fur eynen titel mit disem artickel verdienen. [28] Sie verdienen fast wol, das man sie die ungelerten Eselskoepff nennen soll, [29] die nicht wissen was Castratus heyst. Es stercket auch den titel yhre lateyn, die [30] sie durch alle artickel brauchen. Jch het sie auch lateynisch drucken lassen, da forcht [31] ich, es wurden sich alle menschen gespeyen darůber. Wie hab ich dir Castratos 

 

[Seite 132]

 

[ 1 Enuchos D Eunuchus] Eunuchos BD 3 verstendigem B 5 vor BCD 6 Omnis] Oīs C Ois D 7 offnen B 10 Beschneyden] verschneiden B 11 ist es auch B 12 nůn B 15 Zweyfeln B 18 geschicht BCD 21 seltzamme B        selbs B 24 genent B 25 Euangelio B 26 2] Der Ander Artickel CD 26/27 verrerern S 27 samen] saumen CD 30 gemeint B 31 offentlich BCD        liegen dürfften CD 34 Teuffelisch D]

 

[1] odder Eunuchos deutschen sollen? Ich weys wol, was Eunuchus auff kriechisch [2] heyst, es reymet sich aber daher nicht, sonder es bedeut uns hie nichts anderst [3] denn Castratus. Nů aber so heyst Castratus nach guetem verstendigen und eigentlichen [4] deutschen eyn verschnitter, mag auch und soll fur keyn schampar wort gescholten [5] werden on alleyn bey den unverschnitten Theologen zu Wienn, die fur der [6] wellt yhre wort hoflich beschneyden, wo man aber ym warmen stůblin Omnis [7] utriusque sexus ist, da gehet es, als der im ergisten offen haus were, Da ist Got [8] weder ynn den lippen noch ynn den nyeren der heyligen veter.

 

[9] Denn so das wort ‘verschneyden’ schampar ist, so mues desgleychen das wort [10] ‘Beschneyden’ auch unreyn seyn, es zeyget yhe gleich an das gelid, dahyn dich das [11] verschneyden weyset. So ists auch nicht sund, so eyner verschnitten ist voraus von [12] mueter leyb und von wegen des hymelreychs. Wie kumpts nů, das disen zarten [13] [Tit. 1, 15] geystern das wort ‘verschneyden’ unreyn ist? Hoere, Paulus sagt: ‘Den reynen ist es [14] alles reyn, den unreynen aber und ungleubigen ist nichts reyn’. Sihe nů, sie [15] wissen den namen nicht zu verdeutschen, unter dem sie alle wellt betriegen. Zweyffel [16] nicht daran, sie sind gleych als verschniten, als war sie wissen, was Castratus auff [17] deutsch wird ausgelegt. Das sie geloben, sie woellen verschnitten seyn odder keuscheyt [18] halten, geschihet nicht von wegen des hymelreychs, sonder der geytz machts und das [19] frey voll und faul leben, das sie dadurch erlangen woellen. Und der teuffel hats [20] am ersten zu schmach dem ehlichen stand also angericht. Denn wo dise hohe und [21] seltzam gab ist, das sich eyner selb verschneyt nicht mit waffen, sonder geystlich, [22] das er willige keuscheyt hellt von wegen des hymelreychs, da mus auch das hymelreych [23] recht haben. Nů aber verfolgen die das hymelreich, das ist das Euangelion, [24] [Matth. 19, 12] wilchs Matt. am xix. das hymelreych genennet wird, Und furen falsch lere dawider. [25] Wer auch wider sie streytt mit dem Euangelion, mues der ergist ketzer seyn.

 

[26] 2. Er hat gesagt von den kloster leuten auff deutsch: Sie verreren [27] die natur odder samen ynn das kleyd odder bettgewand.1

 

 

[28] Speratus.

[29] Ich merck wol, das yhr gleych bald den andern titel auch verdienen wollt, [30] das man wesst, wie yhr dazu lůgnerisch seyt. Wer hette gemeynet, das sie so [31] offenlich liegen thursten. Jch weys, das ichs nicht also geredt hab, Sonder ynn [32] meynem sermon2 bey dem achten artickel hab ich also gesagt: Es ist tausent mal [33] besser, frischlich und unverzagt ausgesprungen und mehr Got furchten denn der [34] menschen gepot Und als denn Goettlich zu der ehe greyffen, denn teufflisch sundigen [35] ym kloster (Es sey schon naturlich par und par, man mit weyb, wil geschweygen

 

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[ 1 Cloester CD 2 geluebd BCD 4 Eweren BCD 6 nun B        Merhen B 7 yetzt B 9 buecheren D        Maystat D 12 nichs B 15 Sant CD 16 gewirckt B 17 vnuerschnittner CD 18 wust CD 21 an dem 38. CD 21/22 verderbts B 28 machets CD 32 erfordert BCD 37 fünde hauß D]

 

[1] das man ynn den kloestern anfacht, ich weys nicht was, davon nicht zu reden ist), [2] damit yhr gelub der keuscheyt viel schendlicher und schwerlicher zerbrochen wird. [3] Das sind gewesen meyne wort, und ich weys, das sie noch klingen zu Wienn ynn [4] vieler hertzen deren, die mich gehoert haben. Ewren oren ist aber wie der spynnen, [5] was sie ynn sich fassen, das wird zu gifft, obs schon lauter honig safft ist. Habt [6] yhr nu verrheterisch gen Ungern und gen Maerhern brieff und botschafft schicken [7] můgen, so lang bis ich doch zu letzt auff die fleyschbanck geben ward, so schickt ietz [8] auch gen Ofen, da werd yhr meyner predig eyn abschrifft finden, die myr sampt [9] andern buchern, als bald ich gefangen ward, durch Koeniglicher Maiestat bevelh [10] genomen sind, da werdet yhr meyne wort auch also finden. Reverendissimus [11] Vaciensis der Schäpko, dazu pan Lazko wissen wol, wo die predig ist.

 

[12] Ob ich nů schon also geredt hett, wie yhr liegt, so hett ich nichts gesagt, [13] denn was die lauter warheit ist und not zu sagen. Man wil ynn den dingen [14] unter weyl gar zu hoeflich und subtil seyn, und niemand gedencken, was schaden [15] [Röm. 1, 26 f.] daher kompt. Redt nicht S. Paul gnůg von sachen zun Roemern am 1. c. ‘Man [16] mit man, Weyb mit weyb haben schand gewircket’. Er ist wol als keusch gewesen [17] als yrgent eyn unverschnitter kloster hengst. Jhr habt ettliche sunde die stumeden [18] sund genennet1, ich weys keyne sund davon die geschrifft stůmbt, Und wer wesst, [19] was sund were, wenn es die geschrifft nicht anzeyget. Und ja nichts sund ist, [20] denn was die geschrifft sund macht, und dasselbig sagt sie alles důrr und drucken [21] [1. Mose 38, 9] heraus, als Gene. am 38. von dem Ona, wie ers auff die erd lies fallen und verderbets, [22] [1. Mose 49, 4] wenn er bey seynes bruders weib lag, Jtem Gen. am 49., Wie Ruben [23] [3. Mose 15, 16 ff.] auff seynes vaters lager gestigen ist und ihm seyn bette besudelt hat, Levitici 15.: [24] [3. Mose 18, 6 ff.; 19, 20; 20, 11 ff.; 2. Mose 22, 16 ff.] Wenn eynem mann ym schlaff seyn samen entgehet &c.. Der gleychen find man [25] sonst viel, als Levitici am 18. 19. 20., Exodi 22. Wilche spruch alle bey den [26] unkeuschen keuschen zu Wienn muessen ergerlich seyn, wiewol der prophet sagt ‘Eloquia [27] [Ps. 12, 7] domini munda’, psal. xi., ‘die rede des herren sind reyn als das silber’ &c.. [28] was machts? Ey, das sie augen, oren und hertzen voller unreynigkeyt haben: [29] was sie sehen, hoeren und gedencken, ist aller schand und laster voll.

 

[30] Wyr sollten uns und unsere kinder dahyn gewenen, das wir mit gesundem [31] gemuet kunden reden hoeren und gedencken von allerley brechlickeyt unser armen natur, [32] voraus wo es die nott erfoddert davon zu handeln. Es muest auch nur eyn schalck [33] seyn, der on not davon leychtfertiglich schwatzen wollt. So lernen wyr nichts denn [34] gleyssen und beschoenen, und ymmer wie sich der teuffel ynn die gestalt eynes gueten [35] Engels verstellen soll. Ach, wenn der unflat aus dem hertzen were, er wurd sich [36] darnach wol aus den augen und oren machen und aus allen gelidern. Das hertz [37] [Matth. 15, 18] ist das rechte sund haus, da heraus gehet es alles, was den menschen unreyn macht.

 

 

 

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[ 1 3.] Der dritt Artickel CD 4 die leuet B        sagen] thon B        das nach sagen fehlt CD 8 dürren CD 9 vor zeyten BCD 11 keynem B 12 des antichrists B 14 vnehlich B 15 anderen D        gern B        kloster geluebts B Closterglübts CD 16 vor zeyten BCD 18 yetlichen B yegklichē CD 19 doch fehlt CD 20 vor handen BCD        solche CD        vber zwayntzgen CD 21 nichte D 22 ders nicht B        billich BD 24 darinnen CD 25 vor denen BCD        keym B 30 ehlichen B]

 

 

[1] 3. Er hat gesagt: ich lobe die kloester, da die klosterleut, wenn sie [2] woellen, mugen zu der ehe greyffen.

 

 

[3] Speratus.

[4] Sihe, wie gar kunnen dise leut nichts guets sagen. Alles das sie sagen, das [5] mues entweder schutzerisch und bachantisch seyn1 odder sonst erlogen. Und wenn sie [6] schon Gott eyner warheyt beratt, so můssen sie sich lesterlich vergreyffen an der [7] selbigen. Jch bekenn, das ich also gesagt hab. Das muessen myr aber gottlose [8] buben seyn (da hastu den dritten tittel), die das verdammen thueren, das Gott [9] selber lobt und haben will und fuerzeytten aller wellt gefallen hatt, Nemlich Gott [10] auch ynn kloestern mit freyem willen dienen. Denn die Christen heyssen die freywilligen, [11] an keynen stand, geberd, zeytt odder statt gebunden, sonder es ist yhn [12] alles frey. Und dise hencker und stockmeyster des Endechrists wollen nicht alleyn [13] (widder die Christliche freyheyt und widder den willen der gefangen gewissen) yhres [14] ordens genossen zwingen und noettigen unehelich zu bleyben, sonder wollten auch [15] andern geren aufflegen yhr teufflisch joch des ewigen klostergluebs, die noch von [16] allter her eyn furbild anzeygen, wie fůr zeytten alle kloester gewesen sind, Nemlich [17] dar ynn man also ynn Christlicher freyheyt keusch gelebt hatt, wie lang es eynem [18] yglichem gefallen hatt und mueglich war. Seyt yhr teuffelhafftig worden, so last [19] euch doch beschweren, das euch alleyn nicht gefellt was Gott und aller welt wol [20] gefiel, und das noch fur handen ist. Ich wollt euch solcher kloester uber xx. nennen, [21] die ich weys, ob schon yhr ungewanderten Pascaler2 nichts darumb wisst, und [22] hab noch nie eynen gehoert, der es nicht gelobt het und billicht, das alle kloster [23] also weren.

 

[24] Wie sollt ich gesagt haben? Also: Ich lob die kloester, darynn man die [25] statt farren und bscheler vom reychen almůsen aushelt, fur denen keynem frummen [26] man seyn weyb oder tochter sicher ist? Sol ich gesagt haben: ich lobe die frawen [27] kloester, die nicht viel besser, ja manich mal erger denn die offen heuser sind? da [28] da, das hett euch gefallen. Summa, Also sollt ich euch gesagt haben: Jch lobe [29] das wesen, das unter dem scheyn der geystlickeyt ynn aller wal fleyschliches furwitz [30] leben mag. Denn eyner ym ehelichen stand mues sich des seynen betragen, aber die

 

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[ 3 unkeuescheit B        pawer B 4 gelobt B 6 begyr] begierige B 7 flayschs B 8 do] da CD 9 geluebd (beidemal) B gelübt (beidemal) CD 10 treffenlichen B 11 bewert B        von vor iederman fehlt B 12 nun BCD 15 4.] Der Vierdt Artickel CD        geluebd BCD 16 geluebd BCD 18 verdāmet B 19 gelübt CD 21 leydlich B 22 geluebd BCD 23 geluebd BCD 26 gegeben B 31 nun B        vnsern B 33 geluebd BCD 34 geluebd BCD 36 geluebd BCD        tauffgeluebd BCD]

 

[1] fleyschlichen, (sol ich sagen) die geystlichen, mugen die wal haben. Fur war als [2] es ietzt stehet, so ist diser stand der geystlichen nichts anderst